Der Diamant und seine Brüder

Eines Tages, als wir Kinder uns vor dem Hause unseres alten Freundes

versammelt hatten, um zu ihm hinaufzugehen, entstand plötzlich ein Zank.

Da hatte sich auch der kleine Junge des Flickschusters eingefunden, der

auch einmal Märchen hören und Kuchen essen wollte. Aber seine

Holzpantoffeln und sein fadenscheiniges, geflicktes Röcklein paßten

nicht so recht zu dem Putz der anderen. Der Sohn des reichen Bergrats

wollte den kleinen armen Teufel nicht mit hinauf lassen.

«Man kann nicht wie ein Haderlump zum Doktor Ulebuhle!» rief er ein über

das andere Mal. Andere aber meinten, er solle ruhig mitkommen, und der

Kleine stand unglücklich und zögernd dabei.

Der alte Ulebuhle aber hatte oben leise ein Fenster geöffnet und den

Zank mit angehört, und plötzlich fauchte er los, so böse, wie wir ihn

selten gehört hatten.

«Ihr vermaledeiten Nichtsnutze,» krächzte er wütend, «fangt ihr auch

schon an, wie die Großen, den Menschen nach dem Preise seines Rockes zu

achten!? Samt und sonders soll euch der Teufel holen, wenn ihr das noch

einmal tut. Zu mir wenigstens kommt ihr nicht mehr ins Haus, wenn ich

wieder etwas davon erfahre. Jetzt aber kommt herauf, alle wie ihr da

seid, und des Schusters Hannes zuerst! Ich will euch ein Stücklein

aufgeigen, aus dem ihr ersehen könnt, daß der Mann im Arbeitskittel mehr

wert ist als der Stutzer und Nichtstuer im samtnen Wams. Und dann könnt

ihr nach Hause gehen und den Eurigen sagen, der alte Ulebuhle habe euch

das gelehrt, dieweil sie es offenbar versäumt hätten!»

Und dann kam die alte Christine, brachte Kuchen und Tee, und der kleine

Hannes saß dicht beim warmen Ofen und war seelenvergnügt, daß sich der

gefürchtete Alte seiner so angenommen. Der aber stopfte zunächst seine

lange Pfeife, brummte noch allerlei Unwirsches und begann schließlich

also:

«Auf dem Schreibtische eines sehr reichen Mannes, dem viele Bergwerke

und Schiffe und Fabriken gehörten, lag ein wundervoller _Diamantring_.

Der Stein, so groß wie eine Bohne, funkelte in tausend Farben, und es

war, als ob Feuer aus ihm hervorbräche. Er hatte viele Tausende

gekostet, und sein Kleid war von Gold.

Neben ihm lag ein einfacher _Bleistift_ in einem braunen Röcklein aus

Tannenholz und ruhte von der Arbeit, denn sein Herr hatte den ganzen

Vormittag Pläne und Zahlen mit ihm auf das Papier geworfen. Es war sehr

still in dem Zimmer, nur die hohe Pendeluhr sagte in vornehmer Ruhe ganz

langsam und gleichmäßig »Tick ... tack ... Tick ... tack!«

Plötzlich hörte der Bleistift, der ein wenig eingenickt war, neben sich

eine feine Stimme. Es war der Diamant.

»Es ist höchst langweilig hier,« sagte er, »unsereiner, der an glänzende

Gesellschaften und rauschende Feste gewöhnt ist, wo man so allerlei

amüsante Histörchen hört, ist hier nicht in seinem Element.«

Der einfache Mann im hölzernen Röckchen schwieg. Er war noch müde und

hätte lieber weiter geschlafen, als sich zu unterhalten.

Der Diamant ärgerte sich. Ein unhöflicher Kerl, dachte er. Ich glaube,

er weiß gar nicht, mit wem er es zu tun hat. Und dann strahlte er um so

heller und sagte geziert:

»Gestatten Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle. Mein Name ist Baron

Diamant. Ich stamme aus Südafrika. Meine Frau ist eine geborene Gräfin

Perle. Uralter Adel. Sie ist nahe verwandt mit dem Herrscher des

Weltmeeres Neptun.«

»Ich heiße Bleistift,« sagte der andere, »ich bin hier nur einfacher

Angestellter im Hause, mache meine Arbeit und kümmere mich sonst nicht

viel um die Leute.«

»Das muß doch furchtbar langweilig sein, so nur immer arbeiten für

andere Leute. Mein Fall wäre das nicht!«

»Langweilig ist das gar nicht!« entgegnete der Bleistift. »Meine

Tätigkeit ist sehr interessant, denn alle neuen Pläne, die mein Herr

hat, erfahre ich zuerst, und das sind Sachen, die nachher in der ganzen

Welt besprochen werden. Die Geldleute und die Zeitungsmänner warten

schon darauf, was wir wieder Neues vorhaben, und hundert Ingenieure und

Tausende von Arbeitern werden zu tun bekommen, wenn das erst alles

bekannt wird, was ich heute morgen geschrieben habe. -- Sehen Sie, da

drüben liegt mein ärgster Feind, der Herr Federhalter. Der wütet sich,

daß er diese Arbeiten nicht machen durfte, denn bei _uns_ ist eben die

Arbeit die Hauptsache, und bei _Ihnen_ das Vergnügen.«

»Jeder nach seinem Stande,« meinte hochnäsig der Baron von Diamant. »Ich

habe auch einen Feind und Neider, das ist der Herr von Rubin. Manchmal

steckt ihn mein Herr auch an den Finger, aber er ist lange nicht so

elegant wie ich, und in die ganz vornehmen Kreise wird er nicht

eingeführt, denn er funkelt nur wie ein Blutstropfen, ich aber brilliere

in allen Farben des Regenbogenlichtes, und jeder sieht auf den ersten

Blick meine hohe Herkunft und meinen enormen Wert!«

»Ja, ja, das haben Sie schon einmal gesagt,« meinte der Bleistift, »aber

eigentlich sind Sie doch zu nichts nütze, und unser Herr hätte Sie nicht

kaufen können, wenn wir hier alle nicht tüchtig gearbeitet und viel Geld

verdient hätten.«

»Gott ja, es muß auch Arbeiter geben, und wir können nicht alle vornehme

Herren sein,« entgegnete der Diamant, »aber Arbeit ist nun mal nicht für

mich. Das ist eintönig. Sie machen hier nur immer dasselbe und erleben

nichts. Ich aber bin in der großen Welt gewesen und habe das Leben

kennengelernt und weiß, wie es zugeht!«

»Erzählen Sie mal, wie es da draußen ist,« sagte der Bleistift, »so

etwas höre ich ganz gern, denn ich bin vor lauter Arbeit nicht dazu

gekommen, die Welt zu sehen!«

»Es ist eine lange Geschichte,« sagte der Baron von Diamant, »aber wenn

es Sie interessiert, dann will ich Ihnen davon berichten. Man muß auch

mal etwas für die Armen tun, wenn man ein vornehmer Herr ist. Also

passen Sie auf! -- Ich und viele meiner Brüder wurden da drunten in

Südafrika geboren. Wir lagen tief unten im Gestein verborgen, im dunklen

Schoß der Erde. Sehen Sie, was die Menschen jeden Tag finden können, das

schätzen sie nicht, aber wenn man sich rar macht, dann wird man eben als

vornehmer Mann behandelt.

Eines Tages kamen lauter schwarze Arbeiter, die hackten und schaufelten

und gruben unablässig, denn sie suchten uns. Es waren arme Neger, und

sie wurden für das Suchen bezahlt, aber behalten durften sie uns nicht,

und damit sie uns nicht heimlich in ihren Taschen verschwinden ließen,

mußten sie nackend arbeiten. Auch in Indien und in Brasilien suchen die

Menschen nach Diamanten, aber nirgends haben sie so große und prächtige

gefunden wie da unten in meiner Heimat Südafrika. Manche meiner Brüder

sind noch viel vornehmer als ich. Den größten, der überhaupt aus der

Erde herausgeholt wurde, besitzt der König von England. Er heißt

»_Cullinan_«-_Diamant_, ist so groß wie eine Kinderfaust und wiegt mehr

als ein Pfund. Sechzehn Millionen kostet er, und ein ganzes Heer von

Polizisten hat ihn nach London gebracht, damit er unterwegs nicht

gestohlen werden konnte. Der arme Neger, der ihn fand, bekam tausend

Mark und ein gesatteltes Pferd für den schönen Fund. Auch der

»_Exzelsior_«-_Diamant_ ist aus dieser Gegend. Er ist halb so groß wie

der Cullinan und hat einen Wert von zwölf Millionen Mark, aber der

berühmte _Koh-i-nor_, was soviel heißt wie »Berg des Lichtes«, mein in

der ganzen Welt bekannter Verwandter, der ebenfalls dem König von

England gehört, stammt aus Indien. Er kostet wohl acht Millionen Mark,

aber die Engländer haben ihn den Indern, die sie besiegten, abgenommen

und nichts für bezahlt. Früher war er als Auge in das Bildnis eines

Götzen eingesetzt, der in einem berühmten indischen Tempel stand, und da

wurde er geraubt, und viele Morde und Untaten sind begangen worden, um

ihn in Besitz zu bekommen. Ja, so sind die Menschen in ihrer Habgier!«

»Meinetwegen begeht man keine Bluttaten,« sagte der Bleistift. »Ich bin

doch froh, daß ich nur ein einfacher Mann bin, der seine Arbeit tut und

in Frieden leben kann. -- Aber bitte, erzählen Sie weiter!«

»Ja, es geht schnurrig zu in der großen Welt! Passen Sie auf, wie es mir

nun erging. Also eines Tages hackte neben mir eine Picke in den Boden,

und dann kam eine Schaufel, und ich wurde mit allen möglichen

Gesteinbrocken auf eine Schiebkarre geworfen. In einer großen Halle

wurde dann das Gestein genau untersucht, und da ich zufällig in einem

Eckchen der Schiebkarre liegen geblieben war, ganz unansehnlich und mit

einer dicken Schmutzkruste bedeckt, so fand man mich nicht. Ganz

nebenher bemerkte mich dann der Neger, der die Karre wieder hinausschob.

Er verbarg mich in der Achselhöhle und wollte mich behalten. Aber ein

Kamerad von ihm hatte es doch gesehen. Er sagte es jenem, und die beiden

beschlossen, zusammen zu fliehen und mich später in Kapstadt, oder gar

in Europa, zu verkaufen.

Wirklich entflohen sie bei Nacht und Nebel durch den öden

südafrikanischen Busch und durch dichte Wälder. Aber die Habgier brachte

beide ins Verderben. Als der eine schlief, erstach ihn der andere, nahm

mich an sich und floh weiter. -- Die Polizei der Diamantengruben war

aber schon hinter den beiden her, denn jedermann konnte sich denken, daß

sie nur entwichen waren, weil sie einen Diamanten von großem Wert

gestohlen hatten. So mußte denn der Mörder und Dieb auf einsamen

Waldwegen weiterziehen, um nicht gefangen zu werden und am nächsten Baum

zu enden. Schließlich verlief er sich in der wilden Einöde. Er hatte

nichts mehr zu essen, brach zusammen und verhungerte elend. Erst nach

Wochen fand man seine von der Sonne verdörrte Leiche, und in seiner

schwarzen Hand hielt er noch immer mich, seinen Raub.«

»Da können Sie aber sehen, wie wenig man doch am Ende mit Ihrer

Vornehmheit anfangen kann,« so unterbrach hier der Bleistift den

Erzähler. »Ich glaube, der Verhungernde hätte Sie in seinen letzten

Stunden gern für ein Stückchen trockenen Brotes fortgegeben!«

»Das mag wohl sein, mein Lieber!« entgegnete etwas von oben herunter der

Diamant. »Etwas so Vornehmes, wie ich es bin, ist eben nichts für einen

schmutzigen Nigger. Er hätte seine Hände davon lassen sollen. -- Aber

hören Sie weiter! Ich kam nun zu meinen rechtmäßigen Besitzern zurück,

und dann nach Amsterdam, der Hauptstadt von Holland, wo die größten und

berühmtesten Diamantenhändler und Diamantenschleifer wohnen, und da erst

wurde ich richtig zum Licht erweckt, denn _jeder Diamant ist, wenn er

aus der Erde kommt, unansehnlich wie ein gewöhnlicher Stein_. Erst wenn

er _geschliffen_ wird, kann das Licht in ihn hineindringen und er kann

es dann tausendfach funkelnd zurückwerfen. -- Ich kam dann zu einem

Goldarbeiter, der mich mit einem goldenen Gürtel umgab, und dann lag ich

in Paris im Schaufenster des berühmtesten Juweliers im Strahl der

elektrischen Lampen auf einem Kissen von blauem Samt, und alle

Vorübergehenden blieben stehen und riefen aus: »Oh, was für ein

wundervoller Edelstein!« Die Damen aber blieben lange stehen und

schauten mich mit ihren dunklen Augen sehnsüchtig an, und dann gingen

sie schließlich seufzend weiter.

Eines Nachts geschah etwas Schreckliches. Über die einsame Straße kam

ein Mann daher, der blitzschnell mit einem Hammer die Scheibe einhieb

und mich ergriff. Dann eilte er durch viele Gassen und Straßen, immer

kreuz und quer mit mir dahin, aber es half ihm alles nichts, die Wächter

hatten das Klirren des Glases gehört und waren ihm nachgeeilt. In einer

dunklen Hausnische wurde er ertappt und verhaftet. Ich wurde zu einer

Berühmtheit, die ganze Sache kam in die Zeitungen und kam vor die

Richter, und der Dieb wurde viele Jahre eingesperrt. Ich aber war aus

seinen schmutzigen Händen befreit und lag wieder auf meinem Samtkissen,

und die Leute, die vorbeigingen, sagten: »Das ist der große Diamant, den

jener Dieb entwendet hatte.«

Dann aber kam ein vornehmer Mann zu dem Juwelier, und an seinem Arm ging

eine reizende junge Dame von großer Schönheit. Das war die berühmte

Tänzerin der Großen Oper in Paris, und jener bleiche ernste Mann liebte

sie mehr als sein Leben und seine Ehre. Sie hatte sich in mich verliebt

und ihren Freund immer und immer wieder gebeten, daß er mich erwerben

möchte, als Halsschmuck für sie. -- Der ernste Mann hatte lange

gezögert, aber dann gab er nach, und so kam ich in den Besitz jener

gefeierten Künstlerin. Welch ein Tag des Triumphes für mich, als ich zum

erstenmal abends an ihrem blütenweißen Halse an einem feinen

Goldkettchen hing und im Licht von tausend Lampen funkelnd mit ihr die

Bühne betrat! Welch eine wundervolle Musik, welch eine Farbenpracht

ringsumher! Tausende von Menschen schauten mit ihren Opernguckern zu mir

hin. Die Herren schmunzelten, und die Damen wurden grün vor Neid, am

meisten aber die alten und häßlichen, und sie sagten, es sei ein

Skandal. Aber das verstand ich nicht!

Aber dann kam etwas Trauriges. Während hier die Musik rauschend den

weiten Saal mit seinen goldschimmernden Säulen und rotsamtnen Logen

füllte und um mich herum die zierlichsten Damen in Gewändern, zart wie

Engelwölkchen, tanzten, saß der ernste bleiche Mann daheim an seinem

Schreibtisch und rechnete. Und dann schrieb er mehrere Briefe an das

große Bankhaus, dessen Direktor er war, und sagte darin, daß er Geld,

das ihm nicht gehörte, verwendet hätte und darum sterben müsse, und dann

zog er ein glänzendes Ding aus seiner Schublade hervor, es gab einen

Knall, und dann war er tot.« --

Dem Bleistift war es ordentlich unheimlich geworden neben dem

»vornehmen« Kerl da in seiner Nähe, und er wäre gern etwas seitwärts

gerückt, wenn ihm das möglich gewesen wäre. »Mein Gott,« sagte er, »Sie

haben aber doch nichts weiter als Unglück angerichtet mit Ihrer

Schönheit und Vornehmheit. Ich bin jedenfalls froh, daß ich nicht so

vornehm bin wie Sie!«

»Je nun,« entgegnete mit feinem Lächeln der Baron von Diamant, »was kann

ich für die Torheit der Menschen! Es gab einen Mordsskandal, die ganze

Geschichte kam wieder in die Zeitungen, und ich wurde noch berühmter als

vorher. Die schöne Tänzerin aber kam auch ins Unglück durch den Tod

ihres Freundes; sie mußte fort von dem herrlichen Theater, mußte mich

verkaufen, kam in Not und ging außer Landes, wo sie ganz verarmt

gestorben ist. -- Schließlich aber kam ich zu meinem jetzigen Herrn, der

mich in einen Ring fassen ließ, und da hat denn meine Geschichte ein

Ende. Aber Sie sehen, die Welt hat mich geliebt und bewundert, und ich

bin eine berühmte Person geworden und gehöre zu dem Vornehmsten, was es

gibt.«

Der Bleistift antwortete nicht, er wußte nicht recht, was er sagen

sollte, aber so recht ehrenhaft und _wirklich_ vornehm kam ihm der Baron

von Diamant, dessen Frau eine geborene Gräfin Perle war, nicht vor.

Plötzlich aber wurde er aus seinem Sinnen aufgeschreckt, und auch der

Herr von Diamant horchte erschrocken auf. Eine ziemlich grobe und harte

Stimme sagte plötzlich aus der einen Ecke des Zimmers heraus:

»Lieber Herr, blasen Sie sich nicht auf, sonst zerspringen Sie noch! Das

wäre zwar kein Unglück nach all dem Unheil, das Sie angerichtet haben,

aber unser guter Herr würde sich vielleicht drüber ärgern!«

In der Ecke des Zimmers stand ein schöner Kamin mit blanken

grünen Kacheln und vernickelten Türen, hinter denen man durch

Marienglasscheiben die Kohlen glühen sah. Neben dem Kamin aber stand ein

schönes Gefäß, in dem Steinkohlen lagen, und eine kleine Schaufel mit

vernickeltem Griff lag dabei. Da merkten der Diamant und der Bleistift,

daß es eine große, spiegelblanke Steinkohle war, die da gesprochen

hatte. Und die fuhr fort:

»Drei Menschen sind Ihretwegen ums Leben gekommen, zwei andere ins

Gefängnis und Unglück, und das alles wegen eines Nichtstuers und

Tagediebes, denn das sind Sie, und wenn Sie noch so schön funkeln!«

»Mein Lieber, aus Ihnen spricht der Neid, daß ich einer vornehmen

Familie entstamme und Sie ein Arbeiter sind, der Stuben heizen muß und

einen schmierigen Rock anhat, so daß ihn selbst der Diener nur mit der

Schaufel anfaßt!«

Die Steinkohle lachte im tiefsten Baß: »Hahaha! Sie eitler Wicht! _Ich

stamme aus derselben Familie wie Sie und wie mein Freund da, der

Bleistift, und wir drei sind leibliche Brüder._ Aber wir beide sind

ehrliche Arbeiter geworden und Sie ein Müßiggänger, der die Eitelkeit

der Menschen ausnützt!«

»_Brüder? Wieso Brüder?_« sagte unwillig der Diamant. »_Wie kann ein

Diamant der Bruder einer Kohle und eines Bleistiftes sein?_«

»Ja, das ist aber so,« meinte der Brummbaß der Steinkohle, »wenn's Ihnen

auch unangenehm ist. Wir alle drei stammen aus derselben Familie, unser

aller Vater ist der _Kohlenstoff_. Sie sind nichts weiter als

kristallisierter Kohlenstoff, und der Bleistift, der ja eigentlich

_Graphit_ heißt, ist ebenfalls Kohlenstoff, genau so wie ich, nur daß in

meinem Körper noch mancherlei andere Stoffe enthalten sind.«

»Das verstehe ich nicht,« sagte der Diamant.

»Das ist aber ganz einfach,« antwortete die Kohle. »Sehen Sie, da vor

Ihnen auf dem Tisch stehen Blumen im Wasser, und da an der

Fensterscheibe sitzt Eis, und da draußen fährt eben eine Lokomotive

vorbei, aus der weiße Wasserdampfwolken aufsteigen. Nun, das sind _auch

drei Brüder_ wie wir. Da im Glase ist _flüssiges Wasser_, am Fenster ist

zu _Eis kristallisiertes Wasser_, und die weiße Lokomotivwolke ist

_verdampftes Wasser_. Aber aus Wasser bestehen sie alle drei, und genau

so bestehen wir drei hier aus _Kohlenstoff_ und sind also Brüder!«

»So, so,« meinte der vornehme Mann schon recht kleinlaut, aber doch noch

immer von oben herab, »_dann müßte ich doch aber genau so im Feuer

verbrennen wie Sie, und dann müßte man doch aus Kohlen Diamanten

herstellen können!_«

»Ei freilich, Sie vornehmer Bruder, das kann man auch, und die Menschen

haben es auch schon getan! In einer sehr heißen Flamme verbrennen Sie

genau so wie ich, mein Lieber, und man hat auch schon aus Kohle _kleine

künstliche Diamanten hergestellt_, wenn das auch sehr schwierig ist,

denn die Menschen haben das Küchenkochbuch der Natur, die uns alle drei

gebraut hat, noch nicht gefunden. -- Ja sehn Sie, so ist es mit Ihrer

Vornehmheit. Wenn man genau hinsieht, ist sie eine windige Sache, und

auf alle Fälle sind Sie höchst unnütz. Nur einer aus Ihrer Sippe ist ein

braver und fleißiger Mann, das ist der Diamant, mit dem der _Glaser_

seine Scheiben zerschneidet, und der ist eine ganz biedere gemütliche

Seele. Er riecht zwar immer ein bißchen nach Fensterkitt, und Sie würden

ihn sicher nicht als Ihren Bruder anerkennen, aber mir ist er lieber als

Sie!«

»Nun,« entgegnete der schwerbeleidigte Baron von Diamant, »Sie mögen ja

über die Verwandtschaftsverhältnisse in meiner Familie besser

unterrichtet sein als ich, aber wenn wir selbst so ganz weitläufig

miteinander eine Stammesgenossenschaft bilden sollten, eins können Sie

doch nicht bestreiten, nämlich daß ich eben der Vornehmste unserer

Familie bin und bleibe!«

»Bester Herr,« meinte gutmütig brummend der schwarze Arbeiter da vom

Kamin her, »glauben Sie ja nicht, daß es ein Vergnügen ist, mit Ihnen

verwandt zu sein. Schöner sind Sie gewiß als ich und mein Bruder, der

Bleistift, aber Sie sind eine höchst anrüchige Person, die in üble Mord-

und Raubtaten verwickelt worden ist, und ich lege keinen Wert darauf,

mit Ihnen verwandt zu sein. Ob ich aber trotz meines schwarzen Rockes

nicht in Wahrheit doch vornehmer bin als Sie, das ist noch sehr die

Frage, denn ohne uns Steinkohlen ginge bei den Menschen alles zum

Teufel, und wenn wir auch nur einen Tag streiken würden, verlöre unser

Herr zehnmal mehr, als Sie samt Ihrer Frau, der geborenen Gräfin Perle,

wert sind. Wir treiben mit unserer Kraft die tausend Fabriken,

beleuchten und heizen die Riesenstädte der Menschen, wir ziehen die

unablässig ein- und ausfahrenden Eisenbahnzüge von Land zu Land, wir

sind es, die die Schiffe durch die Wasserwüste des Ozeans treiben.

Kaiser und Könige, Herren und Knechte, Millionäre und Bettler sind auf

unsere Kraft angewiesen, alles stände still, wenn _wir_ feiern würden.

-- Wenn man aber heute alle Diamanten der Welt ins Wasser werfen würde,

nun, dann wäre auch weiter nichts, und kein Rädchen in der Welt drehte

sich deshalb schneller oder langsamer. -- Aber still jetzt, ich höre

unsern Herrn kommen, und der liebt das Schwätzen nicht. Leben Sie wohl,

Sie eitler Fratz, und grüßen Sie Ihre Frau von mir, die geborene Gräfin

Perle!«

Die Steinkohle lachte im tiefen Baß >Hahaha<, der spitzige Bleistift

kicherte schadenfroh >Hihihi<, und der Baron von Diamant konnte vor Wut

kein Wort herausbringen. Dann war er mäuschenstill. Die Gebrüder

Kohlenstoff schwiegen.

Da ging plötzlich die Tür auf, und der Herr trat ins Zimmer. Er rief

seinen Diener. »Legen Sie noch Kohlen auf,« sagte er, »es ist kalt, und

ich habe noch lange zu arbeiten!« Und dann setzte er sich an den

Schreibtisch, nahm den Bleistift und fing an emsig zu schreiben.

Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle · 第 9 / 38 题