Ein Vorwort für die Großen

Der deutschen Kinderwelt steht eine Fülle von wundervollen

Märchendichtungen zur Verfügung. Sie alle sind so gemütvoll, anziehend

und phantasiereich, ja zum Teil (insbesondere für den Erwachsenen) so

reich an ernsten Gedankengängen, daß sie auch in unserer immer

materialistischer werdenden Zeit das Herz des Kindes wie des

Erwachsenen, der sich ein Plätzchen für das Stille und Beschauliche

bewahrt hat, mit Freude erfüllen werden.

Dennoch entgeht es wohl dem tiefer Blickenden nicht, daß die Jugend des

zwanzigsten Jahrhunderts, insbesondere die Großstadtjugend, und auch da

wieder vor allem die Buben, sobald der erste Schmelz der Kindlichkeit

dahin ist, kein rechtes Verhältnis mehr zu diesen Märchen gewinnt. Es

geht dem alten poesievollen Märchen so ähnlich wie dem so reizenden

Kasperletheater unserer _eigenen_ Jugendtage: Die oft recht wenig

poesievolle und noch weniger zum Kinderherzen sprechende flimmernde

Leinwand hat es zum alten Eisen geworfen.

Die Zeiten haben sich geändert! Man kann das bedauern, aber schwer

ungeschehen machen. Das Kind des zwanzigsten Jahrhunderts hat einen

starken _Wirklichkeitssinn_ und eine große Hinneigung zu _technischen_

Dingen, mit denen es ja auch tagtäglich -- zum mindesten in größeren

Orten -- in engste Berührung kommt. Kein Wunder, daß es mit einer

mechanischen Eisenbahn lieber spielt als mit dem hölzernen Harlekin, der

einmal _unsere_ Freude war, und kein Wunder auch, wenn es spannend

geschriebene Erzählungen, in denen moderne technische Wunder und

aufregende Abenteuer eine Rolle spielen, lieber liest als das Märchen

vom Wolf und vom Rotkäppchen, das sein Wirklichkeitssinn einfach als

»unsinnig« beiseite schiebt, während wir Großen erst wieder das

Symbolische darin zu würdigen wissen.

Aus solchen Erwägungen heraus sind die vorliegenden Geschichten

entstanden. Es sind gewissermaßen _naturwissenschaftliche_ Märchen.

Märchen nur der _Form_ nach; ihr Kern besteht aus leicht faßlichen

naturwissenschaftlichen und technischen Erkenntnissen und Erfahrungen,

und wenn die Kinder dieses Buch mit einigem Interesse (wie ich hoffen

darf) gelesen haben werden, so haben sie eine ganze Masse dabei gelernt

und sich doch gut unterhalten. Auch der Humor und eine kleine moralische

Nutzanwendung kommen da und dort zu ihrem Recht.

Als ich vor nunmehr zwanzig Jahren zum erstenmal den Versuch machte, in

der hier vorgetragenen Weise das »Märchen des zwanzigsten Jahrhunderts«

zu schaffen, fanden die wenigen Proben eine so allgemein günstige

Aufnahme, daß ich den oft mir geäußerten Wünschen, einen ganzen Band

solcher Erzählungen herauszugeben, glaubte nachkommen zu sollen. Wozu

mir schöne Friedensjahre nicht Zeit ließen, das entstand dann in langen

Kriegsjahren draußen »an französischen Kaminen«. Im Kriege ersonnen, in

Revolutionstagen niedergeschrieben, mögen diese Erzählungen, das ist

mein Wunsch, den deutschen Kindern, die nicht minder schwer als wir

Großen die Härte der Zeit gespürt, ein wenig Freude und ein wenig

Sonnenschein bringen.

Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle · 第 2 / 38 题