[Sidenote: Stilling und Rousseau]
[Sidenote: Meine Geständnisse]
[Sidenote: Liebesgeschichte]
[Sidenote: Käthchen]
Als ich dies Büchel zu schreiben anfing, dacht' ich Wunder, welch'
eine herrliche Geschicht' voll der seltsamsten Abenteuer es absetzen
würde. Ich Tor! Und doch -- bei besserm Nachdenken -- was soll ich
mich selbst tadeln? Wäre das nicht Narrheit auf Narrheit gehäuft? Mir
ist's, als wenn mir jemand die Hand zurückzöge. Das Selbsttadeln muß
also etwas Unnatürliches, das Entschuldigen und sich selbst alles zum
Besten deuten etwas ganz Natürliches sein. Ich will mich also herzlich
gern entschuldigen, daß ich anfangs so verliebt in meine Geschichte
war, wie es jeder Fürst und -- jeder Bettelmann in die seinige ist.
Oder, wer hörte nicht schon manches alte, eisgraue Bäurlein von seinen
Schicksalen, Jugendstreichen und so fort ganze Stunden lang mit
selbstzufriedenem Lächeln so geläufig und beredt daherschwatzen, wie
ein Procurator, und wenn er sonst der größte Stockfisch war. Freilich
kömmt's denn meist ein bißel langweilig für andre heraus. Aber was
jeder tut, muß auch jeder leiden. Freilich hätt' ich, wie gesagt, mein
Geschreibe ganz anders gewünscht; und kaum war ich damit zur Hälfte
fertig, sah' ich das kuderwelsche Ding schon schief an; alles schien
mir unschicklich, am unrechten Orte zu stehn, ohne daß ich mir denn
doch getraut hätte, zu bestimmen, wie es eigentlich sein sollte; sonst
hätt' ich's flugs auf diesen Fuß, z. B. nach dem Modell eines Heinrich
Stillings, umgegossen. »Aber, Himmel! welch ein Contrast! Stilling
und ich!« dacht' ich. »Nein, daran ist nicht zu gedenken. Ich dürfte
nicht in Stillings Schatten stehn.« Freilich hätt' ich mich oft gerne
so gut und fromm schildern mögen, wie dieser edle Mann es war. Aber
konnt' ich es, ohne zu lügen? Und das wollt' ich nicht, und hätte mir
auch wenig geholfen. Nein! Das kann ich vor Gott bezeugen, daß ich die
pur lautere Wahrheit schrieb; entweder Sachen, die ich selbst gesehen
und erfahren, oder von andern glaubwürdigen Menschen als Wahrheit
erzählen gehört. Freilich Geständnisse, wie Rousseau's seine, enthält
meine Geschichte auch nicht, und sollte auch keine solchen enthalten.
Um indessen doch einigermaßen ein solches Geständnis abzulegen, und
dem Leser einen Blick wenigstens auf die Oberfläche meines Herzens zu
öffnen, so will ich sagen: Daß ich ein Mensch bin, der alle seine Tage
mit heftigen Leidenschaften zu kämpfen hatte. In meinen Jugendjahren
erwachten nur allzufrüh gewisse Naturtriebe in mir; etliche Geißbuben
und ein paar alte Narren von Nachbarn sagten mir Dinge vor, die einen
unauslöschlichen Eindruck auf mein Gemüt machten, und es mit tausend
romantischen Bildern und Fantaseyen erfüllten, denen ich, trotz alles
Kämpfens und Widerstrebens, oft bis zum unsinnig werden nachhängen
mußte, und dabei wahre Höllenangst ausstund. Denn um die nämliche Zeit
hatte ich von meinem Vater, und aus ein paar seiner Lieblingsbücher
allerlei, nach meinen jetzigen Begriffen übertriebene Vorstellungen
von dem, was eigentlich fromm und reinen Herzens sei, eingesogen. Da
wurde mir nur das allerstrengste Gesetz eingepredigt; da schwebten
mir immer unübersteigliche Berge, und die schwersten Stellen aus
dem Neuen Testament von Händ' und Füß' abhauen, Augausreißen und so
ferner vor. Mein Herz war von jeher äußerst empfindlich; ich erstaunte
daher sehr oft, wenn ich weit bessere Menschen als ich, bei diesem
oder jenem Zufall, bei Erzählung irgendeines Unglücks, bei Anhörung
einer rührenden Predigt und dergleichen, wie ich wähnte, ganz frostig
bleiben sah. Man denke sich also meine damalige Lage in einem rohen
einsamen Schneegebürg': Ohne Gesellschaft, außer jenen schmutzigen
Buben und unflätigen Alten auf der einen -- auf der andern Seite
jenen schwärmerischen Unterricht, den mein junger feuerfangender
Busen so begierig aufnahm; dann mein von Natur tobendes Temperament
und eine Einbildungskraft, welche mir nicht nur den ganzen Tag über
keine Minute Ruhe ließ, sondern mich auch des Nachts verfolgte, und
mir oft Träume bildete, daß mir noch beim Erwachen der Schweiß über
alle Finger lief. Damals war es (wie man schon zum Teil aus meiner
obigen Geschichte wird ersehen haben) meine größte Lust, an einem
schönen Morgen oder stillen Abend, während dem Hüten meiner Geißen,
mich auf irgend einem hohen Berge in einen Dornbusch zu setzen --
dann jenes Büchelchen hervorzulangen, das ich viele Zeit überall und
immer bei mir trug, und daraus mich über meine Pflichten gegen Gott,
gegen meine Eltern, gegen alle Menschen und gegen mich selbst, so lang
zu erbauen, bis ich in eine Art wilder Empfindung geriet, und (ich
entsinne mich noch vollkommen) allemal mit einer Ermahnung an Kinder
endete, deren Anfang lautete: »Kommt Kinder! Wir wollen uns vor dem
Thron des himmlischen Vaters niederwerfen.« Dann richtete ich meine
Augen starr in die Höhe, und häufige Tränen flossen die Wangen herab.
-- Dann hing ich wieder für etwas Zeit Grillen von ganz andrer Natur,
und auch diesen bis zur Wut nach; baute mir ein, zwei, drei Dutzend
spanischer Schlösser auf, riß alle Abend die alten nieder, und schuf
ein paar neue. -- So dauerte es bis ungefähr in mein achtzehntes
Jahr, da mein Vater seinen Wohnort veränderte, und ich sozusagen in
eine ganz neue Welt trat, wo ich mehr Gesellschaft, Zeitvertreib, und
minder Anlaß zum Phantasieren hatte. Hier fingen dann auch, besonders
eine Art der Kinder meiner Einbildungskraft -- und zwar leider eben
die schönste von allen -- an, sich in Wirklichkeit umzuschaffen,
und kamen mir eben nahe an Leib. Aber zu meinem Glücke hielt mich
meine angeborene Schüchternheit, Schamhaftigkeit, oder wie man das
Ding nennen will, noch Jahre lang zurück, eh' ich nur ein einziges
dieser Geschöpfe mit einem Finger berührte. Da fing endlich jene
Liebesgeschichte mit Aennchen an, die ich oben, wie ich denke, nur mit
allzusüßer Rückerinnerung, beschrieben habe. Noch lebt diese Person,
so gesund und munter wie ich; und mir steigt eine kleine Freude ins
Herz, so oft ich sie sehe, obgleich ich mit Wahrheit bezeugen kann,
daß sie alle eigentlichen Reize für mich verloren hat. Hie und da
geriet ich auch an andre Mädchen; aber da stund mir keine an wie mein
Aennchen. Nur eines gewissen Käthchens und Mariechens erinnr' ich mich
noch mit Vergnügen, obschon unsere Bekanntschaft nur eine kleine Zeit
währte. Wenn ein Weibsbild, sonst noch so hübsch, dastund oder saß
wie ein Stück Fleisch, mir auf halbem Weg entgegen kam, oder mich gar
noch an Frechheit übertreffen wollte, so hatte sie's schon bei mir
verdorben; und wenn ich dann auch etwa in der Vertraulichkeit mit ihr
ein bißchen zu weit ging, war's gewiß das erste und letzte Mal. Nie
hab' ich mir auf meine Bildung und Gesicht viel zu gut getan, obschon
ich bei den artigen Närrchen sehr wohl gelitten war, und einige aus
ihnen gar die Schwachheit hatten, mir zu sagen, ich sei einer der
hübschesten Buben. Wenn gleich meine Kleidung nur aus drei Stücken
bestund, einer Lederkappe, einem schmutzigen Hemd, und ein Paar
Zwilchhosen, so schämte sich doch auch das niedlichst geputzte Mädchen
nicht, ganze Stunden mit mir zu schäkern. Insgeheim war ich denn
freilich stolz auf solche Eroberungen, ohne recht zu wissen warum?
Andremal nagte mir, wie gesagt, wirklich die Liebe ein Weilchen am
Herzen: Dann sucht' ich mich des lästigen Gastes durch Zerstreuungen
zu entledigen; jauchzte, pfiff, und trillerte einen Gassenhauer,
deren ich in kurzer Zeit viele von meinen Kameraden gelernt hatte;
oder brütete an abgelegenen Orten wieder etliche Fantaseyen aus, und
träumte von lauter Glück und guten Tagen, ohne daß ich mir einfallen
ließ, mich auch zu fragen: Wann und woher sie auch kommen sollten,
was ich mir auch sicher nicht hätte beantworten können. Denn die
Wahrheit zu gestehn, ich war ein Erzlappe und Stockfisch, und besaß
zumal keine Unze Klugheit oder gründliches Wissen, wenn ich schon
über alles ganz artlich zu reden wußte. Daß ich bei jedermann,
und bei jenen schönen Dingern insonderheit wohl gelitten war, kam
einzig daher, weil ich so ziemlich gut an jedem Ort augenblicklich
den für dasselbe schicklichsten Ton zu treffen wußte, und mir, wie
meine Nymphen behaupteten, alles zierlich nett anstund. -- Und nun
abermals ein neuer Akt meines Lebens. Als mich nämlich bald hernach
das Verhängnis in Kriegsdienste führte, und vorzüglich in den sechs
Monaten, da ich noch auf der Werbung herumstreifte, ja da geht's über
alle Beschreibung, wie ich mich nun fast gänzlich im Getümmel der Welt
verlor. Zwar unterließ ich auch während meiner wildesten Schwärmereien
nie, Gott täglich mein Morgen- und Abendopfer zu bringen, und meinen
Geschwisterten gute Lehren nach Haus zu schreiben. Aber damit war's
dann auch getan; und ob der Himmel daran große Freude hatte, muß ich
zweifeln. Doch, wer weiß! Selbst diese flüchtige Andacht unterhielt
vielleicht manche gute Gesinnung in mir, die sonst auch noch zu
Trümmern gegangen wäre, und behütete mich vor groben Ausschweifungen,
deren ich mir, Gott Lob! keiner einzigen bewußt bin. So z. B. wenn
ich schon mit hübschen Mädchens für mein Leben gern umgehen mochte,
hätt' ich's doch auf allen meinen Reisen und Kriegszügen nie über's
Herz gebracht, nur ein einziges zu übertölpeln, wenn ich auch dazu
noch so viel Reizung gehabt. Wahrlich, mein Gewissen war so zart über
diesen Punkt, daß ich mir vielmehr oft nachwärts ruchlose Vorwürfe
über meine eigne Feigheit gemacht und den und diesen guten Anlaß
wieder zurückgewünscht. Aber wenn sich denn wirklich die Gelegenheit
von neuem ereignete, und alles bis zum Genusse fix und fertig war,
so fuhr ein zitternder Schauer mir durch Mark und Beine, daß ich
zurückbebte, meinen Gegenstand mit guten Worten abfertigte oder leise
davon schlich. Auf dem ganzen Transport bis nach Berlin bin ich, bis
auf ein einziges Nestchen, vollends ganz rein davon gekommen. In
dieser großen Stadt hätt' ich an gemeinen Weibsleuten keinen Schuh'
gewischt. Hingegen will ich's nicht verbergen, daß meine zügellose
Einbildungskraft ein paarmal über glänzende Damen und Mamselles
brütete. Aber es stellten sich immer noch zu rechter Zeit genugsame
Hindernisse in den Weg; die Anfechtungen verschwanden, und besserer
Sinn und Denken erwachten wieder. Während meiner Campagne und auf der
Heimreise hab' ich abermals keinen weiblichen Finger berührt. Was
meine Desertion betrifft, so machte mir mein Gewissen darüber nie die
mindesten Vorwürfe. Gezwungener Eid ist Gott leid! dacht' ich; und die
Ceremonie, die ich da mitmachte, wähnt' ich wenigstens, könne kaum
ein Schwören heißen. -- Nach meiner Rückkehr ins Vaterland ergriff
ich wieder meine vorige Lebensart. Auch Buhlschaften spannen sich
bald von neuem an. Meine herzliebe Anne war freilich verplempert;
aber es fanden sich in kurzem andere Mädels, mehr als eines, denen
ich zu behagen schien. Mein Aeußeres hatte sich ziemlich verschönert.
Ich ging nicht mehr so läppisch daher, sondern hübsch gerade. Die
Uniform, die mein ganzes Vermögen war, und eine schöne Frisur, die
ich recht gut zu machen wußte, gaben meiner Bildung ein Ansehn,
daß dürftige Dirnen wenigstens die Augen aufsperrten. Bemittelte
Jungfern dann -- ja, o bewahre! -- die warfen freilich auf einen
armen ausgerissnen Soldat keinen Blick. Die Mütter würden ihnen
fein ausgemistet haben. Und doch wenn ich's nur ein wenig pfiffiger
und politischer angefangen, hätt' es mir mit einer ziemlich reichen
Rosina geglückt, wie ich nachwärts zu spät erfuhr. Inzwischen erhob
selbst dieser mißlungene Versuch meinen Mut und meine Einbildung
nicht um ein geringes -- und der geschossene Bock wäre mir nicht um
tausend Gulden feil gewesen. Ich sah darum von erwähnter Zeit an alle
meine bisherigen Liebschaften so ziemlich über die Achsel an, und
warf den Bengel höher auf. Aber meine sorglose lüderliche Lebensart
verderbte immer alles wieder. Mit Kindern meines Standes war mein
Umgang freilich, Gott verzeih' mir's! oft nur allzufrei; in Absicht
auf solche hingegen, die über mir standen, verließ mich meine Feigheit
nie; und das war mir am meisten hinderlich. Denn wer weiß nicht, wie
oft der dümmste Labetsch[56] bloß mit einem beherzten angriffigen
Wesen zuerst sein Glück macht. Aber mir so viele Mühe geben, kriechen,
bitten, seufzen und verzweifeln, konnt' ich eben nicht. -- Eines
Tages ging ich nach Herisau an eine Landsgemeinde. Meine gute Mutter
steckte mir all' ihr kleines Spargeldlin von etwa 6 Gulden bei. Einer
meiner Bekannten im Appenzeller Land trachtete mir zu Trogen, in einer
großen Gesellschaft, eine gewisse Ursel aufzusalzen, die mir aber
durchaus nicht behagen wollte. Ich suchte also, sie je eher je lieber
wieder los zu werden. Es glückte mir auf dem Rückweg nach Herisau, wo
sie sich, oder vielmehr ich mich, unter dem großen Haufen verlor. Es
war eine große Menge jungen Volkes. Bei einbrechender Abenddämmerung
näherte man sich einander, und formierte Paar und Paar, als ich mit
eins ein wunderschönes Mädel, sauber wie Milch und Blut, erblickte,
das mit zwei andern solchen Dingern davon schlenterte. Ich streckt'
ihm die Hand entgegen, es ergriff sie mit den beiden seinigen, und
wir marschierten bald Arm an Arm +in dulci jubilo+ unter Singen
und Schäkern unsre Straße. Als wir zu Herisau ankamen, wollt' ich sie
nach Haus begleiten. »Das bei Leib nicht!« sagte sie, »ich dürft's um
alles in der Welt nicht. Nach dem Nachtessen vielleicht, kann ich denn
eher noch ein Weilchen zum Schwanen kommen.« Mit einem solchen Ersatz
war ich natürlich sehr zufrieden. Damals wußt' ich noch nicht, wer
mein Schätzgen war, und erfuhr erst jetzt im Wirtshaus, daß sie ein
Töchterchen aus einem guten Kaufmannshaus, und ungefähr sechszehn Jahr
alt sei. Ungefähr nach einer Stunde kam das liebe Geschöpf -- Käthchen
hieß es -- mit einem artigen jungen Kind auf dem Arm, das sein
Schwesterchen war, denn anders hätt' es nicht entrinnen können, als
eben auch die verwünschte Ursel in die Stube trat, mich gleichfalls
aufsuchen wollte, bald aber Unrat merkte, mir bittere Vorwürfe machte,
und davon ging. Alsdann gab uns der Wirt ein eigen Zimmer; Käthchen
hinein, und ich nach, geschwind wie der Wind. Ich hatte ein artiges
Essen bestellt. Nun waren ich und das herrliche Mädchen allein,
allein. O was dieses einzige Wort in sich faßt! Tage hätt' es währen
sollen, und nicht zwei oder drei wie Augenblicke verflossene Stunden.
Und doch -- die Wände unsers Stübchens -- das Kind auf Käthchens Schoß
-- die Sternen am Himmel sollen Zeugen sein unsrer süßen, zärtlichen,
aber schuldlosen Vertraulichkeit. Ich blieb noch die halbe Woche dort.
Mein Engel kam alle Tage mit ihrem Schwesterchen vier bis fünfmal
zu mir. Endlich aber ging mir die Barschaft aus, ich mußte mich
losreißen. Käthchen gab mir, immer mit dem Kind auf dem Arm, trotz
aller Furcht vor seinen Eltern, das Geleit noch weit vor den Flecken
hinaus. Wie der Abschied war, läßt sich denken. Tränen vom Liebchen
trug ich auf meinen Wangen genug nach Haus. Wir winkten einander mit
Schürze und Schnupftüchern unser Lebewohl mehr als hundertmal, und so
weit wir uns sehen konnten. O man verzeihe mir meine Torheit! Gehören
doch diese Tage zu den allerglücklichsten, und ihre Freuden zu den
allerunschuldigsten meines Lebens. Denn mein guter Engel hatte mir
gegen dies holde Mädchen ordentlich eben so viel Ehrfurcht als Liebe
eingeflößt; so daß ich sie, wie ein Vater sein Kind, umarmte, und
sie mich hinwieder, wie eine Tochter ihren Erzeuger, sanft an ihren
reinen Busen drückte, und mein Gesicht mit ihren Küssen bedeckte.
-- Jetzt war ich dem Leibe nach wieder bei Haus, aber im Geiste
immer mit diesem herzigen Schätzgen beschäftigt, dem weiland Ännchen
sogar weit nachstand. Indessen kam mir nur kein Gedanke daran, daß
ich jemals zu ihrem Besitz gelangen könnte; vielmehr sucht' ich mir
alles Vorgegangene vollkommen aus dem Sinn zu schlagen, und es gelang
mir. Denn dies war von jeher meine Art: Was einen schnellen Eindruck
auf mich machte, war auch bald wieder vergessen, und von neuen
Gegenständen verdrängt. Allein, wer hätte daran gedacht? An einem
schönen Abend brachte mir der Herisauer Bote ein Briefchen von meinem
Käthchen, worin sie in zärtlich verliebten und dabei recht kindisch
naiven Ausdrücken mir sagte, wie's ihr sei seit unserm Abschied; wie
sie mich gern wieder sehen, noch einmal mit mir reden möchte, und
wenn das nicht möglich wäre, mich wenigstens zu einem schriftlichen
Verkehr auffordere. Ich küßte das Papier, las es wohl hundertmal,
und trug's immer in der Tasche, bis es ganz verschmutzt und zerfetzt
war. Also -- ich flog eilends nach Herisau? Nein! Ich antwortete auf
der Stelle? Nein! auch das nicht; kein Wort. Kurz ich ging nicht und
schrieb nicht. Warum? Daß ich gerade damals kein Geld hatte, dessen
erinnere ich mich; daß sonst noch etwas dazwischen kam, weiß ich auch;
die eigentliche Ursach' aber ist mir aus dem Gedächtnis entfallen.
Genug, ich vergaß meinen Herisauer Schatz, worüber ich mir nachwärts
manchen bittern Vorwurf gemacht. Endlich, erst nach zwanzig Jahren,
dacht' ich wieder einmal dieser Begebenheit so lange und so ernsthaft
nach, und die Begierde, zu erfahren, ob das liebe Kind noch lebe,
und was aus ihr geworden sei, ward so stark in mir, daß ich eigens
deswegen auf Herisau ging (ungeachtet ich in der Zwischenzeit manchmal
mich tagelang dort aufhielt, ohne daß mir nur ein Sinn an sie kam)
nach ihrer Wohnung fragte, und bald erfuhr, daß sie schon Mutter von
zehn Kindern, und auf einem Wirtshaus sei. Ich flog dahin. Der Mann
war eben nicht zu Hause. Ich sprach sie um Nachtherberg an, setzte
mich zu Tisch' und beguckte mein -- nun nicht mehr mein Käthchen.
Himmel! wie das arme Ding ganz verlottert war. Und doch erkannt' ich
ihre ehevorigen jugendlichen Gesichtszüge mitunter noch deutlich. Ich
konnte mich der Tränen kaum erwehren. Sie war unglücklicher Weise
an einen brutalen und dabei lüderlichen Mann geraten, der nachwärts
wirklich bankerott machte. Schon damals war sie in sehr ärmlichen
Umständen. Sie kannte mich nicht mehr. Ich fragte sie alles aus, nach
ihrer Herkunft, wer ihr Mann sei, und so fort. Und endlich auch: Ob
sie sich nicht mehr eines gewissen U. B. erinnre, den sie vor zwanzig
Jahren etliche Tag' nacheinander beim Schwanen angetroffen. Hier sah
sie mir starr ins Gesicht, fiel mir an die Hand: »Ja! Er ist's, er
ist's!« und große Tropfen rollten über ihre blassen Wangen herab. Nun
ließ sie alles stehn, setzte sich zu mir hin, erzählte mir der Länge
und Breite nach ihre Schicksale, und ich ihr die meinigen, bis spät in
die Nacht hinein. Beim Schlafengehen konnten wir uns nicht erwehren,
jene seligen Stunden durch ein paar Küsse zu erneuern; aber weiter
stieg mir auch nur kein arger Gedanke auf. Im Verfolg kehrte ich noch
manchmal bei ihr ein. Sie starb etwa vier Jahre nach unserm ersten
Wiedersehen, und es tut mir so wohl, noch eine Träne auf ihr Grab zu
weinen, wo sie jetzt mit so viel andern guten Seelen im Frieden wohnt.
[Sidenote: Wirklichkeit und Idealwelt]
Daß ich in meiner obigen Geschichte über die allerernsthaftesten Scenen
meines Lebens, wie ich an meine Dulcinea kam -- ein eigen Haus baute
-- einen Gewerb anfing, und so fort so kurz hinweggeschlüpft, kömmt
wahrscheinlich daher, daß diese Epoche meines Daseins mir unendlich
weniger Vergnügen als meine jünger Jahre gewährte, und darum auch
weit früher aus meinem Gedächtnis entwichen ist. So viel weiß ich
noch gar wohl: Daß, als ich auch im Ehestand mich betrogen sah, und
statt des Glücks, das ich darin zu finden mir eingebildet hatte, nur
auf einen Haufen ganz neuer unerwarteter Widerwärtigkeiten stieß,
ich mich wieder aufs Grillenfangen legte, und meine Berufsgeschäfte
nur so maschinenmäßig lässig und oft ganz verkehrt verrichtete, und
mein Geist, wie in einer andern Welt, immer in Lüften schwebte, sich
bald die Herrschaft über goldene Berge, bald eine Robinsonsche Insel,
oder irgend ein andres Schlaraffenland erträumte. Da ich hier um
die nämliche Zeit anfing, mich aufs Lesen zu legen, und ich zuerst
auf lauter mystisches Zeug, dann auf die Geschichte, dann auf die
Philosophie, und endlich gar auf die verwünschten Romane fiel, schickte
sich zwar alles dies vortrefflich in meine idealische Welt, machte
mir aber den Kopf nur noch verwirrter. Jeden Helden und Abenteurer
alter und neuer Zeit macht' ich mir eigen, lebte vollkommen in ihrer
Lage, und bildete mir Umstände dazu und davon, wie es mir beliebte.
Die Romane hinwieder machten mich ganz unzufrieden mit meinem eigenen
Schicksal und den Geschäften meines Berufes, und weckten mich aus
meinen Träumen, aber eben nur zu größerm Verdruß auf. Bisweilen, wenn
ich denn so mürrisch war, sucht' ich mich durch irgend eine lustige
Lektur wieder zu ermuntern. Alsdann je lustiger, je lieber; so daß ich
darüber bald zum Freigeist geworden, und dergestalt immer von einem
Extrem ins andre fiel. In dieser Absicht bedaur' ich die Gefährtin
meines Lebens von Herzen. Denn so wenig Geschmack ich an ihr fand, so
hatte sie doch noch viel mehr Ursache, keinen an mir zu finden. Dennoch
war ihre Neigung zu mir stark, obgleich nichts weniger als zärtlich.
Ein Betragen ganz nach ihrem Geschmack, meine Unterwürfigkeit und
Liebe zu ihr, das alles wollte sie von dem ersten Tag' an erpochen und
erpoltern -- und macht's heute mit mir und meinem Jungen noch ebenso
und wird es so wenig lassen, als ein Mohr seine Haut ändern kann.
Und doch ist dies, wie ich's nun aus Erfahrung weiß, gewiß das ganz
unrechte Mittel, einen an das Joch zu gewöhnen. Inzwischen flossen
meine Tage so halb vergnügt, halb mißvergnügt dahin. Ich suchte mein
Glück in der Ferne und in der Welt, mittlerweile es lange ganz nahe bei
mir vergebens auf mich wartete. Und noch jetzt, da ich doch überzeugt
bin, daß es nirgends als in meinem eigenen Busen wohnt, vergeß ich nur
allzuoft, in mich selbst zurückzukehren, flattre in einer idealischen
Welt herum, oder wähle in dieser gegenwärtigen falsche, Ekel und Unlust
erweckende Scheingüter außer mir.
[Sidenote: Glücksumstände und Wohnort]
[Sidenote: Die ganze Welt ist unser]
[Sidenote: Glücksempfindung]
Meine Lebensgeschichte so weit geschrieben, bleibt mir nur noch weniges
von mir zu sagen übrig. Ein Häuschen und ein Gärtchen ist mein ganzes
Vermögen. Eine Frau und vier Kinder, also sechs Mäuler und ein Dutzend
Hände machen meinen Haushalt aus. Aber das gesunde Speisen der erstern,
Kleider und anders mit eingezählt, zehrt das Produkt einer noch so
muntern Arbeit der letztern beinahe auf. Meinen Baumwollengewerb hab'
ich schon beschrieben. Dieser ist wie ein Vogel auf dem Zweig, und
wie das Wetter im April. Wer sein ganzes Studium darauf wendet, und
zumal die rechte Zeit abzupassen weiß, kann noch sein Glück damit
machen. Aber dies Talent in gehörigem Maße hatt' ich nie, war immer ein
Stümper, und werd' es ewig bleiben. Und doch hab' ich diese Art Handel
und Wandel gleichsam von Jahr zu Jahr lieber gewonnen. Warum? Ich
denke, natürlich, weil derselbe das Mittel war, durch welches mich die
gütige Vorsehung, ohne mein sonderliches Zutun, aus meiner drückenden
Lage wenigstens in eine sehr leidliche emporhob. Freilich wär' ich,
ohne die Rolle eines Handelsmanns zu spielen, vielleicht auch niemals
so tief in jene hineingeraten. Doch, wer weiß? Es wäre wohl gleich
viel gewesen, mit welchem Berufe ich mich lässig, unvorsichtig und
ungeschickt beschäftigt hätte. Und heißt's, denk' ich, auch hier: Der
Hund, der ihn biß, leckt' ihn wieder, bis er heil war.
[Sidenote: Haus und Garten]
Mein Vaterland ist zwar kein Schlaraffenland, kein glückliches
Arabien und kein reizendes Pays de Vaud. Es ist das Tockenburg, dessen
Einwohner von jeher als unruhige und ungeschliffene Leute verschrien
waren, aber allerorten, soweit ich gekommen bin, hab ich ebenso grobe,
wo nicht viel gröbere -- ebenso dumme, wo nicht viel dümmere Leut'
angetroffen. -- Unser Tockenburg ist ein anmutiges, zwölf Stunden
langes Tal, mit vielen Nebentälchen und fruchtbaren Bergen umschlossen.
Das Haupttal zieht sich in einer Krümmung von Südost nach Nordost
hinab. Gerade in der Mitte desselben, auf einer Anhöhe, steht mein
Edelsitz, am Fuß eines Berges, von dessen Spitze man eine treffliche
Aussicht beinahe über das ganze Land genießt, die mir schon so manchmal
das entzückendste Vergnügen gewährte, bald in das mit Dörfern reich
besetzte Tal hinab, bald auf die mit den fettesten Weiden, Wiesen und
Gehölzen bekleideten und abermals mit zahllosen Häusern übersäten
Anhöhen zu beiden Seiten, über welche sich noch die Gipfel der Alpen
hoch in die Wolken erheben, dann wieder hinunter auf die durch viele
Krümmungen sich mitten durch unser Haupttal schlängelnde Thur, deren
Dämme und mit Erlen und Weiden bepflanzten Ufer die angenehmsten
Spaziergänge bilden. Mein hölzernes Häuschen liegt gerade da, wo das
Gelände am allerlieblichsten ist, und besteht aus einer Stube, drei
Kammern, Küche und Keller -- Potz Tausend! die Nebenstube hätt' ich
bald vergessen -- einem Geißställchen, Holzschopf, und dann rings ums
Häuschen ein Gärtchen, mit etlichen kleinen Bäumen besetzt, und mit
einem Dornhag tapfer umzäunt. Aus meinem Fenster hör' ich von drei
bis vier Orten her läuten und schlagen. Kaum etliche Schritte vor
meiner Türe liegt ein meinem Nachbar zudienender artiger beschatteter
Rasenplatz. Von da seh' ich senkrecht in die Thur hinab, auf die
Bleichen hinüber, auf das schöne Dorf Wattwil, auf das Städtchen
Lichtensteig und hinwieder durchs Tal hinauf. Hinter meinem Haus rinnt
ein Bach herab, der Thur zu, der aus einem romantischen Tobel kömmt,
wo er über Steinschrofen[57] daherrauscht. Sein jenseitiges Ufer
ist ein sonnenreiches Wäldchen, mit einer hohen Felswand begrenzt.
In dieser nisten alle Jahr' etliche Sperber und Habichte in einer
unzugänglichen Höhle. Diese, und dann noch ein gewisser Berg, der mir
um die Tag- und Nachtgleiche die liebe Sonne des Morgens eine Stunde zu
lang aufhält, sind mir unter allem, was zu dieser meiner Lage gehört,
allein widerlich. Beide würd' ich gern verkaufen oder gar verschenken.
Die vertrackten Sperber zumal plagen nicht nur von Mitte April bis
spät in den Herbst mit ihrem Zetergeschrei meine Ohren, sondern,
was noch weit ärger ist, verjagen mir die lieben Singvögelchen, daß
bald kein einziges mehr in der Gegend sich einzunisten wagt. Meine
Nachbarn sind recht gute ehrliche Leute, die ich aufrichtig schätze
und liebe. Freilich läuft bisweilen auch ein andrer mit unter, wie
überall. Innige Freunde, mit denen man Gedanken wechseln und Herzen
tauschen kann, hab' ich in der Nähe keine. Dies ersetzen mir meine
platonischen Geliebten in meinem Stübchen. Im Frühling liegt mir der
Schnee auch ein bißchen zu lang in meinem Gärtchen. Aber ich fange
einen Krieg mit ihm an, zerfetze ihn zu kleinen Stücken, und werfe
ihm Asche und Kot auf die Nase; dann verkriecht er sich in die Erde,
so daß ich noch mit den Frühesten gärtnen kann. Und überhaupt macht
mir dies kleine Grundstück viel Vergnügen. Zwar ist die Erde ziemlich
grob und ungeschlacht, obgleich ich sie schon an die fünfundzwanzig
Jahr bearbeitet habe, demungeachtet gibt das Ding Kraut, Kohl, Erbsen,
und was ich immer auf meinen Tisch brauche, zur Genüge; mitunter auch
Blumenwerk und Rosen die Fülle. Kurz, es freut mich so wohl, als
manchen Fürsten all' seine babylonischen Gärten. -- Sag' also, Bub! ist
unser Wohnort nicht so angenehm, als je einer in der Welt? Einsam, und
doch nahe bei den Leuten; mitten im Tal, und doch ein wenig erhöht.
Oder geh' mir einmal im Maimond auf jenen Rasenhügel vor unserer Hütte.
Schau durchs buntgeschmückte Tal hinauf; sieh', wie die Thur sich
mitten durch die schönsten Auen schlängelt; wie sie ihre noch trüben
Schneewasser gerade unter deinen Füßen fortwälzt. Sieh', wie an ihren
beiden Ufern unzählige Kühe mit geschwollenen Eutern im Gras waten.
Höre das Jubelgetön von den großen und kleinen Buschsängern. Ein Weg
geht zwar an unsern Fenstern vorbei; aber der ist noch nichts. Sieh'
erst jenseits der Thur jene Landstraße mitten durchs Tal, die nie leer
ist. Sieh' jene Reihe Häuser, welche Lichtensteig und Wattwil wie
zusammenketten. Da hast du einigermaßen, was man in Städten und auf
dem Lande nur haben kann. Ha! sagst du vielleicht, aber diese Matten
und Kühe sind nicht unser! Närrchen! freilich sind sie und die ganze
Welt ist unser. Oder wer wehrt dir, sie anzusehn, und Lust und Freud'
an ihnen zu haben? Butter und Milch bekomm' ich ja von dem Vieh, das
darauf weidet, so viel mir gelüstet, also haben ihre Eigentümer nur
die Mühe zum Vorteil. Was braucht es, jene Alpen mein zu heißen? Oder
jene zierlich prangenden Obstbäume? Bringt man uns ja ihre schönsten
Früchte ins Haus! Oder jenen großen Garten? Riechen wir ja seine Blumen
von weitem! Und selbst unser eigener kleiner, wächst nicht alles
darin, was wir hineinsetzen, pflegen und warten? Also, lieber Junge!
wünsch' ich dir, daß du bei allen diesen Gegenständen nur das empfinden
möchtest, was ich dabei schon empfunden habe und noch täglich empfinde;
daß du mit eben dieser Wonne und Wollust den Höchstgütigen in allem
findest und fühlest, wie ich ihn fand und fühlte, so nahe bei mir,
rings um mich her, und in mir, wie er dies mein Herz aufschloß, das er
so weich und so fühlend schuf. Lieber Knabe! Beschreiben kann ich's
nicht. Aber mir war schon oft, ich sei verzückt, wenn ich all' diese
Herrlichkeit überschaute, und so, in Gedanken vertieft, den Vollmond
über mir, dieser Wiese entlang hin und her ging, oder an einem schönen
Sommerabend dort jenen Hügel bestieg, die Sonne sinken, die Schatten
steigen sah, mein Häuschen schon in blauer Dämmerung stand, die
schwirrenden Weste mich umsäuselten, die Vögel ihr sanftes Abendlied
anhuben. Wenn ich dann vollends bedachte: »Und dies alles für dich,
armer, schuldiger Mann?« Und eine göttliche Stimme mir zu antworten
schien: »Sohn! dir sind deine Sünden vergeben.« Oh! wie da mein Herz in
süßer Wehmut zerschmolz, wie ich dem Strom meiner Freudentränen freien
Lauf ließ, und alles rings um mich her, Himmel und Erde, hätte umarmen
mögen, und noch selige Träume der folgenden Nacht mein gestriges Glück
wiederholten.