Und der von Langenau wird traurig. Er denkt an ein blondes
Mädchen, mit dem er spielte. Wilde Spiele. Und er möchte
nach Hause, für einen Augenblick nur, nur für so lange, als
es braucht, um die Worte zu sagen: »Magdalena, -- daß ich
immer _so war,_ verzeih!«
Wie -- war? denkt der junge Herr. -- Und sie sind weit.
Einmal, am Morgen, ist ein Reiter da, und dann ein zweiter,
vier, zehn. Ganz in Eisen, groß. Dann tausend dahinter: Das
Heer.
Man muß sich trennen.
»Kehrt glücklich heim, Herr Marquis. --«
»Die Maria schützt Euch, Herr Junker.«
Und sie können nicht voneinander. Sie sind Freunde auf
einmal, Brüder. Haben einander mehr zu vertrauen; denn sie
wissen schon so viel Einer vom Andern. Sie zögern. Und ist
Hast und Hufschlag um sie. Da streift der Marquis den großen
rechten Handschuh ab. Er holt die kleine Rose hervor, nimmt
ihr ein Blatt. Als ob man eine Hostie bricht.
»Das wird Euch beschirmen. Lebt wohl.« Der von Langenau
staunt. Lange schaut er dem Franzosen nach. Dann schiebt er
das fremde Blatt unter den Waffenrock. Und es treibt auf und
ab auf den Wellen seines Herzens. Hornruf. Er reitet zum
Heer, der Junker. Er lächelt traurig: ihn schützt eine
fremde Frau.
Ein Tag durch den Troß. Flüche, Farben, Lachen --: davon
blendet das Land. Kommen bunte Buben gelaufen. Raufen und
Rufen. Kommen Dirnen mit purpurnen Hüten im flutenden Haar.
Winken. Kommen Knechte, schwarzeisern wie wandernde Nacht.
Packen die Dirnen heiß, daß ihnen die Kleider zerreißen.
Drücken sie an den Trommelrand. Und von der wilderen
Gegenwehr hastiger Hände werden die Trommeln wach, wie im
Traum poltern sie, poltern --. Und Abends halten sie ihm
Laternen her, seltsame: Wein, leuchtend in eisernen Hauben.
Wein? Oder Blut? -- Wer kanns unterscheiden?
Endlich vor Spork. Neben seinem Schimmel ragt der Graf.
Sein langes Haar hat den Glanz des Eisens.
Der von Langenau hat nicht gefragt. Er erkennt den General,
schwingt sich vom Roß und verneigt sich in einer Wolke
Staub. Er bringt ein Schreiben mit, das ihn empfehlen soll
beim Grafen. Der aber befiehlt: »Lies mir den Wisch.« Und
seine Lippen haben sich nicht bewegt. Er braucht sie nicht
dazu; sind zum Fluchen gerade gut genug. Was drüber hinaus
ist, redet die Rechte. Punktum. Und man sieht es ihr an. Der
junge Herr ist längst zu Ende. Er weiß nicht mehr, wo er
steht. Der Spork ist vor Allem. Sogar der Himmel ist fort.
Da sagt Spork, der große General:
»Cornet.«
Und das ist viel.
Die Kompagnie liegt jenseits der Raab. Der von Langenau
reitet hin, allein. Ebene. Abend. Der Beschlag vorn am
Sattel glänzt durch den Staub. Und dann steigt der Mond. Er
sieht es an seinen Händen.
Er träumt.
Aber da schreit es ihn an.
Schreit, schreit,
zerreißt ihm den Traum.
Das ist keine Eule. Barmherzigkeit:
der einzige Baum
schreit ihn an:
Mann!
Und er schaut: es bäumt sich. Es bäumt sich ein Leib
den Baum entlang, und ein junges Weib,
blutig und bloß,
fällt ihn an: Mach mich los!
Und er springt hinab in das schwarze Grün
und durchhaut die heißen Stricke;
und er sieht ihre Blicke glühn
und ihre Zähne beißen.
Lacht sie?
Ihn graust.
Und er sitzt schon zu Roß
und jagt in die Nacht. Blutige Schnüre fest in der Faust.
Der von Langenau schreibt einen Brief, ganz in Gedanken.
Langsam malt er mit großen, ernsten, aufrechten Lettern:
»Meine gute Mutter,
seid stolz: Ich trage die Fahne,
seid ohne Sorge: Ich trage die Fahne,
habt mich lieb: Ich trage die Fahne --«
Dann steckt er den Brief zu sich in den Waffenrock, an die
heimlichste Stelle, neben das Rosenblatt. Und er denkt: er
wird bald duften davon. Und denkt: vielleicht findet ihn
einmal Einer ... Und denkt: ....; Denn der Feind ist nah.
Sie reiten über einen erschlagenen Bauern. Er hat die Augen
weit offen und Etwas spiegelt sich drin; kein Himmel. Später
heulen Hunde. Es kommt also ein Dorf, endlich. Und über den
Hütten steigt steinern ein Schloß. Breit hält sich ihnen die
Brücke hin. Groß wird das Tor. Hoch willkommt das Horn.
Horch: Poltern, Klirren und Hundegebell! Wiehern im Hof,
Hufschlag und Ruf.
Rast! Gast sein einmal. Nicht immer selbst seine Wünsche
bewirten mit kärglicher Kost. Nicht immer feindlich nach
allem fassen; einmal sich alles geschehen lassen und wissen:
was geschieht, ist gut. Auch der Mut muß einmal sich
strecken und sich am Saume seidener Decken in sich selber
überschlagen. Nicht immer Soldat sein. Einmal die Locken
offen tragen und den weiten offenen Kragen und in seidenen
Sesseln sitzen und bis in die Fingerspitzen so: nach dem Bad
sein. Und wieder erst lernen, was Frauen sind. Und wie die
weißen tun und wie die blauen sind; was für Hände sie haben,
wie sie ihr Lachen singen, wenn blonde Knaben die schönen
Schalen bringen, von saftigen Früchten schwer.
Als Mahl beganns. Und ist ein Fest geworden, kaum weiß man
wie. Die hohen Flammen flackten, die Stimmen schwirrten,
wirre Lieder klirrten aus Glas und Glanz, und endlich aus
den reifgewordenen Takten: entsprang der Tanz. Und alle riß
er hin. Das war ein Wellenschlagen in den Sälen, ein
Sich-Begegnen und ein Sich-Erwählen, ein Abschiednehmen und
ein Wiederfinden, ein Glanzgenießen und ein Lichterblinden
und ein Sich-Wiegen in den Sommerwinden, die in den Kleidern
warmer Frauen sind.
Aus dunklem Wein und tausend Rosen rinnt die Stunde
rauschend in den Traum der Nacht.
Und Einer steht und staunt in diese Pracht. Und er ist so
geartet, daß er wartet, ob er erwacht. Denn nur im Schlafe
schaut man solchen Staat und solche Feste solcher Frauen:
ihre kleinste Geste ist eine Falte, fallend in Brokat. Sie
bauen Stunden auf aus silbernen Gesprächen, und manchmal
heben sie Hände so --, und du mußt meinen, daß sie irgendwo,
wo du nicht hinreichst, sanfte Rosen brächen, die du nicht
siehst. Und da träumst du: Geschmückt sein mit ihnen und
anders beglückt sein und dir eine Krone verdienen für deine
Stirne, die leer ist.
Einer, der weiße Seide trägt, erkennt, daß er nicht
erwachen kann; denn er ist wach und verwirrt von
Wirklichkeit. So flieht er bange in den Traum und steht im
Park, einsam im schwarzen Park. Und das Fest ist fern. Und
das Licht lügt. Und die Nacht ist nahe um ihn und kühl. Und
er fragt eine Frau, die sich zu ihm neigt:
»Bist Du die Nacht?«
Sie lächelt.
Und da schämt er sich für sein weißes Kleid.
Und mochte weit und allein und in Waffen sein.
Ganz in Waffen.
»Hast Du vergessen, daß Du mein Page bist für diesen Tag?
Verlässest Du mich? Wo gehst Du hin? Dein weißes Kleid gibt
mir Dein Recht --.«
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»Sehnt es Dich nach deinem rauhen Rock?«
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»Frierst Du? -- Hast Du Heimweh?«
Die Gräfin lächelt.
Nein. Aber das ist nur, weil das Kindsein ihm von den
Schultern gefallen ist, dieses sanfte dunkle Kleid. Wer hat
es fortgenommen? »Du?« fragt er mit einer Stimme, die er
noch nicht gehört hat. »Du!«
Und nun ist nichts an ihm. Und er ist nackt wie ein
Heiliger. Hell und schlank.
Langsam lischt das Schloß aus. Alle sind schwer: müde oder
verliebt oder trunken. Nach so vielen leeren, langen
Feldnächten: Betten. Breite eichene Betten. Da betet sichs
anders als in der lumpigen Furche unterwegs, die, wenn man
einschlafen will, wie ein Grab wird.
»Herrgott, wie Du willst!«
Kürzer sind die Gebete im Bett.
Aber inniger.
Die Turmstube ist dunkel.
Aber sie leuchten sich ins Gesicht mit ihrem Lächeln. Sie
tasten vor sich her wie Blinde und finden den Andern wie
eine Tür. Fast wie Kinder, die sich vor der Nacht ängstigen,
drängen sie sich in einander ein. Und doch fürchten sie sich
nicht. Da ist nichts, was gegen sie wäre: kein Gestern, kein
Morgen; denn die Zeit ist eingestürzt. Und sie blühen aus
ihren Trümmern.