der grösste Zuckergehalt = 13,3 Proc.
der geringste Zuckergehalt = 9,2 "
im Durchschnitt der verarbeiteten Rüben = 11,2 "
Durch das Einmiethen verlieren die Rüben an Zuckergehalt und zwar in
Folge von Wasseraufnahme, durch Umwandelung des Rohrzuckers in
Chylariose und indem sie auswachsend einen Theil ihres Zuckers
verzehren; so hatte sich der Wassergehalt von 82 Proc. auf 84 Proc.
gesteigert. Rüben, die im Herbste keinen Schleimzucker enthielten,
zeigten im Januar schon Spuren, im Februar und März bestimmbare Mengen,
in einzelnen Fällen bis zu 2 Proc. Ein vollständiges Bild der
Veränderung, der die Rüben durch das Einmiethen unterworfen werden,
gewährt folgende Analyse:
October. Februar.
Holzfaser und Pektinkörper 3,49 Proc. 2,52 Proc.
Wasser 82,06 " 84,36 "
Zucker 12,40 " 10,60 "
Schleimzucker 0 " 0,65 "
Mineralsalze 0,75 " 0,63 "
Organische Säure, Eiweiss, Betaïn
und Extractivstoffe 1,30 " 1,24 "
------------ ------------
100,00 100,00
12-1/2 Centner Rüben geben 1 Centner Rohzucker.
[Sidenote: Saccharimetrie.]
Die =Saccharimetrie= beschäftigt sich mit der Ermittelung des
Rohzuckergehaltes der Rüben, des Rohzuckers. Diese Ermittelung kann
geschehen
1) auf mechanischem,
2) auf chemischem,
3) auf physikalischem Wege.
[Sidenote: Mechanische Bestimmung.]
=Ermittelung des Zuckergehaltes der Rüben auf mechanischem Wege.= Nach
dieser Methode isolirt man den in der Rübe enthaltenen Zucker, wobei
man auf folgende Art verfährt: Man wiegt sorgfältig 25-30 Grm. in dünne
Scheiben geschnittene Rüben (aus dem mittleren Theile der Rübe) ab und
trocknet sie so lange, bis der Rückstand nichts mehr an Gewicht
verliert. Man erfährt so die Menge des Wassers und der in der Rübe
enthaltenen Trockensubstanz. Der Rückstand wird gepulvert und
wiederholt mit siedendem Alkohol von 0,83 spec. Gewicht ausgezogen,
wodurch der Zucker gelöst wird. Der ungelöste Rückstand giebt nach dem
Trocknen das Gewicht der Cellulose, der Proteïnsubstanzen und eines
Theiles der mineralischen Bestandtheile. Lässt man die alkoholische
Lösung im leeren Raume über Aetzkalk stehen, so concentrirt sich die
Lösung nach und nach und scheidet den Zucker in kleinen, farblosen,
durchsichtigen Krystallen ab; der fast absolute Alkohol, der dann
zurückbleibt, enthält nach einigen Tagen nichts mehr gelöst. Gute
Zuckerrüben hinterlassen gegen 20 Proc. trockenen Rückstand; der
Wassergehalt beträgt demnach 80 Proc. Von den 20 Proc. Rückstand kann
man 13 Proc. etwa für Zucker, 7 Proc. für Pektin, Cellulose,
Proteïnkörper und Mineralsalze rechnen.
Je höher das =specifische Gewicht= des Saftes von unter günstigen
Bedingungen cultivirten Rüben ist, desto grösser ist auch sein
=Zuckergehalt=; es lässt sich demnach aus dem spec. Gewichte ein
Schluss auf die Zuckerprocente ziehen. Der Saft guter Rüben zeigt 8°
B., zuweilen sogar 9°. Bei Rüben, die nicht in geeigneter Cultur und
passendem Boden gebaut wurden, lässt sich das Aräometer zur Ermittelung
des Zuckergehaltes nicht anwenden, da die löslichen Mineralsalze der
Rüben für die gleiche Quantität das spec. Gewicht weit mehr als der
Zucker erhöhen.
[Sidenote: Chemische Bestimmung.]
Auf =chemischem Wege= bestimmt man den Zuckergehalt der Rüben, indem
man
a) die Löslichkeit des Kalkhydrates im Rohrzucker nach bestimmten
Gewichtsverhältnissen benutzt;
b) den Rohrzucker durch Säuren in intervertirten Zucker (ein Gemenge
von Chylariose oder Levulose mit Dextrose oder Glycose) überführt
und durch denselben Kupferoxydhydrat zu Kupferoxydul reducirt,
dessen Menge man bestimmt;
c) den in intervertirten Zucker übergeführten Rohrzucker durch
Gährung in Alkohol und Kohlensäure verwandelt und die Menge der
letzteren ermittelt (4CO_{2} entsprechen 1 Molek. Rohrzucker
C_{12}H_{22}O_{11}).
Die =erste= dieser Methoden, die sich auf die =Löslichkeit des
Kalkhydrates in einer Rohrzuckerlösung= gründet, besteht darin, die
zuckerhaltige Flüssigkeit mit überschüssigem Kalkhydrat
zusammenzureiben, die Menge des in der Flüssigkeit aufgelösten Kalkes
mit Hülfe von titrirter Schwefelsäure zu bestimmen und darauf die
entsprechende Menge des Zuckers zu berechnen. Dies Verfahren setzt
jedoch, um einer allgemeinen Anwendung fähig zu sein, eine constante
Zusammensetzung des in dem Wasser gelösten Zuckerkalkes voraus, was
durch den Versuch keineswegs bewiesen ist.
Die =zweite= Methode gründet sich (nach der Beobachtung von =Trommer=)
darauf, dass 1) der Rohrzucker in einer alkalischen Flüssigkeit
suspendirtes Kupferoxyd nicht reducirt, dass er dieses Oxyd aber
reducirt, sobald er durch verdünnte Schwefelsäure oder Salzsäure in
intervertirten Zucker übergeführt worden ist; 2) die Quantität des bei
dieser Reaction zu Oxydul reducirten Kupferoxydes der Menge des
angewendeten Zuckers proportional ist. Sie ist auch unter dem Namen der
=Barreswil-Fehling='schen Probe bekannt. Die hierzu erforderliche
alkalische Kupferoxydlösung stellt man am zweckmässigsten durch
Vermischen einer Auflösung von 40 Grm. Kupfervitriol in 160 Grm. Wasser
mit einer Lösung von 160 Grm. neutralem weinsauren Kali in wenig Wasser
und 600-700 Grm. Aetznatronlauge von 1,12 spec. Gewicht dar. Die
Mischung wird auf 1154,4 Kubikcentimeter bei 15° verdünnt. Ein Liter
der so bereiteten Kupferlösung enthält 34,650 Grm. Kupfervitriol und
erfordert zur Reduction 5 Grm. Dextrose oder Levulose, oder 10 At.
Kupfervitriol (1247,5) werden durch 1 At. Dextrose oder Levulose (180)
zu Oxydul reducirt (34,650 : 5 = 1274,5 : 180 oder = 6,93 : 1), 10
Kubikcentimeter der Kupferlösung entsprechen also 0,050 Grm.
getrockneter Dextrose oder Levulose. Wenn man mit =Mulder= die Wägung
des ausgefällten, durch Glühen in Oxyde verwandelten Oxyduls der
Anwendung von titrirten Lösungen vorzieht, so entspricht 1 Th.
Kupferoxyd 0,552 Th. Dextrose oder Levulose (von der Formel
C_{6}H_{12}O_{6} + H_{2}O). Um diese Probeflüssigkeit anzuwenden,
verdünnt man ein bestimmtes Gewicht der zu untersuchenden
zuckerhaltigen Flüssigkeit bis zu dem 10-20fachen Volumen in
Kubikcentimetern. Andererseits verdünnt man 10 Kubikcentimeter der
Kupferlösung mit 40 Kubikcentimetern Wasser, erhitzt die Flüssigkeit
zum Sieden und setzt so lange von der Zuckerlösung zu, bis alles
Kupferoxyd genau reducirt ist. Je näher man diesem Punkte kommt, desto
reichlicher und röther ist der Niederschlag und desto schneller setzt
er sich ab; eine Probe des Filtrats darf weder mit Schwefelwasserstoff,
noch, nach dem Ansäuern, mit Ferrocyankalium eine Reaction auf Kupfer
andeuten. Enthält das Filtrat überschüssigen Zucker, so zeigt es bald
eine gelbliche Färbung. Da das Kupferoxydsalz augenblicklich und in
entsprechender Menge durch den Zucker reducirt wird, so ist ein
längeres Kochen der Lösung nicht erforderlich, wenn sie immer im Sieden
oder nahe beim Sieden erhalten wird. Um Rohrzucker in der Weise zu
bestimmen, muss derselbe durch mehrstündige Erwärmung mit Schwefelsäure
oder Weinsäure in intervertirten Zucker verwandelt werden. 100 Th.
Dextrose oder Levulose entsprechen 95 Th. Rohrzucker.
[Sidenote: Gährungsprobe.]
Die =dritte= Methode, die =Gährungsprobe=, gründet sich darauf, dass
Rohrzucker, in wässeriger Lösung mit Hefe zusammengebracht, in ein
Gemenge von Dextrose oder Levulose übergeht, welches dann die geistige
Gährung erleidet und in Alkohol und Kohlensäure übergeht. Dieser Probe
liegt die bislang für richtig angenommene Gleichung zu Grunde, dass
1 Mol. Rohrzucker } bei der { 4 Mol. Kohlensäure = 176
C_{12}H_{22}O_{11} = 342 } Gährung liefert { 4 " Alkohol = 188
Die älteste Gährungsmethode besteht darin, die Menge und Stärke des
erhaltenen Alkohols nach Abdestilliren desselben durch des
Alkoholometer zu bestimmen; dieses sehr umständliche Verfahren ist
nicht mehr im Gebrauch.
Leichter ist die Methode ausführbar, wenn man die Menge der
entweichenden Kohlensäure bestimmt. Man wendet hierzu den
alkalimetrischen Apparat von =Fresenius= und =Will= (vergl. S. 116) an.
Ist die Gährung beendigt, so wird Luft durch den Apparat gesogen und
dann der durch das Entweichen der Kohlensäure entstandene Verlust
bestimmt, welcher mit
171/88 = 1,9432 multiplicirt die Menge des Rohrzuckers
180/88 = 2,04545 " " " der Dextrose
giebt. Man bestimmt auch die Kohlensäure durch die Gewichtszunahme
eines mit Kali gefüllten Apparates oder in Form von Bariumcarbonat,
indem man die Kohlensäure durch eine ammoniakalische Lösung von
Chlorbarium strömen lässt.
[Sidenote: Physikalische Bestimmung.]
Auf =physikalischem Wege= bestimmt man den Zucker, indem man die
optischen Eigenschaften des Zuckers beobachtet. Der Rohrzucker, die
Dextrose und das Dextrin lenken die Polarisationsebene nach rechts, der
Schleimzucker (Levulose, Chylariose) nach links und zwar proportional
dem Gehalte der Lösung an Zucker etc., im Volumen, und proportional der
Dicke der Schicht der Lösung, durch welche der polarisirte Lichtstrahl
hindurchgeht. Nach der Grösse der Drehung, die eine Flüssigkeitsschicht
von bestimmter Höhe an der Polarisationsebene hervorbringt, lässt sich
der Gehalt der Flüssigkeit an den genannten Körpern beurtheilen. Dreht
z. B. eine Zuckerlösung, die in 100 Kubikcentim. 15 Grm. Zucker
enthält, in einer 200 Millimeter langen Röhre die Polarisationsebene um
20° nach rechts, so ist das Drehungsvermögen einer Lösung, die in 100
Kubikcentim. 30 Grm. Zucker enthält, in der nämlichen Röhre 40°. Man
braucht mithin nur einen Apparat zur genauen Messung des
Drehungsvermögens, um aus der Grösse der Drehung den Zuckergehalt einer
Lösung zu berechnen. Diese Apparate heissen =Polarimeter= oder
=Polarisations-Apparate=. Die von =Mitscherlich=, =Ventzke-Soleil=, =J.
J. Pohl= und =Wild= construirten Apparate sind die gebräuchlichsten.
Das =polarimetrische Verfahren=, hinsichtlich dessen Details auf die
Werke von =Otto= sen. und =J. J. Pohl= verwiesen sei, lässt sich für
Rübensaft und die Produkte der Zuckerfabrikation gleichmässig anwenden,
führt bei einiger Uebung schnell zum Ziele und liefert brauchbarere
Ergebnisse als die übrigen saccharimetrischen Verfahren.
[Sidenote: Darstellung des Zuckers aus den Rüben.]
Die =Darstellung des Zuckers aus Rüben= umfasst, je nach der Art der
Verarbeitung der Rüben, folgende Arbeiten und Operationen:
1. Das Waschen und Putzen der Rüben;
2. Die Gewinnung des Saftes aus der Rübe
[Greek: a]) nach dem Pressverfahren, bei welchem die Rüben zu Brei
zerrieben und der Saft des Rübenbreies mittelst
hydraulischer Pressen ausgepresst wird;
[Greek: b]) nach dem Centrifugalverfahren, wobei der Saft aus dem
Brei durch Centrifugalkraft ausgeschleudert wird;
[Greek: g]) nach dem Macerationsverfahren (nach =Schützenbach=),
bei welchem der Saft aus dem Brei durch Wasser
ausgelaugt wird;
[Greek: d]) nach dem von =Robert= herrührenden Diffusionsverfahren
(oder der Osmose oder Dialyse), nach welchem die Rüben
in dünne Lamellen (Schnitze, Schnittlinge) zerschnitten
und diese dann in besonderen Gefässen
(Diffusionsapparaten) systematisch mit Wasser von
bestimmter Temperatur ausgelaugt werden;
3. Die Scheidung des Saftes mit Kalk und das Entkalken des
geschiedenen Saftes mit Kohlensäure;
4. Die Filtration des entkalkten Saftes durch Knochenkohle, das
Verdampfen des Saftes und nochmaliges Filtriren durch
Knochenkohle;
5. Das Verkochen des verdampften und filtrirten Saftes zur
Krystallisation;
6. Die Arbeit auf Rohzucker oder Brotzucker:
[Greek: a]) auf Rohzucker (Rohzuckerarbeit),
[Greek: b]) auf Brotzucker (Melisarbeit).
1. =Das Waschen und Putzen der Rüben.= Die Rüben werden vor ihrer
Verwendung von anhängender Erde, allen überflüssigen Theilen u. s. w.
befreit, was theils durch Putzen und Ausschneiden, theils durch Waschen
geschieht. Der dadurch bewirkte Abgang beträgt selten unter 10 Proc. und
steigt oft bis gegen 20 Proc. vom Gewicht der Rüben.
Eine der gebräuchlichsten Waschmaschinen ist die von =Champonnois=,
wesentlich aus einer um ihre Axe drehbaren hölzernen oder eisernen
Lattentrommel bestehend, die bis höchstens zur Hälfte ihres
Durchmessers in einem Troge liegt, in welchem sich so viel Wasser
befindet, dass die Trommel etwa 24 Centimeter in dasselbe eintaucht.
Die Trommel macht etwa acht Umdrehungen in der Minute. Seitlich
befindet sich ein Rumpf, durch welchen die Rüben in die Trommel
gelangen. Während des Umdrehens, wodurch die Rüben von aller
anhängenden Erde befreit werden, gelangen sie an das Ende der etwas
abwärts geneigten Trommel auf eine schraubenähnlich gewundene Schaufel,
welche sie emporführt und auf eine schiefe Lattenfläche bringt, wo sie
Arbeiter in Empfang nehmen und mit Hülfe von Messern von den Köpfen,
den schadhaften und holzigen Stellen befreien. Die gewaschenen Rüben
dürfen nicht lange aufbewahrt werden; am besten bringt man sie von der
Waschmaschine sofort auf den Reibapparat. Auf 1000-1200 Ctr. Rüben per
Tag (24 Stunden) rechnet man 2 Pferdekraft bei einer Länge der
Waschtrommel von 3,1-4 Meter und 1 Meter Durchmesser mit 30-40
Umdrehungen in der Minute.
2. =Die Gewinnung des Saftes aus der Rübe.= Die Saftgewinnung wird in
verschiedener Weise bewirkt und zwar lassen sich die in Anwendung
stehenden Methoden wesentlich auf =zwei= Systeme zurückführen. Nach dem
einen werden die Rübenzellen vollständig geöffnet, um den Saft zu
gewinnen, nach dem anderen bleiben dagegen die Zellen geschlossen und
wird der Saftinhalt durch dialytische Vorgänge erzielt.
Die der =ersten= Art der Saftgewinnung angehörenden Methoden sind seit
vielen Jahren ziemlich allgemein in Gebrauch. Zur Ausführung derselben
werden die Rüben zu einem zarten Brei zerrieben, aus dem dann der Saft
ausgezogen wird
[Greek: a]) durch Pressen, oder
[Greek: b]) " Centrifugiren oder endlich
[Greek: g]) " Maceration.
[Illustration: Fig. 211.]
[Illustration: Fig. 212.]
Die Rübe ist ein Aggregat von Zellen, in denen der Zuckersaft sich
befindet. Um letzteren zu gewinnen, müssen die Zellen zerrissen und
geöffnet werden. Von dem mehr oder weniger vollkommenen Zerreiben hängt
zum grossen Theile die Ausbeute und der Ertrag an Zucker ab, denn
findet das Zerreiben nicht vollständig statt, so bleiben zahlreiche
Stellen ungeöffnet, aus denen dann selbst die besten Pressen den Saft
nicht auszupressen vermögen. Anfänglich benutzte man zum =Zerreiben der
Rüben= Handreiben, welche zum fabrikmässigen Betriebe sich indessen
nicht eigneten, selbst wenn die Reibeisen auf Walzen befestigt wurden.
Gegenwärtig wendet man allgemein die =Thierry='sche Reibmaschine an,
welche Fig. 211 in perspectivischer Ansicht zeigt, wobei man sich den
Reibcylinder in dem Mantel _u_ denken muss. Der Reibcylinder (in seinen
wesentlichen Theilen Fig. 212 abgebildet) besteht aus einem 0,5-0,6
Meter langen Cylinder von 0,8-1,0 Meter Durchmesser, dessen Peripherie
so mit Sägeblättern besetzt ist, dass von diesen nur die Zähne über die
dazwischen angebrachten Holzstücke hervorstehen. Statt hölzerner
Walzen, wie sie früher gebräuchlich waren, wendet man jetzt zur
Herstellung des Cylinders zwei eiserne Scheiben an, von der in der
Zeichnung 212 angedeuteten Einrichtung, sodass 250 Sägeblätter, mit
hölzernen Leisten abwechselnd, eingesetzt werden können. Die Drehung
des Cylinders geschieht durch die Riemenscheibe _a_. _t_ ist ein
Trichter zum Zulassen von Wasser, _i_ ist der kastenförmige Rumpf, in
welchen die zu zerreibenden Rüben kommen; der Rumpf ist gewöhnlich
getheilt, sodass die Rüben abwechselnd in der einen und andern
Abtheilung vorgeschoben werden. Um die Rüben gegen den Reibcylinder
anzudrücken, wendete man früher Handarbeiten an, gegenwärtig bedient
man sich dagegen mechanischer Vorrichtungen (sogenannter =Poussoirs=),
welche auf verschiedene Weise in Bewegung gesetzt werden. Eine sehr
gebräuchliche derartige Vorrichtung ist in der Zeichnung zu sehen.
Durch die Riemenscheibe _a_ und das Getriebe _b_ wird des Rad _c_ und
das Excentrik _d_ gedreht, welches mit Hülfe der Rolle _e_ auf den
Hebel _g_, die Stange _h_ und das Poussoir _f_ einwirkt, und dasselbe
nach vollendeter Wirkung zurückzieht. Der Druck auf die Rüben wird
demnach weniger durch den Mechanismus als vielmehr durch das Gewicht
_k_ bewirkt. Der um den Reibcylinder herumliegende Mantel verhindert
das Umherschleudern des Breies, welcher von einem Troge aufgenommen
wird. Der Cylinder erhält 1000-1200 Umdrehungen in der Minute, wodurch
er eine Leistungsfähigkeit von 800-1000 Ctr. Rüben in 24 Stunden
erhält. Als Betriebskraft für die Reibmaschine rechnet man auf 1000
Ctr. Rüben 8-10 Pferdekraft. Theils zur Erleichterung des Reibens,
theils auch, um einen feineren Brei zu gewinnen, leitet man während des
Reibens durch den Trichter _t_ etwas Wasser auf den Reibcylinder. Eine
andere Rübenreibe ist die von =Champonnois=, die sich von der älteren
dadurch unterscheidet, dass die Reibtrommel unbeweglich ist, dagegen
eine Schaufel mit den Rüben innen in der Trommel, bei welcher die
Zahnung gleichfalls nach Innen angebracht ist, sich bewegt, so dass die
Rüben durch Centrifugalkraft gegen die reibende Fläche gedrückt und
zerrieben werden. Der Brei tritt durch die mit den gezahnten Blättern
der Trommel abwechselnden leeren Zwischenräume aus.
[Greek: a]) Die Saftgewinnung aus dem Brei =durch Auspressen des Breies=.
=Achard= benutzte zu diesem Zwecke eine Stein- oder Eisenwalze, die über
den in Leintücher eingeschlagenen Rübenbrei ging. Von allen Arten
Pressen, die später versucht wurden, ist man, wenn man von der
Walzenpresse von =Champonnois= (verbessert von =Lachaume=) absieht, die
in neuester Zeit in einigen Zuckerfabriken Frankreichs mit Erfolg
verwendet werden soll, bei der =hydraulischen= oder =Brahma='schen
=Presse= stehen geblieben, welche auf dem bekannten hydrostatischen
Gesetze beruht, dass der Druck in einer Flüssigkeit sich nach allen
Richtungen hin gleichmässig fortpflanzt.
Der Rübenbrei wird in Tücher geschlagen oder in Säcke gefüllt und darin
flach ausgebreitet zwischen Geflechten oder Blechplatten in der Presse
zu einem Stapel aufgeschichtet. Als Zwischenlagen gestatten Weiden-
oder Rohrgeflechte ein schnelles Abfliessen des Saftes und daher ein
gleichmässigeres Pressen, als Blechplatten. Die Grösse der Pressfläche
ist der Grösse der Kuchen entsprechend; die Kraft, mit der die Presse
wirkt, ist 500-600 Pfd. auf jeden Quadratzoll Pressfläche. Sobald die
Presse mit der gehörigen Anzahl von Pressschichten (25-50) beschickt
ist, stellt man die Communication zwischen den Druckpumpen und dem
Presscylinder her und beginnt das Pressen; unterdessen wird die zweite
Presse entleert und von Neuem beschickt. Der ausgepresste Saft fliesst
auf die Pressplatte, an deren Umkreise eine Rinne mit Abzugsrohr sich
befindet, durch welche der Saft entweder in einen Saftbehälter oder
direct in die Läuterungspfannen fliesst. Meistens findet ein
wiederholtes Pressen der Kuchen statt, da durch einmaliges Pressen nur
aus sehr feinem Brei in sehr dünnen Schichten eine genügende Menge Saft
erzielt werden kann. Da man während des Reibens der Rüben und des
Auspressens des Rübenbreies Wasser zugiebt, so lässt sich
selbstverständlich die Saftausbeute nicht aus der Quantität des
gewonnenen Saftes ermitteln, sondern nur aus dem Gewicht der
=Presslinge=. Geben 100 Ctr. Rüben 18 Ctr. Pressrückstände, so war die
Ausbeute an Saft 82 Proc. Als einen guten Durchschnittsertrag
betrachtet man indessen schon 80 Proc. (anstatt 96 Proc., welche in der
Rübe sich finden).
[Sidenote: Presslinge.]
Die bei Anwendung von hydraulischen Pressen gewonnenen
=Pressrückstände= oder =Presslinge= bestehen aus der Rübenschale, der
Cellulose, dem Pektin, den unlöslichen Proteïnsubstanzen, sowie aus den
Bestandtheilen desjenigen Theiles des Rübensaftes, welcher durch
Pressen nicht entfernt werden konnte. Sowie sie die Presse verlassen,
erscheinen sie in Gestalt eines ziemlich trockenen, zusammenhängenden
Kuchens von einigen Linien Dicke. Untersuchungen über die Presslinge
hat neben vielen Anderen =E. Wolff= (in Hohenheim) ausgeführt.
Pressrückstände von Hohenheim.
Die Rübe gepresst mit
Frische 20 Proc. 14 Proc. ohne
Rüben. Wasser. Wasser. Wasser.
Wasser 81,56 68,01 67,92 65,94
Asche 0,89 5,47 5,74 5,28
Cellulose 1,33 6,25 6,04 6,68
Zucker 11,88 7,86 7,58 6,72
Proteïnkörper 0,87 1,05 1,67 11,02
Sonstige Nährstoffe 3,47 11,36 10,05 14,31
100 Th. vorstehender Rüben lieferten 23,2 Th. Presslinge und 76,8 Th.
Saft von folgender Zusammensetzung:
Presslinge. Saft.
23,2 76,8
----- -----
Wasser 15,61 65,95
Asche 1,27 ?
Cellulose 1,47 --
Zucker 1,72 10,17
Kohlenhydrate 2,84 0,63
Proteïnkörper 0,28 0,58
----- -----
23,20 76,80
Ausser zum Mastfutter hat man die Pressrückstände zur Bereitung von
Branntwein und Essig, sowie neuerdings als Material zur Herstellung von
Papier und von Leuchtgas anzuwenden vorgeschlagen. In letzterer
Hinsicht sollen sehr gute Resultate erzielt worden sein.
[Greek: b]) Die Saftgewinnung aus dem Brei =durch Ausschleudern=. Vor
längerer Zeit und auch neuerdings wieder hat man vorgeschlagen, den Saft
aus dem Rübenbrei mit Benutzung der weiter unten zu beschreibenden
Centrifugalmaschinen -- in der Regel =Centrifugen= oder =Schleudern=
genannt -- herauszuschleudern. Man erhält auf diese Weise nach
=Frickenhaus= 50-60 Proc. Saft; den Rest soll man gewinnen, indem man den
mit Wasser angerührten Rückstand noch zweimal in der Centrifuge
behandelt. Um nicht zu sehr verdünnte Säfte zu erhalten, wird der dünne
Saft zur Maceration von zuckerreicherem Rübenbrei benutzt. Die Praxis hat
sich theilweise günstig über diese Methode der Saftgewinnung
ausgesprochen.
Die Leistung einer Schleuder von 1 Meter Durchmesser und 0,5 Meter Höhe
ist zu 100 Ctr. per Tag anzunehmen. Die Arbeitskraft ist geringer als
bei der Presse, namentlich ist die Ausgabe für die Presstücher hierbei
ganz vermieden. Die Kraft, mit welcher obige Schleuder auf den Saft
wirkt, ist 5,1 Atmosphären, wodurch gegen 60 Proc. Saft erzielt werden.
Der Rest wird durch Verdrängen mittelst Wasser bei dem verminderten
Drucke von 1,8 Atmosphären herausgeschleudert; die Quantität des
zugesetzten Wassers beträgt 50-60 Proc. des Rübenquantums; von diesen
50 Proc. bleiben 20 Proc. in den Rückständen, während 30 Proc. in den
Läuterkessel übergehen. Die übrigen Verhältnisse müssen entscheiden, ob
der Mehraufwand an Brennstoff durch die Mehrausbeute an Zucker mehr als
gedeckt wird.
[Greek: g]) Die Saftgewinnung =durch Auslaugen des Rübenbreies=
(Macerationsverfahren nach =Schützenbach=). Nach dem =älteren= Verfahren
=Schützenbach='s werden die Rüben zuerst gereinigt und dann zur
=Schneidemaschine= gebracht, welche so eingerichtet ist, dass durch
allmälige Einwirkung einer Anzahl vertikal stehender Messer und einer
horizontal auffallenden Schneideklinge die Rüben zu Parallelepipeden
(Schnitzeln) zertheilt werden, welche unter dem Einflusse der Luft sich
zusammenbiegen und nicht mehr aneinander haften. Das =Trocknen= geschieht
in Trockenräumen mit bis auf etwa 50° erhitzter Luft. Die Rübenschnitte
gehen ununterbrochen über endlose Gewebe, die in dem Trockenraume
horizontal gelagert sind. Die Luft wird auf ähnliche Weise wie in den
Malzdarren erhitzt. Die getrockneten Rüben werden entweder zu Pulver
zermahlen oder im ungemahlenen Zustande verarbeitet. Im ersteren Falle
macerirt man 4 Th. Rübenmehl mit 9 Th. Wasser, welches mit etwas
Schwefelsäure oder schwefliger Säure angesäuert worden ist, und stumpft
dann die Säure mit Kalk ab. Nach dem zweiten gewöhnlicheren Verfahren
feuchtet man die trockenen Rübenschnitte mit dünner Kalkmilch an, füllt
sie in geschlossene Cylinder und laugt sie hier mit Wasser von 80° aus.
Die weitere Verarbeitung des Saftes bietet nichts Eigenthümliches dar.
Hinsichtlich des Werthes der =Schützenbach='schen Saftgewinnungsmethode
hat sich in vielen Gegenden Deutschlands die Ueberzeugung gebildet,
dass der Kostenaufwand für die beiden Operationen des Trocknens und
Auslaugens weit grösser ist, als für die directe Verarbeitung der
grünen Rübe, ohne in Menge und Güte des gewonnenen Produktes eine
Entschädigung zu gewähren. Dennoch kann es Fälle geben, wo diese
Industrie mit Nutzen betrieben werden mag. Sie gewährt den Vortheil,
das ganze Jahr regelmässig fortarbeiten zu können, und gestattet eine
vortheilhafte Benutzung des Anlagecapitals und des Arbeits- und
Aufsichtspersonals. 4,75 Centner grüne Rüben werden (vom 1. September
1866 an) gleich 1 Ctnr. trockener Schnitzen gerechnet. Der Umstand,
dass die Maceration der Rübenschnitte äusserst langsam erfolgt und bei
erhöhter Temperatur vor sich geht, wobei der Saft leicht eine
nachtheilige Veränderung erleiden kann, hat in neuerer Zeit (1853)
=Schützenbach= veranlasst, aus dem durch Zerreiben der Rüben erhaltenen
=Rübenbrei= durch Digestion mit kaltem Wasser den Saft zu gewinnen. In
wissenschaftlicher Hinsicht verdient das =Schützenbach='sche Verfahren
alle Beachtung, in der Praxis dagegen hat es den gehegten Erwartungen
nicht immer entsprochen. Man wirft demselben vor, dass es nur bei der
sorgfältigsten Manipulation, wie sie in der Praxis nicht immer möglich
ist, eine grössere Ausbeute gäbe, als das Pressverfahren, und dass
leicht Störungen des Betriebes bei demselben eintreten.
[Greek: d]) Wie oben bemerkt, kann man den Saftinhalt der Rübenzellen
erzielen, ohne dass man die Zellen zu öffnen braucht. Die Saftgewinnung
geschieht hier =durch Auslaugen der grünen Schnitzel= (Dialyse oder
Diffusion nach =Robert=; osmotische Maceration oder Osmose nach
=Dubrunfaut=). Aus der =Schützenbach='schen Maceration hat sich das auf
Dialyse basirte Diffusionsverfahren =Robert='s herausgebildet, welches
darin besteht, dass man die grünen Rübenschnitzel mit reinem Wasser von
50° C. digerirt. Der Zucker geht durch die Zellenwandung hindurch und
löst sich in dem Wasser, während gewisse Nichtzuckerstoffe in den Zellen
zurückbleiben. Die erhaltene Flüssigkeit ist mithin eine fast reine
Zuckerlösung und kann mit Leichtigkeit von der geringen Menge fremder
Stoffe geschieden werden. Ein Nachtheil des Verfahrens liegt in der
grossen Verdünnung der Zuckerlösung. Die =Diffusionsrückstände= sind sehr
wässrig und enthalten 93 Proc. Wasser und 7 Proc. Trockensubstanz.
Vergleicht man die verschiedenen Saftgewinnungsverfahren in Bezug auf
Betriebskraft, Arbeitspersonal, Zuckerverlust etc. etc., so gebührt dem
=Diffusionsverfahren= der Vorzug und in der That findet dasselbe mit
Recht eine immer grössere Verbreitung.
[Sidenote: Scheidung des Saftes.]
3. =Die Scheidung des Rübensaftes.= Der durch Auspressen oder durch
Ausschleudern oder endlich durch Maceration aus dem Brei gewonnene
Rübensaft färbt sich an der Luft tintenartig und es scheidet sich ein
schwarzer flockiger Niederschlag aus. Je mehr freie Säure der Saft
enthielt, desto weniger leicht tritt die Färbung ein und der Saft
erscheint in diesem Falle braunroth gefärbt. Der Saft ist nicht nur eine
Lösung von Zucker, sondern eine Lösung sämmtlicher löslicher
Bestandtheile der Rübe, von welchen ausser dem Zucker die
stickstoffhaltigen Substanzen und die mineralischen Bestandtheile zu
beachten sind. Besonders die ersteren sind es, welche unter dem Einfluss
der atmosphärischen Luft in Fermente übergehen und den Zucker in
Milchsäure und andere Produkte überführen. Bis jetzt ist es noch nicht
gelungen, den gelösten Zucker von allen diesen Verunreinigungen zu
befreien. Man sucht zuvörderst nur diejenigen zu entfernen, welche der
Herstellung von reinem Zucker am meisten hinderlich sind oder durch
welche er seine Krystallisationsfähigkeit einbüssen würde. Die
angebrachte Abscheidung dieser schädlichen Stoffe ist die Aufgabe der
=Läuterung=.
Das jetzt fast allgemein eingeführte =Läuterungsverfahren= ist
folgendes: Zuerst wird der Saft in der Scheidepfanne möglichst rasch
und gleichmässig erhitzt, damit die im Safte vorhandene freie Säure
keinen nachtheiligen Einfluss auf den Zucker ausübe und die
Eiweisssubstanzen coaguliren. Das Erhitzen geschieht am zweckmässigsten
in kupfernen =Läuterungs=- oder =Defecationskesseln= mit doppeltem
Boden. Sobald durch Erhitzen des Saftes die Coagulation erfolgt ist,
was gewöhnlich bei 85° geschieht, wird verdünnte Kalkmilch zugesetzt
und innig mit dem Safte gemischt. Der Kalk sättigt die in dem Safte
enthaltenen freien Säuren, dann scheidet er die stickstoffhaltigen
Substanzen aus, welche so leicht zum Verderben des Saftes beitragen
können, oder zersetzt dieselben unter Ammoniakentwickelung. Der Kalk
verbindet sich endlich mit einem Theile des Zuckers zu Zucker-Kalk
(Calcium-Saccharat). Von den durch den Kalkzusatz frei gemachten Basen
werden Eisenoxydul und Magnesia gefällt, während Kali und Natron frei
gemacht werden. Damit der Kalk hinlänglich wirken könne, wird, nach
dessen Zusatze, die Temperatur durch Einlassen von Dampf erhöht. Die
Menge des zuzusetzenden Kalkes ist von der Beschaffenheit der Rüben
abhängig. In der Regel setzt man auf 100 Lit. Saft 1-2 Pfund Kalk zu
oder auf 2 Centner Rüben 1 Pfund. Die in Form eines Schlammes
(=Scheideschlamm=) ausgeschiedenen unlöslichen Verbindungen des Kalkes
werden von dem übrigen Zuckersaft (geschiedener Saft) getrennt. Diese
Trennung wird gegenwärtig allgemein mittelst der sogenannten
=Filterpressen= (Pressfilter, Fachfilter) bewirkt, deren Einführung in
die Zuckerfabrikation als ein bedeutender Fortschritt bezeichnet werden
muss.
[Sidenote: Entkalken oder Saturiren des Saftes durch Kohlensäure.]
Der geläuterte Saft ist keineswegs eine reine Zuckerlösung, sondern
enthält ausser dem freien Zucker Zucker-Kalk, freies Kali und Natron,
etwas Ammoniak, geringe Mengen stickstoffhaltiger organischer Substanzen,
deren Zersetzung durch die vorhandenen freien Alkalien beim weiteren
Eindampfen sich durch Ammoniakentwickelung zu erkennen giebt, organische
Säuren, namentlich Asparaginsäure, endlich Alkalisalze wie Kaliumsulfat
und Kaliumnitrat. Die fernere Behandlung des geläuterten Saftes bezweckt
nun die möglichste Entfernung dieser fremden Stoffe aus dem Safte,
namentlich die Zersetzung des Zuckerkalkes. Die Entkalkung kann geschehen
auf =physikalischem= Wege durch Knochenkohle oder auf =chemischem= Wege
durch Kohlensäure; letztere Art des Entkalkens macht indessen die
Anwendung der Knochenkohle nicht überflüssig, weil ja die Kohle nicht
blos entkalkend wirkt, aber die Menge der Kohle lässt sich beträchtlich
vermindern. Der geläuterte Saft wird, nachdem er durch ein Kohlenfilter
gelaufen ist, entweder sofort abgedampft oder mit =Kohlensäure=
behandelt, um den bei der Läuterung zugesetzten Kalk zu entfernen,
welcher sonst bei der darauf nachfolgenden Filtration über Knochenkohle,
welche gleichfalls die Eigenschaft besitzt, den Kalk des Zuckerkalkes aus
dem Safte zu entfernen, beseitigt werden muss[107]. Die Kohlensäure wurde
zuerst 1811 von =Barruel= in Paris und später von =Kuhlmann= in Lille
empfohlen, von =Schatten= und =Michaelis= aber im Grossen zum =Entkalken=
oder =Saturiren des geläuterten Saftes= angewendet. Der letztere erzeugt
die Kohlensäure aus mit Wasser angerührter Schlämmkreide (besser und
reiner aus Magnesit) und Schwefelsäure, der erstere durch Verbrennen von
Holzkohle oder von Gaskoks. Neuerdings hat =Ozouf= empfohlen, die
Kohlensäure durch Glühen von Natriumbicarbonat darzustellen.
[107] Viele Fabriken, darunter die in Waghäusel, entkalken nur durch
Filtration über Knochenkohle.
[Illustration: Fig. 213.]
In den deutschen Fabriken bedient man sich zum Zersetzen des
Zuckerkalkes der =Kleeberger='schen Pfanne; Fig. 213 zeigt eine solche
im Durchschnitt. Sie ist von Gusseisen und kastenförmig. Die
Kohlensäure wird, nachdem sie mittelst einer Lösung von kohlensaurem
Natrium und dann mit reinem Wasser gewaschen worden ist, durch das Rohr
_m_ in den Kasten _B_ geleitet, welcher mit dem heissen Safte angefüllt
ist. Das Rohr _m_ spaltet sich in zwei engere auseinandergehende
Röhren, wodurch das Kohlensäuregas besser zertheilt und der Saft besser
bewegt wird. Das nicht absorbirte Gas, zum kleinen Theil aus
Kohlensäure, zum grösseren aus Stickstoff bestehend, sammelt sich in
_B_ über dem Safte an und drängt denselben durch die Oeffnungen _P_ in
den oberen Raum _A_. Wenn dergestalt der Saft in _B_ bis unter _P_
gesunken ist, so geht das in _B_ angesammelte Gas durch die Oeffnungen
in _A_ und nochmals durch den Saft, wo die Kohlensäure vollends
absorbirt wird. Die nicht absorbirten Gase entweichen durch _n_. Nach
beendigter Einwirkung des Kohlensäuregases, daran zu erkennen, dass
der Kalk gut abgeschieden und der Saft klar ist, schliesst man den
Kohlensäurehahn _o_ und lässt dann durch _k_ den Saft in ein Reservoir
fliessen, in welchem sich das Calciumcarbonat absetzt. Der klare Saft
wird dann zur weiteren Bearbeitung abgelassen. Zur Reinigung des
Entkalkungsapparates, namentlich zur Entfernung des abgeschiedenen
Calciumcarbonates dient die Oeffnung _e_. Der zu entkalkende Saft tritt
durch das Rohr _s_ und die Rinne _t_ in den Apparat. Der abgeschiedene
Schlamm (=Saturationsschlamm=) wird in gleicher Weise wie der
Scheideschlamm in der Filterpresse von der beigemengten Zuckerlösung
getrennt.
[Sidenote: Andere Mittel zum Entkalken des geläuterten Rübensaftes.]
Anstatt der Kohlensäure (und der Knochenkohle) hat man zum Entkalken
des geläuterten Rübensaftes eine grosse Anzahl von Mitteln
vorgeschlagen, die zum grössten Theile in der Anwendung solcher Säuren
oder Substanzen bestehen, welche mit dem Kalk des Zuckerkalkes
unlösliche Verbindungen eingehen, ohne jedoch dabei den Zucker zu
verändern. Die =Oxalsäure= würde zum Entkalken sehr passend sein, da
das Calciumoxalat in der Zuckerlösung unlöslich ist; sie ist jedoch für
jetzt noch viel zu theuer, der Niederschlag hat auch das Unangenehme,
dass er äusserst fein ist und sich deshalb nur sehr langsam absetzt und
ein Filtriren durch Beutelfilter nöthig macht. Auch die =Phosphorsäure=
wurde zum Entkalken und zum Neutralisiren des alkalisch reagirenden
Saftes angewendet. Das Calciumphosphat scheidet sich in Flocken aus und
kann leicht durch Filtriren durch eine dünne Schicht gekörnter Kohle
getrennt werden. Vortheilhafter als die freie Phosphorsäure scheint das
Ammonphosphat zu sein, welches den Kalk fällt und die Alkalien
neutralisirt, während das Ammoniak frei wird, das beim Erhitzen des
Saftes entweicht. =Oelsäure= und =Stearinsäure= sind gleichfalls
vorgeschlagen worden, welche mit einer Zuckerkalklösung
zusammengeschüttelt, schon in der Kälte derselben den Kalk vollständig
entziehen. Ebenso das =Kieselsäurehydrat= und das =Caseïn=. =Acar=
setzt zu dem geläuterten Safte =Pektinsäure=, welche mit dem Kalke zu
unlöslichem Calciumpectat zusammentritt. Seitdem =Magnesiumsulfat= aus
dem Stassfurter Kieserit äusserst wohlfeil dargestellt wird, hat man es
(nach dem Vorschlage von =Morgenstern=) gleichfalls zum Entkalken und
Klären des Zuckersaftes mit grossem Erfolg angewendet. Die Magnesia
nimmt bei ihrer Abscheidung einen Theil der verunreinigenden und
färbenden Substanzen des Saftes mit. =Frickenhaus= endlich hat
neuerdings auf die Anwendbarkeit der =Fluorwasserstoffsäure= zum
Entkalken, noch mehr aber zum Entsalzen des Rübensaftes aufmerksam
gemacht. Ausser den im Vorstehenden genannten Substanzen, welche dem
Safte nach der Läuterung mit Kalk behufs der Entkalkung zugesetzt
werden, giebt es noch eine Anzahl solcher, die vor dem Kalk oder neben
demselben dem Safte beigemischt werden und den Zweck haben, =die
Läuterung vollständiger= als mit Kalk oder ohne denselben
=auszuführen=, oder mindestens den Saft so weit zu reinigen, dass bei
der darauf folgenden Filtration durch Thierkohle beträchtlich =an Kohle
gespart= werde. Hier sei zunächst die =schweflige Säure= angeführt, von
welcher man sich in der Zuckerfabrikation grosse Dinge versprach.
Bereits im Jahre 1810 empfahl =Proust=, des Calciumsulfit gegen die
schnell eintretende Gährung des Zuckerrohrsaftes anzuwenden; 1829
erhielt =Dubrunfaut= ein Patent auf die Behandlung des Rübensaftes mit
schwefliger Säure vor der Läuterung mit Kalk. Im Jahre 1849 hat
=Melsens= in Brüssel diesen Gegenstand wieder aufgegriffen und die
Anwendung von zweifach schwefligsaurem Kalk empfohlen. Bei 100°
scheidet der zweifach schwefligsaure Kalk die meisten Proteïnsubstanzen
aus ihren Lösungen ab; er wirkt nicht allein gährungswidrig, sondern
demnach auch als kräftiges Läuterungsmittel. Die in den Rüben fertig
gebildet vorkommenden Farbstoffe werden durch die schweflige Säure nur
maskirt, aber nicht zerstört; sie widersetzt sich dagegen der Färbung
des Rübensaftes durch die Luft vollkommen und bleibend. =Melsens=
glaubt, dass man bei Anwendung seines Mittels bei der Gewinnung des
Zuckers aus Zuckerrohr von der Gefahr der eintretenden Gährung nicht
mehr bedrängt, die Pfannenfeuerung durch eine Art Sonnengradirung, ja
selbst durch Gradirung auf wirklichen Gradirhäusern ersetzen könne. Bei
den Rüben fand er grössere Schwierigkeiten, besonders weil die übeln
Folgen ihres beträchtlichen Gehaltes an Salzen durch Calciumsulfit
nicht zu heben sind. Dagegen scheint ihm ein Zusatz desselben zum
ausgepressten Brei die Möglichkeit einer völligen Erschöpfung, durch
systematische Auswaschung in sichere Aussicht zu stellen. Er glaubt
auch, dass das Calciumsulfit die Knochenkohle entbehrlich machen werde.
Die durch =Melsens= in Aussicht gestellte Vereinfachung verliert jedoch
durch zwei Umstände wesentlich an Werth. Erstlich behält der fertige
Zucker einen schwefligen Geschmack bei, welcher nur durch starkes
Decken, wobei 10 Proc. abgehen, durch längeres Aussetzen des
zerstossenen Brotes an die Luft oder in einer ammoniakalischen
Atmosphäre entfernt werden kann. Zweitens fragt es sich, ob die
Presslinge mit Calciumsulfit behandelter Rüben noch als Futter
anwendbar sind. Die von =Melsens= bekannt gegebenen Vorschläge wurden
von =Dumas= in einer Weise bevorwortet, welche eine totale Umwälzung
der bisherigen Zuckerfabrikation, ein Aufhören der Fabriken von
Knochenkohle und eine folgenschwere Vermehrung der Zuckerausbeute
erwarten liess. Von allen Hoffnungen jedoch, die sich an =Melsens='
Methode knüpften, ist bis jetzt noch keine erfüllt worden.
[Sidenote: Läuterung mit Baryt.]
Die bisher abgehandelten Methoden der Abscheidung des Zuckers aus dem
Rübensafte beruhen darauf, dass die fremden Substanzen, welche den
Zucker begleiten, in eine unlösliche Form oder Verbindung übergeführt
werden, also auf einer Abscheidung dieser Stoffe von dem Zucker. Das
Umgekehrte, nämlich die Abscheidung des Zuckers von den fremden Stoffen
bezweckt das vor etwa 15 Jahren in Frankreich patentirte Verfahren von
=Dubrunfaut= und =de Massy=, das sich auf die Eigenschaft des Baryts
gründet, mit Rohrzucker in der Siedehitze eine unlösliche Verbindung
von =Zucker-Baryt= (Barium-Saccharat, C_{12}H_{22}O_{11},BaO) zu
bilden. Man versetzt den bis zum Sieden erhitzten Saft mit so viel
Aetzbaryt, als nöthig ist, um allen Zucker zu fällen. Der sich als
Niederschlag ausscheidende Zucker-Baryt wird von der Flüssigkeit, worin
alle übrigen Substanzen gelöst bleiben, getrennt, dann in reinem Wasser
suspendirt und durch Kohlensäure zersetzt. Man erhält einerseits reine
Zuckerlösung, welche wie gewöhnlich verkocht wird, und andererseits
Bariumcarbonat, welches wieder auf Aetzbaryt verarbeitet wird. Nachdem
der Zucker-Baryt durch Kohlensäure zersetzt worden ist, wird die Lösung
filtrirt und mit etwas Gyps versetzt, wo in Folge doppelter Zersetzung
die geringe Menge des noch gelösten Bariumcarbonates als Sulfat und der
Gyps als Calciumcarbonat ausgeschieden wird. Nach den Versuchen von =C.
Stammer= giebt die Abscheidung des Rohrzuckers aus der Melasse durch
Baryt nicht unbefriedigende Resultate.
4. =Die Filtration des entkalkten Saftes durch Knochenkohle, das
Verdampfen des Saftes und nochmaliges Filtriren durch Kohle.= Ehe wir die
weitere Behandlung des geläuterten und entkalkten Saftes beschreiben,
wenden wir uns zu der Einrichtung der Filter und Siedepfannen.
=Die Filtra.= Nachdem =Lowitz= die Eigenschaft der Holzkohle entdeckt
hatte, entfärbend auf gefärbte Flüssigkeiten zu wirken, wurde die Kohle
zuerst im Jahre 1798 zur Entfärbung der Melassen in den Zuckerraffinerien
benutzt. Später wurde nachgewiesen, dass das Entfärbungsvermögen der
Thierkohle, (Knochenkohle, Beinkohle), das der Holzkohle weit übertreffe.
Später entdeckte =Schatten=, dass die Thierkohle nicht nur entfärbend,
sondern auch entkalkend und entsalzend auf den Saft wirke. Darauf gründet
sich die überaus wichtige Rolle, welche die Knochenkohle in der heutigen
Zuckerfabrikation spielt. Lange Zeit wendete man sie nur als feines
Pulver an, später im gekörnten Zustande. Nach der älteren Methode
erhitzte man den Kohlenstaub mit dem abgedampften Safte und entfernte ihn
daraus wieder durch einen Zusatz von Blut, wie dies noch jetzt bei dem
Raffiniren des Rohrzuckers theilweise gebräuchlich ist.
[Illustration: Fig. 214.]
Zur Abscheidung des entfärbten und entkalkten Saftes von den
Kohletheilchen u. s. w. benutzt man häufig die 1825 von =Taylor=
angegebenen Filter, welche Fig. 214 im Durchschnitt abgebildet sind. In
einem, mit Thüre versehenen und mit Kupferblech ausgefütterten Kasten,
befinden sich zwei durch einen Querboden getheilte Abtheilungen. In der
oberen _A_ befindet sich der zu filtrirende Saft, in der unteren _B_
die Filtrirvorrichtung und der filtrirte Saft. Die Filtrirbeutel sind
Schläuche aus Baumwollzeug, und stecken in leinenen Beuteln der Art,
dass sie möglichst viele Falten bilden. Die messingenen Mundstücke der
Beutel (siehe _P_) werden in die Oeffnungen des Querbodens
eingeschraubt. Ueber dem Boden der unteren Abtheilung befindet sich ein
Hahn _a_ zum Ablassen des filtrirten Saftes. In die obere Abtheilung
gelangt der Saft durch das Rohr _o_. Das zuerst Ablaufende ist meistens
trübe und muss nochmals zurückgegossen werden. Die Poren der Filter
verstopfen sich sehr bald und die letzteren müssen deshalb öfters
ausgewechselt werden.
[Sidenote: Dumont's Filter.]
=Pajot des Charmes= war es, welcher im Jahre 1822 die Knochenkohle in
die Filter brachte und die Entfärbung mit der Filtration verband. Diese
Versuche blieben unbeachtet, bis =Dumont= 1828 die für die
Zuckerindustrie so wichtige Entdeckung machte, dass die Wirksamkeit der
Thierkohle bedeutend vermehrt wurde, wenn man sie im gekörnten Zustande
und in dicken Schichten anwende. Er entfernte von der Kohle allen Staub,
so dass nur noch grob gepulverte Kohle zurückblieb; er construirte dann
ein Filter -- das =Dumont='sche Filter -- in welchem die gekörnte Kohle
sich gänzlich in die Flüssigkeit eingetaucht fand. Diese Art der
Anwendung der Kohle gestattet es, nach dem Gebrauche die aufgenommenen
Stoffe (namentlich den Kalk) durch das sogenannte =Wiederbeleben=
(theilweise durch Behandeln der erschöpften Kohle mit Salzsäure) wieder
daraus zu entfernen, wodurch die Kohle aufs Neue brauchbar wird. Nur
durch diesen Umstand ist es möglich geworden, die Thierkohle in den
Zuckerfabriken in der erforderlichen Menge anzuwenden.
[Illustration: Fig. 215.]
Fig. 215 zeigt den Verticaldurchschnitt, Fig. 216 den
Horizontaldurchschnitt des =Dumont='schen Filters. Das eigentliche
Filter besteht aus einem hohen Gefässe _A l_ mit einem Siebboden _b b_,
über welchem die gekörnte Kohle aufgeschichtet wird. Oberhalb und unten
seitwärts (bei _C_) sind dicht zu verschliessende Oeffnungen zum
Eintragen und Entleeren der Kohle vorhanden. Wendet man Kohle von
verschiedener Korngrösse und ungleicher Wirksamkeit an, so kommt in den
unteren Theil die wirksamere und in die oberen die gröbere. Auf die
Kohle wird ein feuchtes Tuch gebreitet und ein kupferner Siebboden _c
c_ gelegt. Gewöhnlich werden mehrere Filter von einem Vorrathsbehälter
_D_ aus mit Saft gespeist. Mit Hülfe des Hahnes _d_ wird der Saft in
die Filter _A_ gebracht. Damit er darin gleich hoch stehe und unter
gleichem Drucke hindurchgehe, ist mit dem Ausflussrohr ein Hahn mit
Schwimmern _e_ verbunden. Der durch die Kohle gehende Saft kann in die
untere Abtheilung des Filters nicht gelangen, ohne die darin
befindliche Luft auszutreiben, welcher letzteren ein Ausweg durch das
zu diesem Behufe angebrachte Steigrohr _t_ angewiesen ist. Der
Siebboden unter der Kohle ist gewöhnlich noch mit einem Rohrgeflecht
bedeckt, darauf kommt ein leinenes oder wollenes Tuch. Nachdem die
Kohle in ihrer Wirkung erschöpft ist, süsst man die Filter mit
kochendem Wasser aus, um allen Zucker daraus zu gewinnen. Zuweilen
leitet man auch den Saft von einem Filter auf ein zweites, falls das
erstere den Saft nicht genügend reinigt und die Kohle doch noch
Unreinigkeiten aufzunehmen vermag.
[Illustration: Fig. 216.]
[Sidenote: Pfannen.]
Die =Pfannen=, welche zum Abdampfen des filtrirten Saftes und zum
Einkochen des Klärsels dienen, lassen sich, je nachdem man freies Feuer
oder Dämpfe oder heisse Luft zum Erhitzen benutzt, je nachdem
unterbrochen oder continuirlich, bei gewöhnlichem oder vermindertem
Luftdrucke gearbeitet wird, hinsichtlich der Art des Verdampfens
eintheilen in solche, die
I. bei =gewöhnlichem Luftdrucke= arbeiten, und zwar
a) über freiem Feuer als feststehende und Schaukel- oder Kipppfannen,
oder
b) mit Hochdruckdampf und
c) mittelst erwärmter Luft;
II. bei =vermindertem Luftdrucke= (Vacuumpfannen). Der luftverdünnte
Raum wird erzeugt
a) mit Hülfe der Luftpumpe,
b) durch die Toricelli'sche Leere,
c) mittelst Dampf und Condensation desselben oder
d) durch Combination von a und b.
Die Pfannen sind theils auf periodischen, theils auf continuirlichen
Betrieb eingerichtet.
Was die Abdampfpfannen, die aus Kupfer bestehen, =über freiem Feuer=
betrifft, so hat man bei ihrer Construction nicht allein auf ökonomische
Verwendung des Brennstoffs, sondern auch auf den Einfluss derselben auf
die Qualität der Produkte und auf leichte Ausführung der Arbeit zu sehen.
Ein grosser Uebelstand beim Verdampfen über freiem Feuer ist die Gefahr
der Ueberhitzung des von der Zuckerlösung nicht bedeckten Randes und die
Schwierigkeit, das Feuer schnell vermindern zu können, wie es beim
Entleeren der Pfannen nöthig ist, wenn nicht ein Theil des Zuckers in
Caramel übergeführt werden soll.
[Illustration: Fig. 217.]
[Illustration: Fig. 218.]
[Illustration: Fig. 219.]
Diese Uebelstände werden durch eine Fig. 217 im Verticaldurchschnitt
und Fig. 218 im Grundrisse abgebildete Construction der Feuerung zum
Theil beseitigt. _D_ ist die Abdampfpfanne, _A_ der Herdraum, _B_ der
Feuerraum, _C_ der Aschenfall, _E_ der Schornstein. Der Brennstoff
gelangt durch _a_ auf den schief liegenden Rost _b_. Durch die Oeffnung
_d_ lässt sich der Rost rein erhalten. Der Feuerraum ist mit einem
oberhalb verschlossenen Gewölbe bedeckt, in welchem die seitlichen
Oeffnungen _e e_ die Hitze gleichmässig in den Herdraum gelangen
lassen. Von hier aus gelangen die Verbrennungsgase durch die Kanäle _f
f_ nach abwärts und werden durch den Kanal _G_ in den Schornstein
geleitet. _l l_ sind geschlossene Oeffnungen, welche kalte Luft in den
Herdraum _A_ zu leiten gestatten. Leichter als in den feststehenden
Pfannen ist das Entleeren der Zuckerlösung in den =Kipp=-, =Schaukel=-
oder =Schwungpfannen= auszuführen. Sie sind flach, 30-36 Centim. tief,
gehen (Fig. 219) in einen breiten Schnabel aus und sind um eine
horizontal auf der Umfassungsmauer gelagerte Axe mittelst eines Hebels
und Ketten beweglich. Hier wird das Feuer ununterbrochen unterhalten;
hat der Saft die erforderliche Concentration erreicht, so hat der
Arbeiter nur an dem Hebel _m_ zu ziehen, und die Pfanne zu entleeren.
Sehr wirksam ist die auf =Anwendung von Wasserdämpfen= sich gründende
=Pfanne= von =Pecqueur=, deren Einrichtung aus Fig. 220 und 221
hervorgeht. Sie erscheint von oben gesehen länglich viereckig und an
der einen schmäleren Seite abgerundet; auf dem Boden liegen rostähnlich
die Dampfröhren. Der Dampf tritt durch das Rohr _a_ in das weitere
Rohrstück _b_, von welchem sechs gebogene Röhren den Dampf dem
Rohrstücke zuführen, von welchem aus das Condensations-Wasser durch das
Rohr in den Dampfkessel zurückgeleitet wird. Diese directe
Zurückleitung hat einmal den Vorzug, dass nur diejenige Wärme verloren
geht, die durch die äussere Abkühlung verloren gehen muss; das andere
Mal gestattet sie ein schnelleres Abdampfen, weil in dem Röhrensystem
sich nur der heissere Dampf befindet. Bei diesen Pfannen sind ferner
die Röhren _a_ mit _b_ und _e_ mit _d_ so verbunden, dass eine Drehung
der Rohrstücke _b_ und _d_ möglich ist, ohne dass _a_ und _e_ ihre Lage
verändern. Diese Drehung erlaubt die Heizröhren mit Leichtigkeit zu
reinigen und die Pfanne schnell zu leeren, welche mit Hülfe des
Hebelarmes _m_ um einige Zoll nach dem Hahne _g_ hin, durch welchen der
Saft ausfliesst, geneigt gestellt werden kann. Durch diese Einrichtung
wird die =Pecqueur='sche Pfanne eine Kipppfanne.
[Illustration: Fig. 220.]
[Illustration: Fig. 221.]
Auch mit Hülfe =erwärmter Luft= hat man das Abdampfen des Saftes unter
gleichzeitiger Erniedrigung der Temperatur zu erreichen gesucht, so z.
B. in den Abdampfapparaten von =Brame-Chevallier= und =Péclet=. Der
Apparat des ersteren hat folgende Einrichtung: Mittelst einer
Dampfmaschine bewegte Pumpen treiben Luft durch mit Dampf geheizte
Röhren nach den offenen Abdampfpfannen mit doppelten Böden. Hier tritt
sie heiss aus dem oberen siebähnlichen durchlöcherten Boden in den
Saft, welcher mit einer Dampfspirale erwärmt wird. Die Luft vertheilt
sich in kleinen Bläschen in dem Safte und entweicht dampfbeladen.
[Illustration: Fig. 222.]
Die übrigen Abdampfpfannen, in denen erhitzte Luft zum Abdampfen
benutzt wird, bieten nichts Eigenthümliches mit Ausnahme eines von
=Péclet= beschriebenen Apparates (Fig. 222). Die Pfanne _A_, durch
directes Feuer geheizt, ist oben mit einem gewölbten Deckel
verschlossen. Ueber der Pfanne liegt die Axe _a_, die inwendig mit
Flügeln versehen ist, welche durch Leisten mit einander verbunden sind,
über welche feine Metallsiebe so gespannt sind, dass dadurch mehrere
ineinander steckende Walzen entstehen. Die durch den Saft zu treibende
Luft wird in _B_, einem geschlossenen Raume, erhitzt, in welchem Röhren
_f_ liegen, welche, von der abgehenden Hitze des Ofens umgeben, die
Luft, die der Ventilator _C_ liefert, erwärmen. Die Luft kommt beim
Drehen der Axe mit dem durch die Walzen gehobenen Safte in Berührung
und dampft ihn ab. Die Wasserdämpfe entweichen durch _e_, die
Verbrennungsgase durch _g_.
[Sidenote: Vacuumpfannen.]
Die wichtigste Verbesserung in den Apparaten zum Eindampfen des
Zuckersaftes ist die von =Howard= im Jahre 1812 eingeführte Anwendung des
luftverdünnten Raumes, in welchem die Verdampfung weit leichter vor sich
geht und das Sieden bei weit niedrigerer Temperatur erfolgt, als unter
den gewöhnlichen Bedingungen, unter welchen das Sieden bei dem Drucke
einer Atmosphäre von statten geht. Der niedrigste Siedepunkt des Klärsels
in den Vacuumpfannen ist 46,1° C., die gewöhnliche Siedetemperatur
65,5-71,1°. Man entgeht dadurch der Gefahr, durch hohe Temperatur und
gleichzeitige Einwirkung der Luft einen Theil des krystallisirbaren
Zuckers in nicht krystallisirbaren oder gar in Caramel überzuführen.
Ungeachtet ihrer Kostbarkeit und des zu ihrem Betriebe erforderlichen
Aufwandes von mechanischer Kraft sind die Apparate, in denen das
Verdampfen im luftverdünnten Raume geschieht -- die =Vacuumpfannen= --
gegenwärtig allgemein im Gebrauche.
Die wesentlichen Theile einer jeden Vacuumpfanne sind 1) die Kochpfanne
und 2) eine Vorrichtung zum Entfernen der Luft und der erzeugten
Saftdämpfe. Die Construction der Kochpfanne ist fast bei allen
Apparaten gleich und die Abweichungen zeigen sich hauptsächlich nur in
der Art und Weise, wie der luftverdünnte Raum hergestellt und erhalten
wird.
[Illustration: Fig. 223.]
[Illustration: Fig. 224.]
In Frankreich sind die von =Derosne= construirten Apparate sehr
verbreitet. In Deutschland sind sie durch einfachere und weniger
kostspielige Einrichtungen längst verdrängt. Diese Vereinfachung wurde
ermöglicht theils durch vervollkommnete Dampfmaschinen, theils durch
Ersparniss an Brennmaterial und durch zweckmässige Einrichtung der
Luftpumpe, in deren Folge dieselbe wieder Anwendung finden könnte. Fig.
223 und 224 zeigen einen in deutschen Zuckerfabriken sehr gewöhnlichen
Abdampfapparat. Die Kochpfanne _B_ besteht aus zwei luftdicht
verbundenen Kugelsegmenten und ist oben mit einem Helm versehen,
welcher durch das Rohr _l_ mit dem Condensator _A_ verbunden ist. Der
Apparat wird durch Dämpfe, welche das Dampfrohr _r_ und _s_ liefert,
geheizt. Der Dampf circulirt in der in der Pfanne befindlichen Spirale
_g_. Der verkochte Saft wird durch Oeffnen des Hebelventils _f_ durch
das Rohr _o_ in den untergesetzten Behälter _p_ abgelassen. Wenn die
Pfanne nach beendigter Kochung entleert ist und von Neuem gefüllt
werden soll, so setzt man sie mittelst des Rohres _l_ und _w_ mit
einer Luftpumpe in Verbindung. Ist die Luft gehörig verdünnt, was man
an dem Manometer _h_ sieht, so kann man durch Oeffnen des Rohres,
welches den Klärselbehälter mit der Vacuumpfanne verbindet, das Klärsel
in Folge des Uebergewichtes des äusseren Druckes in die Pfanne treiben,
so dass die Füllung durch Einsaugen von selbst vor sich geht.
Zweckmässiger ist indessen die Einrichtung mit dem Messcylinder _G_,
welcher die in die Pfanne zu bringende Quantität von Klärsel, Syrup
oder auch Wasser genau zu messen gestattet. Dieser Messcylinder steht
durch das Rohr _a_ oben und durch _i_ unten mit der Kochpfanne in
Verbindung und ist mit einem Glasrohr _n_ versehen, welches den Stand
der Flüssigkeit anzeigt. Mit Hülfe der drei Röhren _b_, _c_ und _d_
kann man nach Belieben Klärsel, Syrup oder Wasser in den Messcylinder
bringen. Mittelst des Rohres _u_ kann man Dampf durch Kochpfanne und
Condensator streichen lassen (ausblasen oder dämpfen), um zur
Unterstützung der Luftpumpe die Luft schnell auszutreiben. Vermittelst
des Probeziehers oder Stechers _e_ lässt sich eine Probe des verkochten
Klärsels nehmen. Der Hahn _g_ ist der Fetthahn, durch welchen man, um
das Aufschäumen des kochenden Saftes zu mässigen und dessen
Uebersteigen zu verhüten, etwas Butter oder nach =Sostmann=
zweckmässiger Paraffin in die Pfanne bringen kann, _f_ ist ein
Mannloch, um den Apparat reinigen zu können. In der halben Höhe der
Pfanne ist eine Scheibe aus starkem Spiegelglas eingesetzt, welcher
eine zweite gegenüber steht, um den Gang des Kochens beurtheilen zu
können. Der Condensator besteht aus dem Mantel _B_, welcher so
eingerichtet ist, dass der möglicherweise übersteigende Saft sich nicht
mit dem Wasser des Condensators mischt, sondern abgelassen wird. Das
Rohr _x_ zeigt die Höhe des Saftes in diesem Zwischenraume an. Durch
das Rohr _m_ gelangt kaltes Wasser nach dem Condensator und strömt
darin das brausenartig gebildete Ende dieses Rohres aus. Das
Thermometer _z_ zeigt die Temperatur im Innern der Pfanne an.
Nachdem die Luftpumpe in Thätigkeit gesetzt worden ist, öffnet man das
Rohr _c_, welches zum Saftbehälter _q_ führt, damit der Messapparat
sich fülle. Dadurch, dass man _m_ schliesst und _z_ öffnet, gelangt der
Saft in die Pfanne. Sobald dieselbe etwa zur Hälfte gefüllt ist, öffnet
man das Dampfrohr _s_, wodurch der Inhalt der Pfanne rasch ins Sieden
kommt. Darauf setzt man den Condensator in Thätigkeit. Die erzeugten
Saftdämpfe treten durch _l_ in den Condensator und werden in _w_
schnell condensirt und mit dem Condensationswasser durch [Greek: b]
abgeleitet. Zuweilen findet man auch die =Trappe='sche Einrichtung, bei
welcher die =Toricelli='sche Leere Anwendung findet. Der Condensator
ist in solcher Höhe angebracht, dass er etwa 10,6-11 Meter über der
Sohle des Fabrikgebäudes steht; von ihm reicht ein unten offenes Rohr
bis in einen Wasserbehälter hinab, wo es durch Wasser geschlossen wird.
Aus diesem Behälter fliesst dann das zugeleitete und verdichtete
Wasser, wovon in dem Rohre nur so viel stehen bleibt, als dem Grade der
Luftverdünnung in dem Apparate entspricht. Je nachdem man die
=Trappe='sche Vorrichtung als Luftpumpe benutzt oder nicht, spricht man
von Condensation mit =trockener= Luftpumpe (nach =Trappe=) oder mit
=nasser=. Bei Anwendung der trockenen Luftpumpe hat die gewöhnliche
Luftpumpe nur die Luft zu entfernen, welche sich nach und nach aus dem
Verdichtungswasser entwickelt. Im andern Falle hat sie auch das Wasser
zu entfernen. Man hat durch die Trappe'sche Einrichtung den Vortheil
einer grossen Ersparung an Triebkraft: die nasse Luftpumpe erfordert
2-3 Pferdekraft, die trockene kaum 1 Pferdekraft zu ihrem Betriebe;
ferner hat man grössere Freiheit in der Zulassung des
Verdichtungswassers. Die trockene Luftpumpe ist dagegen in ihrer
Wirkung zulässiger. Als Luftpumpe wendet man zweckmässig eine
sorgfältig gearbeitete zweistiefelige Saugpumpe an; arbeitet sie
»nass«, so muss alles Condensationswasser durch die Ventile hindurch;
bei den trockenen Luftpumpen geht nur Luft, nie Wasser durch die
Ventile.
[Sidenote: Abdampfen des Saftes.]
Wie schon früher angegeben wurde, bleiben nach dem Läutern und dem
Erkalten ausser dem krystallisirbaren Zucker eine Anzahl Substanzen in
dem Safte zurück, die auf die weitere Behandlung desselben von Einfluss
sind. Neben dem Zucker als Zuckerkalk -- da die Entkalkung vermittelst
Kohlensäure nie bis zu Ende geführt wird -- enthält der Saft freies Kali
und Natron, etwas Ammoniak, gewisse stickstoffhaltige organische
Substanzen (z. B. Asparagin), deren Gegenwart durch die beim Abdampfen
hervortretende Ammoniakentwickelung[108] zu bemerken ist, endlich eine
nicht unbedeutende Menge von Alkalisalzen, z. B. Kaliumnitrat,
Kaliumsulfat, Chlornatrium u. s. w. Ausserdem finden sich in dem Safte
Levulose und die Zersetzungsprodukte derselben durch den Kalk und die
Alkalien -- Humussubstanzen, welche den Saft bräunlich erscheinen lassen.
[108] Das Ammoniak kann mit Leichtigkeit gewonnen werden. Nach =Leplay=
und =Cuisinier= ergaben directe Versuche für eine Fabrik von 1000
Hektoliter Saft bis zu 300 Kilogr. Ammonsulfat täglich.
Das =Abdampfen des geläuterten Saftes= soll zunächst eine Concentration
bezwecken, welche soweit fortzusetzen ist, bis der Saft von Neuem mit
Vortheil gereinigt werden kann. Das Abdampfen muss möglichst rasch
geschehen, da die Qualität des Zuckers durch eine längere Einwirkung
einer höheren Temperatur um so mehr leidet, je unvollkommener derselbe
geläutert wurde. Ehedem setzte man das Abdampfen des Saftes in der
Regel bis zu 24-25° B. Dichte fort, ehe man ihn durch Thierkohle
filtrirte. Gegenwärtig zieht man es vor, den Saft durch das erste
Abdampfen nur soweit zu concentriren, als noch Ammoniakentwickelung zu
bemerken ist, wozu meist eine Concentration bis auf 10-12° B.
hinreicht. Nach Beendigung der Ammoniakbildung, wodurch die gänzliche
Zerstörung der stickstoffhaltigen Körper, die noch einen zerstörenden
Einfluss auf einen Theil des Zuckers ausüben könnten, angezeigt ist,
kann der Saft ohne Nachtheil seinen Kalk verlieren. Man wird daher um
so früher zum Abdampfen schreiten können, je vollständiger die
Zersetzung der stickstoffhaltigen Körper bei der Läuterung vor sich
gegangen ist. Die zweite Reinigung geschieht durch =Filtration über
Kohle=, welche die Aufnahme der färbenden Bestandtheile des Saftes, des
Kalkes, eines Theiles der Alkalien und gewisser organischer Substanzen
bezweckt. Wendet man die Kohlensäure zum Entkalken an, so kommt der
über Knochenkohle filtrirte Saft fast kalkfrei zum Kochen.
[Sidenote: Verkochen des Klärsels.]
5. =Das Verkochen des verdampften und filtrirten Saftes= (Klärsels) =zur
Krystallisation=. Nach der zweiten Filtration durch Knochenkohle gelangt
der bis auf 24° B. verdampfte Saft, der bisher den Namen =Dünnsaft=
führte, nun aber =Dicksaft= (Klärsel, Kochkläre) heisst, in die
Kochpfanne, um bis zum Krystallisationspunkte =verkocht= zu werden.
Normaler Saft verdampft schnell und lässt dabei durch das Zerspringen der
Blasen ein eigenthümliches Knattern hören. Man spricht in diesem Falle
von »_trocken sieden_«. Wirft der Saft grosse, schwere und trübe Blasen,
siedet er »_fett_«, so hat derselbe eine fehlerhafte Beschaffenheit, eine
Folge vorhandener freier Alkalien; durch vorsichtigen Zusatz von
Schwefelsäure soll man diesen Uebelstand beseitigen können.
Als Zeichen der genügenden Concentration des verkochten Saftes wendet
man verschiedene Proben an. Die Ermittelung des _specifischen
Gewichtes_ kann nicht maassgebend sein, weil einmal die Temperatur von
grossem Einflusse auf die Dichte des Klärsels ist und dann auch bei
gleicher Temperatur in Folge vorhandener Mineralsalze und anderer
Unreinigkeiten nie aus der Dichte ein sicherer Schluss auf die richtige
Concentration zur Abscheidung des krystallinischen Zuckers gezogen
werden kann. Nur ganz allgemein lässt sich angeben, dass das Verkochen
bis 40-42° B. (heiss ermittelt) fortgesetzt werden soll. Besser noch
als die Dichte würde man den _Siedepunkt des Dicksaftes_ oder
_Klärsels_ zur Bestimmung der Concentration des Klärsels anwenden
können, da der Siedepunkt des verkochten Klärsels bei 112-120° liegt,
wenn nicht die fremden Substanzen auch auf den Siedepunkt von Einfluss
wären und ihn erhöhten. Man benutzt daher zur Erkennung der
erforderlichen Concentration weniger physikalische als empirische
Proben, von denen folgende, die in der Zuckerfabrikation überhaupt und
nicht nur beim Verkochen des Klärsels vorkommen, angeführt sein mögen.
Die =Fadenprobe=, bei welcher man einen Tropfen Klärsel auf den Daumen
bringt und mit dem Zeigefinger verreibt, wobei sich schon durch Uebung
die genügende Concentration erkennen lässt; sicherer geschieht dies,
indem man die Finger trennt; aus der Fadenlänge und aus der Art und
Weise, wie der Faden abreisst, beurtheilt man die Concentration. Ist
der Saft nicht genügend verkocht, so reisst der Faden bald ab, nach
weiterem Abdampfen lässt er sich aber so lang ziehen, als dies durch
die Trennung der Finger nur möglich ist. Reisst der Faden etwa in der
Mitte der Länge ab, die er überhaupt erreichen kann, und zieht sich der
obere Theil hakenförmig zusammen, so hat das Klärsel diejenige
Concentration, bei der nach dem Erkalten der Zucker krystallinisch
ausgeschieden wird; man spricht dann von der =Hakenprobe=. Weit
zuverlässiger als durch die Fadenprobe lässt sich der Grad des
Verkochens durch die =Blasen=- oder =Pustprobe= ermitteln. Man benutzt
hierzu einen flachen Schaumlöffel (Pustspan), den man in das kochende
Klärsel taucht und dann schnell herausnimmt, sodass nur wenig Saft
daran haftet, worauf man gegen die Oeffnungen des Löffels bläst,
wodurch sich auf der hinteren Seite Blasen bilden, deren Dauer, Grösse
und Wanddicke (das Irisiren) den Arbeiter die erlangte Concentration
genau erkennen lässt. Je nachdem man von dem Schaumlöffel nur einige
wenige Blasen oder eine grosse Anzahl derselben fortblasen kann, welche
kleinen Seifenblasen ähnlich, als lockerer Schaum die davon fliegen,
unterscheidet man die =schwache= und =starke Blasenprobe=. Je leichter
die Bläschen sind, desto concentrirter ist die Masse. Bei dem Verkochen
des Dicksaftes in den Vacuumpfannen unterscheidet man das =Blankkochen=
(Fadenprobekochen) und das =Kornkochen=. Bei dem Blankkochen wird das
Verkochen nur so weit fortgesetzt, dass das Krystallisiren später durch
Erkalten erfolgt und durch Rühren befördert wird. Bei einer besseren
Zuckermasse kann man die Krystallisation statt im Kühler schon in der
Vacuumpfanne eintreten lassen, wodurch eine grössere Menge von
Krystallen erhalten wird. Letzteres ist das Kochen »auf Korn«.
[Sidenote: Die Arbeit auf Rohzucker oder Brotzucker.]
6. =Die Arbeit auf Rohzucker oder auf Brotzucker.= Nachdem der Dicksaft
in den Vacuumpfannen auf die erforderliche Concentration gebracht worden
ist, findet mit dem Erkalten die Krystallbildung und Ausscheidung der
Krystalle statt und zwar um so vollständiger und schneller, je reiner der
Saft war. Die fernere Behandlung der Masse bezweckt eine möglichst
vollständige Abscheidung der Melasse von den Zuckerkrystallen und das
Ueberführen der letzteren in die gebräuchliche Form von Rohzucker und von
Broten (Saftmelis). Der entweder =blank= oder =auf Korn= verkochte
Dicksaft kommt aus der Vacuumpfanne in ein kupfernes Gefäss, den
=Kühler=, in welchem man den Zucker entweder allmälig erkalten lässt
oder, wenn er bei niedriger Temperatur eingekocht wurde, erwärmt. Die zum
Erwärmen dienenden Gefässe -- Anwärmer, -- besitzen einen doppelten Boden
und werden durch Dampf erhitzt. Das Local, in welchem die Anwärmer
aufgestellt sind, die =Füllstube=, ist ebenfalls geheizt. Durch das
Anwärmen beabsichtigt man, einen Theil der Krystalle zu einer höchst
concentrirten Zuckerlösung zu lösen, aus welcher sich beim Erkalten in
den Formen krystallinischer Zucker (Füllmasse) abscheidet, der der Masse
Consistenz giebt.
Von den =Formen= unterscheidet man nach ihrer Grösse:
Melisformen mit 30- 34 Pfd. Füllung
Lompsformen " 60- 70 " "
Basterformen " 120-150 " "
Die konischen Formen (Fig. 225) bestanden früher und bestehen auch
häufig noch aus einer Masse von feingeschlämmtem Thon und gepulverter
Charmotte, waren nach einer Lehre auf der Drehscheibe aufgedreht, in
einer Modellform ausgeglichen, dann mit einer Maschine, aus mehreren
Klingen bestehend, welche so zusammengefügt sind, dass sie mit ihren
Schneiden einen Kegel bilden, im Lichten ausgedreht. Da die grossen
Formen dem Druck des Zuckers nicht widerstehen würden, so umgiebt man
sie mit dünnen Spänen von Buchenholz, welche durch starke Reifen
umbunden werden. Sie sind an ihrer Spitze offen und ruhen auf Töpfen,
welche den abfliessenden Syrup auffangen sollen. Gegenwärtig sind die
Zuckerhutformen fast allgemein aus glasirtem oder gefirnisstem
Eisenblech (in Frankreich in neuerer Zeit auch aus Papiermaché)
gefertigt. Für Rohzucker hat man als Krystallisirgefässe grosse
Blechkisten eingeführt.
[Illustration: Fig. 225.]
[Illustration: Fig. 226.]
Nachdem der Zucker in den Kühlern auf die passende Temperatur gebracht,
schreitet man zum =Füllen=. Man nimmt den Zucker mit Hülfe eines
kupfernen Schöpflöffels heraus und bringt ihn in das =Füllbecken= von
Kupfer mit breitem Ausgusse und eisernen Handhaben versehen. Bei _der
älteren Methode des Verkochens_ des Klärsels über freiem Feuer, wobei
der Zucker nicht erwärmt, sondern abgekühlt wurde, füllte man die
Formen nicht auf einmal voll, sondern nur etwa bis zum dritten Theile,
nach einiger Zeit wurden sie bis zu zwei Dritttheilen und endlich ganz
angefüllt. Man suchte durch dieses Verfahren eine möglichst
gleichmässige Mengung des Kornes zu erreichen, weil das Unterste im
Kühler ein stärkeres Korn hat als das Oberste. Nach etwa 10 Minuten
nach dem Füllen der Formen entsteht auf der Oberfläche der Brote eine
Krystalldecke, worauf man zum =Holen= (zum Holen der Krystalle aus der
Spitze der Form) schreitet; zu diesem Zwecke sticht man mit einem 1,3
Meter langen Messer in die Masse, lockert den an der Spitze fest
gewordenen Zucker auf, löst die Krystalldecke vom Rande der Form ab und
arbeitet die Masse einigemal durch. Durch dieses Stören der
Krystallisation suchte man eine regelmässige Dichte der Zuckermasse zu
erzielen. Nach einer halben Stunde wird die nämliche Operation -- das
=Stirren= (Stören) -- wiederholt. _Beim Kochen in den Vacuumpfannen_
und bei der Benutzung glasirter eiserner Formen fällt das Füllen in
drei verschiedenen Absätzen, des Holen und Stirren weg. Man schlägt
oder rührt dagegen die Masse in der Kühlpfanne, bis sich Krystalle von
der gewünschten Feinheit in hinlänglicher Quantität gebildet haben. Um
die weisse Farbe des Zuckers zu erhöhen, setzt man zu dem verkochten
Klärsel eine kleine Menge von Ultramarin (auf 1000 Ctr. Zucker genügen
2-1/2 Pfd. Ultramarin).
Zu geringeren, schwierig krystallisirenden Zuckersorten (Rohzucker)
nimmt man grössere Formen (Basterformen), zu den besseren Sorten
(Brotzucker, Saftmelis) die kleinen Melisformen. Nach Verlauf von 24
Stunden ist die Zuckermasse soweit erkaltet, dass man die Formen nach
Beseitigung der Leinwandpfropfen auf Untersätze oder auf besondere
Gestelle bringen kann. Unter den Gestellen (Fig. 226) befindet sich ein
Gefäss zum Auffangen des abfliessenden Syrups, welcher durch das Rohr
_o_ in besondere Gefässe fliesst. Damit der nicht krystallisirte Theil
besser abfliesse, stehen die Formen warm, bohrt man ferner die untere
Oeffnung der Form. Der abgeflossene Syrup heisst =grüner= oder
=ungedeckter Syrup=.
[Sidenote: Decken.]
Der in den Formen befindliche Zucker wird durch das sogenannte =Decken=
weiter gereinigt und von allen nicht krystallisirten Theilen befreit. Das
Decken ist nichts anderes als ein Auswaschen der in den Zwischenräumen
der verworrenen Zuckerkrystallisation zurückgebliebenen Melasse, welche
die Farbe, die Festigkeit und die Trockenheit des Hutzuckers
beeinträchtigen würde.
Die älteste Methode des Deckens ist die durch Filtration mit Hülfe von
Wasser, welches sehr allmälig aus einem =Thonbrei= fliesst. Anstatt den
Zucker unmittelbar auf den Thonbrei zu legen, bedeckt man den Zucker
vorher mit einem Stück Leinwand. An der Stelle des Thonbreies hat man
neuerdings feuchte Papiermasse (Ganzzeug der Papiermasse) anzuwenden
vorgeschlagen. Das Wasser des Thonbreies bildet mit einem kleinen
Theile Zucker einen reinen Zuckersyrup, welcher die Melasse verdrängt
und nach unten treibt. Der Zuckersyrup bleibt zwischen den Krystallen
und setzt beim Trocknen wieder krystallinischen Zucker ab. Der während
des Deckens ablaufende Syrup heisst =Decksyrup= und wird nach einem
jedesmaligen Decken gesondert aufgefangen. Das Decken mit Thon wird nur
noch selten angewendet, weil es unreinlich ist, viel Arbeit macht und
einen nicht unbeträchtlichen Verlust an Zucker nach sich zieht.
Namentlich zur zweiten Decke nimmt man lieber =Klärsel= oder
=Zuckerbrei=. Im letzteren Falle entfernt man 2-3 Zoll tief den Zucker
aus den Formen und mischt diesen mit Wasser zu einem honigdicken Brei,
welchen man dann auf den abgekratzten Formen wieder vertheilt. Benutzt
man Klärsel, so stellt man dieses durch Auflösen der besseren
Zuckerabfälle in Wasser dar, welches nach dem Klären in der Kälte 30°
B. zeigt. Zur Entfernung der letzten Feuchtigkeit aus den Broten
benutzt man allgemein die (von =Kranschütz= construirten) =Nutsch=-
oder =Saugapparate=, aus liegenden Röhren bestehend, welche auf der
oberen Seite mit trichterförmigen Oeffnungen versehen sind, in die die
Spitze der Form mit Hülfe eines Ringes aus vulkanisirtem Kautschuk
luftdicht passt. Die Röhren communiciren mit einem Reservoir zur
Aufnahme der Melasse, in dem durch eine Luftpumpe ein luftverdünnter
Raum erzeugt wird, um aus den Spitzen den Syrup zu saugen.
[Sidenote: Clairciren und Centrifugiren.]
Durch die Kostspieligkeit des Deckens -- namentlich wenn es sich um
Rohzucker handelt -- ist man veranlasst worden, dasselbe zu umgehen und
durch andere Methoden zu ersetzen, so durch das =Clairciren=, wobei man
den verkochten Zucker nicht in den Formen, sondern in den Kühlern unter
Umrühren krystallisiren lässt und die krystallinische Masse in die
=Schützenbach='schen Kästen mit Böden aus feinem Metallgewebe bringt,
durch dessen Löcher der Syrup abtropft. Die zwischen den Zuckerkrystallen
befindliche Melasse wird durch reine Zuckerlösung verdrängt und sodann
der feuchte Zucker in Formen gefüllt. Man wendet das Clairciren
gewöhnlich zum Reinigen des zweiten Produktes an; seit der Einführung der
=Centrifugalmaschinen= (Centrifugen) zum Ausschleudern oder Centrifugiren
ist jedoch das Clairciren sehr ausser Gebrauch gekommen, welche man
gegenwärtig in allen Zuckerfabriken zum Reinigen der Produkte und
Nachprodukte anwendet.
[Illustration: Fig. 227.]
Der wesentlichste Theil dieses für die Zuckergewinnung so wichtigen
Apparates (Fig. 227 stellt die Construction von =Fesca= dar) ist eine
oben offene Trommel _a_ von feinem Metallgewebe, die auswendig durch
Bandeisen die erforderliche Festigkeit erhält. Sie wird innerhalb eines
gusseisernen Behälters _b b_ mit einer Geschwindigkeit von 1000-1500
Umdrehungen in der Minute umgetrieben, zu welchem Zwecke die eiserne
Axe _e_ an ihrem obern Ende ein mit Leder überzogenes konisches
Frictionsrad _c_ enthält, das durch ein gleiches _d_ umgetrieben wird.
Der innere Raum der Trommel wird durch einen Conus aus Blech _g_
beengt, wodurch der zu trocknende Zucker mehr dem Rande der Trommel
genähert, aber auch Platz für drei Flughämmer gewonnen wird, die das
Gleichgewicht der Trommel bei der raschen Umdrehung erhalten sollen.
Der mittelst der Centrifuge zu reinigende Zucker muss eine
gleichmässige Masse ohne Klumpen bilden. Je nach der Beschaffenheit der
Masse bringt man, nachdem der Apparat in Bewegung gesetzt worden ist,
60 bis 100 Pfund Masse in die Centrifuge. Die Masse steigt an der
Trommelwand in die Höhe und giebt vermöge der Centrifugalkraft den
Syrup durch die Löcher des Metallgewebes ab, während die Zuckermasse im
trockenen Zustande zurückbleibt. Man ist im Stande, durch diesen
Apparat in 10-15 Minuten einen Centner trockenen Zuckers zu erhalten.
Zur Entfernung des den Zuckerkrystallen fest anhaftenden Syrups
befeuchtet man die in dem Apparate zurückgebliebene Masse mit dünnem
Syrup und setzt sie nochmals der Wirkung der Centrifugalkraft aus.
[Sidenote: Löschen und Trocknen.]
Ist aller Syrup aus dem Zucker -- aus dem Brote -- entfernt und der Boden
des Brotes ziemlich trocken geworden, so reinigt man den Boden mit einem
Messer oder einer Bürste, was man das =Plamotiren= oder =Planiren= nennt.
Darauf lässt man die Brote in den Formen so lange stehen, bis der Boden
etwa einen Zoll tief hart geworden ist, und entfernt sie dann aus den
Formen. Letztere Operation heisst das =Löschen=; man stösst die Form
gelinde gegen einen Holzblock (Löschstuhl), bis das Brot sich gelöst hat.
Die Brote werden, ohne sie aus der Form zu nehmen, auf Bastmatten
umgekehrt, damit die in der Spitze befindliche Feuchtigkeit sich
gleichmässig vertheile, und dann in die =Trockenstube= gebracht. Vorher
wird die äusserste Spitze abgeschlagen und dem Brote eine neue Spitze
angedreht. In der Trockenstube werden die Brote anfänglich bei 25°,
zuletzt bei 50° getrocknet. Die gehörig getrockneten Brote werden in
einem besonderen Raume einpapiert, gebunden, gewogen und auf's Lager
gebracht.
Wenn das bis zum Krystallisationspunkt eingedampfte Klärsel, die
Zuckermasse durch Erkalten krystallisirt ist, wobei der Zucker die
Gestalt kleiner körniger Krystalle annimmt, und sodann der Syrup
abgeschieden worden ist, so wird der erhaltene Zucker als =erstes
Produkt= bezeichnet. Der so gewonnene Syrup enthält aber noch eine
bedeutende Menge krystallisirbaren Zuckers, welchen man durch
Weiterabdampfen und Erkalten gewinnt und =zweites Produkt= nennt. Es
ist schon weniger rein als das erste. Durch ähnliche Behandlung des
von dem zweiten Produkt gewonnenen Syrups ist dann noch ein =drittes=,
dann ein =viertes Produkt= zu gewinnen. Den von letzterem abgelaufenen
Syrup noch weiter zu behandeln, lohnt sich selten der Mühe, weshalb man
ihn als =Melasse= verwerthet. Das zweite Produkt wird entweder als ein
geringer Rohzucker verkauft oder durch Wiederauflösung, Abdampfen und
Krystallisiren in ein dem ersten gleiches Produkt verwandelt, ebenso
wird durch Umarbeiten des dritten Produktes zweites erzielt u. s. w.
Drittes und viertes Produkt werden gewöhnlich =Nachprodukte= genannt.
In einer Fabrik wurden in den letzten Jahren im Durchschnitt aus 100
Kilogr. Rüben gewonnen:
erstes Produkt, zu 97 Proc. 5,8 Kilogr.
zweites " " 92 " 2,25 "
drittes " " 87 " 0,80 "
------------
8,85 Kilogr.
viertes Produkt, Melasse, Manko 3,65 "
------------
Füllmasse 12,5 Kilogr.
Je nach ihrer Reinheit heissen die producirten Zucker feine
=Raffinade=, =Melis=, =Lumpen=- oder =Kochzucker=, =Farinzucker= u. s.
w. Unter =Saftmelis= versteht man eigentlich nur Hutzucker, welcher aus
reinem Dicksaft, also unmittelbar aus der Rübe erhalten wird,
thatsächlich aber lässt sich die Saftmelisfabrikation dahin definiren,
dass sie in der Verbesserung der Rohsäfte durch Einwerfen der
Nachprodukte in der Weise besteht, dass ein gleichartiges Klärsel sich
bildet, aus welchem man guten Melis darstellen kann.
[Sidenote: Rübenmelasse.]
Die =Melassen=, die in so grosser Menge bei der Rübenzuckerfabrikation
sich bilden, enthalten meist zu viel fremde Stoffe (Caramel, Salze,
Asparaginsäure), um wie die Rohrzuckermelasse als Versüssungsmittel
Anwendung finden zu können. Man verarbeitet sie deshalb auf Spiritus und
benutzt den Rückstand nach dem Abdestilliren zur Fabrikation von
Schlempekohle (vergl. Seite 137), die auf Potasche verarbeitet wird (eine
Arbeit, die seit dem Erschliessen der Stassfurter Kalisalzlager nicht
mehr lohnend und deshalb an vielen Orten in Deutschland wieder
eingestellt worden ist). Da der Rübenmelassenspiritus wegen seines übeln
Geruches und Geschmackes geringen Werth hat, so verwendet man die Melasse
häufig als Viehfutter -- eine Anwendung, die alle Beachtung verdient.
Seit einigen Jahren wandern grosse Mengen Rübenmelasse aus Deutschland
nach Frankreich, um dort zur Bierbereitung Verwendung zu finden. Die
Zusammensetzung der Melasse ist verschieden und richtet sich nach der
Qualität der verarbeiteten Rüben und nach der Arbeitsmethode in den
Fabriken. 100 Th. Melasse (vergl. Seite 137) enthielten
Zucker 50,1 49,0 48,0 50,7
Nichtzucker 33,3 35,8 34,0 30,8
Wasser 16,6 15,2 18,0 18,5
-----------------------------
100,0 100,0 100,0 100,0
Es ist nicht ohne Erfolg versucht worden, den Rohrzucker aus der
Melasse mittelst Baryt (vergl. Seite 452) abzuscheiden. Die Alkalisalze
hat man aus der Melasse durch Zusatz von Kieselfluorwasserstoffsäure zu
fällen versucht.
[Sidenote: Kandiszucker.]
Mit dem Namen =Kandiszucker= bezeichnet man den in grossen und harten
Krystallen dargestellten Zucker. Man benutzt zu seiner Fabrikation fast
ausschliesslich nur Rohrzucker. Rübenzucker bildet zu lange und platte
Krystalle. Im Maximum setzt man von letzterem 20 Proc. zu.
Der zur Darstellung von Kandiszucker dienende Zucker wird mit 3-4 Proc.
feiner Knochenkohle, dann mit Eiweiss geklärt und filtrirt. Ist das
Klärsel klar, so schreitet man zum Kochen, wozu man gewöhnlich eine
Schaukelpfanne über freiem Feuer benutzt. Aus den Kühlern gelangt das
verkochte Klärsel sofort in die Krystallisirgefässe; letztere sind von
Kupfer oder von lackirtem Eisenblech. Die Wände dieser Gefässe sind in
acht oder zehn Reihen durchlöchert, um Fäden durchziehen zu können,
welche in den Krystallisirgefässen horizontal und in gleichmässiger
Entfernung ausgespannt sind. In Hamburg, wo der Kandis sonst und noch
jetzt fast ausschliesslich von einzelnen Arbeitern gemacht wird, lässt
man das vorkochte und vorgewärmte Klärsel in kupfernen Töpfen
(=Potten=) krystallisiren, die ebenfalls an den Seiten Löcher haben,
durch welche sechs Reihen Fäden (1 Zoll vom Boden der Töpfe bis oben)
horizontal ausgespannt sind. Nachdem die Töpfe vorgerichtet sind,
umklebt man den Topf äusserlich mit Stärkekleister und Papier, damit
kein Syrup durch die Oeffnungen dringt (man sagt: die Potten sind
geklickst), füllt das Klärsel ein und überlässt sie in der Stove sich
selbst. Bei braunem Kandis kann man das Verkleistern umgehen, weil der
Syrup Consistenz genug besitzt, um nicht durch die feinen Oeffnungen
abzufliessen, und ausserdem auch die Oeffnungen bald durch kleine
Kandiskrystalle verschlossen werden. Bei Anwendung von grossen
Krystallisirgefässen verstopft man die Oeffnungen mit einem dicken Brei
aus feinem Thon, Asche und Rindsblut. Die Temperatur in der
Trockenstube wird anfänglich auf 75° erhalten, nach Verlauf von 6 Tagen
steht sie noch auf 45-50° und in 8-10 Tagen ist die Krystallisation
beendigt. Während des Krystallisirens ist jede Erschütterung, jeder
Luftzug, welcher der regelmässigen Bildung der Krystalle hinderlich
wäre, zu vermeiden. Nach beendigter Krystallisation wird der Kandis
herausgenommen und von der oben befindlichen schwachen Krystallrinde,
dem =Dexel=, und von dem Syrup (dem Kandisstörzel) durch Umstürzen über
ein Reservoir befreit, über welchem ein Sieb liegt. Darauf wird der
Kandis gespült, d. h. man füllt das Krystallisirgefäss mit schwachem
Kalkwasser an und schüttelt, bis der den Krystallen adhärirende Syrup
abgewaschen ist, worauf man das Spülwasser ausleert und vollständig
abfliessen lässt. Das Spülwasser muss lauwarm angewendet werden, zu
kalt würde es ein Springen der Krystalle veranlassen, zu heiss würden
die Krystalle erblinden. Nachdem alles Spülwasser abgelaufen ist,
löscht man die Krystallisationsgefässe, indem man sie umgestürzt auf
eine ebene Steinplatte bringt und von aussen klopft, bis der Zucker
losgelöst ist. Wo man die Fäden zum Krystallisiren verwendet, löst man
aussen die Zwirnsfäden, worauf der Kandis leicht auf ein
untergebreitetes Tuch fällt. Man kann auch den Kandis von den Wänden
der Krystallisirgefässe dadurch lösen, dass man letztere einige
Augenblicke in siedendes Wasser taucht. Der so erhaltene Kandis ist,
nachdem er etwa einen Tag lang getrocknet worden war, fertige
Handelswaare. Man unterscheidet drei Sorten Kandiszucker, den
=weissen=, aus vollkommen weissen, fast wasserhellen Krystallen
bestehend, den =gelben=, dessen Krystalle eine strohgelbe Farbe
besitzen, und den =braunen=, von einer dem gewöhnlichen Rohrzucker
ähnlichen Farbe. Im französischen Flandern fabricirt man auch
=schwarzen= Kandis, dort unter dem Namen _Sucre de Boerhaave_ bekannt.
Zur Fabrikation des braunen Kandis dient Rohzucker mittlerer Qualität,
für gelben Kandis wendet man gedeckten Zucker an, für den weissen
endlich raffinirten Zucker. Der Kandis wird in grosser Menge fabricirt
und verbraucht. Die Hauptanwendung des weissen Kandis besteht in der
Bereitung des sogenannten »Liqueur«, einer Lösung von Kandis in Wein
und Cognac, die in der Champagnerfabrikation eine grosse Rolle spielt,
ferner verwendet man ihn in allen Fällen, wo es sich um die Herstellung
einer klaren Zuckerlösung ohne Klärung handelt. Den gelben Kandis
benutzt man in Belgien und in einigen Gegenden Deutschlands zum
Versüssen von Thee und Kaffee. Grosse Mengen des braunen und gelben
Kandis werden endlich als Heilmittel bei katarrhalischen Affectionen
consumirt: es unterliegt wol keinem Zweifel, dass zu diesem Zwecke
diejenigen Kandissorten vorzuziehen sind, deren Krystalle
nichtkrystallisirbaren Zucker (Schleimzucker, Chylariose) in grösserer
Menge einschliessen.
[Sidenote: Statistica über Produktion von Rübenzucker.]
Fasst man die gegenwärtige =Rübenzuckerproduktion= zusammen, so ergiebt
sich, dass die jährliche Produktion im Jahre 1870 gegen 16,000,000 Ctr.
betrug; davon kommen auf
den Zollverein 4,000,000 Ctr.
Frankreich 6,000,000 "
Russland 2,500,000 "
Oesterreich 2,500,000 "
Belgien 500,000 "
Schweden 400,000 "
Holland 100,000 "
---------------
16,000,000 Ctr.