Bertha von Suttner zugeeignet.
+Harmannsdorf+, im Frühjahr 1898.
[Illustration]
Erster Abschnitt.
„Ich mag nicht.“
„Dieses Wort kennt man hier nicht, mein Kind: Du mußt.“ Die Klosterfrau
mit dem strengen blassen Gesicht drückte mir den Löffel so fest in die
Hand, daß es mich schmerzte. Ich würgte die verhaßte Suppe hinunter und
mit ihr die Frage, weshalb ich denn eigentlich „müsse.“
Zu Hause, da hatte es immer geheißen: „Tu’s mir zuliebe, Mimi“, und da
aß ich den ganzen Teller blank und war reichlich belohnt, durch das
freundliche Lächeln meiner Eltern.
„Du mußt.“ Jetzt erst gewahrte ich die schadenfrohen Blicke der
Schülerinnen, mit denen ich nun Tag für Tag beisammen sein sollte. Eine
stieß mich ganz besonders ab. Es lag ein böser, harter Zug um ihren
Mund und in den grünen Augen blitzte es höhnisch auf. Da fühlte ich
mich mit einemmale so grenzenlos verlassen und mit der Kindern eigenen
Intensivität, malte ich mir meine Zukunft an diesem Orte in den
düstersten Farben aus.
Bis zu diesem Augenblicke hatte ich mich den neuen Eindrücken
hingegeben, wie jemand ganz Unbeteiligter. Der kahle, weißgetünchte
Saal mit den langen Pultreihen und dem erhöhten Sitz für die
„Aufsicht“, das Alles kam mir so seltsam vor.
Noch mehr aber verwunderte mich die Frage „ob ich mich freue, ob ich
gern gekommen sei?“ Ich besann mich nicht erst lange, sondern erwiderte
rundweg: „Nein.“ Mein Blick schweifte zu den Mädchen hinüber. Sie
hatten wie auf Commando die Zähne auf die Unterlippe gepreßt und ein
vernehmliches „Mais vraiment“ gemurmelt. Wer nur auch so unverschämt
aufrichtig sein konnte! Damit kommt man nicht weit; ich blieb es auch
nicht lange.
Wie träge die Stunden dahinschlichen; noch nie hatte mir ein Tag so
endlos lang geschienen.
Christine, das Mädchen mit den bösen Augen schlich sich in einem
unbewachten Moment an mich heran und riß mir das Band vom Zopfe.
„Du garstiges Ding“, es war mir unwillkürlich entschlüpft. Sie aber
flugs bei Mère Walter. „Mimi sagt mir „Du“ und ist grob.“
Nun erfuhr ich, daß man sich nicht „Du“ sagen und nicht empfindlich
sein dürfe. Christine hätte es ganz zufällig gethan.
„Das ist nicht wahr.“
„Mein Kind, geh’ in den Winkel.“
Diese Ungerechtigkeit erweckte meinen Zorn. „Ich will nicht“ und dabei
stampfte ich mit dem Fuße auf. Mère Walter machte kurzen Proceß; sie
packte mich mit festem Griff am Arme und schleifte mich in die Ecke.
„So.“
Nun löste sich mein Widerstand in Tränen auf und ich empfand die
Ohnmacht des Schwachen dem Starken gegenüber. Und zugleich mit dem
Bewußtsein meiner Hilflosigkeit loderte es in meinem Innern auf, gleich
einer zündenden Flamme, etwas Wildes, Dämonartiges -- der Haß.
Das war mein erster Tag im Kloster, nur ein dünnes Glied der langen,
langen Kette.
Ich sprach das Abendgebet nicht mit, denn ich kam mir vergessen, von
Gott verlassen vor und lügen konnte ich damals noch nicht.
„Papa“ -- weshalb hatte er mir das, gerade das angethan? Tiefe
Sehnsucht nach dem alten lieben Heim trat an die Stelle der Auflehnung;
es wurde ruhig in meiner Seele und ich weinte mich still in den Schlaf.
* * * * *
Wir standen im Halbkreis, mit den dunkelblauen Sonntagskleidern
angetan, endlos lange Bandschleifen um den Hals, und warteten auf die
Notenverteilung. Allwöchentlich wurden nämlich kleine Karten mit „sehr
gut“, „gut“ und „ziemlich gut“ ausgegeben, je nach dem Verdienste der
Schülerinnen.
Ich war lächerlich klein für meine acht Jahre und befand mich als
Allererste vor dem Platze, den bei dieser Gelegenheit die Oberin
einzunehmen pflegte.
Pünktlichkeit schien nicht gerade ihre starke Seite zu sein. Wir
warteten schon eine geraume Weile, als Mère Walter hereingestürmt
kam und uns geheimnisvoll zuflüsterte: „~Attention mes enfants, la
révérende Mère.~“ Gleichzeitig intonierte das Harmonium ein frommes
Lied und die Zöglinge stimmten mit ein.
Tiefe Verbeugung beim Eintritt der Erwarteten. Alle setzen sich. Mère
Walter klappt ein großes dunkles Heft auf, lächelt mit verbindlicher
Miene der Oberin zu, und beginnt dann die Verlesung. Eine endlose,
immer gleichförmige Litanei von lauter „Sehr gut“, „sehr gut“, „gut“,
die mich bei Weitem weniger fesselt, als das Gesicht der ehrwürdigen
Mutter. Um ihren zahnlosen Kiefer zuckt es wie unausgesetzte Blitze und
der große Kopf baumelt im Takte auf und ab. Es erinnert mich an die
chinesische Pagode auf unserem Kamin zu Hause und diese Ähnlichkeit
macht sie mir sympatisch. Ob sie wohl besser, sanfter ist als die
Anderen? Da plötzlich werde ich aus meiner Betrachtung aufgeschreckt.
„Mimi Steindorf, ziemlich gut.“
Mechanisch stelle ich mich vor den Tisch, mache einen ungeschickten
Knix und streckte meine Hand aus, um die Karte in Empfang zu nehmen.
„Es sind Klagen über Dich eingelaufen, Kind“, -- wie rauh und
unangenehm ihre Stimme klingt -- „Du mußt Dein Benehmen ändern und Mère
Walter um Verzeihung bitten,“ und da ich zögere: „Nun, wird es? --
schnell.“
„Ich habe nichts getan.“
„Was? -- Schäme Dich. Ich verbitte mir solche Antworten. Senke den
Blick. Mère Walter, halten Sie ihr heute eine Vorlesung über die
christliche Demut; sie scheint es dringend zu benötigen.“ Rote Flecke
zeigen sich bei diesen Worten auf ihren fahlen Wangen und lassen das
Gesicht geradezu abschreckend erscheinen. Es gleicht der gepuderten,
clownartigen Maske eines Perlhuhnes.
Nach diesem Vorgang spürte ich nicht die geringste Reue. Im Gegenteil:
ich nahm mir vor, „wirklich schlimm“ zu sein, so daß sie es nicht
länger mit mir aushielten und mich zurückschicken müßten. Ich lernte
absolut nichts, schnitt Mère Walter Grimmassen und schrieb einen
kläglichen Brief an Papa, der aber nie an seine Bestimmung gelangte, da
er der strengen Censur nicht Stand gehalten hatte.
Meine Eltern besuchten mich nach einem Vierteljahre und durch meine
Bitten schwach gemacht, erlösten sie mich zum Teil von meiner Qual,
indem sie mich „Externe“ werden ließen. Vielleicht empfanden sie auch
Gewissensbisse, als sie mein blasses Gesicht, die schlechte Haltung
gewahrten.
Freilich, ich hatte die Disteln nicht gerade gegen Rosen vertauscht.
Gleich zu Anfang schienen mir meine Eltern gänzlich verändert. Die alte
Zärtlichkeit war einem lauernden Mißtrauen gewichen, und ich wußte nur
zu wohl, wer dieses Gift in ihre Seele geträufelt hatte. Von Natur
aus zurückhaltend in meinen Liebesbeweisen, wartete ich unbewußt auf
Entgegenkommen. Doch vergeblich.
Es geschah nicht selten, daß, wenn ich irgend eine komische Situation
aus dem Klosterleben in ganz harmloser Weise schildern wollte, Papa mir
das Wort mit dem Bemerken abschnitt: „Ich dulde nicht, daß Du Dich über
die würdigen Schwestern lustig machst.“
Und so hütete ich ängstlich meine Zunge, legte jedes Wort auf die
Wagschale, wurde scheu und verschlossen.
Wenn man aber eine junge lichtdürstende Winde in den Schatten stellt,
läßt sie das Köpfchen hängen und verkümmert.
* * * * *
Wie das weh tut, wenn man noch halbverschlafen aus den Federn muß!
Jeden Morgen setzte es förmliche Kämpfe ab zwischen Clara, der Zofe,
und mir.
„Nur noch eine Viertelstunde, nur noch zehn Minuten, bitte, liebe
gute Clara; ich bin so schrecklich müde.“ Ich hätte ihr in meinem
Schlafbedürfnis ein Königreich angeboten für diesen kurzen Genuß. Und
je nach ihrer Laune und vermutlich nach dem Inhalte des Briefes, den
sie tags zuvor von ihrem „Gefreiten“ erhalten, ließ sie sich erweichen
oder bestand auf ihrer Forderung.
Dieses unbeschreiblich wohlige Gefühl des bewußten Schlummerns, des
traumlosen Träumens, wer hätte es nicht ungezähltemale selbst empfunden!
Doch wie kurz währte die Gnadenfrist! Clara entzündete die Kerze
und zog die Jalousien auf. Und jedesmal, namentlich im Winter,
verspürte ich tiefes Unbehagen, eine Art von Katzenjammer, wenn ich
durch halbgeöffnete Lider in den farblosen Morgen blinzelte. Doch
Clara schien wenig Sinn für meine Stimmungen zu haben. Sie zog mir
mit energischem Ruck die Decke herab und installierte sich mit dem
Elektrisier-Apparat an meinem Bette.
Auch ein Erfolg des Klosters. Die storchbeinigen Stühle und die niederen
Pulte bewirkten die ersten Symptome einer Rückgrat-Verkrümmung. Ich
zuckte wie ein Frosch; dieses Prickeln und Stechen wie von scharfen
Nadelspitzen war mir gräßlich. Dann kam das Eisenmieder an die Reihe.
Auf diese Weise eingepanzert, fühlte ich mich beengt und unbeholfen,
unfähig, mich zu bücken. Mère Walter machte mir einmal eine arge
Scene, da ich ihr den herabgefallenen Zwirnknäuel nicht aufgehoben.
Ich duldete lieber die Strafe, als einfach zu erklären, das Mieder
sei schuld daran, denn ich schämte mich halb zu Tod und zitterte vor
der Entdeckung. Da würden sie dann ihre Witze über mich machen, mich
verhöhnen, Christine an der Spitze, -- nur das nicht. Ich litt ja
ohnedies gering an den Regungen unbefriedigter Eitelkeit, da meine
Eltern von krankhafter Sparsamkeit waren und oft die allernötigsten
Auslagen scheuten.
„Mama, ich möchte so gerne ein paar Knopfstiefletten haben“ und ich
zeigte ihr die durchlöcherten Sohlen.
„Man kann sie doppeln lassen. Und was hast Du denn gegen die
Zugstiefletten; sie thun genau denselben Dienst, nur daß sie billiger
sind. Wozu denn so verschwenden?“ Ich mußte also die geschmacklosen
Chaussüren forttragen, zur heimlichen Freude Christinens, die mich
nächstenliebend „das Bettlerkind“ getauft hatte.
Auch das Kleid mußte ich solange benützen, bis die Ellenbogen
durchgewetzt waren und der Rücken glänzte. Neue Handschuhe und
Haarbänder gab es nur alle heiligen Zeiten einmal, und wenn der Mantel
nicht mehr paßte, wurde solange der Kreuz und Quere nach angesetzt, bis
von der ursprünglichen Façon nichts mehr zu erkennen war. Was Wunder
da, wenn ich stets nur „ungenügend“ in der Ordnung bekam! Papa hielt
mir dann lange Strafpredigten, „ich sollte mich zusammennehmen, Andere
brächten es ja auch fertig.“
Andere! Wie leicht das gesagt war. Da war eben nicht jede
Neuanschaffung von Vorwürfen und Lamentationen begleitet, während bei
mir! -- Nicht einmal ungebrauchte Bücher hatte ich; lauter beschmutzte
Einbände mit Fingerspuren und überklebten Stellen. Wie beneidete ich
meine Nachbarin, die große Gertrud, um die vielen nagelneuen Bände!
Überdies besaß sie ein Gebetbuch, das von den feinsten französischen
Spitzenbildern strotzte, und einen Federnbehälter aus ~papier mâché~
mit einer Veilchenguirlande darauf. Ich rechnete und überlegte,
wie lange es wohl dauern würde, bis ich mir ähnliche Gegenstände
kaufen könnte. Ein paar Jahre gut, wenn Papa mein Monatsgeld von 30
Kreuzern nicht erhöhte. Und selbst dieser minimale Betrag hing von
den erhaltenen Klassen ab. Also blutwenig Aussicht! Diesmal würde es
ohnedies wieder nur „gut“ geben.
Mère Walter ließ mich auf ihr Zimmer rufen. Mein Herz klopfte zum
Zerspringen und ich starrte noch immer in tötlichem Schreck den Zettel
an, der meine Nummer trug. Ja „17“, da gab es keinen Ausweg.
Ich legte die Schürze ab und setzte mich auf das „Folterbankerl“ vor
ihrer Thüre, um zu warten, bis meine Vorgängerin herauskäme. Wäre sie
doch ewig drin geblieben, oder gleich erschienen, schon im nächsten
Moment, damit es überstanden wäre. Meine Wangen brannten, die Hände
glühten und förmliche Krämpfe befielen mich. Was sie nur wieder sagen
würde? Vielleicht gar nichts Besonderes, oder wegen der französischen
Aufgabe, dem Stockfisch. Schließlich wichen die klaren Gedanken einer
maßlosen Furchtempfindung. Ich blickte hinüber zu den arbeitenden
Gefährtinnen, die gesammelt der Lektüre lauschten. O daß ich doch an
ihrer Stelle gewesen wäre, nur nicht gerade „ich“, oder überhaupt weit
weg, ganz anderswo.
Jetzt hörte ich Schritte. Ich raffte mein bischen Mut zusammen, blickte
zum Himmel, machte hastig ein Kreuzzeichen nach dem anderen und gelobte
dem lieben Gott, „brav zu sein“, der heiligen Jungfrau, „fleißig zu
lernen“, der heiligen Filomena, „das Stillschweigen zu beobachten“,
lauter Dinge, von denen ich nachträglich keine Ahnung mehr hatte.
Übrigens pflegten mich meine Heiligen in der Regel schmählich im Stich
zu lassen. Und am Ende verdiente ich ja ihre Hilfe gar nicht, wenn
ich wirklich so schlecht war, wie Mère Walter behauptete. „In der
Kirche eingeschlafen, 6 schlechte Punkte wegen Unaufmerksamkeit in der
französischen Stunde und des Ungehorsams am Freitag.“
O dieser Freitag, wie verabscheute ich ihn. Schon beim Eintritt ins
Refektorium drang mir der penetrante Geruch von Einbrennsuppe und
Stockfisch entgegen. Ich versuchte zu essen, doch schon beim ersten
Bissen meinte ich, ersticken zu müssen. Ich zog den Atem an, um den
abscheulichen Geschmack weniger zu spüren. „Mir wird schlecht. Darf
ich es stehen lassen?“ -- „Nein, Du wirst essen.“ Ich nahm die Bissen
in den Mund, schluckte sie aber nicht, sondern schob sie in die
Wangenhöhlung und behielt sie da bis nach beendigtem Mittagsmale. Dann
stahl ich mich in den Garten, drückte das Taschentuch an den Mund und
warf es mitsammt dem Stockfisch in die geöffnete Kellerluke.
Hierauf ging es in die Kirche, um den „Kreuzweg“ zu beten. Es war
eisig kalt, wir traten uns beim Aufstehen auf die Füße, stießen an den
Bankecken an und beteten etwas Lateinisches, das wir auswendig gelernt
hatten, ohne den Sinn zu verstehen:
„~Sancta Mater, istud agas;
Crucifixi fige plagas
Cordi meo valide.~“
Mein Magen knurrte und der Kopf that mir weh. Den ganzen Nachmittag
über fühlte ich Schwindel und eine eigentümliche Beklemmung. Zu Hause
wurde es noch ärger; ich klagte über Hitze und Kälte und hatte heftige
Üblichkeiten. Man schickte nach dem Arzte, einem noch jungen Manne und
Freund Papas.
Er stellte mir die gewöhnlichen Fragen der Doktoren an die Patienten
und als er hörte, daß man mich zum Essen gezwungen habe, geriet er in
Zorn. „Solch’ ein Unsinn! Ich lasse den ehrwürdigen Schwestern sagen --“
Papa räusperte sich bedeutungsvoll und führte ihn in ein Nebenzimmer.
Ich hörte deutlich, wie er meinen Eltern auseinandersetzte, daß
es unverantwortlich sei, Kinder auf diese Art zu quälen. Gegen
Idiosynkrasie lasse sich nichts machen; Zwang sei eine völlig falsche
Methode, nur geeignet, den gesunden Organismus zu untergraben. Die
Engländer seien viel vernünftiger in dieser Beziehung. „Vor Allem soll
sich der Körper kräftigen, entwickeln, dann lernt es sich von selbst.
Schicken Sie die Mimi hinaus aufs Land zur Großmama. Im Freien sein,
herumspringen den ganzen Tag, das ist das Richtige.“
Wie hüpfte mir das Herz bei der bloßen Vorstellung. Ein weiches, warmes
Dankgefühl gegen meinen Anwalt stieg in mir auf; ich hätte seine
Hände fassen und sie küssen mögen. Ja, hinaus nach Steindorf, das war
mein Traum und ich jubelte innerlich auf. Doch alsbald sanken meine
Hoffnungen auf Null.
„Ein großer Irrtum, ich kann mir als Freund diese Bemerkung schon
erlauben,“ sagte der Doktor -- Papas Erwiderung war mir entgangen -- --
„Die Kinder sind nicht für die Eltern da, im Gegenteil.“
Zu viel für meinen Kopf. Was das eigentlich hieß, faßte das
Begriffsvermögen der Achtjährigen noch nicht. Später freilich erinnerte
ich mich -- o wie oft -- an diese Worte. Wie hatte er doch Recht
gehabt, der gute Doktor Vogler.
* * * * *
Von nun an durfte ich eine halbe Stunde später aufstehen und wurde von
der Freitagsabstinenz freigesprochen. Sonst fanden keine wesentlichen
Veränderungen zum Bessern statt; viel Lernen und recht trockenes Zeug
mitunter, blutwenig Erholung.
Um 8 Uhr Morgens versammelten wir uns zur Messe in der kleinen
Hauskapelle. Wir sangen aus großen grauen Büchern Kirchenlieder und
da nur die Wenigsten Gehör und Notenkenntnis besaßen, ging es oft
jämmerlich daneben. Eine wahre Katzenmusik.
Meine Aufmerksamkeit galt ganz anderen Dingen, als dem Gebete selbst.
Ich bewunderte die heilige Filomena, die, eine lebensgroße Wachspuppe,
in einem Glasschrein ruhte. Bald hatte sie ein fliederfarbenes, bald
ein rotes goldgesticktes, dann wieder ein weiß und grünes Kleid, da sie
über eine sehr zahlreiche Garderobe verfügte. Auf dem blondgelockten
Haupte, das etwas zurückgebogen in den Kissen lag, trug sie eine
massive Goldkrone, mit echten Rubinen besetzt. Es war die Gabe einer
reichen Gräfin, die ihre Genesung der Fürsprache unserer jugendlichen
Heiligen verdankte.
Und die vielen duftenden Wachskerzen! Ich zählte sie gewissenhaft ab,
schloß dann die Augen halb und gewahrte nur einen bläulichen Schimmer,
ganz rund, wie eine kleine Sonnenscheibe; keine deutlichen Flammen
mehr, Alles floß ineinander, vermengte sich, nur wunderlich-schillernde
Arabesken.
Oder ich vertiefte mich in den Anblick der künstlichen Blumenstöcke.
Steife, königliche Lilien wechselten mit purpurnen Malven und dunklen
Pensées ab.
Die Schwester-Pförtnerin lieferte diese Kunstwerke. Ich hatte ihr
zugesehen, wie sie, ganze Berge bunten Stoffes vor sich, zuschnitt
und klebte. Warum sollte es mir nicht auch gelingen? Ich verfertigte
eine Rose aus Seidenpapier, fand sie sehr schön und schenkte sie Mama.
Tags darauf lag sie mit anderm Kehricht auf der Schaufel. Kinderherzen
sind empfindlich. Von nun an behielt ich meine Blumen für mich oder
ich schmückte meinen kleinen Zimmeraltar damit. Natürlich nur aus
Nachahmungstrieb, denn vorderhand war mir die Frömmigkeit im wahren
Sinn des Wortes ein Buch mit sieben Siegeln.
Ich plapperte mein Morgen- und Abendgebet in Papas Gegenwart herunter
wie ein Papagei, mit den Gedanken Gott weiß wo. Oft blieb ich mitten
drin stecken, wiederholte, oder vergaß auch, für Daisy Clairvinceau,
Anna Auerbach und Sektionschef Kalb -- verstorbene Freunde der Eltern
-- die „ewige Ruhe“ zu erflehen. Ein verweisender Blick Papas genügte,
um mich vollends aus der Fassung zu bringen; ich stotterte und
verhaspelte mich umsomehr.
Damit wir während der Andacht nicht gestört wurden, mußte ich die Thür
verriegeln. Mama vergaß bisweilen nach der Stunde zu sehen und drückte
vehement die Schnalle nieder. Papa murmelte dann etwas, das einer
Verwünschung nicht unähnlich war.
Darauf mußte ich Tag für Tag dieselben Gedichte ableiern. „Der
Sperling“, „Kommt die Nacht mit ihren Sternen“ und „Die Uhr“.
„Die Sonne sinkt,
Der Vollmond blinkt,
Der Bauer schließt die Scheune,
Denn auf dem Turme schlägt es Neune“,
und so weiter, alle Stunden des Tages und der Nacht durch.
Dieses endlose Poëm hatte mir den Haß eines alten Herrn eingebracht,
der in mir eine gefährliche Concurrentin erblickte. Er sprach für sein
Leben gern und verzieh mir niemals, daß er eine halbe Stunde nicht zu
Wort gekommen. „Kinder gehören nicht in den Salon“, äußerte er wütend.
Um diese Zeit wünschte ich mir sehnlichst ein Gebetbuch in Leder
gebunden, wie das von Gertrud. Nein, wenn ich das hätte! Wie die
Blätter rauschten und knisterten -- es mußte eine Wonne sein. Ich
schüttete Wasser auf mein Büchlein und verklebte die Seiten mit Gummi
-- jetzt rauschte es auch.
Mit wie wenig gibt sich doch solch’ kleines Ding zufrieden und wie
unsinnig ist die Freude am erfüllten Wunsch. Ich hatte mir das Bitten
abgewöhnt; ich kannte die abschlägigen Antworten im Voraus. Eine
Zeitlang verzichtete ich und dann -- der Wahrheit zuliebe sei’s gesagt
-- dann stahl ich. Einen Monat blieb es unentdeckt, dann brach die
Catastrophe los, die mich in Aller Augen zur Diebin stempelte.
* * * * *
Als ich eines Morgens den Studiensaal betrete, wirft mir Mère Walter
einen Blick zu, der mir das Blut in den Adern erstarren macht und sagt
mit dröhnender Stimme: „Folge mir.“
Mir ahnt nichts Gutes. Totenblaß tripple ich durch eine lange
Zimmerflucht hinter ihr her. Die Knie zittern mir vor Angst und ich
meine in den Boden versinken zu müssen vor Scham. „Vorwärts!“ befiehlt
meine Führerin.
Jetzt stehen wir stille; sie klopft. „Entrez.“ Ich wünsche mich tot.
Die Erkenntnis des begangenen Unrechts, das ich erst jetzt in seiner
vollen Größe erfasse, lastet mir mit Centnerschwere auf der Seele. Ich
bin halb besinnungslos vor Angst. Einen Moment blitzt mir der Gedanke
auf, zu leugnen, doch da liegen sie ja alle aufgestappelt, die ~corpora
delicti~ -- nicht eines etwa, nein ein halber Tisch voll -- und
grinsen mich verzweifelt überzeugend an. Ach Gott, was war mir da nur
eingefallen?
Ich stehe vor der Oberin, mit Armensündermiene, am ganzen Körper
bebend wie Espenlaub. Bevor sie noch ein Wort gesprochen, sinke ich
in die Knie: „Verzeihung“ -- ich presse die Worte mühsam unter Tränen
hervor.-- „das eine -- einzigemal, -- ich werde nie wieder -- so was
thun. Gewiß -- ich will mir -- viel Mühe geben -- nur nichts Papa sagen
-- das eine Mal.“
„Steh’ auf, kleine Comödiantin. Wer stiehlt, der lügt auch. Ich glaube
nicht an Deine Vorsätze. Du bist ein grundverdorbenes Geschöpf und
mußt gestraft werden. Geh’! Mère Walter, da sie dem ganzen Pensionat
Ärgernis gegeben, bestehe ich darauf, daß sie öffentlich Abbitte
leistet. Der Brief an ihre Eltern ist unterwegs. Ein arger Schlag für
ihren rechtlich gesinnten Vater.“ Damit bin ich entlassen.
Wir kehren in den Studiensaal zurück. Es flimmert mir nur so vor den
Augen. Jetzt würden es Alle erfahren.
„Meine Kinder“, beginnt Mère Walter salbungsvoll, „ich habe Ihnen eine
sehr traurige Mitteilung zu machen. Mimi Steindorf, sag’ dreimal laut
und deutlich hintereinander: „Ich habe gestohlen; meine Schwestern in
Christo, verzeihen Sie mir.““
Ein Zischen der Entrüstung dringt an mein Ohr -- dann spreche ich mit
einer mir völlig fremden Stimme die anklagenden Worte nach.
Alles geht mir aus dem Wege. Ich sitze in der hintersten Reihe und wage
nicht den Blick zu erheben. Ich suche mir einzureden, daß nicht mein
„Ich“ das Schreckliche gethan, nein, eine ganz andere Person, die in
gar keinen Zusammenhang mit mir steht und die ich ihrer unglaublichen
Dummheit halber verachte. Da sie sich schon fremdes Eigentum
angeeignet, hätte sie es doch weniger plump anstellen sollen. Die böse
Handlung an und für sich schmerzt mich weit weniger als die Entdeckung.
Ich hatte mit der Zeit einen recht ansehnlichen Vorrat aufgespeichert,
was mir eben zufällig unter die Hand kam. Bücher, Lehrgegenstände,
einen Spielball und vier Paar Bedientenhandschuhe, das Alles verschwand
in meinen Taschen, während diensteifrige Commis Mama ihre Waaren
anpriesen. Heute wollte ich gerade die Handschuhe zerschneiden und
meiner Puppe Strümpfe daraus machen. Es fällt mir inmitten meiner
ernsten Reflexionen ein und die Vereitelung des Spaßes erfüllt mich mit
Ärger. Wer weiß, was mir überhaupt nach Schulschluß bevorstand?
Genug, um es mir zu merken mein Leben lang.
Ohne erst viel Worte zu verlieren, legte mich Papa aufs Bett und
bläute mich so unbarmherzig durch, daß ich die Schmerzen eine volle
Woche spürte. Ich schrie aus Leibeskräften, strampfte mit den Füßen
und schlug mit den Händen um mich; es half Alles nichts. Dann sperrte
er mich in eine stockfinstere Kammer, von der er mir erzählt, es gehe
darin um. Eulen, Ratten, Schlangen und noch viel Ärgeres.
Ich schloß die ganze Nacht kein Auge und was ich damals empfunden, war
so haarsträubend gräßlich, daß ich es auch nicht annähernd zu schildern
vermag.
Die Rute stand permanent in Salzwasser, für den allfälligen Bedarf. Wir
kamen noch wiederholt in Berührung und gewöhnten uns aneinander. Auch
das Fasten, das stundenlange Knien auf Erbsen, es machte mir keinen
Eindruck mehr. Völlig gleichgültig ließ ich Alles über mich ergehen,
wie das liebe Vieh, das die Prügel erträgt, ohne sich zu wehren. Dumpfe
Schwüle legte sich mir aufs Gemüt; ich fürchtete die Menschen und wagte
sie nur mehr scheu von der Seite anzublicken.
Dabei sehnte ich mich unsäglich nach einem Wesen, das mich verstehen,
mir Trost zusprechen und helfen sollte, mich zu bessern. Allein
brächte ich es ja doch nie fertig. Ich war nicht schlecht aus Lust am
„Schlechtsein“, sondern aus Schwäche, aus Mangel an einem Ansporn zum
„Gutsein“.
Oft, wenn ich allein war, streckte ich die Hände aus, nach dem
unerreichbaren Phantom. Und ich jubelte laut auf, als es Gestalt
annahm, mir näher und näher kam und mich anblickte mit den Augen des
Mitleids und der unendlichen Güte.
* * * * *
„Tu’s mir zu Liebe, Mimi!“ Tante Laura’s Hand hatte mich unter’s Kinn
gefaßt und ich sah ihr in’s Gesicht. Und was ich in ihren Zügen las,
drang mir wie heller Sonnenschein in’s Herz. Ein armes geängstigtes
Vöglein, huschte es durch die geöffnete Käfigtüre, schwang sich wie
neubelebt zum blauen Äther empor und schmetterte hoch in den Lüften
seiner Befreiung Lied „Tu’s mir zu Liebe, Mimi!“ Dieses eine sanfte
gute Wort trieb die Dämonen aus und gab den guten Mächten Raum.
Endlich, endlich! Der kindliche Übermut, die alte Daseinsfreude
kehrten wieder. Ich sprang auf, drehte mich herum wie ein Kreisel,
unaufhaltsam, rastlos, bis ich erschöpft auf einem Stuhle niedersank.
„Nein, so ein Wildfang. Was hast Du denn nur?“ Und noch ganz atemlos
erwiderte ich: „Ich bin so froh Tante, so froh. Nicht wahr, Du bleibst
recht lange hier bei uns, -- bei mir?“
„Wenn Du brav bist.“
„Ja, Tante, Dir zu Liebe.“ Sie blickte mich betroffen an; ich hatte
es so eigens feierlich gesagt. Dann nahm sie ihre Arbeit wieder auf;
ich ließ mich mit einem Spielzeug zu ihren Füßen nieder. Wir sprachen
Beide nichts, aber eine Flut von Gedanken wälzte sich durch meinen
Kopf. Mir war mit einem mal so wohl, so leicht zu Mute, wie nach einem
lauen parfümierten Bad. Alle Hindernisse schienen mir wie weggeblasen
und neue Zuversicht erfüllte mich. Und das Alles, weil mir ein Mensch
begegnet war, der mir wohlwollte und mich nicht quälte wie die andern.
Von meinen Eltern trennte mich eine Kluft -- ich empfand es deutlich --
ihnen Freude zu machen, dazu fehlte mir die Begeisterung. Sie zankten
stets und ich fürchtete sie.
Im Studiensaale hing hinter Glas und Rahmen der goldgedruckte Spruch:
„Alles zur Ehre Gottes“ und vor jeder Stunde wiederholten wir die gute
Meinung. Lippensprache, weiter nichts, die kein Echo weckte in der
Tiefe der Seele.
Die Entfernung war so weit. Der liebe Gott wohnte im Himmel und ich
konnte mir nicht vorstellen, daß mein schwaches Stimmlein bis zu ihm
dringe. Ich hatte mir ein ganz bestimmtes Bild von ihm gemacht. Ein
alter Herr mit wallendem weißen Bart, der in eine blaue Draperie
gehüllt auf einem Fauteuil sitzt. Er hat schrecklich lange fellige
Ohren, die bis zur Erde reichen. Wie soll er denn sonst hören?
Bisweilen runzelt er die Stirn und stampft mit dem Fuße, wenn gar zu
viel Geschrei da unten ist und er aus dem Durcheinander nicht klug
wird. Christine bittet, daß ich etwas anstellen und gestraft werden
möge, Papa will Ministerialrat werden und Mama „Ruhe, Ruhe“ haben. Ich
weiß nicht was es war, ich hegte kein besonderes Vertrauen zu ihm.
Wir saßen noch immer beim offenen Fenster; schillernde Wölkchen zogen
über den Abendhimmel und sachte schlich die Dämmerung heran. Laue
Frühlingsdüfte umwehten unser Haar und ein Schwalbenpaar schnäbelte auf
dem gegenüberliegenden Dache. Ich blickte die Tante an und erschrack.
Sie hatte das Gesicht in den Händen vergraben und weinte bitterlich.
Und das duldete der gerechte, barmherzige Gott? Also auch die Guten
mußten leiden! Arme Tante.
* * * * *
Wir hatten unsere schwarzen Winter-Capuchons gegen helle Leinwandhauben
vertauscht, die unser Gesicht beschatteten und die grellen
Sonnenstrahlen abwehrten. Ich beteiligte mich mit großem Eifer
am Ballspiel und entschädigte mich so einigermaßen für das lange
Stillsitzen. Übrigens, man gewöhnt sich an Alles und die angenehme
Aussicht, daß meine Gegnerin Christine demnächst austreten sollte,
versöhnte mich völlig mit meinem Schicksal.
Papa steckte bis über den Ohren in seiner Arbeit und Mama klagte
ununterbrochen über die verschiedensten Zustände, die Doktor Vogler als
hochgradige Nervosität bezeichnete. So blieb ich unter Tante Lauras
Aufsicht und damit gab ich mich gern zufrieden.
Der Juni ist wunderschön in Wien. Wir setzten uns in das Gärtchen
hinter dem Haus, sie mit einem Buch, ich mit meiner Puppe „Clementine“,
die mit verständnislosen Glasaugen vor sich hinstarrte. Sie hatte eine
zerquetsche Nase und eine Glatze, aber ich war ihr herzlich zugetan,
trotz aller Mängel. Ich traktierte sie mit Sandkuchen und Maulbeeren,
dann streute ich den Spatzen kleine Semmelkrummen auf. Zwitschernd,
mit breitem Behagen picken sie die Stückchen an, sträuben das Gefieder
und sind voll Übermut. Einer sucht dem Andern zuvorzukommen, ihn zu
verdrängen und den eroberten Bissen im Notfall zu entreißen. Manche
tragen einen Brocken ihrer Familie zu, die Ledigen halten an Ort und
Stelle Tafel.
Sie kannten mich und kamen mir sehr nahe; das blinde Zutrauen dieser
Tierchen rührte mich.
Tante Laura sprach wenig und blickte oft mit einem Ausdruck ins Leere,
der mir in das Herz schnitt. Es lag etwas darin, das ich mir nicht zu
erklären wußte und das mich seltsam berührte.
Papa war doch so gut mit ihr; wenn sie für mich bat, verzieh er gleich.
Was wußte ich davon, daß sie ein einzigesmal für sich gebeten und --
vergeblich. Liebe, Sehnsucht und Entsagung! Das Kloster ist bloß der
Beginn; manche gehen aber den Dornenweg ihr Leben lang. Wenn ihre
Kräfte nicht mehr reichen, dann legen sie sich hin und sterben, oder
sie machen eine Agonie durch, die tausendmal schlimmer ist als Tod.
* * * * *
Sechs Gulden, 20 Kreuzer; es war das Ergebnis meiner Sparbüchse
und schien mir ein Vermögen. Ich entwarf eine ausführliche Liste
der Einkäufe für die bevorstehenden Ferien. Obenan, gewissermaßen
als das Unentbehrlichste: Stoff, Spitzen und Bänder -- Clementine
brauchte dringend ein paar Kleider -- dann Lern- und Schreibsachen,
Nadeln, Seife und eine Menge anderer Dinge. Man kannte mich in den
„27 Kreuzer-Bazars“ wie falsches Geld; die Ladenfräuleins lächelten
sich zu, wenn ich eintrat, beantworteten geduldig meine ungezählten
Fragen und da ich eine gute Kunde war, behandelten sie mich mit großer
Zuvorkommenheit. Einmal weigerte ich mich, eine Vase zu kaufen, obwohl
sie billig war und mir sehr gut gefiel: ich hatte nämlich 25 Kreuzer
dafür bestimmt und sie kostete -- nur 18. Ich neigte überhaupt ein
wenig zur Pedanterie: Papa besaß diese Eigenschaft in hohem Grade, ich
mochte sie von ihm geerbt haben.
Ich zeigte ~Dr.~ Vogler die wohlvermachten Päckchen und ließ ihn raten,
was sie enthielten: mit engelgleicher Geduld unterzog er sich dieser
schwierigen Aufgabe und brachte mir selbst allerlei Tribute.
Von Tag zu Tag wuchs meine Ungeduld. Noch 6 Tage, noch 48, noch
24 Stunden. Bei der Preisverteilung ging ich natürlich leer aus:
das vermochte mir aber die Laune nicht zu trüben. Beim feierlichen
Schlußsegen in der Kirche dankte ich Gott aus übervollem Herzen für
die bevorstehenden Genüsse. Im Bette noch klatschte ich so laut in die
Hände, daß Mama, die nebenan schlief, hereinrief, ich möge doch den
Leuten wenigstens in der Nacht Ruhe geben.
* * * * *
Ich lag schon lange wach. Durch die Ritzen der Läden drangen einzelne
Lichtstrahlen, sie wuchsen, dehnten sich aus und ließen die Gegenstände
deutlich erkennen.
Der dumpfe Lärm des Wagenrollens und das Aufschieben der Fallthüren
drang an mein Ohr. Jetzt endlich schlug es 6 Uhr; Clara konnte
nicht mehr lange auf sich warten lassen. Mit dem Ankleiden gieng es
recht langsam von Statten. Ich tanzte im Zimmer herum, machte die
gewagtesten Luftsprünge und beutelte mit dem Kopfe. Der häßliche rote
Kautschukkamm, an dem so viele Zähne fehlten, wanderte in die Ecke und
als Clara mir die modernen „Ponnys“ geschnitten, besah ich mich mit
pfauenartiger Wendung von allen Seiten. Wie gut mir das stand und im
großcarrierten dünnen Zephirkleid fühlte ich mich „zum Fliegen“ leicht
und frei. Ich trank nur widerwillig eine Tasse leeren Thee, schon das
brannte mich wie Feuer in der Kehle.
Dann verabschiedete ich mich bei Mama, die über „Migräne“ klagte. „Sei
brav, schreib’ mir -- aber erzähle lieber nichts von mir in Steindorf.“
Ich grübelte nicht weiter nach über diese seltsame Ermahnung, doch
geriet ich gänzlich aus der Fassung, als sie zwei conventionelle Tränen
weinte. Wie sollte ich mich dazu verhalten? Mir war so gar nicht
trübselig zu Mute und ich atmete erleichtert auf, als Papa verkündete,
der Fiaker warte schon. Ich stieg mit Tante Laura ein: er konnte erst
nachkommen, wenn er Urlaub erhielt; Mama reiste nach Venedig.
Fort geht es durch die bekannten Straßen, an den alten düsteren Bauten
vorbei, und den noch geschlossenen Gärten. Die grauen Klostermauern
winken mir entgegen -- da kann ich nicht länger an mich halten -- ich
stoße einen lauten „Jucherzer“ aus, so daß sich ein paar Passanten
erstaunt nach mir umwenden.
„Am Hof“ herrscht bereits reges Treiben. Der Markt ist in vollem Gange.
Eine kleine Zeltstadt ragt keck empor und die Verkäuferinnen stehen
erwartungsvoll vor ihren Tischen. Köchinnen in hellen Cattunkleidern,
das gekolbte Häubchen auf dem kokett frisierten Haar, mustern mit
Kennermiene die ausgestellte Ware. Die Körbe füllen sich mit Gemüse und
Früchten, die gelb und rot aus appetitlichen Papierdüten hervorlugen.
Etwas abseits stehen Blumen in farbenprächtiger Mischung: Hortensien,
Nelken und Reseden in Stöcken und in Büscheln.
Ein Schusterbub geht pfeifend vorbei und dreht der Öbstlerin vom ersten
Stand eine lange Nase, was ihm mit einem kräftigen Puff heimgezahlt
wird.
Unter einem Hausthor spielt ein Leiermann mit sehr viel Verve den
„Radetzkymarsch“, als ahne er, daß binnen Kurzem die Töne zur
steinernen Wahrheit würden. Dazwischen die schrillen eintönigen
Rufe der Lavendelfrau: „Kauft’s Lavendel -- Lavendel kauft’s -- das
Schipperl nur 5 Kreuzer. Kauft’s Lavendel, kauft’s.“
Eine Abteilung Bosniaken, das rote Fez schief auf die sonngebräunten
Köpfe gestülpt, marschiert in strammer Haltung vorbei, bei jedem
Schritt eine Staubwolke aufwirbelnd. Das große Wasserfaß stäubt sein
kühlendes Naß auf das graue Pflaster und die ersten matinalen Damen
führen kunstvoll kleine Sprünge aus, die Röcke bis über die Knöchel
geschürzt, um nicht in eine Lacke zu geraten.
Dieses Momentbild mit all’ seinen Einzelheiten prägte sich so tief
meinem Gedächtnis ein, daß ich es jedes Mal vor mir sehe, wenn „vom
Hof“ die Rede ist.
Der Wagen hält vor dem Bahnhof. Diensteifrige Träger besorgen das
Gepäck und geleiten uns in den Wartesaal. Auch da kenne ich Stück für
Stück das Inventar. Olivegrüne Sammetmöbel, eine massive Pendeluhr aus
Eichenholz und ein Spiegel, durch dessen Mitte ein Sprung geht und die
darauf gemalte Psyche unbarmherzig in zwei Hälften teilt.
Erstes Läuten. „Einsteigen zum Schnellzug nach Nußdorf, Klosterneuburg,
St. Andrä-Wördern, Absdorf, Limberg-Maißau, Felsried, Hainberg.“
Wir machen es uns bequem im Coupé; nochmaliges Läuten, Pfeifen und
pustend setzt sich die Lokomotive in Bewegung.
Ein wundervoller Tag. In sanfter Bläue strahlt der Himmel auf die
saftiggrünen Fluren und mit goldenen Krallen greift die Sonne in das
Herz der Ährenfelder; farbensatter Mohn und stille Kornblumen biegen
die schlanken Körper im Morgenwind. Hoch in den Lüften beschreibt
die Lerche kühne Bögen und trillert ihr lustiges Lied. Auf den
Telegraphendrähten sitzt eine große Schwalbengesellschaft beisammen --
von Weitem nimmt es sich aus, wie ein weißer beschriebener Notenbogen
-- und tauscht zwitschernd Bemerkungen aus über das dahinsausende
Ungetüm.
Hier, unter dieser Rasenfläche mit dem Monumente, liegt Vater Radetzky
begraben und dort halten hinter einer Gartenmauer steinerne Soldaten
Wach. „Salming“, das Schloß meines Onkels und da das Kirchlein inmitten
der Gräber; so einsam und abgeschlossen. Nur einmal im Jahre betritt es
der Fuß eines Priesters, am „Allerseelentage“.
Seit ich denken konnte, hatte mich Papa auf das Bemerkenswerte bei
jeder Station aufmerksam gemacht.
Das ungewöhnte Fahren und der Kohlenstaub machten mich schwindlig.
Etwas Wein und Backwerk erweckten die erschlafften Lebensgeister.
Wie lang es dauerte! Man wartet ja oft Jahre ohne zu murren -- in den
letzten Minuten aber wird man ungeduldig. Es hält mich nicht auf meinem
Platze; ich stecke den Kopf zum Fenster hinaus und erkenne die Umrisse
der kleinen historischen Stadt Hainberg. Ja, das ist die Burg, der
Kirchturm, das Stationsgebäude -- und der lichte Phaeton steht auch
schon da.
Eins, zwei, drei geht’s über die kleine Treppe.
Wenzels breites Affengesicht legt sich in freundliche Falten. „Je, wie
die Baroneß Mimi groß geworden ist; und gut ausschauen tut’s auch. Was
wird denn da der Herr Großpapa sagen?“
„Wie geht es denn Allen? Gesund?“
„Ja. Aber die Baroneß Nina geht schon eine Woche nicht aus ’n Zimmer,
weil’s eine Eichelkatzel krank ist.“
„Schade. Und Hannerl?“
„No die treibt’s! Gestern hat’s ’n ganzen Tag von nix andern geredt,
als daß d’Baroneß Mimi kommt.“ Unterwegs muß die alte treue Haut noch
über so Manches Auskunft geben.
Die Bauern auf dem Felde blicken auf, als sie das Gefährt heranrollen
hören und grüßen höflich. Das Mähen ist so hübsch mit anzusehen; ich
wollte es nächstens auch versuchen.
Vier Pferde ziehen an einem schweren Leiterwagen: die Nüstern blähen
sich und das Fell schimmert feucht vor Anstrengung. Wir haben eine
Hitze von 24 Grad. Unten im Steinbruch arbeiten sie fleißig darauf los.
Eine Anzahl fertiger Platten ist zum Verladen aufgeschichtet und dort
legen die Leute noch die letzte Hand an die Glättung eines breiten
Sockels.
Auch das gefällt mir. Aus einem eleganten Wagen, von oben herab
betrachtet, nimmt sich das Alles so hübsch und so leicht aus.
Vorstellung und Wirklichkeit decken sich aber gar selten und die unten
dachten wohl ganz anders.
Wir kommen an einem halbverfallenen Schlößchen vorbei, von dem die
Sage geht, daß nächtlicherweile Geister erstehen und allerlei Unfug
treiben. Jeder, der einmal dort geschlafen, weiß Schauerliches zu
berichten. Papa hatte mir erst kürzlich die Geschichte von den drei
protestantischen Fräulein erzählt, die in der offenen Säulenhalle im
Mondenschein lustwandelten. Brr! wie das grauenhaft war; ich bekam
eine Gänsehaut bei der bloßen Vorstellung. Dann biegen wir in die
Kastanienallee ein.
„Da schaun’s hin, Baroneß“, ruft mir Wenzel mit bezeichnender
Peitschenbewegung zu. „’S Hannerl wartet schon.“
Da steht sie richtig, im schwarzen, glatten Wollkleid, das um
Hals und Ärmel mit hellem Grätenstiche eingefaßt ist. Ein grelles
Kopftuch verbirgt ihr halbes Gesicht, das weiß und rosig ist und so
kugelrund wie ein Vollmond. Sie lacht und zeigt dabei eine Zahnlücke:
in den Händen dreht sie in sichtlicher Befangenheit einen steifen
Feldblumenstrauß. Wir lassen sie einsteigen. Die freudige Aufregung
hat sie gänzlich verwirrt; es ist kein vernünftiges Wort aus ihr
herauszubringen. Plötzlich bricht sie ohne jegliche Veranlassung in
lautes Schluchzen aus. Wenzel weiß darüber Bescheid. „S’is so eine
Gewohnheit von dem Mädel. Solang’s z’ Haus war; hat’s der Vater jeden
Tag prügelt, g’rad um die Zeit, da is aus der Schul kommen und er
hat auch schon sein Rausch g’habt. Da glaubt’s halt noch immer, es
g’schieht ihr was.“
„Aber geh’ Hannerl, sei g’scheit“, tröstet sie die Tante. „Mimi hat Dir
was Schönes mitgebracht.“ Das wirkt.
Der Wagen macht eine Biegung und wir fahren durch das breite Tor, auf
dem der Reichsadler prangt, noch von Lehenszeiten her.
Vor mir liegt mein schönes, altes Steindorf. Zarter Lindenduft umweht
uns und auf der ehemaligen Zugbrücke erwartet uns die ganze Familie.
Das Herz klopft mir zum Zerspringen vor Wonne und doch unerklärlicher
Angst. Ich wäre am liebsten jedem Einzelnen um den Hals gefallen und
hätte ihm in beredten Worten meine namenlose Freude schildern mögen.
Statt dessen fühle ich, wie mir brennende Röte die Wangen färbt und mir
die Augen übergehen vor Verlegenheit.
„Also kommt, Ihr seid gewiß hungrig“, und Großmama geleitet uns in die
Veranda. Entzückt betrachte ich das Wandgemälde; es hatte mir schon
von jeher so besonders gut gefallen: Flora sitzt lächelnd und schön
in einem Muschelwagen, den vier Genien an Seidenbändern ziehen. Ihr
nach schweben noch andere Göttinen, mit Früchten und Ähren beladen.
Es schmeckt mir vorzüglich. So ein schwarzes Landbutterbrot, Thee und
Kirschen dazu -- ich hätte mit keinem König getauscht.
In gehobener Stimmung betrete ich mein Zimmer. Ein ideales Nestchen,
ganz weiß-rosa, so frisch und sommerlich. Blumen überall, zarte
Schlingrosen auf den etwas verblaßten Tapeten und vollerblühte
Centifolien in den Vasen. Über all dem schwebt jener unbeschreibliche
Duft von Reinlichkeit und würziger Atmosphäre, wie er gutgelüfteten,
lange nicht bewohnten Räumen eigen ist. Ist es Wirklichkeit oder träume
ich? Ach, immer, immer hier bleiben; es wäre das Paradies!
Mit großer Umständlichkeit packe ich die Koffer aus und drücke Hannerl
verschiedene Geschenke in die Hand. Sie ist außer sich vor Freude. Wir
sind unzertrennlich. Aber endlich müssen wir doch zur Ruhe gehen.
„Gute Nacht, Hannerl.“
„Gute Nacht, Mimi.“
„Wenn’s nur schon morgen wäre!“
„Das möcht’ ich auch.“
Förmlich berauscht von den empfangenen Eindrücken und wohl zum Teil
auch von der köstlich-herben Luft schlafe ich ein, die Hände unter dem
Kopf gefaltet, ein „Mein lieber, lieber Gott, ich danke Dir,“ auf den
Lippen.
* * * * *
Fräulein Auguste, die Bonne, war eine lebensfrohe junge Person, die es
vorzüglich verstand, unsere Spiele in Gang zu bringen.
Bald tummelten wir uns auf den Wiesen herum, verrichteten Gartenarbeit,
oder wir zogen in den Wald hinaus, um zu botanisieren. Dabei sangen
wir allerlei Lieder, Hannerl zum Erschlagen falsch, aber sie meinte es
gut und war gar zu herzig. Das gestreifte Waschkleid umhüllte lose den
dünnen Engerlingskörper, auf dem der große, runde Kopf wie ein echter,
rechter Bauernknödel saß.
Wenn wir Kaffee getrunken -- Fräulein Auguste konnte nur über die
unglaubliche Menge staunen, die in der bodenlosen Tiefe unserer Magen
verschwand -- arbeiteten wir für unsere Puppen. Wir statteten sie vom
Kleinsten bis zum Größten aus -- ja sie besaßen sogar Alle Geradehalter
und Sonnenschirme.
Ich war stets die Tonangebende, während sich Hannerl mehr passiv
verhielt. -- Bisweilen freilich trug sie einen gewissen Widerstand zur
Schau, eine verächtlich-ungläubige Miene, so zum Beispiel, wenn ich ihr
französische Stunden geben wollte. Es ging ihr nun einmal absolut nicht
ein, weshalb sie mehr lernen sollte, als die übrigen Kinder. Pauline
konnte auch nicht französisch und war doch Stubenmädchen geworden.
Darin aber gipfelte Hannerl’s Sehnen und Trachten. Im Grunde genommen
begriff ich es ganz gut: ja es gab Momente, wo ich um mein Leben gern
mit ihr getauscht hätte.
Was gab es aber auch auf der weiten Welt Behaglicheres, als Jungfer
Paulinens Zimmer. Weißgetünchte Wände mit vielen Bildern behangen,
blütenweiße Vorhänge, blitzblanke Fensterscheiben, von roten Bohnen
umrankt, die bis auf den Fußboden herabkrochen; ein Messingbauer mit
einer Kanarien-Menage und das Prunkstück, ein Glasschrank, in dem sich
Alles dreimal spiegelte.
Sie schien indes nicht besonders erbaut über meine häufigen Besuche,
denn ich begnügte mich nicht, den Gesammteindruck ihres reizenden
Heims mit Kennerblicken zu genießen; sie mußte mir die Albums, die
Schachteln mit den Bändern und Muscheln zeigen und mir gestatten, ab
und zu etwas besonders „schön“ zu finden, was dann regelmäßig in mein
Eigentum übergieng.
Hannerl war furchtbar ungeschickt beim Nähen. Ein paarmal versuchte
sie es, dann nahm sie die Haltung eines störrischen Maultieres an: Ich
reizte sie. „Hannerl, Du bist doch schrecklich dumm. Eigentlich will
ich gar nicht Deine Freundin sein.“
„Dann laß nur bleiben. Ich mach’ mir nix aus einer Baroneß.“
Ich fühlte mich beleidigt: das sollte sie bereuen. Es fand sich
noch am selben Tage Gelegenheit, ihr eine Kränkung zuzufügen. Wir
erhielten Besuch aus der Nachbarschaft; mein Vetter Robert und der
zehnjährige Alfons, Sohn des Fürsten Weitzperg schlossen sich uns an.
Auguste saß abseits und wir spielten Verstecken, ohne von Hannerl die
geringste Notiz zu nehmen. Sie war einfach nicht für uns vorhanden; wir
behandelten sie als Luft und sprachen zur Verschärfung der Situation
nur französisch. Dabei wußte ich es so einzurichten, daß sie ihren
Namen hören, und verstehen mußte, daß ich nur Häßliches von ihr sagte.
Als ich das Wort „Ochsenknecht“ -- diese Stelle hatte ihr Vater
bekleidet, fallen ließ, schleuderte ihr Robert ein „Pfui, wie gemein“,
in das Gesicht. Hannerl wurde über und über rot und große Thränen
traten ihr in die Augen. Da stieg es wie Scham und Mitleid in mir auf,
aber ich zeigte nichts davon und spielte weiter.
Als Alfons sich verabschiedete, pflückte ich eine schöne Rose und gab
sie ihm mit dem Bemerken: „Für Deine Mutter.“ Die Hand, die sich nach
der Blume ausgestreckt, zitterte: „Ich werd’ sie auf den Friedhof
tragen.“
Das hatte ich vergessen und um meine Ungeschicklichkeit zu bemänteln,
frug ich: „Du hast sie wohl gern gehabt?“
„Sehr.“
Es wollte keine rechte Unterhaltung mehr in Gang kommen, zwischen
Robert und mir. Ich schlich mich an Hannerl heran und schüchtern
ihren Arm betupfend, bat ich: „Sei nicht bös Hannerl, es war nicht so
gemeint.“ Sie lächelte schon und wir besiegelten unsere Versöhnung
durch einen herzhaften Kuß. Robert meinte, so etwas sei unschicklich,
ich dürfe nicht vergessen, daß ich „Baronesse“ sei. Doch das Gute hatte
in mir gesiegt und behielt die Oberhand.
* * * * *
Es lag irgend ein Geheimnis in der Luft.
Ein fremder, vornehm aussehender Herr war auf Besuch gekommen, doch nur
eine Stunde lang geblieben. Tante Laura gieng eine zeitlang blaß und
verweint umher und verschloß sich dann ganz auf ihrem Zimmer. Wenn
Papa nach ihr fragte, meldete sie sich krank. Er schüttelte unwillig
den Kopf, ergriff Hut und Stock und gieng in den Wald hinaus. Er war
reizbar, leicht ungeduldig, in denkbar schlechter Laune.
Meine kindliche Neugier war auf das höchste gespannt: eines Abends
stellte ich mich schlafend und hörte, wie Fräulein Auguste und Pauline
mit einander flüsterten. Das also war’s gewesen! Tante Laura hatte eine
Liebe im Herzen getragen -- aber eine hoffnungslose Liebe -- denn der
Mann ihrer Wahl war ein Jude gewesen und gegen eine solche Verbindung
sträubte sich die Familie mit allen Mitteln. Vor wenigen Tagen nun war
die Nachricht gekommen, daß er im Duell gefallen sei.
Wie nichtig schienen mir die eigenen kleinen Sorgen im Vergleich zu
diesem Schmerz. Hätte ich zu ihr eilen, sie umfassen, mit ihr weinen
dürfen! Nicht helfen können!
Und die Großeltern hatten es nicht zugegeben, nur aus dem Grunde, weil
er ein Jude war. Die hatten Christus an’s Kreuz geschlagen: doch das
war lange her. 2000 Jahre. Und er mußte dafür büßen! Nein, das konnte
der gerechte Gott nicht wollen! Und schlecht war jener gewiß nicht
gewesen, sonst hätte ihn die arme Tante nicht so geliebt. Jetzt war
Alles vorbei. Oh, Tante Laura, das hast Du nicht verdient!
* * * * *
Eine ältere Dame, Madame Berger, die Erzieherin der Tanten gewesen,
und die schöne Jahreszeit in Steindorf verbrachte, erteilte mir auf
Großmamas Wunsch Klavierunterricht. Ich mußte bei den Anfangsgründen
beginnen und langweilte mich schrecklich dabei. Meine Unaufmerksamkeit
erboste die Lehrerin; bei jedem falschen Ton versetzte sie mir einen
Klaps mit ihren spitzen, gichtischen Fingern. Oft mußte ich denselben
Takt zwanzigmal wiederholen und wünschte Madame sammt dem Klavier
zum Kuckuck. Da ich keine Spur von Lust fühlte, blieben natürlich
auch die Fortschritte aus. Ich liebte die Musik, aber nur, wenn sie
einschmeichelnd, melodienreich mein Ohr berührte. Papa spielte schön:
Großmama und ich saßen allabendlich auf dem runden Kanapee beisammen
und hörten zu. Gar häufig legte sie die Zeitung beiseite und wischte
sich unter dem Augenglase eine Träne weg: ihr Blick ruhte dann mit
unaussprechlicher Zärtlichkeit auf dem blonden Kopfe ihres Ältesten und
Lieblings.
Aber Madame Berger, die kleine, geschäftig herumtrippelnde Person
sollte lieber „~de petits corsets de batiste~ nähen.“ Sie litt an der
fixen Idee, daß man nur handgenähte Dinge tragen könne: Maschinenarbeit
war „Schlamperei“.
Gewöhnlich erstarb sie in Liebenswürdigkeit; allein mit mir, nahm
sie sich kein Blatt vor den Mund. Ich aber konnte sie nicht leiden
und war auch nicht ganz so arglos wie „die berückende Frau“ meinte.
Ein schlauer Fotograf hatte ihr diesen Bären aufgebunden und sie so
veranlaßt, einige Dutzend Bilder zu bestellen. Sie machte allen Ernstes
trotz ihrer sechzig Jahre und des Hexengesichts noch Anspruch auf
Schönheit und kokettierte mit den Herren. Mit „Don“ einer engelsguten
Haut, dem Gesellschafter Großpapas geriet sie häufig in Conflikt, weil
er ihr mit rührender Offenheit die derbsten Wahrheiten sagte. Das aber
vertrug sie nicht.
* * * * *
Großmama verordnete mir kalte Waschungen und wies Auguste eigenhändig
an, wie sie meinen Rücken behandeln müsse. Sie nahm ein ellenlanges
Stück Rosenseife zwischen Daumen und Ringfinger und fuhr dreimal mit
der scharfen Kante sehr energisch über die Wirbelsäule. Dann rieb sie
mich mit Handtuch und Nägel trocken. Das kitzelte abscheulich, gerade
so wie beim „Geschichten“ erzählen. Da setzten Hannerl und ich uns auf
Schemeln zu ihren Füßen und sie hielt unsere Hände fest. Im Anfang
streichelte sie sie leise, im weiteren Verlauf der Erzählung aber, wenn
sie in Affekt geriet, oder gar Räuber vor uns aufmarschieren ließ,
bohrte sie sich förmlich mit den Fingern in die Innenflächen ein, und
krabbelte und kitzelte solange, bis wir uns vor Lachen schüttelten.
Hannerl verdaute die Geschichten schwer, besonders die von der „grauen
Frau“ und den „geschluckten Nasen und Ohren“. Sie fuhr des Nachts in
ihrem Bette auf und schrie um Hilfe, bis Pauline Licht entzündete und
sie beruhigte.
Mir gieng es einmal auch nicht besser. Auguste und Pauline waren zu
einem Fest ins Dorf gegangen und das Nebenzimmer blieb leer. Ich
trachtete zu schlafen: vergeblich. Dort in der Ecke knisterte es; ich
hielt den Atem an -- gewiß, ich täuschte mich nicht. Ich hörte eine
Zeitlang nichts, als das laute Klopfen meines Herzens. .. Waren das
nicht Schritte? Und jetzt ein Stöhnen, ganz deutlich. Abermals. ... Ich
steckte den Kopf unter das Kissen, aber die Angst nahm nicht ab. Ich
hielt es nicht länger aus. Suchend tastete ich nach den Zündhölzchen
und atmete erleichtert auf, als der Lichtschein das völlig leere Zimmer
beleuchtete. Ich hätte also ruhig sein können, aber der Schlaf war mir
vergangen; ich sehnte mich nach Gesellschaft, nach Aussprache, warf das
Nachtgewand über und begab mich zu Hannerl. Die schnarchte fest. Ich
rief sie an, rüttelte, zupfte sie am Ohr, alles umsonst. So wartete ich
eine Viertelstunde: dann dauerte es mir aber doch zu lange: ich machte
kurzen Proceß, hob die Decke auf, schob Hannerl an die Wand und legte
mich an ihre Seite. Endlich schien sie zu merken, daß es nicht mit
rechten Dingen zugehe. Sie brummte etwas Unverständliches und als ich
ihr in Kürze den Sachverhalt schilderte, erwiderte sie mürrisch: „So
geh’ doch schon, ich will ja schlafen.“ Dazu entschloß ich mich aber
erst, als die Ausflüglerinnen bei anbrechendem Morgen heimkehrten.
Mit meinem Mut war es überhaupt nicht weit her. Jedes Geräusch, jede
fremde Gestalt, ja jeder bellende Hund jagte mir Schrecken ein. Es
erfuhr nie eine Seele, was ich bei den Abendspaziergängen mit Papa
ausstand. Wenn die Erlen rauschten, das Käuzchen klagend schrie und die
Dämmerung die Gegend in dunkle Schleier hüllte, da kam die Furcht, das
bange Erwarten etwas Schrecklichen über mich.
Besonders vor einer Stelle graute mir. Papa hatte uns gesagt, es sei
die Wolfschlucht, in der mit Samiels Hilfe die Kugeln gegossen wurden.
Ich blickte scheu zum Himmel. Wenn jetzt plötzlich die wilde Jagd durch
die Lüfte gesaust käme, dann müßte man auf die Knie fallen, das Gesicht
auf die Erde drücken und ein Vaterunser beten. „Papa“ -- ich klammerte
mich an ihn.
„Was hast Du denn?“
„Aber siehst Du denn nicht? -- Dort, hinter dem Baum, Du auch nicht,
Hannerl?“ Statt aller Antwort hing sie sich zitternd an den andern Arm
Papas. „Ein Mann mit braunen Locken, ein Barett auf dem Kopf. Hohe
Stiefel, ein Gewehr umgehängt .. ein Wildschütze.“
„Ja, ja, ich hab’ Dir’s immer gesagt!“ bestätigte Papa, dem unsere
Angst wohl Spaß machte. Meine erregte Phantasie spiegelte mir die
verschiedensten Erscheinungen mit solcher Deutlichkeit vor, daß ich
steif und fest glaubte, die Dinge wirklich gesehen zu haben.
„~La baronne c’est un paquet de Nerfs~“ hatte sich einmal Madame Berger
über meine Mutter geäußert. Ich hatte bereits, ohne es zu wissen, die
traurige Erbschaft angetreten. Wenn Großmama schlürfend Thee trank
und an einer Honigsemmel saugte, als wäre es eine furchtbar zähe
Masse, zuckte es mir in allen Gliedern. Ich preßte die Fingernägel ins
Fleisch, biß mir die Zunge wund und konnte es nicht erwarten, daß sie
fertig war. Dieselben Qualen litt ich, wenn Jemand eine Thüre heftig
zuschlug, hustete, sich räusperte. Da lief ich unter irgend einem
Vorwand aus dem Zimmer, ballte die Fäuste, stampfte mit den Füßen und
weinte Wuttränen, bis ich mich erschöpft und erleichtert fühlte.
Natürlich ahnte niemand etwas von diesen anormalen Zuständen, denn
ich hütete mich wohl, etwas zu verraten. Man hätte mich ausgelacht,
gestraft oder zu einem Arzt geführt und jede dieser Aussichten war mir
schrecklich. Das Verspotten fürchtete ich vielleicht am meisten. Madame
Berger benützte jede Gelegenheit, mir kleine Hiebe zu versetzen. „~La
petite a l’air d’une cigogne.~“ War das wirklich wahr? -- Von diesem
Moment an wußte ich nicht, was mit meinen Armen und Beinen beginnen;
meine Bewegungen nahmen etwas Linkisches, Steifes an, das an die
Darstellungen der Altegypter gemahnte und mir vielleicht wirklich eine
Storchähnlichkeit verlieh.
O ich war empfindlich! Seit einmal Großmama aus Zerstreutheit frug:
„Du, wer ist denn das?“ redete ich nur in einer „selbsterfundenen
Person“ mit ihr. „Bitte, das meinen?“ „Bitte, vorlesen“ u. s. w. Alle
Vorstellungen vermochten nichts daran zu ändern; ich hätte mir lieber
die Zunge abschneiden lassen, als je wieder die alte, vertrauliche
Ansprache anzuwenden. Überhaupt, sie imponierte mir und verstand es
vorzüglich, alle Welt in gemessener Entfernung zu halten. Sie war in
ihrer Art eine Großmacht und hing mit allen Fasern ihres Seins an der
Regierung. Nie und nimmer hätte sie einen Eingriff in ihre Rechte als
Herrin des Hauses geduldet.
Ich sehe sie noch deutlich vor mir. Eine trotz ihrer siebenzig Jahre
stolze, aufrechte Erscheinung, mit edlen, entschiedenen Zügen, deren
Ausdruck, je nach Gelegenheit, zwischen unbeugsamer Starre und fast
kindlicher Weichheit wechselte. Wo sie ging und stand, begleitete
sie ihr Schlüsselbund: sie trug dies Abzeichen ihrer Würde mit einem
gewissen Stolz, wie der Herrscher seine Krone. Sie teilte selbst
die Vorräte aus und liebte es, in der „Speise“ eine ungestörte
Viertelstunde zu verbringen, um die Güte des Proviantes zu erproben, um
zu „kosten“. Es waren nicht immer „Mäuse“, die Unfug anrichteten unter
Mandeln und Rosinen!
Gieng Großmama spazieren, trug sie sich seltsam genug, in der Art
des vorigen Jahrhunderts. Ein breitkrämpiger, helmartiger Strohhut,
darüber um das Kinn gebunden ein dünnes Wolltuch, in der Hand einen
massiven Schirm, den Griff nach unten gekehrt, den sie bisweilen
drohend schwang wie eine Keule. Die hellen Glacéehandschuhe waren stets
nachlässig übergestreift, so daß die halben Finger frei blieben und wie
abgebundene Würstchen aussahen. Die Füße steckten in viel zu großen
Überschuhen und es geschah gar häufig, daß der eine mit ins Freie
zog, während sein Bruder mit betrübter Miene aus irgend einer Ecke
hervorguckte, in Gesellschaft eines Taschentuches, das, mit vierfachem
Knoten versehen, eine prächtige Nachthaube abgegeben hätte.
Mit der Dienerschaft verkehrte sie nie anders, als: „Hat der Kutscher
den Wagen geputzt?“ -- „Geh’ der Gärtner augenblicklich an die Arbeit“
und das in einem Ton, der von vornherein jeden Widerspruch ausschloß.
Ihr Mann war der „liebe Ferdinand“ und wagte nicht, sie anders
anzureden als „Mylady“. Bei Meinungsverschiedenheiten zog er regelmäßig
den Kürzeren und mußte sich mit dem bescheiden, was der Gattin nicht
behagte. Ein Feld zum Beispiel, auf dem der Weizen schlecht stand, war
„Dein Feld“, eine Allee hingegen mit schönen reichtragenden Bäumen war
„meine Allee“. Er aber ließ sich dadurch die Laune nicht verderben.
Unglaublich rüstig für sein hohes Alter stand er schon um 6 Uhr auf,
ging auf die Jagd, aß für Zwei und war unermüdlich im Erzählen alter
Anekdoten. Man kannte die Geschichten Wort für Wort, wußte die genaue
Reihenfolge und wehrte sich aus Leibeskräften. Es war, als säße er auf
einem Birnenbaum und beutle so lange, bis die Darunterstehenden mit
Früchten überschüttet waren. Darum hieß es immer: „Birne so und so viel
oder Waldberg“, „König von Hannoverbirne“.
„Also; wißt Ihr die Geschichte, wie ...?“