Micio. Wie?--Und du, Geck, kannst ihm noch folgen?
Demea. Du sträubest dich umsonst: es kann nun einmal nicht anders
sein.
Micio. Du schwärmst.
Aeschinus. Laß dich erbitten, mein Vater.
Micio. Rasest du? Geh!
Demea. Oh, so mach dem Sohne doch die Freude!
Micio. Bist du wohl bei Verstande? Ich, in meinem fünfundsechzigsten
Jahre noch heiraten? Und ein altes, verlebtes Weib heiraten? Das
könnet ihr mir zumuten?
Aeschinus. Tu es immer; ich habe es ihnen versprochen.
Micio. Versprochen gar?--Bürschchen, versprich für dich, was du
versprechen wil1st!
Demea. Frisch! Wenn es nun etwas Wichtigeres wäre, warum er dich
bäte?
Micio. Als ob etwas Wichtigeres sein könnte, wie das?
Demea. So willfahre ihm doch nur!
Aeschinus. Sei uns nicht zuwider!
Demea. Fort, versprich!
Micio. Wie lange soll das währen?
Aeschinus. Bis du dich erbitten lassen.
Micio. Aber das heißt Gewalt brauchen.
Demea. Tu ein übriges, guter Micio.
Micio. Nun dann;--ob ich es zwar sehr unrecht, sehr abgeschmackt
finde; ob es sich schon weder mit der Vernunft noch mit meiner
Lebensart reimet:--weil ihr doch so sehr darauf besteht; es sei!"
"Nein", sagt die Kritik; "das ist zu viel! Der Dichter ist hier mit Recht
zu tadeln. Das einzige, was man noch zu seiner Rechtfertigung sagen
könnte, wäre dieses, daß er die nachteiligen Folgen einer übermäßigen
Gutherzigkeit habe zeigen wollen. Doch Micio hat sich bis dahin so
liebenswürdig bewiesen, er hat so viel Verstand, so viele Kenntnis der
Welt gezeigt, daß diese seine letzte Ausschweifung wider alle
Wahrscheinlichkeit ist und den feinern Zuschauer notwendig beleidigen
muß. Wie gesagt also: der Dichter ist hier zu tadeln, auf alle Weise
zu tadeln!"
Aber welcher Dichter? Terenz? oder Menander? oder beide?--Der neue
englische Übersetzer des Terenz, Colman, will den größern Teil des Tadels
auf den Menander zurückschieben; und glaubt aus einer Anmerkung des
Donatus beweisen zu können, daß Terenz die Ungereimtheit seines Originals
in dieser Stelle wenigstens sehr gemildert habe. Donatus sagt nämlich:
Apud Menandrum senex de nuptiis non gravatur. Ergo Terentius euretikon.
"Es ist sehr sonderbar", erklärt sich Colman, "daß diese Anmerkung des
Donatus so gänzlich von allen Kunstrichtern übersehen worden, da sie, bei
unserm Verluste des Menanders, doch um so viel mehr Aufmerksamkeit
verdienet. Unstreitig ist es, daß Terenz in dem letzten Akte dem Plane
des Menanders gefolgt ist: ob er nun aber schon die Ungereimtheit, den
Micio mit der alten Mutter zu verheiraten, angenommen, so lernen wir doch
vom Donatus, daß dieser Umstand ihm selber anstößig gewesen, und er sein
Original dahin verbessert, daß er den Micio alle den Widerwillen gegen
eine solche Verbindung äußern lassen, den er in dem Stücke des Menanders,
wie es scheinet, nicht geäußert hatte."
Es ist nicht unmöglich, daß ein römischer Dichter nicht einmal etwas
besser könne gemacht haben, als ein griechischer. Aber der bloßen
Möglichkeit wegen möchte ich es gern in keinem Falle glauben.
Colman meinet also, die Worte des Donatus. Apud Menandrum senex de
nuptiis non gravatur, hießen so viel als: beim Menander sträubet sich der
Alte gegen die Heirat nicht. Aber wie, wenn sie das nicht hießen? Wenn
sie vielmehr zu übersetzen wären: beim Menander fällt man dem Alten mit
der Heirat nicht beschwerlich? Nuptias gravari würde zwar allerdings
jenes heißen: aber auch de nuptiis gravari? In jener Redensart wird
gravari gleichsam als ein Deponens gebraucht: in dieser aber ist es ja
wohl das eigentliche Passivum und kann also meine Auslegung nicht allein
leiden, sondern vielleicht wohl gar keine andere leiden, als sie.
Wäre aber dieses: wie stünde es dann um den Terenz? Er hätte sein
Original so wenig verbessert, daß er es vielmehr verschlimmert hätte; er
hätte die Ungereimtheit mit der Verheiratung des Micio, durch die
Weigerung desselben, nicht gemildert, sondern sie selber erfunden.
Terentius euretikon! Aber nur, daß es mit den Erfindungen der Nachahmer
nicht weit her ist!
----Fußnote
[1] Act. v. Sc. VIII.
De. Ego vero jubeo, et in hac re, et in aliis omnibus,
Quam maxime unam facere nos hanc familiam;
Colere, adjuvare, adjungere. Aes. Ita quaeso pater.
Mi. Haud aliter censeo. De. Imo hercle ita nobis decet.
Primum hujus uxoris est mater. Mi. Quid postea?
De. Proba, et modesta. Mi. Ita ajunt. De. Natu grandior.
Mi. Scio. De. Parere jam diu haec per annos non potest:
Nec qui eam respiciat, quisquam est; sola est. Mi. Quam hic rem
agit?
De. Hanc te aequum est ducere: et te operam, ut fiat, dare.
Mi. Me ducere autem? De. Te. Mi. Me? De. Te inquam. Mi.
Ineptis. De. Si tu sis homo,
Hic faciat. Aes. Mi pater. Mi. Quid? Tu autem huic, asine,
auscultas. De. Nihil agis,
Fieri aliter non potest. Mi. Deliras. Aes. Sine te exorem, mi
pater.
Mi. Insanis, aufer. De. Age, da veniam filio. Mi. Satin' sanus es?
Ego novus maritus anno demum quinto et sexagesimo
Fiam; atque anum decrepitam ducam? Idne estis auctores mihi?
Aes. Fac; promisi ego illis. Mi. Promisti autem? de te largitor
puer.
De. Age, quid, si quid te majus oret? Mi. Quasi non hoc sit maximum.
De. Da veniam. Aes. Ne gravere. De. Fac, promitte. Mi. Non
omittis?
Aes. Non; nisi te exorem. Mi. Vis est haec quidem. De. Age
prolixe Micio.
Mi. Etsi hoc mihi pravum, ineptum, absurdum, atque alienum a vita mea
Videtur: si vos tantopere istuc vultis. Fiat.--
----Fußnote
Hundert und erstes, zweites, drittes und viertes Stück
Den 19. April 1768
Hundert und erstes bis viertes?--Ich hatte mir vorgenommen, den Jahrgang
dieser Blätter nur aus hundert Stücken bestehen zu lassen. Zweiundfunfzig
Wochen, und die Woche zwei Stück, geben zwar allerdings hundertundviere.
Aber warum sollte, unter allen Tagewerkern, dem einzigen wöchentlichen
Schriftsteller kein Feiertag zustatten kommen? Und in dem ganzen Jahre
nur viere: ist ja so wenig!
Doch Dodsley und Compagnie haben dem Publico, in meinem Namen,
ausdrücklich hundert und vier Stück versprochen. Ich werde die guten
Leute schon nicht zu Lügnern machen müssen.
Die Frage ist nur, wie fange ich es am besten an?--Der Zeug ist schon
verschnitten: ich werde einflicken oder recken müssen.--Aber das klingt
so stümpermäßig. Mir fällt ein,--was mir gleich hätte einfallen sollen:
die Gewohnheit der Schauspieler, auf ihre Hauptvorstellung ein kleines
Nachspiel folgen zu lassen. Das Nachspiel kann handeln, wovon es will,
und braucht mit dem Vorhergehenden nicht in der geringsten Verbindung zu
stehen.--So ein Nachspiel dann mag die Blätter nun füllen, die ich mir
ganz ersparen wollte.
Erst ein Wort von mir selbst! Denn warum sollte nicht auch ein Nachspiel
einen Prolog haben dürfen, der sich mit einem Poeta, cum primum animum ad
scribendum appulit, anfinge?
Als, vor Jahr und Tag, einige gute Leute hier den Einfall bekamen, einen
Versuch zu machen, ob nicht für das deutsche Theater sich etwas mehr tun
lasse, als unter der Verwaltung eines sogenannten Prinzipals geschehen
könne: so weiß ich nicht, wie man auf mich dabei fiel und sich träumen
ließ, daß ich bei diesem Unternehmen wohl nützlich sein könnte?--Ich
stand eben am Markte und war müßig; niemand wollte mich dingen: ohne
Zweifel, weil mich niemand zu brauchen wußte; bis gerade auf diese
Freunde!--Noch sind mir in meinem Leben alle Beschäftigungen sehr
gleichgültig gewesen: ich habe mich nie zu einer gedrungen oder nur
erboten; aber auch die geringfügigste nicht von der Hand gewiesen, zu der
ich mich aus einer Art von Prädilektion erlesen zu sein glauben konnte.
Ob ich zur Aufnahme des hiesigen Theaters konkurrieren wolle? darauf war
also leicht geantwortet. Alle Bedenklichkeiten waren nur die: ob ich es
könne? und wie ich es am besten könne?
Ich bin weder Schauspieler noch Dichter.
Man erweiset mir zwar manchmal die Ehre, mich für den letztern zu
erkennen. Aber nur, weil man mich verkennt. Aus einigen dramatischen
Versuchen, die ich gewagt habe, sollte man nicht so freigebig folgern.
Nicht jeder, der den Pinsel in die Hand nimmt und Farben verquistet, ist
ein Maler. Die ältesten von jenen Versuchen sind in den Jahren
hingeschrieben, in welchen man Lust und Leichtigkeit so gern für Genie
hält. Was in den neuerern Erträgliches ist, davon bin ich mir sehr
bewußt, daß ich es einzig und allein der Kritik zu verdanken habe. Ich
fühle die lebendige Quelle nicht in mir, die durch eigene Kraft sich
emporarbeitet, durch eigene Kraft in so reichen, so frischen, so reinen
Strahlen aufschießt: ich muß alles durch Druckwerk und Röhren aus mir
heraufpressen. Ich würde so arm, so kalt, so kurzsichtig sein, wenn ich
nicht einigermaßen gelernt hätte, fremde Schätze bescheiden zu borgen, an
fremdem Feuer mich zu wärmen und durch die Gläser der Kunst mein Auge zu
stärken. Ich bin daher immer beschämt oder verdrüßlich geworden, wenn ich
zum Nachteil der Kritik etwas las oder hörte. Sie soll das Genie
ersticken: und ich schmeichelte mir, etwas von ihr zu erhalten, was dem
Genie sehr nahe kömmt. Ich bin ein Lahmer, den eine Schmähschrift auf die
Krücke unmöglich erbauen kann.
Doch freilich; wie die Krücke dem Lahmen wohl hilft, sich von einem Orte
zum andern zu bewegen, aber ihn nicht zum Läufer machen kann: so auch die
Kritik. Wenn ich mit ihrer Hilfe etwas zustande bringe, welches besser
ist, als es einer von meinen Talenten ohne Kritik machen würde: so kostet
es mich so viel Zeit, ich muß von andern Geschäften so frei, von
unwillkürlichen Zerstreuungen so ununterbrochen sein, ich muß meine ganze
Belesenheit so gegenwärtig haben, ich muß bei jedem Schritte alle
Bemerkungen, die ich jemals über Sitten und Leidenschaften gemacht, so
ruhig durchlaufen können; daß zu einem Arbeiter, der ein Theater mit
Neuigkeiten unterhalten soll, niemand in der Welt ungeschickter sein
kann, als ich.
Was Goldoni für das italienische Theater tat, der es in einem Jahre mit
dreizehn neuen Stücken bereicherte, das muß ich für das deutsche zu tun
folglich bleiben lassen. Ja, das würde ich bleiben lassen, wenn ich es
auch könnte. Ich bin mißtrauischer gegen alle erste Gedanken, als De la
Casa und der alte Shandy nur immer gewesen sind. Denn wenn ich sie auch
schon nicht für Eingebungen des bösen Feindes, weder des eigentlichen
noch des allegorischen, halte:[1] so denke ich doch immer, daß die ersten
Gedanken die ersten sind, und daß das Beste auch nicht einmal in allen
Suppen obenauf zu schwimmen pflegt. Meine erste Gedanken sind gewiß kein
Haar besser, als jedermanns erste Gedanken: und mit jedermanns Gedanken
bleibt man am klügsten zu Hause.
--Endlich fiel man darauf, selbst das, was mich zu einem so langsamen,
oder, wie es meinen rüstigem Freunden scheinet, so faulen Arbeiter macht,
selbst das an mir nutzen zu wollen: die Kritik. Und so entsprang die Idee
zu diesem Blatte.
Sie gefiel mir, diese Idee. Sie erinnerte mich an die Didaskalien der
Griechen, d.I. an die kurzen Nachrichten, dergleichen selbst Aristoteles
von den Stücken der griechischen Bühne zu schreiben der Mühe wert
gehalten. Sie erinnerte mich, vor langer Zeit einmal über den
grundgelehrten Casaubonus bei mir gelacht zu haben, der sich, aus wahrer
Hochachtung für das Solide in den Wissenschaften, einbildete, daß es dem
Aristoteles vornehmlich um die Berichtigung der Chronologie bei seinen
Didaskalien zu tun gewesen.[2]--Wahrhaftig, es wäre auch eine ewige
Schande für den Aristoteles, wenn er sich mehr um den poetischen Wert der
Stücke, mehr um ihren Einfluß auf die Sitten, mehr um die Bildung des
Geschmacks darin bekümmert hätte, als um die Olympiade, als um das Jahr
der Olympiade, als um die Namen der Archonten, unter welchen sie zuerst
aufgeführet worden!
Ich war schon willens, das Blatt selbst "Hamburgische Didaskalien" zu
nennen. Aber der Titel klang mir allzu fremd, und nun ist es mir sehr
lieb, daß ich ihm diesen vorgezogen habe. Was ich in eine Dramaturgie
bringen oder nicht bringen wollte, das stand bei mir: wenigstens hatte
mir Lione Allacci desfalls nichts vorzuschreiben. Aber wie eine
Didaskalie aussehen müsse, glauben die Gelehrten zu wissen, wenn es auch
nur aus den noch vorhandenen Didaskalien des Terenz wäre, die eben dieser
Casaubonus breviter et eleganter scriptas nennt. Ich hatte weder Lust,
meine Didaskalien so kurz, noch so elegant zu schreiben: und unsere
itztlebende Casauboni würden die Köpfe trefflich geschüttelt haben, wenn
sie gefunden hätten, wie selten ich irgendeines chronologischen Umstandes
gedenke, der künftig einmal, wenn Millionen anderer Bücher
verlorengegangen wären, auf irgendein historisches Faktum einiges Licht
werfen könnte. In welchem Jahre Ludewigs des Vierzehnten, oder Ludewigs
des Funfzehnten, ob zu Paris, oder zu Versailles, ob in Gegenwart der
Prinzen vom Geblüte, oder nicht der Prinzen vom Geblüte, dieses oder
jenes französische Meisterstück zuerst aufgeführet worden: das würden sie
bei mir gesucht und zu ihrem großen Erstaunen nicht gefunden haben.
Was sonst diese Blätter werden sollten, darüber habe ich mich in der
Ankündigung erkläret: was sie wirklich geworden, das werden meine Leser
wissen. Nicht völlig das, wozu ich sie zu machen versprach: etwas
anderes; aber doch, denk' ich, nichts Schlechteres.
"Sie sollten jeden Schritt begleiten, den die Kunst, sowohl des Dichters
als des Schauspielers hier tun würde."
Die letztere Hälfte bin ich sehr bald überdrüssig geworden. Wir haben
Schauspieler, aber keine Schauspielkunst. Wenn es vor Alters eine solche
Kunst gegeben hat: so haben wir sie nicht mehr; sie ist verloren; sie muß
ganz von neuem wieder erfunden werden. Allgemeines Geschwätze darüber hat
man in verschiedenen Sprachen genug: aber spezielle, von jedermann
erkannte, mit Deutlichkeit und Präzision abgefaßte Regeln, nach welchen
der Tadel oder das Lob des Akteurs in einem besondern Falle zu bestimmen
sei, deren wüßte ich kaum zwei oder drei. Daher kömmt es, daß alles
Raisonnement über diese Materie immer so schwankend und vieldeutig
scheinet, daß es eben kein Wunder ist, wenn der Schauspieler, der nichts
als eine glückliche Routine hat, sich auf alle Weise dadurch beleidiget
findet. Gelobt wird er sich nie genug, getadelt aber allezeit viel zuviel
glauben: ja öfters wird er gar nicht einmal wissen, ob man ihn tadeln
oder loben wollen. Überhaupt hat man die Anmerkung schon längst gemacht,
daß die Empfindlichkeit der Künstler, in Ansehung der Kritik, in eben dem
Verhältnisse steigt, in welchem die Gewißheit und Deutlichkeit und Menge
der Grundsätze ihrer Künste abnimmt.--So viel zu meiner, und selbst zu
deren Entschuldigung, ohne die ich mich nicht zu entschuldigen hätte.
Aber die erstere Hälfte meines Versprechens? Bei dieser ist freilich das
Hier zur Zeit noch nicht sehr in Betrachtung gekommen,--und wie hätte es
auch können? Die Schranken sind noch kaum geöffnet, und man wollte die
Wettläufer lieber schon bei dem Ziele sehen; bei einem Ziele, das ihnen
alle Augenblicke immer weiter und weiter hinausgesteckt wird? Wenn das
Publikum fragt, was ist denn nun geschehen? und mit einem höhnischen
Nichts sich selbst antwortet: so frage ich wiederum: und was hat denn das
Publikum getan, damit etwas geschehen könnte? Auch nichts; ja noch etwas
Schlimmers, als nichts. Nicht genug, daß es das Werk nicht allein nicht
befördert: es hat ihm nicht einmal seinen natürlichen Lauf gelassen.
--Über den gutherzigen Einfall, den Deutschen ein Nationaltheater zu
verschaffen, da wir Deutsche noch keine Nation sind! Ich rede nicht von
der politischen Verfassung, sondern bloß von dem sittlichen Charakter.
Fast sollte man sagen, dieser sei: keinen eigenen haben zu wollen. Wir
sind noch immer die geschwornen Nachahmer alles Ausländischen, besonders
noch immer die untertänigen Bewunderer der nie genug bewunderten
Franzosen; alles was uns von jenseit dem Rheine kömmt, ist schön,
reizend, allerliebst, göttlich; lieber verleugnen wir Gesicht und Gehör,
als daß wir es anders finden sollten; lieber wollen wir Plumpheit für
Ungezwungenheit, Frechheit für Grazie, Grimasse für Ausdruck, ein
Geklingle von Reimen für Poesie, Geheule für Musik uns einreden lassen,
als im geringsten an der Superiorität zweifeln, welche dieses
liebenswürdige Volk, dieses erste Volk in der Welt, wie es sich selbst
sehr bescheiden zu nennen pflegt, in allem, was gut und schön und erhaben
und anständig ist, von dem gerechten Schicksale zu seinem Anteile
erhalten hat.--
Doch dieser Locus communis ist so abgedroschen, und die nähere Anwendung
desselben könnte leicht so bitter werden, daß ich lieber davon abbreche.
Ich war also genötiget, anstatt der Schritte, welche die Kunst des
dramatischen Dichters hier wirklich könnte getan haben, mich bei denen zu
verweilen, die sie vorläufig tun müßte, um sodann mit eins ihre Bahn mit
desto schnellern und größern zu durchlaufen. Es waren die Schritte,
welche ein Irrender zurückgehen muß, um wieder auf den rechten Weg zu
gelangen und sein Ziel gerade in das Auge zu bekommen.
Seines Fleißes darf sich jedermann rühmen: ich glaube, die dramatische
Dichtkunst studiert zu haben; sie mehr studiert zu haben, als zwanzig,
die sie ausüben. Auch habe ich sie so weit ausgeübet, als es nötig ist,
um mitsprechen zu dürfen: denn ich weiß wohl, so wie der Maler sich von
niemanden gern tadeln läßt, der den Pinsel ganz und gar nicht zu führen
weiß, so auch der Dichter. Ich habe es wenigstens versucht, was er
bewerkstelligen muß, und kann von dem, was ich selbst nicht zu machen
vermag, doch urteilen, ob es sich machen läßt. Ich verlange auch nur eine
Stimme unter uns, wo so mancher sich eine anmaßt, der, wenn er nicht dem
oder jenem Ausländer nachplaudern gelernt hätte, stummer sein würde, als
ein Fisch.
Aber man kann studieren, und sich tief in den Irrtum hineinstudieren. Was
mich also versichert, daß mir dergleichen nicht begegnet sei, daß ich das
Wesen der dramatischen Dichtkunst nicht verkenne, ist dieses, daß ich es
vollkommen so erkenne, wie es Aristoteles aus den unzähligen
Meisterstücken der griechischen Bühne abstrahieret hat. Ich habe von dem
Entstehen, von der Grundlage der Dichtkunst dieses Philosophen meine
eigene Gedanken, die ich hier ohne Weitläufigkeit nicht äußern könnte.
Indes steh' ich nicht an, zu bekennen (und sollte ich in diesen
erleuchteten Zeiten auch darüber ausgelacht werden!), daß ich sie für ein
ebenso unfehlbares Werk halte, als die Elemente des Euklides nur immer
sind. Ihre Grundsätze sind ebenso wahr und gewiß, nur freilich nicht so
faßlich, und daher mehr der Schikane ausgesetzt, als alles, was diese
enthalten. Besonders getraue ich mir von der Tragödie, als über die uns
die Zeit so ziemlich alles daraus gönnen wollen, unwidersprechlich zu
beweisen, daß sie sich von der Richtschnur des Aristoteles keinen Schritt
entfernen kann, ohne sich ebensoweit von ihrer Vollkommenheit zu
entfernen.
----Fußnote
[1] An opinion John de la Casa, archbishop of Benevento, was afflicted
with--which opinion was,--that whenever a Christian was writing a book
(not for his private amusement, but) where his intent and purpose was
bona fide, to print and publish it to the world, his first thoughts were
always the temptations of the evil one.--My father was hugely pleased
with this theory of John de la Casa; and (had it not cramped him a little
in his creed) I believe would have given ten of the best acres in the
Shandy estate, to have been the broacher of it;--but as he could not have
the honour of it in the litteral sense of the doctrine, he took up with
the allegory of it. Prejudice of education, he would say, is the devil
etc. ("Life and Op. of Tristram Shandy", Vol. V. p. 74.)
[2] ("Animadv. in Athenaeum Libr." VI. cap. 7.) Didaskalia accipitur pro
eo scripto, quo explicatur ubi, quando, quomodo et quo eventu fabula
aliqua fuerit acta.--Quantum critici hac diligentia veteres chronologos
adjuverint, soli aestimabunt illi, qui norunt quam infirma et tenuia
praesidia habuerint, qui ad ineundam fugacis temporis rationem primi
animum appulerunt. Ego non dubito, eo potissimum spectasse Aristotelem,
cum Didaskalias suas componeret.--
----Fußnote
Nach dieser Überzeugung nahm ich mir vor, einige der berühmtesten Muster
der französischen Bühne ausführlich zu beurteilen. Denn diese Bühne soll
ganz nach den Regeln des Aristoteles gebildet sein; und besonders hat man
uns Deutsche bereden wollen, daß sie nur durch diese Regeln die Stufe der
Vollkommenheit erreicht habe, auf welcher sie die Bühnen aller neuern
Völker so weit unter sich erblicke. Wir haben das auch lange so fest
geglaubt, daß bei unsern Dichtern, den Franzosen nachahmen, ebensoviel
gewesen ist, als nach den Regeln der Alten arbeiten.
Indes konnte das Vorurteil nicht ewig gegen unser Gefühl bestehen. Dieses
ward, glücklicherweise, durch einige englische Stücke aus seinem
Schlummer erwecket, und wir machten endlich die Erfahrung, daß die
Tragödie noch einer ganz andern Wirkung fähig sei, als ihr Corneille und
Racine zu erteilen vermocht. Aber geblendet von diesem plötzlichen
Strahle der Wahrheit, prallten wir gegen den Rand eines andern Abgrundes
zurück. Den englischen Stücken fehlten zu augenscheinlich gewisse Regeln,
mit welchen uns die französischen so bekannt gemacht hatten. Was schloß
man daraus? Dieses: daß sich auch ohne diese Regeln der Zweck der
Tragödie erreichen lasse; ja, daß diese Regeln wohl gar schuld sein
könnten, wenn man ihn weniger erreiche.
Und das hätte noch hingehen mögen!--Aber mit diesen Regeln fing man an,
alle Regeln zu vermengen und es überhaupt für Pedanterei zu erklären, dem
Genie vorzuschreiben, was es tun, und was es nicht tun müsse. Kurz, wir
waren auf dem Punkte, uns alle Erfahrungen der vergangnen Zeit mutwillig
zu verscherzen; und von den Dichtern lieber zu verlangen, daß jeder die
Kunst aufs neue für sich erfinden solle.
Ich wäre eitel genug, mir einiges Verdienst um unser Theater beizumessen,
wenn ich glauben dürfte, das einzige Mittel getroffen zu haben, diese
Gärung des Geschmacks zu hemmen. Darauf losgearbeitet zu haben, darf ich
mir wenigstens schmeicheln, indem ich mir nichts angelegner sein lassen,
als den Wahn von der Regelmäßigkeit der französischen Bühne zu
bestreiten. Gerade keine Nation hat die Regeln des alten Drama mehr
verkannt, als die Franzosen. Einige beiläufige Bemerkungen, die sie über
die schicklichste äußere Einrichtung des Drama bei dem Aristoteles
fanden, haben sie für das Wesentliche angenommen und das Wesentliche
durch allerlei Einschränkungen und Deutungen dafür so entkräftet, daß
notwendig nichts anders als Werke daraus entstehen konnten, die weit
unter der höchsten Wirkung blieben, auf welche der Philosoph seine Regeln
kalkuliert hatte.
Ich wage es, hier eine Äußerung zu tun, mag man sie doch nehmen, wofür
man will!--Man nenne mir das Stück des großen Corneille, welches ich
nicht besser machen wollte. Was gilt die Wette?--
Doch nein; ich wollte nicht gern, daß man diese Äußerung für Prahlerei
nehmen könne. Man merke also wohl, was ich hinzusetze: Ich werde es
zuverlässig besser machen,--und doch lange kein Corneille sein,--und doch
lange noch kein Meisterstück gemacht haben. Ich werde es zuverlässig
besser machen;--und mir doch wenig darauf einbilden dürfen. Ich werde
nichts getan haben, als was jeder tun kann,--der so fest an den
Aristoteles glaubet, wie ich.
Eine Tonne, für unsere kritische Walfische! Ich freue mich im voraus, wie
trefflich sie damit spielen werden. Sie ist einzig und allein für sie
ausgeworfen; besonders für den kleinen Walfisch in dem Salzwasser
zu Halle!--
Und mit diesem Übergange,--sinnreicher muß er nicht sein,--mag denn der
Ton des ernsthaftem Prologs in den Ton des Nachspiels verschmelzen, wozu
ich diese letztern Blätter bestimmte. Wer hätte mich auch sonst erinnern
können, daß es Zeit sei, dieses Nachspiel anfangen zu lassen, als eben
der Hr. Stl., welcher in der deutschen Bibliothek des Hrn. Gemeimerat
Klotz den Inhalt desselben bereits angekündiget hat?[1]--
Aber was bekömmt denn der schnakische Mann in dem bunten Jäckchen, daß er
so dienstfertig mit seiner Trommel ist? Ich erinnere mich nicht, daß ich
ihm etwas dafür versprochen hätte. Er mag wohl bloß zu seinem Vergnügen
trommeln; und der Himmel weiß, wo er alles her hat, was die liebe Jugend
auf den Gassen, die ihm mit einem bewundernden Ah! nachfolgt, aus der
ersten Hand von ihm zu erfahren bekommt. Er muß einen Wahrsagergeist
haben, trotz der Magd in der Apostelgeschichte. Denn wer hätte es ihm
sonst sagen können, daß der Verfasser der Dramaturgie auch mit der
Verleger derselben ist? Wer hätte ihm sonst die geheimen Ursachen
entdecken können, warum ich der einen Schauspielerin eine sonore Stimme
beigelegt und das Probestück einer andern so erhoben habe? Ich war
freilich damals in beide verliebt: aber ich hätte doch nimmermehr
geglaubt, daß es eine lebendige Seele erraten sollte. Die Damen können es
ihm auch unmöglich selbst gesagt haben: folglich hat es mit dem
Wahrsagergeiste seine Richtigkeit. Ja, weh uns armen Schriftstellern,
wenn unsere hochgebietende Herren, die Journalisten und
Zeitungsschreiber, mit solchen Kälbern pflügen wollen! Wenn sie zu ihren
Beurteilungen, außer ihrer gewöhnlichen Gelehrsamkeit und
Scharfsinnigkeit, sich aus noch solcher Stückchen aus der geheimsten
Magie bedienen wollen: wer kann wider sie bestehen?
"Ich würde", schreibt dieser Hr. Stl. aus Eingebung seines Kobolds, "auch
den zweiten Band der Dramaturgie anzeigen können, wenn nicht die
Abhandlung wider die Buchhändler dem Verfasser zu viel Arbeit machte, als
daß er das Werk bald beschließen könnte."
Man muß auch einen Kobold nicht zum Lügner machen wollen, wenn er es
gerade einmal nicht ist. Es ist nicht ganz ohne, was das böse Ding dem
guten Stl. hier eingeblasen. Ich hatte allerdings so etwas vor. Ich
wollte meinen Lesern erzählen, warum dieses Werk so oft unterbrochen
worden; warum in zwei Jahren erst, und noch mit Mühe, so viel davon
fertig geworden, als auf ein Jahr versprochen war. Ich wollte mich über
den Nachdruck beschweren, durch den man den geradesten Weg eingeschlagen,
es in seiner Geburt zu ersticken. Ich wollte über die nachteiligen Folgen
des Nachdrucks überhaupt einige Betrachtungen anstellen. Ich wollte das
einzige Mittel vorschlagen, ihm zu steuern. Aber, das wäre ja sonach
keine Abhandlung wider die Buchhändler geworden? Sondern vielmehr, für
sie: wenigstens, der rechtschaffenen Männer unter ihnen; und es gibt
deren. Trauen Sie, mein Herr Stl., Ihrem Kobolde also nicht immer so
ganz! Sie sehen es: was solch Geschmeiß des bösen Feindes von der Zukunft
noch etwa weiß, das weiß es nur halb.--
Doch nun genug dem Narren nach seiner Narrheit geantwortet, damit er sich
nicht weise dünke. Denn eben dieser Mund sagt: Antworte dem Narren nicht
nach seiner Narrheit, damit du ihm nicht gleich werdest! Das ist:
antworte ihm nicht so nach seiner Narrheit, daß die Sache selbst darüber
vergessen wird; als wodurch du ihm gleich werden würdest. Und so wende
ich mich wieder an meinen ernsthaften Leser, den ich dieser Possen wegen
ernstlich um Vergebung bitte.
Es ist die lautere Wahrheit, daß der Nachdruck, durch den man diese
Blätter gemeinnütziger machen wollen, die einzige Ursache ist, warum sich
ihre Ausgabe bisher so verzögert hat, und warum sie nun gänzlich
liegenbleiben. Ehe ich ein Wort mehr hierüber sage, erlaube man mir, den
Verdacht des Eigennutzes von mir abzulehnen. Das Theater selbst hat die
Unkosten dazu hergegeben, in Hoffnung, aus dem Verkaufe wenigstens einen
ansehnlichen Teil derselben wieder zu erhalten. Ich verliere nichts
dabei, daß diese Hoffnung fehlschlägt. Auch bin ich gar nicht ungehalten
darüber, daß ich den zur Fortsetzung gesammelten Stoff nicht weiter an
den Mann bringen kann. Ich ziehe meine Hand von diesem Pfluge ebenso gern
wieder ab, als ich sie anlegte. Klotz und Konsorten wünschen ohnedem, daß
ich sie nie angelegt hätte; und es wird sich leicht einer unter ihnen
finden, der das Tageregister einer mißlungenen Unternehmung bis zu Ende
führet und mir zeiget, was für einen periodischen Nutzen ich einem
solchen periodischen Blatte hätte erteilen können und sollen.
Denn ich will und kann es nicht bergen, daß diese letzten Bogen fast ein
Jahr später niedergeschrieben worden, als ihr Datum besagt. Der süße
Traum, ein Nationaltheater hier in Hamburg zu gründen, ist schon wieder
verschwunden: und soviel ich diesen Ort nun habe kennen lernen, dürfte er
auch wohl gerade der sein, wo ein solcher Traum am spätesten in Erfüllung
gehen wird.
Aber auch das kann mir sehr gleichgültig sein!--Ich möchte überhaupt
nicht gern das Ansehen haben, als ob ich es für ein großes Unglück
hielte, daß Bemühungen vereitelt worden, an welchen ich Anteil genommen.
Sie können von keiner besondern Wichtigkeit sein, eben weil ich Anteil
daran genommen. Doch wie, wenn Bemühungen von weiterm Belange durch die
nämlichen Undienste scheitern könnten, durch welche meine gescheitert
sind? Die Welt verliert nichts, daß ich, anstatt fünf und sechs Bände
Dramaturgie, nur zwei an das Licht der Welt bringen kann. Aber sie könnte
verlieren, wenn einmal ein nützlicheres Werk eines bessern
Schriftstellers ebenso ins Stecken geriete; und es wohl gar Leute gäbe,
die einen ausdrücklichen Plan darnach machten, daß auch das nützlichste,
unter ähnlichen Umständen unternommene Werk verunglücken sollte
und müßte.
In diesem Betracht stehe ich nicht an und halte es für meine
Schuldigkeit, dem Publico ein sonderbares Komplott zu denunzieren. Eben
diese Dodsley und Compagnie, welche sich die Dramaturgie nachzudrucken
erlaubet, lassen seit einiger Zeit einen Aufsatz, gedruckt und
geschrieben, bei den Buchhändlern umlaufen, welcher von Wort zu Wort
so lautet: