Novam esse ostendi, et quae esset--

beziehen sich keinesweges auf das, was Terenz den Vorredner in dem

vorigen sagen lassen; sondern man muß darunter verstehen, apud Aediles;

novus aber heißt hier nicht, was aus des Terenz eigenem Kopfe geflossen,

sondern bloß, was im Lateinischen noch nicht vorhanden gewesen. Daß mein

Stück, will er sagen, ein neues Stück sei, das ist, ein solches Stück,

welches noch nie lateinisch erschienen, welches ich selbst aus dem

Griechischen übersetzt, das habe ich den Ädilen, die mir es abgekauft,

bewiesen. Um mir hierin ohne Bedenken beizufallen, darf man sich nur an

den Streit erinnern, welchen er wegen seines "Eunuchus" vor den Ädilen

hatte. Diesen hatte er ihnen als ein neues, von ihm aus dem Griechischen

übersetztes Stück verkauft; aber sein Widersacher, Lavinius, wollte den

Ädilen überreden, daß er es nicht aus dem Griechischen, sondern aus zwei

alten Stücken des Nävius und Plautus genommen habe. Freilich hatte der

"Eunuchus" mit diesen Stücken vieles gemein; aber doch war die

Beschuldigung des Lavinius falsch; denn Terenz hatte nur aus eben der

griechischen Quelle geschöpft, aus welcher, ihm unwissend, schon Nävius

und Plautus vor ihm geschöpft hatten. Also, um dergleichen Verleumdungen

bei seinem "Heautontimorumenos" vorzubauen, was war natürlicher, als daß

er den Ädilen das griechische Original vorgezeigt und sie wegen des

Inhalts unterrichtet hatte? Ja, die Ädilen konnten das leicht selbst von

ihm gefodert haben. Und darauf geht das

Novam esse ostendi, et quae esset.

[6] Tusc. Quaest., lib. III. c. 27.

----Fußnote

Neunundachtzigstes Stück

Den 8. März 1768

Zuerst muß ich anmerken, daß Diderot seine Assertion ohne allen Beweis

gelassen hat. Er muß sie für eine Wahrheit angesehen haben, die kein

Mensch in Zweifel ziehen werde, noch könne; die man nur denken dürfe, um

ihren Grund zugleich mitzudenken. Und sollte er den wohl gar in den

wahren Namen der tragischen Personen gefunden haben? Weil diese Achilles

und Alexander und Cato und Augustus heißen und Achilles, Alexander, Cato,

Augustus wirkliche einzelne Personen gewesen sind: sollte er wohl daraus

geschlossen haben, daß sonach alles, was der Dichter in der Tragödie sie

sprechen und handeln läßt, auch nur diesen einzeln so genannten Personen,

und keinem in der Welt zugleich mit, müsse zukommen können? Fast scheint

es so. Aber diesen Irrtum hatte Aristoteles schon vor zweitausend Jahren

widerlegt und auf die ihr entgegenstehende Wahrheit den wesentlichen

Unterschied zwischen der Geschichte und Poesie, sowie den größern Nutzen

der letztern vor der ersten gegründet. Auch hat er es auf eine so

einleuchtende Art getan, daß ich nur seine Worte anführen darf, um keine

geringe Verwunderung zu erwecken, wie in einer so offenbaren Sache ein

Diderot nicht gleicher Meinung mit ihm sein könne.

"Aus diesen also", sagt Aristoteles,[1] nachdem er die wesentlichen

Eigenschaften der poetischen Fabel festgesetzt, "aus diesen also erhellet

klar, daß des Dichters Werk nicht ist, zu erzählen, was geschehen,

sondern zu erzählen, von welcher Beschaffenheit das Geschehene und was

nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit dabei möglich gewesen.

Denn Geschichtschreiber und Dichter unterscheiden sich nicht durch die

gebundene oder ungebundene Rede: indem man die Bücher des Herodotus in

gebundene Rede bringen kann und sie darum doch nichts weniger in

gebundener Rede eine Geschichte sein werden, als sie es in ungebundener

waren. Sondern darin unterscheiden sie sich, daß jener erzählet, was

geschehen; dieser aber, von welcher Beschaffenheit das Geschehene

gewesen. Daher ist denn auch die Poesie philosophischer und nützlicher

als die Geschichte. Denn die Poesie geht mehr auf das Allgemeine, und die

Geschichte auf das Besondere. Das Allgemeine aber ist, wie so oder so ein

Mann nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit sprechen und handeln

würde; als worauf die Dichtkunst bei Erteilung der Namen sieht. Das

Besondere hingegen ist, was Alcibiades getan oder gelitten hat. Bei der

Komödie nun hat sich dieses schon ganz offenbar gezeigt; denn wenn die

Fabel nach der Wahrscheinlichkeit abgefaßt ist, legt man die etwanigen

Namen sonach bei und macht es nicht wie die jambischen Dichter, die bei

dem Einzeln bleiben. Bei der Tragödie aber hält man sich an die schon

vorhandenen Namen; aus Ursache, weil das Mögliche glaubwürdig ist und wir

nicht möglich glauben, was nie geschehen, dahingegen was geschehen

offenbar möglich sein muß, weil es nicht geschehen wäre, wenn es nicht

möglich wäre. Und doch sind auch in den Tragödien, in einigen nur ein

oder zwei bekannte Namen, und die übrigen sind erdichtet; in einigen auch

gar keiner, so wie in der ›Blume‹ des Agathon. Denn in diesem Stücke sind

Handlungen und Namen gleich erdichtet, und doch gefällt es darum

nichts weniger."

In dieser Stelle, die ich nach meiner eigenen Übersetzung anführe, mit

welcher ich so genau bei den Worten geblieben bin, als möglich, sind

verschiedene Dinge, welche von den Auslegern, die ich noch zu Rate ziehen

können, entweder gar nicht oder falsch verstanden worden. Was davon hier

zur Sache gehört, muß ich mitnehmen.

Das ist unwidersprechlich, daß Aristoteles schlechterdings keinen

Unterschied zwischen den Personen der Tragödie und Komödie, in Ansehung

ihrer Allgemeinheit, macht. Die einen sowohl als die andern, und selbst

die Personen der Epopee nicht ausgeschlossen, alle Personen der

poetischen Nachahmung ohne Unterschied, sollen sprechen und handeln,

nicht wie es ihnen einzig und allein zukommen könnte, sondern so wie ein

jeder von ihrer Beschaffenheit in den nämlichen Umständen sprechen oder

handeln würde und müßte. In diesem [Greek: katholou], in dieser

Allgemeinheit liegt allein der Grund, warum die Poesie philosophischer

und folglich lehrreicher ist als die Geschichte; und wenn es wahr ist,

daß derjenige komische Dichter, welcher seinen Personen so eigene

Physiognomien geben wollte, daß ihnen nur ein einziges Individuum in der

Welt ähnlich wäre, die Komödie, wie Diderot sagt, wiederum in ihre

Kindheit zurücksetzen und in Satire verkehren würde: so ist es auch

ebenso wahr, daß derjenige tragische Dichter, welcher nur den und den

Menschen, nur den Cäsar, nur den Cato, nach allen den Eigentümlichkeiten,

die wir von ihnen wissen, vorstellen wollte, ohne zugleich zu zeigen, wie

alle diese Eigentümlichkeiten mit dem Charakter des Cäsar und Cato

zusammengehangen, der ihnen mit mehrern kann gemein sein, daß, sage ich,

dieser die Tragödie entkräften und zur Geschichte erniedrigen würde.

Aber Aristoteles sagt auch, daß die Poesie auf dieses Allgemeine der

Personen mit den Namen, die sie ihnen erteile, ziele ([Greek: ou

stochazetai ae poiaesis onomata epitithemenae]); welches sich besonders

bei der Komödie deutlich gezeigt habe. Und dieses ist es, was die

Ausleger dem Aristoteles nachzusagen sich begnügt, im geringsten aber

nicht erläutert haben. Wohl aber haben verschiedene sich so darüber

ausgedrückt, daß man klar sieht, sie müssen entweder nichts, oder etwas

ganz Falsches dabei gedacht haben. Die Frage ist: wie sieht die Poesie,

wenn sie ihren Personen Namen erteilt, auf das Allgemeine dieser

Personen? und wie ist diese ihre Rücksicht auf das Allgemeine der Person,

besonders bei der Komödie, schon längst sichtbar gewesen?

Die Worte: [Greek: esti de katholou men, to poio ta poi atta symbainei

legein, ae prattein kata to eikos, ae io anankaion, ou stochazetai ae

poiaesis onomata epitithemenae], übersetzt Dacier: Une chose générale,

c'est ce que tout homme d'un tel ou d'un tel caractère a dû dire, ou

faire vraisemblablement ou nécessairement, ce qui est le but de la poésie

lors même, qu'elle impose les noms à ses personnages. Vollkommen so

übersetzt sie auch Herr Curtius: "Das Allgemeine ist, was einer, vermöge

eines gewissen Charakters, nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit

redet oder tut. Dieses Allgemeine ist der Endzweck der Dichtkunst, auch

wenn sie den Personen besondere Namen beilegt.--Auch in ihrer Anmerkung

über diese Worte stehen beide für einen Mann; der eine sagt vollkommen

eben das, was der andere sagt. Sie erklären beide, was das Allgemeine

ist; sie sagen beide, daß dieses Allgemeine die Absicht der Poesie sei:

aber wie die Poesie bei Erteilung der Namen auf dieses Allgemeine sieht,

davon sagt keiner ein Wort. Vielmehr zeigt der Franzose durch sein lors

même, sowie der Deutsche durch sein auch wenn, offenbar, daß sie nichts

davon zu sagen gewußt, ja, daß sie gar nicht einmal verstanden, was

Aristoteles sagen wollen. Denn dieses lors même, dieses auch wenn, heißt

bei ihnen nichts mehr als ob schon; und sie lassen den Aristoteles sonach

bloß sagen, daß ungeachtet die Poesie ihren Personen Namen von einzeln

Personen beilege, sie demohngeachtet nicht auf das Einzelne dieser

Personen, sondern auf das Allgemeine derselben gehe. Die Worte des

Dacier, die ich in der Note anführen will,[2] zeigen dieses deutlich. Nun

ist es wahr, daß dieses eigentlich keinen falschen Sinn macht; aber es

erschöpft doch auch den Sinn des Aristoteles hier nicht. Nicht genug, daß

die Poesie, ungeachtet der von einzeln Personen genommenen Namen, auf das

Allgemeine gehen kann: Aristoteles sagt, daß sie mit diesen Namen selbst

auf das Allgemeine ziele, [Greek: ou stochazetai]. Ich sollte doch wohl

meinen, daß beides nicht einerlei wäre. Ist es aber nicht einerlei: so

gerät man notwendig auf die Frage: wie zielt sie darauf? Und auf diese

Frage antworten die Ausleger nichts.

----Fußnote

[1] Dichtk., 9. Kapitel.

[2] Aristote prévient ici une objection, qu'on pouvait lui faire, sur la

définition qu'il vient de donner d'une chose générale: car les ignorants

n'auraient pas manqué de lui dire qu'Homère, par exemple, n'a point en

vue d'écrire une action générale et universelle, mais une action

particulière, puisqu'il raconte ce qu'ont fait de certains hommes comme

Achille, Agamemnon, Ulysse, etc. et que par conséquent, il n'y a aucune

différence entre Homère et un Historien, qui aurait écrit les actions

d'Achille. Le Philosophe va au-devant de cette objection, en faisant voir

que les Poètes, c'est-à-dire, les Auteurs d'une Tragédie ou d'un Poème

Épique lors même qu'ils imposent les noms à leurs personnages ne pensent

en aucune manière à les faire parler véritablement, ce qu'ils seraient

obligés de faire, s'ils écrivaient les actions particulières et

véritables d'un certain homme, nommé Achille ou Edipe, mais qu'ils se

proposent de les faire parler et agir nécessairement ou vraisemblablement;

c'est-à-dire, de leur faire dire et faire tout ce que des hommes de ce même

caractère doivent faire et dire en cet état, ou par nécessité, ou au moins

selon les règles de la vraisemblance; ce qui prouve incontestablement que

ce sont des actions générales et universelles. Nichts anders sagt auch Herr

Curtius in seiner Anmerkung; nur daß er das Allgemeine und Einzelne noch an

Beispielen zeigen wollen, die aber nicht so recht beweisen, daß er auf den

Grund der Sache gekommen. Denn ihnen zufolge würden es nur personifierte

Charaktere sein, welche der Dichter reden und handeln ließe, da es doch

charakterisierte Personen sein sollen.

----Fußnote

Neunzigstes Stück

Den 11. März 1768

Wie sie darauf ziele, sagt Aristoteles, dieses habe ich schon längst an

der Komödie deutlich gezeigt: [Greek: Hepi men oun taes komodias aedae

touto daelon gegonen sustaesantes gar ton mython dia ton eikoton, outo ta

tychonta onomata epititheasi, chai ouch osper oi iambopoioi peri ton

kath' ekaston poiousin]. Ich muß auch hiervon die Übersetzungen des

Dacier und Curtius anführen. Dacier sagt: C'est ce qui est déjà rendu

sensible dans la comédie, car les poètes comiques, après avoir dressé

leur sujet sur la vraisemblance, imposent après cela à leurs personnages

tels noms qu'il leur plaît, et n'imitent pas les poètes satyriques, qui

ne s'attachent qu'aux choses particulières. Und Curtius: "In dem

Lustspiele ist dieses schon lange sichtbar gewesen. Denn wenn die

Komödienschreiber den Plan der Fabel nach der Wahrscheinlichkeit

entworfen haben, legen sie den Personen willkürliche Namen bei und setzen

sich nicht, wie die jambischen Dichter, einen besondern Vorwurf zum

Ziele." Was findet man in diesen Übersetzungen von dem, was Aristoteles

hier vornehmlich sagen will? Beide lassen ihn weiter nichts sagen, als

daß die komischen Dichter es nicht machten wie die jambischen, (das ist,

satirischen Dichter) und sich an das Einzelne hielten, sondern auf das

Allgemeine mit ihren Personen gingen, denen sie willkürliche Namen, tels

noms qu'il leur plaît, beilegten. Gesetzt nun auch, daß [Greek: ta

tychonta onomata] dergleichen Namen bedeuten könnten: wo haben denn beide

Übersetzer das "[Greek: outo]" gelassen? Schien ihnen denn dieses

"[Greek: outo]" gar nichts zu sagen? Und doch sagt es hier alles: denn

diesem "[Greek: outo]" zufolge legten die komischen Dichter ihren

Personen nicht allein willkürliche Namen bei, sondern sie legten ihnen

diese willkürliche Namen "so", [Greek: outo], bei. Und wie "so"? So, daß

sie mit diesen Namen selbst auf das Allgemeine zielten: [Greek: ou

stochazetai ae poiaesis onomata epitithemenae]. Und wie geschah das?

Davon finde man mir ein Wort in den Anmerkungen des Dacier und Curtius!

Ohne weitere Umschweife: es geschah so, wie ich nun sagen will. Die

Komödie gab ihren Personen Namen, welche, vermöge ihrer grammatischen

Ableitung und Zusammensetzung oder auch sonstigen Bedeutung die

Beschaffenheit dieser Personen ausdrückten: mit einem Worte, sie gab

ihnen redende Namen; Namen, die man nur hören durfte, um sogleich zu

wissen, von welcher Art die sein würden, die sie führen. Ich will eine

Stelle des Donatus hierüber anziehen. Nomina personarum, sagt er bei

Gelegenheit der ersten Zeile in dem ersten Aufzuge der "Brüder", in

comoediis duntaxat, habere debent rationem et etymologiam. Etenim

absurdum est, comicum aperte argumentum confingere: vel nomen personae

incongruum dare vel officium quod sit a nomine diversum.[1] Hinc servus

fidelis Parmeno: infidelis vel Syrus vel Geta: miles Thraso vel Polemon:

juvenis Pamphilus: matrona Myrrhina, et puer ab odore Storax: vel a ludo

et a gesticulatione Circus: et item similia. In quibus summum poetae

vitium est, si quid e contrario repugnans contrarium diversumque

protulerit, nisi per [Greek: antiorasin] nomen imposuerit joculariter, ut

Misargyrides in Plauto dicitur trapezita. Wer sich durch noch mehr

Beispiele hiervon überzeugen will, der darf nur die Namen bei dem Plautus

und Terenz untersuchen. Da ihre Stücke alle aus dem Griechischen genommen

sind: so sind auch die Namen ihrer Personen griechischen Ursprungs und

haben, der Etymologie nach, immer eine Beziehung auf den Stand, auf die

Denkungsart oder auf sonst etwas, was diese Personen mit mehrern gemein

haben können; wenn wir schon solche Etymologie nicht immer klar und

sicher angeben können.

Ich will mich bei einer so bekannten Sache nicht verweilen: aber wundern

muß ich mich, wie die Ausleger des Aristoteles sich ihrer gleichwohl da

nicht erinnern können, wo Aristoteles so unwidersprechlich auf sie

verweiset. Denn was kann nunmehr wahrer, was kann klärer sein, als was

der Philosoph von der Rücksicht sagt, welche die Poesie bei Erteilung der

Namen auf das Allgemeine nimmt? Was kann unleugbarer sein, als daß

[Greek: epi men taes komodias aedae touto daelon gegonen], daß sich

diese Rücksicht bei der Komödie besonders längst offenbar gezeigt habe?

Von ihrem ersten Ursprunge an, das ist, sobald sie die jambischen Dichter

von dem Besondern zu dem Allgemeinen erhoben, sobald aus der

beleidigenden Satire die unterrichtende Komödie entstand: suchte man

jenes Allgemeine durch die Namen selbst anzudeuten. Der großsprecherische

feige Soldat hieß nicht wie dieser oder jener Anführer aus diesem oder

jenem Stamme: er hieß Pyrgopolinices, Hauptmann Mauerbrecher. Der elende

Schmarutzer, der diesem um das Maul ging, hieß nicht, wie ein gewisser

armer Schlucker in der Stadt: er hieß Artotrogus, Brockenschröter. Der

Jüngling, welcher durch seinen Aufwand, besonders auf Pferde, den Vater

in Schulden setzte, hieß nicht, wie der Sohn dieses oder jenes edeln

Bürgers: er hieß Phidippides, Junker Sparroß.

Man könnte einwenden, daß dergleichen bedeutende Namen wohl nur eine

Erfindung der neuern griechischen Komödie sein dürften, deren Dichtern

es ernstlich verboten war, sich wahrer Namen zu bedienen; daß aber

Aristoteles diese neuere Komödie nicht gekannt habe und folglich bei

seinen Regeln keine Rücksicht auf sie nehmen können. Das letztere

behauptet Hurd;[2] aber es ist ebenso falsch, als falsch es ist, daß die

ältere griechische Komödie sich nur wahrer Namen bedient habe. Selbst in

denjenigen Stücken, deren vornehmste, einzige Absicht es war, eine

gewisse bekannte Person lächerlich und verhaßt zu machen, waren, außer

dem wahren Namen dieser Person, die übrigen fast alle erdichtet, und mit

Beziehung auf ihren Stand und Charakter erdichtet.

----Fußnote

[1] Diese Periode könnte leicht sehr falsch verstanden werden. Nämlich

wenn man sie so verstehen wollte, als ob Donatus auch das für etwas

Ungereimtes hielte, Comicum aperte argumentum confingere. Und das ist

doch die Meinung des Donatus gar nicht. Sondern er will sagen: es würde

ungereimt sein, wenn der komische Dichter, da er seinen Stoff offenbar

erfindet, gleichwohl den Personen unschickliche Namen oder Beschäftigungen

beilegen wollte, die mit ihren Namen stritten. Denn freilich, da der Stoff

ganz von der Erfindung des Dichters ist, so stand es ja einzig und allein

bei ihm, was er seinen Personen für Namen beilegen, oder was er mit diesen

Namen für einen Stand oder für eine Verrichtung verbinden wollte. Sonach

dürfte sich vielleicht Donatus auch selbst so zweideutig nicht ausgedrückt

haben; und mit Veränderung einer einzigen Silbe ist dieser Anstoß vermieden.

Man lese nämlich entweder: Absurdum est, Comicum aperte argumentum

confingentem vel nomen personae etc. Oder auch aperte argumentum confingere

et nomen personae u.s.w.

[2] Hurd in seiner Abhandlung über die verschiedenen Gebiete des Drama:

From the account of Comedy, here given, it may appear, that the idea of

this drama is much enlarged beyond what it was in Aristotle's time; who

defines it to be, an imitation of light and trivial actions, provoking

ridicule. His notion was taken from the state and practice of the

Athenian stage; that is from the old or middle comedy, which answer to

this description. The great revolution, which the introduction of the new

comedy made in the drama, did not happen till afterwards. Aber dieses

nimmt Hurd bloß an, damit seine Erklärung der Komödie mit der

Aristotelischen nicht so geradezu zu streiten scheine. Aristoteles hat

die Neue Komödie allerdings erlebt, und er gedenkt ihrer namentlich in

der Moral an den Nikomachus, wo er von dem anständigen und unanständigen

Scherze handelt. (Lib. IV. cap. 14.) [Greek: Idoi d' an tis kai ek ton

komodion ton palaion kai ton kainon. Tois men gar aen geloion ae

aischrologia, tois de mallon ae hyponoia]. Man könnte zwar sagen, daß

unter der Neuen Komödie hier die Mittlere verstanden werde; denn als noch

keine Neue gewesen, habe notwendig die Mittlere die Neue heißen müssen.

Man könnte hinzusetzen, daß Aristoteles in eben der Olympiade gestorben,

in welcher Menander sein erstes Stück aufführen lassen, und zwar noch das

Jahr vorher. (Eusebius in Chronico ad Olymp. CXIV. 4.) Allein man hat

unrecht, wenn man den Anfang der Neuen Komödie von dem Menander rechnet;

Menander war der erste Dichter dieser Epoche, dem poetischen Werte nach,

aber nicht der Zeit nach. Philemon, der dazugehört schrieb viel früher,

und der Übergang von der Mittleren zur Neuen Komödie war so unmerklich,

daß es dem Aristoteles unmöglich an Mustern derselben kann gefehlt haben.

Aristophanes selbst hatte schon ein solches Muster gegeben; sein

"Kokalos" war so beschaffen, wie ihn Philemon sich mit wenigen

Veränderungen zueignen konnte: Kokalon heißt es in dem "Leben des

Aristophanes", [Greek: en ho eisagei phthoran kai anagnorismon, kai

talla panta a ezaelose Menandros]. Wie nun also Aristophanes Muster von

allen verschiedenen Abänderungen der Komödie gegeben, so konnte auch

Aristoteles seine Erklärung der Komödie überhaupt auf sie alle

einrichten. Das tat er denn; und die Komödie hat nachher keine

Erweiterung bekommen, für welche diese Erklärung zu enge geworden wäre.

Hurd hätte sie nur recht verstehen dürfen, und er würde gar nicht nötig

gehabt haben, um seine an und für sich richtigen Begriffe von der Komödie

außer allen Streit mit den Aristotelischen zu setzen, seine Zuflucht zu

der vermeintlichen Unerfahrenheit des Aristoteles zu nehmen.

----Fußnote

Einundneunzigstes Stück

Den 15. März 1768

Ja die wahren Namen selbst, kann man sagen, gingen nicht selten mehr auf

das Allgemeine, als auf das Einzelne. Unter dem Namen Sokrates wollte

Aristophanes nicht den einzeln Sokrates, sondern alle Sophisten, die sich

mit Erziehung junger Leute bemengten, lächerlich und verdächtig machen.

Der gefährliche Sophist überhaupt war sein Gegenstand, und er nannte

diesen nur Sokrates, weil Sokrates als ein solcher verschrien war. Daher

eine Menge Züge, die auf den Sokrates gar nicht paßten; so daß Sokrates

in dem Theater getrost aufstehen und sich der Vergleichung preisgeben

konnte! Aber wie sehr verkennt man das Wesen der Komödie, wenn man diese

nicht treffende Züge für nichts als mutwillige Verleumdungen erklärt und

sie durchaus dafür nicht erkennen will, was sie doch sind, für

Erweiterungen des einzeln Charakters, für Erhebungen des Persönlichen zum

Allgemeinen!

Hier ließe sich von dem Gebrauche der wahren Namen in der griechischen

Komödie überhaupt verschiednes sagen, was von den Gelehrten so genau noch

nicht auseinandergesetzt worden, als es wohl verdiente. Es ließe sich

anmerken, daß dieser Gebrauch keinesweges in der ältern griechischen

Komödie allgemein gewesen,[1] daß sich nur der und jener Dichter

gelegentlich desselben erkühnet,[2] daß er folglich nicht als ein

unterscheidendes Merkmal dieser Epoche der Komödie zu betrachten. [3]

Es ließe sich zeigen, daß, als er endlich durch ausdrückliche Gesetze

untersagt war, doch noch immer gewisse Personen von dem Schutze dieser

Gesetze entweder namentlich ausgeschlossen waren, oder doch

stillschweigend für ausgeschlossen gehalten wurden. In den Stücken des

Menanders selbst wurden noch Leute genug bei ihren wahren Namen genannt

und lächerlich gemacht.[4] Doch ich muß mich nicht aus einer

Ausschweifung in die andere verlieren.

Ich will nur noch die Anwendung auf die wahren Namen der Tragödie machen.

So wie der Aristophanische Sokrates nicht den einzeln Mann dieses Namens

vorstellte, noch vorstellen sollte; so wie dieses personifierte Ideal

einer eiteln und gefährlichen Schulweisheit nur darum den Namen Sokrates

bekam, weil Sokrates als ein solcher Täuscher und Verführer zum Teil

bekannt war, zum Teil noch bekannter werden sollte; so wie bloß der

Begriff von Stand und Charakter, den man mit dem Namen Sokrates verband

und noch näher verbinden sollte, den Dichter in der Wahl des Namens

bestimmte: so ist auch bloß der Begriff des Charakters, den wir mit den

Namen Regulus, Cato, Brutus zu verbinden gewohnt sind, die Ursache, warum

der tragische Dichter seinen Personen diese Namen erteilet. Er führt

einen Regulus, einen Brutus auf, nicht um uns mit den wirklichen

Begegnissen dieser Männer bekanntzumachen, nicht um das Gedächtnis

derselben zu erneuern: sondern um uns mit solchen Begegnissen zu

unterhalten, die Männern von ihrem Charakter überhaupt begegnen können

und müssen. Nun ist zwar wahr, daß wir diesen ihren Charakter aus ihren

wirklichen Begegnissen abstrahieret haben: es folgt aber daraus nicht,

daß uns auch ihr Charakter wieder auf ihre Begegnisse zurückführen müsse;

er kann uns nicht selten weit kürzer, weit natürlicher auf ganz andere

bringen, mit welchen jene wirkliche weiter nichts gemein haben, als daß

sie mit ihnen aus einer Quelle, aber auf unzuverfolgenden Umwegen und

über Erdstriche hergeflossen sind, welche ihre Lauterheit verdorben

haben. In diesem Falle wird der Poet jene erfundene den wirklichen

schlechterdings vorziehen, aber den Personen noch immer die wahren Namen

lassen. Und zwar aus einer doppelten Ursache: einmal, weil wir schon

gewohnt sind, bei diesen Namen einen Charakter zu denken, wie er ihn in

seiner Allgemeinheit zeiget; zweitens, weil wirklichen Namen auch

wirkliche Begebenheiten anzuhängen scheinen und alles, was einmal

geschehen, glaubwürdiger ist, als was nicht geschehen. Die erste dieser

Ursachen fließt aus der Verbindung der Aristotelischen Begriffe

überhaupt; sie liegt zum Grunde, und Aristoteles hatte nicht nötig, sich

umständlicher bei ihr zu verweilen; wohl aber bei der zweiten, als einer

von anderwärts noch dazukommenden Ursache. Doch diese liegt itzt außer

meinem Wege, und die Ausleger insgesamt haben sie weniger

mißverstanden als jene.

Nun also auf die Behauptung des Diderot zurückzukommen. Wenn ich die

Lehre des Aristoteles richtig erklärt zu haben glauben darf: so darf ich

auch glauben, durch meine Erklärung bewiesen zu haben, daß die Sache

selbst unmöglich anders sein kann, als sie Aristoteles lehret. Die

Charaktere der Tragödie müssen ebenso allgemein sein, als die Charaktere

der Komödie. Der Unterschied, den Diderot behauptet, ist falsch: oder

Diderot muß unter der Allgemeinheit eines Charakters ganz etwas anders

verstehen, als Aristoteles darunter verstand.

----Fußnote

[1] Wenn, nach dem Aristoteles, das Schema der Komödie von dem Margites

des Homer, [Greek: ou psogon alla to geloion dramatopoiaesantos], genommen

worden, so wird man, allem Ansehen nach, auch gleich anfangs die

erdichteten Namen mit eingeführt haben. Denn Margites war wohl nicht der

wahre Name einer gewissen Person, indem [Greek: Margeitaes] wohl eher von

[Greek: margaes] gemacht worden, als daß [Greek: margaes] von [Greek:

Margeitaes] sollte entstanden sein. Von verschiednen Dichtern der alten

Komödie finden wir es auch ausdrücklich angemerkt, daß sie sich aller

Anzüglichkeiten enthalten, welches bei wahren Namen nicht möglich gewesen

wäre. z.E. von dem Pherekrates.

[2] Die persönliche und namentliche Satire war so wenig eine wesentliche

Eigenschaft der alten Komödie, daß man vielmehr denjenigen ihrer Dichter

gar wohl kennet, der sich ihrer zuerst erkühnet. Es war Cratinus, welcher

zuerst [Greek: to charienti taes komodias to ophelimon prosethaeke,

tous kakos prattontas diaballon, kai osper daemosia mastigi tae

komodia kolazon]. Und auch dieser wagte sich nur anfangs an gemeine,

verworfene Leute, von deren Ahndung er nichts zu befürchten hatte.

Aristophanes wollte sich die Ehre nicht nehmen lassen, daß er es sei,

welcher sich zuerst an die Großen des Staats gewagt habe (Ir. v. 750.):

[Greek: Ouch idiotas anthropischous komodon, oude gynaikas, All'

Haerakleous orgaen tin' echon toisi megistois epicheirei].

[3] Ja er hätte lieber gar diese Kühnheit als sein eigenes Privilegium

betrachten mögen. Er war höchst eifersüchtig, als er sahe, daß ihm so

viele andere Dichter, die er verachtete, darin nachfolgten.

[4] Welches gleichwohl fast immer geschieht. Ja man geht noch weiter und

will behaupten, daß mit den wahren Namen auch wahre Begebenheiten

verbunden gewesen, an welchen die Erfindung des Dichters keinen Teil

gehabt. Dacier selbst sagt: Aristote n'a pu vouloir dire qu'Epicharmus et

Phormis inventèrent les sujets de leurs pièces, puisque l'un et l'autre

ont été des Poètes de la vieille Comédie, où il n'y avait rien de feint,

et que ces aventures feintes ne commencèrent à être mises sur le théâtre,

que du temps d'Alexandre le Grand, c'est-à-dire dans la nouvelle Comédie.

(Remarque sur le Chap. V. de la Poét. d'Arist.) Man sollte glauben, wer

so etwas sagen könne, müßte nie auch nur einen Blick in den Aristophanes

getan haben. Das Argument, die Fabel der alten griechischen Komödie, war

ebensowohl erdichtet, als es die Argumente und Fabeln der neuen nur immer

sein konnten. Kein einziges von den übriggebliebenen Stücken des

Aristophanes stellt eine Begebenheit vor, die wirklich geschehen wäre;

und wie kann man sagen, daß sie der Dichter deswegen nicht erfunden, weil

sie zum Teil auf wirkliche Begebenheiten anspielt? Wenn Aristoteles als

ausgemacht annimmt, [Greek: oti ton poiaetaen mallon ton mython einai dei

poiaetaen ae ton metron]: würde er nicht schlechterdings die Verfasser

der alten griechischen Komödie aus der Klasse der Dichter haben

ausschließen müssen, wenn er geglaubt hätte, daß sie die Argumente ihrer

Stücke nicht erfunden? Aber so wie es, nach ihm, in der Tragödie gar wohl

mit der poetischen Erfindung bestehen kann, daß Namen und Umstände aus

der wahren Geschichte entlehnt sind: so muß es, seiner Meinung nach, auch

in der Komödie bestehen können. Es kann unmöglich seinen Begriffen gemäß

gewesen sein, daß die Komödie dadurch, daß sie wahre Namen brauche und

auf wahre Begebenheiten anspiele, wiederum in die jambische Schmähsucht

zurückfalle; vielmehr muß er geglaubt haben, daß sich das [Greek: katholou

poiein logous ae mythous] gar wohl damit vertrage. Er gesteht dieses den

ältesten komischen Dichtern, dem Epicharmus, dem Phormis und Krates zu und

wird es gewiß dem Aristophanes nicht abgesprochen haben, ob er schon wußte,

wie sehr er nicht allein den Kleon und Hyperbolus, sondern auch den Perikles

und Sokrates namentlich mitgenommen.

[5] Mit der Strenge, mit welcher Plato das Verbot, jemand in der Komödie

lächerlich zu machen, in seiner "Republik" einführen wollte ([Greek:

maete logo, maete eichoni, maete thymo, maete aneu thymou, maedamno

maedena ton politon komodein]) ist in der wirklichen Republik niemals

darüber gehalten worden. Ich will nicht anführen, daß in den Stücken des

Menander noch so mancher zynische Philosoph, noch so manche Buhlerin mit

Namen genennt ward; man könnte antworten, daß dieser Abschaum von

Menschen nicht zu den Bürgern gehört. Aber Ktesippus, der Sohn des

Chabrias, war doch gewiß atheniensischer Bürger so gut wie einer, und man

sehe, was Menander von ihm sagte. (Menandri Fr. p. 137. Edit. Cl.)

----Fußnote

Zweiundneunzigstes Stück

Den 18. März 1768

Und warum könnte das letztere nicht sein? Finde ich doch noch einen

andern, nicht minder trefflichen Kunstrichter, der sich fast ebenso

ausdrückt als Diderot, fast ebenso geradezu dem Aristoteles zu

widersprechen scheint, und gleichwohl im Grunde so wenig widerspricht,

daß ich ihn vielmehr unter allen Kunstrichtern für denjenigen erkennen

muß, der noch das meiste Licht über diese Materie verbreitet hat.

Es ist dieses der englische Kommentator der Horazischen Dichtkunst, Hurd;

ein Schriftsteller aus derjenigen Klasse, die durch Übersetzungen bei uns

immer am spätesten bekannt werden. Ich möchte ihn aber hier nicht gern

anpreisen, um diese seine Bekanntmachung zu beschleunigen. Wenn der

Deutsche, der ihr gewachsen wäre, sich noch nicht gefunden hat: so

dürften vielleicht auch der Leser unter uns noch nicht viele sein, denen

daran gelegen wäre. Der fleißige Mann, voll guten Willens, übereile sich

also lieber damit nicht und sehe, was ich von einem noch unübersetzten

guten Buche hier sage, ja für keinen Wink an, den ich seiner allezeit

fertigen Feder geben wollen.

Hurd hat seinem Kommentar eine Abhandlung "Über die verschiednen Gebiete

des Drama" beigefügt. Denn er glaubte bemerkt zu haben, daß bisher nur

die allgemeinen Gesetze dieser Dichtungsart in Erwägung gezogen worden,

ohne die Grenzen der verschiednen Gattungen derselben festzusetzen.

Gleichwohl müsse auch dieses geschehen, um von dem eigenen Verdienste

einer jeden Gattung insbesondere ein billiges Urteil zu fällen. Nachdem

er also die Absicht des Drama überhaupt, und der drei Gattungen

desselben, die er vor sich findet, der Tragödie, der Komödie und des

Possenspiels, insbesondere festgesetzt: so folgert er, aus jener

allgemeinen und aus diesen besondern Absichten, sowohl diejenigen

Eigenschaften, welche sie unter sich gemein haben, als diejenigen, in

welchen sie voneinander unterschieden sein müssen.

Unter die letztern rechnet er, in Ansehung der Komödie und Tragödie, auch

diese, daß der Tragödie eine wahre, der Komödie hingegen eine erdichtete

Begebenheit zuträglicher sei. Hierauf fährt er fort: The same genius in

the two dramas is observable, in their draught of characters. Comedy

makes all its characters general; tragedy, particular. The Avare of

Moliere is not so properly the picture of a covetous man, as of

covetousness itself. Racine's Nero on the other hand, is not a picture of

cruelty, but of a cruel man. d.I.: "In dem nämlichen Geiste schildern

die zwei Gattungen des Drama auch ihre Charaktere. Die Komödie macht alle

ihre Charaktere general; die Tragödie partikulär. Der Geizige des Molière

ist nicht so eigentlich das Gemälde eines geizigen Mannes, als des Geizes

selbst. Racines Nero hingegen ist nicht das Gemälde der Grausamkeit,

sondern nur eines grausamen Mannes."

Hurd scheinet so zu schließen: wenn die Tragödie eine wahre Begebenheit

erfodert, so müssen auch ihre Charaktere wahr, das ist, so beschaffen

sein, wie sie wirklich in den Individuis existieren; wenn hingegen die

Komödie sich mit erdichteten Begebenheiten begnügen kann, wenn ihr

wahrscheinliche Begebenheiten, in welchen sich die Charaktere nach allem

ihrem Umfange zeigen können, lieber sind, als wahre, die ihnen einen so

weiten Spielraum nicht erlauben, so dürfen und müssen auch ihre

Charaktere selbst allgemeiner sein, als sie in der Natur existieren;

angesehen dem Allgemeinen selbst in unserer Einbildungskraft eine Art von

Existenz zukömmt, die sich gegen die wirkliche Existenz des Einzeln eben

wie das Wahrscheinliche zu dem Wahren verhält.

Ich will itzt nicht untersuchen, ob diese Art zu schließen nicht ein

bloßer Zirkel ist: ich will die Schlußfolge bloß annehmen, so wie sie da

liegt und wie sie der Lehre des Aristoteles schnurstracks zu

widersprechen scheint. Doch, wie gesagt, sie scheint es bloß, welches aus

der weitern Erklärung des Hurd erhellet.

"Es wird aber", fährt er fort, "hier dienlich sein, einer doppelten

Verstoßung vorzubauen, welche der eben angeführte Grundsatz zu

begünstigen scheinen könnte.

Die erste betrifft die Tragödie, von der ich gesagt habe, daß sie

partikuläre Charaktere zeige. Ich meine, ihre Charaktere sind

partikulärer, als die Charaktere der Komödie. Das ist: die Absicht der

Tragödie verlangt es nicht und erlaubt es nicht, daß der Dichter von den

charakteristischen Umständen, durch welche sich die Sitten schildern, so

viele zusammenzieht, als die Komödie. Denn in jener wird von dem

Charakter nicht mehr gezeigt, als soviel der Verlauf der Handlung

unumgänglich erfodert. In dieser hingegen werden alle Züge, durch die er

sich zu unterscheiden pflegt, mit Fleiß aufgesucht und angebracht.

Es ist fast wie mit dem Porträtmalen. Wenn ein großer Meister ein

einzelnes Gesicht abmalen soll, so gibt er ihm alle die Lineamente, die

er in ihm findet, und macht es Gesichtern von der nämlichen Art nur so

weit ähnlich, als es ohne Verletzung des allergeringsten eigentümlichen

Zuges geschehen kann. Soll ebenderselbe Künstler hingegen einen Kopf

überhaupt malen, so wird er alle die gewöhnlichen Mienen und Züge

zusammen anzubringen suchen, von denen er in der gesamten Gattung bemerkt

hat, daß sie die Idee am kräftigsten ausdrücken, die er sich itzt in

Gedanken gemacht hat und in seinem Gemälde darstellen will.

Ebenso unterscheiden sich die Schildereien der beiden Gattungen des

Drama: woraus denn erhellet, daß, wenn ich den tragischen Charakter

partikular nenne, ich bloß sagen will, daß er die Art, zu welcher er

gehöret, weniger vorstellig macht als der komische; nicht aber, daß das,

was man von dem Charakter zu zeigen für gut befindet, es mag nun so wenig

sein, als es will, nicht nach dem Allgemeinen entworfen sein sollte, als

wovon ich das Gegenteil anderwärts behauptet und umständlich

erläutert habe.[1]

Was zweitens die Komödie anbelangt, so habe ich gesagt, daß sie generale

Charaktere geben müsse, und habe zum Beispiele den Geizigen des Molière

angeführt, der mehr der Idee des Geizes, als eines wirklichen geizigen

Mannes entspricht. Doch auch hier muß man meine Worte nicht in aller

ihrer Strenge nehmen. Molière dünkt mich in diesem Beispiele selbst

fehlerhaft; ob es schon sonst, mit der erforderlichen Erklärung, nicht

ganz unschicklich sein wird, meine Meinung begreiflich zu machen.

Da die komische Bühne die Absicht hat, Charaktere zu schildern, so meine

ich, kann diese Absicht am vollkommensten erreicht werden, wenn sie diese

Charaktere so allgemein macht, als möglich. Denn indem auf diese Weise

die in dem Stücke aufgeführte Person gleichsam der Repräsentant aller

Charaktere dieser Art wird, so kann unsere Lust an der Wahrheit der

Vorstellung so viel Nahrung darin finden, als nur möglich. Es muß aber

sodann diese Allgemeinheit sich nicht bis auf unsern Begriff von den

möglichen Wirkungen des Charakters, im Abstracto betrachtet, erstrecken,

sondern nur bis auf die wirkliche Äußerung seiner Kräfte, so wie sie von

der Erfahrung gerechtfertiget werden und im gemeinen Leben stattfinden

können. Hierin haben Molière, und vor ihm Plautus, gefehlt; statt der

Abbildung eines geizigen Mannes, haben sie uns eine grillenhafte widrige

Schilderung der Leidenschaft des Geizes gegeben. Ich nenne es eine

grillenhafte Schilderung, weil sie kein Urbild in der Natur hat. Ich

nenne es eine widrige Schilderung; denn da es die Schilderung einer

einfachen unvermischten Leidenschaft ist, so fehlen ihr alle die Lichter

und Schatten, deren richtige Verbindung allein ihr Kraft und Leben

erteilen könnte. Diese Lichter und Schatten sind die Vermischung

verschiedener Leidenschaften, welche mit der vornehmsten oder

herrschenden Leidenschaft zusammen den menschlichen Charakter ausmachen;

und diese Vermischung muß sich in jedem dramatischen Gemälde von Sitten

finden, weil es zugestanden ist, daß das Drama vornehmlich das wirkliche

Leben abbilden soll. Doch aber muß die Zeichnung der herrschenden

Leidenschaft so allgemein entworfen sein, als es ihr Streit mit den

andern in der Natur nur immer zulassen will, damit der vorzustellende

Charakter sich desto kräftiger ausdrücke."

----Fußnote

[1] Bei den Versen der Horazischen Dichtkunst: Respicere exemplar vitae

morumque jubebo Doctum imitatorum, et veras hinc ducere voces, wo Hurd

zeigt, daß die Wahrheit, welche Horaz hier verlangt, einen solchen

Ausdruck bedeute, als der allgemeinen Natur der Dinge gemäß ist;

Falschheit hingegen das heiße, was zwar dem vorhabenden besondern Falle

angemessen, aber nicht mit jener allgemeinen Natur übereinstimmend sei.

----Fußnote

Dreiundneunzigstes Stück

Den 22. März 1768

"Alles dieses läßt sich abermals aus der Malerei sehr wohl erläutern. In

charakteristischen Porträten, wie wir diejenigen nennen können, welche

eine Abbildung der Sitten geben sollen, wird der Artist, wenn er ein Mann

von wirklicher Fähigkeit ist, nicht auf die Möglichkeit einer abstrakten

Idee losarbeiten. Alles was er sich vornimmt zu zeigen, wird dieses sein,

daß irgendeine Eigenschaft die herrschende ist; diese drückt er stark,

und durch solche Zeichen aus, als sich in den Wirkungen der herrschenden

Leidenschaft am sichtbarsten äußern. Und wenn er dieses getan hat, so

dürfen wir, nach der gemeinen Art zu reden, oder, wenn man will, als ein

Kompliment gegen seine Kunst, gar wohl von einem solchen Porträte sagen,

daß es uns nicht sowohl den Menschen, als die Leidenschaft zeige; gerade

so wie die Alten von der berühmten Bildsäule des Apollodorus vom Silanion

angemerkt haben, daß sie nicht sowohl den zornigen Apollodorus, als die

Leidenschaft des Zornes vorstelle.[1] Dieses aber muß bloß so verstanden

werden, daß er die hauptsächlichen Züge der vorgebildeten Leidenschaft

gut ausgedrückt habe. Denn im übrigen behandelt er seinen Vorwurf ebenso,

wie er jeden andern behandeln würde: das ist, er vergißt die

mitverbundenen Eigenschaften nicht und nimmt das allgemeine Ebenmaß und

Verhältnis, welches man an einer menschlichen Figur erwartet, in acht.

Und das heißt denn die Natur schildern, welche uns kein Beispiel von

einem Menschen gibt, der ganz und gar in eine einzige Leidenschaft

verwandelt wäre. Keine Metamorphosis könnte seltsamer und unglaublicher

sein. Gleichwohl sind Porträte, in diesem tadelhaften Geschmacke

verfertiget, die Bewunderung gemeiner Gaffer, die, wenn sie in einer

Sammlung das Gemälde, z.E. eines Geizigen (denn ein gewöhnlicheres gibt

es wohl in dieser Gattung nicht), erblicken und nach dieser Idee jede

Muskel, jeden Zug angestrenget, verzerret und überladen finden,

sicherlich nicht ermangeln, ihre Billigung und Bewunderung darüber zu

äußern.--Nach diesem Begriffe der Vortrefflichkeit würde Le Bruns Buch

von den Leidenschaften eine Folge der besten und richtigsten moralischen

Porträte enthalten: und die Charaktere des Theophrasts müßten, in Absicht

auf das Drama, den Charakteren des Terenz weit vorzuziehen sein.

Über das erstere dieser Urteile würde jeder Virtuose in den bildenden

Künsten unstreitig lachen. Das letztere aber, fürchte ich, dürften wohl

nicht alle so seltsam finden; wenigstens nach der Praxis verschiedener

unserer besten komischen Schriftsteller und nach dem Beifalle zu

urteilen, welchen dergleichen Stücke gemeiniglich gefunden haben. Es

ließen sich leicht fast aus allen charakteristischen Komödien Beispiele

anführen. Wer aber die Ungereimtheit, dramatische Sitten nach abstrakten

Ideen auszuführen, in ihrem völligen Lichte sehen will, der darf nur Ben

Jonsons 'Jedermann aus seinem Humor'[2] vor sich nehmen; welches ein

charakteristisches Stück sein soll, in der Tat aber nichts als eine

unnatürliche und, wie es die Maler nennen würden, harte Schilderung einer

Gruppe von für sich bestehenden Leidenschaften ist, wovon man das Urbild

in dem wirklichen Leben nirgends findet. Dennoch hat diese Komödie immer

ihre Bewunderer gehabt; und besonders muß Randolph von ihrer Einrichtung

sehr bezaubert gewesen sein, weil er sie in seinem 'Spiegel der Muse'

ausdrücklich nachgeahmet zu haben scheint.

Auch hierin, müssen wir anmerken, ist Shakespeare, so wie in allen andern

noch wesentlichern Schönheiten des Drama, ein vollkommenes Muster. Wer

seine Komödien in dieser Absicht aufmerksam durchlesen will, wird finden,

daß seine auch noch so kräftig gezeichneten Charaktere, den größten Teil

ihrer Rollen durch, sich vollkommen wie alle andere ausdrücken und ihre

wesentlichen und herrschenden Eigenschaften nur gelegentlich, so wie die

Umstände eine ungezwungene Äußerung veranlassen, an den Tag legen. Diese

besondere Vortrefflichkeit seiner Komödien entstand daher, daß er die

Natur getreulich kopierte und sein reges und feuriges Genie auf alles

aufmerksam war, was ihm in dem Verlaufe der Szenen Dienliches aufstoßen

konnte: dahingegen Nachahmung und geringere Fähigkeiten kleine Skribenten

verleiten, sich um die Fertigkeit zu beeifern, diesen einen Zweck keinen

Augenblick aus dem Gesichte zu lassen und mit der ängstlichen Sorgfalt

ihre Lieblingscharaktere in beständigem Spiele und ununterbrochner

Tätigkeit zu erhalten. Man könnte über diese ungeschickte Anstrengung

ihres Witzes sagen, daß sie mit den Personen ihres Stücks nicht anders

umgehen, als gewisse spaßhafte Leute mit ihren Bekannten, denen sie mit

ihren Höflichkeiten so zusetzen, daß sie ihren Anteil an der allgemeinen

Unterhaltung gar nicht nehmen können, sondern nur immer, zum Vergnügen

der Gesellschaft, Sprünge und Männerchen machen müssen."

----Fußnote

[1] Non hominem ex aere iecit, sed iracundiam. Plinius libr. 34. 8.

[2] Beim B. Jonson sind zwei Komödien, die er vom Humor benennt hat;

die eine "Every Man in his Humour" und die andere "Every Man out of

his Humour". Das Wort Humor war zu seiner Zeit aufgekommen und wurde

auf die lächerlichste Weise gemißbraucht. Sowohl diesen Mißbrauch als

den eigentlichen Sinn desselben bemerkt er in folgender Stelle selbst:

As when some one peculiar quality

Doth so possess a Man, that it doth draw

All his affects, his spirits, and his powers,

In their constructions, all to run one way.

This may be truly said to be a humour.

But that a rook by wearing a py'd feather,

The cable hatband, or the three-pil'd ruff,

A yard of shoe-tye, or the Switzer's knot

On bis French garters, should affect a humour!

O, it is more than most rediculous.

[3] In der Geschichte des Humors sind beide Stücke des Jonson also sehr

wichtige Dokumente, und das letztere noch mehr als das erstere. Der

Humor, den wir den Engländern itzt so vorzüglich zuschreiben, war damals

bei ihnen großenteils Affektation; und vornehmlich diese Affektation

lächerlich zu machen, schilderte Jonson Humor. Die Sache genau zu nehmen,

müßte auch nur der affektierte, und nie der wahre Humor ein Gegenstand

der Komödie sein. Denn nur die Begierde, sich von andern auszuzeichnen,

sich durch etwas Eigentümliches merkbar zu machen, ist eine allgemeine

menschliche Schwachheit, die, nach Beschaffenheit der Mittel, welche sie

wählt, sehr lächerlich oder auch sehr strafbar werden kann. Das aber,

wodurch die Natur selbst oder eine anhaltende zur Natur gewordene

Gewohnheit einen einzeln Menschen von allen andern auszeichnet, ist viel

zu speziell, als daß es sich mit der allgemeinen philosophischen Absicht

des Drama vertragen könnte. Der überhäufte Humor in vielen englischen

Stücken dürfte sonach auch wohl das Eigene, aber nicht das Bessere

derselben sein. Gewiß ist es, daß sich in dem Drama der Alten keine Spur

von Humor findet. Die alten dramatischen Dichter wußten das Kunststück,

ihre Personen auch ohne Humor zu individualisieren, ja die alten Dichter

überhaupt. Wohl aber zeigen die alten Geschichtschreiber und Redner dann

und wann Humor: wenn nämlich die historische Wahrheit oder die Aufklärung

eines gewissen Fakti diese genaue Schilderung kaJ' ekaston erfodert. Ich

habe Exempel davon fleißig gesammelt, die ich auch bloß darum in Ordnung

bringen zu können wünschte, um gelegentlich einen Fehler

wiedergutzumachen, der ziemlich allgemein geworden ist. Wir übersetzen

nämlich itzt fast durchgängig Humor durch Laune; und ich glaube mir

bewußt zu sein, daß ich der erste bin, der es so übersetzt hat. Ich habe

sehr unrecht daran getan, und ich wünschte, daß man mir nicht gefolgt

wäre. Denn ich glaube es unwidersprechlich beweisen zu können, daß Humor

und Laune ganz verschiedene, ja in gewissem Verstande gerade

entgegengesetzte Dinge sind. Laune kann zu Humor werden; aber Humor ist,

außer diesem einzigen Falle, nie Laune. Ich hätte die Abstammung unsers

deutschen Worts und den gewöhnlichen Gebrauch desselben besser

untersuchen und genauer erwägen sollen. Ich schloß zu eilig, weil Laune

das französische Humeur ausdrücke, daß es auch das englische Humour

ausdrucken könnte; aber die Franzosen selbst können Humour nicht durch

Humeur übersetzen.--Von den genannten zwei Stücken des Jonson hat das

erste, "Jedermann in seinem Humor", den vom Hurd hier gerügten Fehler

weit weniger. Der Humor, den die Personen desselben zeigen, ist weder so

individuell, noch so überladen, daß er mit der gewöhnlichen Natur nicht

bestehen könnte; sie sind auch alle zu einer gemeinschaftlichen Handlung

so ziemlich verbunden. In dem zweiten hingegen, "Jedermann aus seinem

Humor", ist fast nicht die geringste Fabel; es treten eine Menge der

wunderlichsten Narren nacheinander auf, man weiß weder wie noch warum;

und ihr Gespräch ist überall durch ein paar Freunde des Verfassers

unterbrochen, die unter dem Namen Grex eingeführt sind und Betrachtung

über die Charaktere der Personen und über die Kunst des Dichters, sie zu

behandeln, anstellen. Das aus seinem Humor, out of his Humour, zeigt an,

daß alle die Personen in Umstände geraten, in welchen sie ihres Humors

satt und überdrüssig werden.

----Fußnote

Vierundneunzigstes Stück

Den 25. März 1768

Und so viel von der Allgemeinheit der komischen Charaktere und den

Grenzen dieser Allgemeinheit nach der Idee des Hurd!--Doch es wird nötig

sein, noch erst die zweite Stelle beizubringen, wo er erklärt zu haben

versichert, inwieweit auch den tragischen Charakteren, ob sie schon nur

partikular wären, dennoch eine Allgemeinheit zukomme: ehe wir den Schluß

überhaupt machen können, ob und wie Hurd mit Diderot, und beide mit dem

Aristoteles übereinstimmen.

"Wahrheit", sagt er, "heißt in der Poesie ein solcher Ausdruck, als der

allgemeinen Natur der Dinge gemäß ist; Falschheit hingegen ein solcher,

als sich zwar zu dem vorhabenden besondern Falle schicket, aber nicht mit

jener allgemeinen Natur übereinstimmet. Diese Wahrheit des Ausdrucks in

der dramatischen Poesie zu erreichen, empfiehlet Horaz[1] zwei Dinge:

einmal, die Sokratische Philosophie fleißig zu studieren; zweitens, sich

um eine genaue Kenntnis des menschlichen Lebens zu bewerben. Jenes, weil

es der eigentümliche Vorzug dieser Schule ist, ad veritatem vitae propius

accedere;[2] dieses, um unserer Nachahmung eine desto allgemeinere

Ähnlichkeit erteilen zu können. Sich hiervon zu überzeugen, darf man nur

erwägen, daß man sich in Werken der Nachahmung an die Wahrheit zu genau

halten kann; und dieses auf doppelte Weise. Denn entweder kann der

Künstler, wenn er die Natur nachbilden will, sich zu ängstlich

befleißigen, alle und jede Besonderheiten seines Gegenstandes anzudeuten,

und so die allgemeine Idee der Gattung auszudrücken verfehlen. Oder er

kann, wenn er sich diese allgemeine Idee zu erteilen bemüht, sie aus zu

vielen Fällen des wirklichen Lebens, nach seinem weitesten Umfange,

zusammensetzen; da er sie vielmehr von dem lautern Begriffe, der sich

bloß in der Vorstellung der Seele findet, hernehmen sollte. Dieses

letztere ist der allgemeine Tadel, womit die Schule der niederländischen

Maler zu belegen, als die ihre Vorbilder aus der wirklichen Natur, und

nicht, wie die italienische, von dem geistigen Ideale der Schönheit

entlehnet. [3] Jenes aber entspricht einem andern Fehler, den man

gleichfalls den niederländischen Meistern vorwirft und der dieser ist,

daß sie lieber die besondere, seltsame und groteske als die allgemeine

und reizende Natur sich zum Vorbilde wählen.

Wir sehen also, daß der Dichter, indem er sich von der eigenen und

besondern Wahrheit entfernet, desto getreuer die allgemeine Wahrheit

nachahmet. Und hieraus ergibt sich die Antwort auf jenen spitzfindigen

Einwurf, den Plato gegen die Poesie ausgegrübelt hatte und nicht ohne

Selbstzufriedenheit vorzutragen schien. Nämlich, daß die poetische

Nachahmung uns die Wahrheit nur sehr von weitem zeigen könne. Denn, der

poetische Ausdruck, sagt der Philosoph, ist das Abbild von des Dichters

eigenen Begriffen; die Begriffe des Dichters sind das Abbild der Dinge;

und die Dinge das Abbild des Urbildes, welches in dem göttlichen

Verstande existieret. Folglich ist der Ausdruck des Dichters nur das Bild

von dem Bilde eines Bildes und liefert uns ursprüngliche Wahrheit nur

gleichsam aus der dritten Hand. [4] Aber alle diese Vernünftelei fällt

weg, sobald man die nur gedachte Regel des Dichters gehörig fasset und

fleißig in Ausübung bringet. Denn indem der Dichter von den Wesen alles

absondert, was allein das Individuum angehet und unterscheidet,

überspringet sein Begriff gleichsam alle die zwischen inne liegenden

besondern Gegenstände und erhebt sich, soviel möglich, zu dem göttlichen

Urbilde, um so das unmittelbare Nachbild der Wahrheit zu werden. Hieraus

lernt man denn auch einsehen, was und wie viel jenes ungewöhnliche Lob,

welches der große Kunstrichter der Dichtkunst erteilet, sagen wolle; daß

sie, gegen die Geschichte genommen, das ernstere und philosophischere

Studium sei: [Greek: philosophoteron kai spoudaioteron poiaesis historias

estin]. Die Ursache, welche gleich darauf folgt, ist nun gleichfalls sehr

begreiflich: [Greek: ae men gar poiaesis mallon ta katholou, ae d'

historia ta kath' ekaston legei].[5] Ferner wird hieraus ein

wesentlicher Unterschied deutlich, der sich, wie man sagt, zwischen den

zwei großen Nebenbuhlern der griechischen Bühne soll befunden haben. Wenn

man dem Sophocles vorwarf, daß es seinen Charakteren an Wahrheit fehle,

so pflegte er sich damit zu verantworten, daß er die Menschen so

schildere, wie sie sein sollten, Euripides aber so, wie sie wären:

[Greek: Sophochlaes ephae, autos men oious dei poiein, Euripidaes de oioi

eisi].[6] Der Sinn hiervon ist dieser: Sophokles hatte, durch seinen

ausgebreiteten Umgang mit Menschen, die eingeschränkte enge Vorstellung,

welche aus der Betrachtung einzelner Charaktere entsteht, in einen

vollständigen Begriff des Geschlechts erweitert; der philosophische

Euripides hingegen, der seine meiste Zeit in der Akademie zugebracht

hatte und von da aus das Leben übersehen wollte, hielt seinen Blick zu

sehr auf das Einzelne, auf wirklich existierende Personen geheftet,

versenkte das Geschlecht in das Individuum und malte folglich, den

vorhabenden Gegenständen nach, seine Charaktere zwar natürlich und wahr,

aber auch dann und wann ohne die höhere allgemeine Ähnlichkeit, die zur

Vollendung der poetischen Wahrheit erfodert wird.[7]

Ein Einwurf stößt gleichwohl hier auf, den wir nicht unangezeigt lassen

müssen. Man könnte sagen, 'daß philosophische Spekulationen die Begriffe

eines Menschen eher abstrakt und allgemein machen, als sie auf das

Individuelle einschränken müßten. Das letztere sei ein Mangel, welcher

aus der kleinen Anzahl von Gegenständen entspringe, die den Menschen zu

betrachten vorkommen; und diesem Mangel sei nicht allein dadurch

abzuhelfen, daß man sich mit mehrern Individuis bekannt mache, als worin

die Kenntnis der Welt bestehe; sondern auch dadurch, daß man über die

allgemeine Natur der Menschen nachdenke, so wie sie in guten moralischen

Büchern gelehrt werde. Denn die Verfasser solcher Bücher hätten ihren

allgemeinen Begriff von der menschlichen Natur nicht anders als aus einer

ausgebreiteten Erfahrung (es sei nun ihrer eignen, oder fremden) haben

können, ohne welche ihre Bücher sonst von keinem Werte sein würden.' Die

Antwort hierauf, dünkt mich, ist diese. Durch Erwägung der allgemeinen

Natur des Menschen lernet der Philosoph, wie die Handlung beschaffen sein

muß, die aus dem Übergewichte gewisser Neigungen und Eigenschaften

entspringet: das ist, er lernet das Betragen überhaupt, welches der

beigelegte Charakter erfodert. Aber deutlich und zuverlässig zu wissen,

wieweit und in welchem Grade von Stärke sich dieser oder jener Charakter,

bei besondere Gelegenheiten, wahrscheinlicherweise äußern würde, das ist

einzig und allein eine Frucht von unserer Kenntnis der Welt. Daß

Beispiele von dem Mangel dieser Kenntnis bei einem Dichter, wie Euripides

war, sehr häufig sollten gewesen sein, läßt sich nicht wohl annehmen:

auch werden, wo sich dergleichen in seinen übriggebliebenen Stücken etwa

finden sollten, sie schwerlich so offenbar sein, daß sie auch einem

gemeinen Leser in die Augen fallen müßten. Es können nur Feinheiten sein,

die allein der wahre Kunstrichter zu unterscheiden vermögend ist; und

auch diesem kann, in einer solchen Entfernung von Zeit, aus Unwissenheit

der griechischen Sitten, wohl etwas als ein Fehler vorkommen, was im

Grunde eine Schönheit ist. Es würde also ein sehr gefährliches

Unternehmen sein, die Stellen im Euripides anzeigen zu wollen, welche

Aristoteles diesem Tadel unterworfen zu sein geglaubt hatte. Aber

gleichwohl will ich es wagen, eine anzuführen, die, wenn ich sie auch

schon nicht nach aller Gerechtigkeit kritisieren sollte, wenigstens meine

Meinung zu erläutern dienen kann."

----Fußnote

[1] De arte poet. v. 310. 317. 318.

[2] De Orat. I. 51.

[3] Nach Maßgebung der Antiken. Nec enim Phidias, cum faceret Jovis

formam aut Minervae, contemplabatur aliquem e quo similitudinem duceret:

sed ipsius in mente insidebat species pulchritudinis eximia quaedam, quam

intuens in eaque defixus ad illius similitudinem artem et manum

dirigebat. (Cic. Or. 2.)

[4] Plato de Repl., L. X.

[5] "Dichtkunst", Kap. 9.

[6] "Dichtkunst", Kap. 25.

[7] Diese Erklärung ist der, welche Dacier von der Stelle des Aristoteles

gibt, weit vorzuziehen. Nach den Worten der Übersetzung scheinet Dacier

zwar eben das zu sagen, was Hurd sagt: que Sophocle faisait ses Héros,

comme ils devaient être et qu'Euripide les faisait comme ils étaient.

Aber er verbindet im Grunde einen ganz andern Begriff damit. Hurd

versteht unter dem Wie sie sein sollten die allgemeine abstrakte Idee des

Geschlechts, nach welcher der Dichter seine Personen mehr als nach ihren

individuellen Verschiedenheiten schildern müsse. Dacier aber denkt sich

dabei eine höhere moralische Vollkommenheit, wie sie der Mensch zu

erreichen fähig sei, ob er sie gleich nur selten erreiche; und diese,

sagt er, habe Sophokles seinen Personen gewöhnlicherweise beigelegt:

Sophocle tâchait de rendre ses imitations parfaites, en suivant toujours

bien plus ce qu'une belle Nature était capable de faire, que ce qu'elle

faisait. Allein diese höhere moralische Vollkommenheit gehöret gerade zu

jenem allgemeinen Begriffe nicht; sie stehet dem Individuo zu, aber nicht

dem Geschlechte; und der Dichter, der sie seinen Personen beilegt,

schildert gerade umgekehrt mehr in der Manier des Euripides als des

Sophokles. Die weitere Ausführung hiervon verdienet mehr als eine Note.

----Fußnote

Fünfundneunzigstes Stück

Den 29. März 1768

"Die Geschichte seiner Elektra ist ganz bekannt. Der Dichter hatte in dem

Charakter dieser Prinzessin ein tugendhaftes, aber mit Stolz und Groll

erfülltes Frauenzimmer zu schildern, welches durch die Härte, mit der man

sich gegen sie selbst betrug, erbittert war und durch noch weit stärkere

Bewegungsgründe angetrieben ward, den Tod eines Vaters zu rächen. Eine

solche heftige Gemütsverfassung, kann der Philosoph in seinem Winkel wohl

schließen, muß immer sehr bereit sein, sich zu äußern. Elektra, kann er

wohl einsehen, muß, bei der geringsten schicklichen Gelegenheit, ihren

Groll an den Tag legen, und die Ausführung ihres Vorhabens beschleunigen

zu können wünschen. Aber zu welcher Höhe dieser Groll steigen darf? d.I.

wie stark Elektra ihre Rachsucht ausdrücken darf, ohne daß ein Mann, der

mit dem menschlichen Geschlechte und mit den Wirkungen der Leidenschaften

im ganzen bekannt ist, dabei ausrufen kann: Das ist unwahrscheinlich?

Dieses auszumachen, wird die abstrakte Theorie von wenig Nutzen sein.

Sogar eine nur mäßige Bekanntschaft mit dem wirklichen Leben ist hier

nicht hinlänglich, uns zu leiten. Man kann eine Menge Individua bemerkt

haben, welche den Poeten, der den Ausdruck eines solchen Grolles bis auf

das Äußerste getrieben hätte, zu rechtfertigen scheinen. Selbst die

Geschichte dürfte vielleicht Exempel an die Hand geben, wo eine

tugendhafte Erbitterung auch wohl noch weiter getrieben worden, als es

der Dichter hier vorgestellet. Welches sind denn nun also die

eigentlichen Grenzen derselben, und wodurch sind sie zu bestimmen? Einzig

und allein durch Bemerkung so vieler einzeln Fälle als möglich; einzig

und allein vermittelst der ausgebreitetsten Kenntnis, wieviel eine solche

Erbitterung über dergleichen Charaktere unter dergleichen Umständen im

wirklichen Leben gewöhnlicherweise vermag. So verschieden diese Kenntnis

in Ansehung ihres Umfanges ist, so verschieden wird denn auch die Art der

Vorstellung sein. Und nun wollen wir sehen, wie der vorhabende Charakter

von dem Euripides wirklich behandelt worden.

In der schönen Szene, welche zwischen der Elektra und dem Orestes

vorfällt, von dem sie aber noch nicht weiß, daß er ihr Bruder ist, kömmt

die Unterredung ganz natürlich auf die Unglücksfälle der Elektra und auf

den Urheber derselben, die Klytämnestra, sowie auch auf die Hoffnung,

welche Elektra hat, von ihren Drangsalen durch den Orestes befreiet zu

werden. Das Gespräch, wie es hierauf weitergehet, ist dieses:

Hamburgische Dramaturgie · 第 46 / 55 题