Essex. So stirb da, und komm' nie über die Lippen!"[7]

(Ist das nicht eine sonderbare Art von Unterhaltung? Sie reden

miteinander und reden auch nicht miteinander. Der eine hört, was der

andere nicht sagt, und antwortet auf das, was er nicht gehört hat. Sie

nehmen einander die Worte nicht aus dem Munde, sondern aus der Seele.

Man sage jedoch nicht, daß man ein Spanier sein muß, um an solchen

unnatürlichen Künsteleien Geschmack zu finden. Noch vor einige dreißig

Jahre fanden wir Deutsche ebensoviel Geschmack daran; denn unsere

Staats-und Heldenaktionen wimmelten davon, die in allem nach den

spanischen Mustern zugeschnitten waren.)

Nachdem die Königin den Essex beurlaubet und ihm befohlen, ihr bald

wieder aufzuwarten, gehen beide auf verschiedene Seiten ab und machen dem

ersten Aufzuge ein Ende.--Die Stücke der Spanier, wie bekannt, haben

deren nur drei, welche sie Jornadas, Tagewerke, nennen. Ihre

allerältesten Stücke hatten viere: sie krochen, sagt Lope de Vega, auf

allen vieren, wie Kinder; denn es waren auch wirklich noch Kinder von

Komödien. Virves war der erste, welcher die vier Aufzüge auf drei

brachte; und Lope folgte ihm darin, ob er schon die ersten Stücke seiner

Jugend, oder vielmehr seiner Kindheit, ebenfalls in vieren gemacht hatte.

Wir lernen dieses aus einer Stelle in des letztern "Neuen Kunst, Komödien

zu machen"[8]; mit der ich aber eine Stelle des Cervantes in Widerspruch

finde[9], wo sich dieser den Ruhm anmaßt, die spanische Komödie von fünf

Akten, aus welchen sie sonst bestanden, auf drei gebracht zu haben. Der

spanische Literator mag diesen Widerspruch entscheiden; ich will mich

dabei nicht aufhalten.

----Fußnote

[1]

Miradlo mejor, dejad

Un intento tan indigno,

Corresponded a quien sois,

Y sino bastan avisos,

Mirad que hay Verdugo en Londres,

Y en vos cabeza, harto os digo.

[2]

No he de responder al Duque

Hasta que el suceso mismo

Muestre como fueron falsos

De mi traición los indicios,

Y que soy más leal, cuando

Más traidor he parecido.

[3]

Y pues son dos los culpados

Podrá ser, que alguno de ellos

Entregue al otro; que es llano,

Que será traidor amigo

Quien fué desleal vasallo.

[4]

Y es gran materia de estado

Dar a entender, que los Reyes

Están en sí tan guardados

Que aunque la traición los busque,

Nunca ha de poder hallarlos;

Y así el secreto averigüe

Enormes delitos, cuando

Más que el castigo, escarmientos

Dé ejemplares el pecado.

[5]

Que ya sólo con miraros

Sé el suceso de la guerra.

[6]

No bastaba, amor tírano,

Una inclinación tan fuerte,

Sin que te hayas ayudado

Del deberle yo la vida?

[7]

Rein. Loco Amor--Cond. Necio imposible--

Rein. Qué ciego--Cond. Qué temerario--

Rein. Me abates a tal bajeza--

Cond. Me quieres subir tan alto--

Rein. Advierte, que soy la Reina--

Cond. Advierte, que soy vasallo--

Rein. Pues me humillas al abismo--

Cond. Pues me acercas a los rayos--

Rein. Sin reparar mi grandeza--

Cond. Sin mirar mi humilde estado--

Rein. Ya que te miro acá dentro--

Cond. Ya que en mí te vas entrando--

Rein. Muere entre el pecho, y la voz.

Cond. Muere entre el alma, y los labios.

[8]

"Arte nuevo de hazer Comedias", die sich hinter des Lope "Rimas"

befindet.

El Capitán Virués; insigne ingenio,

Puso en tres actos la Comedia, que antes

Andaba en cuatro, como pies de niño,

Que eran entonces niñas las Comedias,

Y yo las escribí de once, y doce años,

De a cuatro actos, y de a cuatro pliegos,

Porque cada acto un pliego contenia.

[9] In der Vorrede zu seinen Komödien: Donde me atreví a reducir las

Comedias a tres Jornadas, de cinco que tenían.

----Fußnote

Dreiundsechzigstes Stück

Den 8. Dezember 1767

Die Königin ist von dem Landgute zurückgekommen; und Essex gleichfalls.

Sobald er in London angelangt, eilte er nach Hofe, um sich keinen

Augenblick vermissen zu lassen. Er eröffnet mit seinem Cosme den zweiten

Akt, der in dem königlichen Schlosse spielt. Cosme hat, auf Befehl des

Grafen, sich mit Pistolen versehen müssen; der Graf hat heimliche Feinde;

er besorgt, wenn er des Nachts spät vom Schlosse gehe, überfallen zu

werden. Er heißt den Cosme, die Pistolen nur indes in das Zimmer der

Blanca zu tragen und sie von Floren aufheben zu lassen. Zugleich bindet

er die Schärpe los, weil er zur Blanca gehen will. Blanca ist

eifersüchtig; die Schärpe könnte ihr Gedanken machen; sie könnte sie

haben wollen; und er würde sie ihr abschlagen müssen. Indem er sie dem

Cosme zur Verwahrung übergibt, kömmt Blanca dazu. Cosme will sie

geschwind verstecken: aber es kann so geschwind nicht geschehen, daß es

Blanca nicht merken sollte. Blanca nimmt den Grafen mit sich zur Königin;

und Essex ermahnt im Abgehen den Cosme, wegen der Schärpe reinen Mund zu

halten und sie niemanden zu zeigen.

Cosme hat, unter seinen andern guten Eigenschaften, auch diese, daß er

ein Erzplauderer ist. Er kann kein Geheimnis eine Stunde bewahren; er

fürchtet ein Geschwär im Leibe davon zu bekommen; und das Verbot des

Grafen hat ihn zu rechter Zeit erinnert, daß er sich dieser Gefahr

bereits sechsunddreißig Stunden ausgesetzt habe.[1] Er gibt Floren die

Pistolen und hat den Mund schon auf, ihr auch die ganze Geschichte von

der maskierten Dame und der Schärpe zu erzählen. Doch eben besinnt er

sich, daß es wohl eine würdigere Person sein müsse, der er sein Geheimnis

zuerst mitteile. Es würde nicht lassen, wenn sich Flora rühmen könnte,

ihn dessen defloriert zu haben.[2] (Ich muß von allerlei Art des

spanischen Witzes eine kleine Probe einzuflechten suchen.)

Cosme darf auf diese würdigere Person nicht lange warten. Blanca wird von

ihrer Neugierde viel zu sehr gequält, daß sie sich nicht, sobald als

möglich, von dem Grafen losmachen sollen, um zu erfahren, was Cosme

vorhin so hastig vor ihr zu verbergen gesucht. Sie kömmt also sogleich

zurück, und nachdem sie ihn zuerst gefragt, warum er nicht schon nach

Schottland abgegangen, wohin ihn der Graf schicken wollen, und er ihr

geantwortet, daß er mit anbrechendem Tage abreisen werde: verlangt sie zu

wissen, was er da versteckt halte? Sie dringt in ihn; doch Cosme läßt

nicht lange in sich dringen. Er sagt ihr alles, was er von der Schärpe

weiß; und Blanca nimmt sie ihm ab. Die Art, mit der er sich seines

Geheimnisses entlediget, ist äußerst ekel. Sein Magen will es nicht

länger bei sich behalten; es stößt ihm auf; es kneipt ihn; er steckt den

Finger in den Hals; er gibt es von sich, und um einen bessern Geschmack

wieder in den Mund zu bekommen, läuft er geschwind ab, eine Quitte oder

Olive darauf zu kauen.[3] Blanca kann aus seinem verwirrten Geschwätze

zwar nicht recht klug werden: sie versteht aber doch so viel daraus, daß

die Schärpe das Geschenk einer Dame ist, in die Essex verliebt werden

könnte, wenn er es nicht schon sei. "Denn er ist doch nur ein Mann", sagt

sie. "Und wehe der, die ihre Ehre einem Manne anvertrauet hat! Der beste

ist noch so schlimm! "[4]--Um seiner Untreue also zuvorzukommen, will sie

ihn je eher je lieber heiraten.

Die Königin tritt herein und ist äußerst niedergeschlagen. Blanca fragt,

ob sie die übrigen Hofdamen rufen soll: aber die Königin will lieber

allein sein; nur Irene soll kommen und vor dem Zimmer singen. Blanca geht

auf der einen Seite nach Irenen ab, und von der andern kömmt der Graf.

Essex liebt die Blanca: aber er ist ehrgeizig genug, auch der Liebhaber

der Königin sein zu wollen. Er wirft sich diesen Ehrgeiz selbst vor; er

bestraft sich deswegen; sein Herz gehört der Blanca; eigennützige

Absichten müssen es ihr nicht entziehen wollen; unechte Konvenienz muß

keinen echten Affekt besiegen.[5] Er will sich also lieber wieder

entfernen, als er die Königin gewahr wird: und die Königin, als sie ihn

erblickt, will ihm gleichfalls ausweichen. Aber sie bleiben beide. Indem

fängt Irene vor dem Zimmer an zu singen. Sie singt eine Redondilla, ein

kleines Lied von vier Zeilen, dessen Sinn dieser ist: "Sollten meine

verliebten Klagen zu deiner Kenntnis gelangen: oh, so laß das Mitleid,

welches sie verdienen, den Unwillen überwältigen, den du darüber

empfindest, daß ich es bin, der sie führet." Der Königin gefällt das

Lied; und Essex findet es bequem, ihr durch dasselbe, auf eine versteckte

Weise, seine Liebe zu erklären. Er sagt, er habe es glossieret[6] und

bittet um Erlaubnis, ihr seine Glosse vorsagen zu dürfen. In dieser

Glosse beschreibt er sich als den zärtlichsten Liebhaber, dem es aber die

Ehrfurcht verbiete, sich dem geliebten Gegenstande zu entdecken. Die

Königin lobt seine Poesie: aber sie mißbilliget seine Art zu lieben.

"Eine Liebe", sagt sie unter andern, "die man verschweigt, kann nicht

groß sein; denn Liebe wächst nur durch Gegenliebe, und der Gegenliebe

macht man sich durch das Schweigen mutwillig verlustig."

----Fußnote

[1]

--Yo no me acordaba

De decirlo, y lo callaba.

Y como me lo entregó,

Ya por decirlo reviento,

Que tengo tal propiedad,

Que en un hora, o la mitad,

Se me hace postema un cuento.

[2]

Allá va Flora; mas no,

Será persona más grave--

No es bien que Flora se alabe

Que el cuento me desfloró.

[3]

Ya se me viene a la boca

La purga.--

O que regüeldos tan secos

Me vienen! terrible aprieto.--

Mi estómago no lo lleva;

Protesto que es gran trabajo,

Meto los dedos.--

Y pues la purga he trocado,

Y el secreto he vomitado

Desde el principio hasta el fin,

Y sin dejar cosa alguna,

Tal asco me dió al decillo,

Voy a probar de en membrillo,

O a morder de una accituna.--

[4]

Es hombre al fin, y ay! de aquella

Que a un hombre fiò su honor,

Siendo tan malo, el mejor.

[5]

Abate, abate las alas

No subas tanto, busquemos

Más proporcionada esfera

A tan limitado vuelo.

Blanca me quiere, y a Blanca

Adoro yo ya en mi dueño;

Pues cómo de amor tan noble

Por una ambición me alejo?

No conveniencia bastarda

Venza un legítimo afecto.

[6] Die Spanier haben eine Art von Gedichten, welche sie Glosas nennen.

Sie nehmen eine oder mehrere Zeilen gleichsam zum Texte und erklären oder

umschreiben diesen Text so, daß sie die Zeilen selbst in diese Erklärung

oder Umschreibung wiederum einflechten. Den Text heißen sie Mote oder

Letra, und die Auslegung insbesondere Glosa, welches denn aber auch der

Name des Gedichts überhaupt ist. Hier läßt der Dichter den Essex das Lied

der Irene zum Mote machen, das aus vier Zeilen besteht, deren jede er in

einer besondern Stanze umschreibt, die sich mit der umschriebenen Zeile

schließt. Das Ganze sieht so aus:

Mote.

Si acaso mis desvaríos

Llegaren a tus umbrales,

La lástima de ser males

Quite el horror de ser míos.

Glosa.

Aunque el dolor me provoca

Decir mis quejas no puedo,

Que es mi osadía tan poca,

Que entre el respeto, y el miedo

Se me mueren en la boca;

Y así no llegan tan míos

Mis males a tus orejas,

Porque no han de ser oídos

Si acaso digo mis quejas,

Si acaso mis desvaríos.

El ser tan mal explicados

Sea su mayor indicio,

Que trocando en mis cuidados

El silencio, y vos su oficio,

Quedarán más ponderados:

Desde hoy por estas señales

Sean de tí conocidos,

Que sin duda son mis males

Si algunos mal repetidos

Llegaren a tus umbrales.

Mas ay Dies! que mis cuidados

De tu crueldad conocidos,

Aunque más acreditados,

Serán menos adquiridos.

Que con los otros mezclados:

Porque no sabiendo a cuales

Más tu ingratitud se deba

Viéndolos todos iguales

Fuerza es que en común te mueva

La lástima de ser males.

En mi este afecto violento

Tu hermoso desdén le causa;

Tuyo, y mío es mi tormento;

Tuyo, porque eres la causa;

Y mío, porque yo le siento:

Sepan, Laura, tus desvíos

Que mis males son tan suyos,

Y en mis cuerdos desvaríos

Esto que tienen de tuyos

Quite el horror de ser míos.

Es müssen aber eben nicht alle Glossen so symmetrisch sein als diese.

Man hat alle Freiheit, die Stanzen, die man mit den Zeilen des Mote

schließt, so ungleich zu machen, als man will. Man braucht auch nicht

alle Zeilen einzuflechten; man kann sich auf eine einzige einschränken

und diese mehr als einmal wiederholen. übrigens gehören diese Glossen

unter die älteren Gattungen der spanischen Poesie, die nach dem Boscan

und Garcilasso ziemlich aus der Mode gekommen.

----Fußnote

Vierundsechzigstes Stück

Den 11. Dezember 1767

Der Graf versetzt, daß die vollkommenste Liebe die sei, welche keine

Belohnung erwarte; und Gegenliebe sei Belohnung. Sein Stillschweigen

selbst mache sein Glück: denn solange er seine Liebe verschweige, sei sie

noch unverworfen, könne er sich noch von der süßen Vorstellung täuschen

lassen, daß sie vielleicht dürfe genehmiget werden. Der Unglückliche sei

glücklich, solange er noch nicht wisse, wie unglücklich er sei.[1] Die

Königin widerlegt diese Sophistereien als eine Person, der selbst daran

gelegen ist, daß Essex nicht länger darnach handle: und Essex, durch

diese Widerlegung erdreistet, ist im Begriff, das Bekenntnis zu wagen,

von welchem die Königin behauptet, daß es ein Liebhaber auf alle Weise

wagen müsse; als Blanca hereintritt, den Herzog anzumelden. Diese

Erscheinung der Blanca bewirkt einen von den sonderbarsten

Theaterstreichen. Denn Blanca hat die Schärpe um, die sie dem Cosme

abgenommen, welches zwar die Königin, aber nicht Essex gewahr wird.[2]

"Essex. So sei es gewagt!--Frisch! Sie ermuntert mich selbst. Warum

will ich an der Krankheit sterben, wenn ich an dem Hilfsmittel sterben

kann? Was fürchte ich noch?--Königin, wann denn also,--

Hamburgische Dramaturgie · 第 29 / 55 题