Die Königin. Ich weiß, daß du mein Vertrauen verdienest.--Komm,
Rutland, ich will dir alles sagen. Du sol1st mir raten.--Ohne Zweifel,
liebe Rutland, wirst du es auch gehört haben, wie sehr das Volk wider
den armen, unglücklichen Mann schreiet; was für Verbrechen es ihm zur
Last leget. Aber das Schlimmste weißt du vielleicht noch nicht? Er
ist heute aus Irland angekommen; wider meinen ausdrücklichen Befehl;
und hat die dortigen Angelegenheiten in der größten Verwirrung
gelassen.
Rutland. Darf ich Dir, Königin, wohl sagen, was ich denke?--Das
Geschrei des Volkes ist nicht immer die Stimme der Wahrheit. Sein Haß
ist öfters so ungegründet--
Die Königin. Du sprichst die wahren Gedanken meiner Seele.--Aber,
liebe Rutland, er ist demohngeachtet zu tadeln.--Komm her, meine
Liebe; laß mich an deinen Busen mich lehnen.--O gewiß, man legt mir
es zu nahe! Nein, so will ich mich nicht unter ihr Joch bringen lassen.
Sie vergessen, daß ich ihre Königin bin.--Ah, Liebe; so ein Freund hat
mir längst gefehlt, gegen den ich so meinen Kummer ausschütten kann!--
Rutland. Siehe meine Tränen, Königin--Dich so leiden zu sehen, die
ich so bewundere!--Oh, daß mein guter Engel Gedanken in meine Seele,
und Worte auf meine Zunge legen wollte, den Sturm in Deiner Brust zu
beschwören, und Balsam in Deine Wunden zu gießen!
Die Königin. Oh, so wärest du mein guter Engel! mitleidige, beste
Rutland!--Sage, ist es nicht schade, daß so ein braver Mann ein
Verräter sein soll? daß so ein Held, der wie ein Gott verehret ward,
sich so erniedrigen kann, mich um einen kleinen Thron bringen zu
wollen?
Rutland. Das hätte er gewollt? das könnte er wollen? Nein, Königin,
gewiß nicht, gewiß nicht! Wie oft habe ich ihn von Dir sprechen hören!
mit welcher Ergebenheit, mit welcher Bewunderung, mit welchem
Entzücken habe ich ihn von Dir sprechen hören!
Die Königin. Hast du ihn wirklich von mir sprechen hören?
Rutland. Und immer als einen Begeisterten, aus dem nicht kalte
Überlegung, aus dem ein inneres Gefühl spricht, dessen er nicht
mächtig ist. Sie ist, sagte er, die Göttin ihres Geschlechts, so weit
über alle andere Frauen erhaben, daß das, was wir in diesen am meisten
bewundern, Schönheit und Reiz, in ihr nur die Schatten sind, ein
größeres Licht dagegen abzusetzen. Jede weibliche Vollkommenheit
verliert sich in ihr, wie der schwache Schimmer eines Sternes in dem
alles überströmenden Glanze des Sonnenlichts. Nichts übersteigt ihre
Güte; die Huld selbst beherrschet, in ihrer Person, diese glückliche
Insel; ihre Gesetze sind aus dem ewigen Gesetzbuche des Himmels
gezogen und werden dort von Engeln wieder aufgezeichnet.--Oh,
unterbrach er sich dann mit einem Seufzer, der sein ganzes getreues
Herz ausdrückte, oh, daß sie nicht unsterblich sein kann! Ich wünsche
ihn nicht zu erleben, den schrecklichen Augenblick, wenn die Gottheit
diesen Abglanz von sich zurückruft und mit eins sich Nacht und
Verwirrung über Britannien verbreiten.
Die Königin. Sagte er das, Rutland?
Rutland. Das, und weit mehr. Immer so neu, als wahr in Deinem Lobe,
dessen unversiegene Quelle von den lautersten Gesinnungen gegen Dich
überströmte--
Die Königin. Oh, Rutland, wie gern glaube ich dem Zeugnisse, das du
ihm gibst!
Rutland. Und kannst ihn noch für einen Verräter halten?
Die Königin. Nein;--aber doch hat er die Gesetze übertreten.--Ich muß
mich schämen, ihn länger zu schützen.--Ich darf es nicht einmal wagen,
ihn zu sehen.
Rutland. Ihn nicht zu sehen, Königin? nicht zu sehen?--Bei dem
Mitleid, das seinen Thron in Deiner Seele aufgeschlagen, beschwöre
ich Dich,--Du mußt ihn sehen! Schämen? wessen? daß Du mit einem
Unglücklichen Erbarmen hast?--Gott hat Erbarmen: und Erbarmen sollte
Könige schimpfen?--Nein, Königin; sei auch hier Dir selbst gleich.
Ja, Du wirst es; Du wirst ihn sehen, wenigstens einmal sehen--
Die Königin. Ihn, der meinen ausdrücklichen Befehl so geringschätzen
können? Ihn, der sich so eigenmächtig vor meine Augen drängen darf?
Warum blieb er nicht, wo ich ihm zu bleiben befahl?
Rutland. Rechne ihm dieses zu keinem Verbrechen! Gib die Schuld der
Gefahr, in der er sich sahe. Er hörte, was hier vorging; wie sehr man
ihn zu verkleinern, ihn Dir verdächtig zu machen suche. Er kam also,
zwar ohne Erlaubnis, aber in der besten Absicht; in der Absicht, sich
zu rechtfertigen und Dich nicht hintergehen zu lassen.
Die Königin. Gut; so will ich ihn denn sehen, und will ihn gleich
sehen.--Oh, meine Rutland, wie sehr wünsche ich es, ihn noch immer
ebenso rechtschaffen zu finden, als tapfer ich ihn kenne!
Rutland. Oh, nähre diese günstige Gedanke! Deine königliche Seele
kann keine gerechtere hegen.--Rechtschaffen! So wirst Du ihn gewiß
finden. Ich wollte für ihn schwören; bei aller Deiner Herrlichkeit
für ihn schwören, daß er es nie aufgehöret zu sein. Seine Seele ist
reiner als die Sonne, die Flecken hat und irdische Dünste an sich
ziehet und Geschmeiß ausbrütet.--Du sagst, er ist tapfer; und wer sagt
es nicht? Aber ein tapferer Mann ist keiner Niederträchtigkeit fähig.
Bedenke, wie er die Rebellen gezüchtiget; wie furchtbar er Dich dem
Spanier gemacht, der vergebens die Schätze seiner Indien wider Dich
verschwendete. Sein Name floh vor Deinen Flotten und Völkern vorher,
und ehe diese noch eintrafen, hatte öfters schon sein Name gesiegt.
Die Königin (beiseite). Wie beredt sie ist!--Ha! dieses Feuer, diese
Innigkeit,--das bloße Mitleid gehet so weit nicht.--Ich will es gleich
hören!--(Zu ihr.) Und dann, Rutland, seine Gestalt--
Rutland. Recht, Königin; seine Gestalt.--Nie hat eine Gestalt den
innern Vollkommenheiten mehr entsprochen!--Bekenn' es, Du, die Du
selbst so schön bist, daß man nie einen schönern Mann gesehen! So
würdig, so edel, so kühn und gebieterisch die Bildung! Jedes Glied,
in welcher Harmonie mit dem andern! Und doch das ganze von einem so
sanften lieblichen Umrisse! Das wahre Modell der Natur, einen
vollkommenen Mann zu bilden! Das seltene Muster der Kunst, die aus
hundert Gegenständen zusammensuchen muß, was sie hier beieinander
findet!
Die Königin (beiseite). Ich dacht' es!--Das ist nicht länger
auszuhalten.--(Zu ihr.) Wie ist dir, Rutland? Du gerätst außer dir.
Ein Wort, ein Bild überjagt das andere. Was spielt so den Meister
über dich? Ist es bloß deine Königin, ist es Essex selbst, was diese
wahre, oder diese erzwungene Leidenschaft wirket?--(Beiseite.) Sie
schweigt; ganz gewiß, sie liebt ihn.--Was habe ich getan? Welchen
neuen Sturm habe ich in meinem Busen erregt?" usw.
Hier erscheinen Burleigh und die Nottingham wieder, der Königin zu
sagen, daß Essex ihren Befehl erwarte. Er soll vor sie kommen.
"Rutland", sagt die Königin, "wir sprechen einander schon weiter; geh
nur.--Nottingham, tritt du näher." Dieser Zug der Eifersucht ist
vortrefflich. Essex kömmt; und nun erfolgt die Szene mit der Ohrfeige.
Ich wüßte nicht, wie sie verständiger und glücklicher vorbereitet
sein könnte. Essex anfangs, scheinet sich völlig unterwerfen zu
wollen; aber, da sie ihm befiehlt, sich zu rechtfertigen, wird er nach
und nach hitzig; er prahlt, er pocht, er trotzt. Gleichwohl hätte
alles das die Königin so weit nicht aufbringen können, wenn ihr Herz
nicht schon durch Eifersucht erbittert gewesen wäre. Es ist
eigentlich die eifersüchtige Liebhaberin, welche schlägt, und die
sich nur der Hand der Königin bedienet. Eifersucht überhaupt schlägt
gern.--
Ich, meinesteils, möchte diese Szenen lieber auch nur gedacht, als den
ganzen "Essex" des Corneille gemacht haben. Sie sind so charakteristisch,
so voller Leben und Wahrheit, daß das Beste des Franzosen eine sehr
armselige Figur dagegen macht.
Neunundfunfzigstes Stück
Den 24. November 1767
Nur den Stil des Banks muß man aus meiner Übersetzung nicht beurteilen.
Von seinem Ausdrucke habe ich gänzlich abgehen müssen. Er ist zugleich so
gemein und so kostbar, so kriechend und so hochtrabend, und das nicht von
Person zu Person, sondern ganz durchaus, daß er zum Muster dieser Art von
Mißhelligkeit dienen kann. Ich habe mich zwischen beide Klippen, so gut
als möglich, durchzuschleichen gesucht; dabei aber doch an der einen
lieber, als an der andern, scheitern wollen.
Ich habe mich mehr vor dem Schwülstigen gehütet, als vor dem Platten. Die
mehresten hätten vielleicht gerade das Gegenteil getan; denn schwülstig
und tragisch halten viele so ziemlich für einerlei. Nicht nur viele der
Leser: auch viele der Dichter selbst. Ihre Helden sollten wie andere
Menschen sprechen? Was wären das für Helden? Ampullae et sesquipedalia
verba, Sentenzen und Blasen und ellenlange Worte: das macht ihnen den
wahren Ton der Tragödie.
"Wir haben es an nichts fehlen lassen", sagt Diderot,[1] (man merke, daß
er vornehmlich von seinen Landsleuten spricht), "das Drama aus dem Grunde
zu verderben. Wir haben von den Alten die volle prächtige Versifikation
beibehalten, die sich doch nur für Sprachen von sehr abgemessenen
Quantitäten und sehr merklichen Akzenten, nur für weitläufige Bühnen, nur
für eine in Noten gesetzte und mit Instrumenten begleitete Deklamation so
wohl schickt: ihre Einfalt aber in der Verwickelung und dem Gespräche,
und die Wahrheit ihrer Gemälde haben wir fahren lassen."
Diderot hätte noch einen Grund hinzufügen können, warum wir uns den
Ausdruck der alten Tragödien nicht durchgängig zum Muster nehmen dürfen.
Alle Personen sprechen und unterhalten sich da auf einem freien,
öffentlichen Platze, in Gegenwart einer neugierigen Menge Volks. Sie
müssen also fast immer mit Zurückhaltung und Rücksicht auf ihre Würde
sprechen; sie können sich ihrer Gedanken und Empfindungen nicht in den
ersten den besten Worten entladen; sie müssen sie abmessen und wählen.
Aber wir Neuern, die wir den Chor abgeschafft, die wir unsere Personen
größtenteils zwischen ihren vier Wänden lassen: was können wir für
Ursache haben, sie demohngeachtet immer eine so geziemende, so
ausgesuchte, so rhetorische Sprache führen zu lassen? Sie hört niemand,
als dem sie es erlauben wollen, sie zu hören; mit ihnen spricht niemand
als Leute, welche in die Handlung wirklich mit verwickelt, die also
selbst im Affekte sind und weder Lust noch Muße haben, Ausdrücke zu
kontrollieren. Das war nur von dem Chore zu besorgen, der, so genau er
auch in das Stück eingeflochten war, dennoch niemals mißhandelte und
stets die handelnden Personen mehr richtete, als an ihrem Schicksale
wirklichen Anteil nahm. Umsonst beruft man sich desfalls auf den höhern
Rang der Personen. Vornehme Leute haben sich besser ausdrücken gelernt
als der gemeine Mann: aber sie affektieren nicht unaufhörlich, sich
besser auszudrücken als er. Am wenigsten in Leidenschaften; deren jede
ihre eigene Beredsamkeit hat, mit der allein die Natur begeistert, die
in keiner Schule gelernt wird, und auf die sich der Unerzogenste so gut
verstehet, als der Polierteste.
Bei einer gesuchten, kostbaren, schwülstigen Sprache kann niemals
Empfindung sein. Sie zeugt von keiner Empfindung, und kann keine
hervorbringen. Aber wohl verträgt sie sich mit den simpelsten,
gemeinsten, plattesten Worten und Redensarten.
Wie ich Banks' Elisabeth sprechen lasse, weiß ich wohl, hat noch keine
Königin auf dem französischen Theater gesprochen. Den niedrigen
vertraulichen Ton, in dem sie sich mit ihren Frauen unterhält, würde man
in Paris kaum einer guten adligen Landfrau angemessen finden. "Ist dir
nicht wohl?--Mir ist ganz wohl. Steh auf, ich bitte dich.--Nur unruhig;
ein wenig unruhig bin ich.--Erzähle mir doch.--Nicht wahr, Nottingham? Tu
das! Laß hören!--Gemach, gemach!--Du eiferst dich aus dem Atem.--Gift und
Blattern auf ihre Zunge!--Mir steht es frei, dem Dinge, das ich geschaffen
habe, mitzuspielen, wie ich will.--Auf den Kopf schlagen.--Wie ist's? Sei
munter, liebe Rutland; ich will dir einen wackern Mann suchen.--Wie kannst
du so reden?--Du sollst es schon sehen.--Sie hat mich recht sehr geärgert.
Ich konnte sie nicht länger vor Augen sehen.--Komm her, meine Liebe; laß
mich an deinen Busen mich lehnen.--Ich dacht' es!--Das ist nicht länger
auszuhalten."--Jawohl ist es nicht auszuhalten! würden die feinen
Kunstrichter sagen--
Werden vielleicht auch manche von meinen Lesern sagen.--Denn leider gibt
es Deutsche, die noch weit französischer sind, als die Franzosen. Ihnen
zu gefallen, habe ich diese Brocken auf einen Haufen getragen. Ich kenne
ihre Art zu kritisieren. Alle die kleinen Nachlässigkeiten, die ihr
zärtliches Ohr so unendlich beleidigen, die dem Dichter so schwer zu
finden waren, die er mit so vieler Überlegung dahin und dorthin streuete,
um den Dialog geschmeidig zu machen und den Reden einen wahrern Anschein
der augenblicklichen Eingebung zu erteilen, reihen sie sehr witzig
zusammen auf einen Faden und wollen sich krank darüber lachen. Endlich
folgt ein mitleidiges Achselzucken: "Man hört wohl, daß der gute Mann die
große Welt nicht kennet; daß er nicht viele Königinnen reden gehört;
Racine verstand das besser; aber Racine lebte auch bei Hofe."
Demohngeachtet würde mich das nicht irre machen. Desto schlimmer für die
Königinnen, wenn sie wirklich nicht so sprechen, nicht so sprechen
dürfen. Ich habe es lange schon geglaubt, daß der Hof der Ort eben nicht
ist, wo ein Dichter die Natur studieren kann. Aber wenn Pomp und Etikette
aus Menschen Maschinen macht, so ist es das Werk des Dichters, aus diesen
Maschinen wieder Menschen zu machen. Die wahren Königinnen mögen so
gesucht und affektiert sprechen, als sie wollen: seine Königinnen müssen
natürlich sprechen. Er höre der Hekuba des Euripides nur fleißig zu; und
tröste sich immer, wenn er schon sonst keine Königinnen gesprochen hat.
Nichts ist züchtiger und anständiger als die simple Natur. Grobheit und
Wust ist ebenso weit von ihr entfernt, als Schwulst und Bombast von dem
Erhabnen. Das nämliche Gefühl, welches die Grenzscheidung dort wahrnimmt,
wird sie auch hier bemerken. Der schwülstige Dichter ist daher unfehlbar
auch der pöbelhafteste. Beide Fehler sind unzertrennlich; und keine
Gattung gibt mehrere Gelegenheit, in beide zu verfallen, als
die Tragödie.
Gleichwohl scheinet die Engländer vornehmlich nur der eine in ihrem Banks
beleidiget zu haben. Sie tadelten weniger seinen Schwulst, als die
pöbelhafte Sprache, die er so edle und in der Geschichte ihres Landes so
glänzende Personen führen lasse; und wünschten lange, daß sein Stück von
einem Manne, der den tragischen Ausdruck mehr in seiner Gewalt habe,
möchte umgearbeitet werden.[2] Dieses geschah endlich auch. Fast zu
gleicher Zeit machten sich Jones und Brook darüber. Heinrich Jones, von
Geburt ein Irländer, war seiner Profession nach ein Maurer und vertauschte,
wie der alte Ben Jonson, seine Kelle mit der Feder. Nachdem er schon
einen Band Gedichte auf Subskription drucken lassen, die ihn als einen
Mann von großem Genie bekannt machten, brachte er seinen "Essex" 1753
aufs Theater. Als dieser zu London gespielt ward, hatte man bereits den
von Heinrich Brook in Dublin gespielt. Aber Brook ließ seinen erst einige
Jahre hernach drucken; und so kann es wohl sein, daß er, wie man ihm
Schuld gibt, ebensowohl den "Essex" des Jones als den vom Banks, genutzt
hat. Auch muß noch ein "Essex" von einem James Ralph vorhanden sein. Ich
gestehe, daß ich keinen gelesen habe, und alle drei nur aus den gelehrten
Tagebüchern kenne. Von dem "Essex" des Brook sagt ein französischer
Kunstrichter, daß er das Feuer und das Pathetische des Banks mit der
schönen Poesie des Jones zu verbinden gewußt habe. Was er über die Rolle
der Rutland und über derselben Verzweiflung bei der Hinrichtung ihres
Gemahls hinzufügt,[3] ist merkwürdig; man lernt auch daraus das Pariser
Parterr auf einer Seite kennen, die ihm wenig Ehre macht.
Aber einen spanischen "Essex" habe ich gelesen, der viel zu sonderbar
ist, als daß ich nicht im Vorbeigehen etwas davon sagen sollte.--
----Fußnote
[1] Zweite Unterredung hinter dem "Natürlichen Sohne". S.d. Übers. 247.
[2] ("Companion to the Theatre", Vol. II. p. 105.)--The Diction is every
where very bad, and in some Places so low, that it even becomes
unnatural.--And I think, there cannot be a greater Proof of the little
Encouragement this Age affords to Merit, than that no Gentleman possest
of a true Genius and Spirit of Poetry, thinks it worth his Attention to
adorn so celebrated a Part of History with that Dignity of Expression
befitting Tragedy in general, but more particularly, where the Characters
are perhaps the greatest the World ever produced.
[3] ("Journal Encycl.", Mars 1761.) Il a aussi fait tomber en démence la
Comtesse de Rutland au moment que cet illustre époux est conduit à
l'échafaud; ce moment où cette Comtesse est un objet bien digne de pitié,
a produit une très grande sensation, et a été trouvé admirable à Londres:
en France il eût paru ridicule, il aurait été sifflé et l'on aurait
envoyé la Comtesse avec l'Auteur aux Petites-Maisons.
----Fußnote
Sechzigstes Stück
Den 27. November 1767
Er ist von einem Ungenannten und führet den Titel: "Für seine Gebieterin
sterben"[1]. Ich finde ihn in einer Sammlung von Komödien, die Joseph
Padrino zu Sevilien gedruckt hat, und in der er das vierundsiebzigste
Stück ist. Wenn er verfertiget worden, weiß ich nicht; ich sehe auch
nichts, woraus es sich ungefähr abnehmen ließe. Das ist klar, daß sein
Verfasser weder die französischen und englischen Dichter, welche die
nämliche Geschichte bearbeitet haben, gebraucht hat, noch von ihnen
gebraucht worden. Er ist ganz original. Doch ich will dem Urteile meiner
Leser nicht vorgreifen.
Essex kommt von seiner Expedition wider die Spanier zurück und will der
Königin in London Bericht davon abstatten. Wie er anlangt, hört er, daß
sie sich zwei Meilen von der Stadt auf dem Landgute einer ihrer Hofdamen,
namens Blanca, befinde. Diese Blanca ist die Geliebte des Grafen, und auf
diesem Landgute hat er, noch bei Lebszeiten ihres Vaters, viele heimliche
Zusammenkünfte mit ihr gehabt. Sogleich begibt er sich dahin und bedient
sich des Schlüssels, den er noch von der Gartentüre bewahret, durch die
er ehedem zu ihr gekommen. Es ist natürlich, daß er sich seiner Geliebten
eher zeigen will, als der Königin. Als er durch den Garten nach ihren
Zimmern schleichet, wird er an dem schattichten Ufer eines durch
denselben geleiteten Armes der Themse ein Frauenzimmer gewahr, (es ist
ein schwüler Sommerabend), das mit den bloßen Füßen in dem Wasser sitzt
und sich abkühlet. Er bleibt voller Verwunderung über ihre Schönheit
stehen, ob sie schon das Gesicht mit einer halben Maske bedeckt hat, um
nicht erkannt zu werden. (Diese Schönheit, wie billig, wird weitläuftig
beschrieben, und besonders werden über die allerliebsten weißen Füße in
dem klaren Wasser sehr spitzfindige Dinge gesagt. Nicht genug, daß der
entzückte Graf zwei kristallene Säulen in einem fließenden Kristalle
stehen sieht; er weiß vor Erstaunen nicht, ob das Wasser der Kristall
ihrer Füße ist, welcher in Fluß geraten, oder ob ihre Füße der Kristall
des Wassers sind, der sich in diese Form kondensiert hat.[2]) Noch
verwirrter macht ihn die halbe schwarze Maske auf dem weißen Gesichte:
er kann nicht begreifen, in welcher Absicht die Natur ein so göttliches
Monstrum gebildet und auf seinem Gesichte so schwarzen Basalt mit so
glänzendem Helfenbeine gepaaret habe; ob mehr zur Bewunderung, oder mehr
zur Verspottung?[3] Kaum hat sich das Frauenzimmer wieder angekleidet,
als, unter der Ausrufung: Stirb, Tyrannin! ein Schuß auf sie geschieht,
und gleich darauf zwei maskierte Männer mit bloßem Degen auf sie
losgehen, weil der Schuß sie nicht getroffen zu haben scheinet. Essex
besinnt sich nicht lange, ihr zu Hilfe zu eilen. Er greift die Mörder an,
und sie entfliehen. Er will ihnen nach; aber die Dame ruft ihn zurück und
bittet ihn, sein Leben nicht in Gefahr zu setzen. Sie sieht, daß er
verwundet ist, knüpft ihre Schärpe los und gibt sie ihm, sich die Wunde
damit zu verbinden. Zugleich, sagt sie, soll diese Schärpe dienen, mich
Euch zu seiner Zeit zu erkennen zu geben; itzt muß ich mich entfernen,
ehe über den Schuß mehr Lärmen entsteht; ich möchte nicht gern, daß die
Königin den Zufall erführe, und ich beschwöre Euch daher um Eure
Verschwiegenheit. Sie geht, und Essex bleibt voller Erstaunen über diese
sonderbare Begebenheit, über die er mit seinem Bedienten, namens Cosme,
allerlei Betrachtungen anstellt. Dieser Cosme ist die lustige Person des
Stücks; er war vor dem Garten geblieben, als sein Herr hereingegangen,
und hatte den Schuß zwar gehört, aber ihm doch nicht zu Hilfe kommen
dürfen. Die Furcht hielt an der Türe Schildwache und versperrte ihm den
Eingang. Furchtsam ist Cosme für viere;[4] und das sind die spanischen
Narren gemeiniglich alle. Essex bekennt, daß er sich unfehlbar in die
schöne Unbekannte verliebt haben würde, wenn Blanca nicht schon so völlig
Besitz von seinem Herzen genommen hätte, daß sie durchaus keiner andern
Leidenschaft darin Raum lasse. "Aber", sagt er, "wer mag sie wohl gewesen
sein? Was dünkt dich, Cosme?"--"Wer wird's gewesen sein", antwortet
Cosme, "als des Gärtners Frau, die sich die Beine gewaschen?"[5] Aus
diesem Zuge kann man leicht auf das übrige schließen. Sie gehen endlich
beide wieder fort; es ist zu spät geworden; das Haus könnte über den
Schuß in Bewegung geraten sein; Essex getraut sich daher nicht, unbemerkt
zur Blanca zu kommen, und verschiebt seinen Besuch auf ein andermal.
Nun tritt der Herzog von Alanzon auf, mit Flora, der Blanca Kammermädchen.
(Die Szene ist noch auf dem Landgute, in einem Zimmer der Blanca; die
vorigen Auftritte waren in dem Garten. Es ist des folgenden Tages.) Der
König von Frankreich hatte der Elisabeth eine Verbindung mit seinem
jüngsten Bruder vorgeschlagen. Dieses ist der Herzog von Alanzon. Er ist,
unter dem Vorwande einer Gesandtschaft, nach England gekommen, um diese
Verbindung zustande zu bringen. Es läßt sich alles, sowohl von seiten des
Parlaments als der Königin, sehr wohl dazu an: aber indes erblickt er die
Blanca und verliebt sich in sie. Itzt kömmt er und bittet Floren, ihm in
seiner Liebe behilflich zu sein. Flora verbirgt ihm nicht, wie wenig er
zu erwarten habe; doch ohne ihm das geringste von der Vertraulichkeit,
in welcher der Graf mit ihr stehet, zu entdecken. Sie sagt bloß, Blanca
suche sich zu verheiraten, und da sie hierauf sich mit einem Manne,
dessen Stand so weit über den ihrigen erhaben sei, doch keine Rechnung
machen könne, so dürfte sie schwerlich seiner Liebe Gehör geben.--(Man
erwartet, daß der Herzog auf diesen Einwurf die Lauterkeit seiner
Absichten beteuern werde: aber davon kein Wort! Die Spanier sind in
diesem Punkte lange so strenge und delikat nicht, als die Franzosen.) Er
hat einen Brief an die Blanca geschrieben, den Flora übergeben soll. Er
wünscht, es selbst mit anzusehen, was dieser Brief für Eindruck auf sie
machen werde. Er schenkt Floren eine güldne Kette, und Flora versteckt
ihn in eine anstoßende Galerie, indem Blanca mit Cosme hereintritt,
welcher ihr die Ankunft seines Herrn meldet.
Essex kömmt. Nach den zärtlichsten Bewillkommungen der Blanca, nach den
teuersten Versicherungen des Grafen, wie sehr er ihrer Liebe sich würdig
zu zeigen wünsche, müssen sich Flora und Cosme entfernen, und Blanca
bleibt mit dem Grafen allein. Sie erinnert ihn, mit welchem Eifer und mit
welcher Standhaftigkeit er sich um ihre Liebe beworben habe. Nachdem sie
ihm drei Jahre widerstanden, habe sie endlich sich ihm ergeben und ihn,
unter Versicherung sie zu heiraten, zum Eigentümer ihrer Ehre gemacht.
(Te hice dueño de mi honor: der Ausdruck sagt im Spanischen ein wenig
viel.) Nur die Feindschaft, welche unter ihren beiderseitigen Familien
obgewaltet, habe nicht erlaubt, ihre Verbindung zu vollziehen. Essex ist
nichts in Abrede und fügt hinzu, daß, nach dem Tode ihres Vaters und
Bruders, nur die ihm aufgetragene Expedition wider die Spanier dazwischen
gekommen sei. Nun aber habe er diese glücklich vollendet; nun wolle er
unverzüglich die Königin um Erlaubnis zu ihrer Vermählung antreten.--"Und
so kann ich dir denn", sagt Blanca, "als meinem Geliebten, als meinem
Bräutigam, als meinem Freunde, alle meine Geheimnisse sicher
anvertrauen."[6]--
----Fußnote
[1] "Dar la vida por su Dama o el Conde de Sex"; de un Ingenio de esta
Corte.
[2]
Las dos columnas bellas
Metió dentro del río, y como al verlas
Vi un cristal en el rio desatado,
Y ví cristal en ellas condensado,
No supe si las aguas que se vían
Eran sus piés, que líquidos corrían,
O si sus dos columnas se formaban
De las aguas, que allí se conjelaban.
Diese Ähnlichkeit treibt der Dichter noch weiter, wenn er beschreiben
will, wie die Dame, das Wasser zu kosten, es mit ihrer hohlen Hand
geschöpft und nach dem Munde geführt habe. Diese Hand, sagt er, war dem
klaren Wasser so ähnlich, daß der Fluß selbst für Schrecken zusammenfuhr,
weil er befürchtete, sie möchte einen Teil ihrer eignen Hand mittrinken.
Quiso probar a caso
El agua, y fueron cristalino vaso
Sus manos, acercólas a los labios,
Y entonces el arroyo lloró agravios,
Y como tanto, en fin, se parecía
A sus manos aquello que bebía,
Temí con sobresalto (y no fué en vano)
Que se bebiera parte de la mano.
[3]
Yo, que al principio ví, ciego, y turbado,
A una parte nevado
Y en otra negro el rostro,
Juzgué, mirando tan divino monstruo,
Que la naturaleza cuidadosa
Desigualdad uniendo tau hermosa,
Quiso hacer por asombro, o por ultraje,
De azabache y marfil un maridaie.
[4]
Ruido de armas en la Quinta,
Y dentro el Conde? Qué aguardo,
Que no voy a socorrerle?
Qué aguardo? Lindo recado:
Aguardo a que quiera el miedo
Dejarme entrar:--
------
Cosme, que ha temido un miedo
Que puede valer por cuatro.
[5]
La mujer del hortelano,
Que se lavaba las piernas.
[6]
Bien podré seguramente
Revelarte intentos míos,
Como a galán, como a dueño,
Como a esposo, y como a amigo.
----Fußnote
Einundsechzigstes Stück
Den 1. Dezember 1767
Hierauf beginnt sie eine lange Erzählung von dem Schicksale der Maria von
Schottland. Wir erfahren (denn Essex selbst muß alles das, ohne Zweifel,
längst wissen), daß ihr Vater und Bruder dieser unglücklichen Königin
sehr zugetan gewesen; daß sie sich geweigert, an der Unterdrückung der
Unschuld teilzunehmen; daß Elisabeth sie daher gefangensetzen und in dem
Gefängnisse heimlich hinrichten lassen. Kein Wunder, daß Blanca die
Elisabeth haßt; daß sie fest entschlossen ist, sich an ihr zu rächen.
Zwar hat Elisabeth nachher sie unter ihre Hofdamen aufgenommen und sie
ihres ganzen Vertrauens gewürdiget. Aber Blanca ist unversöhnlich.
Umsonst wählte die Königin, nur kürzlich, vor allen andern das Landgut
der Blanca, um die Jahreszeit einige Tage daselbst ruhig zu genießen.
--Diesen Vorzug selbst wollte Blanca ihr zum Verderben gereichen
lassen. Sie hatte an ihren Oheim geschrieben, welcher, aus Furcht, es
möchte ihm wie seinem Bruder, ihrem Vater, ergehen, nach Schottland
geflohen war, wo er sich im Verborgnen aufhielt. Der Oheim war gekommen;
und kurz, dieser Oheim war es gewesen, welcher die Königin in dem Garten
ermorden wollen. Nun weiß Essex, und wir mit ihm, wer die Person ist, der
er das Leben gerettet hat. Aber Blanca weiß nicht, daß es Essex ist,
welcher ihren Anschlag vereiteln müssen. Sie rechnet vielmehr auf die
unbegrenzte Liebe, deren sie Essex versichert, und wagt es, ihn nicht
bloß zum Mitschuldigen machen zu wollen, sondern ihm völlig die
glücklichere Vollziehung ihrer Rache zu übertragen. Er soll sogleich an
ihren Oheim, der wieder nach Schottland geflohen ist, schreiben und
gemeinschaftliche Sache mit ihm machen. Die Tyrannin müsse sterben; ihr
Name sei allgemein verhaßt; ihr Tod sei eine Wohltat für das Vaterland,
und niemand verdiene es mehr als Essex, dem Vaterlande diese Wohltat zu
verschaffen.
Essex ist über diesen Antrag äußerst betroffen. Blanca, seine teure
Blanca, kann ihm eine solche Verräterei zumuten? Wie sehr schämt er sich
in diesem Augenblicke seiner Liebe! Aber was soll er tun? Soll er ihr,
wie es billig wäre, seinen Unwillen zu erkennen geben? Wird sie darum
weniger bei ihren schändlichen Gesinnungen bleiben? Soll er der Königin
die Sache hinterbringen? Das ist unmöglich: Blanca, seine ihm noch immer
teure Blanca, läuft Gefahr. Soll er sie, durch Bitten und Vorstellungen,
von ihrem Entschlusse abzubringen suchen? Er müßte nicht wissen, was für
ein rachsüchtiges Geschöpf eine beleidigte Frau ist; wie wenig es sich
durch Flehen erweichen und durch Gefahr abschrecken läßt. Wie leicht
könnte sie seine Abratung, sein Zorn zur Verzweiflung bringen, daß sie
sich einem andern entdeckte, der so gewissenhaft nicht wäre und ihr
zuliebe alles unternähme?[1]--Dieses in der Geschwindigkeit überlegt,
faßt er den Vorsatz, sich zu verstellen, um den Roberto, so heißt der
Oheim der Blanca, mit allen seinen Anhängern in die Falle zu locken.
Blanca wird ungeduldig, daß ihr Essex nicht sogleich antwortet. "Graf",
sagt sie, "wenn du erst lange mit dir zu Rate gehst, so liebst du mich
nicht. Auch nur zweifeln ist Verbrechen. Undankbarer!"[2]--"Sei ruhig,
Blanca!" erwidert Essex: "ich bin entschlossen."--"Und wozu?"--"Gleich
will ich dir es schriftlich geben."
Essex setzt sich nieder, an ihren Oheim zu schreiben, und indem tritt der
Herzog aus der Galerie näher. Er ist neugierig, zu sehen, wer sich mit
der Blanca so lange unterhält; und erstaunt, den Grafen von Essex zu
erblicken. Aber noch mehr erstaunt er über das, was er gleich darauf zu
hören bekömmt. Essex hat an den Roberto geschrieben und sagt der Blanca
den Inhalt seines Schreibens, das er sofort durch den Cosme abschicken
will. Roberto soll mit allen seinen Freunden einzeln nach London kommen;
Essex will ihn mit seinen Leuten unterstützen; Essex hat die Gunst des
Volks; nichts wird leichter sein, als sich der Königin zu bemächtigen;
sie ist schon so gut als tot.--"Erst müßt' ich sterben!" ruft auf einmal
der Herzog und kömmt auf sie los. Blanca und der Graf erstaunen über
diese plötzliche Erscheinung; und das Erstaunen des letztern ist nicht
ohne Eifersucht. Er glaubt, daß Blanca den Herzog bei sich verborgen
gehalten. Der Herzog rechtfertiget die Blanca und versichert, daß sie von
seiner Anwesenheit nichts gewußt; er habe die Galerie offen gefunden und
sei von selbst hereingegangen, die Gemälde darin zu betrachten.[3]
"Der Herzog. Bei dem Leben meines Bruders, bei dem mir noch kostbarern
Leben der Königin, bei--Aber genug, daß ich es sage: Blanca ist
unschuldig. Und nur ihr, Mylord, haben Sie diese Erklärung zu danken.
Auf Sie ist im geringsten nicht dabei gesehen. Denn mit Leuten, wie
Sie, machen Leute, wie ich--