JOHANN. Still –

DUSENTSCHUR (mit gellender Stimme): Im Osten aber – siehe, ein Tor, groß

und glühend wie der Sonnenball. Steht ein Engel vor dem Tore, gleißend

in seiner Herrlichkeit. Breit ist sein Schwert, glühend, und roter Rauch

fährt aus der Schneide. (Er taumelt zuweilen. Verzückt hebt er die

Arme.) Siehe, wie es wimmelt auf den Straßen, die gen Osten führen! Alle

Kreatur flüchtet vor dem Untergang. Da reiten die Päpste und Bischöfe

und Äbte und Domherren. Herrlich sind sie angetan mit Gold und Silber,

und das Zaumzeug ihrer Pferde funkelt. Und hinter ihnen reiten die

Könige mit ihren Zeptern und die Kaiser mit ihren Kronen und die Fürsten

in ihrem Purpur und alle, so die Macht auf Erden haben. Ihre Rosse sind

kostbar und die Schabracken blitzen von Gestein ...

Seine Züge verzerren sich.

Siehe aber, der Engel hebt sein glühendes Schwert und zornige Glut fährt

aus der Schneide. Und die Bärte und Haare der Päpste und Kaiser und

Fürsten verbrennen. Rauch fährt aus den Purpurmänteln, die Harnische

schmelzen. Und es erhebt sich ein Gelächter, und sie sinken dahin ...

Er ist erschöpft und mit Schweiß bedeckt.

Die Reichen und Kaufleute und herrlich geputzte Frauen mit Hauben und

Schleiern, siehe, sie fliehen vor dem Untergang. Es ist ein Gedränge und

Gewimmel auf allen Straßen und Angst steht in allen Augen. Auf Wagen

fahren sie Gold und Gestein und Reichtümer, die sie gewuchert haben ...

Aber der Engel hebt das glühende Schwert, siehe, sie stürzen nieder, die

Frauen stürzen und schreien, die Pelze und Federn brennen, die Achsen

der Wagen zerschmelzen, und die Wagen stürzen um. Und es ist ein großes

Geschrei und Qualm und Rauch und Feuer. Da erhebt sich eine Stimme, die

scheltet. Und sie sinken dahin.

Er taumelt so stark, daß man ihn stützt. Er keucht und Schaum

steht ihm vor dem Mund. Grauen bemächtigt sich des Volkes. Er

richtet sich wieder auf. Sein verzerrtes Gesicht sänftigt sich

und beginnt zu leuchten.

Da sehe ich Männer und Frauen und Mädchen und Kinder! Und da sehe ich

Bettler und Blinde und Kranke und bleiche Wangen. Und da sehe ich viele

Arme, die keine Schuhe tragen und barfuß gehen. Und Krüppel.

Und der Engel erhebt sein Schwert, und siehe, es beginnt zu blühen wie

ein Busch im Frühjahr. Und das Tor tut sich auf und Posaunen schallen.

Und die Männer und Frauen und Kinder, sie ziehen dahin und singen und

Glanz strahlt aus ihren Leibern.

Und auch unsere Brüder sehe ich, Mathys und die Propheten, Geel und

Campen – auch Hille Feiken sehe ich, alle ...

Divara erhebt sich. Freudige Hingerissenheit des Volkes.

DUSENTSCHUR (halb singend): Und eine Stimme erschallt: Um der Gerechten

willen will ich verzeihen! Um der Demütigen willen will ich wiederum zur

Erde hinabfahren. Auf, ihr Schläfer! Bereitet den Weg!

In höchster Ekstase bricht er ohnmächtig zusammen; man fängt ihn

auf und bringt ihn langsam weg.

Ungeheure frohe Erregung des Volkes und des Gefolges. Dirnen

reißen das bißchen Tand ab, Kriegsknechte ihren Wams, andere

schleudern die Schuhe von sich: um arm zu sein. Umarmungen,

Küsse.

STIMMEN. Johann! König Johann! Führe uns, Johann!

ROTTMANN. Das Zeichen, das Johann angekündigt hat!

KRECHTING. Die Demütigen, sie werden in die Herrlichkeit eingehen.

TILBECK. Päpste und Kaiser werden zuschanden. Der Bischof wird

zuschanden!

JOHANN. Brüder und Schwestern!

VOLK. Johann! Es lebe Johann!

ROTTMANN. Der König will zu euch sprechen.

Stille.

JOHANN. Bereitet dem Herrn den Weg – Gott sprach durch Dusentschurs

Mund. (Erregung, dann Ruhe.) Also verkünde ich: die Zeit der Prüfung

neigt sich ihrem Ende entgegen.

STIMMEN. Johann! Johann!

JOHANN. Der Sieg der Christenheit über die Lügner, die Gott nur mit der

Lippe dienen, wird bald sichtbar werden. Also verordne ich: Alle Wagen,

die in der Stadt Zion sind, sollen auf dem Domplatz zusammengefahren

werden. Die Wagner sollen instand setzen, was verdorben ist. Die Sattler

sollen das Geschirr der Pferde nachsehen und flicken. (Staunen.) Es

sollen Decken auf die Wagen gebracht werden und Stroh und Betten für die

Greise, die Frauen und Kinder.

ROTTMANN. Ihr hört, was König Johann sagt!

JOHANN. Es soll Mehl und Korn in die Säcke getan werden. Das Schlachten

von Pferden ist fortan verboten. Harret aus im Glauben! Die Zeit ist

gekommen, die die Propheten verkündeten. Werft euch in den Staub und

schreit zu Gott. – Also verkündige ich: Sieben Tage wird die Prüfung

noch währen, ihr Brüder und Schwestern, mit Hunger und Kriegslärm und

Kampf. Gott läßt es kundtun durch meinen Mund! Harret aus im Glauben! Am

achten Tage aber werden wir die Tore von Münster öffnen –

Geschrei.

JOHANN. Und wir werden hinausziehen zu Fuß und zu Wagen. Und Gott wird

das Lager des Bischofs verwehen wie Spreu!

VOLK. Johann! Johann!

JOHANN. Zwölf Apostel und Herzöge wollen wir über den Erdball setzen.

Dusentschur über das deutsche Land, Krechting über Holland, Rottmann

über Rom, Tilbeck über Frankreich, Gert tom Kloster über England. Die

weiteren werden wir verkünden.

Die Erwählten neigen sich vor ihm.

JOHANN. So wollen wir dahinziehen, eine Gemeinde, und uns mit den

Brüdern in allen Ländern vereinen. Dies ist der Wille des allmächtigen

Gottes!

Jubel.

JOHANN. Und die Mächtigen und Könige und Bischöfe werden uns huldigen.

Der Herr aber wird sein Volk erhöhen, daß es auf silbernen Stühlen sitzt

und von silbernen Platten speist. Und wir werden das Reich errichten, so

wie geschrieben steht.

Jubel. Viele knien vor ihm.

VOLK. Johann! Johann!

DIE FRAUEN (berauscht): Gesegnet seist du, Johann!

ROTTMANN. Das Reich Gottes ist herbeigekommen, ihr Brüder und

Schwestern!

JOHANN. Es wird keine Tränen mehr geben auf Erden, kein Weinen, kein

Jammern. Die Welt wird neu sein und Friede und Wohlgefallen.

VOLK. Hosiannah! Hosiannah!

Die Wiedertäufer von Münster: Drama in 5 Akten · 第 24 / 38 题