295. Elektrische Wellen.

Der Entladungsfunke einer Leydener Flasche besteht nicht aus einem

einzigen Funken eines einmaligen Ausgleiches, sondern aus mehreren

oszillatorischen Entladungen. Dies sieht man am rotierenden Spiegel,

welcher den Funken in die einzelnen Entladungsfunken auflöst, und da der

elektrische Rückstand bald positiv, bald negativ ist, so schließt man,

daß die Elektrizität in der Funkenstrecke hin und her wogt, ähnlich wie

eine Flüssigkeit, die sich in einem ~U~-Rohre ins Gleichgewicht setzt.

Die Anzahl dieser Oszillationen beträgt bei einer Leydener Flasche etwa

20 mit rasch abnehmender Stärke, und die Zeitdauer einer Oszillation ist

etwa ein Milliontel einer Sekunde.

Wie bei einer Flamme die Ätherteilchen in schwingende Bewegung versetzt

werden, so werden durch diese oszillatorischen Entladungen ebenfalls

Ätherwellen erzeugt, welche sich mit Lichtgeschwindigkeit fortpflanzen.

Treffen die elektrischen Wellen auf einen Leiter, so sind sie im stande,

ihn elektrisch zu erregen. Dies beweist man auf folgende Art.

[Abbildung: Fig. 368.]

Man nimmt zwei Leydener Flaschen, welche gleichsam aufeinander

abgestimmt sind, so daß sich in ihnen die oszillatorischen Entladungen

gleich rasch vollziehen, und stellt sie in mäßiger Entfernung, etwa ½

_m_, auf. Wird nun die eine entladen, so entstehen auch bei der anderen

kleine Funken. Der Vorgang ist vergleichbar dem Mitschwingen, der

Resonanz, einer gleichgestimmten Saite oder Stimmgabel.

Auch der Entladungsfunke eines Rhumkorff’schen Induktoriums besteht aus

oszillatorischen Entladungen und erzeugt elektrische Wellen.

Die elektrischen Wellen breiten sich wie die Lichtwellen nach allen

Richtungen des Raumes aus und folgen denselben Gesetzen wie die

Lichtwellen.

Sie durchdringen die Luft und alle Nichtleiter, wie die elektrischen

Stoffe. Von den Leitern werden sie teilweise reflektiert, teilweise

dringen sie in dieselben ein, indem sie sie elektrisch erregen.

Man hat bei den elektrischen Wellen nachgewiesen: Reflexion an Leitern,

Brechung an Isolatoren, in welche sie unter Ablenkung eindringen (Prisma

aus Pech), Interferenz und Polarisation. Mit letzterem ist auch

nachgewiesen, daß sie Transversalwellen sind wie die des Lichtes:

gegenüber den Lichtwellen haben sie eine viel geringere Schwingungszahl

und deshalb eine viel größere Wellenlänge, nämlich einige Centimeter bis

mehrere Meter.

Lehrbuch der Physik zum Schulgebrauche. · 第 337 / 340 题