Das direkte Eingreifen der Fürstin in jagdliche Angelegenheiten,
der Befehl, daß die Jagdgehilfen ihr direkt Berichte zu erstatten
haben, all das mußte zur Ignorierung des Instanzenzuges führen, die
Dienstesverhältnisse nachteilig beeinflussen, die Charaktere ungünstig
verändern. Die Jagdgehilfen merkten sehr rasch, daß sie williges Gehör
fanden, sie kamen wegen jedes Pfifferlings, machten sich wichtig,
betonten die Mühen ihres Dienstes, ihre Aufopferung, und versuchten
Geldgeschenke herauszuschinden. Um den Jagdleiter Hartlieb kümmerten
sich die Jagdgehilfen kaum noch. Erteilte er Befehle, so wurde mit der
Befolgung gewartet, weil nach entsprechend gefärbtem Bericht von der
Fürstin ja doch Gegenorder gegeben wurde. Offene Auflehnung gegen den
Oberbeamten wagten die Jäger natürlich nicht; aber sie freuten sich
diebisch, daß so vieles über den Kopf Hartliebs hinweg angeordnet,
dem Jagdleiter die Hände gebunden, ihm Stellung und Dienst sehr sauer
gemacht wurden.
Am frechsten gebärdete sich der schmucke, von Durchlaucht ganz
besonders bevorzugte Jäger Eichkitz. War er doch eine Art „vortragender
Rat“ in Jagddienstangelegenheiten geworden, täglich zum Bericht
befohlen. Und fast immer geschah, was er befürwortete. Die täglichen
Gänge zur Villa gaben einen willkommenen, leicht zu begründenden
Anlaß zur Dienstschwänzung, zu Erleichterungen. Die Rennerei in die
hochgelegenen Pyrgas-Reviere hatte ein Ende. Klug deckte sich Eichkitz
den Rücken gegen das Eingreifen des Oberbeamten, indem der fesche
Bursch die Gebieterin aufmerksam machte, daß er nicht gleichzeitig an
zwei Orten sein könne; nicht in der Villa bei der gnädigsten Fürstin
und nicht zur selben Zeit auf dem Pyrgas. Das begriff die Gebieterin,
und sie befahl, daß den Dienst in den Pyrgas-Revieren ein anderer
Jagdgehilfe zu machen habe; Eichkitz solle nur zeitweilig behufs
Kontrolle nachschauen.
Eichkitz trug die Nase hoch; aber so klug war er doch, um sich
durch Brüskierungen nicht unnötigerweise Feinde zu schaffen. Groß
war freilich die Verlockung, den Kammerdiener Norbert hochnäsig zu
behandeln oder doch zu verulken; Eichkitz sagte sich aber, daß er
vielleicht den wegen seines Einflusses nicht zu unterschätzenden Mann
gelegentlich brauchen könnte, und stellte sich in dieser Erwägung
auf guten Fuß mit dem Haushofmeister. Der Kammerfrau Hildegard, der
noch immer stattlichen Witib, gegenüber spielte er den aufmerksamen,
demütigen Jüngling, huldigte ihr und verdrehte die Augen, seufzte
wohl auch, wenn just kein Beobachter vorhanden war, und bettelte um
Protektion. Nicht vergebens, denn die geschmeichelte Kammerfrau steckte
ihm manchen Bissen zu. Da Eichkitz zur Schonung seines Geldbeutels
freie Verköstigung zu Lasten, doch ohne Wissen der Fürstin anstrebte,
mußte logischerweise mit der fürstlichen Hofköchin anbandeln. Dies
gestaltete sich aber schwerer, als der hübsche Frechdachs es sich
vorgestellt hatte. Die üppige Köchin mit dem ungewöhnlichen Taufnamen
Restituta war keineswegs blind, sah ganz gut, daß der Jäger ein
bildhübscher Kerl war, aber sie hatte unerschütterliche Grundsätze.
Restituta machte auch Eichkitz gegenüber, als er sie erstmals
anschmachtete, kein Hehl daraus, daß sie gelobt und geschworen habe,
genau den gleichen Lebenswandel zu führen wie ihre Namenspatronin,
nämlich „jungfräulich“ zu bleiben und „mutig“ durch das irdische
Leben zu gehen, auf daß die Köchin wie die heilige Restituta genau
an einem 17. Mai sterbe und von einem Spezialengel in das himmlische
Paradies geführt werde. Im tiefsten, heiligsten Ernste hatte Fräulein
Restituta dies gesagt und dabei einen Blick verfrühter Verzückung zum
Küchenplafond gerichtet. Eichkitz aber kämpfte mit übermenschlicher
Kraft, um das Lachen zu verbeißen und den Anschein zu erwecken, als
glaube er jedes Wort und er sei ein Verehrer der Restituta von wegen
ihres „Mutes“. Nur sprechen konnte er in jener Stunde nicht, der
Lachkitzel war zu stark.
Bei einem zweiten Versuch der Anbandelung war der Frechdachs aber schon
imstande, zu fragen, ob die Restituta auch -- wohltätig gewesen sei.
Davon war der Köchin nichts bekannt; sie wußte sich aber zu helfen,
indem sie dem andächtig zuhörenden Jäger mitteilte, daß laut der
Heiligenlegende die selige Jungfrau Restituta aus einer -- adeligen
Familie stammte. Weil sie dann Christin wurde und hinterdrein ob ihres
Märtyrertodes heilig, muß sie auch wohltätig gewesen sein.
Eichkitz beschattete mit der Hand die listig funkelnden und lachenden
Augen, und süßlichen Tones sprach er die Überzeugung aus, daß
sicherlich auch die Köchin Restituta willens sei, sich durch ausgiebige
Wohltätigkeit den freien Eintritt in das Himmelreich zu verdienen.
Wie erhofft, biß die dicke Köchin auf diesen Köder, indem sie
herausplatze: „Aha jo! Gärn aa no! Wos möcht er denn, der Jaaga?“
„Der Hunger tut weh, Fräuln Restituta! Besonders tut der Hunger weh,
wenn der Mensch kein Geld nicht hat! Sind Sie vielleicht auch aus einer
adeligen Familie, Fräuln Restituta? So etwa vom Landadel?“
Hochgeschmeichelt meinte die Köchin mit wonnekündendem Lächeln:
„Därweil no net!“
Der Lohn für die kecke Schmeichelei bestand darin, daß Eichkitz ein
großes Stück Paprikaspeck bekam. Und als der enttäuschte Schelm
jammerte, daß der Paprika viel Durst erzeuge, gab ihm Restituta auch
noch Geld zur Durstlöschung. Und dazu den Rat, zu jener Stunde in die
Küche zu kommen, wenn für das Hauspersonal das Essen verabreicht werde.
Wo für so viele Leute Speise und Trank vorhanden sei, könne ein armer,
frommer Jäger auch mitessen.
Und so erreichte der Frechdachs sein Ziel doch. Aber schon nach
etlichen Tagen juckte ihn der Übermut, er verulkte die heilige
Restituta so drollig und witzig, daß die Hausangestellten vor Vergnügen
brüllten, die entrüstete Köchin aber den Spötter mit dem Besen
fortjagte.
*
Oberförster Hartlieb war sich darüber völlig klargeworden, daß er
unter den so gründlich und ungünstig veränderten Dienstesverhältnissen
nicht auf die Dauer in seiner Stellung bleiben könne. Mannesehre,
Stolz und Berufsliebe zwingen dazu, den Posten aufzugeben, sich um
eine andere Stellung zu bewerben, anderswo unter einem Jagdherrn und
Sachverständigen zu dienen. Der Weiberwirtschaft im Jagdbetriebe war
Ambros Hartlieb bis zum Ekel überdrüssig geworden. Von einem richtigen
normalen Jagdbetrieb konnte überhaupt nicht mehr gesprochen werden.
Überflüssig war der Jagdleiter, er wurde nicht gerufen, erhielt auch
keine Befehle. Kam er in die Reviere, traf er den einen oder anderen
Jagdgehilfen im Dienst, so war ziemlich deutlich eine gewisse passive
Resistenz zu beobachten. Nicht offene Weigerung, die Befehle Hartliebs
zu befolgen, nur verhaltener Widerstand, Verzögerung. Lauernde Blicke,
spöttisches Lächeln, widerliche, mit Hohn gemischte Unterwürfigkeit;
Mienen, die zu künden schienen: Jagdleiter bist du nicht, hast nichts
mehr zu befehlen, kannst mir auf den Buckel steigen!
Keine Abschußerlaubnis. Keine Einladung mehr. Diese Ignorierung tat
Ambros allerdings nicht wehe, im Gegenteil, der Forstmann und Jäger
freute sich, daß ihn die Gebieterin in dieser Beziehung vergessen zu
haben schien. Für den Hofdienst schwärmte Hartlieb nicht, hatte von
der ersten Stunde an nichts Gutes erhofft. Aber doch nicht geglaubt,
daß alles so schlimm für den Waldoberbeamten und Jagdleiter unter der
Damenherrschaft kommen würde. Unerträglich und empörend war die Lage
für den ernsten, einsamen Ambros geworden. Entwürdigend! Dirigent ist
der Jagdgehilfe Eichkitz, Frechdachs und Schmeichler in einer Person.
Ein falscher Tropf, aber ein fescher Bursch. Verlogen, faul, Egoist,
eine Null als Jäger und als Mensch.
In einsamen Stunden fragte sich Hartlieb oft, warum er sich nicht
aufraffen kann, den Dienst aufzukündigen und den früheren Jagdpächter
Grafen Lichtenberg brieflich zu fragen, ob er eine Stellung für ihn
habe.
Etliche Gründe hatte Ambros für seine Unentschlossenheit, für das
Hinausschieben des entscheidenden Schrittes.
Die Hirschbrunft wird demnächst beginnen. Will die Gebieterin
Brunfthirsche schießen, so muß sie sich ja doch an ihren Jagdleiter
wenden. Unmöglich kann die Hirschbrunft ganz ignoriert bleiben; sie
ist doch die Hohe Zeit, das Herrlichste im Jagdbetriebe und für den
Jagdherrn!
Wenn Hartlieb die Weiberwirtschaft verfluchte, so galt die Verdammung
genau genommen nur der Mißwirtschaft auf der Seite der launenhaften
und in ihren Entschlüssen unberechenbaren Gebieterin. Keineswegs der
Hofdame, die ja nichts zu sagen, nichts anzuordnen hat.
Dachte Ambros an das ihm sympathische Fräulein von Gussitsch, so hüpfte
das Herzelein vor Wonne. Und dem einsamen ernsten Beamten war zumute,
als müßte er himmelhoch jauchzen. Wie zierlich, nett, hübsch das
Hoffräulein doch ist! Wie ein Edelmarder geschmeidig und elegant! Ob
Mustela in diesem Leben Frau Hartlieb werden könnte?
Können und wollen ist zweierlei!
So hoffte Ambros Hartlieb und wartete; erlitt alle Qualen trostloser
Verliebtheit...
Über seine triste Lage hätte er gerne mit dem Grafen Thurn gesprochen,
sich dem alten liebenswürdigen Hausmarschall anvertraut. Aber der Graf
hatte infolge der miserablen Witterung das Reißen bekommen und sich mit
längerem Urlaub zum Gebrauch der berühmten heißen Quellen nach Römerbad
in der südlichen Steiermark geflüchtet.
Am Mittag eines naßkalten Herbsttages war es. Hartlieb hatte sich von
Frau Amanda Gnugesser eine Fleischkonserve warm machen lassen, deren
Inhalt er in der Kanzlei verspeiste. Der Gang zum Wirt in Hall war
erspart. Eine Zigarre am Fenster schmauchend, hielt Ambros stehend
kurze Siesta und blickte auf das zum Jagdschlößl führende Sträßlein im
nebelerfüllten Halltale.
Plötzlich zuckte Hartlieb zusammen. Jähe Röte schoß ihm in die Wangen,
ein Zittern lief durch den Körper, das Blut hämmerte und klopfte.
Das Sträßlein kam Mustela-Martina herangestapft. In
neckisch-praktischem Lodenkleid, fußfrei der kurze Rock, so daß die
Stiefelchen sichtbar waren. Schneidig auf dem hübschen Köpfchen
thronend das grüne Ausseer Hütel. Die geschmeidige Mustelagestalt
freilich neidisch verhüllt von einem wasserdichten Regenmäntelchen.
Ohne Regenschirm. Der zaghaft fallenden Schnürltropfen lachend, so daß
die Marderzähnchen blinkten. Offenbar mußte das bildhübsche Hoffräulein
sehr vergnügt sein.
„Ob Mustela zu mir in die Kanzlei kommt?“ fragte sich flüsternd Ambros.
Und des Zigarrenqualmes wegen, zur Lüftung der Kanzlei, riß er die
Fenster auf. Und grüßte respektvollst.
Und das Hoffräulein dankte mit einem allerliebsten Kopfnicken und
munterem Lächeln. Und steuerte trippelnd dem Forsthause zu.
Martina kam nicht herauf. Sie besuchte die Forstwartsfrau. Wie Ambros
die überspannte Amanda Gnugesser um diesen Besuch beneidete!
Der Uhr nach war es Zeit, den Dienstgang anzutreten. Hartlieb schloß
die Fenster, machte sich marschfertig, und -- blieb in der Kanzlei.
Wartete und horchte auf das seltsame Klingen im Herzen.
Frau Amanda begrüßte die hübsche Hofdame strahlenden Auges und mit
einer gewissen stolzen Feierlichkeit. Sie hatte brieflich um Audienz
gebeten in der Absicht, die Fürstin gewissermaßen scharfzumachen, als
Vorspann zu benützen und wegen der heillos unangenehmen Kanzelrede
gegen den Pfarrer auszuspielen. Der Eitelkeit schmeichelte es nicht
wenig, daß die Fürstin eigens die Hofdame schickt, um den erhofften,
sehnlichst gewünschten Bescheid zu bringen, der nach Amandas Auffassung
nur die Gewährung der Audienz sein konnte. Frau Amanda stutzte, als
Martina von Gussitsch es dankend ablehnte, Platz zu nehmen und höflich
mitteilte, daß auf Wunsch der Fürstin künftighin Zuschriften nicht an
sie selbst, sondern an das Marschallamt oder an die Hofdame vom Dienst
gerichtet werden sollen.
Der Glanz in Amandas Augen erlosch, der Blick ward hart, die Lippen
bleich. Und eine tiefe Falte zeigte sich auf der Stirne. Schwer
enttäuscht sprach Frau Gnugesser: „Um mir das zu sagen, haben sich
gnädiges Fräulein selbst herbemüht?“
„Eine willkommene Bewegung in frischer Waldluft vor dem Lunch! Mündlich
Bescheid zu geben, ist mir lieber als das Schreiben von Briefen!
Allerdings überbringe ich einen Bescheid, der Ihren Wünschen nicht
entsprechen wird!“
Amanda rief erbittert schrillen Tones: „Meine Bitte um Audienz ist
abgelehnt? Der Empfang verweigert? In einer so wichtigen Angelegenheit?
Nicht zu glauben! Erst volles Interesse, jetzt Ablehnung! Ein
erstaunlicher Wankelmut! Da wird wohl die Predigt eine Rolle gespielt
haben!“
„Bitte, beruhigen Sie sich! Ich bin über die Gründe, die Durchlaucht
zur Ablehnung Ihrer Bitte veranlaßt haben, nicht informiert, kann
also keine Auskunft geben! Die Fürstin wünscht, daß die Agitation
eingestellt werde!“
Heftig und gereizt wies Amanda darauf hin, daß die Agitation reine
Privatsache sei und man demnach die Fürstin weder um ihre Meinung zu
fragen noch um Erlaubnis zu bitten habe.
Kühl und höflich erwiderte Fräulein von Gussitsch: „Die Wünsche der
Fürstin werden von jenen Frauen respektiert werden müssen, deren
Ehemänner im fürstlichen Dienst stehen!“
„Soll das eine Drohung sein?“
„Nein, nur eine gutgemeinte Mahnung zur Vorsicht!“
Spitz und giftig rief Amanda: „Ach was, Papperlapapp! Der Mann im
fürstlichen Dienst erfüllt seine Pflicht, die Frau steht nicht im
fürstlichen Dienst, sie ist Privatperson, und was die Frau tut, das
geht die Fürstin keinen Pfifferling an! Will sich die Fürstin um uns
kümmern, so soll sie die Hungerlöhne aufbessern! Auf diesem Gebiete
kann sie sich nützlich machen!“
„Meine Mission ist beendet! Guten Tag, Frau Forstwart!“
Amanda begleitete das Hoffräulein bis in den Flur, und zum Abschied
höhnte sie gründlich verbittert: „Empfehl mich! Meinen Handkuß, wenn
ich bitten darf! Und wegen einer Einladung zum Essen soll man sich
nicht mehr strapazieren, wir gehen grundsätzlich nicht zu Hof!“ Und
wütend kehrte Amanda in ihre Wohnung zurück und warf die Tür krachend
ins Schloß.
Dieser Spektakel war für Hartlieb ein hochwillkommenes Signal, daß der
Besuch beendet sein mußte. In Wehr und Waffen sprang der Oberförster
die Treppe herab, und glücklich erwischte er Martina in nächster Nähe
des Forsthauses. Weniger glücklich war er in der Wahl einer Anrede.
Ansprechen wollte er Mustela, er mußte einige Worte an Martina richten,
um die Wonne ihrer Nähe für einige Augenblicke zu genießen. Und so
stammelte er denn: „Verzeihung! Keinen Befehl für mich?“
Martina machte kehrt, und lachend zeigte sie die blitzenden
Marderzähnchen: „Hofdamen haben bekanntlich nichts zu befehlen! Das
könnte der Herr Oberförster und Hofjagdleiter wissen!“
„Darf ich Sie begleiten?“
„Aber ja, es wird mir ein Vergnügen sein! Vorausgesetzt, daß der Dienst
Sie auf den gleichen Weg führt!“
Der brave Waldmensch konnte nicht lügen, Ambros platzte mit der
Wahrheit heraus: „Dienstlich sollte ich in entgegengesetzter Richtung
wandern! Aber ich möchte Sie begleiten und ein ganz klein bisserl mit
-- Mustela plaudern!“
Martinas zarte Wangen färbten sich. Der Verlegenheit wurde das
Hoffräulein rasch Herr. „Also schwänzt der Oberbeamte den Dienst! Ein
leuchtendes Beispiel für die Untergebenen! Apropos: mit wem wollen Sie
ein ganz klein bisserl plaudern?“
Jetzt war die Reihe zum Rotwerden an Hartlieb. Und in hilfloser
Verlegenheit stammelte er das Geständnis, daß Fräulein von Gussitsch
ihn besonders dann lebhaft an die Geschmeidigkeit und Zierlichkeit
des graziösen Edelmarders, der lateinisch „_Mustela martes_“ heiße,
erinnere, wenn das Fräulein ein hochgelbes Halsband trage.
Die Bäcklein Martinas flammten glutrot. „Ei der Tausend! Soll ich mich
durch diesen Vergleich geschmeichelt oder beleidigt fühlen? Der Marder
ist doch ein Raubtier, nicht?“
„Allerdings! Scheu, listig, beherzt, der denkbar kühnste Räuber, aber
schön von Gestalt, vornehm besonders der Edelmarder in jungen Jahren
mit dem hochgelben Hals! Ein schneidiges Kerlchen!“
Martina kicherte im langsamen Weiterschreiten: „Außerordentlich
dankbar bin ich für diesen schmeichelhaften Vergleich! Entzückend nett,
daß der Herr Oberförster das harmlose Hoffräulein mit dem ‚denkbar
kühnsten Räuber‘ vergleicht! Können Sie mir vielleicht sagen, was ich
bereits -- geraubt habe?“
So locker zwei Worte auf Hartliebs Zunge saßen, so leicht die Antwort
wäre, er wagte nicht, sie zu geben. Die Blutwelle in Martinas Wangen
kündete, daß Fräulein von Gussitsch die zwei ungesprochenen Worte
erraten hatte. Und nun zappelte Martina mit beschleunigten Schritten
heim.
Um doch etwas noch zu sagen, stammelte Ambros: „Die Schneid Mustelas
ist so groß, daß der schöne Edelmarder Tiere angreift, die ihm an Kraft
und Körpergröße weit überlegen sind!“
„So? Greift ‚Mustela‘ auch -- Menschen an?“
„In seltenen Ausnahmefällen auch Forstbeamte!“
„Huhu! Höchst gefährlich! Sehen Sie sich vor, Herr Oberförster, daß
Ihnen ‚Mustela‘ nicht mal plötzlich ins Gesicht springt und die
Äugelein auskratzt!“