Einleitung des Herausgebers (Charles Gore)

und

Bericht über frühere Arbeiten des Verfassers.

=George John Romanes=, der heimgegangene Verfasser von »Darwin und

nach Darwin«, so wie von »Prüfung der Weismannschen Lehre«, nahm in

den letzten Jahrzehnten eine hervorragende Stellung in der Biologie

ein. Aber er beschäftigte sich auch unaufhörlich und je länger desto

mehr mit den Problemen der Metaphysik und Theologie. Bei seinem im

Frühsommer dieses Jahres (1894) erfolgten Tode hinterließ er unter

seinen Papieren einige Notizen, welche zumeist im vorhergehenden Winter

geschrieben und für ein Werk über die Grundfragen der Religion bestimmt

waren. Er hatte angeordnet, daß diese Aufzeichnungen mir gegeben werden

sollten, damit ich mit ihnen nach meinem Dafürhalten verführe.

Nach seinem Tode wurden sie mir demgemäß zugleich mit einigen noch

nicht veröffentlichten Abhandlungen, von denen zwei den ersten Teil

dieses Buches bilden, eingehändigt. Nachdem ich die Notizen gelesen

und das für mich maßgebende Urteil Anderer über sie gehört habe, trage

ich kein Bedenken, ihren bei weitem größeren Teil zu veröffentlichen

und zwar mit dem Namen des Autors, obwohl das Buch ursprünglich anonym

erscheinen sollte. Nach dem Wenigen, was mir George Romanes selbst

darüber gesagt hat, zweifle ich keinen Augenblick, daß er damit

einverstanden sein würde, wenn die Veröffentlichung nach seinem Tode

unter seinem Namen geschieht.

Ich sagte, daß ich nach der Lektüre dieser Notizen nicht daran

zweifelte, daß sie veröffentlicht werden sollten. Sie verdienen es

wegen ihres inneren Wertes und auch deshalb, weil sie die religiöse

Denkweise eines Naturforschers beleuchten, der im hohen Grade begabt,

vielseitig gebildet und in seltenem Maße unparteiisch und offenherzig

war. Von allen diesen Eigenschaften legen die Notizen, die ich hiermit

der Öffentlichkeit übergebe, unzweifelhaft Zeugnis ab.

Nach größeren Bedenken entschloß ich mich, auch die anderen schon

erwähnten, bisher noch ungedruckten Abhandlungen zu veröffentlichen. Da

dieselben einen früheren Standpunkt als jene Aufzeichnungen vertreten,

so setze ich sie natürlich an erste Stelle.

Die Abhandlungen und die Notizen offenbaren aber beide die Entwicklung

eines Geistes vom Unglauben zum Glauben an die christliche Offenbarung.

Sie zeigen das Streben eines Mannes, der Gott sucht, »ob er doch

ihn fühlen und finden möchte«, nicht den Standpunkt festbegründeter

christlicher Überzeugung. Selbst die Notizen enthalten in der That noch

manches, was ein im Glauben feststehender Mensch nicht aussprechen

könnte. Bei dieser Sachlage muß ich natürlich ein Wort darüber sagen,

wie ich mein Amt als Herausgeber verstanden habe.

Ich habe die Frage, ob ich diese oder jene Notiz veröffentlichen

sollte, lediglich darnach entschieden, ob sie hinreichend bearbeitet

war, um verständlich zu sein und habe streng jede Frage nach meiner

eignen Übereinstimmung oder Nicht-Übereinstimmung ausgeschlossen.

Besonders bei =einer= Notiz wäre es mir unklar gewesen, ob ich sie

hätte veröffentlichen sollen, hätte meine bestimmte Abweichung von

ihrem Inhalt mich nicht fürchten lassen, daß nur Vorurteile mich

geneigt machten, sie dem Leser vorzuenthalten. Die Notizen samt den

vorhergehenden Abhandlungen sind, denke ich, besser zu verstehen,

wenn ich einige erläuternde Bemerkungen über ihre Vorläufer, d. h.

über Romanes frühere die religiösen Fragen betreffenden Schriften

voranschicke.

Im Jahre 1873 erhielt George Romanes auf Grund einer Abhandlung den

»Burney-Preis« in Cambridge. Der Gegenstand dieser Abhandlung war das

christliche Gebet in Beziehung zu dem Glauben, »daß der Allmächtige

die Welt nach feststehenden Naturgesetzen regiert.« Sie wurde 1874 mit

einem Anhang über »die physische Kraft des Gebets« veröffentlicht. In

dieser Abhandlung, die Romanes mit 25 Jahren geschrieben hat, zeigten

sich schon die charakteristischen Eigenschaften seines Geistes und

Stils. Da offenbarte sich schon die Liebe zur Wissenschaft, wie man es

ja von einem Naturforscher erwarten kann. Da finden wir die logische

Schärfe und die Vorliebe für exakte Definitionen, auch die natürliche

Frömmigkeit und die Wertschätzung des christlichen Gebets, welche

spätere Reflexionen im Grunde doch niemals ausrotten konnten. Auch

dieser Aufsatz zeugt schon von hervorragender Befähigung.

Einerseits wird zum Zweck der Beweisführung das Dasein eines

persönlichen Gottes angenommen, desgleichen die Gewißheit der

christlichen Offenbarung, die uns ein Recht zusichert, wenn auch

bedingungsweise und in gewissen Grenzen, doch wirkliche Antworten auf

Gebete um irdische Güter zu erwarten. Andrerseits wird der Glaube als

selbstverständlich angenommen, daß allgemeine Naturgesetze das der

Beobachtung zugängliche Gebiet der Natur beherrschen.

Dann wird die Frage erörtert: »Wie läßt sich die physische Wirksamkeit

des Gebets, welche der Christ auf Grund der Offenbarung annimmt, mit

der wissenschaftlich erkannten Thatsache vereinbaren, daß Gott die Welt

durch feststehende Naturgesetze regiert?«

Die Antwort sucht er hauptsächlich dadurch zu geben, daß er die enge

Begrenzung jenes Gebiets mit Nachdruck hervorhebt, innerhalb welcher

wissenschaftliche Forschung angestellt und wissenschaftliche Erkenntnis

erlangt werden kann. Es können besondre göttliche Antworten auf Gebete

selbst im Gebiet der Natur vorkommen --, ja es können sogar als Antwort

auf Gebete Naturkräfte in Erscheinung treten; aber dennoch brauchen sie

nicht Phänomene hervorzubringen, welche die Naturwissenschaft beachten

und als wunderbar und die gewöhnliche Ordnung der Dinge durchbrechend

ansehen müßte.

An einer Stelle kommen die Notizen auf diese Abhandlung zurück, und

häufiger, wie wir darauf aufmerksam machen werden, wiederholen sich

Gedanken, die schon in jener früheren Abhandlung ausgesprochen, aber

inzwischen verworfen waren. Ich weiß nicht, ob Romanes im Grunde

genommen wirklich von der Spekulation und der Schlußfolgerung seiner

Erstlingsarbeit befriedigt blieb, jedenfalls sah er sich bald nach

der Veröffentlichung jener Abhandlung veranlaßt, die dort zugegebene

Grundlage des Theismus zu verwerfen: Er wandte sich nämlich rasch und

entschieden zu einem skeptischen Standpunkt, auf dem er das Dasein

Gottes überhaupt bezweifelte.

Die genannte Abhandlung wurde im Jahre 1874 veröffentlicht. Schon 1876

wenigstens hatte er ein anonymes Werk mit einem gänzlich skeptischen

Schluß geschrieben, der Titel desselben lautete: »Eine unbefangene

Prüfung des Theismus,[2] von Physicus«[3].

Da die »Notizen« mit direkter Bezugnahme auf dieses Werk geschrieben

wurden, so scheint mir eine nähere Erörterung seiner Beweisführung

notwendig, und diese finden wir in dem letzten Kapitel des Werkes

selbst, wo der Verfasser die Ergebnisse zusammenfaßt. Ich gebe daher

dieses Kapitel ausführlich wieder.[4]

* * * * *

§ 1. Unsre Auseinandersetzung ist nun zu Ende, und wenige Worte werden

genügen, um einen kurzen Ueberblick über die zahlreichen Thatsachen und

Schlüsse zu gewinnen, deren Betrachtung für unsern Zweck nötig war.

Wir sprachen zuerst von der offenbar thörichten Annahme, daß der Anfang

aller Dinge oder das Geheimnis des Daseins, [d. h. die Thatsache,

daß überhaupt irgend etwas existiert] durch die Theorie des Theismus

irgendwie besser als durch die Theorie des Atheismus erklärt würde.

Dann wurde gezeigt, daß das Argument »unser Herz fordert einen Gott«

deshalb hinfällig ist, weil wir sahen, daß solch eine =subjektive=

Notwendigkeit, selbst wenn sie bewiesen wäre, doch nicht hinreichte, um

=objektiv= die Existenz Gottes zu beweisen oder auch nur wahrscheinlich

zu machen. In Bezug auf das weitere Argument, daß die Thatsache

unseres theistischen Verlangens nach Gott auf Gott selbst als auf ihre

erklärende Ursache hinweise, mußten wir bemerken, daß dasselbe nur dann

zulässig sein könnte, wenn die Möglichkeit der Wirkung natürlicher

Ursachen [eben bei dem Entstehen unsers Verlangens nach Gott]

abgeschlossen wäre. In ähnlicher Weise wurde gefunden, daß das Argument

von der mutmaßlichen, unmittelbar erkannten Notwendigkeit des Gedankens

eines einzelnen Individuums, [d. h. die Behauptung, daß die Menschen

sich nicht von der Überzeugung befreien können, daß Gott existiert],

unhaltbar ist: erstens, weil diese mutmaßliche Notwendigkeit nur für

jenen einzelnen besteht; und zweitens, weil es thatsächlich höchst

unwahrscheinlich ist, daß diese =mutmaßliche= Notwendigkeit eine

=wirkliche= ist, selbst auch nur für den, der sie behauptet, während

sie dies für die große Mehrheit des Menschengeschlechts ganz sicherlich

nicht ist. Da das Argument von der allgemeinen Übereinstimmung der

Menschheit[5] den Thatsachen gegenüber ganz augenscheinlich ein

trügerisches ist, so wurde dieses ohne weitere Besprechung übergangen.

Das Argument ferner: Die Welt =müsse= eine =erste= Ursache haben, --

enthält einen logischen Selbstmord. Das letzte Argument lautete: Da

der menschliche Wille die Kausalität der Natur beeinflußt, so ist

wahrscheinlich =alle= Kausalität ihrem Wesen nach der Ausfluß eines

Willens. -- Dieses Argument besteht, wie gezeigt wurde, aus einer Reihe

so ungeheuerlicher Schlüsse, daß es wertlos ist.

§ 2. Bezüglich der weniger oberflächlichen Argumente zu Gunsten des

Theismus zeigte sich zuerst, daß der Vernunftschluß: alle bekannten

Geister stammen von einem unbekannten Geist ab; unser Geist ist ein

bekannter Geist; daher stammt auch er von einem unbekannten Geist ab

-- aus zwei Gründen unzulässig ist. Erstens ist es keine Erklärung des

Geistes, wenn man ihn auf einen früheren Geist als seinen Ursprung

zurückführt, und wenn diese Hypothese, falls zulässig, nun auch eine

Erklärung für einen =bekannten= Geist ergeben würde, so ist sie doch

als Beweis für die Existenz eines =unbekannten= Geistes, dessen Annahme

doch ihre Grundlage bildet, ganz nutzlos. Und ferner: Wenn man sagt,

daß der Geist derartig ein Wesen eigener Art ist, daß er entweder aus

sich selbst existiert oder aber einen andern Geist als Ursache haben

muß, so giebt es auch für diese Behauptung keinen wirklich zureichenden

Grund. Das ist der zweite Einwand gegen den obigen Vernunftschluß;

denn nichts in dem ganzen Gebiet des Möglichen könnte unseres Wissens

imstande sein, eine selbstbewußte Intelligenz zu erzeugen. Deshalb

braucht sich ein Gegner des obigen Vernunftschlusses überhaupt keine

Theorie von dem ersten Ursprung aller Dinge zu bilden; aber gerade

gegenüber zu der klaren und bestimmten Lehre des Materialismus ist der

obige Vernunftschluß nicht besonders beweiskräftig. Wohl wissen wir,

daß das, was wir =Kraft= und =Stoff= nennen, allem Anschein nach ewig

ist, wir haben aber hingegen keinen entsprechenden, ebenso sicheren

Beweis dafür, daß ein =Geist= ewig wäre. Ferner ist der Geist, so weit

die Erfahrung reicht, stets mit hochdifferenzierten Kombinationen von

Stoff und Kraft verbunden,[6] und viele Thatsachen beweisen den Schluß,

-- keine einzige aber widerspricht ihm -- daß der Grad der Intelligenz

stets von einem entsprechenden Grad der Gehirnentwickelung abhängt

oder doch wenigstens mit ihm verbunden ist. Darnach besteht sowohl

qualitativ als auch quantitativ[7] eine Beziehung zwischen Intelligenz

und Gehirnorganisation. Wenn man dann aber einwirft, daß Materie und

Bewegung kein Bewußtsein hervorbringen konnten, weil dies unfaßbar ist,

so haben wir gesehen, daß dies nichts entscheidet. Es handelt sich hier

ja um etwas zugegebener maßen Transzendentales, auch steht es fest,

daß das Wesen des Geistes unerkennbar sein =muß=, und es ist doch wohl

von vornherein wahrscheinlich, daß die Ursache dieses unerfaßbaren

Wesens viel schwieriger zu erkennen sein wird, als der Inhalt jeder

andern Hypothese, die für den Verstand faßbarer ist. Wenn man auch

sagt, daß die begreiflichere Ursache auch die wahrscheinlichere ist,

so haben wir gesehen, daß man in unserm Fall unmöglich die Gültigkeit

dieses Ausspruchs anerkennen kann. Die Behauptung endlich, daß die

Ursache aktuell schon alles enthalten muß, was ihre Wirkungen enthalten

können, ist logisch unzulässig und wird durch tägliche Erfahrung

widerlegt, während das Argument von der vermeintlichen Willensfreiheit

und der Thatsache des moralischen Sinnes sowohl deduktiv durch die

Entwicklungslehre, als auch induktiv durch die Lehre des Utilitarismus

zurückgewiesen wird. Die Lehre vom freien Willen ist in der That

durchaus unhaltbar[8] und der Beweis dafür, daß der moralische Sinn das

Ergebnis einer völlig natürlichen Entwicklung[9] ist, überwältigend,

und diese Erkenntnis, zu welcher wir aus allgemeinen Gründen gelangten,

wird auch mit unwiderstehlicher Gewalt durch die Darstellung des

menschlichen Gewissens bestätigt, welche die Theorie des Utilitarismus

liefert, und diese gründet sich auf die breitesten und auf ausnahmslos

gültige Induktionen.[10]

Kurz, wir müssen in Bezug auf das Argument vom Dasein des menschlichen

Geistes sagen, daß ihm jeder nachweisbare Wert fehlt: man ist nicht

berechtigt, den Schluß zu ziehen, daß unser Geist durch einen anderen

Geist hervorgebracht worden ist; mit gleichem Recht könnte geschlossen

werden, er sei durch irgend etwas anderes sonst verursacht.

§ 3. In Bezug auf das Argument vom Zweck ist zu bemerken, daß

Mills Auseinandersetzung desselben [in seiner Abhandlung über

den Theismus] nur eine Wiederholung desselben Arguments ist, das

schon Paley, Bell und Chalmers aufstellten. Wir sahen, daß der

erstgenannte Schriftsteller den ganzen Gegenstand mit einer Schwäche

und Ungenauigkeit behandelte, welche bei ihm sehr überrascht,

denn während er gar kein Gewicht auf den induktiven Beweis der

organischen Entwicklungslehre legt, nimmt er andererseits anstandslos

eine übernatürliche Erklärung der biologischen Erscheinungen an

und ist überdies merkwürdiger Weise in der Auseinandersetzung des

Zweckarguments selbst fehl gegangen, indem er ebenso wenig wie

alle früheren Schriftsteller beachtete, daß wir ganz unmöglich die

Beziehungen zwischen dem Zwecksetzer und dem Bezweckten wissen;

noch viel weniger können wir von =der= Behauptung ausgehen, daß der

höchste Geist -- seine Existenz einmal angenommen -- die Welt durch

irgend eine besondere Denkoperation hervorgebracht hat. Alle Anwälte

des Zweckarguments haben nicht bemerkt, daß wir, selbst wenn wir von

dem Dasein der Natur auf einen schöpferischen Geist schließen, doch

mit keinem Schatten eines Rechts folgern dürfen, daß dieser Geist

seine schöpferische Kraft nur durch irgend eine Denkoperation habe

ausüben können. Wie thöricht muß es daher sein, die vermeintliche

Gewißheit solcher Denkoperation zu einem Beweise für das Dasein

eines Schöpfergeistes selbst zu erweitern! Wenn aber ein Theist

erwidert, es sei von geringer Bedeutung, ob wir die Art und Weise,

=wie= die Schöpfung vor sich ging, erraten können, wenn nur die

Thatsachen bezeugen, daß die Naturerscheinungen aus irgend einer

höchsten Intelligenz als letzter Ursache herzuleiten sind, -- dann

bin ich der erste, der dem zustimmt. Es ist mir von jeher eine der

unbegreiflichsten Thatsachen in der Geschichte der Spekulation gewesen,

daß so viele maßgebende Gelehrten den Zweck als einen Beweis für den

Theismus ansehen, wissen sie doch alle sehr wohl, daß sie keine Mittel

haben, das Wesen des höchsten Geistes zu erkennen, dessen Dasein das

Argument erweisen soll. In Wahrheit kann und darf sich das Argument

vom Zweck nur einzig und allein auf die der Beobachtung zugänglichen

Thatsachen der Natur stützen, es darf aber nicht auf die geistigen

Prozesse, durch welche diese Thatsachen vermutlich zu erklären sind,

bezugnehmen. Bei dem gegenwärtigen Stand unsrer Erkenntnis müssen wir

dann aber an Stelle des Zweckarguments in seiner groben, von Paley

herrührenden Form das Argument von der allgegenwärtigen Wirkung des

Naturgesetzes setzen.

§ 4. Das Zweckargument[11] sagt: es muß einen Gott geben, weil

der Bau eines organisierten Gebildes einen geistigen Prozeß[12]

voraussetzt. Das aus der allgegenwärtigen Wirkung der Naturgesetze

gefolgerte Argument besagt: »es muß einen Gott geben, weil der Bau

eines organisierten Gebildes =schließlich= auf eine Intelligenz

zurückzuführen ist.« Jedes organische Gebilde zeigt nämlich mehr oder

weniger verwickelt das Prinzip der Ordnung, jedes Ding ist ferner

mit allen andern Dingen zu einer allgemeinen Naturordnung verbunden.

Wegen dieser Allgemeinheit der Ordnung ist es unvernünftig, die

Zufalls-Hypothese auf das Weltall anzuwenden. »Wir mögen von einer

höchsten Ursache denken, was wir wollen, die Thatsache bleibt bestehen,

daß aus ihr ununterbrochen ein unmittelbarer Einfluß ausgeht und

zwar so verblüffend, großartig und exakt, wie es nur unsrer höchsten

Vorstellung von der Gottheit würdig ist.«[13] Dieses Argument haben

wir mit den Worten von Prof. Baden Powell folgendermaßen erläutert:

»Was Vernunft und Denken erfordert, um verstanden zu werden, muß selbst

Vernunft und Denken sein. Was nur der Geist erforschen oder ausdrücken

kann, muß selbst Geist sein. Und wenn der höchste Begriff, den man

von einem zu erforschenden Geist oder einer zu erforschenden Vernunft

erlangt, nur unvollkommen ist, dann sind beide größer als der Geist

und die Vernunft dessen, der sie erforscht. Wenn mit der gründlichen

Erforschung der dadurch offenbarte notwendige Zusammenhang der Dinge um

so ausgedehnter und komplizierter wird, dann wird auch die Größe und

der Umfang der Vernunft, die sich derartig doch immer nur teilweise

offenbart, um so augenscheinlicher; auch wird es dann sicherer, daß sie

wirklich in der unwandelbar verbundenen Ordnung der Dinge unabhängig

von dem Geist des Forschers existiert.« Dieses aus einem universellen

Kosmos gefolgerte Argument hat den Vorteil, daß es durchaus unabhängig

von der Art und Weise ist, wie die Dinge das wurden, was sie jetzt

sind. Es wird also von der Annahme einer Entwicklung nicht berührt. Bis

vor kurzem schien es daher thatsächlich auch unantastbar zu sein.[14]

»Wir sind aber nichtsdestoweniger zu dem Bekenntnis gezwungen, daß

seine scheinbare Stichhaltigkeit vor der unbestreitbaren Thatsache zu

nichte wird, daß jedes Naturgesetz, wenn Kraft und Stoff seit Ewigkeit

gewesen sind, ganz natürlich entstanden sein muß. ... Man darf keinen

Augenblick daran zweifeln, daß die wundervolle Schönheit und Harmonie

der Natur notwendig und unvermeidlich aus der Erhaltung der Kraft und

aus den Ureigenschaften des Stoffes folgen, gerade so zweifellos wie

der Satz, daß die Kraft erhalten wird oder daß der Stoff Ausdehnung

besitzt oder undurchdringlich ist.[15] ... Man wird sich erinnern,

daß ich diese Wahrheit lange und mit großem Ernst erörterte, nicht

allein weil sie in Rücksicht auf unsern Gegenstand so unermeßlich

wichtig ist, sondern auch, weil kein anderer sie bis jetzt in diesem

Zusammenhange erörtert hat.« Es wurde auch auseinandergesetzt, daß

der Zusammenhang und die Übereinstimmung des Makrokosmos des Weltalls

mit dem Mikrokosmos des menschlichen Geistes daraus entspringen kann,

daß der menschliche Geist nur ein Produkt der allgemeinen Entwicklung

ist; denn seine subjektiven Beziehungen werden notwendiger Weise jene

äußeren Beziehungen, deren Produkt sie selbst sind, wiederspiegeln.[16]

§ 5. Unsere weitere Erörterung milderte indessen den unerbittlich

strengen Schluß aus dem gänzlichen und hoffnungslosen Zusammenbruch

aller etwa möglichen Beweise zu Gunsten des Theismus. Als wir nämlich

ausführlich dargelegt hatten, daß es nicht einmal einen Schatten eines

positiven Beweises zu Gunsten der theistischen Theorie giebt, da

entstand die Gefahr, daß manche nun irrtümlicher Weise weiter schließen

könnten: aus diesem Grunde sei die theistische Theorie selbst falsch.

Es war nun also noch folgendes zu erwägen: wenn auch die Natur nach dem

Stande unserer heutigen Erkenntnis keiner intelligenten Ursache zur

Erklärung irgend einer ihrer Erscheinungen bedarf, sollten wir dann

nicht bei =höher entwickelter= Erkenntnis möglicher Weise doch einmal

entdecken können, daß die Natur ihr Dasein doch einer intelligenten

Ursache verdanken muß? Die Wahrscheinlichkeit, daß eine intelligente

Ursache unnötig ist, um irgend eine Naturerscheinung zu erklären, ist

dann nicht größer als die andere, daß die Lehre von der Erhaltung der

Kraft überall und zu allen Zeiten gegolten hat.

Zum Schluß unserer Auseinandersetzung verließen wir daher ganz das

Gebiet der Erfahrung, wir ließen sogar die eigentlichen Grundlagen

der Naturwissenschaft und damit auch die sicherste aller relativen

Wahrheiten außer Acht und verlegten unsere Untersuchung in die

transzendentale Region rein formaler Betrachtungsweise. Und hier

stellten wir die Regel auf: »daß sich der Wert irgend einer

Wahrscheinlichkeit im letzten Grunde nach der Zahl, der Wichtigkeit

und der Bestimmtheit ihrer bekannten Beziehungen, verglichen mit ihren

unbekannten Beziehungen richtet«, und daraus folgerten wir, daß in

Fällen, wo die unbekannten Beziehungen zahlreicher, wichtiger oder

unbestimmter sind als die bekannten, der Wert unserer Folgerung um so

geringer ist. Aus dieser Regel ergiebt sich aber Folgendes: da das

Problem des Theismus das am weitesten zurückgehende aller Probleme ist

und daher in seinen unbekannten Beziehungen alles für den Menschen

Unbekannte und Unerkennbare enthält, so müssen diese Beziehungen

für die unbestimmtesten von allen erklärt werden, die ein Mensch je

betrachten kann; und obgleich wir die ganze Erfahrungsreihe, von der

aus wir argumentieren können, vor uns haben, so sind wir aus jenem

Grunde dennoch unfähig, den wahren Wert irgend eines solchen Argumentes

abzuschätzen. Da die unbekannten Beziehungen in der von uns versuchten

Induktion sowohl hinsichtlich ihrer Anzahl als auch ihrer Wichtigkeit

im Vergleich mit den bekannten Beziehungen durchaus unbestimmt sind, so

ist es für uns unmöglich, irgend eine Wahrscheinlichkeit für oder wider

das Dasein Gottes zu erlangen.

Obgleich wir daher gewißlich, soweit menschliche Wissenschaft

vordringen und menschliches Denken Schlüsse ziehen kann, keinen

Beweis für einen Gott finden können, so haben wir doch noch

nicht das Recht, daraus zu schließen, es gäbe keinen Gott. Mag

daher die Wahrscheinlichkeit, daß die Natur ohne Gott ist, vom

naturwissenschaftlichen Gesichtspunkt aus noch so groß sein, ja, sich

naturwissenschaftlich geradezu beweisen lassen, -- so ist dies dennoch

vom logischen Gesichtspunkt aus durchaus wertlos. Obgleich es so sicher

ist wie die Grundlage aller Naturwissenschaft und aller Erfahrung, daß

die Annahme des Daseins Gottes, wenn er wirklich existiert, als Ursache

des Weltalls überflüssig ist, so kann es dennoch wahr sein, daß das

Weltall nie existiert haben würde, wenn es keinen Gott gäbe.

Diese formalen Betrachtungen beweisen dann folgerichtig, daß wir trotz

aller =relativ= großen Wahrscheinlichkeit zu Gunsten des Atheismus doch

kein Recht haben, diese =Wahrscheinlichkeit= als absolute =Gewißheit=

zu betrachten. Daraus entsteht die Möglichkeit eines anderen Arguments

zu Gunsten des Theismus -- oder wir wollen lieber sagen: die

Möglichkeit der Wiederaufnahme des teleologischen Beweises in anderer

Form. Denn wenn man sagen kann, daß diese formalen Betrachtungen wohl

einen absoluten, aber keinen relativen Schluß für oder wider die

Gottheit ausschließen, und wenn also doch noch einige theistische

Deduktionen übrig bleiben, die füglich aus der Erfahrung gezogen

werden dürfen, so können diese jetzt in Anschlag gebracht werden, um

den atheistischen Folgerungen aus dem Gesetz von der Erhaltung der

Kraft die Wage zu halten. -- Denn wenn unsere letzten Deduktionen auch

klar gezeigt haben, daß das Dasein Gottes vom naturwissenschaftlichen

Standpunkt aus überflüssig erscheint, so haben die formalen

Betrachtungen nicht weniger klar jenseits der naturwissenschaftlichen

Sphäre einen möglichen Platz für das Dasein Gottes erschlossen, so daß

wir, wenn durch Erfahrung irgend welche Thatsachen beigebracht werden

können, zu deren Erklärung die atheistischen Deduktionen ungenügend

erscheinen, berechtigt sind, dieselben wenigstens relativ durch die

theistische Hypothese zu begründen. Und es muß zugestanden werden,

daß wir solch einen unerklärbaren Rest in dem Zusammenwirken der

Naturgesetze bei der Entstehung der kosmischen Harmonie finden.

Es macht gar nichts aus -- so kann man bei diesem Argument fortfahren

-- daß wir unfähig sind, die Art und Weise zu erkennen, wie der

vermeintliche Geist bei der Erschaffung der kosmischen Harmonie etwa

verfahren hat, auch bedeutet es nichts, daß sein Handeln jetzt in

ein Gebiet jenseits der Naturwissenschaft verbannt werden muß. Wohl

aber ist es wichtig, daß wir bei einem Blick auf die Natur als ein

Ganzes unmöglich den Umfang und die Mannigfaltigkeit ihrer Harmonie

begreifen können, wenn wir sie nicht als Wirkung einer intelligenten

Ursache anerkennen. Diese geläuterte Form des teleologischen Arguments

nannte ich dann »=metaphysische Teleologie=«, um sie scharf von

allen früheren Formen jenes Beweises zu unterscheiden, die ich im

Gegensatz dazu als naturwissenschaftliche Teleologie bezeichnete.

Der Unterschied aber ist folgender: während alle früheren Formen

der Teleologie auf einer Grundlage beruhten, welche nicht jenseits

des Bereichs der Naturwissenschaft lagen und daher der Möglichkeit

naturwissenschaftlicher Widerlegung ausgesetzt waren, kann das

metaphysische System der Teleologie niemals naturwissenschaftlich

widerlegt werden, weil es eben auf einer Grundlage beruht, die

der Naturwissenschaft völlig unzugänglich ist. Daß aber dieses

metaphysische System der Teleologie auf einer solchen Grundlage beruht,

ist unbestreitbar, denn während es die größten Wahrheiten anerkennt,

welche die Naturwissenschaft jemals erlangen kann, nämlich das Gesetz

von der Erhaltung der Kraft und den sich aus ihm mit Notwendigkeit

ergebenden Ursprung des Naturgesetzes, -- so wird es doch trotz alledem

der zwingenden Thatsache gerecht, daß der Geist auf diese Weise als

letzte Ursache der Dinge noch nicht aus der Welt geschafft ist, wie

auch der anderen, daß, wenn die Naturwissenschaft verlangt, die

Wirkung eines Gottesgeistes in eine jenseits ihres Gebiets liegende

Region zu versetzen, dieselbe dann auch wirklich hierhin verlegt

werden muß. Diese Behauptung erscheint im ersten Augenblick ohne

Zweifel willkürlich, da die Naturwissenschaft ihrer ja, soweit sie auch

vordringen mag, überhaupt nicht bedarf, -- weil die kosmische Harmonie

als eine physikalisch notwendige Folgerung aus der vereinten Thätigkeit

der Naturgesetze und diese wiederum als eine physikalisch notwendige

Folgerung aus der Erhaltung der Kraft und den primären Qualitäten

der Materie folgt. Aber wenn auch unbestreitbar wahr ist, daß die

metaphysische Teleologie, naturwissenschaftlich betrachtet, durchaus

willkürlich ist, so möchte sie doch, psychologisch betrachtet, nicht

ganz willkürlich sein. Wenn es also verständlicher ist, daß im Geist

die letzte Ursache der Weltharmonie liegt und nicht in der Erhaltung

der Kraft, dann ist es nicht unvernünftig, die begreiflichere Hypothese

an Stelle der weniger begreiflichen anzunehmen, vorausgesetzt, daß

diese Wahl mit aller Vorsicht vorgenommen wird.

Ich schließe also, daß die Hypothese der metaphysischen Teleologie,

wenn auch im physikalischen Sinn willkürlich, im psychologischen Sinn

berechtigt sein mag. Aber gegen die Grundlage, auf der dieses Argument

allein ruhen kann -- daß nämlich das Grund-Postulat des Atheismus

unbegreiflicher ist als das des Theismus -- giebt es, wie wir sahen,

noch zwei wichtige Einwände.

Erstens: Der Sinn, in welchem hier das Wort »=unbegreiflich=« gebraucht

wird, ist der, daß man zwar den betreffenden Gedanken nicht mit

Thatsachen begründen, ihn wohl aber als im übrigen möglich erweisen

kann. In demselben Sinn, wenn auch in geringerem Maße, ist es wahr,

daß die Verwicklung der menschlichen Organisation und ihrer Funktionen

unbegreiflich ist; aber hier hat das Wort »unbegreiflich« bei einem

Beweis viel geringeres Gewicht als in seinem eigentlichen Sinn. Ohne

daher weiter darüber zu disputieren, inwiefern man berechtigter Weise

die »Unbegreiflichkeit« einem Einwand gegenüber, der doch von einer

großen Menge wissenschaftlicher Beweise gestützt wird,[17] ins Feld

führen darf, gingen wir zu dem zweiten Einwand gegen die Grundlage der

metaphysischen Teleologie über. Dieser war folgender: es ist ebenso

unmöglich, die Weltharmonie als Wirkung eines Geistes [d. h. eines

Geistes, wie =wir= ihn aus Erfahrung kennen] oder als Wirkung einer

vom Geist losgelösten Entwicklung zu begreifen. Das Argument von der

Unbegreiflichkeit kann daher in seiner Anwendung ebenso verhängnisvoll

für den Theismus wie für den Atheismus werden.

Die geläuterte Form der Teleologie, welche wir hier erörterten und

welche wir als das letzte noch mögliche Argument zu Gunsten des

Theismus erkannten, begegnet also auf ihrem eigenen Gebiet einem sehr

gefährlichen Gegner: Durch ihren metaphysischen Charakter ist sie dem

Widerspruch der Naturwissenschaft entgangen, um sofort einen neuen

Widerspruch in der Region der reinen Psychologie, in die sie geflohen

ist, zu finden. Zum Schluß unsrer ganzen Untersuchung waren wir

daher gezwungen, die relative Bedeutung dieser feindlichen Mächte zu

untersuchen. Dabei bemerkten wir zuerst Folgendes: wenn die Verteidiger

der metaphysischen Teleologie von vornherein der Methode, nach welcher

die Entstehung des Naturgesetzes aus dem Gesetz von der Erhaltung der

Kraft abgeleitet wurde, vorwerfen, daß sie eine unerlaubte Analogie

verlange, dann steht es einem Atheisten auch frei, die Methode,

nach welcher ein lenkender Geist aus der Thatsache die Weltharmonie

hergeleitet wurde, zu beschuldigen, daß sie eine unerkennbare Ursache

fordere -- und zwar eine Ursache, wie sie der menschliche Geist

stets mit besonderer Vorliebe [aber stets irrtümlicher Weise -- Der

Übersetzer] als Ursache der Naturerscheinungen angesehen hat.

Aus diesen Gründen schloß ich daher, daß beide Theorien, was ihren

von der Erfahrung losgelösten Standpunkt betrifft, als gleich

verdächtig angesehen werden müssen. Und ähnlich ist es auch mit ihrem

Standpunkt, soweit er auf Erfahrung begründet ist; denn da beide

Lehren wenigstens =einen= allgemeinen Satz einschließen müssen, so

müssen beide in gleicher Weise für durchaus unbegreiflich erklärt

werden. Doch, wenn schließlich die Frage an mich heranträte, welche

von beiden Theorien ich für die vernünftigere hielte, so bemerkte

ich schon, daß sie kein Mensch für einen andern beantworten kann.

Denn da dies Zeugnis absoluter Unbegreiflichkeit für beide Theorien

verhängnisvoll ist, so kann die Wahl zwischen beiden nur durch das

entschieden werden, was ich als relative Unbegreiflichkeit bezeichnet

habe -- d. h. jeder Mensch muß hier nach seiner individuellen Ansicht

von Wahrscheinlichkeit und Unwahrscheinlichkeit entscheiden, und dies

wird durch seine sonstige Gewohnheit zu denken bestimmt. Wie das

Zeugnis relativer Unbegreiflichkeit in dieser Frage berechtigterweise

mit dem Charakter des betreffenden Menschen wechseln wird, so wird auch

die streng rationelle Wahrscheinlichkeit in der Frage, auf welche es

angewendet wird, wechseln. Die einzige Alternative, die einem Menschen

hier also bleibt, ist die: entweder nimmt er den Standpunkt des reinen

Skeptizismus an, und dann muß er sowohl die Wahrscheinlichkeit als auch

die Unwahrscheinlichkeit, daß es einen Gott giebt, zurückweisen, oder

aber er entscheidet sich für eine Annahme bezw. für eine Verwerfung

Gottes, je nachdem seine sonstige Art zu denken diese Entscheidung ihm

in der einen oder andern Richtung leichter gemacht hat. Und wenn ich

auch unter diesen Umständen =den= für den vernünftigeren Mann halten

würde, der mit seinem Urteil hierbei sorgfältig zurückhält, so muß ich

doch sagen, daß hierbei weder der metaphysische Teleologe noch der

naturwissenschaftliche Atheist bezüglich ihres vernunftgemäßen Denkens

einen höheren Standpunkt als der andere hat. Denn da unzweifelhaft

auf der einen Seite die formalen Bedingungen einer metaphysischen

Teleologie und auf der anderen Seite ebenso die eines spekulativen

Atheismus erfüllt sind, so wird es in beiden Fällen ein logisches

Vakuum geben, in welchem das Gedankenpendel frei nach jeder Richtung

schwingen kann, je nachdem es der sonst gewohnte Gedankengang bestimmt.

§ 6. Das also ist das letzte Ergebnis unserer Untersuchung, und

wenn man die abstrakte Natur des Gegenstandes in Erwägung zieht,

sowie die große Verschiedenheit der Meinungen, welche zur Zeit

hierin herrscht, wie auch die verwirrende Zahl guter, schlechter und

indifferenter Litteratur auf beiden Seiten, -- ich sage, wenn man

dies alles in Erwägung zieht, so glaube ich nicht, daß das Resultat

unsrer Untersuchung berechtigterweise des Mangels an Präzision

beschuldigt werden kann. In einer Zeit wie der jetzigen, in welcher

der überlieferte Gottesglaube so allgemein angenommen und seine

breite induktive Grundlage als selbstverständlich angesehen wird,

soll diese kurze Abhandlung zeigen, wie außerordentlich präzis die

naturwissenschaftliche Auffassung des Gegenstandes in Wahrheit ist,

und dann wird sie mehr als die bisherige einschlägige Litteratur

die meisten Leser über die nach dem gegenwärtigen Stand der Frage

möglichen Auffassungen aufklären. Wenn ich auf den heutigen Zustand

der spekulativen Philosophie blicke, so war es doch höchst nötig,

einmal klar zu zeigen, daß der Fortschritt der Naturwissenschaften die

Hypothese vom Wirken eines Geistes in der Natur sicherlich als ganz

überflüssig erweist, und zu erweisen, daß dies ebenso gewiß ist wie

die wissenschaftliche Lehre von der Erhaltung der Kraft und von der

Unzerstörbarkeit der Materie.

Wenn andrerseits jemand beklagen sollte, daß die logische Behandlung

der Frage sich nicht so ganz unzweideutig sicher erwiesen hat wie die

naturwissenschaftliche, dann muß ich ihm zu bedenken geben, daß in

jeder Sache, die keine wirkliche Demonstration zuläßt, notwendig ein

gewisser Spielraum für die Verschiedenheit der individuellen Meinung

bleiben muß. Wer dieses erwägt, wird gewiß nicht darüber klagen, daß

ich in diesem Falle nicht alles gethan hätte, um den Charakter und die

Grenzen dieses Spielraumes so scharf wie möglich zu bestimmen.

§ 7. Und nun zum Schluß habe ich das Bedürfnis festzustellen, daß ich

von früher her dem Theismus zuneige und daß es mich unfraglich auf

die Seite des traditionellen Glaubens zieht. Es ist daher für mich

äußerst traurig, daß ich mich gezwungen fühle, die hier gezogenen

Schlüsse anzunehmen, und nichts würde mich vermocht haben, sie zu

veröffentlichen, wäre ich nicht der festen Überzeugung, daß es die

Pflicht eines jeden Gliedes der menschlichen Gesellschaft ist,

seine Mitmenschen an seiner Arbeit teilnehmen zu lassen, welches

auch immer ihr Wert sein mag. Gerade weil es mir feststeht, daß die

Wahrheit schließlich doch das Beste für die Menschheit sein muß, bin

ich auch überzeugt, daß jedes einzelnen Bestreben, sie zu finden,

vorausgesetzt, daß es unbeeinflußt und aufrichtig ist, ohne Zögern

Gemeingut der Menschheit werden darf ohne Rücksicht auf die Folgen,

welche die Veröffentlichung haben kann. So weit es sich dabei um die

Vernichtung persönlichen Glückes handelt, kann niemand schmerzlicher

als ich die möglicherweise traurige Wirkung meines Werks empfinden.

So weit ich selbst dabei in Betracht komme, ist dies das Ergebnis

meiner Auseinandersetzung: mag ich nun das Problem des Theismus von

der niedrigeren Stufe streng relativer Wahrscheinlichkeit oder von

der höheren Stufe rein formaler Betrachtungsweise aus behandeln,

so erscheint es mir doch immer als unverkennbare Pflicht, allen

Glauben, auch den nach meiner Ansicht edelsten, zu unterdrücken und

meinen Verstand in Bezug auf diese Frage an die Stellung des reinen

Skeptizismus zu gewöhnen. Und wie ich weit davon entfernt bin, denen

zustimmen zu können, welche die Zwielicht-Lehre vom »neuen Glauben«,

als einen begehrenswerten Ersatz für den dahinschwindenden Glanz

des »alten« ausgeben, schäme ich mich des Bekenntnisses nicht, daß

mit dieser völligen Verneinung Gottes das Weltall für mich seine

liebenswerte Seele verloren hat; freilich, von jetzt ab wird die

Vorschrift: »wirke, so lange es Tag ist!« zweifellos für mich eine nur

um so größere Gewalt haben, angesichts der schrecklich ergreifenden

Worte: »es kommt die Nacht, da niemand wirken kann«. Aber wenn ich zu

Zeiten daran denke -- und ich muß daran denken -- wie überwältigend der

Kontrast zwischen der heiligen Glorie jenes Glaubensbekenntnisses, das

einst mein war, und dem einsamen Geheimnis des Daseins ist, wie ich es

jetzt besitze -- zu solchen Zeiten, sage ich, ist es mir unmöglich,

Herr zu werden über den tiefsten Schmerz, dessen mein Inneres fähig

ist. Mag es nun daran liegen, daß mein Erkenntnisvermögen noch nicht

hinreichend vorgeschritten ist, oder mag es auf die Erinnerung an jene

geheiligten Gedankengänge zurückzuführen sein, welche =mir= wenigstens

die süßesten sind, die das Leben je geben kann -- jedenfalls muß ich

sagen, daß für mich und für andere, die wie ich denken, eine furchtbare

Wahrheit in jenen Worten Hamiltons liegt: -- Weil nun die Philosophie

zu einer Betrachtung nicht nur des Todes, sondern sogar der gänzlichen

Vernichtung geführt hat, so ist die Vorschrift: »erkenne dich selbst«

zu jenem schrecklichen Orakel geworden, das dem Ödipus zuteil wurde:

»Wohl dem, der seines Daseins Rätsel niemals löst.«

* * * * *

Diese Auseinandersetzung wird hinreichen, um ein Bild von dem

Hauptargument der »Unbefangenen Prüfung« und von ihren traurigen

Schlußfolgerungen zu geben. Was hierbei dem etwas kritischen Leser am

meisten auffallen wird, ist: 1) der Ton der Gewißheit und 2) der Glaube

an das fast ausschließliche Recht der naturwissenschaftlichen Methode

vor dem Forum der Vernunft. Als Beweis für das erstere möchte ich die

folgenden, kurzen Zitate anführen.

Seite 11. »Von möglichen Irrtümern im Raisonnement abgesehen, muß die

von uns hier auseinandergesetzte Stellung des Theismus der Vernunft

gegenüber ohne wesentliche Modifikation bestehen bleiben, so lange

unser Erkenntnisvermögen ein menschliches bleibt.«

Seite 24. »Ich kann durchaus nicht verstehen, wie heute ein

Zeitgenosse, der auch nur mit den bescheidensten Kräften abstrakten

Denkens begabt ist, die Lehre vom freien Willen annehmen kann.«

Seite 64. »Ohne Zweifel haben wir gar keine Wahl: wir müssen schließen,

daß die Annahme eines Geistes in der Natur nach unserer logischen

Prüfung ganz bestimmt ebenso überflüssig ist, wie die Grundlage aller

Naturwissenschaften gewißlich wahr ist. Es kann auch länger kein

Zweifel darüber bestehen, daß das Dasein Gottes zur Erklärung irgend

einer Erscheinung des Weltalls ebenso unnötig ist, wie es zweifellos

feststeht, daß meine Feder auf den Tisch fallen wird, wenn ich sie

loslasse.«

Als Beweis für den zweiten auffallenden Punkt möchte ich ein Zitat aus

dem Vorwort anführen:

»Mir ist es daher unmöglich, dem folgenden Gedanken mich zu entziehen:

wenn man den unzweifelhaften Vorrang der naturwissenschaftlichen

Methode als Wegweiser zur Wahrheit bei der Frage, ob es einen Gott

giebt oder nicht, in Erwägung zieht, dann wird diese Frage sicherlich

moralischer und pietätvoller untersucht, wenn wir sie bloß als ein zu

lösendes Problem der methodischen Analyse ansehen, als wenn wir sie in

irgend einem andren Lichte betrachten.«

In Bezug auf die beiden genannten Punkte, ist der Wechsel in Romanes

Gesinnung, wie er sich in den »Notizen« ausspricht, sehr deutlich.[18]

Wann George Romanes anfing sich von den Schlüssen der »Unbefangenen

Prüfung« zu befreien, kann ich nicht sagen. Aber nach einem Zeitraum

von 10 Jahren finden wir -- in seiner »Rede«-Vorlesung vom Jahre

1885[19] -- eine große Veränderung in seiner Geistesrichtung. Diese

Vorlesung über »Geist und Bewegung« ist eine strenge Kritik der

materialistischen Ansicht vom Geist. Andrerseits wird hier der

»Spiritualismus« -- oder die Theorie, die den Geist als Ursache der

Bewegung voraussetzen möchte -- vom naturwissenschaftlichen Standpunkt

aus als zwar nicht unmöglich, aber unbefriedigend bezeichnet;

wahrscheinlicher erscheint ihm ein Monismus ähnlich dem Brunos,

nach welchem »Geist und Bewegung« koordinierte und wahrscheinlich

gleichwertige Ansichten einer und derselben allgemeinen Thatsache sind,

ein Monismus, der Pantheismus genannt, aber auch als eine Erweiterung

theistischer Ansichten angesehen werden könnte[20].

Den Standpunkt, welcher in dieser Schrift zum Ausdruck kommt, kann man

deutlich aus ihrem Schluß ersehen:

»Wenn der Fortschritt der Naturwissenschaft uns nun beständig dazu

führt, daß es keine Bewegung ohne Geist giebt, müssen wir dann nicht

erkennen, daß dadurch jene an sich schon unabhängige Schlußfolgerung

der Geisteswissenschaft ganz unabhängig von ihr bestätigt wird? Ich

meine die Schlußfolgerung, daß es kein Sein ohne Erkennen giebt. Mir

wenigstens scheint es, als wenn die Zeit gekommen wäre, in der wir

gleichsam in aufdämmerndem Licht erkennen können, daß das Studium der

Natur und das Studium des Geistes in dieser größten aller Wahrheiten

zusammen treffen. Und wenn dies der Fall ist, -- wenn es keine Bewegung

ohne Geist, kein Sein ohne Erkennen giebt, -- sollen wir dann mit

Clifford den Schluß ziehen, daß das universelle Sein ohne Geist sei,

oder dogmatisch die erstaunlichste von allen Fragen verneinen: »Besitzt

der Allerhöchste eine Erkenntnis?« Wenn es keine Bewegung ohne Geist,

kein Sein ohne Erkennen giebt, wollen wir dann nicht lieber mit

Bruno den Schluß ziehen, daß wir =in= dem Medium des Geistes und der

Erkenntnis leben, weben und sind?

Nach dieser Richtung hin zielen, denke ich, alle Folgerungen, wenn

wir die logischen Bedingungen sorgfältig und mit vollkommener

Unparteilichkeit erwägen. Doch die weitere Frage bleibt dann, ob es

hier, so weit die Naturwissenschaft in Betracht kommt, überhaupt

möglich ist, eine Folgerung zu ziehen: der ganze Kreis menschlicher

Erkenntnis möchte doch vielleicht zu eng sein, um eine Parallaxe für

so ungeheure Messungen zu gestatten. Aber wenn wirklich die Stimme

der Naturwissenschaft derartig gezwungenermaßen die Sprache des

Agnostizismus sprechen muß, dann wollen wir doch wenigsten dafür

sorgen, daß diese Sprache =rein= ist[21]. Laßt uns keine Barbarei von

Seiten des angreifenden Dogmas[22] dulden. Dann werden wir sehen, daß

diese neue Grammatik des Denkens durchaus keine Konstruktionen zuläßt,

welche ehrwürdigeren Denkweisen durchaus entgegengesetzt wären; und

dies selbst dann nicht, wenn wir sehen, daß sich jene oft zitierten

Worte, in denen diese Thatsache zuerst formuliert wurde, nicht gerade

mit besonderer Überzeugung auf seine jüngsten Dialekte anwenden

lassen, daß nämlich »eine oberflächliche Kenntnis der Physiologie und

Psychologie die Menschen zum Atheismus führt, eine tiefere Kenntnis von

beiden und noch mehr, ein tieferes Nachdenken über ihre Beziehungen

zu einander, die Menschen zu irgend einer Religionsform zurückführen

muß«[23], die wenn auch unbestimmter, doch würdiger sein mag, als

diejenige früherer Tage«.

Einige Zeit vor dem Jahre 1889 wurden für das »Nineteenth Century«

drei Artikel über den Einfluß der Naturwissenschaft auf die Religion

geschrieben. Sie sind nie veröffentlicht worden, warum kann ich

nicht sagen. Ich hielt es aber für angebracht, die beiden ersten als

ersten Teil dieses Buches drucken zu lassen, einmal weil sie -- mit

George Romanes eigenem Namen unterschrieben -- eine wichtige Kritik

der »Unbefangenen Prüfung«, die er doch anonym veröffentlicht hatte,

enthalten, und dann auch darum, weil sie mit ihrem durchaus skeptischen

Ergebnis sehr klar eine besondere Stufe in der geistigen Entwicklung

ihres Verfassers kennzeichnen.

Wer nun diese Einleitung gelesen hat, wird die Vorläufer der

vorliegenden Schriften verstehen. Was noch zur weiteren Einführung in

die »Notizen« selbst zu bemerken übrig bleibt, mag lieber später gesagt

werden.

Gedanken über Religion Die religiöse Entwicklung eines Naturforschers vom Atheismus zum Christentum. · 第 6 / 21 题