1899.
Vorwort des Uebersetzers.
In dem Verhältnis der Naturforscher zur Religion ist in den letzten
Jahrzehnten eine merkwürdige Wendung vor sich gegangen. Bekanntlich
herrschte in den fünfziger und sechsziger Jahren eine kraß
materialistische Strömung, welche in Deutschland von Männern wie Vogt
und Moleschott angebahnt war. Die namhaften Naturforscher blieben
jedoch von ihr unberührt, sie hatten fast alle eine religions- und
christentumsfreundliche Stellung. Als aber in den siebenziger Jahren
die Lehre Darwins mehr und mehr Eingang fand und Haeckel seinen
Monismus predigte, änderte sich das Verhältnis, und die Stellung der
in den beiden folgenden Jahrzehnten, wie auch noch in dem laufenden
maßgebenden Naturforscher zur Religion wurde eine zum mindesten
gleichgiltige. Die Naturwissenschaft und die induktive Methode steht
bei den meisten dieser Männer so sehr im Mittelpunkt des Denkens und
des Lebens, daß alles andere, was sonst ein Menschenleben erfüllt und
ausmacht, bei ihnen weit zurücktritt.
Wenn manche dieser Forscher nach ihrem religiösen Standpunkt gefragt
werden, so erklären sie sich für »=Agnostiker=«, sie wissen nichts
von religiösen Fragen oder überhaupt von Fragen, die jenseits des
naturwissenschaftlichen Gebiets auftauchen. Dieses Wort wurde jedoch
von vielen in dem Sinn gebraucht, daß man jenseits der natürlichen
Kausalität überhaupt nichts wissen, keine Gewißheit je erlangen
=könne=. Eine große Reihe von Naturforschern stand, wenn sie nicht
geradezu glaubensfeindlich waren, vor 10-20 Jahren so. Zu erklären
ist diese Erscheinung sicherlich durch den Einfluß der gewaltigen
Entwicklung der Naturwissenschaft überhaupt und des Darwinismus
im speziellen: es gab viele, denen erschien alles Erforschte als
unantastbare Wahrheit, und die Zeit schien ihnen nicht fern, in der die
ganze Natur, auch alles Leben und Werden, für den Forscher völlig klar
und durchsichtig sein würde; bei solchen Gedanken mußte eine Verkennung
des Wertes der naturwissenschaftlichen Methode nur zu nahe liegen, sie
erschien daher vielen als der einzig mögliche Weg zur Erkenntnis der
Wahrheit.
Allein es ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel
wachsen, das kann man auch auf diesem Gebiete sagen: allmählich
trat vor allem in Bezug auf den Darwinismus eine Ernüchterung ein,
im eignen Lager wurde an dem vermeintlich unzerstörbaren Bollwerk
gerüttelt, und da seine Festigkeit eine eingebildete war, so konnte
nicht ausbleiben, daß es um so schneller fiel, bezw. fällt. Dieser
Zerbröckelungsprozeß setzt sich noch weiter fort, aber es ist nicht
anzunehmen, daß abgesehen von einigen »Alten«, die sich noch um
Haeckel und Weismann scharen, echte Darwinianer ihren Einzug in das
neue Jahrhundert halten werden. Das ist aber nicht ohne Einfluß auf
die philosophischen und religiösen Anschauungen der Naturforscher
geblieben. Zwar wird sich das alte Verhältnis, d. h. ein Überwiegen der
religiös und christlich gerichteten Forscher, so schnell noch nicht
wieder herstellen -- kommen wird es ganz sicher wieder --; aber eine
Anbahnung ist schon heute gar nicht zu verkennen. Diese äußert sich
zunächst in einer viel freundlicheren Stellung zu religiösen Fragen und
vor allem in der Anerkennung, daß Religion und Naturwissenschaft zwei
getrennte Gebiete sind, die mit einander nur wenig zu thun haben. Aus
dieser Erkenntnis wird sich dann sicherlich mehr und mehr die andere
entwickeln, daß man bei allem naturwissenschaftlichen Wissen auch einen
persönlichen religiösen Glauben besitzen kann, weil die Quellen der
wissenschaftlichen und religiösen Erkenntnisse ganz verschieden sind.
Der =Agnostizismus=, wie ich ihn oben gekennzeichnet habe, erhält
unter diesem Einfluß ein ganz anderes Gesicht; allerdings sagt er sehr
richtig auch jetzt noch, daß man mit naturwissenschaftlichem Wissen
und naturwissenschaftlicher Methode auf religiösem Gebiet nichts
ausrichten, nichts erkennen kann, allein er fügt nun hinzu: vielleicht
kann man es auf anderem Wege, und dieser Möglichkeit steht er ganz
unparteiisch gegenüber.
Zu den Männern, welche die letztgenannte Art von Agnostizismus
vertraten, gehört vor allem G. Romanes, der englische Biologe, er ist
am 26. Mai 1848 zu Kingston in Kanada geboren, war ein Freund Darwins,
der ihm eine Reihe von unveröffentlichten Manuskripten hinterließ, von
denen Romanes einige veröffentlichte. Romanes selbst schrieb ein Werk
über »physiologische Zuchtwahl«, eines über »tierische Intelligenz«,
»Vor und nach Darwin«, »eine Prüfung der Lehre Weismanns« u. a. m.,
er starb schon am 23. Mai 1894. Romanes zeigt an sich selbst die
eigentümliche Entwicklung, welche das Verhältnis der Naturforschung
zur Religion in den letzten Jahrzehnten genommen hat: von Haus aus dem
Glauben zugethan, wurde er durch die Darwinsche Strömung allgemach zu
vollem Skeptizismus und Unglauben getrieben, aus dem er sich jedoch
wieder emporarbeitete, so daß er sogar als ein gläubiger Christ
gestorben ist. Diese religiöse Entwicklung spiegelt sich nun auch in
seinen religionsphilosophischen Schriften wieder, alle eben genannten
Stufen finden sich in letzteren, und es ist daher im höchsten Grade
interessant, sie zu vergleichen und die stufenweise Rückkehr des
Verfassers zum Glauben zu verfolgen. Die letzte dieser Schriften zu
vollenden und zu veröffentlichen ist dem Entschlafenen leider nicht
vergönnt gewesen. Nach seinem Tode aber hat sein Freund Charles Gore,
Kanonikus an Westminster, in liebevollster Weise die Herausgabe dieser
Schrift, sowie der anderen, die einen Einblick in das innere Leben des
Verfassers gestatten, besorgt. Diese Aufsätze sind vor 3 Jahren unter
dem Titel »_Thoughts on religion_« erschienen und haben innerhalb
zweier Jahre in England sieben Auflagen erlebt. Das Buch verdient es
im höchsten Grade, auch in Deutschland bekannt zu werden, um auch
bei uns in ähnlicher Weise wie die Werke des auch leider zu früh
entschlafenen Drummond ein Zeuge dafür zu sein, daß Glaube und Wissen
keine Gegensätze sind.
Der Unterzeichnete hat, nachdem er das Buch kennen lernte, die deutsche
Ausgabe um so lieber übernommen, als der Inhalt dieses Buches in
derselben Richtung liegt wie manche seiner eignen Schriften, und er
übergiebt seine Bearbeitung nunmehr der Öffentlichkeit mit dem Wunsche,
daß sie bei seinen naturwissenschaftlichen Fachgenossen ebenso wie bei
anderen zum weiteren Nachdenken anregen möchte. -- Wie die Übersetzung
nicht immer leicht gewesen ist, so wird es auch die Lektüre nicht
immer sein; dieselbe fordert an manchen Stellen Aufmerksamkeit und
Nachdenken, wird aber auch den Leser, der beides nicht scheut, ganz
gewiß reichlich belohnen.
Die letzten Abschnitte sind Fragmente, die leider unvollendet blieben,
der Verfasser ist eben mitten in der Arbeit an dem Buch und mit ihm
an seinem religiösen Glauben abberufen worden, niemand wird anders
können als mit Canon Gore voller Wehmut bedauern, daß es nur Fragmente
sind. Aber der Übersetzer ist auch überzeugt, niemand wird dieses Buch
aus der Hand legen, ohne ein Gefühl der Verehrung für den edlen Mann,
dessen unbeugsames, »unbefangenes«, reines und selbstloses Streben nach
Wahrheit in ihm so lebhaft und schön zum Ausdruck kommt.
Einen besonderen Dank möchte ich an dieser Stelle noch dem englischen
Herausgeber Canon Ch. Gore an Westminster für sein lebhaftes Interesse
an der Übersetzung aussprechen, dasselbe zeigte sich auch darin, daß er
eine Korrektur des Druckes gelesen hat.
Rüngsdorf-Godesberg. _Dr. phil._ =E. Dennert=.
Einleitung des Übersetzers[1].
Romanes hat mit 25 Jahren 1873 eine Abhandlung geschrieben, in der
er das Verhältnis des Gebets zur Unabänderlichkeit der Naturgesetze
erörtert. Hier zeigt er einen ganz theistischen Standpunkt, ja, er
ist damals sogar noch Anhänger des christlichen Offenbarungsglaubens,
den er mit der Unabänderlichkeit der Naturgesetze zu versöhnen sucht.
Bald nach jener Zeit jedoch muß er sich innerlich merkwürdig schnell
geändert haben, wie das seine anonym im Jahr 1878 veröffentlichte
»Unbefangene Prüfung des Theismus« zeigt. Hier untersucht er mit großer
Gewissenhaftigkeit und Schärfe die Frage nach dem Dasein Gottes. Sein
Gedankengang ist ungefähr folgender:
Der Theismus erklärt die Welt nicht besser als der Atheismus. Daß
unser Herz einen Gott fordern soll, ist ganz subjektiv und beweist
obendrein auch nicht, daß ein Gott existiert, jedenfalls nicht für
die, deren Herz einen Gott =nicht= fordert. Daß die Menschheit in dem
Glauben an einen Gott übereinstimmt, ist nicht der Fall; daß die Welt
eine =erste= Ursache haben müsse logisch nicht haltbar; ebenso wenig
läßt sich beweisen, daß alle Kausalität einem Willen entspringen
müsse. Auch der Gedanke, daß unser Geist auf einen anderen Geist als
Ursache hinweise, ist (hierbei offenbart sich der Einfluß des damaligen
naturwissenschaftlichen Materialismus auf Romanes) zurückzuweisen,
ebenso die aus »vermeintlicher« Willensfreiheit und sittlichem
Bewußtsein abgeleiteten Argumente: jene existiert nicht, dieses ist das
Ergebnis einer natürlichen Entwicklung (nach Darwin).
Die Wichtigkeit des aus dem Zweck gefolgerten Beweises für das Dasein
Gottes ist anzuerkennen, trotzdem ist er nicht stichhaltig. Auch
die wundervolle Schönheit und Harmonie des Weltalls läßt sich mit
Notwendigkeit aus der Erhaltung des Stoffes und seinen Eigenschaften
ableiten. So brechen also alle Beweise für das Dasein Gottes scheinbar
hoffnungslos zusammen. Ist der Satz, daß zur Erklärung der Welt eine
intelligente Ursache nötig sei, nun nicht aber doch nur ein solcher,
der höchstens =Wahrscheinlichkeit=, nicht aber =Gewißheit= beansprucht?
Kann höhere Erkenntnis ihn am Ende nicht ganz umstoßen? Ja, es ist
möglich, daß die Wahrscheinlichkeit, die Natur sei ohne Gott, vom
naturwissenschaftlichen Standpunkt aus sehr groß, vom logischen aus
aber ganz wertlos ist; jene Wahrscheinlichkeit ist thatsächlich keine
absolute, und das um so weniger als es in dem Zusammenwirken der
Naturgesetze doch noch einen unerklärbaren Rest giebt, nämlich die
kosmische Harmonie; -- diese Abänderung der Zweckmäßigkeitslehre nennt
Romanes =metaphysische Teleologie=, ihre Grundlage liegt jenseits der
Naturwissenschaft und ist der letzteren ganz unzugänglich. Nun fragt es
sich aber noch, ob diese Grundlage sonst ganz einwandfrei ist, ob also
die metaphysische Teleologie die Harmonie des Weltalls begreiflicher
macht als der Atheismus? Romanes kommt in seiner Untersuchung zu dem
Resultat, daß keine von beiden Erklärungen vor der anderen etwas voraus
habe. Man wird über die Annahme der einen oder der anderen Erklärung
nach seiner sonstigen Gewohnheit zu denken entscheiden müssen.
Gewißheit läßt sich darüber nicht erlangen. Romanes selbst kommt hier
zu einer völligen Verneinung Gottes, allein mit ergreifenden Worten (I,
§ 7) bekennt er, daß damit das Weltall für ihn die »liebenswerte Seele«
verloren habe.
Zweierlei fällt in dieser Abhandlung besonders auf: der Glaube an das
ausschließliche Recht der naturwissenschaftlichen Methode und der Ton
der Gewißheit. Beides hat sich nachher bei Romanes sehr geändert. Er
hat sich von jener Zeit an wieder mehr und mehr von dem schroffen
Skeptizismus abgewendet; es ist bezeichnend, daß er schon 1885 in der
Schrift »Geist und Bewegung« eine strenge Kritik der materialistischen
Ansicht vom Geist liefert und einem pantheistischen oder auch schon
theistischen Monismus zuneigt. Drei Jahre darauf schrieb Romanes
einige bisher nicht veröffentlichte Artikel über den »Einfluß der
Naturwissenschaft auf die Religion«. Zwei von diesen bilden den zweiten
Hauptabschnitt dieses Buches. Sie enthalten eine Kritik jener anonymen
»Unbefangenen Prüfung des Theismus«, haben aber noch einen ganz
skeptischen Schluß.
Nach diesen Vorbemerkungen wird ihr Inhalt keine Schwierigkeiten
machen.