Ich erwiderte mit einem Seufzer: »Ich wünschte eben, ich wäre Schekhar.«

»Warten Sie ein Weilchen. Hören Sie erst die Geschichte zu Ende. Eines

Tages, in der Regenzeit, bekam ich Fieber. Der Arzt kam, um nach mir zu

sehen. Das war unsre erste Begegnung. Ich lag dem Fenster gegenüber, so daß

der rosige Abglanz des Abendhimmels auf mein blasses Antlitz fallen mußte.

Als der Doktor eintrat und mich anblickte, versetzte ich mich an seine

Stelle und betrachtete mich selbst. Ich sah im herrlichen Abendlicht das

zarte blasse Gesicht wie eine welke Blume auf dem weichen, weißen Kissen

liegen, während die Locken lose um die Stirn fielen und die schüchtern

gesenkten Lider dem ganzen Gesicht einen rührenden Ausdruck gaben.

Der Doktor fragte in zaghaft leisem Tone meinen Bruder: >Dürfte ich wohl

ihren Puls fühlen?<

Ich zog ein müdes, schön geformtes Handgelenk unter der Decke hervor.

>Ach,< dachte ich, als ich darauf blickte, >könnte ich doch nur ein

Saphirarmband daran haben[5].< Ich habe nie gesehen, daß ein Doktor sich so

ungeschickt anstellte, wenn er den Puls eines Patienten fühlte. Seine

Finger zitterten, als sie mein Handgelenk faßten. Er maß mein Fieber und

ich seinen Herzschlag. -- Glauben Sie mir das nicht?«

[5] Witwen dürfen sich nur in Weiß kleiden, ohne jeden Schmuck.

»Das glaube ich Ihnen gern,« sagte ich, »der Herzschlag des Menschen ist

verräterisch.«

»Nachdem ich mehrmals erkrankt und wiederhergestellt war, bemerkte ich, daß

die Zahl der Höflinge, von denen ich des Abends im Garten träumte, bald auf

einen einzigen zusammengeschmolzen war. Und zuletzt bestand meine kleine

Welt nur noch aus einem Doktor und einem Patienten.

An solchen Abenden kleidete ich mich heimlich in einen goldgelben Sari,

wand um den Knoten, in den ich mein Haar schlang, einen Kranz von weißen

Jasminblüten und begab mich, mit einem kleinen Spiegel in der Hand, zu

meinem gewohnten Platz unter den Bäumen.

Nun, glauben Sie etwa, daß man es bald müde wird, seine eigene Schönheit

anzustaunen? Ach nein! Ich sah mich gar nicht mit meinen eigenen Augen.

Ich war damals ein Doppelwesen. Ich sah mich, als ob ich der Doktor wäre;

ich starrte mich an, war entzückt, verliebte mich zum Wahnsinn. Aber trotz

all der Liebkosungen, mit denen ich mich überhäufte, irrte doch ein Seufzer

in meinem Herzen umher, wie der ruhelose Nachtwind.

Jedenfalls war ich von dieser Zeit ab nie mehr allein. Wenn ich ging,

beobachtete ich mit gesenkten Lidern das Spiel meiner zarten kleinen Zehen

auf der Erde und fragte mich, was der Doktor wohl sagen würde, wenn er es

sehen könnte. Am Mittag, wenn die Luft von Sonnenglut erfüllt war und

nichts zu hören als hin und wieder der ferne Ruf einer Gabelweihe; wenn

draußen an unsrer Gartenmauer der Händler vorüberging mit seinem singenden

Ruf: >Kauft Ringe, kristallene Ringe!<, dann breitete ich ein schneeweißes

Tuch auf den Rasen und legte mich darauf, den Kopf auf den Arm gestützt.

Mit gesuchter Nachlässigkeit ruhte der andere Arm leicht auf dem weichen

Tuch, und dann stellte ich mir vor, jemand erblickte mich in dieser

wundervollen Pose, ergriffe meine Hand mit beiden Händen ehrfürchtig,

drückte einen Kuß auf ihre rosige Fläche und ginge dann langsam fort. --

Wie wäre es wenn ich die Geschichte hier enden ließe? Wie würde sie Ihnen

gefallen?«

»Das wäre kein schlechter Abschluß«, erwiderte ich nachdenklich. »Sie würde

zwar nicht ganz vollständig sein, aber ich könnte ja leicht den Rest der

Nacht damit zubringen, sie irgendwie abzurunden.«

»Aber auf diese Weise würde die Geschichte zu ernst. Wo bliebe das Lustige

dabei? Und wo bliebe das Skelett mit seinen grinsenden Zähnen?

Lassen Sie mich daher fortfahren. Sobald der Doktor eine kleine Praxis

hatte, mietete er im Erdgeschosse unseres Hauses ein Zimmer als

Sprechzimmer. Ich befragte ihn damals mitunter im Scherz über Medizinen und

Gifte, und wieviel von dieser oder jener Arznei dazu gehören würde, um

einen Menschen zu töten. Dieser Gegenstand interessierte ihn, und er wurde

beredt. Durch solche Gespräche wurde ich mit dem Gedanken an den Tod

vertraut, und so waren Liebe und Tod die beiden Dinge, die meine kleine

Welt ausfüllten. -- Meine Geschichte ist jetzt bald zu Ende. Es ist nicht

viel mehr übrig.«

»Von der Nacht ist auch nicht viel mehr übrig«, murmelte ich.

»Nach einiger Zeit bemerkte ich, daß der Doktor merkwürdig zerstreut

geworden war, und es schien, als ob er mir etwas zu verbergen suchte,

dessen er sich schämte. Eines Tages kam er herein. Er war sorgfältiger als

gewöhnlich gekleidet und lieh sich meines Bruders Wagen für den Abend.

Ich konnte meine Neugier nicht länger bezwingen und ging hinauf zu meinem

Bruder, um zu erfahren, was der Doktor vorhatte. Nachdem ich erst über

andere Dinge geredet hatte, fragte ich ihn endlich: >Übrigens, Dada[6],

wohin will der Doktor heute abend in deinem Wagen?<

[6] Der ältere Bruder.

>In den Tod<, antwortete mein Bruder kurz.

>Ach, sag' es mir doch<, drängte ich. >Wohin will er in Wirklichkeit?<

>Er will sich verheiraten<, war die etwas deutlichere Antwort.

>Ach, wirklich!< sagte ich und brach in ein langes, lautes Gelächter aus.

Ich erfuhr allmählich, daß die Braut eine reiche Erbin sei, die dem Doktor

ein großes Vermögen mitbringen würde. Aber warum kränkte er mich, indem er

mir dies alles verbarg? Hatte ich ihn je gefleht und gebeten, sich nicht zu

verheiraten, weil es mir das Herz brechen würde? Man darf den Männern nie

trauen. Ich hatte in meinem Leben nur einem einzigen Manne getraut, und nun

machte ich diese Entdeckung.

Als der Doktor nach getaner Arbeit hereinkam und im Begriff war

aufzubrechen, sagte ich lachend zu ihm: >Nun Doktor, Sie wollen sich heute

abend verheiraten?<

Meine Heiterkeit brachte ihn nicht nur aus der Fassung, sie verletzte ihn

auch.

>Aber wie kommt es denn,< fuhr ich fort, >daß wir keine Illumination und

keine Musikkapelle haben?<

Er erwiderte mit einem Seufzer: >Ist eine Hochzeit denn ein so froher

Anlaß?<

Ich brach in ein erneutes Gelächter aus. >Nein, nein,< rief ich, >dies geht

wirklich nicht. Hat man je von einer Hochzeit ohne Lichter und Musik

gehört?<

Ich quälte meinen Bruder so sehr, daß er sofort alles bestellte, was zu

einer vergnügten Hochzeit gehört.

Die ganze Zeit schwatzte ich in einem fort lustig von der Braut, von dem

bevorstehenden Fest und was ich tun wollte, wenn die Braut ins Haus käme.

>Und, Doktor,< fragte ich, >werden Sie nun noch fortfahren, den Leuten den

Puls zu fühlen?< Hahaha! Wenn man auch nicht sehen kann, was in einem

Menschen, besonders in einem Mann, vorgeht, so will ich doch darauf

schwören, daß meine Worte den Doktor wie Dolchstöße ins Herz trafen.

Die Hochzeitsfeierlichkeit sollte spät am Abend stattfinden. Bevor der

Doktor aufbrach, sollte er mit meinem Bruder draußen auf der Terrasse ein

Glas Wein trinken, wie sie es alle Tage zu tun pflegten. Der Mond war

gerade aufgegangen.

Ich kam lächelnd zu ihnen und sagte: >Haben Sie denn Ihre Hochzeit

vergessen, Doktor? Es ist Zeit aufzubrechen.<

Ich muß hier noch eine Kleinigkeit erwähnen. Ich war inzwischen in die

Apotheke hinunter gegangen und hatte ein kleines Pulver geholt, das ich

unbemerkt in des Doktors Glas geschüttet hatte.

Der Doktor leerte sein Glas auf einen Zug und sagte dann mit vor Erregung

erstickter Stimme und mit einem Blick, der mir in die Seele schnitt: >Dann

muß ich fort.<

Die Musik begann zu spielen. Ich ging in mein Zimmer und kleidete mich in

meine Brautgewänder von Seide und Gold. Ich nahm meine Juwelen und

Schmucksachen aus dem verschlossenen Schrank und legte sie alle an; ich

malte das rote Abzeichen meiner Frauenwürde auf den Scheitel meines Haares.

Und dann bereitete ich mir unter dem Baum im Garten mein Lager.

Es war eine wundervolle Nacht. Der sanfte Südwind küßte die Müdigkeit der

Welt hinweg. Der Duft des Jasmins und der Quittenblüten füllte den Garten

mit berauschender Freude.

Als die Klänge der Musik leiser und leiser wurden und das Licht des Mondes

blasser und blasser; als die Welt mit ihren altvertrauten Vorstellungen von

Heim und Verwandten meinem Bewußtsein wie ein Traum zu entschwinden

begann, -- da schloß ich die Augen und lächelte.

Ich glaubte, daß, wenn die Leute kommen und mich finden würden, jenes

Lächeln noch auf meinen Lippen weilen würde wie die Spur von rotem Wein,

daß ich jenes Lächeln mit mir nehmen und daß es mein Antlitz verklären

würde, wenn ich so hinüberschlummerte in mein ewiges Brautgemach. Aber ach,

wo blieb das Brautgemach? Wo die Brautgewänder von Seide und Gold? Als ich

von einem rasselnden Geräusch in mir erwachte, fand ich drei kleine Buben,

die an meinem Skelett Osteologie lernten. Wo einst in meinem Busen Freude

und Leid pochten und die Blütenknospen der Jugend sich eine nach der andern

erschlossen, da war jetzt der Lehrer geschäftig mit seinem Zeigestock und

zählte meine Knochen auf. Und jenes letzte Lächeln, das ich mir so

sorgfältig einstudiert hatte, haben Sie davon eine Spur bemerkt?

Die Nacht der Erfüllung: Erzählungen · 第 20 / 54 题