Pundarik, der Dichter, erwiderte stolz: »Majestät, ich bitte um Kampf.«

Schekhar, der Sänger des Königs, wußte nicht, wie der Musenkampf geführt

werden sollte. Er konnte in der Nacht nicht schlafen. Immer tauchte vor ihm

im Dunkel die mächtige Gestalt des berühmten Pundarik auf mit seinem etwas

zur Seite geneigten stolzen Haupt und der wie ein Säbel gekrümmten Nase.

Mit zitterndem Herzen betrat Schekhar am folgenden Morgen die Arena. Das

Theater war von der Volksmenge gefüllt.

Der Dichter verbeugte sich mit schüchternem Lächeln vor seinem Nebenbuhler.

Pundarik dankte mit stolzem Kopfnicken und wandte dann den Blick mit

vielsagendem Lächeln nach dem Kreise seiner ihn begleitenden Verehrer.

Schekhar sah hinauf nach dem verhängten Balkon, und seine Seele grüßte die

Geliebte mit dem Worte: Wenn ich heute Sieger bin in diesem Kampf,

Geliebte, so soll dein siegreicher Name gepriesen werden.

Die Trompete erscholl. Die Menge erhob sich und rief: »Sieg dem Könige!«

Der König trat, in einen weiten, weißen Mantel gehüllt, langsam in die

Halle, wie eine Herbstwolke, und setzte sich auf den Thron.

Pundarik trat vor, und es ward plötzlich still in der großen Halle. Das

Haupt erhoben, die Brust gedehnt, begann er mit Donnerstimme den König

Narajan zu preisen. Seine Worte brandeten wie Wogen gegen die Mauern der

Halle und schienen der lauschenden Menge bis ins Mark zu dringen. Die

Geschicklichkeit, mit der er den Namen Narajan auf verschiedene Weise

deutete und jeden Buchstaben in allen möglichen Verbindungen durch das

Gewebe seiner Verse flocht, nahm seinen erstaunten Hörern den Atem.

Nachdem er wieder Platz genommen hatte, hallte noch minutenlang seine

Stimme zwischen den zahllosen Säulen der königlichen Halle und in

Tausenden von sprachlosen Herzen nach. Die gelehrten Professoren, die aus

fernen Ländern gekommen waren, erhoben ihre Rechte und riefen: Bravo!

Der König warf einen Blick auf Schekhar, und dieser richtete einen

Augenblick die Augen schmerzerfüllt auf seinen Herrn; dann erhob er sich

wie ein angeschossenes Wild in höchster Not. Sein Antlitz war bleich, seine

Schüchternheit war fast die eines Mädchens, seine schlanke, jugendliche

Gestalt schien wie eine straff gespannte Leier bei der geringsten Berührung

in Musik ausbrechen zu wollen.

Er begann gesenkten Hauptes, mit leiser Stimme. Die ersten Verse waren fast

unhörbar. Dann hob er langsam das Haupt und seine klare, süße Stimme stieg

wie eine zitternde Feuerflamme in die Lüfte.

Er begann mit der alten Sage aus dunkler Vorzeit von dem Geschlecht des

Königs und erzählte von dem Heldensinn und dem unvergleichlichen Edelmut

dieses Geschlechts bis hinab in die Gegenwart. Er richtete den Blick auf

das Antlitz des Königs, und die ganze unermeßliche Liebe zum Königshause,

die das Volk still im Herzen hegte, fand Ausdruck und stieg wie Weihrauch

in seinem Liede auf, den Thron von allen Seiten einhüllend. Dies waren

seine letzten Worte, als er sich zitternd setzte: »Herr, wohl mag man mich

im Spiel der Worte übertreffen, aber niemals in meiner Liebe zu dir.«

Tränen füllten die Augen der Hörer, und die Steinmauern erbebten von dem

Beifallssturm.

Doch Pundarik schüttelte bei diesem allgemeinen Gefühlsausbruch nur erhaben

sein majestätisches Haupt. Dann erhob er sich und warf mit verächtlichem

Lächeln die Frage in die Versammlung: »Was gibt es Höheres als das Wort?«

Augenblicklich verstummte der Beifall.

Und nun bewies er, indem er eine erstaunliche Gelehrsamkeit entfaltete, daß

das Wort von Anfang an gewesen sei, daß das Wort Gott sei. Er brachte einen

Haufen von Belegen aus den heiligen Schriften und errichtete daraus dem

Wort einen hohen Altar, daß es darauf throne über allem, was im Himmel und

auf Erden ist. Er wiederholte mit seiner mächtigen Stimme: »Was gibt es

Höheres als das Wort?«

Stolz blickte er um sich. Niemand wagte, seine Herausforderung anzunehmen,

und er setzte sich, langsam wie ein Löwe, der sich eben an seinem Opfer

gesättigt hat. Die gelehrten Brahmanen riefen: »Bravo!« Der König war stumm

vor Staunen, und der Dichter Schekhar kam sich ganz unbedeutend vor neben

dieser verblüffenden Gelehrsamkeit. Die Versammlung war damit für den Tag

geschlossen.

Am nächsten Tage stimmte Schekhar sein Lied an. Er sang von jenem Tage, wo

das Flötenspiel der Liebe zum ersten Mal die Lüfte des Brindawaldes aus

ihrem Schweigen aufschreckte. Die Schäferinnen wußten nicht, wer der

Spieler war und von wannen die Musik kam. Bald schien sie aus dem Herzen

des Südwindes zu kommen, und bald aus den Wolken, die über die Hügel

hinzogen. Sie kam und brachte Liebesbotschaft vom Lande des Sonnenaufgangs,

und sie schwebte mit Seufzern der Sehnsucht vom Tal des Sonnenuntergangs

her. Die Sterne schienen die Register des geheimnisvollen Instruments zu

sein, das die Träume der Nacht mit Melodien überflutete. Es war, als ob die

Musik plötzlich von allen Seiten heranströmte, von Feldern und Hainen, von

schattigen Heckenwegen und einsamen Landstraßen, aus dem zarten Blau des

Himmels und aus dem schimmernden Grün des Grases. Sie verstanden ihren Sinn

noch nicht und wußten nicht, was die Sehnsucht in ihrem Herzen bedeutete.

Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und ihr Leben sehnte sich,

hinabzutauchen ins Meer des Todes und sich ganz darin zu verlieren.

Schekhar vergaß seine Hörer, vergaß, daß er dabei war, sich im Kampf mit

seinem Nebenbuhler zu messen. Er stand ganz allein inmitten seiner

Gedanken, die um ihn rauschten und flüsterten wie Blätter im Sommerwind,

und er sang das Lied von der Flöte. Vor seinem Geiste stand ein Bildnis,

das geboren war aus einem Schatten und aus dem leise klingenden Laut eines

fernen Schrittes.

Er setzte sich. Ein unnennbares Gefühl wehmütiger Wonne, unbestimmt und

grenzenlos, durchbebte die Hörer, und sie vergaßen, ihm Beifall zu rufen.

Als sich die Wogen dieses Gefühls legten, trat Pundarik vor den Thron und

forderte seinen Nebenbuhler auf zu erklären, wer der Liebende und wer die

Geliebte sei. Er blickte stolz und selbstbewußt um sich, lächelte seinen

Anhängern zu und fragte noch einmal: »Wer ist Krischna, der Liebende, und

wer ist Radha, die Geliebte?«

Dann begann er, die Etymologie dieser Namen zu erklären, und wie man ihre

Bedeutung auf verschiedene Weise auslegen könne. Mit vollendeter

Geschicklichkeit brachte er alle die verwickelten Systeme der verschiedenen

philosophischen Schulen vor die ganz betäubten Zuhörer. Jeden Buchstaben

jener Namen trennte er von seinem Nachbarn und hetzte sie alle einzeln mit

unbarmherziger Logik, bis sie vernichtet in den Staub sanken. Doch dann

griff er sie wieder auf und gab ihnen eine ganz neue Bedeutung, auf die

auch der scharfsinnigste Wortkrämer nicht verfallen wäre.

Die Gelehrten waren in Ekstase; laut lärmten sie Beifall, und die Menge

stimmte ein, von dem Wahn hingerissen, daß jetzt eben hier vor ihren Augen

durch ein Wunder von Intellekt der Vorhang vor der Wahrheit bis auf den

letzten Faden zerrissen worden sei. Diese gewaltige Leistung entzückte sie

so, daß sie ganz vergaßen, zu fragen, ob denn die Wahrheit nun auch

wirklich hinter diesem Vorhang war.

Der König war von Staunen überwältigt. Die Luft war von allen Musikträumen

vollständig gereinigt, und die Welt, die vorher im frischen jungen Grün

dagelegen hatte, hatte sich in eine solide, gut gepflasterte Landstraße

verwandelt.

Dem versammelten Volk erschien ihr Dichter jetzt wie ein bloßer Knabe an

der Seite jenes Riesen, der so sicher dahinschritt durch die Welt der Worte

und Gedanken und alle Schwierigkeiten mit einem Tritt zu Boden stampfte.

Zum erstenmal wurde es ihnen klar, daß die Dichtungen Schekhars lächerlich

einfach waren, und daß sie sie ebenso gut selbst hätten schreiben können.

Sie waren weder neu, noch schwer verständlich, noch belehrend, noch

unentbehrlich.

Der König versuchte heimlich durch scharfe Blicke seinen Dichter zu einem

letzten Versuch anzuspornen. Aber Schekhar beachtete es nicht und blieb

stumm auf seinem Platz sitzen.

Da stand der König zornig auf von seinem Thron -- nahm seine Perlenkette ab

und legte sie Pundarik um das Haupt. Alle in der Halle riefen Beifall. Oben

vom Balkon her kam ein leises Geräusch, wie das Rauschen eines Gewandes

und der Klang von goldenen Glöcklein. Schekhar erhob sich und verließ die

Halle.

Die Nacht war dunkel, die Sichel des abnehmenden Mondes gab nur ein mattes

Licht. Der Dichter Schekhar nahm seine Manuskripte aus dem Schrank und

häufte sie auf dem Fußboden auf. Einige davon enthielten seine ersten

Dichtungen, die er fast vergessen hatte. Er blätterte darin und las hier

und da eine Seite. Sie schienen ihm alle so unbedeutend und armselig, bloße

Worte und kindische Reime.

Er zerriß seine Bücher eins nach dem andern und warf sie ins Feuer, indem

er sagte: »Dir, dir will ich sie weihen, o meine Schönheit, mein Feuer! Du

hast all diese verlorenen Jahre in meinem Herzen gebrannt. Wenn mein Leben

ein Stück Gold gewesen wäre, so wäre es strahlender aus dieser Feuerprobe

hervorgegangen. Aber es ist eine zertretene Rasenscholle und nichts bleibt

von ihm übrig als diese Handvoll Asche.«

Die Nacht rückte langsam vor. Schekhar öffnete seine Fenster weit. Er

breitete auf seinem Lager die weißen Blumen aus, die er so liebte:

Jasminblüten, Tuberosen und Chrysanthemen, brachte alles, was er an Lampen

im Hause hatte, in sein Schlafzimmer und zündete sie an. Dann vermischte er

den Saft einer giftigen Wurzel mit Honig, trank ihn und legte sich auf sein

Lager.

Da erklangen draußen im Korridor goldene Fußspangen und die Brise trug

einen feinen Duft ins Zimmer.

Der Dichter hatte die Augen geschlossen. »Meine Herrin,« flüsterte er,

»hast du endlich Erbarmen mit deinem Diener und kommst zu ihm?«

Die Nacht der Erfüllung: Erzählungen · 第 12 / 54 题