In den ersten Tagesstunden des 15. Juli beginnt unsere tausendstimmige
Artillerie an der neuen Angriffsfront ihre Schlachtweise zu spielen.
Gleichzeitig wird es an der Marne auf unserer Seite lebendig. Die
Gegenwirkung des Feindes ist anfangs nicht besonders lebhaft, nimmt aber
allmählich zu. Wir hatten keinerlei Anzeichen für eine Verstärkung der
gegnerischen Front oder für besondere Abwehrmaßregeln des Feindes bemerkt.
Unserer Infanterie gelingt es, auf das südliche Marneufer überzusetzen.
Feindliche Maschinengewehrnester werden ausgehoben, die Höhen jenseits des
Flusses erstiegen, Geschütze erobert. Die Nachricht von diesen ersten
Vorgängen erreicht uns in Avesnes schon sehr frühzeitig. Sie löst die
begreifliche Spannung und verstärkt unsere Hoffnung.
Wie an der Marne, so entbrennt der Kampf im weiten Umkreis auch um Reims,
ohne sich freilich gegen diese Stadt und deren unmittelbare Umgegend zu
richten, sollte die Stadt doch durch beiderseitige Abschnürung zu Fall
gebracht werden. In der Champagne, bis gegen die Argonnen hin, wird das
erste gegnerische Verteidigungssystem durch unsere Artillerie und
Minenwerfer zertrümmert. Hinter den vorderen Linien des Feindes befindet
sich aus den früheren Kämpfen noch ein ausgedehntes Grabengewirr. Niemand
kann angeben, ob oder welche Teile davon besetzt sind. Der Gegner besitzt
in ihnen jedenfalls zahllose Stützpunkte, und es bedarf kaum einer
besonderen Arbeit, um diese wieder verteidigungsfähig zu machen und neue
veränderte Verteidigungsmöglichkeiten zu schaffen. Andererseits scheint
der Gegner hier in der Champagne nach den ersten Eindrücken am wenigsten
auf Widerstand vorbereitet zu sein. Seine Artillerie antwortet nicht sehr
stark, sie steht augenscheinlich ziemlich locker und in auffallend tiefer
Gruppierung.
Nach Zusammenfassung unserer schweren Feuerkraft auf die erste feindliche
Stellung beginnt, wie in unseren bisherigen Angriffskämpfen, diese
zusammengeballte Wetterwolke ihren verderbenbringenden Marsch über die
gegnerische Verteidigung. Unsere Infanterie folgt ihr. Die erste
feindliche Stellung wird auf der ganzen Linie nahezu widerstandslos
gestürmt, dann will man den Angriff fortsetzen. Als aber unsere Feuerwalze
die weiteren Sturmziele verläßt, um sie der Infanterie freizugeben, da
erhebt sich unerwartet heftiger feindlicher Widerstand. Die Artillerie des
Gegners beginnt ihr Feuer aufs äußerste zu steigern. Unsere Truppen
versuchen trotzdem, vorwärts zu kommen. Vergeblich! Die Begleitbatterien
werden herangeholt. Geschützweise und von Menschen gezogen treffen sie
ein, denn in dem Trichterfelde versagen größtenteils die Pferde. Kaum sind
die Geschütze in Stellung gebracht, so liegen sie auch schon zertrümmert
am Boden. Der Gegner hat offensichtlich die Hauptabwehr in die zweite
Stellung verlegt. Unser wirkungsvollstes Vorbereitungsfeuer war
meistenteils ohne Nutzen verpufft. Ein neues feindliches
Verteidigungsverfahren ist der vernichtenden Gewalt unserer
artilleristischen Massenwirkung gegenüber angeordnet und angewendet worden
auf Grund begangenen deutschen Verrates, wie der Gegner später selbst der
ganzen Welt jubelnd verkündet.
Die Kampfverhältnisse in der Champagne bleiben bis zum Abend des ersten
Tages unverändert.
Einen günstigeren Verlauf nehmen unsere Kämpfe südwestlich Reims und
beiderseits der Marne. Südlich des Flusses dringt unsere Infanterie auf
fast eine Wegstunde vorwärts, mit dem Hauptdruck längs des Flusses in
Richtung auf Epernay. Ein Drittel der Strecke dorthin wird bis zum Abend
in erbittertem Kampfe zurückgelegt. Auch nördlich des Flusses ist unser
Angriff im Vorschreiten. Mächtiger wie die Kalkhänge des Chemin des Dames
erhebt sich hier das Reimser Berggelände, von tiefen Schluchten
zerklüftete Höhen, deren flachgewölbte Kuppen großenteils von dichtem
Walde bestanden sind. Das ganze Gelände ist für zäheste Verteidigung
hervorragend geeignet, da es dem Angreifer im höchsten Grade eine
Zusammenfassung seiner artilleristischen Kräfte auf ausgesprochene Ziele
erschwert. Trotzdem kommt unsere Infanterie vorwärts. Sie trifft hier zum
ersten Male an der Westfront auf italienische Truppen, die sich
anscheinend auf französischem Boden mit geringer Begeisterung schlagen.
Am Abend des 15. Juli haben wir auf der gesamten Angriffsfront etwa 50
Geschütze erbeutet. 14.000 Gefangene werden gemeldet. Das Ergebnis
entspricht freilich nicht unseren höheren Hoffnungen. Doch erwarten wir
mehr von dem folgenden Tag.
Der Vormittag des 16. Juli verläuft in der Champagne, ohne daß unsere
Truppen noch irgendwo merklich vorwärts kommen. Wir stehen vor der
schweren Frage, hier den Kampf abzubrechen oder mit der ohnehin nicht sehr
tief gegliederten Angriffskraft die weitere Entscheidung zu versuchen. Die
Gefahr besteht, daß die Truppe sich umsonst verblutet, oder daß sie selbst
im günstigen Falle so schwere Verluste erleidet, daß sie kaum mehr
befähigt sein wird, die errungenen Vorteile gründlichst auszunutzen. Das
Ziel Chalons ist also in unsichere Ferne gerückt. Aus diesen Gründen gebe
ich meine Zustimmung zum Übergang in die Verteidigung an dieser Stelle.
Dagegen bleibt es bei der Fortführung unserer Angriffe südlich der Marne
und in dem Reimser Berggelände. Jenseits des Flusses werden wir aber im
Verlauf des Tages immer mehr und mehr in die Verteidigung gezwungen. Der
Feind wirft uns starke Kräfte im Angriff entgegen. Dicht beiderseits des
Flusses, in Richtung Epernay, gewinnen wir dagegen noch weiter Boden. Wir
stehen am Abend des Tages etwa halbwegs der Stadt, 10 km von ihr entfernt.
Auch im Berggelände nähern wir uns der Straße Epernay-Reims trotz
verzweifelter Gegenstöße des Feindes mehr und mehr. Das Schicksal von
Reims scheint an einem Faden zu hängen. Wenngleich die übrige Operation
jetzt schon als gescheitert angesehen werden muß, so soll doch wenigstens
Reims fallen. Die Stadt ist ein bedeutendes militärisches Wertobjekt für
uns, das den Einsatz lohnt; ihr Gewinn bleibt vielleicht nicht ohne tiefen
Eindruck auf den Gegner.
Am 17. Juli verstummt der Kampf in der Champagne. Südlich der Marne
beginnen die Verhältnisse sich mehr und mehr zu unsern Ungunsten zu
gestalten. Wir behaupten zwar das gewonnene Gelände gegen erbitterte
feindliche Angriffe, aber unsere Aufstellung ist dem Fluß so nahe, hat
also so wenig Tiefe, daß jeder Rückschlag zum Verhängnis werden kann.
Hinzu kommt, daß die Kriegsbrücken über die Marne durch das Fernfeuer
feindlicher Artillerie und durch französische Fliegerbomben immer mehr
gefährdet werden. Wir müssen also wieder nach Norden zurück, da wir nach
Süden keinen weiteren Raum mehr gewinnen können. Ich ordne daher das
Zurücknehmen der Truppen auf das nördliche Marne-Ufer an, so schwer es mir
wird. In der Nacht vom 20. zum 21. Juli soll diese Bewegung durchgeführt
werden.
Im Berggelände setzen am 17. Juli die feindlichen Angriffe mit vollster
Wucht ein. Sie werden abgewiesen. Aber auch von unserer Seite ist weiteres
Vordringen einstweilen undenkbar. Ein solches bedarf erneuter gründlicher
Vorbereitung.
Von all dem Erstrebten bleibt nur noch wenig übrig. Das Unternehmen
scheint gescheitert und bringt daher der französischen Front gegenüber
keine positiven Gewinne. Doch damit ist seine Auswertung für unseren
Angriff auf der Flandernfront nicht ausgeschlossen. Wenn von allen Zielen
auch nur das Fernhalten der französischen Kräfte von der englischen
Verteidigung erreicht ist, so sind die Kämpfe nicht vergebens gewesen.
In diesem Gedankengang begibt sich General Ludendorff am Abend des
17. Juli zur Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht, um dort wegen des
Angriffsbeginnes gegen den englischen Nordflügel das Nähere zu besprechen.
Vorbedingung für die Durchführung unserer Angriffe bei Reims war, daß der
nach Westen gerichtete Teil unseres bis an die Marne vorspringenden Bogens
zwischen Soissons und Château-Thierry feststand. Es war vorauszusehen, daß
unser Angriff eine Gegenwirkung der um Compiègne und Villers-Cotterêts
versammelten französischen Kräfte geradezu herausforderte. War General
Foch auch nur einigermaßen zu einer aktiven Tätigkeit imstande, so mußte
er aus seiner bisherigen passiven Haltung heraustreten, sobald sich unser
Angriff über die Marne und auf Reims aussprach. Ich habe schon gesagt, daß
der französische Führer frühzeitig von unseren Plänen erfuhr und
ausreichend Zeit fand, diesen zu begegnen.
Die Aufgabe unserer Truppen zwischen Aisne und Marne gegen einen
französischen Angriff aus der allgemeinen Richtung von Villers-Cotterêts
her war daher nicht einfach. Wir hatten deshalb hinter den Truppen der
vordersten Verteidigungslinien eine Anzahl von Eingreifdivisionen
bereitgestellt, und glaubten daher, mit vollem Vertrauen an den eben
geschilderten großen Angriff auf Reims herangehen zu können. Freilich
waren die zwischen Soissons und Château-Thierry stehenden Truppen nicht
alle frisch, aber sie hatten sich in den vorausgegangenen Kämpfen so
glänzend geschlagen, daß ich sie ihrer jetzigen lediglich defensiven
Aufgabe für durchaus gewachsen hielt. Hauptsache schien mir zu sein, daß
auch alle Teile unserer dortigen Verteidigung die Wahrscheinlichkeit eines
starken feindlichen Angriffs ununterbrochen nicht aus den Augen ließen. Ob
in dieser Beziehung an der Front Soissons-Château-Thierry Versäumnisse
vorgekommen sind, bleibt vielleicht immer eine Streitfrage. Ich selbst
glaube auf Grund späterer Mitteilungen, daß der anfänglich günstige
Verlauf der Ereignisse an der Marne und bei Reims vom 15. bis 17. Juli die
Truppen an der Front Soissons-Château-Thierry an einigen Stellen den Ernst
der Lage vor ihren eigenen Linien verkennen ließ.
Man hört dort während dieser Tage den Kanonendonner aus der
Angriffsschlacht herüberschallen, man erfährt unser anfänglich Erfolg
versprechendes Vorgehen über die Marne; Übertreibungen der erreichten
Erfolge kommen, wie so oft, auf ungeprüftem Wege zu den Truppen. Man
erzählt sich von der Eroberung von Reims, von großen Siegen in der
Champagne. Vor der eigenen Front bleibt es aber drei Tage lang still, für
einen sachlichen Beobachter unheimlich still, für jemand, der ohne nähere
Kenntnis der Lage dem Gefühle nachgibt, beruhigend still. Beobachtungen in
der Richtung auf Villers-Cotterêts, die am 15. Juli noch volle
Aufmerksamkeit finden, werden am 17. Juli nicht mehr entsprechend
gewürdigt. Meldungen, die bei Beginn unseres Unternehmens sofort alle
Fernsprechleitungen durchfliegen, bleiben am 3. Kampftage irgendwo an
einer Zwischenstelle stecken. Das Gefühl für die Lage ist eben teilweise
abgestumpft, die erste Spannung hat nachgelassen.
Am Morgen des 18. Juli gehen Teile der nicht in den
Verteidigungsstellungen liegenden Kampftruppen zur Erntearbeit in die
Kornfelder. Sie sind überrascht, als plötzlich ein heftiger Granathagel in
das Gelände schlägt. – Ein Feuerüberfall? – Die eigene Artillerie
antwortet nicht sehr stark, anscheinend deswegen, weil ziemlich dichter
Nebel alles verschleiert. Das Knattern der Maschinengewehre beginnt auf
breiter Front und zeigt, daß es sich um mehr handelt, als um einen
Feuerüberfall. Ehe man sich darüber völlig klar wird, tauchen in den hohen
Kornfeldern feindliche Panzerwagen auf. Der Gegner ist auf der ganzen
Front zwischen Aisne und Marne im entscheidenden Angriff. Unsere vorderen
Linien sind schon stellenweise durchbrochen; die größte Gefahr scheint
zwischen der Ourq und Soissons eingetreten zu sein.
Während dort die übriggebliebenen Teile der zertrümmerten und versprengten
Truppen vorderster Linie einen Verzweiflungskampf führen, versuchen die
rückwärts befindlichen Unterstützungen einen neuen Widerstand zu bilden
und auszuhalten, bis die Divisionen zweiten Treffens zum Gegenstoß
herankommen. Manche Heldentat wird vollbracht. In vorübergehend wieder
genommenen Stellungen finden unsere Eingreiftruppen deutsche
Maschinengewehrnester, in denen die Bedienung bis zum letzten Mann
verblutet liegt, umgeben von ganzen Reihen gefallener Gegner. Doch dieser
Heldenmut vermag die Lage nicht mehr wiederherzustellen, er rettet uns nur
vor einer vollen Katastrophe. In der Richtung auf Soissons und weiter
südlich ist der Gegner besonders tief eingedrungen, also gerade an unserer
empfindlichsten Stelle, nämlich an dem westlichen Ansatzpunkt unseres
Marnebogens südlich der Aisne. Aber von hier aus drückt der Feind auf die
ganze übrige bis Château-Thierry reichende Verteidigungsfront. Ja noch
mehr, er drückt auch auf unsere einzige in den Marnebogen hineinführende
Bahnverbindung gerade dort, wo sie sich östlich Soissons aus dem Aisnetal
nach Süden in die Mitte unseres gewaltigen Halbkreises wendet.
Unsere Lage ist daher vom ersten Augenblick an nicht unbedenklich. Sie
droht zur Katastrophe zu werden, wenn es uns nicht gelingt, sie in der
früheren Weise wiederherzustellen, oder sie wenigstens in ihrem jetzigen
Zustand zuverlässig zu festigen. Meinen Wünschen und Absichten hätte es
entsprochen, den feindlichen Einbruch von Norden her über die Aisne bei
Soissons flankierend zu fassen um den Gegner dadurch zu zermalmen. Der
Aufmarsch hierfür hätte jedoch zu viel Zeit gekostet, und so mußte ich den
Gegengründen nachgeben, die zunächst eine völlige Sicherung unserer
angegriffenen Frontteile forderten, damit wir dadurch wieder Herren
unserer Entschlüsse wurden. Was also an Truppen verfügbar ist, wird zu
diesem Zwecke eingesetzt. Damit ist leider die Krisis nicht überwunden,
sondern nur hinausgeschoben. Neue Einbrüche des Gegners verschärfen die
Lage in dem Marnebogen. Was hilft es, wenn südlich der Ourq die
feindlichen Anstürme in der Hauptsache scheitern, wenn besonders bei
Château-Thierry die starken, aber ungeübt geführten amerikanischen
Angriffe vor unseren schwachen Linien zerschellen? Wir können und dürfen
die Lage nicht dauernd in dieser bedenklichen Schwebe lassen. Das wäre
Tollkühnheit. Wir lösen daher unseren linken Flügel von Château-Thierry
los und weichen zunächst ein Stück weiter nach Osten, behalten aber noch
die Anlehnung an die Marne.
Vom Südufer dieses Flusses sind wir in Ausführung unseres Entschlusses vom
17. Juli nach schweren Kämpfen rechtzeitig zurückgewichen. Die treffliche
Haltung unserer Truppen, an der alle französischen Angriffe scheitern, hat
uns die gefährliche Lage dort glücklich überdauern lassen. Das Zurückgehen
gelingt über Erwarten gut. Der Gegner erstürmt erst am 21. Juli nach
gewaltiger Feuervorbereitung, Panzerwagen voran, gefolgt von starken
Kolonnen, unsere schon geräumten Stellungen. Unsere Truppen beobachten
dieses Schauspiel vom Nordufer der Marne aus.
Die Kampfführung in der noch immer tiefen Bogenstellung wird durch den
gegnerischen Feuerdruck von allen Seiten her aufs äußerste erschwert. Die
gegnerische Artillerie nimmt die empfindliche Bahnstrecke östlich von
Soissons unter Feuer. Ein wahrer Hagel feindlicher Fliegerbomben fällt bei
Tag und bei Nacht dort nieder. Wir sind gezwungen, die Ausladungen neu
eintreffender Verstärkungen und Kampfablösungen weit außerhalb des Bogens
in die Gegend von Laon zu verlegen. In tagelangen Gewaltmärschen werden
sie von da auf das Schlachtfeld vorgeführt. Sie erreichen ihre Bestimmung
manchmal gerade noch rechtzeitig, um die ernste Kampflage vor dem
Zusammenbrechen aus den Händen der ermatteten Kameraden zu übernehmen.
So kann und darf der Zustand nicht lange dauern. Die Schlacht droht alle
unsere Kräfte zu verzehren. Wir müssen aus dem Bogen heraus, uns von der
Marne trennen. Ein schwerer Entschluß, nicht vom Standpunkte kriegerischer
Einsicht, aber von demjenigen soldatischen Empfindens. Wie wird der Gegner
jubeln, wenn sich zum zweiten Male mit dem Namen: „Marne“ ein Umschwung
der Kriegslage verbindet! Wie wird Paris, ganz Frankreich aufatmen; wie
wird diese Nachricht auf die ganze Welt wirken! Man denke daran, wie viele
Augen und Herzen uns folgen mit Neid, mit Haß, mit Hoffnung.
Aber jetzt darf nur die militärische Einsicht sprechen. Ihre Forderung
lautet klar und einfach: Heraus aus dieser Lage! Zur Überstürzung der
Maßregel ist kein Grund. Wohl wirft General Foch alle seine Kräfte und von
allen Seiten auf uns, aber nur selten gelingt ihm jetzt noch ein tiefer
greifender Einbruch. So können wir Schritt um Schritt weichen. Wir können
unser kostbares Kriegsgerät dem Feinde entziehen, in Ordnung in die neue
Verteidigungslinie rücken, die uns die Natur in dem Abschnitt der Aisne
und Vesle bietet. Diese Bewegung ist in den ersten Tagen des August
vollzogen. Sie ist eine Meisterleistung von Führung und Truppe.
Nicht die Waffengewalt des Feindes preßte uns aus dem Marnebogen heraus
sondern die Unerträglichkeit der dortigen Lage, eine Folge der
Schwierigkeiten der Verbindungen im Rücken unserer nach drei Seiten
kämpfenden Truppen. General Foch hatte diese Schwierigkeiten klar erkannt.
Ein hohes Ziel lag ihm vor Augen. Dies zu erreichen, verhinderte ihn die
treffliche Haltung unserer Truppen. Sie hatten sich nach der ersten
Überraschung glänzend geschlagen. Was von Menschen gefordert werden
konnte, wurde hier geleistet. So kam es, daß unsere Infanterie aus diesem
Kampfe keineswegs mit dem Gefühle einer verlorenen Schlacht wich. Ihr
stolzes Selbstbewußtsein war zum Teil auf die Beobachtung gegründet, daß
ihre Gegner ohne den Schutz oder die moralische Stütze der Panzerwagen
vielfach im Angriff versagten.
Wo Panzerwagen fehlten, hatte der Gegner uns schwarze Wellen
entgegengetrieben, Wellen aus afrikanischen Menschenleibern. Wehe, wenn
diese in unsere Linien einbrachen und die Wehrlosen mordeten, oder was
schlimmer war, marterten. Nicht gegen die Schwarzen, die solche
Scheußlichkeiten begingen, wendet sich menschliche Empörung und Anklage,
sondern gegen die, die solche Horden angeblich zum Kampf um Ehre, Freiheit
und Recht auf europäischen Boden heranholten. Zu Tausenden wurden diese
Schwarzen auf die Schlachtbank geführt.
Mochten Engländer, Amerikaner, Italiener, Franzosen mit allen ihren
Hilfsvölkern unserm Infanteristen entgegentreten, kam es nur erst zum
Kampfe Mann gegen Mann, dann fühlte und zeigte sich damals noch unser
Soldat als Herr des Schlachtfeldes. Auch das Gefühl persönlicher
Machtlosigkeit gegenüber den feindlichen Panzerwagen war teilweise
überwunden. In tollkühnen Unternehmungen hatte man vielfach versucht, sich
dieser lästigen Gegner zu entledigen, kräftigst unterstützt durch die
eigene Artillerie. Die schwersten Kampfkrisen brachte über unsere Truppen
auch diesmal wieder die französische Artillerie. Den stunden-, ja
tagelangen Wirkungen dieser Vernichtungswaffe im freien Felde ausgesetzt,
nicht einmal in einem Trichterfelde Deckung findend, wurden die Linien
unserer Infanterie zerrissen, ihr Nervenhalt auf die äußerste Probe
gestellt. Das Antreten der feindlichen Sturmtruppen ward oft wie eine
Erlösung aus einem Drucke wehrloser Zermürbung empfunden.
Die Truppen hatten das äußerste leisten müssen, nicht nur im Kampfe,
sondern auch in ruhelosen Bereitschaften, in Märschen und Entbehrungen.
Ihr Kräfteverbrauch war groß, ihr Nervenverbrauch noch größer. Ich sprach
Soldaten aus diesen letzten Schlachten. Ihre schlichten und einfachen
Antworten und Erzählungen redeten deutlicher als ganze Bücher von dem, was
sie erlebt hatten, und von dem kraftvoll sittlichen Werte, der in ihnen
steckte. Wie sollte man an diesen prächtigen Menschen verzweifeln können!
Sie waren freilich müde, bedurften der körperlichen Ruhe und der
seelischen Entspannung. Wir waren besten Willens, ihnen all das zu
gewähren; es war aber fraglich, ob der Gegner uns die Zeit dafür ließ.
Wenn wir in den Kämpfen im Marnebogen auch dem Verderben, das uns der
Gegner zufügen wollte, entgangen waren, so durften wir uns doch über die
weitreichende Rückwirkung dieser Schlacht und unseres Rückzuges keiner
Täuschung hingeben.
Militärisch war für uns von der größten und folgenschwersten Bedeutung,
daß wir die Vorhand an den Gegner verloren hatten, und daß wir zunächst
keine Kraft besaßen, sie wieder an uns zu reißen. Wir waren gezwungen
gewesen, starke Teile von jenen Kräften zum Kampfe heranzuziehen, die wir
zum Angriff in Flandern bereitgestellt hatten. Dafür entfiel für uns die
Möglichkeit, den lang geplanten entscheidenden Schlag gegen das englische
Heer durchführen zu können. Die gegnerische Führung war dadurch von dem
Druck befreit, der durch diese drohende Offensive auf ihre Maßnahmen
ausgeübt wurde. Auch Englands Kräfte waren durch die Schlacht in dem
Marnebogen aus dem Banne gelöst, in dem wir sie monatelang gehalten
hatten. Es war zu erwarten, daß eine tatkräftige gegnerische Führung
diesen Umschwung der Lage, der ihr nicht entgehen konnte, ausnutzte,
soweit sie irgendwie Kräfte hierfür verfügbar machen konnte. Günstige
Aussichten mußten sich hier bieten, da unsere Verteidigungsfronten
vielfach nicht stark und nicht mit voll kampfkräftigen Truppen besetzt
sein konnten. Zudem hatten diese Fronten seit dem Frühjahr wesentlich an
Ausdehnung zugenommen und waren strategisch empfindlicher geworden.
Es war freilich anzunehmen, daß auch der Gegner durch die letzten Kämpfe
schwer gelitten hatte. 74 feindliche Divisionen, darunter 60 französische,
hatten vom 15. Juli bis 4. August geblutet. Waren hierbei zwar die
englischen Kräfte in der Hauptsache seit Monaten geschont geblieben, so
mußte doch der andauernde Zustrom amerikanischer Hilfe unter diesen
Umständen für den Gegner äußerst wertvoll sein. Mochte diese Hilfe auch in
militärischer Beziehung nicht voll auf der Höhe neuzeitlicher
Anforderungen stehen, jetzt, wo unsere Verbände so schwer gelitten hatten,
wirkte mehr als je die bloße zahlenmäßige Überlegenheit.
Schwerer noch als dies wog nach den ersten Eindrücken die Wirkung unseres
Mißgeschickes auf Heimat und Verbündete. Wie viele in den letzten Monaten
aufgelebte Hoffnungen brachen vielleicht zusammen! Wie manche Berechnung
wurde zerstört!
Konnten wir jedoch wieder Herren der militärischen Lage werden, so war
auch die Wiederherstellung des politischen Gleichgewichts mit Bestimmtheit
zu erwarten.