Das von uns in den drei großen Schlachten Erreichte stellte vom
kriegerischen Gesichtspunkte aus alles in den Schatten, was seit dem
Herbste 1914 im Westen im Angriffskampfe geleistet worden war. Aus dem
Geländegewinn, den Beutezahlen, den schweren blutigen Verlusten des
Gegners sprach mit aller Deutlichkeit die Größe der deutschen Erfolge. Wir
hatten das Gefüge des feindlichen Widerstandes bis in seine Grundfesten
erschüttert. Unsere Truppen hatten sich den großen Anforderungen, die wir
an sie stellten, voll gewachsen gezeigt. In den wochenlangen
Angriffskämpfen hatte der deutsche Soldat bewiesen, daß der alte Geist
durch die jahrelangen Verteidigungskämpfe nicht erstickt war, sondern sich
unter dem Worte „Vorwärts“ bis zu der Höhe des seelischen Schwunges des
Jahres 1914 emporgehoben hatte. Der Sturmdrang unserer Infanterie hatte
seine Wirkung auf den Gegner nicht verfehlt: „_What an admirable and
gallant infanterie you have_“, so sprach ein feindlicher Offizier sich
gegenüber einem meiner Generalstabsoffiziere aus. Im engsten Anschluß an
diese Infanterie hatten ihre Schwesterwaffen in allen Gefechtslagen in
vorderster Linie gestanden. Ein mächtiger Einheitszug war durch das Ganze
hindurch gegangen, durchgreifend bis zum letzten Mann am hintersten
Munitionswagen. Wie hatten sie alle vorwärts gestrebt, um teilzuhaben,
mitzuwirken und mitzufühlen an dem großen Geschehen! Wie oft löste sich da
ein freudiger Jubel, ein erhebendes Singen, ein lautes dankbares Gebet.
Auch ich hatte auf den Schlachtfeldern von jenem Geiste wieder genossen,
der mich wie ein Herüberwehen aus meiner längst vergangenen militärischen
Jugendzeit anmutete. Ein Menschenalter lag dazwischen, aber das
Menschenherz, der deutsche Soldatengeist war unverändert geblieben. So
hatten unsere braven Jungens im alten blauen Rock in den Biwaks von
Königgrätz und Sedan gesprochen und gesungen, wie die Feldgrauen jetzt
wieder sprachen und sangen in den großen Kämpfen um Dasein und Vaterland,
für Kaiser und Reich.
Aber all das, was geleistet worden war, hatte bisher nicht ausgereicht,
den Gegner militärisch und politisch in das Lebensmark zu treffen. Auf der
gegnerischen Seite zeigte sich keine Spur von Nachgiebigkeit. Nach außen
hin schien im Gegenteil jede militärische Niederlage den
Vernichtungswillen des Feindes nur noch zu verstärken. Dieser Eindruck
wurde auch nicht dadurch abgeschwächt, daß ab und zu im gegnerischen Lager
Stimmen zur Mäßigung rieten. Der diktatorische Druck der uns feindlichen
Staatsgebäude war im großen und ganzen nirgends gelockert. Wie mit
eisernen Klammern hielt er den Willen und die Kraft der Völker zusammen
und machte in mehr oder minder ausgesprochen gewaltsamer Form alle
diejenigen unschädlich, die in andrer Richtung zu denken wagten, als die
jetzigen tyrannischen Machthaber. In dem Wirken dieser Gewalten lag für
mich etwas sehr Eindrucksvolles. Sie stützten ihre eigenen Hoffnungen und
verwiesen ihre Völker in erster Linie auf das allmähliche Ermatten unserer
Kraft. Diese mußte sich nach ihrer Anschauung allmählich verbrauchen. Der
Hunger in der deutschen Heimat, der Kampf an der Front, das Gift der
Propaganda, Bestechungsgelder, Flugschriften, innere staatliche Kämpfe
hatten uns bisher nicht zu Fall zu bringen vermocht. Jetzt wurde ein neuer
Faktor wirksam: die amerikanische Hilfe. Wir hatten ihre ersten
kampfgeschulten Truppen bei Château-Thierry kennen gelernt. Sie traten uns
dort entgegen, noch ungelenk aber von kräftigem Willen geführt. Sie
wirkten auf unsere schwachen Verbände überraschend durch ihre zahlenmäßige
Überlegenheit.
Mit dem Eingreifen der Amerikaner auf dem Schlachtfelde waren die so lange
gehegten französischen und englischen Hoffnungen endlich erfüllt. War es
da ein Wunder, wenn die feindlichen Staatsmänner jetzt weniger als je an
einen friedlichen Ausgleich mit uns dachten? Die Vernichtung unseres
staatlichen und wirtschaftlichen Daseins war von ihrer Seite seit langem
beschlossen, mochten sie diese Absicht auch hinter fadenscheinigen, milden
und sophistischen Redensarten verbergen wollen. Sie wandten solche Phrasen
nur an, wenn diese ihren propagandistischen Zwecken entsprachen, sei es,
um ihren eigenen Völkern die auferlegte Blutsteuer erträglich erscheinen
zu lassen, sei es, um die Kampflust unseres Volkes zu zermürben. So war
ein Ende des Krieges für uns nicht abzusehen.
Mitte des Monats Juni hatte die allgemeine militärische Lage für den
Vierbund eine wesentliche Verschlechterung erfahren: Nach
erfolgverheißenden Anfängen war der Angriff Österreich-Ungarns in Italien
gescheitert. Wenn auch unser dortiger Gegner nicht die Kraft besaß, aus
dem Mißlingen des österreichisch-ungarischen Unternehmens größeren Vorteil
zu ziehen, so war doch das Scheitern des Angriffs von Folgen begleitet,
die schlimmer waren, als sie aus einem Unterlassen des Angriffs hätten
entstehen können. Das Mißgeschick unseres Bundesgenossen war ein Unglück
auch für uns. Der Gegner wußte so gut wie wir, daß Österreich-Ungarn mit
diesem Angriff seine letzten Gewichte in die Wagschale des Krieges
geworfen hatte. Von jetzt ab hörte die Donaumonarchie auf, eine Gefahr für
Italien zu bedeuten. Ich glaubte, damit rechnen zu müssen, daß Italien
sich nunmehr dem Drängen seiner Verbündeten nicht mehr entziehen könnte
und auch seinerseits Kräfte auf den alles entscheidenden westlichen
Kriegsschauplatz werfen würde, nicht nur, um die feindliche politische
Einheitsfront zu beweisen, sondern auch um bei den weiteren Kämpfen eine
wirkungsvolle Rolle zu spielen. Sollte nicht auch diese neue Last auf
unsere Schultern allein fallen, so mußten wir österreichisch-ungarische
Divisionen an unsere Westfront heranzuholen versuchen. Das war der für uns
maßgebende Grund für das Ersuchen um nunmehrige unmittelbare
österreichisch-ungarische Unterstützung. Große Wirkung konnten wir uns von
dieser Unterstützung allerdings zunächst nicht versprechen. Die
Entscheidung über die Geschicke des gesamten Vierbundes hing jetzt mehr
als je ab von Deutschlands Kraft.
Die Frage war also, ob diese noch ausreichen würde, um ein siegreiches
Ende des Krieges zu erzwingen. Ich habe weiter oben von den glänzenden
Leistungen unserer Truppen gesprochen; zur Beantwortung dieser Frage wende
ich mich jetzt zu anderen, ernsteren Seiten:
Bei aller Liebe und Anerkennung für unsere Soldaten durften wir doch die
Augen vor den sich im Laufe des langen Krieges ergebenden Mängeln in dem
Gefüge unserer Armee nicht verschließen. Das Fehlen einer genügenden Zahl
langgeschulter Führer der unteren Dienstgrade hatte sich bei unsern großen
Angriffsschlachten sehr fühlbar gemacht. Die Gefechtsdisziplin war ab und
zu bedenklich gelockert. Es war an sich verständlich, daß der Soldat sich
inmitten der erbeuteten reichen Bestände gegnerischer Depots dem Genusse
lang entbehrter Lebens- und Genußmittel hingab. Aber es hätte verhindert
werden müssen, daß er sich auf diese Genüsse zur Unzeit stürzte und dabei
seine augenblickliche Pflicht vernachlässigte. Ganz abgesehen von den
auflösenden Wirkungen derartigen Verhaltens auf den Geist der Truppe trat
auch die Gefahr ein, daß uns günstige Gefechtslagen ungenutzt verstrichen
und sich wiederholt in das Gegenteil verwandelten.
Die Kämpfe hatten weitere schwere, unausfüllbare Lücken in unsere Truppen
gerissen. So manche Infanterie-Regimenter bedurften eines völlig neuen
Aufbaues. Die Bausteine hierfür waren dem alten Material moralisch meist
nicht mehr gleichwertig. Die Schwächen der heimatlichen Verhältnisse
spiegelten sich vielfach in den Stimmungen wieder, die den ins Feld
nachkommenden Ersatz durchdrangen.
Unter dem Einfluß unserer kriegerischen Erfolge hatte sich zwar die
Stimmung der Heimat in weiten Kreisen mächtig gehoben. Man folgte den
Nachrichten aus dem Felde mit größter Spannung und hoffte auf ein
baldiges, glückliches Ende des schweren Ringens. Hunger, Opfer, Sorge
schienen nicht umsonst gewesen zu sein, und manches wurde vergessen,
manches wurde auch weiter mannhaft ertragen, wenn nur ein glücklicher
Schluß des ungeheuern Duldens in greifbare Nähe gerückt blieb. So
bewirkten die Erfolge des Heeres vieles, was die politische Führung
versäumte. Aber das vaterlandslose Empfinden einzelner Teile des deutschen
Volkes, die von durch Eigennutz und Selbstsucht entarteten politischen
Ideenrichtungen durchtränkt waren, die bei ihrer Nervenzerrüttung und
sittlichen Verderbnis im Siege des Gegners das Glück und den Frieden des
Vaterlandes sahen, und die das Gute ausschließlich im feindlichen Lager,
das Böse ebenso ausschließlich im eigenen Lande suchten und zu finden
glaubten, bildete den Ausstrahlungspunkt für die Zersetzung, die unsern
ganzen Volkskörper verderben wollte. Wahrlich, Trotzki schien in
Brest-Litowsk nicht in den Wind gesprochen zu haben. Seine politischen
Irrlehren drangen über unsere Grenzpfähle und fanden zahlreiche Anbeter in
allen Berufsklassen und aus den verschiedensten Beweggründen. Die
feindliche Propaganda setzte ihre Einwirkung offen und im geheimen fort.
Sie warf sich mit wechselnder Stärke auf alle Gebiete unseres Lebens.
So drohte das Schwinden der Widerstandskraft in unserm Volk und Heer sich
mit dem Vernichtungswillen des Gegners zu unserm Verderben zu verbinden.
Kriegerische Erfolge schienen allein einen Ausweg aus dieser schweren Lage
geben zu können. Mit ihrer Hilfe zu einem glücklichen Ende zu kommen, war
nicht nur mein bestimmter Wille, sondern auch meine sichere Hoffnung.
Vorbedingung für solche Erfolge war, daß wir die Vorhand nicht verloren,
das heißt im Angriff blieben. Wir gerieten sofort unter den Hammer, wenn
wir ihn selbst aus der Hand gaben.
Wir konnten uns durchkämpfen, wenn nur die Heimat uns weiter die
körperlichen und sittlichen Kräfte gab, über die sie noch verfügte, wenn
sie nicht den Mut und den Glauben an unsern Endsieg verlor, und wenn die
Bundesgenossen nicht versagten.
In diesen Gedanken und Empfindungen trat ich an die Fortführung unseres
bisherigen Gesamtplanes heran.