Man befürchte nicht, daß ich mich nunmehr, meine Abneigung gegen Politik
bezwingend, in den Strudel des Parteistreites hineinstürze. Ich kann aber
die folgenden Ausführungen, wenn ich das Bild, das ich geben möchte, nicht
allzu lückenhaft lassen will, nicht entbehren. Freilich, wer wird die
Zeit, von der ich schreibe, jemals lückenlos darzustellen vermögen? Es
werden immer wieder neue Fragen nach dem „Warum?“ und nach dem „Wie?“
auftauchen. Lücken werden bleiben, da so mancher Mund, den man jetzt schon
zur Auskunft dringend benötigte, für immer still geworden ist. Ich kann
auch nicht ein in sich abgeschlossenes Bild, sondern nur Striche hier und
Striche dort geben, mehr für eine Charakterzeichnung als für ein
vollendetes Gemälde. Scheinbar willkürlich setze ich an, wenn ich mich
zunächst dem Orient zuwende.
„Die Türkei ist eine Null“, so kann man in einem Aktenstück aus der
Vorkriegszeit lesen, in einem deutschen, also keinem gegen die Türkei
politisch gehässigen Aktenstück. Eine eigenartige Null, durch die die
Dardanellen verteidigt wurden, die Kut-el-Amara gewann, gegen Ägypten zog,
den russischen Angriff im armenischen Hochland zum Halten brachte! Eine
für uns wertvolle Null, die, wie ich schon sagte, jetzt hunderttausende
feindlicher Truppen auf sich zieht, Kerntruppen, die an den türkischen
Grenzländern nagen, auch wohl dort eindringen, aber ohne den Hauptkörper
verschlingen zu können!
Was gibt wohl dieser Null die innere Stärke? Selbst für den, der in diesen
Zeiten, ja schon lange vorher, in dem Lande der Osmanen lebte, ein Rätsel!
Stumpf und gleichgültig erscheint die große Masse, selbstsüchtig und
unempfindlich gegen höheres völkisches Empfinden ein großer Teil hoher
Kreise. Der ganze Staat wird anscheinend nur aus Völkerschaften gebildet,
die durch tiefgehende Spalten getrennt, kein gemeinsames Innenleben haben.
Und doch besteht dieser Staat und zeigt staatliche Kräfte. Die Macht
Konstantinopels scheint am Taurus ihre Grenze zu haben; über Kleinasien
hinaus herrscht kein wirklicher türkischer Einfluß, und trotzdem stehen
immer noch türkische Armeen in dem weit entlegenen Mesopotamien und
Syrien. Der Araber dort haßt den Türken, der Türke den Araber. Und doch
schlagen sich arabische Bataillone immer noch unter türkischen Fahnen und
laufen nicht in Massen zum Feinde über, der ihnen nicht nur goldene Berge
verspricht sondern wirkliches, bei den Arabern so beliebtes Gold
reichlichst spendet. In dem Rücken der englisch-indischen Armee, die in
Mesopotamien, wie man meinte, den von den Türken geknechteten und
ausgepreßten arabischen Stämmen die ersehnte Erlösung brachte, erheben
sich diese Erlösten und wenden sich gegen ihre angeblichen Befreier. Es
muß also doch eine Macht vorhanden sein, die hier vereinend wirkt, und
zwar nicht nur eine zusammenpressende Not von außen, nicht nur ein
politisches Zusammenleben, ein Gemeinschaftsgefühl im Innern. Auch die
Gewalt der türkischen Machthaber kann diese bindende Kraft nicht
ausschließlich liefern. Die Araber könnten sich ja dieser Gewalt
entziehen, sie brauchten nur die Schützengräben mit erhobenen Armen
feindwärts zu verlassen, oder im Rücken der türkischen Armeen sich zu
erheben. Und doch tun sie es nicht. Ist es der Glaube, der Rest eines
alten Glaubens, der hier verbindend wirkt? Man behauptet es mit guten
Gründen und bestreitet es mit ebensolchen. Hier sind unserem Verständnis
der osmanischen Psyche die Grenzen gesteckt; wir müssen den Streit der
Meinungen ungelöst lassen.
So ganz lebensunfähig kann der Staat trotz schwerster Gebrechen also nicht
sein. Man hört auch von vortrefflichen Beamten, die neben den
pflichtvergessenen Gegenteilen im Amte sind und sich als Männer mit großen
Plänen und großer Tatkraft erweisen. Einen davon lernte ich in Kreuznach
kennen. Es war Ismail Hakki, ein Mann mit manchen Schattenseiten seines
Volkes und doch ein geistvoller, fruchtbarer Verstand. Schade, daß er
nicht einem Boden mit gesünderen Kräften entwuchs. Man sagte, er schriebe
nichts, beherrsche alles mit seinem Kopfe, und dabei sorgte er für
tausenderlei, dachte weit über den Krieg hinaus nationale, schöne
Gedanken! Was ihn damals am meisten beschäftigte, worin gleichzeitig seine
größte Macht lag, das war die Versorgung des Heeres und von
Konstantinopel. Hätte man Ismail Hakki entfernt, so hätte die türkische
Armee Mangel an allem gelitten; sie hätte noch mehr entbehrt, als sie es
teilweise schon mußte, und Konstantinopel wäre vielleicht verhungert. Fast
das ganze Land befand sich ja in einem Hungerzustand, nicht weil es an
Lebensmitteln mangelte, sondern weil die Landesverwaltung und die
Verbindungen nicht funktionierten, weil nirgends ein Ausgleich zwischen
Bestand und Bedarf geschaffen werden konnte. Wovon und wie die Menschen
der größeren Städte lebten, wußte niemand. Konstantinopel versorgten wir
mit Brot, schafften Getreide aus der Dobrudscha und Rumänien hin und
halfen trotz der eigenen Not. Freilich würde das, was wir für
Konstantinopel geliefert haben, unsern Millionen von Magen nicht viel
geholfen haben. Hätten wir die Lieferungen verweigert, so hätten wir die
Türkei verloren. Denn ein verhungerndes Konstantinopel würde revoltieren,
trotz aller Gewaltherrschaft. Ist dort wirklich Gewaltherrschaft? Ich
sprach schon vom Komitee; es sind aber dort auch andere Einflüsse gegen
die starken Männer tätig, Einflüsse des politischen, vielleicht auch
geschäftlichen Hasses, durch welche Parteiungen geschaffen werden. Starke
Strömungen bewegen sich unter der scheinbar ruhigen Oberfläche; ihre
Strudel werden manchmal oben sichtbar, wenn sie versuchen, die jetzigen
führenden Männer in die Tiefe zu ziehen.
Das Heer leidet auch unter diesen Strömungen. Die Heeresleitung muß ihnen,
wie ich schon früher andeutete, Rechnung tragen, muß manchmal nachgiebig
gegen sie sein, nicht zum Vorteil des Ganzen. Sonst würde das Heer, das an
seiner zahlenmäßigen Stärke immer reißender abnimmt, auch innerlich
aufgelöst werden. Der Mangel und die Not zersetzt teilweise die Truppe. An
ihren Beständen zehrt aber auch die Endlosigkeit des jetzigen Krieges, der
mit früheren Feldzügen, im Yemen und auf dem Balkan, sich für so viele
türkische Soldaten zu einem großen ununterbrochenen Ganzen verbunden hat.
Die Sehnsucht nach der Heimat, nach Weib und Kind – auch der Islam kennt
diese Sehnsucht – treibt Tausende der Soldaten zur Fahnenflucht. Von den
vollen Divisionen, die in Haidar-Pascha auf die Bahn gesetzt werden,
kommen nur Bruchteile bis Syrien oder Mesopotamien. Man mag darüber
streiten, ob die Zahl türkischer Fahnenflüchtiger in Kleinasien 300.000
oder 500.000 beträgt. Jedenfalls ist sie nahezu so groß, wie die
Kampftruppen aller türkischen Armeen zusammen. Kein schönes Bild und doch
– die Türkei hält noch immer stand und erfüllt ihre Treuepflicht ohne
einen Ton der Klage oder des Wankelmutes nach bestem Können!
Auch in Bulgarien herrscht Not. Not an Lebensmitteln in dem Lande, das
sonst Überfluß hat! Die Ernte war mäßig, aber sie könnte reichen, wenn das
Land wie unsere Heimat verwaltet würde, wenn auch hier Ausgleich
geschaffen werden könnte zwischen Gegenden des Überflusses und solchen des
Mangels. Ein Bulgare antwortet uns auf diesbezügliche Anregungen: „Wir
verstehen solches nicht!“ Eine einfache Entschuldigung, nein eigentlich
eine Selbstanklage. Man legt die Hände in den Schoß, weil man nicht
gelernt hat, sie zu rühren. Wir wissen ja, daß Bulgarien beim Übergang aus
türkischem Sklaventum zur völligen innenstaatlichen Freiheit einer
erziehenden, straff organisierenden Hand entbehrte. Es hatte, man lasse
mich als Preußen sprechen, keinen König Friedrich Wilhelm I., der die
eisernen Träger schuf, auf denen unser Staatswesen so lange und so sicher
ruhte. Bulgarien kennt keine gute Verwaltung, es kennt aber dafür viele
Parteien. Mit Schärfe wendet sich deren Mehrzahl gegen die Regierung,
nicht wegen deren Außenpolitik, denn diese verspricht eine große Zukunft,
völkische Einheit und staatliche Vormacht auf dem Balkan; wohl aber tobt
der Kampf wegen innerer Fragen um so rücksichtsloser. Kein Mittel, auch
das gefährlichste nicht, wird hierbei verachtet. Man vergreift sich an den
Bundesgenossen und an dem eigenen Heere. Ein gefährliches Spiel! Die
Dobrudschafrage bildet ununterbrochen ein beliebtes Mittel hetzerischen
Parteigetriebes. Die Regierung hat gefährliche Geister beschworen, um auf
die Türkei und uns einen Druck auszuüben, und wird diese Geister, die
alles zu zersetzen drohen, die aus Parteizwecken den Haß gegen die
Verbündeten und ihre Vertreter predigen, nicht mehr los. Da scheint es uns
im Herbste 1917 das beste, in dieser Dobrudschafrage vorläufig nachzugeben
und ihre endgültige Lösung dem Ausgang des Krieges zu überlassen. Ein
Rückzug unsererseits aus Vernunft, nicht aus Überzeugung. Auffallend ist
es, daß sofort nach unserem Nachgeben in Bulgarien das Interesse an dieser
Angelegenheit schwindet. Das Wort Dobrudscha hat im Parteikampfe nunmehr
seine agitatorische Kraft verloren. So endet dieser wenigstens unblutige
Kampf mit uns, aber derjenige um die Macht zwischen den politischen
Parteien hält an und treibt rücksichtslos seine Keile selbst in das Gefüge
des Heeres, und zwar tiefer als nur je im Frieden.
Die Truppe zeigt sich für diese zersetzende Tätigkeit zugänglich, denn sie
ist schlecht versorgt, ja sie beginnt geradezu Mangel zu leiden. Das
Fehlen organisatorischer Tätigkeit und Fähigkeit zeigt sich auch hier an
allen Ecken und Enden. Wir machen Vorschläge zu durchgreifenden
Verbesserungen. Die Bulgaren erkennen diese Vorschläge als
zweckentsprechend an, aber sie haben nicht die Kraft, scheuen auch die
Mühe, sie zu verwirklichen. Man beschränkt sich darauf, an dem Deutschen
herum zu nörgeln, der im Lande sitzt – freilich in einem gemeinsam
eroberten Lande –, der vertragsmäßig ernährt werden soll, weil er an der
mazedonischen Grenze kämpft, nicht zum Schutze der deutschen, sondern in
erster Linie der bulgarischen Heimat. Der Deutsche soll sich, nach
bulgarischer Meinung, nur selbst ernähren, und er tut es denn um des
lieben Friedens willen auch, führt Vieh, ja sogar Heu aus der Heimat bis
nach Mazedonien herunter. Die dauernden Zwistigkeiten zeigen sich freilich
nicht bei den kämpfenden Truppen, denn dort schätzt man sich, wohl aber in
dem Rückengebiet der gemeinsamen Front. Um diese Zwistigkeiten
einzuschränken, schlagen wir den Austausch unserer deutschen Truppen aus
Mazedonien mit bulgarischen Divisionen vor, die noch in Rumänien stehen.
Wir bieten damit den Bulgaren doppelten, ja dreifachen zahlenmäßigen
Ersatz, doch sofort erhebt sich ein großer Lärm in Sofia über Mangel an
Bundestreue. Wir beschränken uns daher auf das Wegziehen nur geringer
deutscher Kräfte und übernehmen die bisherigen Stellungen der bulgarischen
Divisionen in Rumänien mit etlichen unserer Bataillone. So verlassen die
bulgarischen Divisionen das nördliche Donauufer, auf das sie seiner Zeit
fast widerwillig hinübergegangen waren.
Auch das bulgarische Bild ist also nicht ungetrübt. Aber wir können auf
weitere Bündnistreue rechnen, wenigstens solange wir die großen
politischen Ansprüche Bulgariens erfüllen können und wollen. Als dann aber
im Sommer des Jahres 1917 infolge von deutschen Presseäußerungen und
deutschen parlamentarischen Reden sowohl in Sofia als bei den bulgarischen
Armeen Zweifel darüber entstehen, ob wir unseren Versprechungen auch
wirklich noch nachkommen wollen, da horcht man besorgt auf und, was
schlimmer ist, man wird mißtrauisch gegen uns. Die Parteien fordern jetzt
verstärkt die Abdankung Radoslawows. Seine Außenpolitik wird als großzügig
anerkannt, alle stimmen ihr auch jetzt noch zu, aber er scheint nicht mehr
der Mann zu sein, sie den Bundesgenossen gegenüber durchzusetzen. Seine
Innenpolitik ist zudem vielfach verhaßt. Neue Männer sollen ans Ruder
kommen, die alten sitzen nach bulgarischem Urteil schon zu lange an der
Krippe des Staates. Man meint, sie könnten sich gesättigt haben. Alles
soll aus der Regierung scheiden, was mit Radoslawow zusammenhängt, vom
höchsten Beamten bis zum Dorfschulzen, so fordert es das parlamentarische,
das sogenannte freie System. Das soll jetzt geschehen, jetzt mitten im
Kriege!
Über Österreich-Ungarn habe ich nur wenig zu sagen. Die Schwierigkeiten im
Innern des Landes sind nicht geringer geworden. Ich habe schon darüber
gesprochen, daß die versuchte Versöhnung der staatszersetzenden
tschechischen Elemente auf dem Wege der Milde vollständig scheiterte. Nun
wird versucht, durch verstärktes Vorschieben kirchlicher Macht und
kirchlichen Einflusses, durch Zurschautragen religiöser Gefühle ein
einigendes Band um die auseinanderstrebenden Teile des Reiches oder
wenigstens um seine einflußreichsten Kreise zu legen. Auch dieser Versuch
bleibt ohne das erhoffte Ergebnis. Er bringt vielmehr weitere Spaltungen
und erregt Mißtrauen auch da, wo bisher noch Hingebung vorherrschte. Die
gegenseitige Abneigung der Völkerschaften wird durch die Verschiedenheiten
in der Lebensmittelversorgung verschärft. Wien hungert, während Budapest
genügend Nahrung hat. Der Deutsch-Böhme stirbt fast den Erschöpfungstod,
während der Tscheche kaum etwas entbehrt. Zum Unglück ist die Ernte
teilweise mißraten. Dies verstärkt die innere Krisis und wird sie noch
mehr verstärken. Es fehlt in Österreich-Ungarn nicht, wie in der Türkei,
an den technischen Mitteln eines Ausgleiches zwischen Überschuß- und
Bedarfsgebieten. Aber es fehlt am einheitlichen Willen, an einer sich
durchsetzenden staatlichen Macht. So hat das alte Übel der inneren
politischen Gegensätze mit all seinen vernichtenden Folgen sich auch auf
das Gebiet der einfachen Lebenserhaltung übertragen. Kein Wunder, daß die
Friedenssehnsucht wächst, und daß das Vertrauen auf den Ausgang des
Krieges abnimmt. Der russische Zusammenbruch wirkt daher mehr zersetzend
als stärkend. Das Verschwinden der Gefahr von dieser Seite scheint die
Gemüter nicht zu heben, sondern sie gleichgültiger zu machen. Selbst der
Sieg in Italien ist ein Jubel nur für einzelne Teile und Kreise der
Völker. Der Stolz durchdringt nicht mehr die Masse, die zum Teil und
zeitweise wirklich hungert. Gar vieles, was man vor dem Tode des alten
Kaisers noch hochhielt, hat seine sittliche Bedeutung verloren. Von
Tausenden tschechischer und anderer Hetzer wird die staatliche Ehre mehr
wie je mit Füßen getreten. Wahrlich es hätte stärkerer Nerven bedurft, als
an den Regierungsstellen vorhanden waren, um dem Drucke der Massen, die
teilweise den Frieden um jeden Preis verlangen, noch länger Widerstand zu
leisten.
Und nun zu unserer eigenen Heimat:
Inmitten der Kampfzeiten, von denen ich weiter vorn gesprochen habe,
vollziehen sich in unserem Vaterlande tiefgehende und folgenschwere
Änderungen des innerpolitischen Zustandes. Die Krisis wird bezeichnet
durch den Rücktritt des Reichskanzlers von Bethmann. Wenn ich anfänglich
angenommen hatte, daß sich unsere Auffassungen über die durch den Krieg
geschaffene Lage deckten, so mußte ich mit der Zeit zu meinem Bedauern
immer mehr erkennen, daß dies nicht der Fall sei. Mir war die Leitung des
Krieges übertragen, und für ihn bedurfte ich aller Kräfte des Vaterlandes.
Diese in einer Zeit größter äußerer Spannung durch innere Kämpfe zu
zersplittern, anstatt sie zusammenzufassen und immer wieder emporzureißen,
mußte zu einer Schwächung unserer politischen und militärischen Stoßkraft
führen. Aus diesem Gesichtspunkt heraus konnte ich es nicht verantworten,
still zu bleiben, wenn ich sah, daß die Einheitlichkeit, die wir an der
Front nötig hatten, in der Heimat zersetzt wurde. In der Überzeugung, daß
wir in dieser Richtung unsern Feinden gegenüber mehr und mehr ins
Hintertreffen gerieten, daß wir den entgegengesetzten Weg gingen wie
diese, sah ich mich leider zu unserer Reichsleitung bald in einem
Gegensatz. Die gemeinsame Arbeit litt. Ich hielt es daher für meine
Pflicht, meinem Allerhöchsten Kriegsherrn im Juli mein Abschiedsgesuch
einzureichen, so schwer mir als Soldat dieser Schritt wurde. Das Gesuch
wurde von Seiner Majestät nicht bewilligt. Auch der Kanzler hatte
gleichzeitig infolge einer Erklärung der Parteiführer des Reichstages
seine Entlassung erbeten; sie wurde genehmigt.
Die nunmehr äußerlich zutage tretenden Folgen dieses Rücktrittes waren
bedenklich. Der bisher nach außen hin aufrechterhaltene Schein des
politischen Burgfriedens zwischen den Parteien hörte auf. Es bildete sich
eine Mehrheitspartei mit dem ausgesprochenen Anschluß nach links. Die
Versäumnisse, die angeblich in früheren Zeiten in der Weiterentwicklung
unserer innerstaatlichen Verhältnisse begangen waren, wurden nunmehr im
Kriege und unter dem Druck einer politisch ungeheuer schwierigen äußeren
Lage des Vaterlandes dazu benutzt, um der Regierung immer weitere
Zugeständnisse zugunsten einer sogenannten parlamentarischen Entwicklung
zu erpressen. Wir mußten auf diesem Wege an innerer Festigkeit verlieren.
Die Zügel der Staatsleitung gerieten allmählich in die Hände extremer
Parteien.
Zum Nachfolger Bethmann Hollwegs wurde Dr. Michaelis ernannt. Zu ihm trat
ich in kurzer Zeit in ein vertrauensvolles Verhältnis. Er war unverzagt an
sein schweres Amt herangetreten. Seine Amtsführung war nur kurz; die
Verhältnisse sollten sich stärker erweisen als sein guter Wille.
Die eingetretene parlamentarische Zerrissenheit wurde nicht wieder
gebessert. Immer mehr drängte die Mehrheit nach links und stellte sich,
trotz mancher schöner Worte, in ihren Taten vor die Elemente, die die
bisherige Staatsordnung auflösen wollten. Immer schärfer zeigte es sich,
daß die Heimat den wahren Ernst unserer Lage im Streit um Parteiinteressen
und Parteidogmata vergaß oder diesen Ernst nicht mehr sehen wollte.
Darüber jubelten unsere Gegner ganz offen und verstanden es, diese
Parteiungen zu schüren.
Bei dieser Sachlage suchte man nach einem Reichskanzler, der in erster
Linie imstande war, dank seiner parlamentarischen Vergangenheit einigend
auf die zerfahrenen Parteiverhältnisse zu wirken. Die Wahl fiel auf den
Grafen Hertling. Er war mir als Begleiter des Königs von Bayern schon in
Pleß bekannt geworden. Ich erinnere mich noch gern der Herzlichkeit, mit
der er mir damals seine Glückwünsche zu der eben durch Seine Majestät den
Kaiser vollzogenen Verleihung des Großkreuzes des Eisernen Kreuzes
aussprach. Es lag für mich etwas Ergreifendes und zugleich Ermunterndes in
der Beobachtung, mit welcher Freudigkeit der alte Mann jetzt seine letzten
Lebenskräfte in den Dienst des Vaterlandes stellte. Sein felsenfestes
Vertrauen auf unsere Sache, seine Hoffnung auf unsere Zukunft überdauerte
die schwersten Lagen. Er behandelte die parlamentarischen Parteien mit
Geschick, vermochte aber dem Ernst der Lage gegenüber nicht mehr
durchgreifend genug zu wirken. Im Verkehr mit der Obersten Heeresleitung
blieb leider ein wohl von früher übernommenes Mißtrauen bestehen, das ab
und zu das Zusammenarbeiten erschwerte. Meine Verehrung für den Grafen
wurde dadurch nicht beeinträchtigt. Er starb bekanntlich, kurz nachdem er
sein dornenvolles Amt niedergelegt hatte.
Auch abgesehen von den eben berührten Mißständen ist in der Heimat am Ende
des Jahres 1917 nicht alles erfreulich. Man kann es auch nicht verlangen.
Denn der Krieg und die Entbehrungen lasten schwer auf vielen Teilen des
Volkes und greifen an seine Stimmung. Ein jahrelang ungesättigter oder
mindestens nicht befriedigter Magen erschwert einen höheren Schwung,
drückt die Menschen zur Gleichgültigkeit herab. Die große Menge denkt auch
bei uns bei körperlich ungenügender Ernährung nicht viel besser als
anderswo, wenn auch die staatliche Kraft und die sittlichen Werte des
Volkes unser ganzes Leben kräftiger durchsetzen. Dieses Leben muß aber
unter solchen Verhältnissen leiden, besonders, wenn es keine neuen
geistigen und seelischen Anregungen mehr erhält. An einer solchen Belebung
fehlt es aber auch bei uns. Man stößt in Kreisen, in denen man sonst
anderes denken gewohnt war, auf die gefährliche Ansicht, daß gegen die
Gleichgültigkeit der Massen nichts mehr zu machen sei. Die Verfechter
dieser Anschauung legen die Hände in den Schoß und lassen den Dingen ihren
Lauf. Sie sehen zu, wie Parteien die Ermattung des Volkes als fruchtbaren
Boden für ihre die staatliche Ordnung auflösenden Ideen ausnützen und eine
verderbliche Saat ausstreuen, die weiter und weiter wuchert, weil sich
keine Hände finden, das Unkraut auszureißen.
Die Gleichgültigkeit wirkt wie Untätigkeit. Sie durchsäuert den Boden für
Unzufriedenheit. Diese aber steckt an, nicht nur die Bevölkerung der
Heimat sondern auch den Soldaten, der dorthin zurückkehrt.
Der Soldat, der aus dem Felde kommend die Heimat wiedersieht, kann auf sie
belebend und erhebend wirken. Und das taten die meisten. Aber er kann auch
niederdrückend wirken, und auch das taten leider so manche, selbstredend
nicht die Besten aus unseren Reihen. Diese wollten vom Kriege nichts mehr
wissen; sie wirkten schlimmes auf dem schon verdorbenen Boden, nahmen aus
diesem noch schlimmeres in sich auf und trugen die heimatliche Zersetzung
hinaus ins Feld.
Es ist viel Unerfreuliches in diesen Bildern. Nicht alles hiervon ist eine
Folge des Krieges oder brauchte wenigstens eine Folge des Krieges zu sein.
Aber der Krieg erhebt nicht nur, er löst auch auf. Und dieser Krieg tat
dies mehr, wie jeder frühere; er verdarb nicht nur die Körper, sondern
auch die Seelen.
Auch der Gegner sorgt für diese Zersetzung. Nicht bloß durch seine
Blockade und den dadurch hervorgerufenen Halbhunger sondern auch noch
durch ein anderes Mittel, das man „Propaganda im feindlichen Lager“
nannte. Es ist das ein neues Kampfmittel, das die Vergangenheit wenigstens
in solcher Größe und in solch rücksichtsloser Anwendung nicht kannte. Der
Gegner benutzte es in Deutschland wie in der Türkei, in Österreich-Ungarn
wie in Bulgarien. Der Regen verhetzender Flugblätter fällt nicht nur
hinter unseren Fronten in Ost und West, sondern auch hinter den türkischen
im Irak und in Syrien herab.
Als „Aufklärung des Gegners“ bezeichnete man diese Art von Propaganda.
„Verschleierung der Wahrheit“ sollte man sie nennen, ja noch schlimmer als
das, „Vergiftung der Seelen des Feindes“. Sie entspringt einer Auffassung,
die nicht die Kraft in sich fühlt, den Gegner im offenen, ehrlichen Kampfe
zu überwinden und seine moralische Kraft nur durch Siege des tapfer
geführten Schwertes niederzuzwingen.
Schließlich noch der Versuch eines Blickes in das Innere der uns
feindlichen Staaten:
Ich sage absichtlich „Versuch“, denn nur um einen solchen konnte es sich
für uns während des Kriegszustandes handeln. Wir waren nämlich nicht nur
blockiert in unserem wirtschaftlichen Verkehr sondern auch in all den
anderen Beziehungen zum Auslande. Daran änderte unsere teilweise
Angrenzung an neutrale Nachbarstaaten nur wenig. Unser Agentendienst
lieferte nur ganz klägliche Ergebnisse. Im Kampfe zwischen uns und unsern
Gegnern unterlag auf diesem Gebiete auch das deutsche Gold!
Wir wußten, daß jenseits der kämpfenden Westfront eine Regierung sitzt,
die persönlich von Haß- und Rachegedanken erfüllt, das Innerste ihres
Volkes ununterbrochen aufpeitscht. Es klingt wie ein „Wehe dem bisherigen
Sieger“, wenn die Stimme Clémenceaus erschallt. Frankreich blutet aus
tausend Wunden. Würden wir es nicht wissen, so könnten wir es den offenen
Erklärungen seines Diktators entnehmen. Aber Frankreich wird
weiterkämpfen. Kein Wort, kein Gedanke von Nachgiebigkeit! Wo Risse in dem
wie mit eisernen Ketten zusammengefaßten Staatsgefüge erscheinen, da
greift die Regierung mit rücksichtslosester Gewalt zusammenpressend ein.
Und der Zweck wird erreicht. Mag das Volk in seiner Mehrheit den Frieden
ersehnen, im Lande der republikanischen Freiheit wird jegliche solche
offene Regung kaltherzig in den Boden getreten und das Volk mit liberalen
Phrasen weiter gefüttert. Schon vor dem Ausbruch des Krieges waren in dem
sogenannten antimilitaristischen Frankreich die Worte „Humanismus und
Pazifizismus“ als „gefährliche Betäubungsmittel“ gebrandmarkt, „mit denen
die doktrinären Verfechter des Friedens die Mannhaftigkeit der Völker
schwächen wollen.“ „Pazifizismus hat es zu allen Zeiten gegeben, sein
rechter Name ist Feigheit, d. h. übertriebene Liebe des Individuums zu
sich selbst, die es von jedem persönlichen Risiko zurückschrecken läßt,
das ihm keinen unmittelbaren Vorteil bringt“. So sprach man in dem
„Frankreich des Friedens“. War es ein Wunder, daß das „Frankreich des
Krieges“ nicht milder dachte und jeden, der im Kriege überhaupt von
Frieden zu reden wagte, als Landesverräter brandmarkte?
Wir können es nicht bezweifeln, daß das französische Volk auch Ende 1917
besser genährt wird als das deutsche. Vor allem sorgt man für den Pariser,
entschädigt ihn für so manches und beruhigt ihn auch durch alle noch
möglichen Genüsse. Es scheint uns fraglich, ob der Gallier die
Entbehrungen des täglichen Lebens in gleich hingebender Weise und so lange
ertragen kann, als sein germanischer Gegner. Noch hoffen wir, daß die
Probe vielleicht gemacht werden wird. Allein wir dürfen uns nicht im
Unklaren sein, daß auch ein wirklich hungerndes Frankreich so lange
kämpfen muß, als England es will, mag es auch dabei zugrunde gehen.
Die französischen Gefangenen sprechen wohl vom Elend des Krieges; sie
erzählen von in der Heimat eingetretener Not. Aber ihr eigenes Aussehen
läßt auf keinen Mangel schließen. Alle ersehnen das Ende des Ringens, doch
keiner glaubt, daß es kommen wird, solange „die anderen kämpfen wollen“.
Wie steht es in England?
Das Mutterland befindet sich in seiner Wirtschafts- und Weltstellung vor
einer ungeheueren Gefahr. Niemand scheut sich dort, es auszusprechen. Es
gibt nur einen Ausweg: den Sieg! Im Laufe dieses Kriegsjahres hat England
einen „Schwächeanfall“ überwunden. Es hatte eine Zeitlang den Anschein,
als ob die Geschlossenheit des allgemeinen Kriegswillens gelockert und die
Kriegsziele herabgemindert werden würden. Die Stimme eines Lord Lansdowne
ertönte. Aber sie verhallte unter dem Druck einer alles beherrschenden
Kriegsgewalt, die das nahende Ende des Kampfes in sichere Aussicht stellt.
Nach einem Tiefstand der wirtschaftlichen und politischen Stimmung hatte
man im Sommer wieder Morgenluft des heranreifenden Erfolges gewittert,
eine Morgenluft, deren Ursprung uns bis zum Ende des Jahres 1917 freilich
noch nicht bekannt war. Sie war, wie uns später erst bekannt wurde, einem
politischen Pfuhle auf mitteleuropäischem Boden entstiegen. Der Gedanke an
das nahende Ende reißt das ganze Volk in voller Geschlossenheit wieder
empor. Man erträgt wiederum williger das Entbehren von Genüssen,
verzichtet leichter auf bisherige Lebensgewohnheiten und politische
Freiheiten in der Hoffnung, daß die Vorhersage in Erfüllung geht, nach
einem glücklichen Ende dieses Krieges würde jeder einzelne Engländer
reicher sein. Zur wirtschaftlichen Selbstsucht tritt die politische
Selbstzucht des einzelnen Engländers. Also auch hier nichts von Frieden,
es sei denn, daß der Krieg nicht doch noch zu teuer wird. Die englischen
Gefangenen sprechen auch Ende 1917 wie Ende 1914. Freude am Kampfe hat
keiner. Doch danach fragt da drüben kein Mensch. Man fordert, und es wird
geleistet.
Anders wie in Frankreich und in England scheint der Zustand in Italien. Im
Feldzug des vergangenen Herbstes haben italienische Soldaten ohne
zwingende Kampfesnot zu vielen Tausenden ihre Waffen gesenkt, nicht aus
Mangel an Mut sondern aus Ekel vor diesem für sie sinnlosen Blutvergießen.
Sie traten mit frohen Gesichtern die Fahrt in unser Heimatland an und
begrüßten die ihnen dort bekannten Arbeitsstätten mit deutschen Gesängen.
Wenn auch die Kriegsbegeisterung im Heer und Land auf dem Nullpunkt steht,
das Volk erlahmt nicht völlig. Es weiß, daß es sonst hungern und frieren
muß. Der italienische Wille muß sich auch weiterhin vor fremdem beugen,
das war sein bitteres Schicksal von Anfang an. Man findet es erträglich
durch den Anblick einer lockenden, reichen Beute.
Aus den Vereinigten Staaten kommen noch weniger Stimmen zu uns als vom
fremden europäischen Boden. Was wir vernehmen, bestätigt unsere Vermutung.
Das glänzende, wenn auch mitleidslose Kriegsgeschäft ist in den Dienst des
Patriotismus getreten, und dieser versagt nicht. Auch in diesem Lande, an
dessen Eingangspforte die Statue der Freiheit ihr blendendes Licht dem
Fremden entgegensendet, herrscht unter dem Zwange der
Kriegsnotwendigkeiten mit Recht eine rücksichtslose Gewalt. Man begreift
den Krieg. Die weichen Stimmen müssen schweigen, bis die harte Arbeit
getan ist. Dann mag die goldene Freiheit wieder sprechen zum Wohle der
Menschen, jetzt wird sie unterdrückt zum Nutzen des Staates. Man fühlt
sich in allen Schichten und Volksarten einig in einem Kampf für ein Ideal,
und wo der Glaube an dieses oder der Drang des Blutes nicht zugunsten des
an den Rand des Verderbens gedrückten Angelsachsen spricht, da wird Gold
in die Wagschale der Entscheidung des Verstandes geworfen.
Von Rußland brauche ich nicht weiter zu sprechen. Wir blicken in sein
Inneres wie in einen offenen Glutherd. Es wird vielleicht völlig
ausbrennen, jedenfalls liegt es am Boden und hat den rumänischen
Verbündeten mit sich gerissen.
So erschienen mir die Verhältnisse, von denen ich sprechen wollte, am Ende
des Jahres 1917.
Mancher hat sich wohl in jenen Tagen die bedeutungsvolle Frage vorgelegt:
„Wie erklärt es sich, daß der Gegner in seinen rücksichtslosen politischen
Forderungen uns gegenüber nichts nachließ, trotz seiner vielen
militärischen Mißerfolge des Jahres 1917, trotz des Ausscheidens Rußlands
als Machtfaktor aus dem Kriege, trotz der doch zweifellos tiefgreifenden
Wirkung des Unterseebootkrieges und der dadurch geschaffenen Unsicherheit
für einen Transport starker nordamerikanischer Kräfte auf den europäischen
Kriegsschauplatz? Wie vermochte uns Wilson noch am 18. Januar 1918 unter
dem Beifall der gegnerischen Regierungen Bedingungen für einen Frieden
zuzumuten, die man wohl einem völlig geschlagenen Feind diktieren konnte,
mit denen man aber doch nicht an einen Gegner herantreten durfte, der
bisher erfolgreich gefochten hatte, und der fast überall tief in
Feindesland stand?“
Meine Antwort darauf war damals und ist noch jetzt folgende:
Während wir die feindlichen Armeen niederschlugen, richteten sich die
Blicke ihrer Regierungen und Völker unentwegt auf die Entwicklung der
inneren Zustände unseres Vaterlandes und der Länder unserer
Bundesgenossen. Dem Gegner konnten die Schwächen, die ich im
Vorausgehenden geschildert habe, nicht verborgen bleiben. Diese Schwächen
aber stärkten seine uns so oft unbegreiflichen Hoffnungen und seinen
Willen zum Siege.
Nicht nur der feindliche Nachrichtendienst, der unter den denkbar
günstigsten Verhältnissen arbeitete, gab dem Gegner den wünschenswerten
vollen Einblick in unsere Verhältnisse, sondern auch unser Volk und seine
politischen Vertreter taten nichts, um die heimatlichen Mißstände vor den
gegnerischen Augen zu verbergen. Der Deutsche erwies sich als noch nicht
so weit politisch geschult, daß er imstande gewesen wäre, sich zu
beherrschen. Er mußte seine Gedanken aussprechen, mochten sie für den
Augenblick auch noch so verheerend wirken. Er glaubte, seine Eitelkeit
befriedigen zu müssen, indem er sein Wissen und seine Gefühle der weiten
Welt mitteilte. Ob er mit diesem Verhalten dem Vaterland nützte oder
schadete, war bei dem vagen weltbürgerlichen Gefühle, in dem er vielfach
lebt, für ihn meist eine Frage zweiter Ordnung. Er glaubte, gerecht und
klug geredet zu haben, war hiervon selbst befriedigt und setzte voraus,
daß es auch seine Zuhörer sein würden. Damit war der Fall für ihn dann
erledigt.
Dieser Fehler hat uns im großen Ringen um unser völkisches Dasein mehr
geschadet als militärischer Mißerfolg. Dem Mangel an politischer
Selbstzucht, wie sie dem Engländer zur zweiten Natur geworden ist, dem
Fehlen einer von kosmopolitischen Schwärmereien völlig freien
Vaterlandsliebe, wie sie den Franzosen durchglüht, schiebe ich letzten
Endes auch die deutsche Friedensresolution zu, die am 19. Juli 1917 die
Billigung des Reichstages fand, also an dem Tage, an dem das Todesringen
der russischen Kriegsmacht handgreiflich wurde. Ich weiß sehr wohl, daß
unter den sachlichen Gründen, die damals für diese Resolution
ausschlaggebend waren, mancherlei Enttäuschungen über den Gang des Krieges
sowie über die sichtbaren Ergebnisse unserer Unterseebootkriegführung eine
große Rolle spielten. Man konnte über die Berechtigung zu einem solchen
Mißtrauen unserer Lage gegenüber verschiedener Anschauung sein –
bekanntlich beurteilte ich sie günstiger – aber für völlig verfehlt
glaubte ich die Art und Weise beurteilen zu müssen, in der man sich von
parlamentarischer Seite zu einem solchen Schritte entschloß. Zu einem
Zeitpunkt, in dem die Gegner bei einem richtigen, politischen Verhalten
der Deutschen vielleicht froh gewesen wären, wenn sie irgend welche leisen
Friedensneigungen aus dem Pulsschlag unseres Volkes hätten entnehmen
können, schrien wir ihnen unsere Friedenssehnsucht geradezu in die Ohren.
Die Redensarten, mit denen man das Wesen der Sache zu umkleiden versuchte,
waren zu fadenscheinig, als daß sie irgend jemanden im feindlichen Lager
hätten täuschen können. So fand bei uns das Wort Clémenceaus „Ich führe
Krieg!“ das Echo: „Wir suchen Frieden!“
Ich wandte mich damals gegen diese Friedensresolution nicht vom
Standpunkte menschlichen Gefühles sondern vom Standpunkte soldatischen
Denkens. Ich sah voraus, was sie uns kosten würde, und kleidete das in die
Worte: „Mindestens ein weiteres Kriegsjahr!“ Ein weiteres Kriegsjahr in
unserer eigenen und unserer Verbündeten schweren Lage!