Im Westen

Mit größter Spannung sahen wir vom Eintritt der besseren Jahreszeit ab dem

Beginn des erwarteten allgemeinen gegnerischen Angriffes im Westen

entgegen. Wir hatten uns durch die Neugruppierung unserer Kräfte auf ihn

strategisch vorbereitet, aber wir hatten im Laufe des Winters auch in

taktischer Beziehung alle Maßnahmen getroffen, dieser jedenfalls größten

aller bisherigen feindlichen Kraftanstrengungen zu begegnen.

Zu diesen Maßnahmen gehörten nicht in letzter Linie die Änderungen unseres

bisherigen Verteidigungsverfahrens. Sie wurden von uns auf Grund der

Erfahrungen in den bisherigen Kämpfen verfügt. Nicht mehr aus einzelnen

Linien und Stützpunkten sondern aus Liniensystemen und Stützpunktgruppen

sollten in Zukunft unsere Verteidigungsanlagen bestehen. In den dadurch

gebildeten tiefen Zonen wollten wir die Truppen nicht in

zusammenhängenden, starren Fronten, sondern in reicher Gruppierung und

Gliederung nach der Breite und Tiefe aufbauen. Der Verteidiger hatte seine

Kräfte beweglich zu halten, um der vernichtenden feindlichen Wirkung

während des Vorbereitungskampfes auszuweichen, hier und dort unhaltbar

gewordene Stellungsteile freiwillig preiszugeben und dann im Gegenstoß das

wieder zu gewinnen, was zur Behauptung der allgemeinen Stellung nötig war.

Diese Grundsätze galten im Kleinen wie im Großen.

Der verheerenden Wirkung der feindlichen Artillerie und Minenwerfer und

den überraschenden gegnerischen Anstürmen setzten wir also eine Vermehrung

und reichere Gliederung unserer Verteidigungsanlagen und die Beweglichkeit

unserer Kampfmittel entgegen. Gleichzeitig wurde der Grundsatz

verwirklicht, in den vorderen Widerstandslinien durch Erhöhung der Zahl

der Maschinengewehre Menschenkräfte zu schonen und damit solche zu sparen.

Mit dieser tiefgreifenden Änderung unseres Verteidigungsverfahrens nahmen

wir ohne Zweifel ein Wagnis auf uns. Dies bestand in erster Linie darin,

daß wir mitten im Kriege den Bruch mit taktischen Gewohnheiten und

Erfahrungen forderten, in die sich die untere Führung und die Truppe

eingelebt hatten, und die sie vielfach mit begreiflichen Vorurteilen

schätzten. Der Übergang von einer taktischen Anschauung in eine andere

bedeutet schon im Frieden eine gewisse Krisis. Er bringt auf der einen

Seite Übertreibungen im Neuen, auf der anderen schwer belehrbares

Festhalten am Alten mit sich. Mißverständnisse drängen sich in den

klarsten Wortlaut der Vorschriften ein; selbständige und willkürliche

Auslegungen feiern Orgien; das Trägheitsmoment im menschlichen Denken und

Handeln wird manchmal nicht ohne kräftigsten Antrieb überwunden.

Aber nicht nur aus diesen Gründen bedeuteten unsere taktischen Änderungen

einen gewagten Schritt. Fast noch schwerer war es, die Frage zu bejahen,

ob denn unser Heer mitten im Kriege in seiner jetzigen Verfassung imstande

sein würde, diese Änderungen in sich aufzunehmen und auf die Wirklichkeit

des Schlachtfeldes zu übertragen. Wir konnten uns nicht im Zweifel darüber

sein, daß das Kriegsinstrument, mit dem wir jetzt zu arbeiten hatten, mit

demjenigen der Jahre 1914 und 1915, ja selbst mit demjenigen des Beginnes

von 1916 kaum noch zu vergleichen war. Eine Unsumme herrlichster Kraft lag

in unseren Ehrenfriedhöfen gebettet oder war mit zertrümmerten Gliedern

oder krankem Körper an die Heimat gebannt. Ein stolzer Kern unserer

Soldaten vom Jahre 1914 war freilich auch heute noch vorhanden, und an ihn

schloß sich viel junge, begeisterungsfähige Kraft und opferfreudiger

Wille. Aber das allein macht die Stärke eines Heeres nicht aus; Kraft und

Wille müssen geschult und durch Erfahrungen geläutert werden. Ein Heer mit

dem sittlichen und geistigen Reichtum, mit der machtvollen geschichtlichen

Überlieferung wie das deutsche von 1914 überdauert zwar in seinem inneren

Werte manche Kriegsjahre, wenn ihm nur die Zufuhr frischer körperlicher

und sittlicher Kräfte aus der Heimat erhalten bleibt. Der Gesamtwert

jedoch wird, ja er muß nach dem natürlichen Lauf der Dinge sinken, wenn

auch sein Verhältniswert jedem Feinde gegenüber, der gleich lang im Felde

steht, in voller Höhe und Überlegenheit erhalten bleibt.

Unser neues Verteidigungsverfahren stellte an die moralische Kraft und an

das Können der Truppe hohe Anforderungen, indem es den festen äußeren

Zusammenhalt der Verteidigung lockerte und damit die Selbständigkeit

kleinster Teile zum höchsten Grundsatz erhob. Der taktische Zusammenhang

war nicht mehr in äußerlich sichtbaren Linien und Gruppen gegeben, sondern

im geistigen Bande taktischen Zusammengreifens. Es liegt keine

Übertreibung darin, wenn ich sage, daß unter den vorliegenden

Verhältnissen in dem Übergang zu diesen neuen Grundsätzen die größte

Vertrauenskundgebung lag, die wir der geistigen und sittlichen Kraft

unseres Heeres, und zwar all seiner Teile, aussprechen konnten. Schon die

nächste Zukunft mußte den Beweis liefern, ob dieses Vertrauen

gerechtfertigt war.

Das erste Unwetter im Westen bricht nach begonnenem Frühjahr los. Am

9. April gibt der englische Angriff bei Arras den Auftakt zur großen,

feindlichen Frühjahrsoffensive. Der Angriff wird tagelang vorbereitet mit

der ganzen brutalen Wucht feindlicher Artillerie- und Minenwerfer-Massen,

nichts von Überraschungstaktik im Sinne Nivelles vom Oktober des

vergangenen Jahres. Traut man diesem Verfahren von englischer Seite nicht,

oder fühlt man sich taktisch hierfür zu ungewandt? Der Grund ist für den

Augenblick gleichgültig, die Tatsache genügt und redet eine furchtbare

Sprache. Der englische Angriff braust über die ersten, zweiten, dritten

Gräben hinweg. Stützpunktgruppen versagen oder verstummen nach

heldenmütigem Widerstand; Artillerie geht in Masse verloren. Das

Verteidigungsverfahren hatte scheinbar versagt!

Eine schwere Krise tritt ein. Eine jener Lagen, in der alles haltlos

geworden zu sein scheint. „Krisen muß man vermeiden“, ruft der Laie. Der

Soldat kann ihm nur antworten: „Dann verzichten wir besser von vornherein

auf den Krieg, denn sie sind unvermeidlich. Sie liegen einfach in der

Natur des Krieges und kennzeichnen ihn als das Gebiet des Ungewissen und

der Gefahr. Nicht Krisen zu vermeiden sondern sie zu überwinden, ist

Aufgabe der Kriegskunst. Wer schon vor ihrem Drohen zurückschrecken

wollte, bindet sich selbst die Hände, wird ein Spielball des kühneren

Gegners und geht bald in einer Krisis zu Grunde.“

Ich will hiermit nicht behaupten, daß die Krisis am 9. April nach all den

Vorbereitungen, die man zu treffen imstande gewesen wäre, nicht hätte

vermieden werden können. Sie brauchte wenigstens nicht in dieser

furchtbaren Größe einzutreten, wenn man mit rechtzeitig herangeholten

Reserven im Gegenstoß dem feindlichen Einbruch entgegenging. Mit schweren

örtlichen Erschütterungen der Verteidigung wird man freilich bei solch

höllischer Vorbereitung des Angriffs immer rechnen müssen.

Der abendliche Vortrag entwirft an diesem 9. April ein düsteres Bild, viel

Schatten, wenig Licht. Doch man muß in solchen Fällen nach Licht suchen.

Ein Strahl, wenn auch noch in unsicheren Umrissen, deutet sich an. Der

Engländer scheint es nicht verstanden zu haben, den errungenen Erfolg bis

zu seinem letztmöglichen Ergebnis auszunützen. Ein Glück für uns, jetzt,

wie schon manchmal vorher. Nach dem Vortrag drücke ich meinem Ersten

Generalquartiermeister die Hand mit den Worten: „Nun, wir haben schon

Schwereres miteinander durchgemacht als heute.“ Heute, an seinem

Geburtstage! Mein Vertrauen bleibt unerschüttert. Ich wußte, neue Truppen

von uns marschieren auf das Schlachtfeld, Eisenbahnzüge rollen heran. Die

Krisis wird überwunden. In mir selbst wenigstens war sie zu Ende. Der

Kampf aber tobte weiter.

Ein anderes Schlachtbild: Auch bei Soissons und von da ab weit hin nach

Osten bis in die Gegend von Reims donnern gleichfalls von der ersten

Aprilwoche ab die französischen Kanonen; viele hundert feindliche

Minenwerfer schleudern dort ihre Geschosse. Hier befehligt Nivelle, wohl

dank seines berechtigten Ruhmes von Verdun. Auch er hat aus seinen letzten

Erfahrungen bei Verdun nicht die taktischen Folgerungen gezogen, die wir

erwarteten. Tage-, ja eine Woche lang wütet das französische Feuer. Unsere

Verteidigungszonen sollen in ein Trümmer- und Leichenfeld verwandelt, was

vielleicht noch zufällig der körperlichen Zerstörung entgeht, soll

wenigstens seelisch gebrochen werden. In dieser furchtbaren Esse scheint

die Erreichung solcher Absicht außer Zweifel zu stehen. Endlich hält

Nivelle unsere Truppen für vernichtet oder wenigstens hinreichend

zermürbt. Er läßt seine siegessicheren Bataillone am 16. April zum Sturme,

wir wollen besser sagen, zur Ernte der in der Feuerglut gereiften Früchte

antreten. Da geschieht das Unbegreifliche. Zwischen den Trümmern und

Trichtern erhebt sich deutsches Leben, deutsche Kraft und deutscher Wille

und schleudert sein Verderben in die stürmenden Linien und die ihnen

folgenden, in unserem losbrechenden Feuer wirbelnden und sich

zusammenballenden Haufen. Wohl wird der deutsche Widerstand an den am

schwersten erschütterten Stellen niedergetreten, aber was bedeutet in

diesem Riesenkampfe ein Verlust von einzelnen Stellungsteilen gegenüber

der siegreichen Behauptung der allgemeinen Front?

Die Schlacht zeigt schon in den ersten Tagen eine ausgesprochene

französische Niederlage. Der blutige Rückschlag wirft die französische

Führung und Truppe in bitterste, ja verbitterte Enttäuschung.

Der Kampf bei Arras, bei Soissons und bei Reims tobt noch wochenlang. Er

bringt nur einen einzigen taktischen Unterschied gegenüber dem Ringen an

der Somme im vergangenen Jahre, und den möchte ich zu erwähnen nicht

vergessen: der Gegner erringt nämlich über die ersten Tage hinaus nirgends

mehr einen nennenswerten Erfolg, und schon nach wenigen Wochen sinkt er

auf seinen Angriffsfeldern erschöpft in den Stellungskrieg zurück. Unser

Abwehrverfahren hat sich also doch noch glänzend bewährt!

Und nun noch ein drittes Bild: Die Szenen spielen sich ab auf den Höhen

von Wytschaete und Messines, nordwestlich Lille, angesichts des Kemmel. Es

ist der 7. Juni. Also ein Zeitpunkt, an dem das Scheitern der vorher

erwähnten Kämpfe schon zweifelsfrei feststeht. Die Lage auf den

Wytschaeter Höhen, dem Schlüsselpunkt des dortigen Stellungsbogens, ist

wenig günstig für neuzeitliche Verteidigung. Der verhältnismäßig schmale

Rücken gestattet nicht die Anwendung einer genügend tiefen Zone. Das

vorderste Grabensystem liegt auf den Westhängen und bietet feindlicher

Artillerie treffliche Ziele. Das feuchte Erdreich rutscht im Sommer und

Winter, der Boden ist vielfach vom Minenkrieg zerwühlt, einer Kampfart,

die früher gerade hier um den Besitz der wichtigsten Stellungsteile mit

äußerster Erbitterung angewendet worden war. Doch hört man seit langem

nichts mehr von unterirdischem Wühlen. Nicht nur von Westen, sondern auch

von Süd und Nord her ist die Verteidigung auf den Höhen bei St. Eloi sowie

an den beiden Eckpfeilern Wytschaete und Messines durch die gegnerische

Artillerie zu fassen.

Der Engländer bereitet seinen Angriff in gewohnter Weise vor. Der

Verteidiger leidet schwer, schwerer als nur irgendwo bisher. Auf unsere

besorgte Frage, ob die Höhen nicht besser freiwillig geräumt würden,

erfolgt die mannhafte Antwort: „Wir werden halten, noch stehen wir fest!“

Als aber der verhängnisvolle 7. Juni anbricht, erhebt sich der Boden unter

den Verteidigungslinien, ihre wichtigsten Stützteile brechen zusammen und

durch den Rauch und die niederstürzenden Erdmassen der gesprengten

Minenreihen schreiten die englischen Sturmtruppen über die letzten Reste

deutscher Verteidigungskraft hinweg. Krampfhafte Versuche unsererseits,

die Lage durch Gegenstoß zu retten, scheitern an dem mörderischen

feindlichen Artilleriefeuer, das aus weitem Bogen das Rückengebiet der

verlorenen Stellungen in einen wahren Feuerkessel verwandelt. Trotzdem

gelingt es auch hier, den Gegner vor vollendetem Durchbruch unserer Linien

zum Halten zu bringen. Unsere Verluste an Menschen wie Kriegsgerät sind

schwer; die Preisgabe des Geländes wäre zu verschmerzen gewesen.

Das bisherige Gesamtergebnis der großen feindlichen Offensive im Westen

war nach meinem Urteil für uns nicht unbefriedigend. Geschlagen waren wir

nirgends. Selbst die bedenklichsten Gefahren hatten wir aufgefangen.

Nirgends war es dem Feinde gelungen, über einen mäßigen Geländegewinn

hinaus größere Ziele zu erreichen, geschweige denn aus der

Durchbruchsschlacht zur freien Operation übergehen zu können. Die

Auswertung dieser unserer Erfolge im Westen sollte auch diesmal an anderen

Fronten stattfinden.

Aus meinem Leben(#30695) · 第 59 / 118 题