Innere Politik

Den Tagesfragen der inneren Politik hatte ich als aktiver Soldat ferner

gestanden. Auch nach meinem Übertritt in den Ruhestand beschäftigten sie

mich nur in dem Rahmen eines stillen Beobachters. Ich vermochte nicht zu

verstehen, daß hier und da das Gesamtwohl des Vaterlandes oft recht

kleinlichen Parteiinteressen gegenüber zurücktreten sollte, und fühlte

mich in meiner politischen Überzeugung am wohlsten in dem Schatten des

Baumes, der in dem ethisch-politischen Boden der Epoche unseres großen

greisen Kaisers festwurzelte. Diese Zeit mit ihrer für mich wunderbaren

Größe hatte ich voll und ganz in mich aufgenommen und hielt an ihren

Gedanken und Richtlinien fest. Die Erlebnisse während des jetzigen Krieges

waren nicht geeignet, mich für die Änderungen einer neueren Zeit besonders

zu erwärmen. Ein kraftvoll in sich geschlossener Staat im Sinne Bismarcks

war die Welt, in der ich mich in Gedanken am liebsten bewegte. Zucht und

Arbeit innerhalb des Vaterlandes standen für mich höher als

kosmopolitische Phantasien. Auch erkannte ich kein Recht für einen

Staatsbürger an, dem nicht eine gleichwertige Pflicht gegenüberzustellen

wäre.

Im Kriege dachte ich nur an den Krieg. Hindernisse, die der Kraft seiner

Führung entgegentraten, sollten nach meiner Auffassung vom Ernst der Lage

rücksichtslos beseitigt werden. So machten es unsere Feinde, und wir

hätten an ihrem Beispiel lernen können. Leider haben wir es nicht getan,

sondern sind einem Wahngebilde der Völkergerechtigkeit verfallen, anstatt

das eigene Staatsgefühl und die eigene Staatskraft im Kampfe um unser

Dasein über alles andere zu stellen.

Während des Krieges mußte sich die Oberste Heeresleitung mit einzelnen

innerstaatlichen Aufgaben, besonders auf wirtschaftlichem Gebiete,

beschäftigen. Wir suchten diese Aufgaben nicht; sie drängten sich, mehr

als mir erwünscht war, an uns heran. Die innigen Beziehungen zwischen Heer

und Volkswirtschaft machten es uns unmöglich, die wirtschaftlichen

Heimatfragen von der Kriegführung durch eine Grenzlinie ähnlich einer

solchen zwischen Kriegsgebiet und Heimat zu trennen.

Das große Kriegsindustrieprogramm, das meinen Namen trägt, vertrat ich mit

der vollen Verantwortung für seinen Inhalt. Die einzige Richtlinie, die

ich für seine Bearbeitung gab, lautete dahin, daß der Bedarf für unsere

kämpfenden Truppen unter allen Umständen gedeckt werden müßte. Einen

anderen Grundsatz als diesen hätte ich im vorliegenden Falle für ein

Vergehen an unserem Heere und an unserem Vaterlande gehalten. Bei unsern

Forderungen waren die Zahlen den früheren gegenüber freilich ins Riesige

gewachsen; ob sie erreicht werden konnten, vermochte ich nicht zu

beurteilen. Man hat nach dem Kriege dem Programm den Vorwurf gemacht, es

sei durch die Verzweiflung diktiert worden. Der Erfinder dieser Phrase

täuschte sich vollständig über die Stimmung, unter deren Einfluß dieses

Programm entstanden ist.

An der Einbringung des Gesetzes über den Kriegshilfsdienst war ich mit

ganzem Herzen beteiligt. In der Not des Vaterlandes sollten sich nach

meinem Wunsche nicht nur alle waffenfähigen sondern auch alle

arbeitsfähigen Männer, ja selbst Frauen, in den Dienst der großen Sache

stellen oder gestellt werden. Ich glaubte, daß durch ein solches Gesetz

nicht nur personelle sondern auch sittliche Kräfte ausgelöst würden, die

wir in die Wagschale des Krieges werfen konnten. Die schließliche

Gestaltung des Gesetzes zeigte freilich ein wesentlich anderes, weit

bescheideneres Ergebnis, als mir vorgeschwebt hatte. Angesichts dieser

Enttäuschung bedauerte ich fast, daß wir unser Ziel nicht auf den schon

bestehenden Gesetzesgrundlagen angestrebt hatten, wie das von anderer

Seite beabsichtigt gewesen war. Der Gedanke, die Annahme des Gesetzes zu

einer macht- und eindrucksvollen Kundgebung des gesamten deutschen Volkes

zu gestalten, hatte mich den Einfluß der bestehenden inneren politischen

Verhältnisse übersehen lassen. Das Gesetz kam schließlich zustande auf dem

Boden innerpolitischer Handelsgeschäfte, nicht aber auf dem tiefgehender

vaterländischer Stimmung.

Man hat der Obersten Heeresleitung vorgeworfen, daß sie durch das Gesetz

über den „Vaterländischen Hilfsdienst“ und durch die Forderungen des

sogenannten „Hindenburg-Programms“ in sozialer wie in finanzieller und

wirtschaftlicher Beziehung zu überstürzenden Maßnahmen Anlaß gegeben

hätte, deren Folgen sich bis zu unserem staatlichen Umsturz, ja sogar

darüber hinaus noch deutlich verfolgen ließen. Ich muß der zukünftigen,

von den gegenwärtigen Parteiströmungen befreiten Forschung zur

Entscheidung überlassen, ob diese Vorwürfe gerechtfertigt sind. Auf einen

Punkt möchte ich jedoch noch hinweisen: Das Fehlen eines für den Krieg

geschulten wirtschaftlichen Generalstabes machte sich im Verlauf unseres

Kampfes außerordentlich fühlbar. Die Erfahrung zeigte, daß sich ein

solcher während des Krieges nicht aus dem Boden stampfen läßt. So glänzend

unsere militärische und, ich darf wohl sagen, finanzielle Mobilmachung

geregelt war, so sehr fehlte es andererseits an einer wirtschaftlichen.

Was sich in letzterer Beziehung als notwendig erwies und geleistet werden

mußte, überstieg alle früheren Vorstellungen. Wir sahen uns angesichts der

nahezu völligen Absperrung von den Auslandslieferungen bei der langen

Dauer des Krieges sowie bei dem ungeheuren Materialverbrauch und

Schießbedarf vor völlig neue Aufgaben gestellt, an die sich im Frieden

kaum irgend eine menschliche Phantasie herangewagt hatte. Bei all den

entstehenden Riesenaufgaben, die Heer und Heimat gleichzeitig und aufs

innigste berührten, zeigte sich das unbedingte Erfordernis einer festen

Zusammenarbeit von allen Staatsstellen, wenn das Getriebe nur einigermaßen

reibungslos arbeiten sollte. Notwendig wäre es wohl gewesen, eine

gemeinsame Zentralbehörde zu schaffen, bei der alle Forderungen

zusammenliefen, und von der alle Leistungen verteilt wurden. Nur eine

solche Behörde hätte wirtschaftlich und militärisch weitblickende

Entscheidungen treffen können. Sie hätte unterstützt von

volkswirtschaftlichen Größen, die imstande waren, die Folgen ihrer

Entscheidungen weithin zu überblicken, im freien Geiste geleitet werden

müssen. An einer solchen Behörde fehlte es. Es bedarf keiner näheren

Erläuterungen, daß nur ein ungewöhnlich begabter Verstand und eine

ungewöhnlich organisatorische Kraft einer solchen Aufgabe hätte gewachsen

sein können. Selbst bei Erfüllung aller dieser Vorbedingungen wären

schwere Reibungen nicht ausgeblieben.

So sehr ich zu vermeiden trachtete, mich bei inneren politischen Fragen in

das Parteigetriebe einzumischen oder gar einer der bestehenden Parteien

Vorspanndienste zu leisten, so gern lieh ich sozialen Fragen allgemeiner

Natur meine Unterstützung. Besonders glaubte ich zur Frage der

Kriegerheimstätten die wohlwollendste Stellung einnehmen zu müssen. Meinen

Beifall hatte vornehmlich die ethische Seite dieser Bestrebungen. Kannte

ich doch keinen schöneren und befriedigerenden Blick als den über ein

wohlgepflegtes Stück Kulturland hinweg in das Heim zufriedener Menschen.

Wie viele unserer Tapferen an der Front werden in stillen Stunden ein

Hoffen und Sehnen nach solchem in sich gefühlt haben. Mein Wunsch geht

dahin, daß recht zahlreichen meiner treuen Kriegsgefährten nach allen

Leiden und Mühen dieses Glück beschieden sei!

Aus meinem Leben(#30695) · 第 53 / 118 题