Die Beschäftigung mit der reichen geschichtlichen Vergangenheit unseres
Vaterlandes war mir stets ein Bedürfnis. Lebensgeschichten seiner großen
Söhne waren für mich gleichbedeutend mit Erbauungsschriften. In keiner
Lage meines Lebens, auch im Kriege nicht, wollte ich diese Art meiner
Belehrung und inneren Erhebung vermissen. Und doch hätte man ein volles
Recht gehabt, in mir eine unpolitische Natur zu sehen. Betätigung
innerhalb der Gegenwartspolitik widersprach meinen Neigungen. Vielleicht
war hierfür mein Hang zur politischen Kritik zu schwach, vielleicht auch
mein soldatisches Gefühl zu stark entwickelt. Auf letztere Ursache ist
dann wohl auch meine Abneigung gegen alles Diplomatische zurückzuführen.
Man nenne diese Abneigung Vorurteil oder Mangel an Verständnis, die
Tatsache hätte ich auch dann an dieser Stelle nicht abgeleugnet, wenn ich
ihr während des Krieges nicht so oft und so laut hätte Ausdruck geben
müssen. Ich hatte das Empfinden, als ob die diplomatische Beschäftigung
wesensfremde Anforderungen an uns Deutsche stellt. Darin liegt wohl einer
der Hauptgründe für unsere außenpolitische Rückständigkeit. Eine solche
mußte sich um so stärker geltend machen, je mehr wir durch machtvolle
Entfaltung unseres Handels und unserer Industrie sowie durch Hinausdrängen
unserer geistigen Kräfte über die vaterländischen Grenzen hinaus zu einem
Weltvolk zu werden schienen. Das in sich geschlossene, ruhige, staatliche
Kraftbewußtsein, wie es Englands Politiker bewahrten, fand ich nicht immer
bei den unserigen.
Weder bei meiner Tätigkeit in den höheren Führerstellen des Ostens noch
bei meiner Berufung in den Wirkungskreis als Chef des Generalstabes des
Feldheeres hatte ich das Bedürfnis und die Neigung, mich mehr als
unbedingt notwendig mit gegenwärtigen politischen Fragen zu beschäftigen.
Freilich hielt ich in einem Koalitionskrieg mit seinen unendlich vielen
und mannigfaltigen, auf die Kriegführung wirkenden Entscheidungen eine
völlige Zurückhaltung der Kriegsleitung von der Politik für unmöglich.
Trotzdem erkannte ich auch in unserem Falle das, was Bismarck als Norm für
das gegenseitige Verhältnis zwischen militärischer und politischer Führung
im Kriege hingestellt hatte, als durchaus einem gesunden Zustand
entsprechend. Auch Moltke stand auf dem Boden der bismarckschen
Auffassung, wenn er sagte:
„Der Führer hat bei seinen Operationen den militärischen Erfolg in
erster Linie im Auge zu behalten. Was aber die Politik mit seinen Siegen
oder Niederlagen anfängt, ist nicht seine Sache, deren Ausnützung ist
vielmehr allein Sache der Politiker.“
Andererseits würde ich es aber doch vor meinem Gewissen nicht haben
verantworten können, wenn ich nicht meine Anschauungen in all den Fällen
zur Geltung gebracht hätte, in denen die Bestrebungen anderer uns nach
meiner Überzeugung auf eine bedenkliche Bahn führten, wenn ich nicht da
zur Tat getrieben hätte, wo ich Tatenlosigkeit oder Tatenunlust zu
bemerken glaubte, wenn ich endlich meine Ansichten für Gegenwart und
Zukunft nicht dann mit aller Schärfe vertreten hätte, wenn die
Kriegführung und die zukünftige militärische Sicherheit meines Vaterlandes
durch politische Maßnahmen berührt oder gar gefährdet wurden. Man wird mir
zugeben, daß die Grenzen zwischen Politik und Kriegführung sich wohl nie
mit voller Schärfe ziehen lassen werden. Beide müssen schon im Frieden
zusammenwirken, da ihre Gebiete eine wechselseitige Verständigung
unbedingt verlangen. Sie müssen sich im Kriege, in dem ihre Fäden
tausendfach verschlungen sind, gegenseitig ununterbrochen ergänzen. Dieses
schwierige Verhältnis wird sich nie durch Bestimmungen regeln lassen. Auch
der lapidare Stil Bismarcks läßt die Grenzlinien ineinander überfließend
erscheinen. Es entscheidet eben in diesen Fragen nicht nur die sachliche
Materie sondern auch der Charakter der an ihrer Lösung arbeitenden
Persönlichkeiten.
Ich gebe zu, daß ich gar manche Äußerungen über politische Fragen mit
meinem Namen und meiner Verantwortung deckte, auch wenn sie mit unserer
derzeitigen kriegerischen Lage nur in losem Zusammenhang standen. Ich
drängte mich in solchen Fällen niemandem auf. Wenn jedoch jemand meine
Ansicht haben wollte, wenn eine Frage kam, die einer Erledigung und
Äußerung von deutscher Seite harrte und keine fand, dann sah ich keinen
Grund dafür ein, warum ich schweigen sollte.
Bei einer der ersten politischen Fragen, die an mich kurz nach Übernahme
der Obersten Heeresleitung herantraten, handelte es sich um die Zukunft
Polens. Angesichts der großen Bedeutung dieser Frage während des Krieges
und nach diesem glaube ich auf den Verlauf ihrer Behandlung eingehen zu
müssen.
Ich habe früher nie eine persönliche Abneigung gegen das polnische Volk
empfunden; andererseits hätte mir aber auch jeder vaterländische Instinkt,
jede Kenntnis geschichtlicher Entwicklungen fehlen müssen, wenn ich die
schweren Gefahren verkannt hätte, die in einer Wiederaufrichtung Polens
für mein Vaterland lagen. Ich gab mich keinem Zweifel darüber hin, daß wir
von Polen nie und nimmer auch nur die Spur eines Dankes dafür erwarten
könnten, daß wir es durch unser Schwert und Blut von der russischen Knute
befreiten, so wenig wir je eine Anerkennung für die wirtschaftliche und
geistige Hebung unserer preußisch-polnischen Volksteile erhalten haben.
Nie also würde Dankesschuld, sofern eine solche in der Politik überhaupt
anerkannt würde, das neu errichtete freie Polen von einer Irredenta in
unseren angrenzenden Landesteilen abgehalten haben.
Von welcher Seite man auch das polnische Problem zu lösen versuchte, immer
mußte Preußen-Deutschland der leidtragende Teil sein, der die politische
Zeche zu zahlen hatte. Österreich-Ungarns Staatsleitung schien dagegen in
der Schöpfung eines freien geeinigten Polens keine Gefahr für das eigene
Staatswesen zu befürchten. Einflußreiche Kreise in Wien wie in Budapest
glaubten vielmehr, daß es möglich sein würde, das katholische Polen
dauernd an die Doppelmonarchie zu fesseln. Bei der grundsätzlich
deutschfeindlichen Haltung der Polen schloß diese österreichische Politik
eine schwere Gefahr für uns in sich. Es war nicht zu verkennen, daß
hierdurch die Festigkeit unseres Bündnisses in Zukunft einer auf die Dauer
unerträglichen Belastungsprobe ausgesetzt werden würde. Die Oberste
Heeresleitung durfte diesen politischen Gesichtspunkt bei ihrer Sorge um
unsere zukünftige militärische Lage an der Ostgrenze unter keiner
Bedingung aus dem Auge verlieren.
Aus all diesen politischen wie militärischen Erwägungen hätte sich meines
Erachtens für Deutschland die Lehre ergeben, an der polnischen Frage
möglichst wenig zu rühren oder sie wenigstens, wie man sich in solchen
Fällen ausdrückt, dilatorisch zu behandeln. Dies war aber von deutscher
Seite leider nicht geschehen. Die Gründe, warum wir aus der gebotenen
Vorsicht heraustraten, sind mir unbekannt. Zwischen der deutschen und
österreichisch-ungarischen Reichsleitung war nämlich Mitte August 1916 in
Wien eine Vereinbarung getroffen worden, nach welcher baldmöglichst die
öffentliche Verkündigung eines selbständigen Königreichs Polen mit
erblicher Monarchie und konstitutioneller Verfassung erfolgen sollte.
Diese Abmachung hatte man dadurch für uns Deutsche schmackhafter zu machen
versucht, daß die beiden Vertragschließenden sich verpflichtet hatten,
keinen Teil ihrer einstmals polnischen Landesteile dem neuen polnischen
Staat zufallen zu lassen, und daß Deutschland die oberste Führung der
einheitlichen polnischen Zukunftsarmee zugesprochen erhielt. Beide
Zugeständnisse hielt ich für Utopien.
Durch diese öffentliche Verkündigung würden die politischen Verhältnisse
im Rückengebiet unserer Ostfront völlig verändert worden sein. Mein
Vorgänger hatte infolgedessen mit Recht sofort gegen diese Verkündigung
Einspruch erhoben. Seine Majestät der Kaiser entschied zugunsten des
Generals von Falkenhayn. Nun war es aber für jedermann, der die Zustände
in der Donaumonarchie kannte, klar, daß die in Wien einmal getroffene
Vereinbarung nicht geheim bleiben würde. Sie konnte wohl noch eine kurze
Zeit offiziell zurückgehalten aber nicht mehr aus der Welt geschafft
werden. In der Tat war sie schon Ende August allgemein bekannt. So stand
ich bei Übernahme der Obersten Heeresleitung einer vollendeten Tatsache
gegenüber.
Kurze Zeit darauf forderte der mir dienstlich nicht unterstellte
Generalgouverneur von Warschau von unserer Reichsleitung die Verkündigung
des polnischen Königsreichs als eine nicht länger hinausschiebbare
Tatsache. Er ließ die Wahl zwischen Schwierigkeiten im Lande und der
sicheren Aussicht auf eine Verstärkung unserer Streitkräfte durch
polnische Truppen, die sich im Frühjahr 1917 bei freiwilligem Eintritt auf
5 ausgebildete Divisionen, bei Einführung der allgemeinen Wehrpflicht auf
1 Million Mann belaufen würden. Eine so wenig günstige Meinung ich auch
glaubte, 1914 und 15 von einer Teilnahme der polnischen Bevölkerung am
Krieg gegen Rußland gewonnen zu haben, der Generalgouverneur mußte es
besser wissen. Er kannte die Entwicklung der inneren politischen
Verhältnisse des eroberten Landes seit 1915 und war der Überzeugung, daß
uns die Geistlichkeit wirksam bei der Werbung zum Kampf unterstützen
würde.
Wie hätte ich es da bei unserer Kriegslage verantworten können, diese als
so bestimmt bezeichnete Hilfe abzulehnen? Entschied ich mich aber für
diese, so durfte keine Zeit verloren gehen, damit wir bis zum Beginn der
nächsten Frühjahrskämpfe leidlich ausgebildete Truppen in der vordersten
Linie einsetzen konnten. Mochte dann ein siegreiches Deutschland sich nach
dem Frieden mit der nun einmal aufgerollten polnischen Frage abfinden.
Da stießen wir, überraschend für mich, auf den Widerstand der
Reichsleitung. Sie glaubte in dieser Zeit Fäden für einen Sonderfrieden
mit Rußland gefunden zu haben und hielt es für bedenklich, die
eingeleiteten Schritte durch die Proklamation eines unabhängigen Polens in
den Augen des Zaren zu kompromittieren. Die politischen und militärischen
Rücksichten gerieten also in Widerstreit.
Der Ausgang der ganzen Angelegenheit war schließlich der, daß die
Hoffnungen auf einen Sonderfrieden mit Rußland scheiterten, daß in den
ersten Tagen des Novembers das Manifest doch veröffentlicht wurde, und daß
die daraufhin eingesetzten Werbungen polnischer Freiwilligen völlig
ergebnislos verliefen. Der Werberuf fand nicht nur keine Unterstützung der
katholischen Geistlichkeit, sondern löste offenen Widerstand aus.
Sofort nach Verkündigung des Manifestes trat der Widerstreit zwischen den
Interessen Österreichs und denjenigen Deutschlands in dem polnischen
Problem hervor. Unsere Verbündeten erstrebten immer offenkundiger eine
Vereinigung Kongreß-Polens mit Galizien unter ihrem beherrschenden
Einfluß. Ich glaubte diesen Bestrebungen gegenüber, sofern sie nicht von
unserer Reichsleitung überhaupt zum Scheitern gebracht werden konnten,
wenigstens für eine entsprechende Verbesserung an unserer Ostgrenze nach
rein militärischen Gesichtspunkten eintreten zu müssen.
Eigentlich konnte ja über alle diese Fragen nur der Ausgang des Krieges
entscheiden. Ich bedauerte es daher lebhaft, daß unsere Zeit durch diese
im Kriege überreichlich in Anspruch genommen wurde. Im übrigen muß ich
betonen, daß die mit unserem Verbündeten entstandenen Reibungen auf
politischem Gebiete niemals auf unsere beiderseitigen militärischen
Verhältnisse irgend welchen Einfluß ausübten.
Eine ähnliche Rolle wie Polen in unseren Beziehungen zu Österreich-Ungarn
spielte die Dobrudscha in unseren politischen und militärischen
Auseinandersetzungen mit Bulgarien. Bei der Dobrudschafrage handelte es
sich letzten Endes darum, ob Bulgarien mit dem uneingeschränkten
zukünftigen Besitz dieses Landes den Schienenweg über Cernavoda-Constanza
in seine Hand bekommen würde. Geschah das, so beherrschte es die letzte
und nächst der Orientbahn wichtigste Landesverbindung zwischen
Mitteleuropa und dem nahen Orient. Bulgarien erkannte natürlich die
günstige Gelegenheit, uns in dieser Richtung während des Krieges
Zugeständnisse abzuringen. Andererseits bat die Türkei als zunächst
berührt um unseren politischen Beistand gegen diese bulgarischen Pläne.
Wir gaben ihr diese Unterstützung. So brach ein politischer Kleinkrieg
unter militärischer Maske los und dauerte nahezu ein Jahr lang an. Der
Verlauf war kurz beschrieben folgender:
Der zwischen uns und Bulgarien abgeschlossene Bündnisvertrag stellte für
einen rumänischen Kriegsfall unseren Bundesgenossen den Wiedergewinn der
im Jahre 1912 verlorenen Teile der südlichen Dobrudscha sowie dortige
Grenzverbesserungen in Aussicht, sprach aber mit keinem Worte von dem
Anheimfall dieser ganzen rumänischen Provinz an Bulgarien. Auf Grund
dieses Vertrages hatten wir die früheren bulgarischen Teile der südlichen
Dobrudscha nach der wesentlichen Beendigung des rumänischen Feldzuges
sofort der Verwaltung der bulgarischen Regierung übergeben, richteten aber
in der Mitteldobrudscha im Einverständnis mit allen unseren Verbündeten
eine deutsche Verwaltung ein. Sie arbeitete auf Grund eines besonderen
Abkommens in wirtschaftlicher Beziehung nahezu ausschließlich zugunsten
Bulgariens. Die nördliche Dobrudscha fiel als Operationsgebiet der dort
stehenden 3. bulgarischen Armee zu. Die Verhältnisse schienen äußerlich
völlig befriedigend geregelt. Doch dauerte diese Zufriedenheit nicht
lange.
Der Fehdehandschuh wurde uns von dem bulgarischen Ministerpräsidenten
hingeworfen. Noch vor Abschluß des rumänischen Feldzuges regte er bei
seinen Politikern den Gedanken des Heimfalls der ganzen Dobrudscha an
Bulgarien an und stellte die deutsche Oberste Heeresleitung als Hemmschuh
dieser Bestrebungen hin. Hieraus entstand eine scharfe politische Bewegung
gegen uns. König Ferdinand war zunächst mit dem Vorgehen seiner Regierung
nicht einverstanden. Dem Druck der entstandenen Erregung glaubte er jedoch
später nachgeben zu müssen. Ebenso hatte sich die bulgarische Oberste
Heeresleitung anfangs nicht in die Angelegenheit hineinziehen lassen. Sie
fühlte wohl die Gefahr, wenn in die schon an sich starken und
verschiedenen politischen Strömungen innerhalb ihres Heeres ein neues
Element der Beunruhigung hineingeworfen würde. Bald leistete aber auch
General Jekoff dem Drängen seines Ministerpräsidenten keinen weiteren
Widerstand mehr. Die angezettelte Bewegung wuchs der bulgarischen
Regierung über den Kopf, und es entstand ein allgemeines politisches
Kesseltreiben gegen die deutsche Oberste Heeresleitung, hauptsächlich
geführt durch unverantwortliche Agitatoren und ohne jede Rücksicht auf das
bestehende waffenbrüderliche Verhältnis. Die Verbissenheit, mit der
bulgarische Kreise an diesem Ziele ihres Heißhungers festhielten, hätte
sich auf dem Gebiete der Kriegführung für die allgemeinen Zwecke besser
gelohnt.
In diesen Zuständen zeigten sich die Folgen einer schädlichen Seite
unserer Bündnisverträge. Wir hatten den Bulgaren bei Abschluß unseres
Waffenbundes seinerzeit die denkbar weitestgehenden Zusicherungen in bezug
auf Vergrößerung des Landes und Vereinigung seiner völkischen Stämme
gemacht, Zusicherungen, die wir nur im Falle eines vollen Sieges hätten
halten können. Bulgarien war aber auch mit diesen Zusicherungen noch nicht
zufrieden. Fortdauernd vergrößerte es seine Ansprüche ganz ohne Rücksicht
darauf, ob das bisher kleine Staatswesen imstande sein würde, solche
Vergrößerungen später politisch und wirtschaftlich beherrschen zu können.
Solche Begehrlichkeiten enthielten für uns aber auch eine unmittelbare
militärische Gefahr. Ich habe schon früher darauf hingewiesen, von welch
großem militärischen Vorteil es gewesen wäre, wenn wir im Herbste 1916 die
Verteidigung an der mazedonischen Front auf dem westlichen Flügel bis in
die Gegend von Prilep zurückverlegt hätten. Nur eine Andeutung
unsererseits in dieser Beziehung genügte, um in allen politischen
bulgarischen Kreisen augenscheinlich schwerwiegende Bedenken
hervorzurufen. Man befürchtete sofort den Verlust der Ansprüche auf
militärisch geräumte Gebiete, man setzte lieber eine ganze Armee auf das
Spiel, als daß man, wie es hieß, die Preisgabe „der altbulgarischen Stadt
Ochrida“ vor dem eigenen Lande zu verantworten wagte. Wir werden später
sehen, wohin uns unsere großen Zugeständnisse an Bulgarien noch führen
sollten.
Das Hin und Her all dieser zahllosen politischen Fragen und Gegenfragen
brachte mir nur unbefriedigende Stunden und verstärkte beträchtlich meine
Abneigung gegen die Politik.
Einen wesentlich anderen Inhalt als unser Bündnisvertrag mit Bulgarien
hatte derjenige mit der Türkei. Deren Regierung gegenüber hatten wir uns
nur zur Erhaltung ihres territorialen Besitzstandes vor dem Kriege
verpflichtet. Nun hatte aber der Osmane im Verlauf der beiden ersten
Kriegsjahre bedeutende Teile seiner asiatischen Randgebiete verloren.
Unsere Bündnisverpflichtungen waren dadurch sehr belastet. Eine
bedenkliche Rückwirkung dieser mißlichen Verhältnisse auf die
Gesamtleitung des Krieges schien nicht ausgeschlossen, weil die türkische
Regierung in dieser Richtung Forderungen stellen konnte, denen wir uns aus
politischen Gründen vielleicht nicht zu entziehen vermochten. In dieser
Hinsicht war daher für uns die hohe Auffassung Enver Paschas von der
gemeinsamen Kriegführung und ihren entscheidenden Gesichtspunkten von
größtem Wert. Auch die politische Auffassung der übrigen türkischen
Machthaber schien uns einstweilen eine Gewähr dafür zu geben, daß die
bisherigen osmanischen Verluste unser Kriegskonto nicht übertrieben
belasten würden. Wurde uns doch versichert, daß die osmanische Regierung
sich im Falle des Eintritts von Friedensverhandlungen nicht auf den
Wortlaut unserer Vertragsbestimmungen versteifen, sondern sich mit der
Anerkennung einer mehr oder minder formellen Hoheit über große Teile der
verlorenen Gebiete abfinden würde, sofern es gelingen solle, eine Formel
zur Erhaltung des Prestiges ihrer jetzigen Regierung zu finden.
Für unsere Politik wie Kriegsleitung war es also eine ganz wesentliche
Aufgabe, die derzeitige osmanische Reichsleitung zu stützen; für Enver wie
für Talaat Pascha fand sich nicht leicht ein Ersatz, der uns voll und
sicher zugetan war. Das durfte uns freilich nicht hindern, politischen
Strömungen in der Türkei entgegenzutreten, die auf die militärischen
Aufgaben des Landes im Rahmen des Gesamtkrieges störend wirkten. Ich
verweise hierbei auf meine früheren Bemerkungen über die panislamitische
Bewegung. Sie drohte andauernd die Türkei militärisch in eine falsche
Richtung abzulenken. Nach dem Zusammenbruch Rußlands suchte der
Panislamismus sein Ausdehnungsgebiet in der Richtung auf den Kaukasus. Ja,
er faßte darüber hinaus ein Weitergreifen auf die transkaspischen Länder
ins Auge und verlor sich schließlich in den weiten Räumen Zentralasiens
mit dem phantastischen Wunsche, auch dortige alte Kultur- und
Glaubensgemeinschaften mit dem osmanischen Reiche zu vereinen.
Daß wir solchen orientalischen politischen Traumgebilden unsere
militärische Unterstützung nicht leihen konnten, daß wir vielmehr die
Rückkehr aus diesen weitschweifenden Plänen auf den Boden der jetzigen
kriegerischen Wirklichkeiten fordern mußten, war klar, das Bemühen aber
leider nicht erfolgreich.
Weit schwieriger als unser Einfluß auf die außenpolitischen Probleme der
Türkei mußte natürlich unser Einfluß auf innere Verhältnisse dieses
Reiches sein. Und doch konnten wir uns wenigstens des Versuches solcher
Schritte nicht völlig entschlagen. Nicht nur die primitiven
wirtschaftlichen Zustände gaben hierzu Veranlassung sondern auch allgemein
menschliche Empfindungen.
Das überraschende nochmalige Aufleben osmanischer Kriegskraft, das
Wiederaufflammen früheren Heldentumes in diesem Daseinskampf beleuchtete
gleichzeitig die dunkelste Seite der türkischen Herrschaft: ich meine ihr
Vorgehen gegen die armenischen Volksteile ihres Gebietes. Die armenische
Frage barg eines der allerschwierigsten Probleme für die Türkei in sich.
Sie berührte sowohl den pantürkischen wie auch den panislamitischen
Ideenkreis. Die Art, wie sie von fanatischer türkischer Seite zu lösen
versucht wurde, hat die ganze Welt während des Krieges beschäftigt. Man
hat uns Deutsche mit den grausigen Vorkommnissen in Verbindung bringen
wollen, die sich in dem ganzen osmanischen Reiche und gegen Schluß des
Krieges auch im armenischen Transkaukasien abspielten. Ich fühle mich
daher verpflichtet, sie hier zu berühren, und habe wahrlich keinen Grund,
unsere Einwirkung mit Stillschweigen zu übergehen. Wir haben nicht
gezögert, in Wort und Schrift einen hemmenden Einfluß auf die wilde,
schrankenlose Art der Kriegführung auszuüben, die im Orient durch
Rassenhaß und Religionsfeindschaften in traditionellem Gebrauch war. Wir
haben wohl zusagende Äußerungen maßgebender Stellen der türkischen
Regierung erhalten, waren aber nicht imstande, den passiven Widerstand zu
überwinden, der sich gegen diese unsere Einmischungen richtete. So
erklärte man beispielsweise von türkischer Seite die armenische Frage als
lediglich innere Angelegenheit und war sehr empfindlich, wenn sie von uns
berührt wurde. Auch unsere manchmal an Ort und Stelle befindlichen
Offiziere erreichten nicht immer eine Abmilderung der Haß- und Racheakte.
Das Erwachen der Bestie im Menschen beim Kampf auf Leben und Tod, im
politischen und religiösen Fanatismus, bildet eines der schwärzesten
Kapitel in der Geschichte aller Zeiten und Völker.
Die übereinstimmenden Urteile völkisch völlig neutraler Beobachter gingen
dahin, daß die in ihren innersten Leidenschaften aufgewühlten Parteien bei
der gegenseitigen Vernichtung sich die Wage hielten. Das entsprach wohl
den sittlichen Begriffen, die bei Völkern jener Gebiete durch die noch
herrschenden oder erst seit kurzem überwundenen Gesetze der Blutrache
geheiligt erschienen. Der Schaden, der durch diese Vernichtungsakte
angerichtet wurde, ist ganz unübersehbar. Er machte sich nicht allein auf
menschlichem und politischem sondern auch auf wirtschaftlichem und
militärischem Gebiete geltend. Die Zahl der besten türkischen
Kampftruppen, die im Verlauf des Krieges im kaukasischen Hochlandswinter
als Folgen dieser Vernichtungspolitik wider die Armenier einen elenden
Erschöpfungstod fanden, wird wohl niemals mehr festzustellen sein. Die
Tragik in der Geschichte des braven anatolischen Soldaten, dieses
Kernmenschen des osmanischen Reiches, wurde durch dieses massenhafte
Hinsterben infolge aller denkbaren Entbehrungen um ein weiteres Kapitel
erweitert. – Ob es das letzte gewesen ist?