Die Ost- und Westfront bis zum Ende des Jahres 1916

Während wir Rumänien niederschlugen, dauerten die Angriffe der Russen in

den Karpathen und in Galizien ununterbrochen an. Von russischer Seite war

nicht beabsichtigt gewesen, dem neuen Bundesgenossen bei seinem Angriff

auf Siebenbürgen unmittelbar zu unterstützen, wohl aber sollte diese

rumänische Operation durch ununterbrochene Fortsetzung der bisherigen

russischen Angriffe gegen die galizische Front erleichtert werden.

Unmittelbare Hilfe gewährten die Russen den Rumänen dagegen in der

Dobrudscha, und zwar von Anfang an. Die Gründe hierfür lagen ebensosehr

auf politischem wie militärischem Gebiete; Rußland rechnete zweifellos

sehr stark mit russophilen Neigungen innerhalb der bulgarischen Armee.

Daher versuchten auch bei Beginn der Kämpfe in der Süddobrudscha russische

Offiziere und Truppen, sich den Bulgaren als Freunde zu nähern, und waren

bitter enttäuscht, als die Bulgaren mit Feuer antworteten. Dazu kam, daß

Rußland zwar ohne politische Eifersucht zusehen konnte, wenn Rumänien sich

in den Besitz von Siebenbürgen setzte, aber nicht dulden durfte, daß der

neue Verbündete selbständig Bulgarien auf die Knie warf und dann

möglicherweise noch den Weg nach Konstantinopel einschlug oder wenigstens

freimachte. Galt doch die Eroberung der türkischen Hauptstadt seit

Jahrhunderten als historisches und religiöses Vorrecht Rußlands.

Es mag dahingestellt bleiben, ob es von russischer Seite klug war, den

Rumänen ohne unmittelbare Unterstützung, sei es auch nur durch etliche

russische Kerntruppen, die Operation nach Siebenbürgen allein zu

überlassen. Man überschätzte dabei jedenfalls die Leistungsfähigkeit der

rumänischen Armee und ihrer Führung und ging von der irrigen Ansicht aus,

daß die Kräfte der Mittelmächte an der Ostfront durch die russischen

Angriffe vollständig gebunden, ja sogar erschöpft seien.

Diese Angriffe erreichten zwar ihren Zweck nicht in vollem Umfange,

stellten uns aber immerhin wiederholt vor nicht unbedenkliche Krisen. Die

Lage wurde zeitweise so mißlich, daß wir befürchten mußten, unsere

Verteidigung würde von den Karpathenkämmen heruntergeworfen werden. Deren

Behauptung war aber für uns eine Vorbedingung zur Durchführung unseres

Aufmarsches und unserer ersten Operationen gegen den neuen Feind. Auch in

Galizien mußten wir den Russen mit allen Mitteln aufhalten. Eine Preisgabe

weiterer dortiger Gebietsteile würde an sich für unsere Gesamtlage von

geringer militärischer Bedeutung gewesen sein, wenn nicht hinter unserer

galizischen Stellung die für uns so kostbaren, ja für die Kriegführung

unentbehrlichen Ölfelder gelegen hätten. Wiederholt mußten aus diesen

Gründen für den Angriff gegen Rumänien bestimmte Truppenverbände gegen die

ins Wanken geratenen Frontteile abgedreht werden.

Wenn auch die kritischen Lagen schließlich immer wieder überwunden und

unser Feldzug gegen Rumänien einem glücklichen Abschluß entgegengeführt

wurde, so kann man doch nicht behaupten, daß die russischen

Entlastungsangriffe ihren großen operativen Zweck völlig verfehlt hätten.

Rumänien unterlag wahrlich nicht durch die Schuld seiner Verbündeten. Die

Entente tat im Gegenteil alles, was sie nach der Lage und ihren Kräften

tun konnte, und zwar nicht nur im unmittelbaren Anschluß an das rumänische

Heer, sondern auch mittelbar durch die Angriffe Sarrails in Mazedonien,

durch die italienischen Angriffe am Isonzo und schließlich auch durch die

Fortsetzung der englisch-französischen Anstürme im Westen.

Wir hatten, wie ich schon früher andeutete, von Anfang an damit gerechnet,

daß der Gegner mit dem Eintritt Rumäniens in den Krieg seine Angriffe auch

gegen unsere Westfront mit aller Kraft, mit englischer Zähigkeit und

französischem Elan fortführen würde. Dies trat auch ein.

Unsere Führereinwirkung auf diese Kämpfe war einfach. An einen

Entlastungsangriff konnten wir mangels genügender Kräfte weder bei Verdun

noch an der Somme denken, so sehr auch ein solcher meinen eigenen

Neigungen entsprochen hätte. Kurz nach der Übernahme der Obersten

Heeresleitung sah ich mich auf Grund der Gesamtlage gezwungen, Seiner

Majestät dem Kaiser den Befehl zur Einstellung unserer Angriffe bei Verdun

zu unterbreiten. Die dortigen Kämpfe zehrten wie eine offene Wunde an

unseren Kräften. Es ließ sich auch klar überblicken, daß das Unternehmen

in jeder Hinsicht aussichtslos geworden war und seine Fortsetzung uns weit

größere Verluste kostete, als wir dem Gegner beizubringen imstande waren.

Unsere vordersten Stellungen lagen in allseitig flankierendem Feuer

übermächtiger gegnerischer Artillerie; die Verbindungen zu den Kampflinien

waren außerordentlich schwierig. Das Schlachtfeld war eine wahre Hölle und

in diesem Sinne bei der Truppe geradezu berüchtigt. Jetzt in

rückschauender Betrachtung stehe ich nicht an, zu sagen, daß wir aus rein

militärischen Gründen gut daran getan hätten, die Kampfverhältnisse vor

Verdun nicht nur durch Beendigung der Offensive sondern auch durch

freiwilliges Aufgeben noch größerer Teile des eroberten Geländes als

geschehen zu bessern. Im Herbste 1916 glaubte ich jedoch davon Abstand

nehmen zu müssen. Für das Unternehmen war eine große Masse unserer besten

Kampfkraft geopfert worden; die Heimat war bis dahin in Erwartung auf

einen endlichen ruhmreichen Ausgang des Angriffs erhalten worden. Nur zu

leicht konnte jetzt der Eindruck hervorgerufen werden, als ob alle Opfer

umsonst gebracht seien. Das wollte ich in dieser an sich schon so sehr

gespannten heimatlichen Stimmung vermeiden.

Unsere Hoffnung, daß mit der Einstellung unseres Angriffes bei Verdun auch

der Gegner dort im wesentlichen zum reinen Stellungskrieg übergehen würde,

erfüllte sich nicht. Ende Oktober brach der Franzose auf dem Ostufer der

Maas zu einem großangelegten, kühn durchgeführten Gegenstoß vor und

überrannte unsere Linien. Wir verloren Douaumont und hatten keine Kräfte

mehr, um diesen Ehrenpunkt deutschen Heldentums wieder zu nehmen.

Der französische Führer hatte sich bei diesem Gegenstoß von der bisherigen

Gepflogenheit einer tage- oder gar wochenlangen Artillerievorbereitung

freigemacht. Er hatte seinen Angriff durch Steigerung der

Feuergeschwindigkeit seiner Artillerie und Minenwerfer bis zur äußersten

Grenze der Leistungsfähigkeit von Material und Bedienung nur kurze Zeit

vorbereitet und war dann gegen den schlagartig körperlich und seelisch

niedergedrückten Verteidiger sofort zum Angriff übergegangen. Wir hatten

diese Art gegnerischer Angriffsvorbereitung wohl schon innerhalb des

Rahmens der langen Dauerschlachten kennengelernt, aber als Eröffnung einer

großen Angriffshandlung war sie für uns neu und verdankte vielleicht

gerade diesem Umstand ihren ohne Zweifel bedeutenden Erfolg. Im großen und

ganzen schlug uns der Gegner diesmal mit unserem eigenen bisherigen

Angriffsverfahren. Wir konnten nur hoffen, daß er es im kommenden Jahre

nicht mit gleichem Erfolg in noch größerem Umfang wiederholen würde.

Die Kämpfe bei Verdun erstarben erst im Dezember.

Die Sommeschlacht hatte auch von Ende August ab den Charakter eines

außerordentlich erbitterten, rein frontalen Abringens der beiderseitigen

Kräfte gezeigt. Die Aufgabe der Obersten Heeresleitung konnte nur darin

bestehen, den Armeen die nötigen Kräfte zum Durchhalten zur Verfügung zu

stellen.

Man gab dieser Art von Kämpfen bei uns den Namen „Materialschlachten“. Man

könnte sie vom Standpunkt des Angreifers aus auch als „Taktik eines

Rammklotzes“ bezeichnen, denn es fehlte ihrer Führung jeder höhere

Schwung. Die mechanischen und materiellen Elemente des Kampfes waren in

den Vordergrund geschoben, während die geistige Führung allzusehr in den

Hintergrund trat.

Wenn es unseren westlichen Gegnern in den Kämpfen von 1915 bis 1917 nicht

gelang, ein entscheidendes Feldzugsergebnis zu erreichen, so lag das im

wesentlichen an einer gewissen Einseitigkeit der dortigen Führung. An der

nötigen zahlenmäßigen Überlegenheit an Menschen, Kriegsgerät und

Schießbedarf fehlte es dem Feinde wahrlich nicht; auch kann man nicht

behaupten, daß die Güte der gegnerischen Truppen den Anforderungen einer

tätigeren und gedankenreicheren Führung nicht hätte genügen können.

Außerdem war für unsere Feinde im Westen bei dem reichentwickelten

Eisenbahn- und Straßennetz und den in Massen vorhandenen

Beförderungsmitteln jeder Art freieste Entfaltungsmöglichkeit für eine

weit größere operative Gelenkigkeit vorhanden. Von alledem machte jedoch

die gegnerische Führung nicht vollen Gebrauch. Die lange Dauer unseres

Widerstandes war also doch wohl neben anderen Gründen auch auf eine

gewisse Unfruchtbarkeit des Bodens zurückzuführen, auf dem die feindlichen

Pläne reiften. Ungeheuer blieben aber trotzdem die Anforderungen, die auf

den dortigen Schlachtfeldern an unsere Armeeführungen und unsere Truppen

gestellt werden mußten.

Anfang September besuchte ich mit meinem Ersten Generalquartiermeister die

Westfront. Wir mußten die dortigen Kampfverhältnisse sobald als möglich

kennen lernen, um wirklich helfend eingreifen zu können. Seine Kaiserliche

und Königliche Hoheit der Deutsche Kronprinz schloß sich uns unterwegs an

und ehrte mich in Montmédy durch Aufstellung einer Sturmkompagnie auf dem

Bahnsteige. Dieser Empfang entsprach ganz dem ritterlichen Sinn des hohen

Herrn, dem ich fortan öfters begegnen sollte. Sein frisches, offenes Wesen

und sein gesundes militärisches Urteil haben mich stets mit Freude und

Vertrauen erfüllt. In Cambrai überreichte ich auf Befehl Seiner Majestät

des Kaisers zwei anderen bewährten Heerführern, den Thronfolgern Bayerns

und Württembergs, die ihnen verliehenen preußischen Feldmarschallstäbe und

hielt dann eine längere Besprechung mit den Generalstabschefs der

Westfront ab. Aus deren Darlegungen ging hervor, daß rasches und

energisches Handeln dringend not tat, um unsere erschreckende

Unterlegenheit an Fliegern, Waffen und Munition einigermaßen

auszugleichen. Die eiserne Arbeitskraft des Generals Ludendorff hat diese

ernste Krisis überwunden. Zu meiner Freude hörte ich später durch

Frontoffiziere, daß sich die Früchte der Besprechung von Cambrai bald bei

der Truppe bemerkbar gemacht hätten.

Die Größe der Anforderungen, die an das Westheer gestellt wurden, war mir

bei diesem Besuch in Frankreich zum erstenmal so recht plastisch vor die

Augen getreten. Ich stehe nicht an, zu bekennen, daß ich damals erst einen

vollen Einblick in die bisherigen Leistungen des Westheeres gewann. Wie

undankbar war die Aufgabe für Führung und Truppe, da in der aufgezwungenen

reinen Verteidigung ein sichtbarer Gewinn immer versagt bleiben mußte! Der

Erfolg in der Abwehrschlacht führt den Verteidiger, auch wenn er siegreich

ist, nicht aus dem ständig lastenden Druck, ich möchte sagen, aus dem

Anblick des Elends des Schlachtfeldes heraus. Der Soldat muß auf den

mächtigen seelischen Aufschwung verzichten, den das erfolgreiche

Vorwärtsschreiten gewährt, ein Aufschwung von so unsagbarer Gewalt, daß

man ihn erlebt haben muß, um ihn in seiner ganzen Größe begreifen zu

können. Wie viele unserer braven Soldaten haben dieses reinste

Soldatenglück nie empfinden dürfen! Sie sahen kaum etwas anderes als

Schützengräben und Geschoßtrichter, in denen und um die sie wochen-, ja

monatelang mit dem Gegner rangen. Welch ein Nervenverbrauch und welch

geringe Nervennahrung! Welche Stärke des Pflichtgefühls und welche

selbstlose Hingabe gehörten dazu, solch einen Zustand jahrelang in stiller

Entsagung auf höheres kriegerisches Glück zu ertragen! Ich gestehe offen,

daß diese Eindrücke für mich tief ergreifend waren. Ich konnte nun

verstehen, wie alle, Offiziere wie Mannschaften, aus solchen

Kampfverhältnissen sich heraussehnten, wie sich alle Herzen mit der

Hoffnung füllten, daß nun endlich nach diesen erschöpfenden Schlachten ein

hoher Angriffszug auch in die Westfront ein frisches kriegerisches Leben

bringen würde.

Freilich sollten unsere Führer und Truppen noch lange auf die Erfüllung

dieser Sehnsucht warten müssen! Viele unserer besten, sturmbegeisterten

Soldaten mußten noch vorher in zertrümmerten Schützengräben ihr Herzblut

hingeben!

In dem Kampfgebiet an der Somme wurde es erst stiller, als die

einbrechende nasse Jahreszeit den Kampfboden grundlos zu machen begann.

Die Millionen von Geschoßtrichtern füllten sich mit Wasser oder wurden zu

Friedhöfen. Von Siegesfreude war auf keiner der beiden kämpfenden Parteien

die Rede. Über allen lag der furchtbare Druck dieses Schlachtfeldes, das

in seiner Öde und seinem Grauen selbst dasjenige vor Verdun zu übertreffen

schien.

Aus meinem Leben(#30695) · 第 49 / 118 题