Das oberschlesische Städtchen Pleß war von der deutschen Obersten
Heeresleitung schon in früheren Zeitabschnitten des Krieges als
vorübergehender Sitz des Großen Hauptquartiers gewählt worden. Der Grund
dieser Wahl lag in der Nähe des Aufenthaltes des k. u. k.
Armee-Oberkommandos in der österreichisch-schlesischen Stadt Teschen. Der
Vorteil, der sich aus der Möglichkeit rascher und persönlicher Aussprache
zwischen den beiden Hauptquartieren ergab, war auch jetzt maßgebend für
den weiteren Beibehalt dieses Hauptquartiers.
Das deutsche Große Hauptquartier bildete natürlicherweise den Treffpunkt
deutscher und verbündeter Fürstlichkeiten, die mit meinem Kaiserlichen
Herrn über politische und militärische Fragen unmittelbare Rücksprache
nehmen wollten. Zu den ersten Monarchen, denen ich dort näher zu treten
die Ehre hatte, zählte Zar Ferdinand von Bulgarien. Er machte auf mich den
Eindruck eines hervorragenden Diplomaten. Sein politischer Blick ging weit
über die Grenzen des Balkans hinaus. Mit Meisterschaft verstand er es
dabei, in den großen entscheidenden Fragen der Weltpolitik die Stellung
seines Landes wirkungsvoll zu beleuchten und in den Vordergrund zu rücken.
Die Zukunft Bulgariens sollte sich, wie er meinte, in diesem Kriege durch
die endgültige Beseitigung des russischen Einflusses und die endliche
Vereinigung aller bulgarischen Stammesangehörigen unter einheitlicher
Führung entscheiden. Andere Ziele seiner Politik hat der Zar mir gegenüber
niemals zur Sprache gebracht. Einen besonderen Eindruck machte mir die
Art, wie der Beherrscher der Bulgaren die politische Erziehung seines
ältesten Sohnes leitete. Kronprinz Boris war gewissermaßen der
Privatsekretär seines königlichen Vaters und schien mir in die geheimsten
politischen Gedankengänge des Zaren eingeweiht zu sein. Der hochbegabte
Prinz mit seiner vornehmen Denkungsart spielte die ihm anvertraute
wichtige Rolle in taktvollster Weise mit bescheidener Zurückhaltung. Das
väterliche Regiment war dabei anscheinend ein ziemlich scharfes.
Die Außenpolitik seines Staates führte der Zar im wesentlichen ganz
allein. Inwiefern er auch die schwierigen innerpolitischen Verhältnisse
seines Landes unbedingt beherrschte, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich
glaube aber, daß er es verstand, mitten in der oftmals einreißenden
parlamentarischen Anarchie Bulgariens seinen Willen, und sei es manchmal
auch mit autokratischen Mitteln, geltend zu machen. Seine Aufgabe war in
dieser Beziehung zweifellos eine schwere. Die Bulgaren waren, wie alle
Balkanvölker, aus der Knechtschaft in die volle staatliche Freiheit
hineingesprungen. Die Schulung und die harte Arbeit des Übergangs von
einem Zustand zum anderen fehlte ihnen daher. Ich fürchte, daß diese oft
so vortrefflich beanlagten Völkerschaften noch viele Jahrzehnte unter den
Folgen des Mangels jener erzieherischen Zwischenzeit leiden werden.
Der bulgarische König war zurzeit jedenfalls einer der bedeutendsten
Herrscher. Uns gegenüber bewährte er sich als treuer Bundesgenosse.
Während unseres Aufenthaltes in Pleß starb Kaiser Franz Joseph. Sein
Heimgang war für das Donaureich und uns ein Verlust, der in seiner ganzen
Größe wohl erst später voll gewürdigt werden kann. Es unterlag keinem
Zweifel, daß mit seinem Tode für die Völkervielheit der Doppelmonarchie
der ideelle Vereinigungspunkt verloren ging. Sank doch mit dem
ehrwürdigen, greisen Kaiser ein großer Teil des nationalen Gewissens des
verschiedenstämmigen Reiches für immer ins Grab.
Die Schwierigkeiten, denen der junge Kaiser gegenübergestellt war, lassen
sich in ihrer Größe und Mannigfaltigkeit mit denjenigen eines
Thronwechsels in stammeseinheitlichen Reichen nicht in Vergleich ziehen.
Der neue Herrscher versuchte den Wegfall der ethisch bindenden Macht, der
durch das Ableben Kaiser Franz Josephs eingetreten war, durch völkisch
versöhnende Schritte zu ersetzen. Selbst staatszersetzenden Elementen
gegenüber glaubte er an die moralische Wirkung politischer Gnadenbeweise.
Das Mittel versagte völlig; diese Elemente hatten ihren Pakt mit unseren
gemeinsamen Feinden längst geschlossen und waren weit entfernt, ihn
freiwillig wieder zu kündigen.
Bei den vielfachen regen persönlichen Beziehungen, die mir der Aufenthalt
in Pleß mit dem damaligen Generaloberst Conrad von Hötzendorf brachte,
bestätigte sich mir der Eindruck, den ich schon früher von ihm als Soldat
und Führer erhalten hatte. General von Conrad war eine hochbegabte
Persönlichkeit, ein glühender österreichischer Patriot und ein
warmherziger Anhänger unserer gemeinsamen Sache. Gegen politische
Einflüsse, die ihn aus dieser Richtung bringen wollten, war er zweifellos
aus tiefster Überzeugung ablehnend. Der Generaloberst war in seinem
operativen Denken sehr großzügig; er verstand es, die Kernpunkte unserer
gemeinsamen, großen Fragen aus dem Wuste der weniger entscheidenden
Nebendinge herauszuschälen. Er war ein besonders vortrefflicher Kenner der
Verhältnisse des Balkans und Italiens.
Die bedeutenden Schwierigkeiten, die einem nationalen Einheitsgeist der
österreichisch-ungarischen Armee entgegenstanden und die sich hieraus
ergebenden Mängel waren dem Generaloberst wohlbekannt. Trotzdem
überschätzte er bei seinen hohen Plänen hier und da die möglichen
Leistungen des ihm anvertrauten Heeres.
Auch die militärischen Führer der Türkei und Bulgariens lernte ich im
Laufe des Herbstes und Winters in Pleß persönlich kennen.
Enver Pascha zeigte mir gegenüber einen ungewöhnlich weiten und freien
Blick für das Wesen der Führung des gegenwärtigen Krieges und seiner
Durchführung. Die Hingabe dieses Osmanen an unsere gemeinsame, große und
schwere Sache war eine unbedingte. Ich werde nie den Eindruck vergessen,
den ich bei unserer ersten Besprechung Anfang September 1916 von dem
türkischen Vizegeneralissimus erhielt. Er schilderte uns damals auf meine
Bitte hin die militärische Lage in der Türkei. Mit einer bemerkenswerten
Klarheit, Bestimmtheit und Offenheit gab er uns hiervon ein erschöpfendes
Bild, und, sich an mich wendend, schloß er mit den Worten: „Die Lage der
Türkei in Asien ist zum Teil sehr schwierig. Wir müssen befürchten, in
Armenien noch weiter zurückgeworfen zu werden. Es ist auch nicht
ausgeschlossen, daß die Kämpfe im Irak sich bald wieder erneuern. Auch
glaube ich, daß der Engländer in kurzer Zeit imstande sein wird, uns in
Syrien mit Übermacht anzugreifen. Aber was auch in Asien geschehen mag,
die Entscheidung des Krieges liegt auf europäischem Boden, und hierfür
stelle ich alle meine jetzt noch freien Divisionen zur Verfügung.“
Sachlicher und selbstloser hat wohl noch nie ein Bundesgenosse zu einem
anderen gesprochen. Und es blieb nicht lediglich bei Worten.
Bei aller hohen Auffassung vom Kriege im allgemeinen entbehrte Enver
Pascha aber doch einer gründlichen militärischen, ich möchte sagen,
Generalstabsschulung. Ein Nachteil, der augenscheinlich bei allen
türkischen Führern wie auch in ihren Stäben zu finden war. Es machte den
Eindruck, als wenn bei den Orientalen in dieser Beziehung ein von der
Natur gegebener Mangel vorläge. Die türkische Armee schien nur ganz wenige
Offiziere zu besitzen, die imstande waren bei der Verwirklichung richtig
gedachter Operationen die technischen, inneren Aufgaben der Führung zu
beherrschen. Es fehlte das Gefühl für die Notwendigkeit, daß sich der
Generalstab inmitten der Durchführung großer Gedanken auch mit dem Kleinen
beschäftigen muß. So kam es, daß der orientalische Gedankenreichtum durch
den mangelnden militärischen Wirklichkeitssinn oftmals unfruchtbar gemacht
wurde.
Eine wesentlich andere Natur wie der ideenreiche Osmane war unser
bulgarischer Kampfgenosse, General Jekoff, ein Mann von nüchterner
Beobachtungsgabe, großen Gedanken nicht fremd, aber doch in erster Linie
auf den Gesichtskreis des Balkans sich beschränkend. Inwieweit er in
letzterer Beziehung unter dem Banne seiner Regierung stand, vermag ich
nicht einwandfrei zu beurteilen. Er war jedenfalls ein warmer Anhänger der
außenpolitischen Richtung der bulgarischen Staatsleitung. Mit ihrem
innerpolitischen Gebaren hatte seine Auffassung wohl nichts gemein.
General Jekoff liebte seine Soldaten und ward von ihnen geliebt. Sein
Vertrauen zu ihnen, auch in politischer Beziehung, war ein sehr
weitgehendes. Bemerkenswert in dieser Richtung war eine seiner Äußerungen,
als Zweifel darüber auftauchten, ob der bulgarische Soldat sich nicht etwa
weigern würde, gegen den Russen zu kämpfen: „Wenn ich meinen Bulgaren
sage, sie sollen kämpfen, dann werden sie es tun, gegen wen es auch sei!“
Im übrigen waren dem General einzelne im Volkscharakter liegende Schwächen
seiner Soldaten nicht unbekannt. Ich werde hierauf später noch
zurückkommen.
Außer mit den leitenden militärischen Persönlichkeiten trat ich in Pleß
auch mit den politischen Führern unserer Bundesgenossen in persönliche
Fühlung. Ich möchte an dieser Stelle nur vom osmanischen Großwesir Talaat
Pascha und dem bulgarischen Ministerpräsidenten Radoslawow sprechen.
Talaat Pascha machte den Eindruck eines genialen Staatsmannes. Er war sich
über die Größe der Aufgabe wie über die Mängel seines Staatswesens nicht
im Zweifel. Wenn es ihm nicht gelang, die Selbstsucht und die nationale
Trägheit, die auf seinem Vaterlande lastete, auszurotten, so lag das
lediglich an der Größe der dabei zu überwindenden Schwierigkeiten. Es
konnte eben nicht in Monaten gebessert werden, was in Jahrhunderten
versäumt war, was Vermischung von Volksrassen und innere, moralische
Erschöpfung weiter Kreise des Staates längst vor dem Kriege verdorben
hatten. Er selbst trat mit reinen Händen an die Spitze seines Staates und
blieb mit reinen Händen dort. Talaat war ein vollwertiger Vertreter des
alten, ritterlichen Türkentums. Politisch unbedingt zuverlässig, so
begegnete er mir zum ersten Male 1916, so verabschiedete er sich von uns
im Herbste 1918.
Die Schwächen der türkischen Staats- und Kriegsleitung lagen in ihrer
großen Abhängigkeit von den inneren Verhältnissen. Politische und
wirtschaftlich selbstsüchtige Persönlichkeiten der sogenannten
Komiteeregierung mischten sich in die kriegerische Führung und banden
dieser in vielen Fällen die Hände, so daß sie außerstande war, richtig
erkannte Mißstände mit an sich vorhandenen Mitteln zu bessern. Zwar taten
einzelne hervorragende Männer alles, was in ihren Kräften stand. Aber die
staatliche Gewalt durchdrang nicht mehr das Reich. Das Herz des Landes,
Konstantinopel, pulsierte zu schwach und trieb keine gesunden,
erfrischenden und staatsfördernden Säfte in die entfernten Provinzen. Neue
Gedanken waren freilich während des Krieges entstanden und wuchsen mit den
kriegerischen Lorbeeren der Siege an den Dardanellen und am Tigris in echt
orientalischer Üppigkeit. Man begann, an die religiöse und politische
Vereinigung des gesamten Islams zu denken. Man erbaute sich, trotz der
sichtbaren Mißerfolge bei Verkündung des Heiligen Krieges, an dem
Auftreten mohammedanischer Glaubenskämpfer, wie zum Beispiel im nördlichen
Afrika. Der Gang der Ereignisse sollte indessen beweisen, daß diese
Erscheinung religiösen Fanatismus nur örtlichen Sonderheiten entsprang,
und daß Hoffnung auf deren Übertragung in die weiten Gebiete des inneren
Asiens eine Täuschung war, ja noch mehr als das: eine verhängnisvolle
militärische Gefahr.
Der Bulgare Radoslawow war in seinem politischen Denken mehr an die
Scholle gebunden, als der großzügige osmanische Staatsmann Talaat Pascha.
Ich wage zu bezweifeln, ob Radoslawow die Kühnheit des Schrittes, der
Bulgarien 1915 an unsere Seite führte, in seiner ganzen Größe – ich darf
vielleicht sagen, in der von seinem Zaren ganz durchdachten Größe –
wirklich voll in sich aufgenommen hatte. Unbedingt zuverlässig war
Radoslawow in seiner Außenpolitik für uns jederzeit.
Das bulgarische innerpolitische Parteigetriebe hatte in seiner wilden
Erregtheit während des großen Krieges nicht nachgelassen und war auch in
der Armee stark verbreitet. Nicht nur russophile Ideen trieben hier
spaltende Keile ein, auch der Kampf zwischen innerpolitischen
Parteigruppen übertrug sich auf die Truppen und deren Führer. An dieser
Tatsache war Radoslawow nicht unschuldig.