Faksimile des Briefes auf den Seiten 50-52

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Fußnoten:

[1] Ein einziges Mal fällt in diesen Briefen ein Wort über ein Ereignis

des Theaters... aus dem Neuen Palais schreibt der Prinz am 19. Juli

1835 an seinen Vater: Vor einigen Tagen haben wir die erste Aufführung

des ~Cheval de bronze~ gesehen. Das Ganze ist sehr schön ausstaffiert;

das Sujet etwas matt mitunter und die Musik bei weitem nicht so in die

Ohren fallend, wie Aubers frühere Opern, obgleich mehrere sehr hübsche

Stellen vorkommen; der erste Akt läßt einen vorzüglich sehr ruhig.

[2] Festschrift der Kaiser Wilhelm-Gesellschaft, 1921, S. 261.

[3] Vgl. S. 34.

[4] Friedrich v. Schöler (1772/1840), der von 1807 bis 1834 als

ausgezeichneter und in schwierigen Situationen bewährter Diplomat

bei der preußischen Gesandtschaft in Petersburg tätig war, ehe er in

gleicher Eigenschaft an den Frankfurter Bundestag übersiedelte, hat in

seinen regelmäßigen Berichten an Friedrich Wilhelm III., die für einen

Teil dieser Veröffentlichung trotz ihrer Verwertung in Th. Schiemanns

Geschichte Rußlands noch manch’ wertvollen Beitrag liefern, sofort

von der Anwesenheit des Prinzen Wilhelm in der russischen Hauptstadt

Notiz genommen: „Seine Kgl. Hoheit ist im Winterpalais abgestiegen, in

einem neuen Appartement, den Zimmern Ihrer Majestät der regierenden

Kaiserin so nahe als möglich; die Wohnung Sr. Majestät des Kaisers

liegt ebenfalls in diesem Teil des Schlosses; Seine Kgl. Hoheit waren

daher so zu sagen im Augenblick des Eintretens von den Armen der ganzen

kaiserlichen Familie auf das liebevollste und herzlichste umfangen.“

(Schöler an den König, 21. 12./2. 1. 1827/8) -- Prinz Wilhelm selbst

berichtet über Schwester und Schwager: „Nicolas ist unbegreiflich stark

geworden, so, daß er von hinten dem seligen Kaiser erinnert; dabei ist

er auch im Gesicht viel wohler und stärker als vorig(es) Jahr, sodaß

dieses Kaiser-Paar seines Gleichen suchen kann.“

[5] „Am 8. December verließen die Botschafter von England, Sir

Stratfort Canning, und Frankreich, General Graf Guilleminot, und am 16.

December auch der russische Gesandte, v. Ribeaupierre, Konstantinopel,

um sich über Smyrna nach dem Occident zu begeben. Fast gleichzeitig

traf von Wien die Nachricht ein, daß Metternich, offenbar im Gefühl

der Unmöglichkeit, unter den obwaltenden Umständen der Stimme der

Billigkeit und Mäßigung Gehör zu verschaffen, die ihm übertragene

Vermittlung ablehne. Der österreichische Internuntius Baron v.

Ottenfels -- von den Vertretern der Großmächte der einzige, der bis

dahin in einiger Verbindung mit den türkischen Ministern geblieben war

-- verlor damit ebenfalls alles Vertrauen, und die Pforte stand ohne

jeglichen diplomatischen Rat da.“ (G. Rosen, Geschichte der Türkei,

1826 bis 1856, Erster Teil, 1866, S. 55.) Dazu die Bemerkung des

Prinzen Wilhelm, St. Petersburg, 23. Dec./4. Jan. 1827/8: .... Vor drei

Tagen erhielt der Kaiser die Nachricht, daß Ribeaupierre nicht nach

Odessa, sondern widriger Winde halber nach Triest hat gehen müssen,

ein Zufall, der dem Kaiser sehr lieb ist, indem er sagte: der Himmel

habe die Instruktion ihm zukommen lassen, die er vergessen habe, ihm

nach Konstantinopel zu senden. Ribeaupierre erhält Befehl, in Triest

zu bleiben und sich womöglich mit seinen zwei Kollegen fortwährend in

Kommunikation zu erhalten.

[6] Auf einen nicht erhaltenen Brief vom 4./16. Januar 1828 bezieht

sich folgender Satz aus einem Schreiben Friedrich Wilhelms III. an

seinen Sohn aus Berlin, den 18./30. des genannten Monats:.... Der

Bericht hatte für mich das bedeutendste Interesse, da ich aus ihm

besser als auf irgend eine Weise die Art ersah, wie man oder besser

gesagt, wie der Kaiser seine Lage und die Lage der Dinge im Orient

überhaupt in Beziehung auf die griechische Angelegenheit beurteilt.

Du hast in diesem Berichte auf’s Neue zu beweisen, mit welcher

Aufmerksamkeit und Auffassungsgabe Du einem so wichtigen Gegenstand

zu folgen weißt und freut es mich, Dir darüber meine Zufriedenheit

ausdrücken zu können....

[7] „Der erste Grund an der Verzögerung, welche die Ausführung des

Friedensbeschlusses erleidet, bleibt immer die Liebe des Schahs zu

seinen Schätzen. Er soll sich nicht entschließen können mehr als 100000

Kruß, die ungefähr zweimal so viel Silberrubel wert sein mögen, in

einem Tage auszugeben. Da nun Sr. Majestät genötigt ist, sich von dem

Werte von 5 Millionen Kruß oder 40 Millionen Rubel Banco-Assignationen

zu trennen, so würde die Auszahlung jedenfalls etwas lange dauern, wenn

General Paskewitsch nicht die Mittel hätte, einige Beschleunigung in

dieselbe zu bringen. Indeß soll die Fortschaffung dieses baren Geldes

von Teheran bis Tawris nicht unbedeutende Schwierigkeiten haben, unter

welchen die Neigung des früheren Besitzers desselben, bei dieser

Gelegenheit wieder zu dem ihrigen zu gelangen, vielleicht nicht die

kleinste sein dürfte.“ (Schöler, 25. Jan./6. Febr. 1823.)

[8] Der russische Gesandte in Paris.

[9] Das ausgesprochen reaktionäre Ministerium Villèle war Anfang Januar

1823 durch den gemäßigten Royalisten Martignac ersetzt worden, der eine

freiheitlichere innere Entwicklung anstrebte.

[10] „Prinz Wilhelm hat aus Petersburg an den Major v. Wilisen

geschrieben, der Kaiser Nikolaus werde in keinem Falle von seinem

bisherigen Gange hinsichtlich der Türken nachlassen; der Krieg sei

unvermeidlich, wenn die Türken nicht nachgeben. Er ist sehr gegen

Österreich, dessen Schuld es sei, daß man nicht längst aufs Reine

gekommen sei und dem allein alles bevorstehende Blutvergießen zur

Last falle. Mit dem jetzigen französischen Ministerium ist man in

Petersburg sehr zufrieden, nennt es das ~ministère des braves gens~ und

lacht über den Grafen Pozzo di Borgo, der da meint, es könne und dürfe

keinen Bestand haben.“ (Varnhagen v. Ense in seinen „Blättern aus der

Preußischen Geschichte“, am 5. Januar 1828.)

[11] Der „Kaiserliche IngenieurGeneral“ Pierre-Dominique Bazaine

(1783/1838) war durch Napoleons Vermittlung seinerzeit in russische

Dienste getreten und galt als ein ausgezeichneter Fachmann.

[12] Russischer Botschafter in Wien.

[13] Die allgemeine politische Situation war in diesen Tagen völlig

ungeklärt: „Österreich hat gegen die drei Mächte, welche den Londoner

Vertrag unterzeichnet haben, eine ziemlich dreiste Sprache angenommen;

das Verhältnis beider Kaiserhöfe zu einander ist sehr gereizt und

gerade das beunruhigt den König“, notierte Varnhagen von Ense in

seinen Blättern aus der preußischen Geschichte am 5. Januar 1828. Auch

Schölers Berichte wissen davon zu melden: „Die Meinung, daß Rußland

den Krieg mit der Pforte wünsche, oder die Meinung, daß es diesen

Krieg scheue, sind beide gleich große, aber häufig, bald hier, bald

dort genährte Irrtümer, die wesentlich dazu beigetragen haben, die

gegenwärtige Verwicklung der griechischen Pacificationsangelegenheiten

herbeizuführen.“ (Schöler am 24. 12./5. 1. 1827/8); „Österreich

verfolgt ganz unbegreiflicher Weise den höchst bedenklichen Zweck,

die Übereinstimmung der verbündeten Mächte so viel als möglich zu

hindern“ (Schöler am 28. 12./9. 1. 1827/8), und Friedrich Wilhelm

III. schreibt aus Berlin seinem Sohn am 5./17. Februar 1828:....

besonders haben mir die politischen Neuigkeiten, die Angelegenheiten

Rußlands in Beziehung auf Österreich betreffend, angenehm sein müssen,

da sich ziemlich bestimmt daraus ergiebt, daß letzteres Kabinett

sich in einem wünschenswerteren Sinn als seither ausspricht. Im

übrigen befinden wir uns noch immerfort in einer gewissen Krisis in

Betreff der orientalischen Angelegenheit, da sich England seit dem

Ministeriumwechsel noch immer nicht recht über seine eigentlichen

Absichten darüber erklärt hat....

[14] Der ältere Bruder des Kaisers Nicolaus lebte in Warschau, nachdem

er im Dezember 1825 im „Großmutsstreit“ auf die Krone verzichtet hatte.

[15] „Das alberne Gerücht, daß im Falle eines Türkenkrieges preußische

Truppen das Königreich Polen besetzen und verwahren werden, ist überall

verbreitet und wird gar sehr geglaubt.“ (Varnhagen von Ense, Blätter

aus der Preußischen Geschichte, Eintragung vom 5. Januar 1828.)

[16] Job v. Witzleben (1783/1837, seit 1834 preußischer Kriegsminister)

war Generaladjutant des Königs, „zwanzig Jahre lang der mächtigste

Untertan im Staate“ und, wie Friedrich Wilhelm III. sagte, „mein Freund

und Mitarbeiter an den großen Plänen zur Beglückung des Volkes“.

[17] Christoph Lieven (1774/1839), der russische Botschafter in London.

[18] „Erwägt man, daß der Kaiser vor einiger Zeit noch gegen den

Prinzen Wilhelm des Umstandes gedachte, daß die vielen inneren

Geschäfte die neuen englischen Minister hindern würden, sogleich die

auswärtigen in Erwägung zu ziehen, dagegen aber jetzt, und seit kurzem

erst mit besonderer Bestimmtheit von dem Termine des Einrückens in die

Fürstentümer spricht, so hat man die Erklärung dieser Verschiedenheit

in den Äußerungen des Monarchen“ -- eine widersinnige, zwecklose Phrase

in der Eröffnungsrede des englischen Parlamentes, die man der Eitelkeit

des Herzogs Wellington und dem Einflusse des Fürsten Esterhazy, des

österreichischen Gesandten, zuschreibt, hat die Empfindlichkeit des

Kaisers sehr erregt --; „es bleibt nur zu wünschen, das die Vorliebe

des -- englischen -- Königs für den österreichischen Botschafter

und die eigne Verfeindung mit dem russischen den nunmehrigen

Premierminister von England zu keiner falschen Maßregel verleite.“

(Schöler, 9./21. Februar 1828.)

[19] Der Sieger von Waterloo, Wellington, (1769/1852) übernahm Mitte

Januar 1828 die Leitung des englischen Ministeriums.

[20] „Alles, was von dem Ministerio unter Herzog Wellington zu erwarten

ist, wird demnach wirklich auch nicht weiter gehen, als bisher, nämlich

den Ereignissen sich nach wie vor hingebend wird das Ministerium ebenso

als die beiden letzteren nur den Vorwurf, daß man den Bedingungen des

Tractates nicht nachgekommen sei, möglichst zu vermeiden und dadurch

den Kaiser Nicolaus abzuhalten suchen, seinen eignen Weg zu gehen.

Seinerseits hat dieser Monarch unterdeß einen Schritt getan, der keinen

Zweifel übrig läßt, daß er selbst dem Erfinder des Protokolls vom 4.

April wenigstens kein Übermaß von Neigung zur Erfüllung desselben in

seiner erweiterten Gestalt zutraue, indem er sich bewogen gefühlt hat,

persönlich an den Herzog von Wellington zu schreiben und demselben die

besondere Berücksichtigung zu Gemüte zu führen, die Herzog Wellington

-- mehr als jeder Andere -- der Erfüllung des Zweckes jenes Protokolls

zu widmen verpflichtet sei. Die Antwort des Herzogs ist noch nicht

erfolgt, indeß weiß man aus den neusten Berichten des Fürsten Lieven,

daß das kaiserliche Schreiben seine Wirkung nicht verfehlt und die

bestimmteste Zusage von Seiten des neuen Premierminister veranlaßt hat,

die Stipulationen des Vertrages gewissenhaft zu erfüllen und Alles

aufzubieten, die Zwecke desselben vollständig zu erreichen. Hiernach

scheint denn wirklich jenes Schreiben zur glücklichen Stunde angekommen

zu sein, da Fürst Lieven früher gemeldet hatte, daß ihm über die guten

Dispositionen des Herzogs nur indirect Versicherungen gemacht worden

wären.“ (Schöler, 28. Januar/9. Februar 1828.)

[21] Christian Günther Graf v. Bernstorff (1769/1835) war im April

1818 auf Hardenbergs Veranlassung aus dem dänischen in den preußischen

Staatsdienst übergetreten und leitete damals die auswärtige Politik.

„Wenn Bernstorff in den deutschen Angelegenheiten dem österreichischen

Staatslenker einen allzu gefälligen Vortritt ließ, so lehnte er sich

beim Eintritt der großen Ereignisse von weltgeschichtlicher Bedeutung

bis zur Gefahr an Rußland; denn mit seiner Bezeichnung der Zumutungen

Rußlands an die Pforte im Jahre 1828 als ‚gerechte Anforderungen‘,

wobei er freilich wohl nur an die von der öffentlichen Meinung ersehnte

Befreiung Griechenlands gedacht haben mochte, hätte er leicht einen

Krieg wider Preußen hervorrufen können, in welchem die Westmächte sich

mit Österreich zu seiner Vernichtung zusammen gefunden haben würden“

(Allg. Deutsche Biogr. Bd. 2, S. 498).

[22] Der preußische Gesandte in Konstantinopel.

[23] Dazu die ausführliche Äußerung Friedrich Wilhelms III. an seinen

Sohn, Berlin, den 28. Februar/8. März 1828:.... mit einigem Befremden

ersehe ich durch sie (d. i. Deine Briefe), daß man die politischen

Verhältnisse Preußens aus einem Gesichtspunkte anzusehen fortfährt,

den ich durchaus als unrichtig annehmen muß, ja, daß man Dich selbst

fast dahin gebracht hat, diese Ansichten einigermaßen zu teilen.

Allerdings haben sich seit Deiner Abreise von hier die orientalischen

Angelegenheiten in einer für mich aber keineswegs unerwarteten Weise

gestaltet. Die unsrigen sind jedoch dieselben geblieben und mußten

auch ganz natürlich dieselben bleiben, wenn man nicht durchaus die

Stellung Preußens verkennen will. ~Pour refraichir nos idées~, wie

man zu sagen pflegt, habe ich den Grafen Bernstorff beauftragt, ein

Mémoire für Dich anzufertigen, das ich Dir.... überschicken werde.

Es enthält eine deutliche Übersicht über die jetzige Lage der Dinge,

und die darin abgesprochenen Grundsätze sind vollkommen die meinigen.

Ich überlasse Dir, davon beliebigen, aber vorsichtigen Gebrauch zu

machen. Im allgemeinen ist die Lage Europas sehr bedenklich, zumal wenn

Rußland mit den Ansichten Englands nicht einverstanden sein sollte und

isoliert zu handeln entschlossen wäre, woraus unabsehbare Verwicklungen

entstehen müßten, die höchst traurige Folgen haben müßten. Daß

also unter solchen Umständen an eine tätige militärische Teilnahme

unsererseits nicht gedacht werden kann, liegt klar zu Tage. Truppen zu

haben, ist allerdings eine wesentliche Sache, allein blos um dies zu

erlangen, macht man noch keinen Krieg nicht....

[24] Friedr. Christ. Ad. v. Motz (1775/1830) war von 1825 an

preußischer Finanzminister, der für das Zustandekommen des deutschen

Zollvereines von größtem Einfluß war.

[25] Wie verworren die politische Lage in dieser Zeit war, zeigt ein

Satz aus einem gleichzeitigen, umfangreichen Berichte Schölers an

den König vom 9./21. Februar 1828; die preußischen Gesandten „an den

verbündeten Höfen“ hatten berichtet, „als ob man in Paris die Besetzung

der Fürstentümer von Rußland nicht anders als unter Zustimmung der

beiden anderen Mächte befahre, in London aber zu dieser Besetzung weder

als isolierte russische Maßregel noch im Auftrage der Alliance seine

Zustimmung zu geben gedenke. Rußland seinerseits hingegen erklärt, daß

es fortwährend nur mit seinen Verbündeten in Übereinstimmung handeln

werde.“

[26] „In der Tat, es dürfte schwer sein etwas zu erdenken, was mehr im

Stande wäre, die Mäßigung des Kaisers Nicolaus zu Ende zu treiben und

den Entschluß, allein gegen die Pforte loszubrechen, bei ihm zur Reife

zu bringen als diese wiederholten Versuche Österreichs, die Alliierten

von Rußland in einen Mittelweg zu ziehen, zu dem sie ohnehin mehr oder

weniger geneigt sind, auf welchem aber die Herstellung des russischen

Einflusses in Konstantinopel voraussichtlich in dem Maße nicht erreicht

werden kann, in welchem er früher bestanden, Kaiser Nicolaus ihn

durch die Konvention von Ackerman ihn wiederzugewinnen und nie mehr

aufzugeben feierlich erklärt hat. Das berührt gerade die Stelle, die

Österreichs Politik in der griechischen Angelegenheit wund gerieben

und so empfindlich gemacht hat, daß jede Berührung höchst bedenklich

wird; aber es ist zugleich der Punkt, über den die Täuschungen des

Fürsten Metternich so lange angehalten haben, daß deren Übung unmöglich

geworden scheint.“ (Schöler, 16./28. Februar 1828.)

[27] Türkische Bezeichnung für einen Erlaß des Sultans, der einen

hochpolitischen Inhalt hat. Schöler bezeichnet den hier in Frage

kommenden Hatischeriff (am 22. 2./5. 3. 1828) als „ein Denkmal

muselmännischen Unsinns und tief eingewurzelten Hasses gegen Rußland

und die ganze Christenheit, in welchem der Sultan unverhohlen

ausspricht, daß die in Ackerman eingegangenen Bedingungen sämtlich zu

erfüllen keineswegs seine Absicht sei und er, im Voraus überzeugt,

daß der Säbel entscheiden müsse, nur gezögert habe, um Zeit zur

hinreichenden Rüstung zu gewinnen.“

[28] Der König an seinen Sohn, Berlin, den 20. März 1828:.... Sehr

wichtige Nachrichten gabst Du mir durch Deine Briefe. Der Persische

Frieden ist unter ihnen die erfreulichste. Die orientalischen

Angelegenheiten verwirren sich immer mehr, ein klares Bild sich jetzt

von ihnen zu machen, ist unmöglich, die von mir von jeher vermutete

Verschiedenheit der Ansichten und Interessen der größeren Mächte

Europas fangen an, sich sehr deutlich zu zeigen, da England einen ganz

neuen und ganz anderen Weg einzuschlagen auf dem Punkte steht, doch

weiß ich darüber noch nichts ganz offizielles. Spränge es gänzlich ab,

so wäre die Verwirrung unberechenbar....

[29] „Der am 3./15. März aus London in Petersburg eingetroffene Kurir

überbrachte die Nachricht“, daß in der dortigen Ministerkonferenz die

Abrede getroffen sei: noch einmal -- also trotz des Hattischerifs

-- und zwar mit Zuziehung von Preußen und Österreich, Anträge in

Konstantinopel zu machen. Dem gegenüber präzisierte Rußland seinen

Standpunkt folgendermaßen: es fordert Genugtuung für die Verletzung

seiner Traktate mit der Pforte und erklärt, selbige unverzüglich

annehmen zu wollen, zugleich aber in Hinsicht der griechischen

Angelegenheit den Vertrag vom 6. Juli zu befolgen. „Das gibt also eine

Beratung, den Krieg zu vermeiden und den wirklichen Krieg daneben;

wie lange wird hierbei das freundschaftliche Vernehmen unter den drei

verbündeten Mächten bestehen können?“ (Schöler an den preußischen

Minister des Auswärtigen, Graf Bernstorff, 3./15. März 1828.)

[30] Das Mémoire, in französischer Sprache -- also wohl auch für den

Zaren bestimmt --, stellte in 28 Punkten die Lage dar. Vgl. dazu Anm.

S. 11.

[31] Kaiser Nikolaus sagte auf der Parade zu Schöler am 3./20. März:

„daß Preußen sich gegen die andern Mächte nach wie vor für Rußlands

Recht erklärt, von einer tätigen Unterstützung ist nie die Rede

gewesen“. Fast zur selben Zeit faßte der König in einem Brief an seinen

Sohn (16./28. März 1828) die Lage dahin zusammen:.... Alles, was jetzt

in der politischen Welt vorgeht, sind die Folgen des Protokolls und

des trilateralen Vertrages; wollte man durch diese dahin kommen, wo

wir gekommen sind, so ist der Zweck erreicht, denn daß das Resultat

derselben das ergeben würde, was es ergeben hat, daran habe ich keinen

Augenblick gezweifelt, daher ich auch die jetzige Lage der Dinge

als etwas keineswegs unerwartetes betrachte. Wohin sie aber führen

kann, ist nicht leicht vorauszusehen, denn daß der Trilateralvertrag

ohne Krieg ein Unding war, war klar vorauszusehen. ~Et j’en reviens

toujours à nos moutons~, das heißt auf die Grundsätze, die ich über

diese Angelegenheit von Anfang an ausgesprochen habe, niemand aber

wollte darauf hören. Nun ist die Verwirrung der Meinungen da; meine

Schuld ist es nicht, denn ich habe zu Gunsten Rußlands bei Österreich

und England zu wirken versucht, so viel ich vermochte ohne Unterlaß,

allein umsonst. Österreich blieb wenigstens seiner Politik treu, aber

was soll man von England denken? Wellington ist freilich nicht Canning

und was dieser gebraut hat, will jener nicht ausbaden, weil, wie es

klar genug war, Englands Interesse keinen verderblichen Krieg mit der

Pforte haben will.... Schöler präzisierte Preußens Notwendigkeiten

und Möglichkeiten sehr scharf: „Nun scheint aber Preußen mir die

Macht zu sein, die diese Aufgabe, Europa vor einem allgemeinen

Kriege zu bewahren, und damit zugleich die Frage lösen könne, welche

Stellung sie in dem europäischen Staatenvereine einnähme und alle

Verhältnisse scheinen mir dazu anzumahnen, gleichsam zu dem Entschlusse

hinzudrängen, dieser Lösung uns zu unterziehen. Wenn Preußen, mit

allen seinen bisherigen Erklärungen übereinstimmend, ernst und milde

ausspricht, öffentlich ausspricht, daß es Rußlands volle Befugnis,

ja selbst Verpflichtung, die Pforte zu Paaren zu treiben, anerkenne,

und im eintretenden Falle nach dieser Überzeugung verfahren werde,

dann werden England und Österreich sich gewiß nicht zu Schritten

entschließen, zu denen sie ohnehin keine wahrhafte Verletzung eines

wesentlichen Interesse auffordert. Eine solche Erklärung berechtigt

aber vollkommen andererseits auch hinzuzufügen, daß selbige nur auf

das Vertrauen in des Kaisers Mäßigung und festen Entschluß, sich keine

anderweitigen Vorteile anzueignen, begründet sei, folglich auch nur mit

diesem Vertrauen bestehen und gültig bleiben kann.“ (Schöler an Graf

Bernstorff, 1/13. April 1828, dem Sinne nach identisch mit einem zwei

Tage vorher an den König abgeschickten Bericht.)

[32] „~Supplément extraordinaire au Journal de St. Pétersburg.

Nr. 36~“; es enthält in französischer Sprache die 16 Artikel des

Friedensvertrages zwischen Rußland und Persien.

[33] Dom Pedro von Portugal hatte Anfang Mai 1826 auf die Krone

verzichtet, übertrug sie auf seine siebenjährige Tochter Maria II.

da Gloria und verlobte diese mit ihrem Oheim Miguel, den er im Juli

des nächsten Jahres zum Regenten ernannte. Kaum war dieser jedoch

im Februar 1828 in Lissabon angelangt, so hob er die Verfassung auf

und ließ diesen Gewaltstreich durch die wieder einberufenen alten

Landstände, die Cortes, gutheißen und sich am 30. Juni zum absoluten

König ausrufen. Die hieraus entstehenden Wirren sind erst 1834 zu Ende

gegangen.

[34] Am 14. April 1828 erließ Kaiser Nikolaus I. das Manifest, das die

Kriegserklärung Rußlands an die Türkei enthielt.

[35] Die geplante Begegnung kam nicht zustande; am 21. April/3. Mai

1828 schrieb der Prinz seinem Vater aus Petersburg: Ein vor vier Tagen

wieder eingetroffener Kurir aus Weimar brachte die Nachricht, daß die

Großfürstin Marie dennoch kommt.... durch die so verspätete Reise der

Großfürstin ist also auch mir jede Möglichkeit genommen, sie zu sehen.

Ihre Entscheidung meinetwegen mag nun ausfallen wie sie wolle.... die

Gelegenheit mir zu nehmen, einen Krieg mit zu machen, den man wünschen

darf im Vergleich zu allen anderen möglichen Kriegen, kann ich mir

nicht möglich denken.

[36] Der König an Prinz Wilhelm, Potsdam, den 9. April 1828:.... Mit

dem von hier abzusendenden Feldjäger geht ein Antwortschreiben von mir

an den Kaiser ab. Es ist die Antwort auf das, was mir durch Alopeus

zugekommen ist, benebst einer Kopie der Instruktionen, die unsere

Gesandten in London, Paris und Wien erhalten, um, nach des Kaisers

Wunsch das Recht (bei den besagten Höfen) geltend zu machen, seine

Angelegenheiten mit der Pforte allein zu betreiben, d. h. dieser den

Krieg zu erklären wegen der Verletzungen des Traktats von Akkerman und

der in dem Hattischerif ausgesprochenen Beleidigungen Rußlands. So

sehr ich nun auch dies Recht anerkennen muß, das als eine immidiäre

Folge des deplorablen Trilateral-Traktats anzusehen ist, so unumwunden

habe ich mich dennoch darüber aussprechen müssen, wie wünschenswert

es gewesen wäre, dies in anderer Weise geltend zu machen, um auch

den letzten Schein von sich zu entfernen, als sähe Rußland sich

wegen dieser Angelegenheit für gänzlich entbunden an, sie mit dem

Trilateral-Traktat in Verbindung zu bringen.... Nach meiner Ansicht

wäre es noch jetzt nicht zu spät, die von mir angeschlagene Sprache

gegen die übrigen Mächte zu führen, denn wenn keine Zeit verloren wird,

so werden die Operationen bis zur Donau auf keine Weise gehemmt, aber

die Meinung für Rußlands gerechte Sache würde in den Augen der Welt

noch unendlich dadurch gewinnen müssen.....

[37] Am 22. September 1828 hatte der Prinz an seinen Vater aus Wien

geschrieben: Alles (wegen meiner Abreise) würde sich freilich ändern,

wenn ich entscheidende Antworten aus Weimar erhielte und zwar günstige;

der 30. September wird alsdann dort ein wichtiger Tag und ich gerate

aufs Neue zwischen zwei Feuer. Meine Ungeduld über diesen Punkt wächst

mit jedem Tage.

[38] Von dort schreibt der Prinz am 10. Oktober 1828 an seinen Vater:

Ich unternehme diesen entscheidenden, wohl für mein ganzes Dasein

entscheidenden Weg mit allem Vertrauen zu Gott, daß er mich nach

Seinem Willen leiten, führen und ans Ziel bringen wird. Ist dieser Weg

Sein Wille nicht, so wird Er mir Kraft und Standhaftigkeit geben, um

Prüfungen zu bestehen.

[39] Prinz Karl v. Preußen, der dritte Sohn Friedrich Wilhelms III.

(1801/83), vermählt seit 1827 mit Maria v. Weimar (1808/77), der

älteren Schwester der Prinzessin Augusta.

[40] Kleines Städtchen in der Nähe von Großheringen bei Weimar.

[41] Luise Augusta v. Hessen, die von 1775 bis 1828 mit Karl August von

Weimar vermählt war.

[42] Fächer.

[43] Die Kaiserin-Mutter Maria Feodorowna (Sophie Dorothea von

Württemberg), die Enkelin einer Schwester Friedrichs des Großen und

zweite Gattin Pauls I. von Rußland, war am 25. Oktober 1759 geboren und

starb am 5. November 1828 (vgl. S. 54).

[44] Der König teilte der Kaiserin-Mutter aus Charlottenburg am

26./28. Oktober 1828 die Verlobung seines Sohnes mit; der Brief hat

die Adressatin, die am 5. November 1828 starb, nicht mehr erreicht.

An ihrer Stelle antwortete Kaiser Nikolaus Mitte November desselben

Jahres (Publikationen aus den Preußischen Staatsarchiven, Bd. 75, 1900,

Nr. 410, 455). -- Dem Brautpaar gratulierte Friedrich Wilhelm III. mit

folgenden Zeilen: Charlottenburg, den 27. Oktober 1828. .... Ein unter

so günstigen Umständen geschlossener Bund gewährt sich die heitersten

Aussichten für die Zukunft und wird auch sicher von Gott gesegnet

werden. Daß der Segen einer liebevollen Mutter nicht ausgeblieben wäre,

hätte sie dies frohe Ereignis erleben können, dafür glaube ich Bürge

sein zu dürfen. Daß der meinige dabei nicht ausbleiben kann, versteht

sich von selbst und recht übermäßig habe ich zu Gott gebetet, daß er

Alles zum Besten lenken wolle.

Deiner Auserwählten bitte ich in meinem Namen zu sagen, daß sie sowohl

von mir als unserer ganzen Familie mit eben der Herzlichkeit und

Zuvorkommenheit aufgenommen werden würde, wie ihre Schwester Marie

und daß wir uns glücklich schätzen, sie von nun an als die unsrige

betrachten zu dürfen....

[45] Die Belagerung des türkischen Warna am Schwarzen Meer, bei

der seit Anfang September Kaiser Nikolaus zugegen war, bildete ein

Hauptereignis des russisch-türkischen Krieges; sie ging am 9. Oktober

nach einer Dauer von 89 Tagen zu Ende.

[46] Vgl. S. 51, Anmerkung.

[47] Vgl. S. 49.

[48] Am 28. Dezember 1828 heißt es aus Weimar:.... Von den sehr

zufriedenen Gesichtern, die mich hier empfangen haben, brauche ich

wohl kaum eine Schilderung zu machen. Augusta war ganz content, wie es

schien, mich wiederzusehen, und ich war es nicht minder. Sie war ~per

attention~ bei meiner Ankunft nur in halber Trauer, das heißt in Grau,

was mir gar lieb war, denn außer am Versprechungstag und dem Geburtstag

der lieben, seligen Kaiserin sah ich sie nur schwarz....

[49] Am 17. Oktober 1828 hatte der König seinem Sohn aus Potsdam

geschrieben: „.... Deine letzten Briefe aus Teplitz waren in der Tat

mit so richtiger Fassungsgabe ausgesetzt, daß sie nicht leicht etwas

zu wünschen übrig ließen und ich kann nicht unterlassen, Dir darüber

meine ganze Zufriedenheit und mein ganzes Wohlgefallen auszudrücken.

Wenn man so reist und beobachtet, wie Du, geschieht es mit Nutzen und

trägt Früchte. Die politischen Unterredungen, die Du mit dem Kaiser und

mit Metternich gehabt, haben ganz besonders meine Aufmerksamkeit in

Anspruch genommen. Ich hoffe, sie sollen nicht ohne Nutzen geblieben

sein für das, was jetzt fast ausschließlich die größeren Mächte

Europas beschäftigt. Mehr ins Detail einzugehen ist jetzt nicht der

Augenblick.“ Vgl. dazu: „Der Kaiser von Österreich und Metternich

haben mit dem Prinzen Wilhelm in Wien sehr ernstlich über die

griechisch-türkischen Sachen gesprochen und ihn für die österreichische

Ansicht zu gewinnen gesucht. Der Prinz sagte dem Kaiser dagegen,

Österreich habe sich die öffentliche Meinung und mit ihr manchen

Vorteil entfremdet, weil es die Griechen gleich von Anfang so sehr

herabgesetzt, wenigstens ihre Sache und ihren Mut hätte man anerkennen

müssen; ‚Schauens, Sie mögen Recht haben‘, sagte der Kaiser.“

(Varnhagen v. Ense, Blätter aus der preußischen Geschichte, Eintragung

vom 2. Dezember 1828.)

[50] In dem Briefe von Prinz Wilhelm an seinen Vater aus Weimar vom

5. März 1829 taucht zum ersten Male der Vorschlag des Prinzen an die

Großfürstin auf, das mit ihrem Bruder, dem Zaren, geplante Wiedersehen

nicht in Warschau, sondern in Berlin gelegentlich seiner, d. h. des

Prinzen Wilhelm Vermählung mit Augusta zu ermöglichen; Prinz Wilhelm

bittet seinen Vater, daß er seiner Tochter und seinem Schwiegersohne

diesen Vorschlag machen soll.... „es wäre das Glückseligste, was

mir geschehen könnte und ein Wunsch ginge in Erfüllung, an dessen

Erreichbarkeit ich nie gedacht hätte.“ Am 15. März schreibt Prinz

Wilhelm an seinen Vater: „Daß Sie an Charlotte schrieben, um sie nach

Berlin einzuladen, noch ehe ich darum bat, ist gar zu prächtig.“

[51] Todestag der Königin Luise. -- Am 18. Juli, ihrem Geburtstag,

schreibt der Prinz an seinen Vater:.... Wir werden morgen zum Monument

nach Charlottenburg gehen.... meine Gebete an der heiligen Stätte sind

jetzt neuer Art, da ich ja für ein Glück dort zu danken habe, das gewiß

von oben gehalten und gesegnet wird....

[52] In der bei Cotta in Stuttgart -- nicht in Dresden! --

erscheinenden „encyclopädischen Zeitschrift für gebildete Leser“

Hesperus (1829) war in den Nummern 206 bis 219 ein anonymer -- „der

Verfasser ist Katholik und Süddeutscher, war nie preußischer Untertan

und ist auch jetzt in keinerlei Verband mit Regierung oder Untertanen

dieses Landes“ -- Aufsatz aus dem November 1828: Ein neues Manuskript

aus Süddeutschland, veröffentlicht worden, worin sich folgende Sätze

finden: „Da erscheint die Morgenröte Deutschlands; man erstaunt über

die Taten der Preußen.... eine unbekannte Kraft überwältigt Alles und

siegt, die Riesenkraft der Einheit.... der Wiener Congreß täuscht

Alles, noch hoffen Alle Alles von Preußen, auch diese Hoffnung

schwindet. In jetziger Zeit, wo die moralische Kraft so viel zählt,

mag man Preußen mit Recht den ersten Staaten beizählen, besonders

wenn man seine vortrefflich eingerichtete Militärmacht, das Aufblühen

seiner Finanzen, seiner Nahrungsquellen und seiner Bevölkerung sowie

die Tätigkeit der Regierung, was Erhaltung und Bildung betrifft, mit

in Anschlag bringt.“ Dann wird die Frage aufgeworfen, „ob Preußen

die Eigenschaften hat, Deutschlands Schicksal zu leiten“; bei der

Beantwortung wird zunächst festgestellt, daß „Preußen von allen

deutschen Ländern am meisten in physischer und geistiger Kultur

fortschreitet“, und das Für und Wider einer Alliance der übrigen

deutschen Staaten mit Preußen erwogen: „die Alliance mit Preußen gäbe

der Politik der deutschen Fürsten ihren wahren nationalen Haltepunkt,

ohne daß ihre Selbständigkeit und Freiheit darunter leiden könnte; das

Gewicht dieser echt deutschen Alliance gäbe erst Europa ein festes

Centrum...., hier wäre der Embryo eines ewigen Friedens gefunden.“ Als

Ergänzung zu diesen Gedankengängen diene eine Stelle aus einer in der

gleichen Zeitschrift Nr. 247 vom 15. Oktober gedruckten Korrespondenz

aus Rheinbayern: „der mit Preußen abgeschlossene Handelsvertrag ist

bekannt gemacht worden und gewiß muß ganz Deutschland dem hochherzigen

Monarchen, der es sich so mit Wärme angelegen sein läßt, Deutschland

von den lästigen Binnenzöllen zu befreien und es zu vereinen, den

wärmsten Dank zollen.“ Vgl. dazu folgende Briefstelle Friedrich

Wilhelms III. an seinen Sohn: Berlin, den 31. Oktober 1829. ....

Die sonderbare politische Stimmung oder Mißstimmung, die in Weimar

zum Nachteile Preußens herrscht, ist ebenso absurd wie lächerlich

und mir längst bekannt. Es ist dies die Folge des abgeschmackten

Finassierens, dessen sich die mehresten deutschen Staaten angesteckt

finden lassen. Das Warum ist schwer zu ergründen, da Hirngespinste

die Stelle der Gründe vertreten müssen. Gottlob, daß sich’s an vielen

Orten jetzt schon anders gestaltet, wie Du selbst es bemerkt hast.

Mir macht alles dies weder kalt noch warm. Sollen die Herren sich mit

Preußen verständigen, gut; wollen sie nicht, auch gut. Preußen bleibt

nichtsdestoweniger, was es ist.

[53] Christian Wilhelm Schweitzer (1781/1856) war nach etlichen Jahren

der Lehrtätigkeit in Jena 1818 als Geheimer Staatsrat in das Weimarsche

Ministerium eingetreten, wo er sehr bald auf allen Gebieten der

Verwaltung usw. die ausschlaggebende Stimme hatte, bis er im März 1848

zurücktreten mußte.

[54] Karl Friedrich Schinkel (1781/1841), einer der bedeutendsten

Architekten des 19. Jahrhunderts, hatte bereits das alte

Johanniterordenpalais in Berlin zum Palais des Prinzen Karl umgebaut;

in Schinkels Sammlung architektonischer Entwürfe, Berlin, 1819/40,

Tafel 134/5, finden sich zwei Entwürfe für das Palais Wilhelms I.

[55] Der erwähnte Plan liegt dem Originale des Briefes nicht bei.

[56] Das heute noch neben dem Palais stehende Gebäude, in dem

jahrzehntelang das königliche Hausministerium untergebracht war.

[57] Die Schwester Friedrich Wilhelms III., Wilhelmine, war mit Wilhelm

I., König der Niederlande, vermählt; ihr hatte das Palais ursprünglich

gehört.

[58] Friedr. Aug. Stägemann (1763/1840), der Mitarbeiter Steins und

Hardenbergs am preußischen Reformwerk, als Mitglied des Staatsrates in

ausschlaggebender innerpolitischen Stellung.

[59] Vgl. Anm. S. 101.

[60] Kaspar Friedrich v. Schuckmann (1755/1834), ausgezeichneter

preußischer Staatsmann, seit 1814 Minister.

[61] Auch dieser Plan liegt dem Originale nicht bei.

[62] Im Jahre 1824.

[63] Der Kronprinz.

[64] Die beiden Hallenser Theologie-Professoren Wegscheider und

Gesenius waren die gefeierten Wortführer des protestantischen

Rationalismus; der Berliner Theologieprofessor E. W. Hengstenberg

ließ in seiner Evangelischen Kirchenzeitung im Januar 1830 (Nr. 5/6)

einen anonymen, in Wahrheit aber von dem Berliner Geistlichen Otto v.

Gerlach auf Grund „gut nachgeschriebener Kolleghefte und mündlicher

Erzählungen der Zuhörer“ verfaßten Artikel: Der Rationalismus auf der

Universität Halle erscheinen, in dem in beweglichen Worten auf die

„Wunden hingewiesen ward, die der Unglaube diesen durch die Reformation

so reichlich gesegneten Ländern geschlagen hat und zu schlagen

fortfährt“. Friedrich Wilhelm III. ließ eine Untersuchung gegen die

beiden Hallenser Professoren einleiten, die aber schließlich im Sande

verlief.

[65] Wegscheiders ~Institutiones theologiae christianae dogmaticae~

erschienen erstmalig bereits 1815.

[66] Leopold v. Gerlach (1790/1861) war seit 1826 der persönliche

Adjutant des Prinzen Wilhelm und seitdem auf das engste mit ihm

verbunden.

[67] Loo ist das Sommerschloß des niederländischen Königspaares.

[68] Der König der Niederlande.

[69] Als im Sommer 1832 der Plan einer Zusammenkunft der Herrscher von

Preußen, Rußland und Österreich daran scheiterte, daß in dem dafür

in Aussicht genommenen Teplitz die Cholera ausgebrochen war, schrieb

Prinz Wilhelm aus Alexandria am 12./24. Juli 1832 an seinen Vater: Darf

ich mein Gefühl aussprechen, so stimmt es ganz mit dem des Kaisers

(d. h. mit dem Bedauern über das Scheitern des Planes) zusammen.

Denn diese Zusammenkunft war es, welche mein erster Gedanke nach der

Revolution war. Jetzt, wo ohne solche Zusammenkunft man freilich eins

geworden ist, die Verhältnisse in Frankreich aber täglich besorglicher

werden, die bisherige Ruhe doch auch mit Opfern erkauft ist, die eine

inhaltschwere Consequenz in sich schließen, da erscheint mir gerade der

jetzige Moment so sehr geeignet und wichtig zur Zusammenkunft, um sich

über die Dauer dieses precairen Zustandes Europas zu beraten. Denn wenn

Fürst Taillerand auf die Frage, wie dieser Zustand sich lösen werde,

geantwortet haben soll: ~ça finira par un hazard~, so frage ich immer:

~mais à quand ce hazard?~, und in diesem ~quand~ liegt der Ruin fast

aller großen Staaten.

[70] D. h. russischen.

[71] Im Herbst 1818, wo die Mächte der Heiligen Allianz gegenseitige

Übereinkommen für den Fall neuer Revolutionen getroffen hatten.

[72] Aus den Antworten des Königs an Prinz Wilhelm sei nur die folgende

Briefstelle zitiert: Pfaueninsel, den 16. August 1830. Einige Wochen

sind es erst her, daß ich Dir geschrieben, lieber Wilhelm, und was

hat sich alles in dieser kurzen Zeit zugetragen. Unerhörtes, so viel

Unerhörtes, daß das Schicksal Europas und insbesondere Preußens und

Belgiens wieder ganz so auf der Spitze steht als in dem unseligen

Zeitraume von 1789 zu 1814. Wahrlich, ein beugender und erdrückender

Gedanke, und doch ist dem so und nicht anders.... Frankreich

provozieren, hieße ein gefährliches Spiel wagen, obgleich mit Gewißheit

über kurz oder lang mit Krieg zu rechnen ist, da es gewißlich die

Gelegenheit vom Zaun brechen wird, um sich je eher, je lieber Belgiens

und des linken Rheinufers zu bemächtigen. Daß dies nun und nimmermehr

von uns zugegeben werden kann, unterliegt wohl keinem Zweifel, dann

aber ist auch mit Gewißheit auf die öffentliche Meinung und auf den

Schutz und Beistand unserer früheren Alliierten zu rechnen, obgleich

wir auch dann kein leichtes Spiel haben werden.... (Dieser Brief stimmt

fast wörtlich mit einem Schreiben Friedrich Wilhelms III. an seine

Tochter Charlotte, Kaiserin von Rußland, vom gleichen Tage überein:

vgl. Hohenzollernjahrbuch 1916, S. 152.)

[73] Vgl. Anm. 2 S. 36.

[74] Als Ergänzung möge hier das briefliche Bekenntnis des Königs

an seine Tochter Charlotte vom 9./21. Dezember 1830 dienen (vgl.

Hohenzollern-Jahrbuch 1916, S. 154): „Einen schlimmeren und

verwickelteren politischen Zustand der Dinge in Europa habe ich noch

nicht erlebt, und wie viel Schlimmes erlebte ich nicht schon! Daß

hierbei die Lage Preußens die allerschlimmste zu nennen ist, ist wohl

einleuchtend. An dessen südwestlicher Grenze das kecke, übermütige,

kriegslustige Frankreich, alles Bestehende bedrohend, und neben diesem

das noch im offenbaren Aufruhr befindliche, keinem vermittelnden

Vorschlage Gehör gebende, rein tolle Belgien; den Geist der Unruhe,

der im deutschen Vaterlande spukt, will ich ganz übergehen, obgleich

auch er die größte Aufmerksamkeit erfordert; und nach Osten.... das

verräterische und fanatische Polen.... wahrlich, es möchte schwer sein,

sich eine schlimmere Lage zu denken. Mäßigung, kaltes Blut und sich

nach Möglichkeit auf das Schlimmste gefaßt zu machen und vorzubereiten,

ist alles, was dabei zu tun ist. Das Übrige ist von der Vorsehung zu

erwarten, die sich doch des armen Europas über kurz oder lang wieder

erbarmen wird.“

[75] Am 7. September 1830 heißt es ebenfalls aus Koblenz: Wie richtig

es ist, gerade hier Truppen aus den alten Provinzen zu haben, in

dieser bewegten Zeit, darf ich wohl aussprechen, ohne Mißtrauen gerade

gegen die hiesigen Truppen zu zeigen, deren Geist sich excellent

ausspricht. Aber Vorsicht ist ja nie überflüssig. Und wer weiß, was

eine Proklamation von Frankreich beim Einfall in unser Land bewirken

könnte. Jetzt haben die Bürger ihr Hab und Gut gegen den Pöbel-Aufstand

verteidigt, ob sie es aber auch gegen einen Feind tun würden, dem sie

so lange anhingen und zu dem sie noch immer hinsehen, ist die Frage;

die Behörden sagen ja, ganz sicher bin ich nicht darüber.

[76] Herzog Karl II., der den Revolutionen in Paris und Brüssel

zufällig beigewohnt hatte, mußte am Abend des 6. September 1830 der

plötzlich und endlich ausbrechenden Wut des Volkes weichen und sein

Land für immer verlassen.

[77] Bernhard v. Weimar, der zweite Sohn Karl Augusts (1792/1862), trat

1815 in die Dienste des neugebildeten Königreiches der Niederlande; er

hat an der Niederwerfung der belgischen Revolution den wesentlichsten

Anteil gehabt.

[78] Kurzer Aufstand am 9. September 1830.

[79] Karl v. Stein zum Altenstein (1770/1840) beeinflußte als

preußischer Unterrichtsminister das geistige Leben des hier in Frage

kommenden Zeitabschnitts wesentlich.

[80] Aus Charlottenburg meldet am 19. September 1830 der König seinem

Sohn: „.... Auch hier haben wir, um in der jetzigen allgemeinen Mode

nicht zurückzubleiben, einige tumultuarische Pöbel-Bewegungen gehabt,

welche zwar sogleich im Entstehen unterdrückt wurden, dennoch aber es

nötig gemacht haben, einen Teil der Garnison während der Nacht auf den

Beinen zu halten....“ Nach einer brieflichen Notiz des Königs an seine

Tochter Charlotte vom 13./25. September 1830 (vgl. Hohenzollernjahrbuch

1916, S. 152) war „Onkel Karl“, d. i. Herzog Karl von Mecklenburg,

der bekannte Stiefbruder der Königin Luise, der Wiederhersteller der

äußeren Ordnung in Berlin gewesen: „er hat sich mit großer Umsicht,

Vorsicht und Festigkeit benommen und ist als der Hauptleiter des Ganzen

anzusehen; ihm also verdankt man hauptsächlich, daß der Unordnung auf

rechte Weise gesteuert ist und seitdem, wenigstens für jetzt, völlige

Ruhe herrscht.“

[81] An seine Tochter Charlotte schreibt Friedrich Wilhelm III. nach

Petersburg am 13./25. September 1830 (vgl. Hohenzollernjahrbuch 1916,

S. 153): „Aus Belgien erwartet man mit Ungeduld und, ich möchte sagen,

mit Bangigkeit Nachricht, indem Fritz Oranien (Pr. Fr. d. Niederlande,

des Königs Schwiegersohn) am 17. Ordre empfangen hat, auf Brüssel zu

marschieren, um die Revolution durch die Gewalt zu besiegen. Möchte es

ihm gelungen sein.“

[82] Am 1. Oktober 1830 heißt es aus Weimar an den Vater:.... Die

Umgegend hier ist noch immer in Gährung. Es sind 400 Mann nach Jena

geschickt worden, um Arrestationen vorzunehmen und die Bürgerschaft

zum Ablegen der Waffen zu nötigen, was auch sogleich erfolgt ist. Aus

Ilmenau war auch eine Deputation hier; man hat sie aber ernsthaft

auf den ungesetzlichen Schritt aufmerksam gemacht und sie sind ganz

beschämt abgegangen....

[83] Karl Friedrich Heinrich Graf v. Wylich und Lottum (1767/1841)

war ursprünglich als Offizier im militärischen Verwaltungsdienste

tätig; seit 1818 hat er als Mitglied des preußischen Staatsrates die

Finanzgeschäfte geführt, ohne irgendwie schöpferisch hervorzutreten.

[84] Am nächsten Tage korrigiert Prinz Wilhelm die Zahlen seines

Schreibens in einer ergänzenden Tabelle, „da ich den Pferdebestand

eines Kavallerieregiments bald exclusive, bald inclusive Unteroffiziere

berechnet habe“.

[85] Prinz Wilhelm blieb auch weiterhin um Wilhelm Solms besorgt;

aus Belvedere bei Weimar heißt es am 26. Juni 1831: Soeben erhalte

ich einen Brief von Wilhelm Solms, der mir in seiner Herzens-Angst

schreibt, indem ihm die Nachricht zugekommen sei, Sie wollten ihn

nicht, seinem und seines Bruders und seiner Mutter Wunsch gemäß, nach

Düsseldorf versetzen, sondern zu einem andern Regimente am Rhein. Ich

glaube zwar nicht, daß dies Gerücht wahr ist, doch wollte ich nochmals

Ihre Gnade für ihn in Anspruch nehmen, daß es bei seiner Versetzung

nach Düsseldorf verbleibe, die ja so ganz für sein Verhältnis paßt.

[86] Wilhelm Radziwill, der Bruder der Prinzessin Elisa (1797/1870).

[87] Die Cholera drang im Sommer 1831 zum ersten Male als Seuche in

Deutschland ein.

[88] Dieser Brief ist der einzige der Sammlung, der schon gedruckt ist

(bei E. Berner, Kaiser Wilhelms des Großen Briefe, Reden und Schriften,

Bd. 1, 1906, S. 108/12); das ist wohl nur dadurch zu erklären, daß

Friedrich Wilhelm III. das Schreiben seines Sohnes wegen des darin

behandelten Gegenstandes an die oberste Militärbehörde weitergab, wo

zu den betreffenden Akten eine Abschrift davon genommen ward, ehe das

Original wieder an den König zurückgelangte.

[89] Als Knabe hatte Prinz Wilhelm auf dem „Babertsberge“ eine

Feldschanze angelegt; jetzt plante er dort ein einfaches Schlößchen.

Auf der ersten Seite des dort benutzten Fremdenbuches machte der

Prinz folgende Eintragung: Am 3. August 1833 erteilte mir der König

die Erlaubnis, meinen Lieblingsplan, auf dem Babelsberg ein Landhaus

und Garten gründen zu dürfen, in Ausführung zu bringen. Unter Leitung

des Gartendirektors Lenné begannen sogleich die ersten Gartenanlagen.

Im Oktober entwarf der Oberlandesbaudirektor Schinkel das Projekt

zum Schlößchen und in den ersten Tagen des März 1834 begann der Bau

desselben unter Leitung des Hofbauinspektors Gebhardt. Am ersten des

Monats Juny ward der Grundstein gelegt und im September 1835 ward der

Ausbau vollendet und das Schlößchen am 15. Oktober, als am Geburtstag

meines Sohnes, eingeweiht.

[90] Der am 18. Oktober 1831 im Neuen Palais zu Potsdam geborene

spätere Kaiser Friedrich III.

[91] Karl F. Langhans (1781/1869), der Sohn des Erbauers des

Brandenburger Tores: „.... das einfache, durch edle und stattliche

Verhältnisse ausgezeichnete Palais, eine Schöpfung, in der sich

Langhans, ohne Schinkels Schüler gewesen zu sein, diesem ebenbürtig

erwies“ (Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 17, S. 686).

[92] Die jüngere Schwester des Prinzen Wilhelm, seit 1822 mit dem

Erbgroßherzog Paul Friedrich v. Mecklenburg vermählt.

[93] Oldwig v. Natzmer (1782/1861), des Prinzen „Lehrer in

militärischen Dingen“ und darüber hinaus sein menschlicher Vertrauter;

die beiden Veröffentlichungen von G. v. Natzmer: Aus dem Leben O.

v. N., 1870, und Unter den Hohenzollern, 1887/9, sind wesentliche

Ergänzungen zu den hier veröffentlichten Briefen.

[94] Fr. Godet (1812/1900) hatte in Neuchâtel, Bonn und Berlin studiert

und war von 1838 bis 1846 Erzieher des kleinen Prinzen; er ging als

Geistlicher dann wieder in seine schweizerische Heimat zurück. Ihm

folgte als Erzieher des Prinzen Ernst Curtius; vgl. darüber: Ernst

Curtius, Ein Lebensbild in Briefen, 1913, Bd. 1, S. 237 ff.

[95] August Neander (1789/1850) war ursprünglich Jude gewesen und trat

dann zum Protestantismus über. In Heidelberg und Berlin -- hier seit

1813 -- hat er als der bedeutendste Kirchenhistoriker seiner Zeit

gewirkt.

[96] Karl Chr. Alb. Heinr. v. Kamptz (1769/1849), ein stark

reaktionärer Beamter, war Vorsitzender der Justizabteilung des

preußischen Staatsrates.

[97] Die spätere Großherzogin Luise von Baden.

[98] Geburtstag des Königs.

[99] Die Kur war erfolgreich: am 18. August 1839 schreibt Prinz Wilhelm

aus Baden-Baden an seinen Vater: Ob es die Nachfolge von Ems ist oder

die Molkenkur oder die hiesige Luft, vermag ich nicht anzugeben,

wenn ich versichern kann, daß seit einigen Tagen jede Spur meines

Brustleidens verschwunden ist, was eine große Beruhigung und Freude mir

gewährt. Wahrscheinlich werden wohl alle drei Ursachen zu dem günstigen

Zustande meiner Gesundheit beigetragen haben....

Wilhelms I. Briefe an seinen Vater König Friedrich Wilhelm III. (1827-1839) · 第 54 / 54 题