Der folgende Tag war ein Sonntag, der mit dem schönsten Junimorgen

aufging. Justine war mit der Sonne wach; sie rüstete und schmückte sich,

als ob es zu einem Feste ginge, indem sie gegen ihre letzte Gewohnheit

das Haar in reiche Locken ordnete, ein duftiges helles Sommerkleid

anzog, auch den Hals mit etwelchem feinen Schmucke bedachte. So ging

sie, ungesehen von den noch schlafenden Ihrigen, den Weg nach der Höhe,

das Gesicht leicht gerötet und rüstigen Schrittes. Die Großmutter war

über ihre jugendliche und reizende Erscheinung ganz verwundert und auch

zufrieden mit der Wendung, welche das Schicksal zu nehmen schien. Sie

zwang, da sie beim Frühstück saß, die Enkelin, die noch nichts genossen

hatte, eine Schale Kaffee zu trinken. Doch ruhte Justine nicht lange,

sondern brach wieder auf, um auf dem Bergwege, auf welchem Jukundus

kommen mußte, ihm entgegen zu gehen. So wandelte sie in bänglich froher

Erwartung in die Sonntagsmorgenstille hinein. Die Erde war überall, wo

man hinsah, mit Blumen bedeckt, von den eben verblühenden Bäumen wehten

die Blüten hinweg, wenn ein Lufthauch sich erhob. Jetzt begannen die

Kirchenglocken in der Nähe und in der Ferne zu läuten, rings um den

langhin gedehnten See, in den weißschimmernden Ortschaften; die tiefen

vollen Töne der mächtigen Glocken flossen zusammen und erfüllten weit

und breit die Luft wie ein unendliches Klangmeer, welches an das

klopfende Herz Justines hinanschwoll und es in seine Tiefe

zurückzuziehen drohte. Allein sie kehrte nicht zurück, sondern eilte,

getragen von den tönenden Wogen, dem Manne entgegen, der jetzt im

Scheine der Morgensonne raschen Schrittes herankam. Sobald sie einander

gewahrten, kehrte das verloren gewesene Lachen in ihre Gesichter zurück,

und sie umarmten und küßten sich herzlich.

Ohne darauf zu achten, wohin sie gingen, gerieten sie auf einen Waldpfad

und bestiegen Arm in Arm die oberste Höhe des Berges, während sie in

gegenseitigem Geplauder sich alles erzählten, was ihnen widerfahren und

was sie gelebt und gedacht über die Zeit ihrer Trennung. Das

Glockengeläute verlor sich indessen allmählich durch die hinter ihnen

liegenden Waldungen, sowie durch das endliche Aufhören, und als der

letzte Ton mit einem einzelnen Nachschlag verhallte, wurden sie doch der

tiefen Stille inne, welche jetzt eintrat. Sie befanden sich am Rande

einer geräumigen Waldlichtung, die eine schön gepflegte Baumschule

umfaßte. In wohlgeordneten Reihen standen Tausende und wieder Tausende

von winzigen Weißtännchen, Rottännchen, Fichtchen, Lärchlein, kaum drei

bis vier Zoll hoch, die ihre hellgrünen Köpfchen emporstreckten und

einer festlichen Versammlung vieler Kleinkinderschulen glichen. Dann

standen die gereihten Scharen kniehoher, dann brusthoher Bäumchen, wie

wackere Knabenschulen, bis ein Heer mannshoher Buchen-, Eichen- und

Ahornjünglinge folgte und im Rücken derselben die schützende Gemeinde

der alten Hochwaldbäume die Versammlung abschloß. Die ganze Pflanzschule

war so sorgfältig und zierlich gehalten wie der Garten eines großen

Herren, obwohl sie nur einer bäuerlichen Genossenschaft gehörte; die

feierliche Stille erhöhte den überraschenden Eindruck, welchen der

Anblick einer liebevollen Sorge hervorbrachte, die nicht mehr für das

eigene Leben, sondern für ein kommendes Jahrhundert, für die Enkel und

Urenkel waltete.

Im durchsichtigen Schatten junger Ahornstämmchen war von den Forstleuten

eine Ruhebank angebracht worden, auf welche Jukundus und Justine sich

niederließen, den tröstlichen Anblick schweigend und ruhevoll genießend.

»Siehst du,« sagte endlich Jukundus, indem er Justinens Hände ergriff,

»so wie wir uns nur wieder gefunden haben, sehen wir gleich, daß die

Welt überhaupt nicht so schlimm ist, als sie sich gerne stellen möchte.

Alle diese hastigen und harten Selbstsüchtigen geben sich eigentlich

doch alle ihre Mühe nur für ihre Kinder und erfüllen sogar Pflichten der

Vorsorge für die ihnen unbekannten künftigen Geschlechter!«

»Hast du mich auch noch ein bißchen lieb?« erwiderte Justine, welche in

diesem Augenblicke nur für sich sorgen mochte. Jukundus blickte in die

Ferne und sah durch ein paar Tannenwipfel hindurch eine Spanne des

blauen Horizontes mit einem länglichen weißen Gebäude schimmern, das

mehr zu ahnen als zu erkennen war.

»Kannst du jenes weißglänzende Ding sehen?« sagte er, »es ist einst ein

Kloster gewesen, das vor siebenhundert Jahren ein Rittersmann zum

Gedächtnis seiner Frau gestiftet hat, als sie ihm gestorben war. Er

selbst ging in das Haus hinein und verließ es in seinem Leben nicht

wieder. So lieb bist du mir wie dem seine Frau war, obgleich ich in kein

Kloster gehen würde, wenn ich dich verlöre. Aber der ganze glänzende und

stille Weltsaal wäre für mich das Gotteshaus deines Gedächtnisses,

deine Grabkirche! Doch laß uns nun den kleinen Ehrenhandel schlichten,

der noch zwischen uns schwebt. Zur Buße und Sühnung sollst du mir jenes

grobe Wort noch einmal sagen, das uns entzweit hat, du gröbliches

Liebchen, aber mit lachendem Munde, damit es seinen bösen Sinn verliert!

Schnell also, wie hieß es?«

Er legte hiebei den Arm um ihre Schultern und hielt mit der andern Hand

ihr Kinn fest. Sie schüttelte aber den Kopf und verschloß, so dicht sie

konnte, den Mund. Da klopfte er ihr sachte auf die Wangen, suchte ihr

den Mund aufzumachen und sagte immer: »Schnell! heraus mit der Sprache,

rühre dein Zünglein!« bis sie voll Zärtlichkeit und Scherz das Wort

rasch, aber fast unhörbar hersagte: Lumpazi! worauf Jukundus sie küßte.

Wie sie nun so sich umfaßt hielten und eine Weile schwiegen, sagte

Justine unversehens: »Jukundus, was wollen wir nun mit der Religion oder

mit der Kirche machen?«

»Nichts,« antwortete er. Nach einigem Sinnen fuhr er fort: »Wenn sich das

Ewige und Unendliche immer so stillhält und verbirgt, warum sollten wir uns

nicht auch einmal eine Zeit ganz vergnügt und friedlich stillhalten können?

Ich bin des aufdringlichen Wesens und der Plattheiten aller dieser

Unberufenen müde, die auch nichts wissen und mich doch immer behirten

wollen. Wenn die persönlichen Gestalten aus einer Religion hinweggezogen

sind, so verfallen ihre Tempel und der Rest ist Schweigen. Aber die

gewonnene Stille und Ruhe ist nicht der Tod, sondern das Leben, das

fortblüht und leuchtet, wie dieser Sonntagsmorgen, und guten Gewissens

wandeln wir hindurch, der Dinge gewärtig, die kommen oder nicht kommen

werden. Guten Gewissens und ungeteilt schreiten wir fort; nicht Kopf und

Herz oder Wissen und Gemüt lassen wir uns durch den bekannten elenden

Gemeinplatz auseinanderreißen; denn wir müssen als ganze unteilbare Leute

in das Gericht, das jeden ereilt!«

Justine schaute ihren Mann während dieser Reden unverwandt an und mit

errötendem Gesicht, weil sie empfand, daß sie ihn längst so offen hätte

zu ihr sprechen hören können, wenn sie sich eher ihm anvertraut hätte,

als einem Kirchenmanne.

Mochten nun Jukundus' Worte weise oder töricht sein, so gefielen sie ihr

jedenfalls über die Maßen wohl, zum Beweise, daß sie jetzt ganz ihm

angehörte.

»Amen!« sagte Jukundus, »ich glaube fast, ich fange auch an zu

predigen!«

»Nicht Amen!« rief Justine, »fahre fort und sprich weiter! Denke, diese

Baumschule sei deine Gemeinde und predige ihr, wie jener Heilige den

Steinen oder ein anderer den Fischen!«

»Nein, die Kirche ist aus! hörst du das Zeichen?« antwortete Jukundus

lachend, als wirklich in der Ferne hier und dort die Glocken die

Beendigung des Gottesdienstes verkündeten.

Sie erhoben sich und gingen langsam nach der Wohnung der Großeltern, so

daß es Mittag wurde, bis sie dort anlangten. Die Alten hatten aber, um

ein rechtes Versöhnungsfest bei sich zu sehen, die ganze Familie aus

Schwanau heraufbeschieden und ein einfach kräftiges Mahl nach ländlicher

Art bereitet. Alles war versammelt, als das versöhnte schöne Paar kam.

Es herrschte aber zuerst einige Spannung und Befangenheit; doch als man

sah, daß das verlorene Lachen wiedergekehrt war, verbreitete sich der

Sonnenschein des alten Glückes im ganzen Hause. Die Stauffacherin

glänzte wie ein Stern und ergriff fest wieder das Steuer, um das

wiederhergestellte Glücksschiff zu lenken.

Justine zog nun zu ihrem Mann nach der Stadt, wo er ohne Unterbrechung

wohl gedieh und seine Leichtgläubigkeit in Geschäfts- und Verkehrssachen

verlor, ohne deswegen selbst unwahr und trügerisch zu werden.

Sie bekamen einen Sohn und eine Tochter, welche sie Justus und Jukunde

nannten und die blühende, lachende Schönheit weiter vererben werden.

Sie besuchten öfter die frommen Frauen Ursula und Agathchen, wenn sie

einen Spaziergang machten, und ließen es ihnen an nichts fehlen. Das

Ölweib war fortgezogen, da es die vollkommene Unschuld und Güte nicht

vertrug.

Der Pfarrer, dessen schwache Stunde Justine gesehen hatte, kam zuweilen

auch wieder herbei und vertraute sich dem Paare gerne an. Er führte mit

schwerem Herzen noch eine Zeitlang seinen bedenklichen Tanz auf dem

schwanken Seile aus und war dann froh, durch Jukundis Vermittlung in ein

weltliches Geschäft treten zu können, in welchem er sich viel geriebener

und brauchbarer erwies, als Jukundus selber einst in Seldwyla und

Schwanau getan hatte; denn er, der Pfarrer, glaubte nicht leicht, was

ihm einer vorgab.

Druck der

Union Deutsche Verlagsgesellschaft

in Stuttgart

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Anmerkungen zur Transkription:

Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:

S. 11 nichts, als einen Fingerhut --> nichts als einen Fingerhut

(Komma nach 'nichts' entfernt)

S. 79 nachzusinnnen --> nachzusinnen ('n' entfernt)

S. 126 zurechtzukommen, Als --> zurechtzukommen. Als

(Komma durch Punkt ersetzt)

Wenn die wörtliche Rede mehrere Absätze lang ist, werden neue

Absätze, in denen die wörtliche Rede fortgeführt wird, im Original jeweils

mit Anführungszeichen eingeleitet. Diese Anführungszeichen wurden in der

Transkription entfernt.

Die Leute von Seldwyla — Band 2 · 第 26 / 26 段