Mit der Pünktlichkeit, die der Geheimrat erwartet hatte, wurde ihm der
Freiherr von Marning gemeldet.
»Wie farblos und wie ernst er aussieht,« dachte er.
Aber da war ja erst allerlei anderes zu besprechen; der Geheimrat wußte
schon: Likowski hatte den linken Unterschenkel gebrochen. Und er sprach
lebhaft davon, wie dem Manne zumute sein müsse, in einem Augenblick so
jämmerlich als Opfer eines schikanösen Unfalls festgebunden zu liegen,
wo die Kriegsstimmung durch Deutschland fieberte.
Und zwischendurch sah er unruhig nach dem Fenster, denn der Regen nahm
den heftigsten Charakter an und strich schräg und dicht hernieder. Und
er sagte, daß es seiner Tochter beigekommen sei, in diesem Wetter
auszufahren.
Ihm entging nicht das Aufblitzen in dem Auge des jungen Mannes.
Stephan dachte: ich habe es gewußt!
Und dann erlaubte er sich, daran zu erinnern, daß er in wichtiger Sache
hergerufen sei.
Der alte Herr legte seine Hände auf die breiten Armlehnen und richtete
seinen Kopf gerade auf. Wenn er in dieser Herrscherhaltung zu den tiefer
vor ihm Sitzenden herab sprach und sah, hatte er immer etwas von einem
Richter und Regenten, dessen Willen schwer zu entrinnen sei.
Auch Stephan wurde von dem Gefühl bedrückt, daß jetzt ein Reiferer und
Größerer ihn gleichsam in die Hand nehmen wolle -- um mit ihm nach
Befund und Gefallen zu verfahren.
Und daß diese Augen bis auf den Grund seines Herzens sehen würden ...
»Ich meine, lieber Marning, es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß ich
herzlich Teil an Ihnen nehme.«
Stephan verneigte sich im Sitzen.
»Es ist mir nicht entgangen, Herr Geheimrat,« sprach er. »Schon bei den
gelegentlichen Begegnungen im Hause meiner Verwandten fühlte ich mich
durch die Aufmerksamkeit geehrt, die Sie mir schenkten. Und die gütige
Aufnahme, die ich hier gefunden habe, empfinde ich mit Stolz und Dank.«
»Wollen Sie mir gestatten, als väterlicher Freund allerlei Fragen an Sie
zu richten?«
»Wem sollte ich lieber dies Recht einräumen? Ich werde mit Wahrheiten
antworten.«
»Sie sind mit Ihrem Beruf zufrieden?«
»Vollkommen, Herr Geheimrat.«
»Wir, mein Mitarbeiter und Freund Thürauf und ich, glauben beobachtet zu
haben, daß Sie auch für eine Tätigkeit, wie die unsere ist, ein
Verständnis haben, aus dem man auf Berufung schließen kann. Denn ein
gewisser Grad von Verständnis und Interesse läßt mit Sicherheit auf
Begabung schließen -- nicht nur von den Künsten, sondern auch von
wissenschaftlichen und praktischen Berufen darf man das behaupten. Was
meinen Sie?«
»Gewiß, Herr Geheimrat,« sprach Stephan offen, »ich fühle mich auf das
stärkste, ja leidenschaftlich zu all den wunderbar großen Dingen
hingezogen, wie ich sie auf 'Severin Lohmann' kennen lernen durfte. Wie
sich da Wissenschaft, Wagemut, praktischer Erfindungsgeist vereinen, um
die Elemente in den Dienst der Kultur zu zwingen, das ist herrlich. Und
all die volkswirtschaftlichen Bedingtheiten eines solchen Werkes regen
mich unablässig zum Nachdenken an. Man fühlt immerfort: alles ist
lebendige Kraft. Und wie ungeheuer die Verantwortung, die Summe all
dieser Kraft stets in rechter Balance der Bewegung zu erhalten!«
»Sie hätten keine Lust, trotz dieser starken Teilnahme von der Armee zur
Industrie überzugehen?«
»Wenn ich in meinen Knabentagen, in der Zeit, wo man anfängt, über den
Beruf nachzudenken, Gelegenheit gehabt hätte, in diese Welt des Feuers
und Eisens hineinzusehen, so würde ich vielleicht meine Eltern gebeten
haben: laßt mich Hüttenchemie studieren.«
Er setzte mit einem Lächeln voll Ergebenheit und Verzicht hinzu: »Aber
ich bin im Kadettenhaus auferzogen, weil es das Billigste war; ich habe
gar keine Gelegenheit gehabt, nachzudenken über Berufswahl, weil ich nie
was anderes gewußt habe, als: Offizier werden. Und meine Eltern hätten
mich auch gar nicht studieren lassen können.«
»Und jetzt?«
»Jetzt würde es auch schwer sein, den Rock auszuziehen, den ich liebe!
Wenn es denn endlich losgeht, möchte ich nicht zu Hause bleiben.«
»Beides läßt sich verbinden. Sie brauchten keineswegs zur Landwehr
überzutreten, sondern könnten, wenn Sie alljährlich eine längere Übung
machen, als Reserveoffizier Ihrem Regiment im Frieden wie im Kriege
angehörig bleiben.«
»Das weiß ich wohl, Herr Geheimrat. Aber ich weiß auch, daß die großen
Unternehmer schwerlich ihre unteren Angestellten alljährlich so lange
beurlauben. Und ich könnte doch vorderhand nur immer ein untergeordneter
Angestellter werden, ohne Vorbildung wie ich bin -- wenn ich mir's auch
zutraue, in die Aufgaben hineinzuwachsen.«
Der Geheimrat sah ihn nachdenklich an und erwog: wie gehe ich weiter?
Denn er spürte, daß Marning gar nicht daran dachte, es handle sich um
»Severin Lohmann«.
»Nun,« sprach er, »die Unternehmer denken verschieden. Und warum nicht
gleich mit der nötigen Vorbildung hineinkommen? Ein Jahr auf der
Hochschule in Charlottenburg Hüttenchemie studieren -- sich dann noch
ein halbes Jahr praktisch umtun -- das wäre schon Vorbildung, die Sie
natürlich nicht sofort für eine direktoriale Stellung reif machte, aber
doch, bei Ihrer Intelligenz und Ihrem Pflichtgefühl, Ihrem Ehrgeiz, Sie
von vornherein in die obere Laufbahn brächte.«
»Herr Geheimrat,« sagte Stephan mit ernstem, entschlossenem Ton, »ich
habe mich durch ähnliche Erwägungen schon manchesmal in Versuchung
gefühlt. Ich muß aber darauf verzichten, den verlockenden Weg zu
beschreiten. Es wäre bei meiner überaus bescheidenen Vermögenslage ein
Wagnis, das ich nicht unternehmen darf. Wenn ich für das Studium und
eine kurze Volontärzeit von meinem sehr kleinen Erbteil das
Erforderliche opfere, und ich finde nachher keine Stellung, so gerate
ich in eine schwere Lage. Ich habe keine Beziehungen zum Hause Krupp
oder anderen Häusern. Und wenn mir auch diese Unterredung den mutvollen
Gedanken geben darf, daß ich auf Ihre Empfehlung würde rechnen können --
eine Sicherheit wäre mir damit nicht gegeben. -- Und so muß ich
verzichten.«
Ganz langsam fragte der alte Herr und sah ihm gerade in die Augen: »Wie
viel Zulage haben Sie?«
Und mit freiem Blick, stolz und einfach antwortete Stephan: »Sechzig
Mark, Herr Geheimrat.«
»Schulden?«
»Nein, Herr Geheimrat. Auch keine Kleiderschulden. Ich habe von Anfang
an beim Offiziersverein immer bar bezahlt und zwölf Prozent bekommen.«
Rührung zog durch das Gemüt des Alten und machte es weich. Und ein
Hochgefühl wallte in ihm auf.
Ja, so gibt es Tausende -- Tausende. -- Mit einer knappen Zulage. --
Großer Gott: zwei Mark für jeden Tag! Mit dem schmalen Sold vom Reiche
schlagen sie sich durch. Entbehrung ist ihr Los. -- Aber sie zu
ertragen, ist ihr Stolz.
Arm! Mutig! Voll heiterer Kraft!
Das ist der deutsche Offizier im stillen Heldentum, das der Friede
fordert.
Und es ist Gefahr, daß das Volk diese reine, straffe, aufrechte Gestalt
nicht mehr richtig sieht.
Weil die Zeit nicht von ihr fordert, daß das Schwert erhoben werde.
Lastende Zeit ... Das ging so durch ihn hin.
Der junge Offizier fühlte die Güte des Blickes, der auf ihm ruhte -- er
ahnte, daß dies Schweigen erfüllt war von Achtung und Verstehen. -- Und
er wurde weich -- sehr weich. -- Er hätte am liebsten in kindlicher
Verehrung die Hand des Alten geküßt.
Nun aber fuhr der aus seiner Rührung und seinen Gedanken auf.
Der Augenblick war da. Die Frage mußte getan werden.
»Ich bin wie alle alten Leute,« sprach er mit einem mühsamen Lächeln,
»ich mache lange Vorreden. Ganz klipp und klar hätte ich gleich sagen
sollen: wollen Sie nach den nötigen Vorbereitungen bei 'Severin Lohmann'
eintreten?«
Stephan sprang auf. Er erblaßte so sehr, daß dem alten Mann, der ihn mit
fast gieriger Wachsamkeit beobachtet hatte, das Herz rasend zu klopfen
begann.
»Hier?« sprach er sofort -- ließ keine, gar keine Pause aufkommen,
»hier? -- auf 'Severin Lohmann' sein? Hier? Jeden Tag -- immer? -- Nein.
Nein! Ich -- ich -- danke gehorsamst, Herr Geheimrat. Ich muß ablehnen.«
Bei den letzten Worten spürte man es: er hatte sich gefaßt. Und er
setzte sogleich hinzu: »Sowie Likowski wieder Dienst tun kann, komme ich
um Versetzung ein. -- Nur sein Unfall hat mich verhindert, es schon
heute zu tun. Ich danke gehorsamst --«
Das mächtige Haupt neigte sich ein wenig, als sei es müde. Unter den
starken, grauen Brauen her kamen die tiefen Blicke und schienen in die
Stürme und Leiden des jungen Menschen hineinsehen zu wollen.
»Können Sie mir den Grund sagen, weshalb Sie nicht bei uns bleiben
wollen, weder als Mitarbeiter noch in Ihrer Garnison? Wollen Sie es
nicht einem alten Mann sagen, der Sie liebhat und der -- der auch -- ein
-- Mensch ist ... der gelitten hat --«
Diese zitternde Stimme -- zum erstenmal klang sie ihm greisenhaft --
erschütterte Stephan.