Woher eine Lüge nehmen?
Lügen müssen glaubhaft sein -- sonst sind sie noch schlimmer als harte
Wahrheiten.
»Wenn ich sagte: Wynfried wird eifersüchtig werden, daß man einen
solchen Mann zu seinem Mitarbeiter ausbilden will?«
Vielleicht war es nicht einmal eine Lüge. Klara kannte ja ihren Gatten
gar nicht. Sie kannte einen schönen, immer verbindlichen,
liebenswürdig-freundlichen Mann von angenehmsten Formen und vornehmen
Lebensgewohnheiten, der in den ersten Monaten ihrer Ehe auch in
zärtlichen Aufwallungen sich als Liebender gebärdet hatte. An dem
urteilsfähige Beobachter eine starke und raschbewegliche kaufmännische
Begabung festgestellt hatten.
Von dem, was an Möglichkeiten im Grunde seines Wesens schlummerte, wußte
sie nichts. --
So blitzschnell das alles durch sie hinging -- sie fühlte doch: dies
große, forschende Auge ruhte wartend auf ihr. Und sie sagte, was ihr
eingefallen war.
»Weil Wynfried eifersüchtig werden könnte, wenn du einen anderen
heranziehst, der sich möglicherweise zu einem Rivalen heraufarbeiten
kann.«
»Keine Sorge,« sprach der Geheimrat, »ich habe Wynfried von meinem
Einfall gesagt -- er ist mir nicht von gestern auf heut gekommen. -- Und
Wynfried ist sehr einverstanden. Der ist froh über jeden Mitarbeiter,
der ihn entlastet. -- Und wenn Marning nach ein paar Jahren sich so
eingearbeitet hätte, daß man ihn an eine leitende Stelle setzen kann,
wäre niemand zufriedener als Wynfried. Ich muß es einmal aussprechen:
sein Interesse am Werk ist das des Sportmannes. -- Es ist nicht diese
umspannende, ideale Empfindung, die das Volkswirtschaftliche,
Wissenschaftliche, das Kulturelle in unserer Tätigkeit fast noch über
den Gewinn stellt ... In Marning habe ich ein merkwürdiges Verständnis,
ja eine Begabung für all dies erkannt. Denke doch auch, welche
Aussichten für ihn, der so arm ist ...«
Sie fühlte, daß die großen Augen eine besondere Wachsamkeit behielten --
fühlte sich belauert. Und nahm sich noch fester in die Hand.
»Nun -- dann!« sagte sie. Und sie dachte: »Wie dürfte ich ihm zerstören,
was ihn in freiere, größere Verhältnisse bringen kann?«
Mochte er entscheiden nach seinem Willen und Wunsch!
»Wir werden stark bleiben,« dachte sie. Und es war wie ein Schwur!
Aber die forschenden Augen mußten ja getäuscht werden.
»Wie du immerfort voraussorgst, Vater,« sagte sie. »Manchmal denk' ich,
du bist wie ein Forstmann, der die Setzlinge pflanzt, die erst späteren
Generationen als große Bäume Schatten geben können. Wenn wir alle mal
nicht mehr sind, wird dein Enkel als Greis noch sagen: das hat mein
Großvater begonnen.«
»Ich weiß nicht, Klara. Vielleicht ist alles Vorausdenken
Kurzsichtigkeit -- vielleicht sind wir bei unserer Arbeit von Schranken
umgeben, die wir nicht einmal ahnen, weil uns noch die Möglichkeit
fehlt, sie zu erkennen. Dein Sohn vielleicht wird sie spüren und
zersprengen. Wer will denn heute sagen, unter welchen Bedingungen mein
Enkel einmal das Eisen aus den Erzen schmilzt! Vielleicht wirft die
Wissenschaft uns bald unsere braven Winderhitzer um und macht die
Gebläsemaschinen unnötig, mit denen wir den Koks im Hochofen die heiße
Luft zublasen, damit sie rascher brennen. Wir wissen ja schon, daß wir
dabei als Ballast all den Stickstoff in der Luft mitschleppen.
Vielleicht glückt es schon bald, daß wir reinen Sauerstoff verwenden
können. Versuche sind schon im Gange. Sie haben ergeben, daß die
Leistungsfähigkeit der Hochöfen, bei geringerem Koksverbrauch, erheblich
gesteigert würde. Und der abfallende Stickstoff ließe sich dann wieder
zu Salpetersäure und Kalkstickstoff für landwirtschaftliche Zwecke
verwerten.«
Er seufzte.
»Sieh mein Kind,« schloß er melancholisch, »wenn ich an all diese
Entwicklungen denke ... Schwer ist es, sich zu sagen: du mußt davon. --
Man möchte wissen, wie es weiter wird, welche Wunder noch zu
Selbstverständlichkeiten werden. In dieser Begierde, zu wissen, die
vielleicht jedem Menschen eingeboren ist, der etwas Phantasie hat, liegt
das Geheimnis des Erfolgs von Büchern, die uns die Zukunft vormalen. Man
scheint beim Lesen in ihr mitzuleben. Merkwürdig schwer, sich
vorzustellen: ich bin einmal nicht mehr dabei. -- Es muß doch wohl so
ein Stück Unsterblichkeitsrecht in uns stecken.«
Nun dachte Klara: er ist abgelenkt -- er sucht nicht mehr, weshalb ich
so erschrak ...
Er aber dachte: Noch schwerer wäre es, fort zu müssen, wenn
Zerstörungen drohen. -- Weshalb entsetzte sie sich so? Was will da an
mein Haus herankommen? ...
Bald nach drei Uhr, als eben rasch verprasselnder Gewitterregen mit
einem Blitz und Donnerkrach vorbeigezogen war, kam Leupold mit einer
Bestellung. Marnings Bursche hatte diesmal genau telephoniert.
Klara hörte mit ruhigem Gesicht und sprach: »Also kein Gast zum Abend.
-- Sagen Sie meinem Schwiegervater, daß ich nur einen kurzen Besuch auf
Lammen machen würde und ihm beim Abendessen jedenfalls Gesellschaft
leistete. -- Ach -- ja -- und: fragen Sie doch nachher einmal bei Frau
Doktor Lamprecht an, was für ein Unfall denn das ist, den Herr von
Likowski hatte ...«
Der Himmel verdüsterte sich und ward hell -- dies launische Wetterleben
da oben verhieß nichts Gutes. Der besorgte alte Herr ließ durch Leupold
noch besonders darauf aufmerksam machen. Aber Klara blieb eigensinnig
dabei: sie habe es sich nun einmal vorgenommen.
Sie wollte nicht im Hause sein, wenn Stephan es betrat -- gerade heute
nicht. -- Eine zufällige Begegnung war möglich, ein Ruf des alten Herrn
konnte sie herbeizwingen. Und heute, wo eine so große Frage an ihn
herankam, sollte kein Blick von ihr, kein Beben ihrer Stimme zu einem
Einfluß werden. --
Halb sechs fingen die Wolken an, ihren Inhalt herabzuschütten. Und als
der alte Herr trotzdem unter seinem Fenster den hellen Warnruf des
Gabrielshorns hörte, hinter dem drein gleich die Hupe ihren dunkeln Laut
ertönen ließ, da wußte er: Klara fuhr davon!
Seine Stirn runzelte sich. Er dachte wieder an den angstvoll
ausgestoßenen Befehl -- sah wieder ihren Schreck und das, was aus ihren
Augen flammte.
Und er fragte sich kaum noch -- er _fühlte_: sie flieht vor diesem
Mann!