»Sylvester hofft es.«
»Ist es ein Verheirateter von Severinshof?«
Klara wußte es nicht.
Da mischte sich Leupold ein, der mit den Händen am Griff des Fahrstuhls
bereit stand, um seinen Herrn in den Lift zu schieben.
»Nein. Georg hat gehört, er heißt Judereit und sei ein wilder Kerl --«
»Möchte er gerettet werden,« sprach der alte Herr leise vor sich hin.
Aber nun wollte er zur Ruhe. -- Was? Gerade schlug die Uhr auf der
Diele. -- Einen Schlag? Dunkel und volltönig? Halb eins! Wo blieb nur
Wynfried?
Likowski verabschiedete sich. Und er sagte, er müsse doch zunächst noch
seinen verlorengegangenen Oberleutnant aufgabeln. Und wettete, daß der,
wieder vom Werk hypnotisiert, sich nicht trennen könne. --
Wie sehnte die junge Frau sich nach Einsamkeit.
Und ganz merkwürdig ging es ihr kurz durch die Gedanken -- wie ein
Erstaunen: ich bin ja nie allein. -- Ihr Eigenleben war wie erdrückt und
verdrängt von dem Leben um sie herum ...
»Gute Nacht, Vater!«
Sie neigte sich zu ihm und küßte seine Stirn, wie jeden Abend.
In ihrem Zimmer hatte sie noch nicht begonnen, ihr Haar zu lösen, als
es klopfte -- sie erschrak. -- Warum? Ihr Mann mußte doch endlich
heimkommen.
»Darf ich dir noch Gute Nacht sagen, Klara?«
Und er trat ein.
»Agathe läßt dich vielmals grüßen. Es hat ihr sehr leid getan, daß du
nicht mit kamst. Die Fahrt war herrlich. Nur zuletzt starke Flaute. So
wurde es spät,« sprach er.
»Wie gut, daß ich hier blieb. Weißt du denn nicht ...?«
Sie beschäftigte sich vertieft mit einer Schatulle, die auf ihrer
Kommode stand.
»Fatal. Ja. Wir hörten schon in Travemünde von einem Malheur. --
Durchbruch -- na ja -- ziemlich aufregende Geschichte. -- Und in diesem
Moment Produktionsverminderung, wo wir gerade mit Direktor Malzan morgen
Lieferungen abzuschließen hofften --«
Wie merkwürdig -- das Leben mit all seinem tausendfältigen Inhalt ging
weiter -- wie jeden Tag. -- War es denn nicht ein neues und von Grund
aus erschüttertes geworden, seit jenem letzten Blick und Händedruck?
Wynfried war unruhig -- anders als sonst. Sie begann es zu spüren. Seine
Worte liefen so -- als flöhen sie am liebsten schnell an dem Schrecken
der Dinge vorbei. Wie begreiflich war es ihr! Ein Menschenleben durch
den Dienst auf dem Werk gefährdet. -- Aber wie sonderbar -- er wußte es
doch wohl nicht -- er sprach so unnötig lang und breit von dem Schaden,
den sie hatten -- erwog Zahlen -- ging auf und ab in seinem weißseidenen
Sportkostüm, daran nichts farbig war als der schwarz-weiß-rote Schlips
des Kaiserlichen Jachtklubs.
»Es ist ein Mann sehr schwer verunglückt,« sagte sie und schloß den
Deckel der Schatulle, darin sie nichts gesucht hatte, »das weißt du wohl
noch nicht.«
»Doch, doch,« sprach er, »aber es ist zum Glück keiner vom alten Stamm
-- bloß Judereit -- ein Wasserpolack -- kenn' den Kerl zufällig -- war
neulich dabei, als er von Thürauf in Person verdonnert wurde -- war in
wahnsinniger Verliebtheit zu dreist gegen ein Mädel von Severinshof
geworden. -- Der Vater hatte sich beschwert. -- Der Judereit wollt' sie
zum Weib -- sie will aber nicht. -- Ja, die Leute haben auch ihre
Romane.«
»So leidet er tausendfach,« sprach sie.
»Na nu -- so schroff?«
»Verzeih. Ich bin zum Umfallen müde. -- Und es war so aufregend ...«
»Also denn gute Nacht.«
Und er küßte ihr die Hand -- sehr ritterlich -- mit Allüren, als sei
hier ein Salon, in dem sich eine feierliche Gesellschaft dränge. --
Als die junge Frau sich endlich in ihrem Bett ausstrecken konnte, war es
ihr wie eine Beglückung.
Allein -- feierliches Dunkel -- kühles Leinen um die erschöpften
Glieder.
Das tat wohl.
Und denken können -- denken! ...
Aber ihre Gedanken zerrannen. -- In eherner Gewißheit stand ihr
Schicksal vor ihr.
Aber sie fühlte: es war nicht klein!
Ihr Dasein hingebend, hatte sie große Dankesschuld abtragen dürfen: Der
herrliche Mann, nun ihr Vater, war beglückt -- durch sie, durch seinen
Enkel.
Dies Bewußtsein gab Halt und Frieden.
Ihrer Ehe fehlte die Liebe. Aber der Bund war ja nicht aus Liebe
geschlossen. -- Sein Inhalt hieß: sittliche Pflichten, Wahrhaftigkeit
-- Treue -- dieser Inhalt war _unumstößlich_! -- Die Gründe, um
derenwillen sie sich mit Wynfried verbunden, bestanden fort.
Sie dachte an den anderen Mann.
Nun wußte sie es. -- Sie hatte ihn immer geliebt. -- Von jenem ersten
Tage an, da sie im Regen und Sturm zusammen übers Wasser fuhren.
All diese dumpfe Bedrängnis ihres Herzens, all diese geheime Angst -- es
war die Furcht vor dieser Liebe gewesen.
Einen Augenblick wünschte sie: hätte ich nie begriffen --!
Aber nein -- nein -- lieber leiden und kämpfen, als auf dies Wissen
verzichten.
Sie sah ihn wieder vor sich, im Helldunkel der Sommernacht.
Nur seine Augen hatten gesprochen.
Und wie ihm seine Ehre und die ihre heilig war! -- Sie fühlte es in
beseligender Erschütterung.
Ihr Herz war erhoben in Dank und Glück.
Wie deutlich erlebte ihr Gedächtnis noch einmal das erste Begegnen.
Da fiel ihr etwas ein. -- Sie drehte das Licht auf. -- Sie glitt aus
ihrem Bette. -- Hinten, tief im Schubfach ihrer Kommode gab es ein
weißes Paketchen -- es umschloß eine blaue Mütze und eine beschriebene
Karte. -- Klara wußte nun, weshalb sie diese kleinen, geringen Dinge
aufgehoben hatte. -- Und weil sie es wußte, durfte sie sie nicht
behalten.
Sie holte sie hervor -- sie ging an den Kamin und knüllte Papier und die
Wollhäkelei zusammen und warf sie auf den Rost -- ganz hinten an die
Rückwand des Feuerloches.
Da war auch noch die Karte -- sein Name -- wenige, förmliche Zeilen von
seiner Hand.
Klara sah lange diesen teuren Namen an -- las ihn -- als enthielten
diese Buchstaben die Geschichte seines Lebens, ihres Lebens und -- ihrer
Liebe.
Sie hob das Kärtchen -- zauderte ein wenig -- und leise, leise hauchte
sie einen Kuß auf die Schrift.