EIn Birn-Baum von sehr früher Art
Zeigt’ allbereits im Mertz die Knospen seiner Blüthe.
Diess trächtige Gewächs, das noch so zart,
Beschaut’ ich mit betrachtendem Gemüthe,
Und ward mit reiner Lust erfüllt,
Als ich nicht nur die zarte Zierlichkeit
Der Knospen selbst, die Vollenkommenheit
Der Blätter, die sie eingehüllt, 20
Die kleinen Knoten mit fünf Spitzen,
Worinn die zarten Blumen sitzen,
Samt ihren schlancken Stielen sahe,
Nein gar, wie jeden Theil ein zartes Pelz-Werck schmückte
Von weissen Zäserchen, vor Lust erstaunt erblickte;
So dass mir diess mit weiss gemischte Grün
Durch einen geistigen Verstand
Und mehr von unsichtbarer Hand
Gebildet, als gewachsen, schien.
Wodurch ich denn gerührt von Gottes Macht und Liebe
Zu Seiner Ehr’ und meinem Troste schriebe:
Du Allmachts-voller Gott, der Du so wunderbar 10
In jeder Creatur, in allen Deinen Wercken
Macht, Lieb’ und Weisheit lässest mercken,
Der Du sogar
In weissem Sammt, in weicher Seiden
Die frühe Blüth des Birn-Baums pflegst zu kleiden,
Um für ihm drohenden Gefahren
Des späten Frosts sie zu bewahren;
Ach warum soll denn ich mit kindlichen Vertrauen
Auf deine Lieb’ und Vater-Treu nicht bauen,
In fester Zuversicht, Du werdest hier im Leben 20
Den’n meinigen und mir leicht Kost und Kleider geben.
_LEIBNIZ._
[_Scherer D._ 352, _E._ 354.]
Geboren 1646 in Leipzig, wo er die Nicolaischule besuchte und
später studierte. Seit 1667 Canzleirevisionsrath in Mainz, und viel
zu diplomatischen Geschäften benutzt. Nachdem er auf seinen Reisen
in Holland, Frankreich und England die bedeutendsten Männer der
Wissenschaft kennen gelernt, zog er sich nach Hannover zurück, wo
er Hofrath und Bibliothekar wurde. Seine Werke sind lateinisch,
französisch und deutsch geschrieben. Er war Stifter und erster
Präsident der Berliner Academie (1700). Starb 1716.
AUS DEN UNVORGREIFLICHEN GEDANKEN BETREFFEND DIE AUSÜBUNG UND
VERBESSERUNG DER TEUTSCHEN SPRACHE.
Ich finde, dass die Teutschen ihre Sprache bereits hoch bracht in
allen dem, so mit den fünf Sinnen zu begreifen, und auch dem gemeinen
Mann fürkommet; absonderlich in leiblichen Dingen, auch Kunst- und
Handwerks-Sachen, weil nemlichen die Gelehrten fast allein mit dem
Latein beschäftiget gewesen, und die Mutter-Sprache dem gemeinen Lauf
überlassen, welche nichts desto weniger auch von den so genannten
Ungelehrten nach Lehre der Natur gar wohl getrieben worden. Und halt
ich dafür, dass keine Sprache in der Welt sey, die (zum Exempel)
von Erz und Bergwercken reicher und nachdrücklicher rede, als die
Teutsche. Dergleichen kann man von allen andern gemeinen Lebens-Arten
und Professionen {10} sagen, als von Jagt- und Waid-Werk, von der
Schifffahrt und dergleichen. Wie dann alle die Europäer, so aufm
grossen Welt-Meer fahren, die Namen der Winde und viel andere Seeworte
von den Teutschen, nehmlich von den Sachsen, Normannen, Osterlingen und
Niederländern entlehnet.
Es ereignet sich aber einiger Abgang bey unserer Sprache in denen
Dingen, so man weder sehen noch fühlen, sondern allein durch
Betrachtung erreichen kann; als bey Ausdrückung der Gemüths-Bewegungen,
auch der Tugenden und Laster, und vieler Beschaffenheiten, so zur
Sitten-Lehr und Regierungs-Kunst gehören; {20} dann ferner bey denen
noch mehr abgezogenen und abgefeimten Erkenntnissen, so die Liebhaber
der Weisheit in ihrer Denk-Kunst, und in der allgemeinen Lehre von den
Dingen unter dem Namen der Logik und Metaphysik auf die Bahne bringen;
welches alles dem gemeinen Teutschen Mann etwas entlegen, und nicht
so üblich, da hingegen der Gelehrte und Hofmann sich des Lateins oder
anderer fremden Sprachen in dergleichen fast allein und, in so weit,
zu viel beflissen: also dass es denen Teutschen nicht am Vermögen,
sondern am Willen gefehlet, ihre Sprache durchgehends zu erheben. Denn
weil alles was der gemeine Mann {30} treibet, wohl in Teutsch gegeben,
so ist kein Zweifel, dass dasjenige, so vornehmen und gelehrten Leuten
mehr fürkommt, von diesen, wenn sie gewollt, auch sehr wohl, wo nicht
besser, in reinem Teutsch gegeben werden können.
Nun wäre zwar dieser Mangel bey denen logischen und metaphysischen
Kunstwörtern noch in etwas zu verschmerzen, ja ich habe es zu Zeiten
unser ansehnlichen Haupt-Sprache zum Lobe angezogen, dass sie nichts
als rechtschaffene Dinge sage, und ungegründete Grillen nicht
einmal nenne (_ignorat inepta_). Daher ich bey denen Italiänern und
Franzosen zu rühmen gepfleget: Wir Teutschen hätten einen sonderbaren
Probierstein der Gedanken, der andern unbekant; und wann sie denn
begierig gewesen, etwas davon zu wissen, so habe ich ihnen bedeutet,
dass es unsere Sprache selbst sey; denn was sich darin ohne entlehnte
und ungebräuchliche Worte vernehmlich sagen lasse, das seye würklich
was Rechtschaffenes: aber leere Worte, da nichts hinter, und gleichsam
nur ein leichter Schaum müssiger Gedanken, nehme die reine {10}
Teutsche Sprache nicht an.
Alleine, es ist gleichwohl an dem, dass in der Denk-Kunst und in der
Wesen-Lehre auch nicht wenig Gutes enthalten, so sich durch alle andere
Wissenschaften und Lehren ergiesset, als wenn man daselbst handelt von
Begrenzung, Eintheilung, Schluss-Form, Ordnung, Grund-Regeln, und ihnen
entgegen gesetzten falschen Streichen; von der Dinge Gleichheit und
Unterscheid, Vollkommenheit und Mangel, Ursach und Würkung, Zeit, Ort,
und Umständen, und sonderlich von der grossen Muster-Rolle aller Dinge
unter gewissen Haupt-Stücken, so man Prädicamenten nennet. {20} Unter
welchen allen viel Gutes ist, damit die Teutsche Sprache allmählig
anzureichern.
Sonderlich aber stecket die gröste natürliche Weisheit in der
Erkäntniss Gottes, der Seelen und Geister aus dem Licht der Natur, so
nicht allein sich hernach in die offenbahrte Gottes-Gelehrtheit mit
einverleibet, sondern auch einen unbeweglichen Grund leget, darauf die
Rechts-Lehre sowohl vom Rechte der Natur, als der Völker insgemein
und insonderheit auch die Regierungs-Kunst samt den Gesetzen aller
Lande zubauen. Ich finde aber hierin die Teutsche Sprache noch etwas
mangelhaft, und zu verbessern.
{30} Zwar ist nicht wenig Gutes auch zu diesem Zweck in denen
geistreichen Schriften einiger tiefsinnigen Gottes-Gelehrten
anzutreffen; ja selbst diejenigen, die sich etwas zu denen Träumen der
Schwärmer geneiget, brauchen gewisse schöne Worte und Reden, die man
als güldene Gefässe der Egypter ihnen abnehmen, von der Beschmitzung
reinigen, und zu dem rechten Gebrauch wiedmen könnte. Welchergestalt
wir den Griechen und Lateinern hierin selbst würden Trotz bieten
können.
Am allermeisten aber ist unser Mangel, wie gedacht, bey denen Worten
zu spüren, die sich auf das Sittenwesen, Leidenschaften des Gemüths,
gemeinlichen Wandel, Regierungs-Sachen, und allerhand bürgerliche
Lebens- und Staats-Geschäfte ziehen, wie man wohl befindet, wenn man
etwas aus andern Sprachen in die unsrige übersetzen will. Und weilen
solche Wort und Reden am meisten fürfallen, und zum täglichen Umgang
wackerer Leute so wohl, als zur Brief-Wechselung zwischen denselben
erfordert werden; so hätte man fürnehmlich auf deren Ersetzung, oder
weil sie schon {10} vorhanden, aber vergessen und unbekannt, auf deren
Wiederbringung zu gedenken, und wo sich dergleichen nichts ergeben
will, einigen guten Worten der Ausländer das Bürger-Recht zu verstatten.
Hat es demnach die Meynung nicht, dass man in der Sprach zum Puritaner
werde, und mit einer abergläubischen Furcht ein fremdes, aber bequemes
Wort als eine Tod-Sünde vermeide, dadurch aber sich selbst entkräfte,
und seiner Rede den Nachdruck nehme; denn solche allzu grosse
Scheinreinigkeit ist einer durchbrochenen Arbeit zu vergleichen, daran
der Meister so lange feilet und bessert, {20} bis er sie endlich gar
verschwächet, welches denen geschieht, die an der Perfectie-Krankheit,
wie es die Holländer nennen, darnieder liegen.
Ich erinnere mich gehöret zu haben, dass wie in Frankreich auch
dergleichen Rein-Dünkler aufkommen, welche in der That, wie Verständige
anitzo erkennen, die Sprache nicht wenig ärmer gemacht, da solle die
gelehrte Jungfrau von Journay, des berühmten Montagne Pflege-Tochter,
gesaget haben: was diese Leute schrieben, wäre ein Suppe von klarem
Wasser (_un bouillon d’eau claire_), nehmlich ohne Unreinigkeit und
ohne Kraft.
{30} So hat auch die Italiänische Gesellschaft der Crusca oder des
Beutel-Tuchs, welche die böse Worte von den guten, wie die Kleyen vom
feinen Mehl scheiden wollen, durch allzu eckelhaftes Verfahren ihres
Zwecks nicht wenig verfehlet, und sind daher die itzigen Glieder
gezwungen worden, bey der letzten Ausgebung ihres Wörter-Buchs viel
Worte zur Hinterthür einzulassen, die man vorhero ausgeschlossen;
weil die Gesellschaft anfangs ganz Italien an die Florentinische
Gesetze binden, und den Gelehrten selbst allzu enge Schranken setzen
wollen. Und habe ich von einem vornehmen Glied derselbigen, so selbst
ein Florentiner, gehöret, dass er in seiner Jugend auch mit solchem
Toscanischen Aberglauben behaftet gewesen, nunmehr aber sich dessen
entschüttet habe.
Also ist auch gewiss, dass einige der Herren Fruchtbringenden und
Glieder der andern Teutschen Gesellschaften hierin zu weit gangen, und
dadurch Andere gegen sich ohne Noth erreget, zumalen sie den Stein auf
einmal heben wollen, und alles Krumme schlecht[1037] {10} zu machen
gemeinet, welches wie bey ausgewachsenen Gliedern (_adultis vitiis_)
ohnmöglich.
Anitzo scheinet es, dass bey uns übel ärger worden, und hat der
Mischmasch abscheulich überhand genommen, also dass die Prediger auf
der Cantzel, der Sachwalter auf der Cantzley, der Bürgersmann im
Schreiben und Reden, mit erbärmlichen Französischen sein Teutsches
verderbet; mithin es fast das Ansehen gewinnen will, wann man so
fortfähret, und nichts dargegen thut, es werde Teutsch in Teutschland
selbst nicht weniger verlohren gehen, als das Engelsächsiche in
Engelland.
{20} Gleichwohl wäre es ewig Schade und Schande, wenn unsere Haupt- und
Helden-Sprache dergestalt durch unsere Fahrlässigkeit zu Grunde gehen
sollte, so fast nichts Gutes schwanen[1038] machen dörfte; weil die
Annehmung einer fremden Sprache gemeiniglich den Verlust der Freyheit
und ein fremdes Joch mit sich geführet.
_HOFMANNSWALDAU UND LOHENSTEIN._
[_Scherer D._ 362, _E._ 366.]
Hauptvertreter der ‘italienischen Schreibart’ oder des ‘Schwulsts’.
Christian Hofmann v. Hofmannswaldau war 1618 zu Breslau geboren und
erhielt eine sorgsame Erziehung. Er studierte in Leiden, reiste
dann in den Niederlanden, England, Frankreich und Italien und
war noch sehr jung Rathsherr in Breslau. Er starb 1679.--Daniel
Casper v. Lohenstein, ebenfalls ein Schlesier, war 1635 geboren,
erhielt eine gute Erziehung, bildete sich auf Reisen und lebte
als Regierungsrath in Breslau, wo er 1683 starb. Hofmannswaldau
zeichnete sich in Gedichten, Lohenstein hauptsächlich in Tragödien
und im Romane aus.