VANITAS! VANITATUM VANITAS!

Die Herrlichkeit der Erden

Muss Rauch und Aschen werden!

Kein Fels, kein Erz kann stehn.

Dies, was uns kann ergötzen,

Was wir für ewig schätzen,

Wird als ein leichter Traum vergehn.

Was sind doch alle Sachen, 20

Die uns ein Herze machen,

Als schlechte Nichtigkeit?

Was ist des Menschen Leben,

Der immer um muss schweben,

Als eine Phantasie der Zeit?

Der Ruhm, nach dem wir trachten,

Den wir unsterblich achten,

Ist nur ein falscher Wahn.

Sobald der Geist gewichen

Und dieser Mund erblichen, 30

Fragt keiner, was man hier gethan.

Es hilft kein weises Wissen.

Wir werden hingerissen

Ohn’ einen Unterscheid.

Was nützt der Schlösser Menge?

Dem hie die Welt zu enge,

Dem wird ein enges Grab zu weit.

Dies alles wird zerrinnen,

Was Müh’ und Fleiss gewinnen

Und saurer Schweiss erwirbt.

Was Menschen hier besitzen, 10

Kann für den Tod nicht nützen;

Dies alles stirbt uns, wenn man stirbt.

Ist eine Lust, ein Scherzen,

Das nicht ein heimlich Schmerzen

Mit Herzensangst vergällt?

Was ist’s, womit wir prangen?

Wo wirst du Ehr’ erlangen,

Die nicht in Hohn und Schmach verfällt?

Was pocht man auf die Throne?

Da keine Macht, noch Krone 20

Kann unvergänglich sein,

Es mag vom Todtenreihen

Kein Scepter dich befreien,

Kein Purpur, Gold, noch edler Stein.

Wie eine Rose blühet,

Wenn man die Sonne siehet

Begrüssen diese Welt,

Die, eh’ der Tag sich neiget,

Eh’ sich der Abend zeiget,

Verwelkt und unversehn’s abfällt: 30

So wachsen wir auf Erden,

Und hoffen, gross zu werden

Und schmerz- und sorgenfrei.

Doch, eh’ wir zugenommen

Und recht zur Blüte kommen,

Bricht uns des Todes Sturm entzwei.

Wir rechnen Jahr auf Jahre;

Indessen wird die Bahre

Uns vor die Thür gebracht.

Drauf müssen wir von hinnen

Und, eh’ wir uns besinnen,

Der Erde sagen gute Nacht.

Weil uns die Lust ergötzet,

Und Stärke freie schätzet,

Und Jugend sicher macht,

Hat uns der Tod bestricket, 10

Die Wollust fortgeschicket

Und Jugend, Stärk’ und Muth verlacht.

Wie viel’ sind jetzt vergangen!

Wie viel’ liebreicher Wangen

Sind diesen Tag erblasst,

Die lange Raitung machten

Und nicht einmal bedachten,

Dass ihn’n ihr Recht so kurz verfasst.

Auf, Herz! wach und bedenke,

Dass dieser Zeit Geschenke 20

Den Augenblick nur dein.

Was du zuvor genossen,

Ist als ein Strom verschossen;

Was künftig, wessen wird es sein?

Verlache Welt und Ehre,

Furcht, Hoffen, Gunst und Lehre,

Und fleuch den Herren an,

Der immer König bleibet,

Den keine Zeit vertreibet,

Der einig ewig machen kann. 30

Wohl dem, der auf ihn trauet!

Er hat recht fest gebauet;

Und ob er hier gleich fällt,

Wird er doch dort bestehen

Und nimmermehr vergehen,

Weil ihn die Stärke selbst erhält.

7.

The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 216 / 276 题