DER WALD.

WOl dem der weit von grossen Stätten 10

ein dienstbefreites Leben führt;

Er wird sich von viel Sünden retten,

und geben Gott was Gott gebührt:

Er wird sein Leben bringen zu,

in Fried und überwehrter[997] Ruh.’

Er kan sich in den Wald gesellen,

zu vieler Baumen Schatten-Raum,

dass sie ihm zu betrachten stellen,

dass auch er grune wie der Baum,

und dass er sonder gute Frucht, 20

wird zu der Höllen Brand verflucht.

Er siht die hochbelaubten Eichen,

begipfelt gleichsam Wolcken-an;

So soll sein Sinn an Himmel reichen,

der seine Wurzel nehren kan,

dort ist sein rechtes Erdenland

das ihn hält mit verborgnem Band.

Der Unterscheid ist bei den Baumen

und bey dem Menschen, dass der Lentz

kan die beschneeten äste raumen,

und ihnen flechten grüne Kräntz:

Hingegen is der Mensch veralt,

so bleibt er todt und ungestalt. 10

Die Baumen zu dem Leben dienen,

zum fahren, brennen und zum bau,

sie blühen, fruchten, grauen, grünen,

benasset von dem Himmels-tau;

ermahnen uns der Christen Pflicht,

die uns des Nechsten Dienst bericht[998].

Nun gute Nacht ihr hohen Forren[999]

ihr Fichten und du Erlenstamm,

grunt lange zeiten ohn verdorren

gesichert vor des Feuers-flamm. 20

Ich wünsch euch alle reiffe Frucht,

und dickbelaubte Schatten Zucht.

2.

The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 209 / 276 题