ÄNNCHEN VON THARAU.

(Herder’s Übertragung.)

Ännchen von Tharau ist die mir gefällt,

Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld.

Ännchen von Tharau hat wieder ihr Herz

Auf mich gerichtet in Lieb’ und in Schmerz.

Ännchen von Tharau, mein Reichthum, mein Gut!

Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut!

Käm’ alles Wetter gleich auf uns zu schlahn,

Wir sind gesinnt bei einander zu stahn.

Krankheit, Verfolgung, Betrübniss und Pein 20

Soll unsrer Liebe Verknotigung sein.

Ännchen von Tharau, mein Licht und mein’ Sonn’!

Mein Leben schliess’ ich um deines herum[984].

Recht als ein Palmenbaum über sich steigt,

Hat ihn erst Regen und Sturmwind gebeugt[985];

So wird die Lieb’ in uns mächtig und gross

Nach manchen Leiden und traurigem Loos[986].

Ännchen von Tharau, mein Reichthum, mein Gut!

Du, meine Seele, mein Fleisch und mein Blut!

Würdest du gleich einmal von mir getrennt,

Lebtest da, wo man die Sonne kaum kennt;

Ich will dir folgen durch Wälder und Meer,

Eisen und Kerker und feindliches Heer[987].

Ännchen von Tharau, mein Licht und mein’ Sonn!

Mein Leben schliess ich um deines herum.

Die folgenden Verse fehlen bei Herder. Das Übrige heisst in

hochdeutscher Sprache:

Was ich gebiete, wird von dir gethan,

Was ich verbiete, das lässt du mir stahn.

Was hat das Leben doch für ein’ Bestand,

Wo nicht ein Herz ist, ein Mund, eine Hand? 10

Wo man sich ärgert, kabbelt und schlägt,

Und gleich den Hunden und Katzen beträgt?

Ännchen von Tharau, das werden wir nicht thun,

Du bist mein Täubchen, mein Schäfchen, mein Huhn!

Was ich begehre, begehrest Du auch,

Ich lass den Rock dir, du lässt mir die Bruch[988].

Dies ist, dass, Ännchen, du süsseste Ruh’,

Ein Leib und Seele ward aus Ich und Du.

Dies macht das Leben zum himmlischen Reich,

Durch Zanken ward es der Höllen gleich. 20

The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 204 / 276 题