VON ERSCHAFFUNG DES HIMMELS UND DER ÄUSSERN WELT.

WUnderlich kommts der Vernunft vor, wenn sich dieselbe beschauet, wie

Gott habe Sternen und 4 Elementen geschaffen: Sonderlich wenn sie die

Erde mit den harten Steinen, und gantz rauhen {10} strengen Wesen

betrachtet: und siehet wie grosse Felsen und Steine geschaffen sind,

welche ein Theil zu nichts mögen gebraucht werden, und dem Gebrauche

der Creaturen dieser Welt nur hinderlich sind: So dencket sie, woraus

mag eine solche _Compaction_ entstanden seyn in so vielerley Formen und

Eigenschaften? Denn es sind mancherley Steine, mancherley Metalle, und

mancherley Erde, daraus auch mancherley Bäume und Kräuter wachsen.

2. So sie sich nun also besiehet, so findet sie nichts, als dass

sie erkennet, es müsse eine verborgene Kraft und Macht sein, welche

unergründlich und unerforschlich sey, welche alle Dinge habe also {20}

erschaffen; dabey läst sie es bleiben, und läuffet also in dem Geschöpf

hin und her, als wie ein Vogel in der Luft flieget, und siehets an,

als die Kuhe eine neue Stallthür; und betrachtet sich niemals, was sie

selber sey; und kommt selten also weit, dass sie erkennete, dass der

Mensch ein Bilde aus alle diesem Wesen sey. Sie lauffet dahin als das

Vieh, das keinen Verstand hat, das nur begehret sich zu füllen und

zu gebären: und wenns am höchsten mit ihr kommt, dass sie will etwas

forschen, so forschet sie in dem äussern Spielwercke der Sternen, oder

sonsten um ein Schnitzwerck der äussern Natur, sie will schlecht[973]

ihren Schöpfer nicht lernen kennen; und ob es geschiehet dass ein

Mensch dahin kommet, {10} dass er Ihn lernet kennen, so heisset sie ihn

närrisch; und verbeut ihme den edlen Verstand an Gott, und rechnets ihm

noch wol für Sünde zu, und verspottet ihn darinnen.

3. Solche Viehe-Menschen sind wir nach dem Fall Adams worden: Dass wir

nicht eins betrachten, dass wir sind in Gottes Bilde geschaffen, und

mit rechten natürlichen Verstande beydes nach der ewigen und zeitlichen

Natur begabet worden, dass wir gedächten das Verlorne durch grossen

Ernst wieder zu erlangen; und da wir noch eben dieselbe erste Seele

haben, darinnen der wahre Verstand lieget, so wir nur dahin möchten

arbeiten, dass {20} dasselbe verlorne Licht wieder in uns scheine,

welches uns doch aus Gnaden angeboten wird.

4. Darum wird keine Entschuldigung seyn auf dem grossen Tage des HErrn,

da Gott das Verborgene der Menschheit richten wird; dieweil wir Ihn

nicht haben wollen lernen erkennen, und seiner Stimme, welche täglich

bey und in uns angeklopfet, nicht gehorchen und uns ihme nicht ergeben:

dass unser Verstand aufgethan würde; und wird ein strenges Gericht

über den ergehen, welcher sich läst Meister und Herr nennen, und doch

den Weg Gottes nicht kennet noch wandelt, und auch noch darzu denen

verbeut, so ihn kennen {10} und gehen wollen.

5. Die Schöpfung der äussern Welt ist eine Offenbarung des innern

Geistlichen _Mysterii_, als des _Centri_ der ewigen Natur mit dem

heiligen Elemente: Und ist durch die Bewegung des Innern als ein

Aushauchen, erboren worden durch das ewig-sprechende Wort, welches

aus der innern Geistlichen Welt das Wesen hat ausgesprochen; und da

es im Sprechen doch kein solch Wesen gewesen ist, sondern als ein

Brodem[974] oder Rauch vor dem Innern, beydes aus der finstern Welt und

Licht-Welt Eigenschaft, darum ist das äussere Wesen der Welt bös und

gut.

6. Und ist uns dieselbe Bewegung des ewigen _Mysterii_ der geistlichen

Welt gar wol und gantz-inniglich zu betrachten. Wie das sey zugangen,

dass ein solch grimmig rauhe, gantz stachlicht[975] Wesen und Regiment

sey erboren, und offenbar worden, wie wir an den äussern Gestalten der

Natur, an dem webenden[976] Wesen, sowol an Stein und Erden sehen.

Wovon ein solcher Grimm entstanden {10} sey, welcher die Kräfte der

Eigenschaften also in solche wilde Art compactirt und eingeführet hat,

wie wir an der Erden und Steinen sehen.

7. Denn uns ist gar nicht zu dencken, dass im Himmel, als in der

geistlichen Welt, dergleichen sey; Es sind nur die Eigenschaften der

Möglichkeit in der Geistlichen Welt: Sind aber in solcher wilden

Eigenschaft nicht offenbar, sondern als wie verschlungen, gleichwie

das Licht die Finsterniss verschlinget, und da doch die Finsterniss

wahrhaftig im Lichte wohnet, aber es nicht ergreiffet.

{20} 8. So ist uns deme nachzuforschen; Wie doch die finstere Begierde

sey in der Kraft des Lichts offenbar worden, dass sie beyde sind

mit einander in die _Compaction_ oder _Coagulation_ eingangen. Und

noch viel ein grösser Nachdencken gibt uns das, dass da der Mensch

nicht bestehen konte im Geistlichen _Mysterio_ der Paradeisischen

Eigenschaft, Gott dieselbe _Compaction_, als die Erde, verfluchte, und

ein ernst Gericht anstellete: das Gute in der _Compaction_ der Erden

vom Bösen wieder zu scheiden, dass das Gute soll also im Fluche als im

Tode stehen; wer allhier nichts siehet, der ist ja blind. Warum wolte

Gott sein gutes Wesen verfluchen, {30} so nicht etwas wäre darein

kommen, dass dem Guten zuwieder sey? oder ist Gott mit Ihme uneins

worden? würde die Vernunft sagen; Denn bey Mose stehet: Und Gott sahe

an alles was er gemacht hatte; und siehe, es war sehr gut. _Gen._ 1: 31.

9. Nun hatte doch der Mensch (um welches willen die Erde verfluchet

ward) nichts in die Erde gebracht, davon sie dismal wäre also bös

worden: dass sie Gott hätte mögen verfluchen, als nur seine falsche

und unrechte _Imagination_ der Begierde vom Bösen und Guten zu essen;

die Eitelkeit, als das _Centrum_ der Natur, in ihme zu erwecken, und

Böses und Gutes zu wissen: Aus welcher Begierde der Hunger in die Erde

einging, daraus der äussere Leib, als eine Massa war ausgezogen worden,

der führte seinen Hunger der Begierde wieder in seine Mutter ein; und

erweckte aus der finstern _Impression_ des _Centri_ der Natur, die

Wurtzel der Eitelkeit, daraus ihme der Versuch-Baum, als Bös und {10}

Gut, offenbar wuchs; und als er davon ass, ward die Erde um seinent

willen verflucht.

_GEORG RUDOLF WECKHERLIN._

[_Scherer D._ 316, _E._ 320.]

Geboren 1584 zu Stuttgart. Nachdem Weckherlin seine Studien in

Tübingen beendet, reiste er viel in Deutschland umher, gieng dann

nach Frankreich und England, wo er mit politischen Geschäften

beauftragt war. 1616 wurde er Secretär und Hofdichter des Herzogs

von Würtemberg. Seit 1620 war er auf Empfehlung des Kurfürsten

Friedrich von der Pfalz in der Deutschen Kanzlei zu London

angestellt, woselbst er 1653 starb. Er verfasste Trink- und

Liebeslieder, Preisgedichte auf historische Personen, geistliche

Gedichte. Herausgegeben von Gödeke (Leipzig, 1873).

1.

The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 194 / 276 题