Ich hân mir eine unmüezekeit
der werlt ze liebe vür geleit
und edelen herzen zeiner hage,
den herzen, den ich herze trage,
der werlde, in die mîn herze siht. 10
ich meine ir aller werlde niht
als die, von der ich hœre sagen,
diu deheine swære müge getragen
und niwan in fröuden welle sweben:
die lâze ouch got mit fröuden leben!
Der werlde und diseme lebene
enkumt mîn rede niht ebene:
ir leben und mînez zweient sich.
ein ander werlt die meine ich,
diu sament in einem herzen treit
ir süeze sûr, ir liebez leit,
ir herzeliep, ir senede nôt,
ir liebez leben, ir leiden tôt,
ir lieben tôt, ir leidez leben:
dem lebene sî mîn leben ergeben, 10
der werlde wil ich gewerldet wesen,
mit ir verderben oder genesen.
ich bin mit ir biz her beliben
und hân mit ir die tage vertriben,
die mir ûf nâhe gêndem leben
lêr unde geleite solten geben:
der hân ich mîne unmüezekeit
ze kurzewîle vür geleit,
daz sî mit mînem mære
ir nâhe gênde swære 20
ze halber senfte bringe,
ir nôt dâ mit geringe.
wan swer des iht vor ougen hât,
dâ mite der muot zunmuoze gât,
daz entsorget sorgehaften muot,
daz ist ze herzesorgen guot.
ir aller volge diu ist dar an:
swâ sô der müezige man
mit senedem schaden sî überladen,
dâ mêre muoze seneden schaden.
bî senedem leide müezekeit,
dâ wahset iemer senede leit.
durch daz ist guot, swer herzeklage
und senede nôt ze herzen trage,
daz er mit allem ruoche
dem lîbe unmuoze suoche:
dâ mite sô müezeget der muot
und ist dem muote ein michel guot; 10
und gerâte ich niemer doch dar an,
daz iemer liebe gernde man
deheine solhe unmuoze im neme,
diu reiner liebe missezeme:
ein senelîchez mære
daz trîbe ein senedære
mit herzen und mit munde
und senfte sô die stunde.
Nu ist aber einer jehe vil,
der ich vil nâch gevolgen wil: 20
der senede muot, sô der ie mê
mit seneden mæren umbe gê,
sô sîner swære ie mêre sî.
der selben jehe der stüende ich bî,
wan ein dinc daz mir widerstât:
swer inneclîche liebe hât,
doch ez im wê von herzen tuo,
daz herze stêt doch ie dar zuo.
der inneclîche minnenmuot,
sô der in sîner senegluot
ie mêre und mêre brinnet,
sô er ie sêrer minnet.
diz leit ist liebes alse vol,
daz übel daz tuot sô herzewol
daz es kein edele herze enbirt,
sît ez hie von geherzet wirt. 10
ich weiz ez wârez alse den tôt
und erkenne ez bî der selben nôt:
der edele senedære
der minnet senediu mære.
von diu swer seneder mære ger,
derne var niht verrer danne her:
ich wil in wol bemæren
von edelen senedæren
die reine sene wol tâten schîn:
ein senedære, ein senedærîn, 20
ein man ein wîp, ein wîp ein man,
Tristan Îsot, Îsot Tristan.
Ich weiz wol, ir ist vil gewesen,
die von Tristande hânt gelesen;
und ist ir doch niht vil gewesen,
die von im rehte haben gelesen
Tuon aber ich diu gelîche nuo
und schephe mîniu wort dar zuo
daz mir ir iegelîches sage
von disem mære missehage,
sô wirbe ich anders danne ich sol.
ich entuon es niht: si sprâchen wol
und niwan ûz edelem muote
mir unde der werlt ze guote.
benamen sie tâten ez in guot: 10
und swaz der man in guot getuot,
daz ist ouch guot und wol getân,
aber als ich gesprochen hân,
daz sî niht rehte haben gelesen,
daz ist, als ich iu sage, gewesen:
sine sprâchen in der rihte niht,
als Thômas von Britanje giht,
der âventiure meister was
und an britûnschen buochen las
aller der lanthêrren leben 20
und ez uns ze künde hât gegeben.
Als der von Tristande seit,
die rihte und die wârheit
begunde ich sêre suochen
in beider hande buochen
walschen und latînen,
und begunde mich des pînen,
daz ich in sîner rihte
rihte dise tihte.
sus treip ich manege suoche,
unz ich an einem buoche
alle sîne jehe gelas,
wie dirre âventiure was.
waz aber mîn lesen dô wære 10
von disem senemære,
daz lege ich mîner willekür
allen edelen herzen vür,
daz sî dâ mite unmüezic wesen:
ez ist in sêre guot gelesen.
guot? jâ, inneclîche guot:
ez liebet liebe und edelt muot,
ez stætet triuwe und tugendet leben,
ez kan wol lebene tugende geben;
wan swâ man hœret oder list 20
daz von sô reinen triuwen ist,
dâ liebent dem getriuwen man
triuwe und ander tugende van:
liebe, triuwe, stæter muot,
êre und ander manic guot
daz geliebet niemer anderswâ
sô sêre noch sô wol sô dâ,
dâ man von herzeliebe saget
und herzeleit ûz liebe klaget.
lieb ist ein alsô sælec dinc, 30
ein alsô sæleclîch gerinc,
daz niemen âne ir lêre
noch tugende hât noch ere.
sô manec wert leben, sô liebe frumet,
sô vil sô tugende von ir kumet,
owê daz allez, daz der lebet,
nâch herzeliebe niene strebet,
daz ich sô lützel vinde der,
die lûterlîche herzeger
durch friunt ze herzen wellen tragen 10
niwan durch daz vil arme klagen,
daz hie bî zetelîcher zît
verborgen in dem herzen lît.
War umbe enlite ein edeler muot
niht gerne ein übel durch tûsent guot,
durch manege fröude ein ungemach?
swem nie von liebe leit geschach,
dem geschach ouch liep von liebe nie.
liep unde leit diu wâren ie
an minnen ungescheiden. 20
man muoz mit disen beiden
êr unde lop erwerben
oder âne sî verderben.
von den diz senemære seit,
und hæten die durch liebe leit,
durch herzewunne senedez klagen
in einem herzen niht getragen,
sone wære ir name und ir geschiht
sô manegem edelen herzen niht
ze sælden noch ze liebe komen.
uns ist noch hiute liep vernomen,
süeze und iemer niuwe
ir inneclîchiu triuwe,
ir liep ir leit, ir wunne ir nôt,
al eine und sîn si lange tôt, 10
ir süezer name der lebet iedoch,
und sol ir tôt der werlde noch
ze guote lange und iemer leben,
den triuwe gernden triuwe geben,
den êre gernden êre:
ir tôt muoz iemer mêre
uns lebenden leben und niuwe wesen;
wan swâ man noch gehœret lesen
ir triuwe, ir triuwen reinekeit,
ir herzeliep, ir herzeleit: 20
Deist aller edelen herzen brôt.
hie mite sô lebet ir beider tôt.
wir lesen ir leben, wir lesen ir tôt,
und ist uns daz süez alse brôt.
Ir leben, ir tôt sint unser brôt.
sus lebet ir leben, sus lebet ir tôt.
sus lebent si noch und sint doch tôt,
und ist ir tôt der lebenden brôt.
Und swer nu ger daz man im sage
ir leben ir tôt, ir fröude ir klage,
der biete herze und ôren her:
er vindet alle sîne ger.
_Ich hab ein neues Thun mir jetzt
der Welt zu Liebe vorgesetzt
und edeln Herzen zum Genuss,
den Herzen, die ich lieben muss,
der Welt, die meinem Sinn gefällt: 10
nicht mein’ ich aller Andern Welt,
die Welt, von der ich höre sagen,
dass sie kein Mühsal möge tragen
und nur in Freuden wolle schweben;
die lass auch Gott in Freuden leben!
Der Welt und solchem Leben
scheint mein Gedicht uneben.
Solch Leben ist nicht meine Welt,
eine andre Welt mir wohlgefällt:
die zusammen hegt in einer Brust
das süsse Leid, die bittre Lust,
das Herzensglück, die bange Noth,
das sel’ge Leben, leiden Tod,
den leiden Tod, das sel’ge Leben.
Dem Leben hab ich meins ergeben, 10
der Welt will ich ein Weltkind sein,
mit ihr verderben und gedeihn.
Bei ihr bin ich bisher geblieben,
mit ihr hab ich die Zeit vertrieben,
die mir in vielbedrängtem Leben
Geleit und Lehre sollte geben.
Der hab ich Thun und Thätigkeit
zu ihrem Zeitvertreib geweiht,
dass sie durch meine Märe,
welch Leid sie auch beschwere, 20
zu halber Lindrung bringe,
ihre Noth damit bezwinge;
denn hat man des zuweilen Acht,
was uns die Weile kürzer macht,
das entbürdet bürdeschweren Muth,
das ist für Herzenssorgen gut.
Es zweifelt Niemand daran:
wenn der müssige Mann
mit Liebesschaden ist beladen,
so mehrt die Musse Liebesschaden;
bei Liebesleiden Müssigkeit,
so wächst nur noch der Liebe Leid.
Drum rath ich, trägt wer Schmerzen
und Liebesleid im Herzen,
so widm’ er sich mit Kräften
zerstreuenden Geschäften,
damit das Herz in Musse ruht:
das ist dem Herzen herzlich gut. 10
Doch ist es nimmer wohlgethan,
wenn ein liebesiecher Mann
sich solchen Zeitvertreib erkührt,
der reiner Liebe nicht gebührt:
mit edeln Liebeskunden
versüss’ er seine Stunden,
die mag ein Minner minnen
mit Herzen und mit Sinnen.
Noch hört man eine Rede viel,
die ich nicht ganz verwerfen will: 20
je mehr ein Herz, das Liebe plage,
sich mit Liebesmären trage,
je mehr gefährd’ es seine Ruh.
Der Rede stimmt’ ich gerne zu,
wär eins nicht, das mir Zweifel regt:
wer innigliche Liebe hegt,
dass er im Herzen Schmerzen spürt,
der bleibt von Schmerz nicht unberührt.
Der innigliche Liebesmuth,
je mehr in seines Triebes Glut
der brennt und liebend lodert,
je mehr er Liebe fodert.
Dies Leiden ist so voll der Lust,
dies Übel thut so wohl der Brust,
dass es kein edles Herz entbehrt,
weil dies erst Muth und Herz gewährt. 10
Mir ist gewisser nicht der Tod,
nicht sicherer die letzte Noth,
fühlt Einer Liebeswunden,
so liebt er Liebeskunden.
Wer solcher Mären trägt Begier,
der hat nicht weiter als zu mir.
Ich weiss ihm wohl ein Märchen,
ein edles Liebespärchen,
das reiner Lieb’ ergab den Sinn:
ein Minner, eine Minnerin, 20
ein Mann ein Weib, ein Weib ein Mann,
Tristan Isold, Isold Tristan.
Ich weiss wohl, Mancher ist gewesen,
der schon von Tristan hat gelesen;
und doch, nicht Mancher ist gewesen,
der recht noch hat von ihm gelesen.
Tret ich nun aber hin sofort
und sprech ein scharfes Richterwort,
als wolle mir ihr Aller Sagen
von dieser Märe nicht behagen,
so thu ich anders, als ich soll;
ich thu es nicht: sie sprachen wohl
und nur aus edelm Muthe,
wir und der Welt zu Gute.
Bei meiner Treu, sie meintens gut, 10
und was der Mann in Güte thut,
das ist auch gut und wohlgethan.
Und stellt’ ich doch das Wort voran,
als hätten sie nicht recht gelesen,
damit ists so bewandt gewesen:
sie sprachen in der Weise nicht,
wie Thomas von Britannien spricht,
der sich auf Mären wohl verstand
und in britannschen Büchern fand
all dieser Landesherren Leben, 20
davon er Kund uns hat gegeben.
Was der von Tristans Lebensfahrt
uns Zuverlässges hat bewahrt,
das war ich lang beflissen
aus Büchern zu wissen,
lateinischen und wälschen,
damit ich ohne Fälschen
nach seinem Berichte
berichte die Geschichte.
So sucht’ ich denn und suchte lang,
bis mir des Buches Fund gelang,
darin all seine Meldung stand,
wie es um Tristan war bewandt.
Was ich nun so gefunden 10
von diesen Liebeskunden,
leg ich nach freier Wahl und Kür
allen edeln Herzen für,
dass sie durch Zeitvertreib genesen:
es ist sehr gut für sie zu lesen.
Gut? Ja ohne Zweifel gut:
es süsst die Liebe, höht den Muth,
befestigt Treu, verschönt das Leben,
es kann dem Leben Werth wohl geben;
denn wo man höret oder liest, 20
dass reiner Treu ein Paar geniesst,
das weckt in treuen Mannes Brust
zu Treu und aller Tugend Lust.
Liebe, Treue, stäter Muth,
Ehr’ und noch manches hohe Gut
gehn dem Herzen nie so nah,
gefallen nie ihm so wie da,
wo man von Herzensliebe sagt
und Herzeleid um Liebe klagt.
Lieb’ ist so reich an Seligkeit, 30
so selig macht ihr Glück, ihr Leid,
dass ohne ihre Lehre
Niemand Tugend hat noch Ehre.
So viel die Liebe Gutes frommt,
so manche Tugend von ihr kommt,
weh, dass doch Alles, was da lebt,
nicht nach Herzensliebe strebt;
dass ich so Wenige noch fand,
die im Herzen lautern Brand
um Herzensfreunde wollen tragen 10
und einzig um das Bischen Klagen,
das dabei zu mancher Stund
verborgen liegt im Herzensgrund!
Wie litte nicht ein edler Sinn
ein Übel für so viel Gewinn,
ein Ungemach um so viel Lust?
Wer nie von Liebesleid gewusst,
wusst’ auch von Liebesfreude nie.
Freud und Leid, stäts waren die
bei Minne nicht zu scheiden. 20
Man muss mit diesen beiden
Ehr und Lob erwerben,
oder ohne sie verderben.
Die, welchen ich dies Buch geweiht,
hätten die um Liebe Leid,
um Herzenswonne sehnlich Klagen
vereint im Herzen nicht getragen,
so würd ihr Nam und dies Gedicht
so manchem edeln Herzen nicht
zu Trost und Freude frommen.
Noch heut wird gern vernommen,
noch dünkt uns ewig süss und neu
ihre minnigliche Treu,
ihr Glück und Leid, ihre Wonn und Noth;
und sind sie nun auch lange todt, 10
so lebt ihr süsser Name doch,
und soll ihr Tod den Leuten noch
zu Gute lang und ewig leben,
den Treubegiergen Treue geben,
den Ehrbegiergen Ehre.
Ihr frühes Sterben währe
und leb uns Lebenden immer neu;
denn wo man liest von ihrer Treu
und ihrer reinen Stätigkeit,
ihrem Herzensglück, ihrem Herzeleid: 20
Das ist der edeln Herzen Brot,
hiermit so lebt der Beiden Tod.
Man liest ihr Leben, ihren Tod,
und ist uns das so süss wie Brot.
Ihr Tod, ihr Leben ist uns Brot,
so lebt ihr Leben, lebt ihr Tod.
Sie leben noch, sind sie auch todt,
und ist ihr Tod uns Lebensbrot.
Und wer nun will, dass man ihm sage
ihr Leben, Sterben, Glück und Klage,
der biete Herz und Ohren her,
so wird erfüllt all sein Begehr._
2.