IWEIN.

Daz smæhen daz vrou Lûnete

dem herren Îweine tete,

daz gæhe wider kêren,

der slac sîner êren,

daz sî sô von ime schiet

daz si in entrôste noch enriet,

daz smæhlîche ungemach,

dazs im an die triuwe sprach, 10

diu versûmde riuwe

und sîn grôziu triuwe

sînes stæten muotes,

diu verlust des guotes,

der jâmer nâch dem wîbe:

die benâmen sîme lîbe

beide vreude unde den sin.

nâch eime dinge jâmert in,

daz er wære etswâ

daz man noch wîp enweste wâ 20

und niemer gehôrte mære

war er komen wære.

Er verlôs sîn selbes hulde:

wan ern mohte die schulde

ûf niemen anders gesagen:

in het sîn selbes swert erslagen.

ern ahte weder man noch wîp,

niuwan ûf sîn selbes lîp.

er stal sich swîgende dan

(daz ersach dâ nieman)

unz er kom vür diu gezelt

ûz ir gesihte an daz velt.

dô wart sîn riuwe alsô grôz

daz im in daz hirne schôz

ein zorn unde ein tobesuht, 10

er brach sîn site und sîne zuht

und zarte abe sîn gewant,

daz er wart blôz sam ein hant.

sus lief er über gevilde

nacket nâch der wilde.

Dô diu juncvrouwe gereit,

dô was dem künege starke leit

hern Îweines swære,

und vrâgte wâ er wære

(er wold in getrœstet hân) 20

unde bat nâch ime gân.

und als in nieman envant,

nû was daz vil unbewant

swaz man ime dâ gerief,

wander gegen walde lief.

er was ein degen bewæret

und ein helt unerværet:

swie manhaft er doch wære

und swie unwandelbære

an lîbe unde an sinne,

doch meistert vrou Minne

daz im ein krankez wîp

verkêrte sinne unde lîp.

der ie ein rehter adamas

rîterlîcher tugende was,

der lief nû harte balde

ein tôre in dem walde.

Nû gap im got der guote, 10

der in ûz sîner huote

dannoch niht volleclîche enliez,

daz im ein garzûn widerstiez,

der einen guoten bogen truoc:

den nam er im und strâlen gnuoc.

als in der hunger bestuont,

sô teter sam die tôren tuont:

in ist niht mêre witze kunt

niuwan diu eine umbe den munt.

er schôz prîslichen wol: 20

ouch gienc der walt wildes vol:

swâ daz gestuont an sîn zil,

des schôz er ûz der mâze vil.

ouch muose erz selbe vâhen,

âne bracken ergâhen.

sone heter kezzel noch smalz,

weder pfeffer noch salz:

sîn salse was diu hungernôt,

diuz im briet unde sôt

daz ez ein süeziu spîse was

und wol vor hunger genas.

Dô er des lange gepflac,

er lief umb einen mitten tac

an ein niuweriute.

dane vander nie mê liute

wan einen einigen man: 10

der selbe sach im daz wol an

daz er niht rehtes sinnes was.

der vlôch in, daz er genas,

dâ bî in sîn hiuselîn.

dane wânder doch niht sicher sîn

unde verrigelt im vaste de tür:

dâ stuont im der tôre vür.

der tôre dûht in alze grôz:

er gedâhte ‘tuot er einen stôz,

diu tür vert ûz dem angen, 20

und ist um mich ergangen.

ich arme, wie genise ich?’

ze jungest dô verdâhter sich

‘ich wil im mînes brôtes gebn:

sô lât er mich vil lîhte lebn.’

Hie gienc ein venster durch die want:

dâ durch rahter die hant

und leit im ûf ein bret ein brôt:

daz suozt im diu hungers nôt;

wand er dâ vor, daz got wol weiz,

sô jæmerlîches nie enbeiz.

waz welt ir daz der tôre tuo?

er az daz brôt und tranc dâ zuo

eines wazzers daz er vant

in einem einber an der want,

unde rûmtez im ouch sâ.

der einsidel sach im nâ

und vlêget got vil sêre 10

daz er in iemer mêre

erlieze selher geste;

wand er vil lützel weste

wie ez umbe in was gewant.

nu erzeicte der tôre zehant

daz der tôre und diu kint

vil lîhte ze wenenne sint.

er was dâ zuo gnuoc wîse

daz er nâch der spîse

dar wider kom in zwein tagen, 20

und brâhte ein tier ûf im getragen

und warf im daz an die tür.

daz machte daz er im her vür

deste willeclîcher bôt

sîn wazzer unde sîn brôt:

erne vorht in dô niht mê

und was im bezzer danne ê,

und vant ditz ie dâ gereit.

ouch galt er im die arbeit

mit sînem wiltpræte.

daz wart mit ungeræte

gegerwet bî dem viure.

im was der pfeffer tiure,

daz salz, unde der ezzich.

ze jungest wenet er sich 10

daz er die hiute veile truoc,

unde kouft in beiden gnuoc

des in zem lîbe was nôt,

salz unde bezzer brôt.

Sus twelte der unwîse

ze walde mit der spîse,

unze der edele tôre

wart gelîch eim môre

an allem sîme lîbe.

ob im von guotem wîbe 20

ie dehein guot geschach,

ob er ie hundert sper zebrach,

gesluoc er viur ûz helme ie,

ob er mit manheit begie

deheinen loblîchen prîs,

wart er ie hövesch unde wîs,

wart er ie edel unde rîch:

dem ist er nû vil ungelîch.

Er lief nû nacket beider,

der sinne unde der cleider, 30

unz in zeinen stunden

slâfende vunden

drie vrouwen dâ er lac,

wol umb einen mitten tac,

nâ ze guoter mâze

bî der lantstrâze

diu in ze rîten geschach.

und alsô schiere do in ersach

diu eine vrouwe von den drin,

dô kêrte sî über in

und sach in vlîzeclîchen an. 10

nû jach des ein ieglich man

wie er verlorn wære:

daz was ein gengez mære

in allem dem lande:

und daz sî in erkande,

daz was des schult; und doch niht gar,

sî nam an im war

einer der wunden

diu ze manegen stunden

an im was wol erkant, 20

unde nande in zehant.

Sî sprach her wider zuo den zwein

‘vrouwe, lebt her Îwein,

sô lît er âne zwîvel hie,

oder ichn gesach in nie.’

Ir höfscheit unde ir güete

beswârten ir gemüete,

daz sî von grôzer riuwe

und durch ir reine triuwe

vil sêre weinen began, 30

daz eim alsô vrumen man

diu swacheit solte geschehn

daz er in den schanden wart gesehn.

Ez was diu eine von den drin

der zweier vrouwe under in:

nû sprach sî zuo ir vrouwen

‘vrouwe, ir mugt wol schouwen

daz er den sin hât verlorn.

von bezzern zühten wart geborn

nie rîter dehein

danne mîn her Îwein,

den ich sô swache sihe lebn. 10

im ist benamen vergebn,

ode ez ist von minnen komen

daz im der sin ist benomen.

und ich weiz daz als mînen tôt

daz ir alle iuwer nôt,

die iu durch sînen übermuot

der grâve Âliers lange tuot

und noch ze tuonne willen hât,

schiere überwunden hât,

ober wirdet gesunt. 20

mir ist sîn manheit wol kunt:

wirt er des lîbes gereit,

er hât in schiere hin geleit:

und sult ir ouch vor ime genesn,

daz muoz mit sîner helfe wesn.’

Diu vrouwe was des trôstes vrô.

sî sprach ‘unde ist der suht also

daz sî von dem hirne gât,

der tuon ich im vil guoten rât,

wand ich noch einer salben hân

die dâ Feimorgân

machte mit ir selber hant.

dâ ist ez umbe sô gewant

daz niemen hirnsühte lite,

wurd er bestrichen dâ mite, 10

erne wurde dâ zestunt

wol varende unde gesunt.’

sus wurden sî ze râte

und riten alsô drâte

nâch der salben alle drî:

wand ir hûs was dâ bî

vil kûme in einer mîle.

nû wart der selben wîle

diu juncvrouwe wider gesant,

diu in noch slâfende vant. 20

Diu vrouwe gebôt ir an daz lebn

dô sî ir hâte gegebn

die bühsen mit der salben,

daz si in allenthalben

niht bestriche dâ mite

wan dâ er die nôt lite,

dâ hiez sî sî strîchen an:

so entwiche diu suht dan,

under wær zehant genesn.

dâ mite es gnuoc möhte wesn,

daz hiez sî an in strîchen;

und daz si ir nämelîchen

bræhte wider daz ander teil:

daz wære maneges mannes heil.

ouch sante sî bî ir dan

vrischiu kleider, seit von gran

und cleine lînwât, zwei,

schuohe und hosen von sei. 10

Nû reit sî alsô balde,

daz sî in in dem walde

dannoch slâfende vant,

und zôch ein pfert an der hant,

daz vil harte sanfte truoc

(ouch was der zoum rîche gnuoc,

daz gereite guot von golde),

daz er rîten solde,

ob ir daz got bescherte

daz sî in ernerte. 20

Dô si in ligen sach als ê,

nûne tweltes niuwet mê,

sî hafte zeinem aste

diu pfert beidiu vaste,

und sleich alsô lîse dar

daz er ir niene wart gewar.

mit ter vil edelen salben

bestreich si in allenthalben

über houpt und über vüeze.

ir wille was sô süeze

daz sî daz alsô lange treip

unz in der bühsen niht beleip.

des wær doch alles unnôt,

dâ zuo und man irz verbôt;

wan daz si im den willen truoc,

esn dûhtes dannoch niht genuoc, 10

und wær ir sehsstunt mê gewesn:

sô gerne sach sî in genesn.

Und dô siz gar an in gestreich,

vil drâte sî von im entweich,

wand sî daz wol erkande,

daz schemelîchiu schande

dem vrumen manne wê tuot,

und barc sich durch ir höfschen muot,

daz sî in sach und er sî niht.

sî gedâhte ‘ob daz geschiht 20

daz er kumt ze sinnen,

und wirt er danne innen

daz ich in nacket hân gesehn,

sô ist mir übele geschehn:

wan des schamt er sich sô sêre

dazer mich nimmer mêre

willeclichen an gesiht.’

alsus enoucte sî sich niht

unz in diu salbe gar ergienc

und er ze sinnen gevienc.

Dô er sich ûf gerihte

und sich selben ane blihte

und sich sô griulîchen sach,

wider sich selben er dô sprach

‘bistuz Îwein, ode wer?

hân ich geslâfen unze her? 10

wâfen, herre, wâfen,

sold ich dan nimmê slâfen!

wand mir mîn troum hât gegebn

ein vil harte rîchez lebn.

Ouwî waz ich êren pflac

die wîl ich slâfende lac!

mir hât getroumet michel tugent:

ich hete geburt unde jugent,

ich was schœne unde rîch

und diseme lîbe vil unglîch; 20

ich was hövesch unde wîs

und hân vil manegen herten prîs

ze rîterschefte bejagt,

hât mir mîn troum niht missesagt.

ich bejagte swes ich gerte

mit sper und mit swerte:

mir ervaht mîn eines hant

ein schœne vrowen, ein rîchez lant;

wan daz ich ir doch pflac,

sô mir nû troumte, unmanegen tac,

unze mich der künec Artûs

von ir vuorte ze hûs.

mîn geselle was her Gâwein,

als mir in mîme troume schein. 10

sî gap mir urloup ein jâr

(dazn ist allez niht wâr):

do beleip ich langer âne nôt,

unz sî mir ir hulde widerbôt:

die was ich ungerne âne.

in allem disem wâne

sô bin ich erwachet.

mich hete mîn troum gemachet

zeime rîchen herren.

nû waz möhte mir gewerren, 20

wær ich in disen êren tôt?

er hât mich geffet âne nôt.

swer sich an troume kêret,

der ist wol gunêret.

Troum, wie wunderlich dû bist!

dû machest rîche in kurzer vrist

einen alsô swachen man

der nie nâch êren muot gewan:

swenner danne erwachet,

sô hâstû in gemachet

zeime tôren als ich.

zwâre doch versihe ich mich, 10

swie rûch ich ein gebûre sî,

wær ich rîterschefte bî,

wær ich gewâfent unde geriten,

ich kund nâch rîterlîchen siten

alsô wol gebâren

als die ie rîter wâren.’

Alsus was er sîn selbes gast,

daz im des sinnes gebrast:

und ober ie rîter wart

und alle sîn umbevart 20

die heter in dem mære

alss im getroumet wære.

er sprach ‘mich hât gelêret

mîn troum: der bin ich gêret,

mac ich ze harnasche komen.

der troum hât mir mîn reht benomen:

swie gar ich ein gebûre bin,

ez turnieret al mîn sin.

mîn herze ist mîme lîbe unglîch:

mîn lîp ist arm, mîn herze rîch.

ist mir getroumet mîn lebn?

ode wer hât mich her gegebn

sô rehte ungetânen?

ich möhte mich wol ânen

rîterlîches muotes: 10

lîbes unde guotes

der gebrist mir beider.’

als er diu vrischen cleider

einhalp bî im ligen sach,

des wuudert in, unde sprach

‘ditz sint cleider der ich gnuoc

in mîme troume dicke truoc.

ichn sihe hie niemen des sî sîn:

ich bedarf ir wol: nû sints ouch mîn.

nû waz ob disiu sam tuont? 20

sît daz mir ê sô wol stuont

in mîme troume rîch gewant.’

alsus cleiter sich zehant.

als er bedahte de swarzen lîch,

dô wart er eime rîter glîch.

Nu ersach diu juncvrouwe daz

daz er unlasterlichen saz:

sî saz in guoter kündekheit

ûf ir pferit unde reit,

als sî dâ vür wære gesant

und vuorte ein pfert an der hant.

weder si ensach dar noch ensprach.

dô er sî vür sich rîten sach, 10

dô wærer ûf gesprungen,

wan daz er was bedwungen

mit selher siecheite

daz er sô wol gereite

niht ûf mohte gestân

sô er gerne hete getân,

unde rief ir hin nâch.

dô tete sî als ir wære gâch

und niht umb sîn geverte kunt,

unz er ir rief anderstunt. 20

dô kêrte sî sâ

unde antwurt ime dâ.

sî sprach ‘wer ruofet mir? wer?’

er sprach ‘vrouwe, kêret her.’

sî sprach ‘herre, daz sî.’

sî reit dar, gehabt im bî.

sî sprach ‘gebietet über mich:

swaz ir gebietet, daz tuon ich,’

und vrâget in der mære

wie er dar komen wære.

Dô sprach her Îwein

als ez ouch wol an im schein

‘dâ hân ich mich hie vunden

des lîbes ungesunden.

ichn kan iu des gesagen niht

welch wunders geschiht

mich dâ her hât getragen: 10

wan daz kan ich iu wol gesagen

daz ich hie ungerne bin.

nû vüeret mich mit iu hin:

sô handelt ir mich harte wol,

und gedienez immer als ich sol.’

‘rîter, daz sî getân.

ich wil mîn reise durch iuch lân:

mich het mîn vrouwe gesant.

diu ist ouch vrouwe über ditz lant:

zuo der vüer ich iuch mit mir. 20

ich râte iu wol daz ir

geruot nâch iuwer arbeit.’

sus saz er ûf unde reit.

Nû vuorte sî in mit ir dan

zuo ir vrouwen. diu nie man

alsô gerne gesach.

man schuof im guoten gemach

von cleidern spîse unde bade,

unz daz im aller sîn schade

harte lützel an schein.

hie het her Îwein

sîne nôt überwunden

unde guoten wirt vunden.

_Die Härte, mit der Lunete

den guten Ritter schmähte,

ihr rasches Zurückkehren,

der jähe Sturz all’ seiner Ehren,

dann dass sie also von ihm schied

und weder ihn tröstet’ noch ihm rieth:

die grimme Kränkung und Schmach,

also sie ihm die Treu absprach, 10

die verspätete Reue

und die grosse Treue

seines festen Muthes;

der Verlust des Gutes,

die Sehnsucht nach dem Weibe,

die nahmen seinem Leibe

beides, die Freude und den Sinn.

Nach dem Einen treibt und drängt’s ihn hin,

er möchte von aller Welt getrennt,

hinausziehn, wo ihn keiner kennt. 20

Und niemand hörte Märe,

wohin er kommen wäre.

Da ward er sich selber verhasst,

denn seines Vergehens Last

mochte kein Andrer für ihn tragen;

sein eignes Schwert hatt’ ihn erschlagen.

Von allem Äussern abgelenkt

brütet er ganz in sich versenkt,

und als ihn Niemand ersah,

schweigend stahl er sich da,

bis fern vom Lager und Gezelt

er hatt’ erreicht das freie Feld.

Da wurden die Schmerzen ihm so gross,

dass in das Hirn ihm schoss

ein Rasen und tobende Sucht; 10

da brach er alle Sitt’ und Zucht,

ab zerrt’ er sein Gewand,

dass er bloss ward wie eine Hand.

So lief er übers Gefilde

nackt hinaus und suchte die Wilde.

Als die Jungfrau sich heimgewandt,

viel Kummer der König da empfand

über Herr Iweins Schwere.

Er fragte, wo er wäre;

denn er wollt’ ihm mit Trost beistehn, 20

und befahl nach ihm zu gehn.

Und als ihn Niemand sah,

viel sehr vergeblich blieb es da,

wie man ihn sucht’ und nach ihm rief,

während er in den Wald entlief.

Er war ein Degen kühn bewährt,

in seiner Fassung nie gestört,

und wie mannhaft er immer war,

und wie unwandelbar

in seinem Leben und Sinne,

doch bewältigt’ ihn Frau Minne,

dass ihm ein schwaches Weib

Seele verkehrt’ und Leib.

Er, den man sonst recht als Demant

aller Rittertugend erfand,

lief nun umher gar balde

als ein Verrückter im Walde.

Nun wollte Gott der Gute, 10

der ihn aus seiner Hute

nicht völlig entliess, für ihn das thun,

dass er ihm zuschickt einen Garzun,

der einen guten Bogen trug;

den nahm er ihm ab, und Pfeile genug.

Als der Hunger ihn nicht liess ruhn,

da that er, wie die Tollen thun;

kein andres Wissen ist ihnen kund

als allein um ihren Mund.

Er traf ausbündig scharf und wohl; 20

auch war die Waldung Wildes voll,

und wo ihm das erschien als Ziel,

da schoss er aus der Massen viel.

Auch musst’ er selbst es fangen

und ohne Bracken erlangen:

dann hatt’ er auch Kessel nicht noch Schmalz,

weder Pfeffer noch Salz;

seine Brühe war die Hungersnoth,

die alles ihm briet und sott,

und süsse Speise bereiten lehrt;

also hat er dem Hunger gewehrt.

Solches Lebens er lange pflag.

Da lief er an einem mitten Tag

zu einem neuen Gereute.

Da fand er nicht mehr Leute

als einen einzigen Mann; 10

derselbe sah ihm das wohl an,

er sei der Sinne nicht mächtig:

drum flüchtet’ er sich bedächtig

nah bei in seine Klause hinein.

Auch da nicht glaubt’ er sicher zu sein,

und verriegelte schnell die Thür:

da stellt der Tolle sich dafür.

Der däucht dem Siedler allzugross:

er dachte: thut er einen Stoss,

so wird er die Thür ausheben 20

und vergreift sich an meinem Leben.

Ich Armer, wie errett’ ich mich?

Zu allerletzt besann er sich:

‘ich will ihm meines Brodes geben,

so lässt er vielleicht mich am Leben.’

Ein Fenster hatt’ er in der Wand,

dadurch streckt’ er die Hand

und legt auf ein Brett ihm ein Brod,

das stillt’ ihm des Hungers Noth;

während ihm sonst, das mag Gott wissen,

nicht hätte genügt so schmaler Bissen.

Was wollt ihr, dass ein Toller thu’?--

Er ass das Brod und trank dazu

eines Wassers, das er fand,

in einem Eimer an der Wand,

und leert’ ihn aus auf einen Zug.

Der Einsiedel grosse Angst da trug,

er flehte zu Gott viel sehr, 10

dass er in Zukunft ihn nicht mehr

heimsuche mit solchem Gast;

denn er hatte noch nicht gefasst,

wie’s mit dem Ritter sei bewandt.

Nun zeigt ihm der Tolle zuhand,

dass ein Verrückter und ein Kind

gar lenksam zu gewöhnen sind.

Er war noch just so weise,

dass er wegen der Speise

wieder hinkam nach zween Tagen, 20

und bracht’ ein Reh getragen,

das warf er hin vor die Thür.

Das machte, dass ihm der Seidler hinfür

desto williglicher bot

sein Wasser und sein Brot;

er fürchtet’ ihn schon nicht so sehr,

sorgt’ besser für ihn als vorher,

und hielt’s ihm ferner so bereit.

Auch vergalt ihm jener die Müh allzeit

mit seinem Wilde, das er fieng.

Das ward, so gut es eben gieng,

gebraten bei dem Feuer:

nur war der Pfeffer da theuer,

das Salz und auch der Essig.

Später war er nicht lässig, 10

dass er zum Markt die Häute trug,

und kauft’ ihnen beiden genug,

was ihnen zum Leben war noth,

Salz und besseres Brot.

So weilte der Unweise

im Wald mit solcher Speise,

bis endlich der edle Thor

gebräunt ward wie ein Mohr

an seinem ganzen Leibe.

Wenn ihm von theuerm Weibe 20

viel Liebes sonst geschach,

wenn er an hundert Speere brach,

und Feuer aus den Helmen schlug,

mit Mannheit aus dem Kampfe trug

viel oft sich Dank und Preise,

wenn er einst höfisch war und weise,

edlen Gemüths und reich:

dem ist er nun viel wenig gleich.

Jetzt lief er ledig beider

der Sinne wie der Kleider, 30

bis einst zu seiner Stunden

schlafend ihn hatten gefunden

drei Frauen, wo er lag.

Es war um einen mitten Tag,

nah in guter Masse

im Felde von der Strasse

auf der sie geritten waren.

Kaum mocht’ ihn da gewahren

die eine Fraue von den Drein,

da hielt sie gleich den Zelter ein,

stieg ab und sah ihn emsig an. 10

Nun wusste die Kunde Jedermann,

wie er verloren wäre;

das war eine gänge Märe

von seinen Leiden und Thaten;

drum hatte sie gleich auf ihn gerathen.

Doch war’s ihr noch nicht völlig klar:

da nahm sie endlich an ihm wahr

eine Narbe breit,

die seit langer Zeit

an dem Ritter war bekannt, 20

und nannt’ ihn mit Namen zuhand.

Sie sprach alsbald zu den Zwein:

‘Frauen, lebt Herr Iwein,

so liegt er ohne Zweifel hie,

oder ich sah ihn noch nie.’

Ihr höfischer Sinn und ihre Güte

betrübten ihr Gemüthe,

dass sie vor grossen Schmerzen

und aus viel treuem Herzen

viel sehr zu weinen begann, 30

dass einem also werthen Mann

solch Elend sollte geschehn,

und er so schmachvoll ward gesehn.

Es war die Eine dieser Drei

Gebieterin über die andern Zwei.

Nun sprach die Magd zu ihrer Frauen:

‘Herrin, Ihr mögt wohl schauen,

dass er den Sinn verloren.

Von edlerem Blut geboren

mag nimmer ein Ritter sein,

als mein Herr Iwein,

den wir hier sehn so elend leben. 10

Ihm ward ein Zaubertrank gegeben,

oder es ist durch Minne gekommen,

dass ihm der Sinn benommen.

Und weiss ich so sicher als meinen Tod,

dass ihr alle eure Noth,

die euch straflos und ungescheut

der Graf Aliers so lange dräut

und noch zu bringen sich rüstet,

alsbalde hättet gefristet,

wenn dieser Ritter würde gesund. 20

Mir ist seine Mannheit völlig kund.

Wüsst’ ich ihn wieder hergestellt,

er hätt’ euch gleich den Feind gefällt,

und sollt ihr jemals Rettung finden,

er kann allein sichs unterwinden.’

Die Fraue war des Trostes froh.

Sie sprach: ‘Und ist die Krankheit so,

dass sie den Sitz im Hirne hat,

so weiss ich für ihn viel guten Rath;

denn eine Salbe hab’ ich stehn,

die von Morganen, der weisen Feen,

bereitet ward mit eigner Hand.

Um die nun ist es so bewandt,

dass wo an Hirnsucht einer litt,

wurd’ er bestrichen damit, 10

so ward er gleich zur Stund’

hergestellt und gesund.’

So hielten sie Rath zur Stelle,

und ritten sofort und schnelle

nach der Salbe alle Drei:

denn ihr Haus lag nahe dabei,

kaum weiter als einer Meilen;

dann ward ohne Verweilen

die Jungfrau wieder zurückgesandt,

die ihn schlafend allda noch fand. 20

Die Frau befahl ihr bei ihrem Leben,

als sie ihr mitgegeben

die Büchse mit der Salben,

dass sie ihn allenthalben

nicht solle bestreichen damit;

nur wo er die Entzündung litt,

da hiess sie den Balsam streichen,

so werde die Sucht entweichen,

und der Ritter des Wahnsinns quitt und frei.

Nicht mehr als eben genügend sei

solle sie verwenden allhie:

und ausdrücklich verlangte sie,

dass sie den Rest ihr trage zurück,

der sei vielleicht noch Vielen zum Glück.

Auch sandte sie mit ihr hindann

frische Kleider, Sayett in Gran

und feine Leingewande zwei,

Schuh und Hosen von wollnem Sey. 10

Nun ritt sie also balde,

dass sie ihn in dem Walde

annoch schlafend da fand,

und zog ein Pferd an der Hand,

das viel sanft und eben trug

(auch war der Zaum ihm reich genug,

Sattel und Zeug von reinem Golde),

dass er hinreiten sollte,

wenn Gott ihr dass gewährte

und ihr Gebet erhörte. 20

Als sie ihn liegen sah wie zuvor,

keinen Augenblick sie da verlor;

sie heftet’ an einem der Äste

der Rosse Zügel feste,

und schlich zu ihm heran so sacht,

dass er mit nichten erwacht;

Mit der viel edlen Salben

bestrich sie ihn allenthalben

über das Haupt und die Füsse.

Ihr Wille war ihm viel hold und süsse,

dass sie also lange rieb,

bis nichts mehr in der Büchsen blieb.

Da hatt’ es keine Noth,

dass man ihr’s so strenge verbot;

denn wie sie’s für ihn im Willen trug,

däucht’ ihr alles noch nicht genug, 10

und wär’ es sechsmal mehr gewesen:

so gerne sah sie ihn genesen.

Als sie die Salbe verstrichen,

viel schnelle war sie drauf entwichen,

weil sie das wohl erkannte,

wie sehr Erröthen und Schande

einem edlen Manne wehe thut.

Drum barg sie sich in höfischem Muth,

dass sie ihn sah und er sie nicht.

Sie gedachte, ‘wenn das geschicht, 20

dass er erwacht und kommt zu Sinnen,

und wird hiernach des innen,

dass ich ihn also nackt gesehn,

so ist viel übel mir geschehn;

denn das beschämt ihn so sehr,

dass er nich nimmermehr

mit Willen hernach ansicht.’

Also zeigte sie sich nicht,

bis ihn die Salbe ganz durchdrungen

und seinen irren Sinn bezwungen.

Auf richtet’ er sich alsbald,

und als er schaut’ seine eigne Gestalt,

und sich so schwarz und schrecklich sah,

zu sich selber sprach er da:

‘Bist du Iwein? oder wer?

Hab’ ich geschlafen bisher? 10

Weh, o weh mir, und ach!

Wär’ ich lieber noch nicht wach!

Denn im Traum ward mir gegeben

ein viel reiches Heldenleben.

Hei, was ich hoher Ehren pflag,

während ich schlafend lag!

Mir träumte gewalt’ge Rittertugend,

ich hatte edle Geburt und Jugend,

ich war schön von Gestalt und reich,

und diesem Leibe viel ungleich; 20

ich war höfisch und weise,

und hatte viel manche harte Preise

durch meinen Ritterdienst erjagt,

wenn mir der Traum nicht Lügen sagt.

Ich erkämpfte, was ich begehrte,

mit Speer mir und mit Schwerte;

ich allein gewann mit meiner Hand

eine schöne Frau, ein reiches Land;

und leider, wenn mir recht geträumt,

hab’ ich gar bald sie dann versäumt,

als der König Artus war gekommen

und hatte mich von ihr genommen.

Herr Gawein war mein Gefährt’ und Freund,

wie mir’s in meinem Traume scheint; 10

sie gab mir Urlaub auf ein Jahr--

ich weiss wohl, das alles ist nicht wahr!--

Da blieb ich länger ohne Noth,

bis sie mir ihren Zorn entbot,

und träumte da gar schwer und wilde;

aus all dem wirren Wahngebilde

bin ich jetzt eben erwacht.

Mich hatte mein Schlaf gemacht

zu einen reichen Herrn!

alle Noth ja lag mir fern; 20

wär’ ich in solchen Ehren begraben!

Er wollte mich nur zum Narren haben;

wer da glaubt an Träume,

dem werden sie eitel Schäume.

Traum, wie so wunderlich du bist!

Reichthum schaffst du in kurzer Frist

einem der also ärmlich lebt,

der nie nach hohen Ehren gestrebt.

Wenn er dann erwacht,

so hast du ihn gemacht

zu einem Thoren wie mich.

Und dennoch mein’ ich festiglich, 10

wie rauh ich sei und bauernhaft,

fasst’ ich nur eines Speeres Schaft

und wäre gewappnet und beritten,

ich könnte nach ritterlichen Sitten

ebenso wohl gebahren,

als Alle, die jemals Ritter waren.’

So fremd geworden war er sich,

dass sein Gedächtniss ihm ganz entwich;

und was er als Ritter errungen,

all’ seine Züg’ und Wanderungen, 20

dies Alles, sagt’ er sich nunmehr,

sei von ihm nur geträumt vorher.

Er sprach: ‘Mich hat gelehret

mein Traum, ich wäre geehret,

könnt’ ich zu Waffen kommen.

Er hat mir meinen Stand genommen;

denn ob ich ein armer Bauer bin,

kämpft und turniert mein ganzer Sinn.

Mein Herz ist meinem Leib ungleich,

mein Leib ist arm, mein Herze reich.

War denn ein Traum mein ganzes Leben?

Oder wer hat mir gegeben

solche Hässlichkeit und Ungestalt?

Ich ahne die volle Kraft und Gewalt

ritterlichen Muthes; 10

zwar an Schönheit und Fülle des Gutes

fehlt es durchaus mir leider!’

Als er die frischen Kleider

zur einen Seite ihm liegen sach,

wundert’ ihn das und er sprach:

‘Dies sind Kleider, wie ich genug

sie oft in meinem Traume trug;

ich sehe hier Keinen, wes mögen sie sein?

Ich bedarf ihrer sehr; gut, die sind mein.

Ob ich sie wohl auch tragen kann? 20

Denn vormals stand mir herrlich an

in meinem Traume reich Gewand.’

Also kleidet er sich zuhand,

und als er bedeckt die schwarzen Glieder,

da glich er einem Ritter wieder.

Nun ersah die Jungfrau das,

wie er ehrbar und ohne Tadel sass.

Sie steigt zu Pferd mit klugem Sinn

und reitet ihres Weges hin,

als sei sie eben vorausgesandt,

und führt’ einen Zelter an der Hand.

Weder sprach sie, noch sah sie auf ihn.

Als er gradaus sie sah ziehn, 10

da wär’ er aufgesprungen,

dafern ihn nicht bezwungen

jene selbige Schwachheit,

also dass er so schnell bereit

nicht vom Boden sich rafft,

als fühlt’ er noch die alte Kraft,

und rief ihr nach eine gute Weil.

Sie aber that, als habe sie Eil’,

und acht’ auf den Wandrer nicht,

bis dass er nochmals zu ihr spricht; 20

da machte sie Halt,

und gab ihm Antwort alsobald.

Sie sprach: ‘Wer ruft mir? wer?’

Er sprach: ‘Frau, kehrt zurück hieher.’

Sie sprach: ‘Herre, ich will.’

So wendet sie, und hält still

und spricht: ‘Gebietet über mich,

was ihr wünschet, das thue ich;’

und fraget ihn die Märe,

wie er dahin kommen wäre?

Da sprach Herr Iwein

(wie er des wohl trug den Schein):

‘Ich fand erkrankt und matt

hier im Wald eine Ruhestatt.

Noch kann ich euch nicht berichten,

durch was für Wundergeschichten

ich ward hieher getragen; 10

doch mag ich das wohl sagen,

dass ich ungern hier bin:

Fraue, führt mich mit euch hin,

so behandelt ihr mich gar liebevoll,

und dien’ ich dafür euch, wie ich soll.’

‘Ritter, das sei euch zugesagt

und meine Fahrt für euch vertagt.

Mich hatte meine Frau gesandt,

die ist auch Herrin über dies Land;

zu der führ’ ich euch mit mir, 20

Ich verhelf’ euch wohl, dass ihr

ausruht nach euerm Ungemach.’

So stieg er zu Pferd und ritt ihr nach.

Nun führte sie ihn hindann

zu ihrer Frau, der nie ein Mann

also willkommen war.

Man schuf ihm gute Pfleg’ alldar

an Kleidern, Speisen und Baden,

bis dass all’ sein Schaden

kaum noch an ihm erschien.

Hier hatt’ Herr Iwein alle Müh’n

und Drangsal überwunden,

und gute Wirthin funden._

The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 95 / 276 题