Dô dô der arme Heinrich
driu jâr dâ getwelte 10
unde im got gequelte
mit grôzem jâmer den lîp,
nû saz der meier und sîn wîp
unde ir tohter, diu maget
von der ich iu ê hân gesaget,
bî im in ir unmüezekeit
und begunden klagen ir herren leit.
diu klage tet in michel nôt:
wan sî vorhten daz sîn tôt
sî sêre solte letzen
und vil gar entsetzen
êren unde guotes
und daz herters muotes
würde ein ander herre.
si gedâhten alsô verre 10
unz dirre selbe bûman
alsus frâgen began.
Er sprach ‘lieber herre mîn,
möht ez mit iuwern hulden sîn,
ich frâgte vil gerne.
sô vil ze Sâlerne
von arzenîen meister ist,
wie kumet daz ir deheines list
ze iuwerme ungesunde
niht gerâten kunde? 20
herre, des wundert mich.’
dô holte der arme Heinrich
tiefen sûft von herzen
mit bitterlîchem smerzen:
mit solher riuwe er dô sprach
daz ime der sûft daz wort zerbrach.
‘Ich hân disen schemelîchen spot
vil wol gedienet umbe got.
wan dû sæhe wol hie vor
daz hôh offen stuont mîn tor 30
nâch werltlîcher wünne
und daz niemen in sîm künne
sînen willen baz hete dan ich:
und was daz doch unmügelich,
wan ich enhete niht gar.
dô nam ich sîn vil kleine war
der mir daz selbe wunschleben
von sînen gnâden hete gegeben.
daz herze mir dô alsô stuont
als alle werlttôren tuont, 10
den daz saget ir muot
daz si êre unde guot
âne got mügen hân.
sus troug ouch mich mîn tumber wân,
wan ich in lützel ane sach
von des genâden mir geschach
vil êren unde guotes.
dô dô des hôhen muotes
den hôhen portenære verdrôz,
die sælden porte er mir beslôz. 20
dâ kum ich leider niemer in:
daz verworhte mir mîn tumber sin.
got hât durch râche an mich geleit
ein sus gewante siecheit
die niemen mag erlœsen.
nu versmæhent mich die bœsen,
die biderben ruochent mîn niht.
swie bœse er ist der mich gesiht,
des bœser muoz ich dannoch sîn:
sîn unwert tuot er mir schîn,
er wirfet d’ougen abe mir.
nû schînet êrste an dir
dîn triuwe die dû hâst,
daz dû mich siechen bî dir lâst
und von mir niht enfliuhest.
swie dû mich niht enschiuhest,
swie ich niemen liep sî danne dir, 10
swie vil dîns heiles stê an mir,
du vertrüegest doch wol mînen tôt.
nû wes unwert und wes nôt
wart ie zer werlte merre?
hie vor was ich dîn herre
und bin dîn dürftige nû.
mîn lieber friunt, nû koufest dû
und mîn gemahel und dîn wîp
an mir den êwigen lîp
daz dû mich siechen bî dir lâst. 20
des dû mich gefrâget hâst,
daz sage ich dir vil gerne.
ich kunde ze Sâlerne
keinen meister vinden
der sich mîn underwinden
getörste oder wolte.
wan dâ mite ich solte
mîner sühte genesen,
daz müeste ein solch sache wesen
die in der werlte nieman
mit nihte gewinnen kan.
mir wart niht anders dâ gesaget
wan ich müeste haben eine maget 10
diu vollen êrbære
und ouch des willen wære
daz sî den tôt durch mich lite
und man sî zuo dem herzen snite,
und mir wære niht anders guot
wan von ir herzen daz bluot.
nû ist genuoc unmügelich
daz ir deheiniu durch mich
gerne lîde den tôt.
des muoz ich schemelîche nôt 20
tragen unz an mîn ende.
daz mirz got schiere sende!’
Daz er dem vater hete gesagt,
daz erhôrte ouch diu reine magt:
wan ez hete diu vil süeze
ir lieben herren füeze
stânde in ir schôzen.
man möhte wol genôzen
ir kintlîch gemüete
hin ze der engel güete. 30
sîner rede nam sî war
unde marhte sî ouch gar:
si enkam von ir herzen nie
unz man des nahtes slâfen gie.
dô sî zir vater füezen lac
und ouch ir muoter, sô sî pflac,
und sî beide entsliefen,
manegen sûft tiefen
holte sî von herzen.
umbe ir herren smerzen
wart ir riuwe alsô grôz
daz ir ougen regen begôz 10
der slâfenden füeze.
sus erwahte sî diu süeze.
Dô sî der trehene enpfunden,
si erwachten und begunden
sî frâgen waz ir wære
und welher hande swære
sî alsô stille möhte klagen.
nu enwolte sî es in niht sagen.
und dô ir vater aber tete
vil manege drô unde bete 20
daz sî ez ime wolte sagen,
sî sprach ‘ir möhtent mit mir klagen.
waz möht uns mê gewerren
danne umb unsern herren,
daz wir den suln verliesen
und mit ime verkiesen
beide guot und êre?
wir gewinnen niemer mêre
deheinen herren alsô guot
der uns tuo daz er uns tuot.’ 30
Sî sprâchen ‘tohter, dû hâst wâr.
nû frumet uns leider niht ein hâr
unser riuwe und dîn klage:
liebez kint, dâ von gedage.
ez ist uns alsô leit sô dir,
leider nû enmuge wir
ime ze keinen staten komen.
got der hât in uns benomen:
het ez iemen anders getân,
der müese unsern fluoch hân.’
Alsus gesweigeten sî sî dô. 10
die naht bleip sî unfrô
und morne allen den tac.
swes iemen anders gepflac,
diz enkam von ir herzen nie
unz man des andern nahtes gie
slâfen nâch gewonheit.
dô sî sich hete geleit
an ir alte bettestat,
sî bereite aber ein bat
mit weinenden ougen: 20
wan sî truoc tougen
nâhe in ir gemüete
die aller meisten güete
die ich von kinde ie vernam.
welch kint getete ouch ie alsam?
des einen sî sich gar verwac,
gelebetes morne den tac,
daz sî benamen ir leben
umbe ir herren wolte geben.
_Als so der arme Heinrich
Drei Jahre dort geblieben war, 10
Während Gott ihm immerdar
Mit Jammer schlug den siechen Leib,
Da sass der Meier und sein Weib
Und ihre Tochter, die Magd,
Von der euch eben ward gesagt,
Bei ihm in kurzer Mussezeit
Und beklagten ihres Herren Leid.
Ihnen that wohl solche Klage Noth,
Denn sie fürchteten, sein Tod
Möchte sie schwer verletzen
Und sie gar entsetzen
Der Ehren und des Gutes,
Wenn ungnädgern Muthes
Ein Andrer Gutsherr würde.
Lange trugen sie die Bürde 10
Der Sorgen, bis der Bauersmann
So zu fragen begann:
Er sprach: ‘Lieber Herre mein,
Möcht es mit euern Hulden sein,
so fragt’ ich euch gerne:
Da doch zu Salerne
Viel Meister sind der Arzenei,
Wie kommts, dass keiner war dabei,
Der eure Sucht zu heilen
Rath wusste zu ertheilen? 20
Herr, darüber wundr’ ich mich.’
Da zog der arme Heinrich
Einen Seufzer tief vom Herzen
Herauf mit bittern Schmerzen,
Worauf er so bekümmert sprach,
Dass der Seufzer ihm das Wort zerbrach:
‘Ich habe diesen Schimpf und Spott
Nur zu wohl verdient um Gott:
Denn du sahest wohl hievor,
Dass weit offen stand mein Thor 30
Weltlicher Lust und Eitelkeit,
Und dass Niemand weit und breit
Seinem Willen nachhieng so wie ich.
Daran that ich freventlich,
So ohnmächtig wie ich war.
Denn wenig nahm ich dessen wahr,
Dessen Gnade mir dies Leben
Nach allen Wünschen gegeben.
So verirrt war da mein Herz
Wie Weltkindern allerwärts: 10
Immer wähnt ihr blöder Sinn,
Dass sie Ehr und Glücks Gewinn
Möchten ohne Gott empfahn.
So trog auch mich mein dummer Wahn,
Denn ich achtet’ ihn gering,
Von des Gnaden ich empfieng
Der Ehren viel und Gutes.
Als da des Übermuthes
Den hohen Himmelsherrn verdross,
Des Heiles Thor er mir verschloss: 20
Da geh ich leider nimmer ein:
Mein Leichtsinn schuf mir diese Pein.
Zur Strafe hat mir Gott gesandt
Ein Siechthum, aus dessen Band
Niemand mich erlösen kann.
Nun verschmäht mich der geringste Mann;
Der Biedre selbst vor mir erschrickt.
Wie gering er sei, der mich erblickt,
Er glaubt, dass ich noch schlechter sei.
Er legt mir seinen Unwerth bei
Und kehrt die Augen ab von mir.
Nun wird erst offenbar an dir
Die grosse Treue, die du hegst,
Dass du mich Siechen hier erträgst
Und nicht vor meinem Anblick fliehst.
Doch wie du ohne Scheu mich siehst,
Wie Niemand sonst mir Liebes thut, 10
Wie sehr dein Wohl auf mir beruht,
Du ertrügest doch wohl meinen Tod.
Nun, wessen Schmach und wessen Noth
War je so auserlesen?
Der zuvor dein Herr gewesen,
Spricht dein bedürftig bei dir zu.
Nun, lieber Freund, verdienest du,
Dein gutes Weib und mein Gemahl,
An mir den ewgen Freudensaal,
Dass ihr mich Siechen hier ertragt. 20
Doch was du mich vorhin gefragt,
Das sag ich dir gerne.
Ich konnte zu Salerne
Keinen Meister finden,
Der mein sich unterwinden
Dürfte oder wollte.
Denn womit ich sollte
Genesen meiner Noth und Pein,
Das musste eine Sache sein,
Die auf dieser Erde man
Um keinen Preis erlangen kann.
Mir ward nichts anders da gesagt,
Als ich brauchte eine Magd, 10
Die bei vollen Jahren rein
Und entschlossen müsste sein
Den Tod für mich zu leiden.
Man würd ihr Herz zerschneiden,
Denn nichts anders wär mir gut
Als des Mädchens Herzeblut.
Nun findet sich, das ist wohl klar,
Solch ein Mädchen nimmerdar,
Die für mich leiden will den Tod.
Drum muss ich schmähliche Noth 20
Tragen bis an mein Ende,
Dass Gott es bald mir sende!’
Was dem Vater ward gesagt,
Das hörte auch die reine Magd,
Denn es hielt die Süsse
Ihres lieben Herren Füsse
In ihrem Schoose stehen.
Da mochte man wohl sehen,
Ihr kindlich Gemüthe
Glich englischer Güte. 30
Seiner Rede nahm sie wahr
Und behielt sie immerdar;
Nur auf ihn war sie bedacht,
Bis man zu Bett gieng in der Nacht
Und die Gute, wie sie pflag,
Zu ihrer Eltern Füssen lag.
Als sie nun beide schliefen,
Holte sie manchen tiefen
Seufzer aus ihrem Herzen.
Um ihres Herren Schmerzen
Ward ihr Kummer so gross,
Ihrer Augen Regen begoss 10
Der Schlafenden Füsse:
So erweckte sie die Süsse.
Als der Thränen gewahr
Ward das fromme Elternpaar,
Fragten sie, was ihr wäre,
Dass sie so manche Zähre
Vergösse unter Klagen?
Da wollte sie’s nicht sagen.
Doch als der Vater in sie drang,
Erst bittend, drohend dann mit Zwang, 20
Da that sie ihm den Kummer kund.
‘Ihr hättet selbst zu klagen Grund,
Denn was möcht uns näher gehn,
Als was unserm Herrn geschehn,
Den wir bald sollen missen,
Denn dann wird uns entrissen
Gut und Ehre werden:
Finden wir doch auf Erden
Keinen Herrn so mild und gut,
Der uns thu, was er uns thut.’ 30
Sie sprachen: ‘Tochter, das ist wahr,
Nur frommt uns leider nicht ein Haar
Das Leid, und weinten wir uns blind.
Darum schweig, liebes Kind,
Es ist uns auch so leid wie dir;
Aber leider mögen wir
Ihm nicht zu Statten kommen.
Gott hat ihn uns benommen:
Hätt es ein Andrer gethan,
So müsst er unsern Fluch empfahn.’
Zum Schweigen ward sie so gebracht. 10
Doch blieb ihr weh die ganze Nacht
Und morgen den vollen Tag.
Was Jemand that, was Jemand sprach,
Dies kam von ihrem Herzen nie,
Bis des andern Abends sie
Wie gewöhnlich schlafen gieng.
Als sie ihr altes Bett umfieng,
Wieder, wie sie gestern that,
Machte sie ein Thränenbad
Und weint’ in ihren Sorgen, 20
Denn sie trug verborgen
Im innersten Gemüthe
Die grösste Herzensgüte,
Die Gott noch einem Kind verlieh.
Wann that auch je ein Kind wie sie?
Sie nahm sich ernstlich in den Sinn,
Brächte sie die Nacht nur hin
So wollte sie ihr Leben
Um ihren Herren geben._