Ruolant chêrte gegen Yspanie
verre von den erslagenen;
er gesaz zuo ainem boume,
dâ beit er vil chûme.
In ainer sîner hant
truog er daz horn Olivant,
in der anderen Durndarten.
Ain haiden im gewarte:
mit bluote er sich allen bestraich,
vil tougenlîchen er im nâch slaich. 10
Dô gedâchte der haiden:
‘Unter disen vir stainen
dâ erstirbet Ruolant;
Durndarten nim ich ze mîner hant
unt Olivantem;
sô sage ich in dem lante,
daz wir gesiget haben
unt ich habe Ruolanten erslagen.
Des frout sich imer mêre
elliu arâbiskiu erde.’ 20
Ruolant was von den sînen chomen,
sô man geschiezen maht ainen bogen,
unter den marmilstainen;
dô wânte der haiden,
daz er tôt wâre.
Dô enthîlt sich der helt mâre,
unz im der haiden sô nâhen chom;
ûf zucht er daz horn,
uber den helm er in sluoc,
daz im daz verhbluot
ûz sînen ougen spranc.
Er sprach: ‘Daz du habis undanc,
daz du mir ie sô nâhen torstest chomen.
Olivant ist zechloben!’
Er rezurnte vil harte, 10
sus redeter ze Durndarte:
‘Nu ich dîn nicht scol tragen,
dune wirst niemir mennisken ze scaden.’
daz swert er ûf huop,
in den stain er iz sluoc;
iz ne tet sîn nehain war.
Er sluoc iz aver dar
mit paiden sînen hanten;
daz swert er umbe wante,
er versuocht iz zehen stunt. 20
Er sprach: ‘Lâgestu in des meres grunt,
daz du dehainem christen man
niemir mêre wurdest ze ban!
scol dich dehain haiden tragen,
daz wil ich imer gote chlagen!’
Mit grimme er aver sluoc.
dô daz swert vor im gestuont
âne mâl unt âne scarte,
dô redet er ave ze Durndarte:
‘ich bechenne wol dînen site,
daz du nicht des vermite,
swâ ich dich hin gebôt,
den was geraite der tôt
di wîle ich tochte.’
_Roland kehrte gegen Spanien
fern von den Erschlagenen;
er setzte sich an einem Baume nieder,
da konnte er kaum den Tod erwarten.
In seiner einen Hand
trug er das Horn Olivant,
in der andern Durndart.
Ein Heide beobachtete ihn:
mit Blut bestrich er sich über und über,
ganz heimlich schlich er ihm nach. 10
Da dachte der Heide:
‘Unter diesen vier Steinen
da erstirbt Roland;
Durndart nehme ich dann an mich
und Olivant;
und verkünde in dem Lande,
dass wir gesiegt haben,
und ich Roland erschlug.
Darüber freut sich immerdar
die ganze arabische Welt.’ 20
Roland war von den Seinen abgekommen
so weit man mit einem Bogen schiessen kann,
unter den Marmorsteinen;
da wähnte der Heide
dass er tod wäre.
Da rührte sich der ruhmreiche Held nicht,
bis ihm der Heide ganz nahe kam;
empor zückte er das Horn,
über den Helm schlug er ihn,
dass ihm das Lebensblut
aus den Augen sprang.
Er sprach: ‘Verwünscht sollst du sein,
dass du mir je so nahe zu kommen wagtest.
Olivant ist zerschlagen!’
Er erzürnte sehr heftig, 10
so redete er Durndart an:
‘Da ich dich nun nicht länger führen soll,
so wirst du nimmer mehr Menschen zu Schaden!’
Das Schwert hob er empor,
auf den Stein schlug er es;
es that nicht dergleichen.
Er schlug es wiederum darauf
mit beiden Händen;
das Schwert drehte er um,
er versuchte es zehn mal. 20
Er sprach: ‘Liegest du an dem Meeresgrunde,
dass du keinem Christen
jemals mehr den Tod brächtest!
Soll ein Heide dich führen,
das will ich ewig Gott klagen!’
Grimmig schlug er noch einmal.
als das Schwert vor ihm Stand hielt
ohne Mal und ohne Scharte,
da redete er wiederum zu Durndart:
‘Ich kenne wohl deine Art,
dass du nichts unterliessest,
gegen wen ich dich auch führte,
denen war der Tod bereitet
so lange ich bei Kräften war.’_
_KONIG ROTHER._
[_Scherer D._ 93, _E._ 85.]
Von einem Spielmann um die Mitte des zwölften Jahrhunderts in
Baiern verfasst. Das Gedicht beruht auf sagenhafter Grundlage und
ist die Umgestaltung eines älteren Gedichts. Herausgegeben von
Rückert (Leipzig 1872), v. Bahder (Halle 1884).