3) über die italienischen Angelegenheiten.

Obwohl Hr. Bastide die hierauf bezüglichen Schreiben aus Frankfurt

kannte, und ich ihm Ähnliches wie dem -- bereits gesagt hatte, nahm ich

mir die Erlaubniß noch Folgendes hinzuzufügen:

Zu 1) Die Reichsgewalt hat zum Schutze der Ordnung und des Eigenthums

den von der französischen Regierung bei ähnlichen Gefahren betretenen

Weg ebenfalls eingeschlagen. Da nun Hr. Minister Bastide mir früher

selbst sagte: „er halte es für ein Verbrechen, Aufrührer in einem

fremden Staate mit Heeresmacht zu unterstützen oder auch nur durch

eine Propaganda zu fördern“ -- so zweifle ich nicht, daß er in diesem

Augenblicke wird bestimmte Befehle ergehen lassen, daß aus Frankreich

keine Mannschaft den Aufrührern zugewiesen und keine Kriegsmittel ihnen

eingehändigt werden.

Zu 2) Die Annahme des erzherzoglichen Schreibens und die sehr

freundliche Art, mit welcher der Hr. Minister mich behandelt, ist

allerdings ein erwünschter Anfang zur Anknüpfung diplomatischer

Verhältnisse; -- aber es ist doch nur ein +Anfang+. Nachdem die

Gründe der ersten Zögerung sämmtlich beseitigt sind, und in Frankfurt

ein gemäßigtes und kräftiges Ministerium neu gebildet und befestigt

ist; nachdem dessen ernste Maßregeln die Einigkeit mit den einzelnen

Staaten verstärkt und das Vertrauen erhöht haben; nachdem die

Nothwendigkeit einer Reichsgewalt ins hellste Licht gesetzt und ihre

heilsame Wirksamkeit erwiesen ist; -- möchte kein irgend haltbarer

Grund vorhanden sein, auf jenem diplomatischen Wege nicht +weiter+

vorzuschreiten und einige Gesandte in Frankfurt und Paris anzustellen

oder zu accreditiren. Sobald die französische Regierung die Thatsache

anerkennt, daß eine Reichsgewalt gegründet und ein Reichsverweser

erwählt ist, so muß sie folgerecht auch auf Das eingehen, was damit

unzertrennlich verbunden ist oder daraus entspringt. Wenn Gesandte

kleiner deutscher Staaten von Neuem in Paris accreditirt werden und

ihre Geschäfte (nach dem technischen Ausdrucke) +officiell+ führen,

so erscheint es auf die Dauer unpassend, daß ein Beauftragter der

Reichsgewalt jenen nachsteht und nur in +officiöser+ Weise gehört wird.

Ich erlaube mir daher die Bitte: daß der Hr. Minister gütigst angebe,

in welcher Weise diese Zweifel und Mißverständnisse am besten +bald+ zu

lösen sind.

Zu 3) Nach Wiederholung des bereits Geschriebenen und Gesagten, fügte

ich hinzu: Seitens der Österreicher wird laut behauptet, daß ohne

französische und englische Einmischung der italienische Friede längst

würde geschlossen sein, und jedes Hinausschieben der Verhandlungen

die Kriegsleiden, die Ausgaben, die Störungen des Verkehres u. s.

w. verlängere und erhöhe. Deutschland hat das größte Interesse

an einer baldigen Herstellung des Friedens, und seine Theilnahme

kann und wird den edeln Zweck nur befördern. Wenn beide oder alle

kriegführenden Staaten (Österreich, Sardinien, Neapel) dies einsehen

und anerkennen; wie kommt England und Frankreich dazu mehr Besorgnisse

zu hegen und gewissermaßen ein Monopol in diesen Angelegenheiten zu

verlangen? Deutschland wünscht sehnlichst, immerdar mit Frankreich

in den freundschaftlichsten Verhältnissen zu leben; es macht weder

anmaßende, noch unbillige, noch unnatürliche Forderungen, es wünscht

nur Zeichen wechselseitiger Anerkennung und gegenseitigen Vertrauens.

Durch williges Eingehen in die heute besprochenen drei Punkte,

legt Frankreich mühelos ein moralisches Gewicht in die Wagschale

Deutschlands, und dies wird dankbar die gezeigte Freundschaft

anerkennen und die für Frankreich günstige Stimmung verdoppeln.

Ein entgegengesetztes Verfahren wird und +muß+ auf dieselbe

+nachtheilig+ wirken u. s. w.

Auf diese und ähnliche Vorstellungen antwortete Hr. Minister Bastide:

Zu 1) Er freue sich sehr über die Kraft und den Muth, welchen die

Reichsregierung in der letzten Zeit entwickelt habe, billige die

Aufstellung der Schutzlager und sehe darin durchaus nichts, was

seitens der französischer Republik Besorgnisse erregen könnte.

Zu 2) Er sei bereit, bei den jetzigen Verhältnissen einen französischen

Gesandten förmlich in Frankfurt zu accreditiren und seitens der

Reichsgewalt in Paris accreditiren zu lassen. In so weit, als

jedoch die deutsche Reichsverfassung noch nicht in +allen+ Theilen

festgestellt und angenommen sei, geschehe dies natürlich ohne Präjudiz

für künftige, vielleicht +anders gestaltete+ Verhältnisse.

Zu 3) Er habe seinerseits jetzt (nach dem Obsiegen der Gemäßigten) gar

nichts dagegen, daß ein deutscher Abgeordneter an den Verhandlungen

über Italien Theil nehme. Da jedoch von Preußen ein ähnliches Gesuch

gestellt worden, und Frankreich durchaus mit England in Übereinstimmung

handeln wolle, so werde man eine gleichlautende, und wie er hoffe,

+genügende+ Antwort ertheilen. Es hat für mich keinen Zweifel, daß

lediglich der in Frankfurt gezeigte Muth und die Festhaltung an den

früher aufgestellten Grundsätzen die hiesige Regierung günstiger

stimmte, und jedes heftigere Auftreten meinerseits früher keinen

Erfolg, sondern nur ungünstige Antworten (mit Bezug auf die Verwerfung

des Waffenstillstandes von Malmoe) würde herbeigeführt haben.

Achtundsechzigster Brief.

Paris, den 28. September 1848.

Bei Cavaignac, Trouvé, Lamoricière ist Abends ein Gedränge, daß man

sich nicht rühren kann; bei Thiers waren gestern vier bis sechs Herren!

So wechselt Gunst und Andrang nach Maßgabe von Macht und Einfluß. O der

Eitelkeiten!

Den 29. September.

Wenn Sie (und ähnlicher Weise mehre Zeitungen) bemerken und rügen,

daß die Erklärung im Moniteur über die Annahme des Schreibens des

Reichsverwesers nicht genügend und entsprechend sei, so bin ich +ganz

damit+ einverstanden, und Annahme wie Bekanntmachung sind zwischen

Hrn. Bastide und mir umständlich besprochen worden. Ich habe Das, was

Sie +schonend+ rügen, +hier+ viel nachdrücklicher gelten zu machen

versucht. Wenn ich hierüber nicht zu meiner Rechtfertigung Genaueres

schrieb, so hatte dies mehre Gründe. -- Als ich hier ankam, war Hr.

Bastide durch gewisse Vorübungen und Vorbereitungen des Hrn. --

(auf die ich nicht wieder zurückkommen mag) so gereizt, daß schon

ein Schreiben entworfen war, welches den Brief des Erzherzogs und

meine Annahme ganz ablehnen sollte. Mein erstes Auftreten wirkte so

beruhigend, daß es bei Seite gelegt wurde. Alle Hindernisse waren

allmälig beseitigt, als man in Frankfurt den Waffenstillstand verwarf.

Die Actien des Reichstages und der Reichsgewalt sanken hierdurch

dergestalt, daß Hr. Minister Bastide erklärte: er wolle mit einem

Ministerium Dahlmann oder Hermann gar nichts zu thun haben. Ich darf

ohne Eitelkeit und Hochmuth behaupten, daß in diesem Augenblicke,

wo irgend ein Zeichen des Zutrauens der französischen Regierung so

erwünscht war, meine dringende Vorstellungen bei dem (gegen mich

persönlich so außerordentlich freundlichen) Hrn. Minister Bastide es

bewirkten, daß die Annahme des Schreibens nicht ganz ins Unbestimmte

hinaus verschoben ward. Jede schärfere, bruskirende Forderung über die

Art der Annahme und Bekanntmachung hätte in jener Zeit der +kläglichen

frankfurter+ Anarchie nicht zu günstigeren Ergebnissen, sondern zu den

unangenehmsten schriftlichen Erklärungen geführt.

Selbst das +Mündliche+ mochte ich (~res scripta manet~) nicht

niederschreiben und lieber unausbleiblichen Vorwürfen entgegengehen,

als mit Wahrung +meiner Person+ mein +Vaterland+ einer strengen und

leider gerechten Censur unterwerfen. ~Chi va piano, va sano.~ Ich

habe den bittern Kelch einer schwierigen, diplomatischen Stellung bis

auf die Hefen geleert, aber niemals die Hoffnung eines endlichen

glücklichen Ausganges ganz aufgegeben. Der Vorwurf: ich habe mich

schwach oder charakterlos benommen, ist für den entfernteren Beobachter

so +natürlich+, daß ich mich darüber +gar nicht+ beschweren kann.

Vorstehende Andeutungen und Zeugnisse des Hrn. Ministers Bastide,

sowie aller vom Gange der Dinge hier unterrichteten Gesandten, würden

die Überzeugung hervorrufen, daß ich mich nicht anders benehmen und

(trotz des besten Willens und der reiflichsten Überlegung) in höchst

ungünstigen Verhältnissen nicht mehr und nichts schneller erreichen

konnte.

Zu Dem, was ich am 21. d. M. über die +italienischen Angelegenheiten+

schrieb, füge ich noch Folgendes hinzu: -- In einer gestrigen Audienz

klagte Hr. Minister Bastide sehr, daß die erneute Blokade Venedigs den

Gang der Unterhandlungen erschwere, die Aussicht auf den nothwendigen

Frieden vermindere und den Österreichern zuletzt keine bessere

Bedingungen verschaffe, als sie ohnedies erhalten würden. Hr. Bastide

wünscht, daß die Reichsgewalt diese Ansichten theile und unterstütze.

Hr. von Thom hat dies in seinem gestrigen Berichte ebenfalls gethan,

gegen Hrn. Bastide aber bemerkt, daß die Blokade wahrscheinlich +mit

Recht+ deshalb erneut sei, weil von Ankona aus Schiffe mit Mannschaft

und Kriegsmitteln in Venedig eingelaufen seien.

Hr. Bastide wünscht Beschleunigung der Vermittlung, stellt eine etwaige

Gränzveränderung ganz in den Hintergrund, bezeugt aufs Feierlichste,

bei einem Kriege würde kein Theil gewinnen, sondern Alle +verlieren+,

verspricht alles Mögliche für Erhaltung des Friedens zu thun, klagt

aber daß sich immer wieder neue und große Schwierigkeiten erzeugten.

Frankreich wünsche ernstlich, daß Österreich groß und mächtig bleibe,

an der unteren Donau schützend auftrete und eine innige Annäherung und

Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich stattfinde.

Die Verzögerung der italienischen Vermittlung und die Schwierigkeit,

welche Deutschlands Theilnahme findet, scheint +weit mehr+ von

+England+ als von +Frankreich+ auszugehen.

Den 30. September.

Es ist merkwürdig, wie die Beschlüsse der hiesigen Nationalversammlung

in Weisheit und Thorheit abwechseln, z. B. Verwerfen der steigenden

Auflagen und Assignaten, Bewilligung von Ausfuhrprämien, eine Kammer

statt zweier u. s. w. Lamartine hat in seiner breiten Empfehlung

+einer+ Kammer zuletzt nichts gesagt, als: Die Gefahren des

Augenblicks machten die Diktatur oder Despotie nothwendig. Mit Recht

hat Odilon-Barrot dies hervorgehoben, aber mit Unrecht hinzugefügt:

verfassungsgebende Verfassungen müßten nur +eine+ Kammer haben. Die

englische Reformbill ward z. B. von beiden Häusern des Parlaments

berathen und beschlossen, und in Frankfurt und Berlin geht es

mangelhaft zu, weil die ermäßigende erste oder zweite Kammer fehlt. --

Da die Wahl des zukünftigen Präsidenten der französischen Republik den

allgemeinen Wahlen zugewiesen wird, hiebei aber aus Bequemlichkeit,

Gleichgültigkeit oder anderen Gründen Hunderttausende ausblieben, so

wird das Ergebniß doppelt ungewiß, und ist als eine Art von Glücksspiel

zu bezeichnen. Cavaignac’s dreimonatliche Herrschaft dauert Vielen

schon zu lange, die da herrschen, oder Herrscher erschaffen wollen.

Den 1. October.

Deutsche Zeitungen klagen fortwährend: daß ich hier nicht mehr

ausgerichtet und Frankreich sich nicht zuvorkommender benommen hätte.

Die Anklagenden vergessen, daß vorzugsweise die äußerste Linke in

Frankfurt den Franzosen ihre Freundschaft anbot; diese Linke aber beim

General Cavaignac gerade so beliebt ist, wie die rothen Republikaner,

welche er im Junius todtschießen ließ. Ferner standen den frankfurter

höflichen +Redensarten+ feindliche +Thaten+ gegenüber; sehr natürlich

also, daß die Franzosen sich durch jene nicht bestechen ließen.

Den 2. October.

Gestern fuhr ich nach St.-Cloud zu einem großen Feste. Das Schloß

war geöffnet, und wir zogen mit Unzähligen durch die prächtigen,

aber mit Gemälden und Zierathen überladenen Zimmer. Auch hätte ich

mir nicht die Gemälde von Rubens über die Verheirathung Heinrich’s

IV. mit der unangenehmen Marie von Medici (welche im Louvre hängen),

als Gobelintapeten, noch einmal und immerdar vor die Augen bringen

lassen. Die Springbrunnen belebten den Garten, und unzählige Menschen

warteten auf den Augenblick, wo der größere Wasserfall mit vielen

kleineren Springbrunnen in Thätigkeit gesetzt würde. Da kam plötzlich

vom Himmel herab ein so starker Wasserfall, daß Alle die lang und

sorgfältig verwahrten Plätze verließen und Schutz suchten. Doch nahm

der Regen bald ein Ende, sodaß man das heitere Schauspiel ungestört

ansehen konnte. Unzählige Buden bildeten einen großen Jahrmarkt;

dazu Schießübungen, Glücksspiele, Schaukeln aller Art, Anstalten

sich wiegen zu lassen, Marktschreier u. s. w. -- hinreichende Mittel

und Bestandtheile zu einem Volksfeste. Ich weiß nicht, ob ich mich

irre, aber die Franzosen scheinen mir ernster und kälter, oder doch

stiller als sonst bei Volksfesten, in den Straßen, in Omnibus- und

Eisenbahnwagen. An Gründen des Ernstes und vorsichtigen Schweigens

fehlt es freilich auch nicht, und wenn man gezwungen ist, viel

an seine eigenen Verhältnisse zu denken, ist man ein schlechter

Gesellschafter.

In dieser unsichern, bewegten Zeit hilft aber das Nachdenken oft zu

gar nichts: so denke ich nach, ob, wann, wie lange ich hier, oder in

Frankfurt bleiben, wenn eher ich wieder in den berliner Hafen einlaufen

werde? Nun ist es zwar möglich, zur Verwirklichung des Einen oder des

Andern wesentlich beizutragen: wenn sich aber die gegenseitigen Gründe

ungefähr das Gleichgewicht halten, kommt man zu keinem Beschlusse, und

wartet bis das Übergewicht von Außen herbeigeführt wird. Man möchte

sich bisweilen mit dem Fanatismus der Muhamedaner beruhigen, oder die

Vorherbestimmung Calvin’s schon aus Bequemlichkeit annehmen.

Seit 20 Jahren werden Berichte über die peinliche Rechtspflege in

Frankreich bekannt gemacht. Die längeren Erfahrungen erlauben schon

eher Schlüsse aus gewissen Thatsachen zu ziehen. Ich theile zunächst

einige der letzteren mit. Von 100 Verbrechen sind etwa 27 gegen

Personen, 73 gegen das Eigenthum gerichtet. Die Zahl der Verbrechen

hat seit 20 Jahren, im Verhältniß zur Volksmenge, +nicht+ zugenommen;

wohl aber haben +einzelne+ Verbrechen (betrügerische Bankrotte,

Falschmünzerei) zugenommen, während andere sich minderten. Die Zahl

der Vergehen (~délits~) ist mehr gestiegen, als die der Verbrechen.

Es scheint, als ob die Zahl der Rückfälligen (~récidivistes~) zunähme,

was Folge der Art der Gefängnisse, oder genauerer Voruntersuchungen

sein kann. -- Landschaft und Sitten haben den größten Einfluß auf die

Verbrechen, so von 100 im Departement der Seine 89 gegen das Eigenthum,

in Korsika 81 gegen die Personen. Auf dem platten Lande finden

keineswegs weniger Verbrechen statt, als in den Städten; auch sind sie

öfter von der schwersten Art und gegen Personen gerichtet. Man soll

also (sagt ein Berichterstatter) Unschuld und Tugend nicht vorzugsweise

auf dem Lande suchen. Von 100 Angeklagten konnten, im Jahr 1846, 52

weder lesen, noch schreiben; also ist die Zahl der nicht unterrichteten

Verbrecher verhältnißmäßig viel größer. Seitdem mehre, allzuharte

Strafen gemildert sind, finden weniger Lossprechungen statt, denn zuvor.

Den 3. October.

Wenn man täglich Dasselbe sieht, hört und lieset, so ist es sehr

natürlich, daß man auch Dasselbe schreibt. Dies unaufhörliche,

unvermeidliche Andrängen derselben Gegenstände, Ereignisse und Urtheile

hat seine große, eigenthümliche Bedeutung: es ergiebt sich daraus,

was die Zeit beherrscht, was man wünscht, oder fürchtet, was mit

Vorliebe behandelt, was unbillig und einseitig zurückgesetzt wird. Die

sittliche und politische Cholera hat ihre Zeit, wie die körperliche:

Niemand soll deshalb ganz verzweifeln oder nutzlos flüchten, sondern

der Gefahr muthig entgegengehen, auf Heilmittel sinnen und sie

anwenden. Der schrecklichste Wahnsinn ist: die Krankheit für Gesundheit

zu halten, mit ihr zu hätscheln, das Gift mit Wohlgefallen zu erzeugen

und zu verbreiten. Der Schrecken über die frankfurter Gräuel hat die

Frechheit der äußersten Linken nicht vermindert, und ein Frevler

und Tollhäusler, wie Struve, wird von ihr zum Märtyrer gestempelt

werden. Selbstaufopferung allein giebt aber keinen Anspruch auf ächtes

Märtyrerthum; sie ist eine doppelte Sünde, wenn sie für eine schlechte

unedle Sache frech gewagt wird.

In Berlin beschließt ein Klub: die frankfurter Meuterer hätten sich

ums Vaterland verdient gemacht, und ein Mann, dem Verbrechen halber

das Bürgerrecht genommen worden, der Jahre lang im Zuchthause saß,

der ehemalige weggejagte Mädchenlehrer und verdorbene Conditor

Karbe, wird vom Pöbel im Triumphe umhergeführt als Vertheidiger der

höchsten Freiheit. Und dies geschieht in einer Stadt, welche sich

rühmt, an der Spitze der geistigen Bildung zu stehen, und die besten

Schulanstalten zu haben! Die Geschichte Berlins im Jahre 1848, das

gerühmte Feuerwerk, ist in die dunkelste Nacht gesunken, und die

Gräuel des alten Roms sind großartig und furchtbar im Vergleiche mit

der Feigheit, Nichtigkeit, Albernheit und Misère, welche leider nur

zu Viele an vielen Orten zeigen oder dulden. Auch meine Collegen, die

Stadtverordneten, möchte man mit Siebenschläfern vergleichen, die nur

von Zeit zu Zeit taktlos aufseufzen.

Wenn man dies Alles sieht und fühlt, darf man Frankreich (wie manche

Deutsche es noch immer thun) nicht allein und vorzugsweise anklagen. Es

fällt der hiesigen Regierung nicht ein, mit den frankfurter Meuterern

zu liebäugeln, oder Struve und seine Rotte irgend zu beschützen. Sie

hat sich hinsichtlich der diplomatischen Beziehungen zur Reichsgewalt

nicht übereilen wollen, ist aber friedlicher gegen Deutschland gesinnt,

als irgend eine französische Regierung seit dem Kardinal Richelieu. Ihr

Sturz würde wahrscheinlich schlimmere und gefährlichere Verhältnisse zu

unserm Vaterlande herbeiführen; -- und doch, wer kann für ihre Dauer

einstehen!

Man spricht und schreibt jetzt so viel davon, daß keine Regierung

sich über verschiedene Völker erstrecken solle; auch hat dies den

guten Sinn, daß jede Regierung den Eigenthümlichkeiten jedes einzelnen

Volkes solle angepaßt werden, und die Vernachlässigung dieses

Grundsatzes, Unzufriedenheit und Aufruhr erzeuge. Andererseits haben

sich Regierungen thatsächlich (und zuletzt auch aus natürlichen und

zureichenden Gründen) über verschiedene Völker erstreckt, von den

Assyrern, Medern und Persern, bis auf England und Österreich. In der

That wird aber der Grundsatz über die vereinzelte Unabhängigkeit der

Völker von den heutigen Weltverbesserern einem andern untergeordnet:

+dem+ der Übereinstimmung hinsichtlich gewisser Ansichten. Daher

erklären Ruge und Consorten (oder Complicen) jede Vaterlandsliebe für

Thorheit; das politische Glaubensbekenntniß trennt oder einigt jetzt

so, wie das theologische im 17. Jahrhunderte, und Stammgenossen richten

sich in wahnsinnigem Bürgerkriege zu Grunde, statt in Liebe und Treue

auch in bösen Tagen miteinander auszuhalten. Deutschland, dessen wahre

Staatsweisheit verlangt, sich mit der Schweiz, Holland, Schweden und

Dänemark zu einem großen germanischen Bunde zu einigen, ist mit Allen

(die Schuld theilt sich) in Händel gerathen, und es wird sehr viel Zeit

und Mühe kosten, die wahrhaft natürlichen Verhältnisse herzustellen.

Unterdessen werden die einzelnen Regierungen immer schwächer, nirgends

ein Fürst von so überlegener Größe daß er für die Monarchie begeistern

könnte, nirgends bei den Demokraten Achtung vor den Gesetzen,

republikanische Träumereien, ohne republikanische Selbstbeherrschung

und Aufopferung!

-- -- Wir sind aus der weinigen Gährung in die saure, ja in die faulige

gerathen. Freilich ist das in Deutschland schon öfters vorgekommen

(Bauernkrieg, Thomas Münzer, Bockold, Dreißigjähriger Krieg), und ich

will deshalb nicht verzweifeln. Um sich aber dazu Glück zu wünschen,

dazu gehört ein starker Glaube, -- oder Aberglaube. Ob die Krankheit

nach Ausscheidung des Giftstoffes (mag er von Metternich dem Fürsten,

oder Metternich dem Aufrührer herstammen) zu verstärkter Gesundheit, zu

langem, langem Siechthume, oder zum Tode führen wird, das liegt nicht

mehr in der Hand des Einzelnen, -- er sei König oder Demagog.

Den 4. October.

Gestern Abend beim General Cavaignac, unzählige Officiere, wenig

schwarze Civilisten, noch weniger Damen; beim sardinischen Gesandten

Brignole das Umgekehrte. Dieser Mann macht das angenehmste Haus,

während sein König in Gefahr schwebt, auf dreifache Weise gestürzt zu

werden, durch Feinde, Verbündete oder Freunde: Österreicher, Franzosen,

eigene Unterthanen. Die Lösung der italienischen Frage zieht sich

unglücklicherweise sehr in die Länge, wobei Palmerston (der sich jetzt

auf dem Lande erholt) nicht ohne Schuld sein soll. -- Ebenso zögert

Preußen in unentschlossener Weise mit Ernennung zweier Männer für die

provisorische Regierung in Holstein, und unterdessen begehen Dänen und

Holsteiner neue Thorheiten. -- Ich endlich, bin ich nicht auch in die

verkehrte Welt gerathen? In den Stunden, wo ich sonst ruhig arbeitete,

mache ich Besuche bei Gesandten und Nichtgesandten; Abends, wo ich

sonst schon des Zubettegehens gedachte, fahre ich zierlich geputzt

in die famosen Soireen; statt mich meines eigenen wohlgeordneten

Hauses zu erfreuen, besehe ich Wohnungen nicht für mich, sondern für

meinen künftigen, unbekannten Nachfolger; der ich am liebsten zu Hause

Hausmannskost aß, muß täglich zum Restaurateur laufen und aus seiner

Garküchenkarte mir mühsam meine Nahrung heraussuchen; der ich mir sonst

die entferntere Bekanntschaft französischer Romane wünschte, studire

sie jetzt eifrig -- hauptsächlich um unbekannte neue Worte zu lernen.

-- Man möchte rufen: ~Beatus ille qui procul!~ Aber wo ist man

denn fern von den Sorgen der Zeit, und am Ende einer Laufbahn, wo ich

wissenschaftlich nichts mehr zu Stande bringen kann, darf ich es für

ein Glück, oder doch für eine Schickung halten, in diese Bahn geworfen

zu sein. Doch werde ich gewiß nicht lange darauf verharren, sondern

bald wieder Nr. 67, Kochstraße, unterkriechen.

In unseren Tagen, wo auch das scheinbar Geheimste nach wenigen Tagen,

ja Stunden zur Öffentlichkeit kommt, ist den Gesandten der meiste

Stoff ihrer Berichte genommen. Seine eigene Meinung aber als gewichtig

aussprechen zu wollen, läuft gegen die Gesetze der Wahrheit und der

Bescheidenheit. Bisweilen fühlt man jedoch das Bedürfnis nicht sowohl

einer amtlichen Berichterstattung, als einer vertraulichen Besprechung

und Herzensergießung.

Der Beschluß, daß in Frankreich nur +eine+ Kammer gebildet werden

solle, macht eine gemäßigte und ermäßigte republikanische Regierung

fast unmöglich. Die Kammer wird wahrscheinlich allmächtig oder

ohnmächtig, und in beiden Fällen tritt Tyrannei abwechselnd mit

Anarchie ein, welche beide sich am liebsten nach Außen hin Luft machen.

Als die athenische Volksversammlung den Rath, die römische den Senat

beseitigte, ging es mit republikanischen Formen und republikanischer

Freiheit zu Ende. Dasselbe geschah in England während des 17.

Jahrhunderts, nach Beseitigung des Königs und des Oberhauses. Die

~Assemblée constituante, législative~ und der Convent verfehlen das

vorgesteckte Ziel, 30 amerikanische Staaten halten fest an zwei Kammern

und Berlin und Frankfurt haben so viele entgegengesetzte Beispiele noch

nicht widerlegt.

Zwei Hauptbewerber, L. Bonaparte und Henri V., hält man hier für

persönlich ungeschickt, Frankreich zu regieren. Die Hauptstütze des

Letzten ist der Begriff erblicher Legitimität, welcher Vielen ein

Gräuel oder doch nicht die Mode des Tages ist. Der Erste beruft sich

auf einen Namen, von dessen Gutem oder Bösem, man weiß noch nicht

was, auf ihn übergegangen ist. Könnte Einer oder der Andere die

Theorien und Praktiken, auf welche sie sich beziehen, geltend machen,

in wie ganz +entgegengesetzte+ Richtungen würde dadurch Frankreich

geschleudert. Wie gefährlich ist die Unsicherheit, nicht zu wissen, wer

durch das allgemeine Wahlrecht mehr oder weniger, kürzer oder länger

Herr von Frankreich -- oder doch auf die +Tagesordnung+ gesetzt wird.

Ja wohl auf die +Tagesordnung+: denn ein Wahlsieg mit nur relativer

Stimmenmehrheit verbürgt keine Dauer!

Uns Deutschen aber thut Ordnung und Einigkeit mehr Noth als je;

denn bei aller Friedensliebe der einzelnen Regierungen könnten die

obwaltenden Mißverständnisse vielfacher Art leicht und unerwartet zu

einem großen Kriege führen. Daher: ~si vis pacem, para bellum~, --

jedoch so wohlfeil als möglich. Die Franzosen sind jetzt weit besser

gerüstet als die Deutschen und gegen das Ausland immer +einig+. Würde

das jetzt in Deutschland der Fall sein und nicht vielmehr zu dem

fremden Kriege sich ein nichtswürdiger Bürgerkrieg gesellen, wie im 17.

Jahrhunderte?

Die Reichsgewalt kann und muß mit steigender Gefahr doppelten Muth

zeigen und sich von Denen nicht einschüchtern lassen, welche frech auf

der Bahn der frankfurter Meuterer beharren.

Neunundsechzigster Brief.

Paris, den 5. October 1848.

-- -- -- Persönliche Freiheit und Unabhängigkeit ist mir zeitlebens das

Wünschenswertheste und Erfreulichste gewesen, und nun sollte ich mir im

Alter die Eitelkeiten dieses glänzenden Gesandten-Elends dummerweise

selbst umhängen, Sklaverei der Freiheit vorziehen, mit allen Menschen

verkehren, nur nicht mit meinen Freunden, statt in deutscher Zunge

zu reden, in fremder radebrechen, wachen, wenn ich schlafen möchte,

Steine des Sisyphus wälzen, tantalisch Wasser schöpfen, mich über Dinge

belehren und zurechtweisen lassen, die ich zuletzt besser verstehe,

nichts mehr lesen als Zeitungen, keine Geschäfte betreiben, als die des

letzten Tages, oder der letzten Stunde u. s. w. u. s. w.

Ich bin hieher gegangen, weil ich es für Pflicht hielt, das unerwartet

Dargebotene nicht zurückweisen, weil ich hoffte, meinem Vaterlande

in diesem Augenblicke nützlich zu werden. Einmal Kohlen aus dem

Feuer holen; -- gut! -- Immer Stroh dreschen! -- Nein! Ich kenne

die steten Klagelieder der Gesandten aus zahllosen Depeschen; ich

will in diesem Chore keine obligate Stimme übernehmen. Ich werde aber

auch nicht davonlaufen, bevor das angefangene Stück ausgespielt hat.

-- Schon einmal wollte ich (ich denke mit Ehren) davongehen, und so

hoffe ich, wird sich ein zweites Mal der rechte Augenblick ergreifen

lassen. -- Das Alles unter uns: denn ich möchte nicht, daß daraus

eine Klatschgeschichte, von thörichtem Hochmuthe oder falscher Demuth

zusammengedrechselt würde.

Den 6. October.

Ganz Deutschland muß künftig dem Auslande gegenüber in einer andern

und kräftigern Weise vertreten werden. Nur scheinbar verlieren die

einzelnen kleinen Staaten; auf dem politischen Boden waren ihre

Gesandten bloße Nullen, gebraucht zum Klatschen und Nacherzählen. Wer

sich aber einmal an dieses angeblich wichtige, in Wahrheit nichtige

Leben gewöhnt hat, kann darohne nicht leben, findet die Arbeit ächter

Geschäftsmänner langweilig und bildet sich ein, derlei persönliche

Ansichten und Wünsche hätten sachlichen, festen Boden. Pfiffiger sind

die fremden Minister auswärtiger Angelegenheiten: sie vertheidigen

derlei diplomatischen Krimskrams und Tand, stellen sich auf den

sogenannten Rechtsboden der Gegenwart, preisen die (von Napoleon

umgehangene) Theatersouverainetät jedes deutschen kleinen Fürsten,

wünschen die fortdauernde Zerstückelung Deutschlands, ohne den Werth

der +rechten+ Mannigfaltigkeit zu begreifen, und fürchten über

Alles, daß ein Volk von 45 Millionen Menschen einmal einstimmig denken

und handeln könne.

Den 7. October.

Ich fragte einen französischen Abgeordneten: glauben Sie denn,

daß Frankreich durch +eine+ Kammer und einen vom Volke erwählten

Präsidenten kann regiert werden? -- Antwort: Nein! -- Wird nicht

die Kammer, oder der Präsident, allmächtig oder ohnmächtig werden?

-- Antwort: Ja! -- Wie kommt es aber, daß sich nun so große

Stimmenmehrheit für jene Einrichtung ausgesprochen hat? -- Weil von 900

Abgeordneten wenigstens 700 ganz und gar nichts von der Sache verstehen.

Soeben ist erschienen: „~Jerome Paturot à la recherche de la meilleure

des républiques par Reybaud~“, gleich der (schon von mir erwähnten)

ersten Hälfte, ein anziehendes, lehrreiches, vortreffliches Buch, das

man ins Deutsche übersetzen und verbreiten sollte. Alle französischen

(und deutschen) Irrthümer, Thorheiten, Lächerlichkeiten, Verbrechen

des +letzten+ Jahres sind so geistreich und schlagend entwickelt und

dargestellt, wie die der +früheren+ Jahre, in jener ersten Hälfte.

Ich gebe einige kleine Proben. -- „Die Erfinder neuer Thorheiten

(sagt der Verfasser) haben einen so überschwänglichen Glauben, daß

sie kein Mißlingen stört, daß sie außerhalb ihrer Meinungen nichts

anerkennen, und Alles, was entgegentritt, rücksichtslos verdammen.

-- Meinungen sind meist Gewohnheiten, man nimmt sie an, ohne nähere

Prüfung. -- -- Die Organisation der Arbeit ist (mit anderen Worten)

die Organisation der Sorglosigkeit und Faulheit. -- Es ist leicht,

das Volk durch unzählige, wohlklingende Redensarten über seine Leiden

aufzubringen und in den Gemüthern Zorn und Galle anzuhäufen. Es ist

leicht, in der Ungleichheit menschlicher Verhältnisse einen Text zu

finden für stete Deklamationen, und Grundlagen zu einem furchtbaren

Aufruhr gegen Reichthum und Größe. Alles dies ist leicht, besonders

für kräftige und leidenschaftliche Schriftsteller: -- schwer aber

ist es (wie man jetzt sieht), die aufgeregten Wogen zu beruhigen

und die tiefen Wunden zu heilen. -- Das viel besprochene Recht auf

Arbeit ist eine Thorheit, oder eine Lüge. -- Sonst fiel es Niemand

ein, Arbeit und Almosen zu vermischen und zu verwechseln, Almosen

mit dem Scheine einer (nutzlosen) Arbeit zu bedecken. Es ist ein

furchtbares Spiel, auf den Grund eines bloßen Traumes, das gesammte

Wesen der Arbeit, ihre natürliche Bewegung, ihren Werth für die Menge

in Unordnung zu bringen. -- Es ist eine schwere Verantwortlichkeit,

das Daseiende umzustürzen, Gewohnheiten zu erschüttern und Gefühle

zu beunruhigen, lediglich in der Aussicht auf gewisse Combinationen,

welche weder Bestandtheile der Ordnung, noch Bürgschaft der Dauer in

sich schließen. -- In den meisten Klubs war Alles höchst mittelmäßig:

kein Talent, keine Idee; Ungeheuerlichkeiten ohne Ende, Aermlichkeiten

in Ueberzahl. Alle Gemeinplätze, welche seit einem halben Jahrhunderte

die Bücher füllten, fanden jetzt ihre Stelle auf der Rednerbühne. Statt

der Einfachheit und des gesunden Verstandes lauter Sophismen, leere

Übertreibungen. Weder Natur, noch wahre Begeisterung, sondern ein

Gemisch von Trivialitäten und Aufgeblasenheiten.“ -- So viel Paturot

für heute, vielleicht ein andermal noch einige Proben.

Die wichtigste Frage des Tages ist die, über die Wahl und Stellung

des künftigen Präsidenten der französischen Republik. Eine Partei

will gar keinen, irgend unabhängigen Präsidenten; denn das führe nur

zu Gegensätzen, Streitigkeiten, Siegen oder Niederlagen. Die allein

souveraine Nationalversammlung ernenne nach Belieben einen Bureauchef,

mit allerhand Ministern oder Räthen. Sie entlasse +Alle+, sobald sie

ihr nicht mehr behagten! Nur auf diesem Wege herrsche zwischen der

Versammlung und ihren Beamten immerdar die größte Einigkeit, es zeige

sich eine stets unbestrittene Allmacht. -- Offenbar ist dies ein System

des Despotismus und einer aller Haltung und Festigkeit ermangelnden

Beweglichkeit. Folgerecht müßten alsdann auch die Wähler jeden Tag die

Nationalversammlung umgestalten dürfen. -- Die zweite Partei will den

Präsidenten durch die Nationalversammlung wählen lassen; denn diese

habe hiezu ein unläugbares Recht und die größte Geschicklichkeit. Nur

auf diesem Wege würde Einigkeit zwischen der Nationalversammlung und

dem Präsidenten möglich sein. -- Die Nationalversammlung (wendet man

ein) hat zu einer solchen Wahl kein Recht, und der Präsident wird von

ihr allzu abhängig. Aus einer geringen Mehrheit hervorgegangen, fehlt

ihm ohnehin das nöthige Ansehen; oder wenn eine andere Ansicht die

Oberhand gewinnt, müßte er und die Minderzahl eigentlich herrschen. --

Der Präsident (sagt die dritte Partei) muß durch das ganze Volk gewählt

werden; dann sind Alle zufrieden, und er hat (der Nationalversammlung

gegenüber) die nöthige Macht und Unabhängigkeit. Auf diesem Wege ist

jede Wahl unantastbar, erfreut sich allgemeinen Beifalls, und erhebt

den geehrtesten und beliebtesten Mann. -- Für diese Ansicht hat

Lamartine eine lange Rede gehalten, die man sehr bewundert; während

ich darin nur ein verirrtes Hin- und Herreden finde, und einen neuen

Beweis, daß Lamartine gar kein Staatsmann ersten Ranges ist. -- Er sagt

z. B.: er wolle alle wissenschaftlichen und geschichtlichen Gründe

und Betrachtungen bei Seite setzen; was mir als ein sehr thörichtes

Verfahren erscheint. -- Die Beliebtheit (~popularité~) spricht er

weiter, ist die ganze Macht (~le pouvoir tout entier~); und doch hat

er selbst erfahren, daß sie bei ihm nicht hingereicht hat, drei Monate

zu regieren, da war ihm bereits alle Macht entschlüpft. Bei einer

Wahl des Präsidenten durch das Volk werde wenigstens +er+, +oder+ die

Nationalversammlung beliebt, und nicht beide gleichzeitig verbraucht

sein. -- (In diesem Gegensatze könnte man vielmehr eine Gefahr oder

einen kläglichen Trost sehen.) -- Es sei thöricht und lächerlich, zu

glauben und zu fürchten, daß es einem ältern oder jüngern Bourboniden,

oder einem Bonapartiden eingefallen sei, oder einfallen werde, nach

Einfluß, Gewalt und Herstellung zu streben. Der einfache, gesunde

Menschenverstand erkläre dies für unmöglich. -- Es ist unbegreiflich,

wie man gegen die Natur der Dinge und unzählige Thatsachen derlei leere

Rederei anmaßlich hinstellen oder bewundern, und obenein wenige Zeilen

später sogleich hinzusetzen kann: „wir befinden uns (in Beziehung

auf die aus dem Stegreife erschaffene Republik) in der peinlichsten,

traurigsten, gefährlichsten Lage. Die ersten Tage, die ersten Monate

der Begeisterung, der Hoffnung, des Beifalls, der allgemeinen

Zustimmung, haben sich in einem großen Theile Frankreichs verwandelt

in Zweifel, Mißtrauen, Unglauben und Abfall von der Republik. -- Aber

der neue Präsident wird sein das Haupt, der Vermittler, der Anordner

republikanischer Institutionen; er wird beschützen dein Eigenthum,

deine Familie, deine Kinder! Wiederum hat er zwar keinen Antheil an

der Souverainetät, aber er wird sich täglich stärken und erfrischen

in der einzigen Quelle der wahren Macht, dem Gewissen der Bürger.

Der Würfel ist gefallen! Ueberlassen wir etwas der Vorsehung! Möge

sie das Volk aufklären. Was aber auch geschehe; es wird schön sein

in der Geschichte, daß wir die Republik gedacht, ausgesprochen, in

vier Monaten entworfen haben; dieselbe Republik der Begeisterung,

der Mäßigung, der Brüderlichkeit, des Friedens, des Schutzes für

Geselligkeit, Eigenthum, Religion, Familie; -- diese Republik

Washington’s!!“ -- -- Solch verwirrtes, thörichtes Wischi-Waschi gilt

für Beredtsamkeit und Staatsweisheit!!!

Den 8. October.

Nur eins weiß man über die Zukunft Frankreichs mit Gewißheit,

nämlich, daß sie völlig unbekannt und ungewiß ist. Denn wenn auch

die Nationalversammlung höchst wahrscheinlich für die Wahl eines

Präsidenten durch das ganze Volk (ohne Abstufung) entscheiden wird,

so steht doch gar nicht fest, wer die Mehrheit der Stimmen erhalten,

und ob man sich dieser (vielleicht nur geringen) Mehrheit ruhig

unterwerfen wird. Viele Legitimisten haben nichts gegen L. Bonaparte:

denn er müsse erst völlig abgethan und verbraucht sein, bevor ihr

Bewerber mit sicherem Erfolge an die Reihe komme. -- Eine angenehme

Aussicht auf mannigfaltige Umwälzungen!! -- Die Hoffnung: man könne

durch irgend eine förmliche Bestimmung der Verfassungsurkunde alle

Wünsche unterwerfen und vereinigen, alle Ansprüche beseitigen, alle

Leidenschaften bändigen, -- ist durchaus täuschend. Nach so vielem

Wechsel von Regierungsformen und regierenden Personen hält man jede

neue Veränderung für leicht und erlaubt; ehe etwas Wurzel gefaßt hat,

wird es ausgerissen und weggeworfen. Die Forderung: daß zwischen der

Nationalversammlung und dem Präsidenten steter Friede sein soll, lautet

gar schön, wird aber den ewigen Frieden nicht so mühelos herbeiführen,

wie Lamartine und ähnliche Phantasten sich einbilden. Wer da, in

der etwa ausbrechenden Fehde obsiegen wird, hängt zuletzt (wie die

Erfahrung gezeigt hat) weit weniger von buchstäblichen Vorschriften

und ängstlichen Auslegungen, als von den Personen ab, von ihrem Muthe

und ihrer Kraft. Das beweisen z. B. der 18. Fructidor und der 18.

Brumaire. -- Wenn man die ganze Verfassungsurkunde ins Feuer wirft,

so kommt gar nichts mehr darauf an, was in einem einzelnen Absatze

steht. -- Doch genug für heute von den Krankheiten Frankreichs. Stände

es nur daheim besser! Ist es nicht ein Jammer, daß die Reichsminister

der preußischen Regierung sagen und sagen müssen, sie möchten

Preßfreiheit und Klubs zügeln, und daß sie dennoch nicht den Muth und

die Geschicklichkeit haben, es zu thun! -- -- -- --

Siebzigster Brief.

Paris, den 9. October 1848.

Die jetzige französische Regierung hat dafür gestimmt, daß der künftige

Präsident durch die Nationalversammlung und nicht durch allgemeine

Volkswahl ernannt werde. Sie konnte aber wohl kaum überrascht sein,

daß sich die Mehrzahl der Abgeordneten für das letzte Verfahren

erklärte, da man ja in unseren Tagen (ohne Rücksicht auf volksthümliche

Verhältnisse) das am meisten Demokratische überall für das Beste hält.

Merkwürdig, daß man zu gleicher Zeit unbedingte Einheit (~unité~) der

Gewalt verlangt, hiebei vergessend, wie jene Einheit eben die +Form+

der Despotie, der unbedingten Allmacht ist, mag nun ein Czar, ein Senat

oder ein Convent an der Spitze stehen.

Nachdem gestern meine gesandtschaftlichen Arbeiten beendet waren, ging

ich den Kays der Seine entlang, zur Kirche ~Notre-Dame~. Jene Kays (die

in London an der Themse leider fehlen) erhöhen die Schönheit von Paris

gar sehr, und tragen gewiß auch zur Gesundheit einiger Stadttheile bei.

Die Kirche unserer lieben Frauen ist groß und merkwürdig, steht jedoch

den vollkommeneren Bauwerken dieser Art nach, sowohl hinsichtlich der

Auffassung und der Verhältnisse des Ganzen, als in Rücksicht auf die

Vollkommenheit der einzelnen Theile. -- Nun zum Luxemburg.

Im Hofe war große militairische Parade. Die Soldaten lebendig, kühn,

furchtbar; die Bewegungen gewandt, doch ohne ängstliche Pedanterie; die

Ausführung der Musik gut, die Compositionen gesucht und manierirt. --

Der Garten, bekanntlich ein würdiges Seitenstück zu den Tuilerien, eine

Wohlthat für diesen Theil der großen Stadt; Gottlob noch gut erhalten.

-- Die Sammlung von Gemälden neuerer französischer Meister. Ich danke

dem Himmel, daß ich nicht verpflichtet bin ein großer Kunstkenner

zu sein, oder ihn zu spielen und mit aufgebauschten, schwülstigen,

gestempelten Redensarten um mich zu werfen. Mir ist +diese+ ganze

Richtung der Kunst widerwärtig; ich halte sie für eine Ausartung die

man bekämpfen, und der man nicht (um einzelner Vorzüge und einzelner

Ausnahmen willen) schmeicheln und sie verhätscheln soll. Welche

Technik! ruft man mir entgegen. Diese sogenannte Technik findet sich

aber keineswegs überall; vielmehr sehe ich Nachlässigkeiten unmittelbar

neben der Sorgfalt, Verzeichnungen, häßliche Farben, unnatürliche

Verkürzungen u. s. w. Wenn der Zeus, oder die Athene des Phidias sich

herabließen in den Tuilerien spazieren zu gehen, und sich daneben ein

Seiltänzer auf dem Schleppseile sehen ließe, würden die privilegirten

Kunstkenner diesen auch vorziehen und ausrufen: welche Technik!!

-- Die Wahl fast aller Gegenstände zeigt eine krankhafte, unschöne

Leidenschaftlichkeit; eine Vorliebe für das Gewaltsame, Übertriebene,

Unschöne. Oder, wo große Künstler durch Ermäßigung verschönerten,

schlagen diese in einer Art von schlechter Branntweinbegeisterung den

umgekehrten Weg ein. So z. B. ein Prometheus in der unnatürlichsten,

widrigsten Stellung; Abel, ein lümmelhaftes Ungethüm, im Vergleiche mit

dem vielbekrittelten, rührenden Werke von Begasse. Der Hund auf dessen

Bilde ist mehr werth, als der ganze französische Skandal. -- Fast kein

Bild ohne Kranke und Leichen; ja, ohne Zweifel ist die Zahl der Leichen

größer, als die der Bilder, und zwar Leichen blau, grün und gelb, der

widrigsten Art. Sowie manche ekelhafte Schwelger stinkendes Fleisch

und stinkende Fische allen frischen, gesunden Speisen vorziehen,

scheinen diese französischen Künstler, Aas und Leichen den schönsten

lebendigen Gestalten vorzuziehen und sich daran zu ergötzen. -- Daß

sie sehr selten religiöse Gegenstände behandeln, mag gut sein, es

würde doch nur auf eine Profanation des Heiligen hinauslaufen: ein

Christus erinnert sehr an die Schröder-Devrient. Ich könnte noch viel

Einzelnes beibringen; dieser Stoßseufzer mag indeß genügen. -- Auf dem

Rückwege sahen wir noch die Kirche S. Sulpice und daneben einen neuen,

reichlich fließenden Springbrunnen. In vier Nischen sitzen über den

Wasserfällen: Flechier, Massillon, Fenelon, Bossuet; die letzten ruhig

nebeneinander, obwohl sie sich den Rücken zukehren. Das nebenstehende

College für Erziehung der Geistlichen, hat wohl Veranlassung zu dieser

Ausschmückung des Springbrunnens gegeben.

Die französischen Zeitungen beschäftigen sich viel mit deutschen

Angelegenheiten. In der Regel verstehen sie nichts davon, oder

nehmen gern alle Lügen auf, die in ihren Kram dienen. Schlimmer,

wenn ein Mann wie Ledru-Rollin darüber mit großer Anmaßung dummes

Zeug vorbringt. Das ~Journal des débats~ hat ihn heute über

mehre Punkte zurechtgewiesen und auch die Frage über das deutsche

Gesandtschaftswesen berührt und dessen Schwierigkeiten nachgewiesen.

Diese zu beseitigen ist lediglich Sache der Deutschen; nicht

unnatürlich wenn sie aber auch +hier+ hervortreten und mir meine

Bahn erschweren. Das ~Journal des débats~ thut mir indessen die

Ehre an zu sagen: ~la personne de Mr. de Raumer est faite pour sauver

bien des difficultés~. -- Erst störten mancherlei Thorheiten meine

Kreise; jetzt die Raschheit mit welcher man von Frankfurt aus alle

deutschen Gesandtschaften aufheben möchte. Ich wiederhole zwar: daß

mit Anerkenntniß eines Reichsgesandten, neben allen anderen Gesandten,

nichts über deren jetzige und künftige Stellung ausgemacht sei und

ausgemacht werden solle; man wird dennoch hier scheu und möchte keinen

Schritt thun, der von Einzelnen als verletzend könnte ausgelegt und

aufgenommen werden. -- Das frankfurter Schreiben an Preußen war in

der That sehr unzart abgefaßt und konnte nicht: ~sauver bien des

difficultés~.

Die jetzigen Machthaber werden, zufolge des obigen Wahlbeschlusses,

darauf dringen, daß der provisorische Zustand +baldigst+ beendet

und ein Präsident erwählt werde. Jene fühlen, sie seien schon im

Sinken begriffen und suchen die Entscheidung schwieriger Sachen ihren

Nachfolgern zuzuschieben. Auch meine Zwecke werden deshalb langsamer,

oder jetzt gar nicht erreicht; und ein Tag nach dem anderen vergeht,

ohne daß eine Macht der Welt im Stande ist, in dieser allgemeinen

Bewegung etwas Dauerndes festzustellen, oder festzuhalten. Bastide ist

seiner Stellung überdrüssig und sein Nachfolger wird für mich (sofern

ich dann noch hier bin) gewiß minder bequem sein.

Den 10. October.

Wenn in Nordamerika (wo die Menschen an strenge Befolgung der Gesetze

gewöhnt sind) die in zwei Abstufungen eintretende Wahl des Präsidenten

dennoch eine lange und große Aufregung hervorbringt; wie viel mehr

wird dies bei +einer+, ganz allgemeinen Wahl in Frankreich der

Fall sein, wo man so unruhig und so geneigt ist, sein persönliches

Meinen und Wünschen über die Gesetze hinaufzustellen. Hiezu kommt,

daß in Amerika gewöhnlich 2, höchstens 3 Bewerber auftreten und von

alten Ansprüchen oder Berechtigungen gar nicht die Rede ist. Lamartine

läugnet zwar, gegen die offene Wahrheit, deren Dasein, Bedeutung und

Einfluß; wenn jene Präsidenten aber auch sämmtlich zur Seite bleiben,

oder zur Seite geworfen werden, so bessern sich die Verhältnisse

dadurch keineswegs, sondern die Unbestimmtheit und Ungewißheit wird

noch größer. Oder wo ist der Mann auf den ganz Frankreich mit

Vertrauen und Ehrfurcht hinblickte, oder hinzublicken genügenden

Grund hätte, wie auf einen Washington, Jefferson oder Napoleon. --

Cavaignac hat zu wenig gethan um den Leuten auf die Dauer zu imponiren,

und was man ihm im Augenblicke der Angst vor der rothen Republik zu

Gute rechnete, wird bereits vergessen, oder als übertriebene Härte

dargestellt und umgedeutet. Lamoricière steht mit Cavaignac ungefähr

auf derselben Stufe; Ledru-Rollin ist ein neuer Abdruck des alten

Terrorismus; und Lamartine ein Rhetor, dessen Verwirrung und Schwäche,

Andere als Heuchelei bezeichnen. Und doch hat er vielleicht geglaubt

mit seiner letzten Rede die Präsidentenwürde zu erobern. Sie Jahre lang

zu behaupten, würde ihm so unmöglich werden, als auf die Vendomesäule

hinaufspringen und sich auf die Schultern Napoleon’s setzen. Daß

übrigens Lamartine keinen Blick für geschichtliche Wahrheit hat,

erweiset seine Geschichte der Gironde jedem unbefangenen Kenner.

Welch eine Thorheit für einen Staatsmann, das, hier ganz unpassende

Wort Cäsars zu wiederholen: ~jacta est alea!~ aus dem Regieren

vorsätzlich ein dummes Glückswürfelspiel machen, und es durch

einseitige, unbedachtsame Beschlüsse darin verwandeln.

Anlagen zur Demokratie, ächte Lebenselemente derselben, sehe ich

fast nirgends; überall nur demokratische +Gelüste+, beruhend auf

Eitelkeit, Anmaßung und Verachtung alles Gesetzlichen. Wer sich

nirgends unterordnen will, sondern Willkür des Einzelnen an die Spitze

stellt, der hat das ABC einer rechten Demokratie noch nicht begriffen.

Damit daß man Namen verändert, ist für die Sachen noch kein anderes

Dasein begründet: ~rue royale~ oder ~rue de la révolution~; ~théâtre

français~ oder ~de la république~! An allen Kirchen, öffentlichen

Gebäuden, Ministerwohnungen: ~liberté, égalité, fraternité~; ein gutes,

einträgliches Geschäft für Die, welche es anschrieben und dereinst,

für Bezahlung aus öffentlichen Kassen, vielleicht wieder auslöschen.

Die Republik, sagen Manche, ist nicht improvisirt, nicht aus dem

Stegreife hervorgegangen; Frankreich war dafür längst vorbereitet und

reif. Dennoch wußte selbst Lamartine, als er in den Februartagen seine

großen Reden begann, nicht was er am Schlusse sagen wollte, und nachdem

er der Herzogin von Orleans Kußhändchen zugeworfen und Katzenpfötchen

gezeigt, machte er linksum und lief einer Dulcinea nach, welche der

neue Donquixote Republik nannte. Bis jetzt zeigt und giebt sie keine

Erlösung vom Bösen, sondern ist die Scylla, in welche man gerathen ist,

um die Charybdis loszuwerden. Der National beweiset: Frankreich sei

die einzige Macht, welche hinreichende Quellen besitze, Jahre lang

bequem einen großen Krieg zu führen; ich wünsche ihm Kräfte, Mittel

und Weisheit, Jahre lang den Frieden zu erhalten, ohne welchen Europas

Bildung zu Grunde geht und Barbarei hereinbricht. Trotz unzähliger

Erfahrungen, will die eine Partei noch immer nicht glauben, daß die

+Form+ der Verfassung niemals gleichgültig ist; die andere nicht

begreifen, daß sie nie entscheidend und allmächtig ist, sondern die

+Personen+ mit gleich großem Gewichte in die Wagschale hineinsteigen.

+Dieselbe+ Form, aber ein Ludwig XVI. oder Napoleon, welch ein

unermeßlicher Unterschied!

Jetzt zur Abwechslung (oder auch nicht zur Abwechslung) wieder eine

kleine Portion Paturot. „Eifer und Anstrengung sah man nur in den

Parteien, welche mit den Leidenschaften auf der Straße verbündet waren.

Die Anderen zweifelten an ihrer eigenen Überlegenheit. Sie sahen

eine eingerichtete Gewalt vor sich, und waren geneigt sie zu hassen

während ihnen die Kraft entwich, sie zu zerstören. -- In Zeiten der

Revolutionen erhebt und zerbricht man gar rasch die Götzenbilder. Kein

Name, kein Ruf widersteht diesem Gesetze des Augenblicks, keine Größe

bleibt unbesiegt. -- Der gesunde Menschenverstand ist seltener als man

glaubt, und nichts kann ihn ersetzen. -- Vergleiche (~transactions~)

mit der Unordnung helfen nicht; sie schieben das Übel hinaus und

vermehren dasselbe. -- Tausend Beispiele zeigen, was ein ausdauernder

Wille vermag. Die offenbarsten Narrheiten, die sinnlosesten Träume

haben sich durch Ausdauer einen Weg gebahnt. Jahre lang wiederholten

die Sektirer dieselben Irrthümer und Sophismen, veränderten den

Ausdruck unendliche Male, und verkleideten sie unter lügenhaften

Formeln; und dies reichte hin um die bürgerliche Gesellschaft zu

verführen, zu verderben und die Völker in den Abgrund zu stürzen. --

Kunststücke, Auskunftsmittel (~expédients~) haben niemals ein Reich

gerettet.“

Den 11. October.

Gewiß hat es Hr. Bastide mit jener ersten Erklärung aufrichtig gemeint,

und ich kann sie in der That nicht mißverstanden haben. Doch darf

ich Vermuthungen über die etwaigen Gründe neuer Zögerungen nicht

unterdrücken. Nämlich: England scheint der +officiellen+ Anknüpfung

diplomatischer Verhältnisse mit der Reichsgewalt weit mehr entgegen zu

sein, als Frankreich. Lord N. wiederholte mir gestern alle die alten,

meines Erachtens hinreichend widerlegten Einwendungen. Ich nahm mir

hierauf (als Privatmann) die Erlaubniß, etwas schärfer aufzutreten und

ihm zu sagen: England weiß, wie abgeneigt viele Deutsche seiner Politik

sind, wie sie darin nur Eigennutz zu sehen glauben oder vorgeben. Und

nun erhebt England unerwartet die meisten Schwierigkeiten und scheint

durch sein Beispiel auch auf Frankreich störend einzuwirken. Ist das

aber eine großartige Politik, um diplomatischer Kleinigkeiten willen

die öffentliche Meinung Deutschlands zu verscherzen? Die Bemerkung:

„mit Frankreich könne man eher +officielle+ Verhältnisse anknüpfen,

denn wie es auch seine Verfassung ändere, bleibe doch immer Frankreich

übrig“ beweiset gar nichts; denn wie auch Deutschland seine Verfassung

ändert, bleibt auch Deutschland übrig. Daß aber die großen Bewegungen

in Deutschland auf lange Zeit mit einem leeren +Nichts+ endigen werden,

ist ein großer Irrthum. Wer kennt die Zukunft Frankreichs auch nur auf

Monate hinaus. Dringen die Franzosen in Italien oder gen Deutschland

vor, so bricht der Bund mit England und das englische Ministerium

zusammen, und man wird zu spät bereuen, Deutschland vernachlässigt und

verletzt zu haben.

L. Bonaparte hat in der Kammer kurz und patzig, oder doch so gesprochen

daß es den meisten Zuhörern nicht behagte. Deshalb wollen ihn Mehre

zu häufigeren Reden aufreizen, damit er +ver+braucht sei, ehe er

+ge+braucht sei. An derlei dünnen Fäden hängt die Zukunft Frankreichs;

oder es wird doch vermuthet und geglaubt, man könne sie daran aufhängen.

Gestern Abend war es beim General Cavaignac noch überfüllt; trotz der

Stürme oder der Ruhe, die ihm bevorstehen. Ich nahm Gelegenheit Hrn.

Bastide über die dummen Klatschartikel zu sprechen, welche man in

Frankfurt angeblich aus meinen Berichten über ihn zusammengedrechselt

hat. Er (einst selbst Journalist) weiß sehr wohl, in welcher Weise

Zeitungscorrespondenten hiebei oft verfahren, und mißt mir, Gottlob,

nicht die geringste Schuld bei. Ich wiederholte die Hauptsachen die

ich nach Frankfurt geschrieben habe, und er bestätigte, dies sei genau

seine Meinung und seine Äußerung.

Beim sardinischen Gesandten traf ich gestern Hrn. Baruffi, der sich

in Turin gegen mich äußerst freundlich gezeigt hatte. Wir sprachen

viel über Italien. Ich nahm mir die Erlaubniß ihm zu sagen: es kommt

weniger auf Landesgränzen und Wechsel der Dynastien, als auf eine gute

Verfassung und Verwaltung an; aber die Italiener (immerdar uneinig)

sind sich selbst die größten Feinde! -- Es ergab sich, daß alle meine

turiner Freunde und Bekannte, damals die Häupter der liberal Gesinnten

(Balbo, Sclopis, Petitti, Villa Marina und Andere) jetzt von Leuten

weit revolutionairerer Art überflügelt sind. ~Tout comme chez nous!~

Es hat den Anschein, als werde es mit meinen Geschäften, aus vielen

Gründen, sehr langsam, oder gar nicht, vorwärts gehen. Preußen wird

(mit +vollem Rechte+) bei den provisorischen Zuständen in Frankfurt,

sein Gesandtschaftsrecht als Großmacht nicht ausstreichen lassen;

während (wie ich höre) beide Hessen schon darauf verzichteten.

Salbadereien ~à la Lamartine~, Lobpreisungen des Convents ~à la

Ledru-Rollin~, Gebell aus der Ferne oder den Gefängnissen ~à la Louis

Blanc~ und ~Raspail~, sind gewiß widerwärtig und unsinnig; -- aber

die berliner politischen Ikeleye, die in ihrem Sandwasser Courbetten

schneiden und sich dabei selbstgefällig besehen, sind noch erbärmlicher

und katzenjämmerlicher. Gott bessere es! -- Alle Humanität läuft bei

diesen Leuten darauf hinaus: Verbrechen ungestraft zu lassen, ehrliche

Leute zum Vortheil des Gesindels zu Grunde zu richten, und Canaillerien

aller Art, unter die sinnlose Rubrik: +unschuldiger, politischer

Verbrechen+ unterzustecken.

Einundsiebzigster Brief.

Paris, den 12. October 1848.

Ich höre, daß Beauftragte aus den Landschaften die Kunde zurückbringen:

durch allgemeine Wahl (besonders des Landvolks) würde L. Bonaparte

zum Präsidenten der französischen Republik ernannt werden. Seine

Vertrauten versichern: er wolle nie eine +höhere+ Würde annehmen und

nie Krieg führen. Beides wäre (bei seiner Persönlichkeit) gewiß das

Klügste; aber Gelegenheit macht Diebe und Niemand weiß, wer ihn zu

anderen Beschlüssen verführen oder zwingen dürfte. Man erzählt: es

seien schon vorläufige Unterhandlungen mit Molé und Thiers angeknüpft

worden, ob sie an die Spitze seines Ministeriums treten wollten, aber

noch nichts zu Stande gekommen. Einige meinen: wenn die Wahl des

Präsidenten noch um einige Zeit hinausgeschoben würde, dürfte der bloße

Name Bonaparte abgenutzt und seine Unfähigkeit so an den Tag gelegt

sein, daß die Wähler ihre Ansichten ändern müßten; Andere zweifeln,

daß pariser Überzeugungen (bei der Mißstimmung gegen Hauptstadt und

Republik) so schnell die Ansichten in den Landschaften umgestalten

dürften. Eine dritte Partei vermuthet: die Stimmenmehrheit werde bei

den Urwahlen nicht entscheidend sein, sondern die Entscheidung unter

den Höchstgenannten, der Nationalversammlung anheimfallen. Wer weiß

denn aber, welches diese höchsten Bewerber sein und wie die Mitglieder

der Nationalversammlung entscheiden werden? Überall also Ungewißheit,

welche zu beseitigen Lamartine (mit Beiseitesetzung alles Verstandes

und aller Thätigkeit) mit gekreuzten Armen der Vorsehung zuweiset --

oder vielmehr der Dummheit und Leidenschaft.

Trotz der viertägigen Schlacht und Niederlage im Junius erheben die

rothen Republikaner ihr Haupt an vielen Orten, bringen Cavaignac und

der Regierung ein Pereat, und lassen Convent, Terrorismus, Assignate,

Guillotine, Ledru-Rollin, Raspail und Complicen leben. -- Nach Euch,

sagen die Legitimisten, kommen +wir+: -- Aussichten auf Umwälzungen

ins Unendliche, -- ohne Dauer, Sicherheit, Wahrheit, Glauben und

Selbstverläugnung! -- Daneben geht das tägliche Leben in Paris seinen

Gang, aber nur scheinbar ungestört. Rom ist nicht in einem Tage

erbaut, aber auch nicht zu Grunde gegangen. Andeutungen für künftige

Ruinen finden sich jedoch in Paris schon in hinreichender Zahl, --

und der neue Dom in Berlin wird vielleicht auch in diese sentimentale

oder bejammernswerthe Reihe hineingerathen. Kein Wunder, wie unter

solchen Geburtswehen und Todeskämpfen die gewöhnliche Diplomatie ganz

vernachlässigt wird und nichts von der Stelle rückt; obgleich Fragen,

wie die über Schleswig und Italien, wichtiger sind als babylonische

Reden über allerlei Verfassungskunststücke.

Man behauptet hier sehr laut, daß neue und enge Verbindungen zwischen

den französischen, polnischen und deutschen Anarchisten eingetreten

wären. Im Vertrauen auf die fortdauernde Schwäche und Muthlosigkeit

der preußischen Regierung sollte ein Hauptschlag (besonders gegen die

frankfurter Reichsversammlung) in Berlin versucht werden.

-- -- Friedrich’s II. Ausspruch ist in der letzten Hälfte vollkommen

wahr, welche vorlauten Tadel der göttlichen Vorsehung zurückweiset;

aber der Vers: ~dieu ne descend point jusqu’à l’individu~, ist ein

geringer Trost für den Leidenden und Preßhaften. Was hilft es diesem

zu sagen: Gott sorgt nur dafür, daß sich die Erde binnen 24 Stunden

um ihre Achse dreht, oder daß sie in Jahresfrist um die Sonne läuft;

-- wenn Gott sich um die Menschen nicht kümmert, die doch mehr sind,

als der größte Erdenkloß. Allerdings begreife ich nicht (wie überhaupt

Keiner) wie die menschliche Freiheit, Selbstbestimmung, Tugend,

Sünde, Zurechnung sich mit der besondersten göttlichen Vorsehung und

Allmacht verträgt; es ist aber auch gar nicht meine Aufgabe dies

Räthsel zu lösen, dies Geheimniß zu entziffern. Mit vollkommener,

genügender Gewißheit weiß ich, daß Gott mich mit Vernunft begabt

hat, daß ich sie gebrauchen, Tugend üben, Laster meiden soll; --

unbekümmert um theologische oder philosophische Sophismen. Der höchste

Gedanke, der mir angeboren ist, oder den ich mir erwerbe, ist der

eines allmächtigen, allgütigen Gottes; und wenn ich diesen Gedanken

als eine Täuschung vernichten sollte, würde ich mich selbst oder das

rechte Lebensprincip vernichten. Auch mag ich Gott (den Weltschöpfer,

Welterhalter und Weltbeweger) nicht in eine unerreichbare Ferne

hinausschieben; ich bedarf seiner zu täglichem Umgange und Verkehr; und

auf diesem Wege kommt man zur Lehre von einem Mittler und von Heiligen.

Auch die Vielgötterei der Griechen beruht auf dem Bedürfnisse einer

harmonischen Annäherung des Göttlichen und Menschlichen, wo ~Dieu~ und

~l’individu~ in stetem, wechselseitigem Verkehre stehen. Allerdings

wächst auf diesem Boden auch dummer Aberglaube; ich mag mich aber da

nicht ansiedeln wo gar nichts wächst, und halte um so fester an dem

Glauben an eine höhere, göttliche Leitung, als mir die der Menschen

dümmer und sündhafter erscheint.

Die Verbreitung der lehrreichen Schrift Dieterici’s wird gewiß sehr

heilsam wirken, und doch Manchen auf den rechten Weg zurückbringen.

Auch hier herrscht Unwissenheit über diese Dinge, und Louis Blanc läßt

sich (durch die bittersten Erfahrungen) nicht von seiner hochmüthigen

Narrheit abbringen. Thiers hat eine lehrreiche Rede gegen Assignaten

und Papiergeld gehalten, und der Vorschlag sich diese Pest nochmals

einzuimpfen, ist Gottlob für jetzt durchgefallen.

Druck von +F. A. Brockhaus+ in Leipzig.

Druckfehler.

Seite 125 Zeile 11 v. oben lies: in unseren

„ 215 „ 1 v. oben lies: Lorle

„ 223 „ 11 v. unten lies: Steifensand

Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (1/2) · 第 15 / 15 题