Mit immer wilderm Ungestüm
Umschlingt er sie, und sie, so seelig und beklommen,
Ach! sie verweigert ihm,
Was er vorher mit leichter Müh genommen.
Und beiden, übermannt von süsser Lust
Wallt enger, immer enger nun die Brust,
Mit zärtlich schwimmenden Blikken sehen
Sie sich einander an, und weigern stumm und flehen.
Verloren in entzükkenden Gefühlen,
An _Arabellens_ Brust, ruht _Lyonnel_ geschmiegt;
Er wagt es kühner schon in seltnern Reizen zu wühlen,
Und unbekannt in _Amors_ schlauen Spielen
Fühlt sie sich zwar zu früh, doch gern besiegt.
Sie giebt den Kuss zurük -- er zupft indes den losen
Durchsichtigen Schleier hinweg, der ihren Busen umfliegt;
Küßt bald den lanen Schnee, und bald der jungen Rosen
Geheimes Paar, das sich auf Marmorhügeln wiegt.
Sie kämpft, doch ach! ihr Kampf führt schneller nur zum Ziele,
Das ihm die Liebe vorgestekt.
Ermattet schwankt sie. Er erwekt
Die Reizende zum wollustvollerm Spiele!
Und, o! der keusche Gürtel schlingt
Sich selber auf -- die arme Tugend ringt
Zum leztenmahle und erlieget,
Von ihrem schönen Feind besieget.
Allmählich schwimmt der Kahn des Mondes seinem Porte
Gen Abend näher zu, und immer blässer strahlt
Er auf die Erdenwelt: _Aurorens_ Morgenpforte
Eröffnet sparsam sich und hin und wieder mahlt
Ein Wölkchen sich in ihrem Rosenschimmer
Als unser liebend Paar, noch immer
Im süssen Rausche dicht verschränkt,
Nicht an den herbern Scheidekus gedenkt.
Doch _Arabell_' ermannte sich des halben Schlummers
Zuerst mit lieblicher Verworrenheit
Und suchte ihren Puz, der überall zerstreut
Am Boden lag, voll jungfräulichen Kummers;
Wand hocherröthend dann um ihren schlanken Bau
Das Gürtelband; Herr _Lyonnel_ indessen
Verhüllt' den Busen ihr, doch wußt' er schlau
Noch hie und da ein Küschen hinzupressen
Sie standen endlich da, und sahn
Sich beide bald mit schwimmenden Blikken an
Bald auf das Bett, bald auf den Boden wieder,
»Ach, Lyonnel, was haben wir gethan!«
Seufzt tief das holde Kind und schlägt die Augen nieder,
Und spielt gedankenvoll an ihrem losen Mieder:
»Daß wir just heute uns und hier uns sahn --
O _Lyonnel_, was haben wir gethan!«
[Fußnote A: Danken Sie meine junge Leser und Leserinnen einem würdigen,
Ihnen unbekannten, Mann in der Stille, der mir hier die Hand vor den Mund
legte, als ich die üppigste wollüstigste Szene zu erzählen anhub, und der
Ihnen statt dessen ein Paar Stanzen aus einem noch ungedrukten
episch-romantischen Gedichte zu lesen giebt, welche füglich Lükkenbüsser
sein können. _Der Verf._]
Eine in _der_ Lage sehr _gewöhnliche_ Frage der Damen; hätte lieber manche
manchen gefragt: »o Lyonnel, was _wollen_ wir thun?« es wäre vielleicht
besser gewesen; doch das ist zu _ungewöhnlich_!
Was unser liebendes Paar betrifft, so dient zur Nachricht; daß sie sich
bald zu trösten wußten, und Freund _Florentin_ wohlgemuth zum
Nebenpförtchen hinaus, nach Hause schlüpfte, ohne von einem Auge bemerkt zu
werden.
Dritter Abschnitt.
Erstes Kapitel.
Hofnungen von Italien her.
_Duur_ war noch in mehreren Nächten bei _Louisen_ glüklich, ohne daß der
Hof etwas davon erfuhr; und um sich dieser Liebe ganz würdig, seinem Herzog
sich immer werther, beim Volke sich immer beliebter zu machen, unternahm er
izt eine für das ganze Land interessante Arbeit; nemlich Druk- und
Denkfreiheit einzuführen.
So lange der Minister _von Hello_ am Staatsruder gesessen hatte, durfte
kein Buchhändler es wagen aufklärende Schriften über Religion und Staat zu
verlegen, kein Prediger auf seinem heiligen Lehrstuhl nur auf _gute Werke_
und _rechtschafnen Lebenswandel_ dringen, ohne den alten, theologischen
Wort- und Sach-Schlendrian beizubehalten, keine öffentliche Schulanstalt
eine Reformazion in Rüksicht des Unterrichts, der Bildung jugendlicher
Herzen, und äussern Sitten vornehmen. Ja, mancher ehrliche Mann, der hier
zum Besten seiner Untergebnen, dies und das geändert hatte oder geändert
wissen wollte, verlor durch _Hello's_ Orthodoxie Amt und Brod und Ehre.
Der _Graf_ unterfing sich vieles, besonders da er den
_Geheimerathspräsidenten_ schlechterdings wider sich hatte; allein da er
das Herz des _Fürsten_ in seiner Hand trug, hofte er mit leichter Mühe
durchzudringen, und er freute sich schon im Stillen dieser guten That.
Allein ehe wir ihn zu diesem Werke begleiten, wollen wir vorher Theilnehmer
an einer großen Freude in dem ländlichen Wohnsiz des _alten Grafen von
Duur_ sein.
Dieser sowohl als sein _Rikchen_ versüßten sich die Tage ihrer Einsamkeit
wechselsweis, so sehr sie es vermogten. -- _Holder_ wurde noch eben so warm
und so innig geliebt, als ehmals, aber sein Verlust doch minder betrauert.
In der Dämmerungsstunde des Abends, wenn beide entweder in ihrem Zimmer
saßen, und von den kleinen Tagsgeschäften ausruhten, oder den
Sonnenuntergang von einem Hügel beschauten, oder wenn sie am Kaffetische
beisammen waren, erzählten sie sich einander von dem geliebten Sonderling;
jeder kleine Umstand von ihm war ihnen merkwürdiger, als der Untergang
eines großen Staates; jedes Wort, was er einmal gesprochen hatte, wurde von
ihnen mit freundschaftlichen Anmerkungen wiederholt; jede Handlung von ihm
war der Stof eines stundenlangen Gesprächs.
Wie die Reliquien eines Heiligen verwahrte _Rikchen_ alles, was von
_Holdern_ herrührte, alles, dessen er sich sonst vorzüglich bedient hatte.
-- Sie erinnerte sich, daß er seinen Kaffe gern ungezukkert trank; flugs
ahmte sie ihm nach, so schwer es ihr anfangs auch wurde, und zulezt glaubte
sie selber festiglich, daß das ungesüßte Levantegetränk süßer schmekte.
Auch _Florentins_ Glük am Hofe machte sie froh, und der _alte, gute Onkel_
bildete sich vorzüglich viel auf seinen weit über ihn erhabnen Neffen ein.
Der ganze benachbarte Landadel suchte izt die Freundschaft des gutmüthigen
Alten, keine Lustparthie wurde angestellt, von welcher nicht er und seine
schöne Nichte Theilnehmer waren. Allenthalben räumte man ihm die erste
Stelle ein; sprach er, so schwiegen die übrigen und hörten ihm zu.
»Onkel! Onkel! ein Brief!« rief _Friedrike_ eines Tage überaus freudig,
indem sie in den Garten hereinhüpfte, wo der _alte Herr_ sein Pfeifchen
unter einer Jasminlaube dampfte.
Der _Greis_ lächelte sanft und fragte: »worüber freust Du Dich, närrsches
Mädchen?«
»Ich weis es nicht; mir ist so wohl!« antwortete sie und flog den Garten
wieder hinaus dem Postboten zu bezahlen und etwas gütlich zu thun.
Der _alte Graf_ erbrach das Siegel -- las und bekam an Händen und Füssen
ein ungewohntes Zittern; er stand auf, warf die Pfeife hin, taumelte den
Gang zwischen den Hekken entlang zur Gartenthür, winkte einem Bedienten,
lies ihn das _Fräulein_ rufen, und schwankte ausser sich der Jasminlaube
wieder zu.
Ehe er sie erreicht hatte, stand _Rikchen_ schon neben ihm, und fragte.
»Erst in die Laube!« sagte er matt: »erst in die Laube, dann sollst du
etwas hören!«
Sie traten endlich herein. Der _Greis_ sank dem lieben _Mädchen_ um den
Hals, und küßte sie und lallte zu wiederholten malen mit Entzükken den
Namen _Holder_!
_Holder! Holder! Holder!_ rief _Rikchen_ und küßte den _Onkel_, und sprang
umher und jauchzte.
»_Holder_! ein Brief von _Holder_!« mehr konnten beide nicht im ersten
Ausbruch der Freude sprechen; sie fielen sich wieder um den Hals, küßten
sich, und riefen den Namen _Holder_, mit bethränten Augen unzählige mal
aus.
Nachdem der Rausch zum Theil verflogen war, sezten sie sich an ein Tischgen
und der _Onkel_ begann den Brief vorzulesen.
Bester, theuerster Herr _Graf_, Ewig geliebte _Friedrike_!
Ich schreibe Ihnen aus der Mitte von Italien, aus dem kleinen
republikanischen Gebiete _S. Marino_, um eine Pflicht zu erfüllen, die mir
so heilig ist, und die eher zu vollbringen, bis izt noch unmöglich war.
Zürnen Sie nicht über mich, und über meine dem Schein nach absurde
Aufführung; zürnen Sie nicht über meine plözliche Entfernung, welche, wie
ich leicht errathen, und nachher erfahren habe, Sie in die unangenehmste
Verlegenheit sezzen müssen. Halten Sie mich für keinen
Sonderlingssüchtigen, für keinen Leichtsinnigen, für keinen Bösewicht! Ich
bin das alles nicht, wenigstens gegen Sie nie gewesen. Ein _Bösewicht_
handelt nie ohne Intresse, er wiegt seine Schurkereien gegen den dadurch zu
hoffenden Gewinn ab, läßt nie das Gewisse fürs Ungewisse entschlüpfen. Und
sagen Sie mir, welche Vortheile hätt' ich wohl hier in Italien mit denen
bei Ihnen zu vertauschen gehabt? O der Liebende vertauscht die Geliebte
nicht gern, der Habsüchtige verliert sein Rittergut ungern! Eben so wenig
verlies ich Sie, meine Lieben, aus _Leichtsinn_.
Der Flatterhafte handelte immer nach Willkühr, ich nach den Gesezzen des
_Zwanges_. Hätten Sie mich doch früher ziehen lassen, vielleicht wär' es
uns allen besser gewesen! --
Ich sage, verurtheilen Sie mich nicht zu früh; es wird gewis eine Stunde
schlagen, wo ich Ihnen einen befriedigendern Aufschlus über das
Räthselhafte meines Betragens geben darf, wo Sie gern die zu früh
gesprochne Verdammung zurüknehmen werden! -- Für izt kann ich Ihnen zu
meiner Entschuldigung nichts mehr sagen, als daß ich in gewissen
Verbindungen stehe, welche in gewissen Stükken meinen freien Willen
beschränken. Mir obgelegene Pflichten sind mehrentheils erfüllt, und ich
sehe mit unaussprechlicher Sehnsucht dem Augenblik entgegen, welcher mir
die Freiheit wieder schenkt, die vaterländischen Gegenden zu sehn, und mich
Ihnen, vielleicht auf immer, in die Arme zu werfen.
Den Nachrichten zufolge, welche ich aus _Deutschland_ empfangen habe,
befinden Sie sich alle wohl, und Bruder _Florentin_ klettert muthig am Hofe
die steile Bahn des Glüks hinan. Unterlassen Sie nicht den jungen, feurigen
Mann auf seiner schlüpfrigen Bahn unterweilen an Vorsichtigkeit zu mahnen,
und besonders ihn für die Liebe erhabenerer Personen des andern Geschlechts
zu warnen. Ich weis es gewis, daß ihn die Prinzessin _Louise_ liebt, und
daß er für ihre Schönheit eine gleiche Leidenschaft fühlt. Noch einmal:
_warnen Sie Florentinen, wenn Sie ihn behalten wollen!_
Was mich selbst betrift: so lebe ich ein geschäftvolles, unruhiges,
ängstliches Leben. Aber wohl mir, daß ich so glüklich bin, es zu können; es
gilt das Wohl meiner Mitmenschen für welche ich arbeite; um des Glükkes
einiger Tausenden willen, kann ich ja wohl ein Weilchen des Lebens Freuden
entbehren! --
Und hab' ich mich denn oft den Tag hindurch müde gearbeitet; so verlaß ich
mein Zimmer, und trete aus meiner Wohnung hinaus in das freie Feld. Das
Häuschen welches ich jezt, und zwar erst seit vier Wochen bewohne, denn
vorher hielt ich mich einige Zeit in _Neapel_ und in _Rom_ auf, hat eine
romantische Lage. Es ruht an dem Fuße eines Hügels, von einem anmuthigen
Gebüsche verdekt. Zur Rechten sehe ich in der Ferne _S. Marino_. Wie
gesagt, die Gegend ist schön, nur _für mich_ nicht. Ich finde sie
einförmig, traurig, die _deutschen Winterlandschaften_ haben in meinem Auge
ungleich mehreren Reiz, als die unter einem ewigen Frühling blühenden
Felder von Italien.
Außer einigen abwechselnd zu mir kommenden Bekannten und zwei Kerln, welche
mich bedienen, habe ich niemanden, in dessen Gesellschaft sich meine Seele
aufheitern könnte. Ein niedliches braunes Mädchen aus _S. Marino_ kam
einstmals auf einem Spaziergange mit ihrem Vater in meine Hütte. Ihre
unschuldige Unterhaltung ist das einzige Vergnügen gewesen, welches ich
seit langer Zeit genossen. Nachmals besuchte mich die Marinerin noch
einigemale und auch sie blieb dann aus. -- Doch der Gedanke, Sie, meine
Lieben, bald vielleicht zu umarmen, mag mir Erquikkung genug sein.
Vergessen Sie mich nie, Ihren Sie ewig liebenden
_Ludwig Holder_.
Geschrieben im Landhause bei _Santo Marino_.
»Nie! -- nie vergessen!« riefen der _Onkel_ und _Rikchen_ zu gleicher Zeit,
nach durchlesnem Briefe aus, und wischten ihre Thränen vom Auge.
»'s ist doch ein braver, seelenguter Mann!« sagte der tiefgerührte, _alte
Graf_.
»Ja, aber die niedliche, braune_ Marinerin_!« hub das halb eifersüchtige,
liebende Mädchen mit einer bedeutenden Miene an.
»I, Du kleine Närrin, meinst Du denn, daß in _Santo Marino_ nicht auch
hübsche Mädchen leben können?«
Zweites Kapitel.
Das Wort an einen Fürsten.
_Florentin_ erhielt einige Tage darnach die Abschrift und einen Commentar
dieses Briefes vom _Oheim_; aber seine Freude erreichte beiweiten nicht den
Grad der Lebhaftigkeit, wie bei jenen guten Seelen. -- An eben dem Tage,
als er den Brief erhielt, war auch schon ein anderer im Namen _Ludwig
Holders_ eingelaufen, in welchem wiedrum von _unbekannter Hand_ vor
_Louisens_ Liebe und _Morizens_ Has gewarnt wurde. Das Schreiben schlos
sich mit den Worten: »fürchtet nichts von uns, wir sind Freunde. Das von
Euch in der wohlbekannten Nacht _wiedereroberte Strumpfband_ der Prinzeßin
_Louise_ ist in sichern Händen aufbewahrt.«
Der _Graf_ erschrak, ging zu seinem Schreibschrank, zog ein geheimes
Kästchen hervor, schlos es auf und sah das Heiligthum verschwunden.
»Was ist das?« sprach er in sich selber, indem er mit seinen Augen nach dem
leeren Orte des Kästchens hinstarrte: »treibt man mit mir sein Spiel?
herrscht hier _Zauberei_ oder _Spizbüberei_? Wer hat mir und _wie_ hat man
mir dieses Band entwenden können? Alle Schlösser sind heil und an dem Holze
ist keine Schramme zu erblikken. Wenn Geheimnisse selbst nicht mehr
Geheimnisse bleiben können, mein Eigenthum mir nicht mehr sicher ist, so
verwünsch ich das fröhlichste Leben. Und wer der diebische Unbekannte sein
mag, oder die Unbekannten? -- Es ist fatal! meine eignen Bedienten müssen
mir treulos gemacht worden sein!«
So monologisirte der Herr _Graf_ noch eine Weile hin; wurde immer
unwilliger, und schlos damit, seine Bedienten fortan zu verabschieden. Es
geschah; er nahm andre in Sold, unter denen sich besonders einer merkwürdig
machte. Dieser hies _Badner_, ein alter Held von vierzig Jahren, von der
ehrlichsten, biedersten Physiognomie wie auch mit den empfehlendsten
Zeugnissen versehen, -- der aber _stumm_ war. Diesen Mangel suchte er durch
sein gutes und schnelles Schreiben zu ersezzen. Er führte sich gleich im
Anfange so gut auf, daß _Florentin_ ihn mehr zu schäzzen anfing.
»Sind die _Unbekannten_« dachte _Duur_: »das wofür sie sich ausgeben; sind
sie brave Männer, so werden sie mit dem unglüklichen Strumpfbande keinen
bösen Gebrauch machen. Sie mögen es immerhin behalten, wieder erzwingen
kann ich es nicht.«
So sehr, als möglich, über diesen kritischen Punkt sich beruhigend, begann
er nun seinem vorliegenden Ziele, in Rüksicht der Druk- und Denkfreiheit
immer näher zu treten. Er hatte den _Herzog_ schon seit eingen Tagen
vorbereitet; noch schwankte derselbe ungewis hin und her, _Florentin_,
unermüdet, ging auf Befehl des Herzogs, endlich wieder zu ihm.
»Nun,« hub der _Graf_ nach einigen allgemeinen Gesprächen an: »wessen haben
sich Ew. Durchlaucht der bewußten Sache wegen entschlossen?«
Herzog. Offenherzig gesagt, noch bin ich eben so sehr dafür, als dawider;
ein Beweis, daß dergleichen Reformazion für mein Land eben nicht von
überwiegenden Vortheilen sein mus, und daß meine Unterthanen, auch bei
ihrer izzigen Verfassung, zufrieden sein können.
Graf. Verzeihen Sie, wenn meine Gründe für Druk- und Denkfreiheit bei ihnen
noch nicht die _Gegengründe_ überwogen haben, so liegt nicht die Schuld in
der Schwächlichkeit der erstern, sondern wohl mehr an mir, daß ich sie
nicht genau und einleuchtend genug darstelle.
Ich rede mit einem denkenden Fürsten, welcher nicht glaubt, ein ganzes Volk
sei für ihn, sondern er für das Volk geschaffen, welcher nicht glaubt, es
sei _Gnade_ von ihm, wenn er die Unterthanen glüklicher macht, sondern
_Pflicht_; -- eben deswegen werde ich so frei reden, als es die Liebe für
das Vaterlandswohl fordert, und die Ehrfurcht es erlaubt.
Eine Nazion ist noch nicht glüklich zu nennen, so lange sie, bei der
ansehnlichsten Wohlhabenheit ihrer Mitbürger, dumm, abergläubig, bigott
ist. Dann ist ja nur erst ihre _thierische Natur_ befriedigt, aber nicht
die erhabnere, _menschliche_, und sie unterscheidet sich, wenn sie auch im
Mittelpunkt Europens wohnt, durch nichts von den einfältigen
Indianerhorden, als durch die größere Menge ihrer Bedürfnisse und
Befriedigungsmittel derselben.
Herzog. Darin steh ich Ihnen bei, lieber _Graf_. Ein Fürst, welcher solch
ein wohlgemästetes, einfältiges Volk beherrscht, verliert nicht viel, wenn
man ihn mit irgend einem _Nabob_ vergleicht.
Graf. _Geistige_ und _sinnliche_ Vollkommenheit macht hienieden unsre
Glükseligkeit aus; beide müssen stets mit einander verknüpft sein, beide
sind von stetem gegenseitigen Einfluß; doch ist der Einfluß geistiger
Vollkommenheit ungleich größer auf das Wohl einzelner und vieler. Ein Sklav
kann nie äusserlich glüklich werden; ein Volk ohne Geistesfreiheit eben so
wenig. Der Monarch, welcher sein Volk um jede Freiheit bringt, es als ein
Sklavengesindel behandelt, herrscht ungerecht, ist ein offenbarer, vom
Volke nie zu duldender, Despot. Aber der Monarch, welcher den Geist des
Volks fesselt, sich zum Beherrscher den Gewissens aufwirft, den Unterthan
zum dummen Vieh erniedrigt, welcher Name gebührt dem? --
Ein freies, am Geist und äussern Wesen freies Volk wird sich nie wider
seinen Fürsten auflehnen, welcher durch die ihm vom Volke ertheilte
Autorität und durch Gesetze die ächte Nazionalfreiheit beschüzt; nur
Sklaven empören sich.
Welches sind denn die herrlichen Früchte des Glaubenszwanges, des Verbots
aller Neuerungen im Schul-, Prediger- und Schriftstellerwesens? Daß das
Volk um ein Jahrhundert in der Cultur des Geistes und seiner reinen
Vollkommenheit zurükbleibt? ein elender Nuzzen! -- oder daß die Leute nach
dem Tode von der Gottheit nicht verdammt werden mögten, weil sie hin und
wieder die Religion ihrer Väter verbessert haben? -- O, theuerster Herzog,
wird das erhabenste, _allgütigste Wesen_ den, mit so einem kleinlichen Gran
der Vernunft begabten, Menschen strafen können, wenn er Menschensazzungen
nach bessern Ueberzeugungen änderte? -- Ist denn auch die Religion unsrer
Väter _unverbesserlich_? ist es die reine unverfälschte Religion, wie sie
_Christus lehrte_ und wie er sie _selber übte_? Auch der orthodoxeste
Theologe wird nicht glauben können, daß Christus _göttliche Verehrung_
verlangt, Ewigkeit der Höllenstrafen gepredigt, oder andre Dinge geglaubt
habe, davon wir in den Urquellen des Christianism keine Spuren finden,
wovon wir im Gegentheil sicher wissen, daß es das Gemächte spätrer, an
Glauben und Schwärmerei starker, an Einsicht und Scharfsinn aber schwacher
Jahrhunderte sei. Christus eigne Religion und Symbolum war: »Liebet Gott
über alles, und eure Mitmenschen, als euch selbst!« Wer dieses Sazzes ganze
Würde fühlt und durch praktische Anwendung desselben im gemeinen Leben
beherzigt, der ist ein Christ, auch wenn er alle übrige Anhängsel spätrer
Zeiten verwirft. --
Ich sage nicht, daß man darauf dringen solle, durch Edikte und
obrigkeitlichen Zwang dergleichen hellere Begriffe einzuführen, dies wäre
eben so ungerecht, als jezt, da das Gegentheil geschieht; sondern daß man
einem jeden zu denken und zu glauben gewähren mögte, was er seiner
Ueberzeugung nach, für denk- und glaubwürdig hält.
Ein aufgeklärter Mann wird sich selten zu groben Lastern herabwürdigen,
öfters aber der unwissende, welcher durch ein andächtiges Abendgebet die
Sünden des ganzen Tags gut machen zu können sich einbildet. Woher kömmt es
denn, bester Fürst, daß sich ihre Landesuniversität noch so sehr vor vielen
andern deutschen hohen Schulen durch Rohheit, Brutalität und Ignoranz der
dasigen Studirenden auszeichnet? Daher, weil Denken und Geistesfreiheit in
Ihrem Staate eine unbekannte Sache ist, weil Unwissenheit und Trägheit des
Verstandes das Gefühl für wahre Grösse und Ehre verstimmt und die Mutter
der Barbarei ist.
Doch vergeben Sie mirs, meine andächtigen Leser und Leserinnen, daß ich
unsern _Grafen_ hier seine Apologie für die Freiheit in Geistessachen so
trokken hinschwazzen lasse, ohne zu bedenken, daß sie vielleicht da gähnen
mögten, wo _Florentin_ am nachdrüklichsten gesprochen zu haben meinte.
Ueberdies kann ich auch unmöglich glauben, daß dies Buch von irgend einem
gelesen werde, welcher die Sklavenkette seines Geistes liebte, welcher
nicht von den zahllosen Vortheilen einer allgemeinen Aufklärung überzeugt
wäre. Ich plauderte also unnüz; denn durch dieses Fragment einer Schuzrede
für die Freiheit des Geistes werde ich unstreitig niemanden bekehren,
wiewohl es mit _Florentinen_ ein andres Bewandniß hatte; denn Fürsten mögen
dergleichen Sachen gern etwas bequemlich überdenken.
Inzwischen gelob' ich feierlich, mich nie über einem solchen Fehler wiedrum
von den Lesern ertappen zu lassen, aber dafür sind diese auch so discret,
mir noch eine kleine Plauderei für gut zu halten, sie mögen sie nun
anhören, oder sich die Ohren verstopfen.
Das größte und eigenthümlichste Verdienst unsers Jahrhunderts ist, in
Rüksicht der _Religion_ und _Wissenschaften_, der allgemeine _Geist des
Selbstforschens_, ein Verdienst, welches in den leztern manches System
umwarf, und bei der erstern wichtiger ist, als die Stiftung einer neuen
Religion. Dieser Geist des Selbstforschens ist der Vater der _Aufklärung_,
deren Vortheile für die Menschheit so offenbar sind, daß es beinah
unbegreiflich ist, wie man darauf fallen konnte, sie zu hassen.
Theils ein unbekanntes, doch gewis sehr nichtiges Intresse der Grossen,
theils eine unmässige Vorliebe für die Klugheit der Alten wurden die
Ursachen, daß das Selbstforschen, vorzüglich in der Theologie zum
Verbrechen ward. Allein daß Aufklärung auch mit dem Interesse den Staates
bestehen könne, bewies _Friedrichs des Einzigen_ musterhafte Regierung und
daß der gröste Theil unsrer heutigen Denker und Halbdenker von dem
Vorurtheile zurükgegangen sei, welches das Alterthum über seinen Werth
erhebt, bezeugen zahllose Schriften. Was hindert demnach die Fortschritte
der Geistes in der Erkenntnis des Wahren und Nüzlichen?
Fast läßt es sich mit Gewisheit behaupten, daß unsre Nachkommen nicht da
stehn bleiben werden, wohin _wir_ sie führten, daß sie, unserm Vorspiele
getreu, ebenfalls weiter gehn, und der menschlichen Geistesvollkommenheit
so lange nachtrachten werden, bis sie zu dem Ziele gelangt sind, welches
die ewige Vorsehung, ihrem weisen Plane gemäs, der Menschheit vorgestekt
hat, wo man sodann entweder stille stehn, oder, um dem Reiz der Veränderung
zu folgen, zu den Irrthümern und Schwächen zurükkehren wird, welchen man
sich vorher mit vieler Mühe entriß. Wie gesagt, die Weisen des neunzehnten
und zwanzigsten Jahrhunderts werden sich unmöglich mit _dem_ genügen
lassen, was wir ihnen gewonnen haben; denn die Glükseeligkeit des Geistes
gründet sich eben auf Erweiterung seiner Erkenntnisse, als sinnliches
Vergnügen im stufenweisen Fortschreiten in den äusserlichen
Vollkommenheiten beruht.
Träges Verharren bei dem, was erworben ist, streitet wider die Natur des
Menschen und vermindert seine Freuden.
Wenn denn auch ein Fürst, oder sein Rath, verwöhnt durch mystische,
altgläubige, unvollkommene theologische Kenntnisse, welche man ihm schon in
frühen Kinderjahren einflößte, und die er, wegen Menge andrer Geschäfte,
nie Zeit und Gelegenheit hatte zu verdauen, im gutgemeinten Eifer die
fürchterlich geschilderte Freigeisterei durch öffentliche Verordnungen zu
unterdrükken sucht: wird er dadurch viel für sich erlangen? -- Bei der
_Nachwelt_ gewiß nichts, denn diese verwirft die Autorität der Vorwelt, und
bei den Zeitgenossen eben so wenig, ausgenommen, daß die Schriftsteller
_ihren_ und den Namen des _Drukorts_ auf dem Titel der Aufklärung
befördernden Werke weglassen. Ja dergleichen Befehle der Großen wider
Aufklärung und Selbstforschen erreichen gewöhnlich nicht nur nicht ihren
Zwek, sondern sind vielmehr dem Gegentheil behülflich.
Wenn ich nicht zuviel wage, so möcht' ich das iztentstehende _moderne
Christenthum_ in Rüksicht des erwähnten Verhältnisses, mit dem Entstehen
des _ersten Christenthums_ überhaupt vergleichen.
Freilich stehen den neuem Reformatoren der Staatsreligion keine
Verfolgungen von neuern _Deciussen_ und _Galeriussen_ bevor; aber
demungeachtet wird jeder Zwang eben dasselbe _hier_ bewirken, als Foltern
und Verbannungen bei den ersten Bekennern _ehmals_, das ist:
Standhaftigkeit bis zur Schwärmerei. Ein Querdamm wider den Strom fesselt
denselben nur auf eine Zeitlang, aber benimmt seinem Wachsthume nichts;
Und, wenn sich dann plözlich einmal ein _Constantin_ zum öffentlichen
Beschüzzer der izzigen Reformazion aufwürfe: so würde dieselbe vielleicht
eben so schnell, aus allen Zünften des Volks, von der obern bis zu der
niedern, Tausende der Bekenner aufstellen können.
Doch dies sind Muthmassungen, die, ob sie gleich die höchste
Wahrscheinlichkeit vor sich haben, immer doch nur leere Erwartungen sind,
und über deren Erfüllung oder Nichterfüllung die Zukunft richtet.
Der Streit für und wider _Aufklärung_,[A] für und wider die Rechte des
Fürsten in Glaubenssachen und besondere in Hinsicht der veralteten
symbolischen Schriften, scheint anizt lebhafter zu werden.
Nähern Anlaß gab hiezu die bekannte Schrift des Herrn _Rönnberg_ über
symbolische Bücher im Bezug aufs Staatsrecht, eine Schrift, welche
beiweiten nicht das zu bewirken im Stande, ist, weswillen sie der _Herr
Professor_ vielleicht drukken, und ein Rescript vom Hofe sie den
Geistlichen im Preußischen Lande kommunizieren ließ. --
Würdige, einsichtsvolle Männer schwiegen bisher über den berührten Punkt
nicht, besonders lesenswerth war Herrn Prof. _Trapps_ Untersuchung der
Gewalt protestantischer Fürsten in Glaubenssachen, und das früher
erschienene Werk über das Recht protestantischer Fürsten unabänderliche
Lehrvorschriften festzusezzen, und darüber zu halten, vom Hr. _Hufeland_.
Allein das _Rönnbergische_ Buch erregte ziemlich allgemeinen Unwillen wider
seinen Verfasser, und ich weiß nicht, ob der _alte Preußische
Landprediger_, welcher sich, in seinem Sendschreiben an den Hr. Hofrath
_Rönnberg_, in einen feurigen _jungen Mann_ verwandelt, ganz Unrecht hat,
wenn er dessen Schwächen, deren Anzahl nicht gering ist, mehr mit Wiz
angreift, als sie einer ernsthaften Prüfung werth zu halten.
[Fußnote A: Unter den vielen Definizionen von Aufklärung gefällt mir diese
am besten, daß sie die Fähigkeit des Verstandes ist, das Wahre,
Wahrscheinliche, Falsche, Nothwendige und Unnüzze der Begriffe zu
unterscheiden.]
Dies beiseite gesezt, wünscht jeder Biedre und Unpartheiische bei solchen
Zwisten unter den Gelehrten mehr Bescheidenheit, als Grobheit, mehr
Wahrheitsliebe, als Selbstsucht, und Toleranz auf beiden Seiten. Es entehrt
die Würde des deutschen Schriftstellers, Kriege zu führen, wie _Zimmermann_
und _Bahrdt_, welche das Uebel, statt zu verringern, nur vergrößern, und in
andrer Hinsicht verehrungswürdige Männer dem entehrenden Gelächter des
Pöbels preisgeben.
Noch sind wohl nie die Schriftsteller unsers Vaterlandes, noch wohl nie die
Schriftsteller andrer Nazionen, so tief von ihrer Würde herabgesunken, als
seit wenig Jahren die deutschen. Wer kann zum Beispiel das neulich
erschienene Pasquill: _Bahrdt mit der eisernen Stirne_, ohne Ekel und
Verdruß durchblättern? Fürwahr ein Zuchthäusler würde mehr Gefühl für
Schande und Ehre, als der Sudler dieser Skarteke haben. O _Fischart_ und
_Rabner_, lebtet ihr noch!
Drittes Kapitel.
Supplement zum Vorigen. -- Ein Schrek.
_Florentin_ verlies den _Herzog_. Nach acht Tagen wurde er wieder zu ihm
berufen, wo er von diesem zu seiner lebhaftesten Freude seinen Sieg erfuhr.
--
Jezt unterhielten sich beide über die zwekmäßigsten Mittel, das Volk zu
einem solchen wichtigen Schritt vorzubereiten; eine Unterhaltung, welche
nicht fruchtlos ablief.
Die erste Folge derselben war, daß die vakante Stelle eines Predigers an
der Hofkirche durch einen gelehrten, helldenkenden, beredsamen Mann besezt
wurde, dem die Freiheit gegeben war von dem bisherigen Schlendrian
abzuweichen, nur _Christusmoral_ und nicht polemische noch dogmatische
Säzze zu predigen.
Nach Verlauf eines Monats hatte er sein Amt angetreten, und von Neugier
oder beßrer Ueberzeugung hingerissen, eilte ein grosser Theil der
Residenzbewohner hin, die schönen Vorträge dieses Mannes anzuhören.
Plözlich stand die gesammte orthodoxe Geistlichkeit auf, den Landesherrn an
die alten Konstituzionen, Symbole und Confessionen zu erinnern, der
Geheimerathspräsident von _Hello_ suchte mit seinem ganzen Ansehn für die
Sache der Orthodoxie durchzudringen, aber alles vergebens. Der _Fürst_ war
Mann und blieb seinem Plane getreu.
Jezt hatte _Florentin_, ebenso viel Freunde, als Feinde; diese lästerten,
jene vergötterten ihn. -- Aber er hörte beide nicht, sondern ging seine
Strasse unerschütterlich fort, und fand sich durch die Güte seiner That
hinlänglich im Geheimen belohnt.
Weil er schon seit einiger Zeit der _Prinzessin_ weniger nächtliche Visiten
geben durfte, so blieb ihm auch Zeit genug übrig den einmal entworfenen
Plan gänzlich, und sich selbst zum Danke, auszuführen. Da wir nur den Roman
einiger merkwürdiger Personen erzählen; so überlassen wirs den
Statistikern, das bald darauf erschienene Religionsedikt, wie auch das
Edikt in Betracht der Denk- und Preß-Freiheit in den herzoglichen Landen,
zu notifiziren, wir aber erwähnen noch, daß _Serenissimus_, mit seinem
Vertrauten, oft die Häuser seiner begüterten Unterthanen, seine Fabriken
besuchte, oft auch in die Hütten der Armuth trat, und theils erkannt,
theils unerkannt half, und Wohlthaten und Freude verbreitete.
»Der _Duur_,« sagte der _Geheimerathspräsident von Hello_ zu seinem
Fräulein Tochter _Agathchen_, indem er die goldne Tabattiere unwillig auf
den Tisch hinwarf: »Der _Duur_ macht unsern Durchlauchtigsten Herrn zu
einem Atheisten, zu einem Fantasten, und jezt endlich ganz zu einem
_Romanprinzen_. Es ist ein Leiden, wenn solch ein gepuztes, eingebildetes
Fäntchen, wie der Graf, Fürst und Volk ins Verderben führt, und dann Leute
von Verdienst und grauem Haar nicht gehört werden, wenn sie die Stimme der
Warnung erheben. Pfui! -- ändert sich die Lage der Sachen nicht bald, so.«
-- -- --
Nein, guter _Hello_, fürchte nicht des Fürsten und des Volks Verderben,
wenn der Fürst fühlt daß er Mensch sei, und seinen Kindern sich, als Vater,
zeigt!
Es ist ein schwerer Beruf Fürst zu sein, und das Glük von tausenden zu
befördern. Nicht Assembleen, Redouten, kostbare Soupees und Dinees, Bälle
und Festen versüssen die bangen, mühsamen Stunden und Geschäfte der Grossen
genug, oft im fröhlichsten Gelächter ist ihr Herz ein Raub der Sorge, des
Verdrusses. Wo sollen sie sich belohnen, und belohnen lassen? in der Mitte
ihrer Unterthanen, auch der des niedern Standes.
Wie kann ein Vater, der seiner Stunden grösten Theil für das Wohl seiner
Familie hinopfert, ausser derselben Erquikkung finden? Die Freude seiner
Kinder, vom lallenden Säugling bis zum Erwachsenen, däucht ihm gewis
angenehmer, als anderwärtige, rauschende Vergnügungen.
Freilich bringen oft ganze Städte unter Triumfbögen ihren Landesherrn Oden
und Hymnen entgegen, die aber oft nur das Kompliment der Ehrerbietung sind,
nicht der Zufriedenheit herzlicher Dankesergus.
Herzog _Adolf_ wußte dies so gut, als wir, und achtete nicht des Helloschen
Geschwäzzes. -- Der Unterthan lernte ihn izt näher kennen, und ihn doppelt
lieben; man vergoß Freudenthränen, wenn er so unverhoft erschien, und
einsame friedliche Familien in ihren häuslichen Geschäften überraschte.
Oft stand er, dem Grafen zur Seite, in der Mitte kniender Dankbaren, welche
er oft durch ein Kleines aus schreklichen Labyrinthen gerissen hatte; dann
entschwand er ihnen, wie ein guter Engel, der Frieden vom Himmel in ihr
Haus gebracht hatte; man zeichnete sich die glüklichen Tage auf um noch
Kindern und Kindeskindern diese Ehre, welche ihren Voreltern wiederfahren
war, heilig zu erhalten.
Von einer solchen Wanderung kam _Florentin_ an einem Abend zu Hause, als
ihm gleich beim Eintritt der _alte Badner_ ein Billet entgegen brachte.
_Florentin_ erbrachs, erkannte die Federzüge der _Unbekannten_, und
schauderte.
Graf!
Ihr habt dem Lande wohlgethan, daß Ihr die Fesseln zerbrachet, welche der
Afterglaube für den freigebornen Geist der Menschen schmiedete, wir danken
Euch dafür im Namen _Holders_, im Namen unsrer und im Namen der Einwohner
dieses Herzogthums. -- Aber wie stehts mit der Prinzessin? warum
verseltnern sich eure Besuche bei ihr? warum erscheint sie nicht mehr so
oft am Hofe öffentlich? -- Ahndet Ihr nichts? -- Sie sieht bleich, ihre
Gesundheit ist nicht mehr die vorige; ihre Lebhaftigkeit ist verloren
gegangen, und -- -- -- _Graf! Graf!_ was habt Ihr angerichtet? sehet Euch
vor, wir rathen Euch, im Namen des wohlbekannten _Ludwig Holder_!
Der _Graf_ stürzte entnervt auf ein Ruhebette, eine fürchterliche Ahndung
umflog ihn. »Gott, Gott!« rief er beklommen aus: »sie ist -- sie ist« -- --
_Badner_ trat mit der treuherzigsten Miene zu ihm, und stieß seine
gewöhnlichen Töne: »Ho! ho! ho!« hervor.
»Heda, Kerl!« rief der _Graf_, und faßte den alten, erschroknen Mann vor
die Brust? »Wer war der Ueberbringer dieses verdammten Blattes?«
Badner. (den Kopf schüttelnd und die Hände auseinander werfend) Ho!
Florentin. Sag mir, hast Du's gelesen, weißt Du den Inhalt? gesteh's nur!
Badner. (verneinend und auf das Siegel deutend.) Ho! ho!
Florentin. Kennst Du den Briefträger?
Badner. (schüttelnd) ho!
Florentin. Mensch, warum hieltest Du ihn nicht fest?
Badner. (zukt die Schultern) Ho! ho!
Florentin. (ärgerlich) las mich allein.
Er wars. Nun las er das Brieflein der Unbekannten noch einmal, und fand
eben den schreklichen Sinn darin liegen, als zum erstenmal. Er suchte sich
zu fassen; ging mit starken Schritten das Zimmer auf und ab; nahm die
Flöte, welche ihm sonst so manchen Augenblik verschönerte, so manche Grille
hinwegtönte -- aber alles umsonst. Er warf die Flöte hin, bedekte mit
beiden Händen sein Gesicht und murmelte einzelne abgebrochne Silben: »Gott!
o Gott! -- verdammt! -- was soll nun werden?«
_Florentin_ gehörte zu denen, welche der erste Moment der heranziehenden
Gefahr entgeistert, die aber, wenn der erste Schrek vorübergangen ist,
muthiger dastehn, und deren Kühnheit sodann oft an Verwegenheit gränzt.
Wir wollen ihn seinen Ueberlegungen allein lassen; Kleinigkeiten sind
unfähig die Sicherheit großer Seelen zu zerstören, _Florentin_ zittert
wahrscheinlich also nicht vergebens.
Viertes Kapitel.
Wer so stirbt, der stirbt wohl!
Inzwischen alles dieses vorging, inzwischen _Florentin_ und _Louise_ bald
alle Seeligleiten, bald alle Leiden der Liebe empfanden, inzwischen
tausende sich im Vaterlande des braven Landesvaters freuten, welkte
unbemerkt, mit jedem Tage mehr eine schöne, vortreffliche Blume.
Fehlgeschlagne Hofnungen, zweimal unglükliche Liebe, Hang zur düstern
Schwärmerei, ewiger Harm, bestürmten lange die Gesundheit des
liebenswürdigen _Fräuleins v. Gülden_, die endlich erlag. Ein Heer von
Uebeln, eine Kette von Krankheiten schien sich wider das Leben dieses guten
_Mädchens_ verschworen zu haben; sie sah ihr nahes Grab, allein ohne Quaal.
Vier Wochen hütete sie schon ihr Krankenlager, abwechselnd mit dem Fieber
ringend, und noch hatte sie _Florentin_ nicht ein einziges Mahl besucht.
Dies schmerzte ihrem weichen Herzen mehr, als der Abschied von einer Welt,
welche doch auch für sie manchen Reiz gehabt hatte. Sie sah kalten Blikkes
die ehmahls blühenden Wangen verbleichen, ihre Schönheit verschwinden, ihre
Augen erlöschen, und murrte, klagte nicht. Freudenlos sah sie andre um sich
her glüklich; ungeliebt, fand sie andre sich liebend; am Rande des
schauervollen Grabes schwankend, erblikte sie die Welt noch einmahl in
ihrer ganzen Pracht, und so viele Freunde, so viele Freundinnen in ihr, die
da heimblieben -- und sie blieb ruhig.
Sie sah nicht gern Gesellschafter um sich; am meisten aber waren die
Prinzessin Louise und ihr alter, tiefgebeugter Vater, der Herr _von
Gülden_, an ihrem Lager. Am liebsten beschäftigte sie sich aber ausser den
Fieberschauern, mit des schönen, geliebten _Gustafs_ halbverwischtem
Portrait, oder mit _Lavaters_ Aussichten in die Ewigkeit, welche sie sich
vorlesen lies. Aufmerksam hörte sie dann jedes Wort an, und beruhigt und
erheitert schwang sich ihr schöner Geist im Gebet vor dem Thron des
Allerheiligsten empor.
Wie süs ist doch der Lohn des Weisen oder des Dichters, der einem
Scheidenden von diesem Erdeleben die herbe Trennung versüßt, und dem ein
Sterbender noch Dank lallet! --
Sie fühlte das Herannahen der lezten Stunde, der Stunde, in welcher ihre
unsterbliche Seele einer Welt entsagen sollte, deren sie nur auf einige
Augenblikke genossen zu haben schien, eine neue Gegend des Unermeslichen
begrüssen sollte, wo ihr vielleicht kein Freund entgegenwandelte, wo nur
Gott ihr Bekannter war. Sie verlangte deswegen den Genus des Nachtmahls,
und trauernd wurde ihr die Bitte gewährt. Der _Herzog_, die Prinzessin
_Louise_, der _alte Herr von Gülden_ und einige Freundinnen waren Zuschauer
dieser feierlichen Szene. Sie umringten das Bett ihrer gemeinschaftlichen
Freundin, und weihten diese heilige Handlung mit ihren Thränen ein.
Der _Geistliche_ bot der Scheidenden alle Trostgründe dar, welche die
Religion verleiht; er beflügelte ihre Hoffnungen auf des künftigen Lebens
bessre Szenen; lies sie noch einmal einen Heimblik auf die vergangnen Tage
richten, und reichte ihr dann das Brod und den Kelch.
Ein Auftritt am Sterbebett ist die schönste Schule für Lebende; darum laßt
uns noch einige Augenblikke hier verweilen.
»Warum weinen Sie, Prinzessin?« sagte _Auguste_, die sterbende _Auguste_,
und lächelte ihre jammernde Freundin an.
»Sollt' ich nicht, liebe, beste _Auguste_?« _schluchzte_ _Louise_, und
faßte die matte Hand derselben, und drükte sie: »du wirst sterben, o
_Auguste_, du wirst sterben, dich trennen von mir, und Gott, der nur allein
die unbekannten Gegenden jenseits des Grabes kennt, Gott nur weiß, ob wir
beide einstens uns wiedersehn werden! -- -- Du warst meine Schwester, meine
Gespielin, mein alles; ich sollte nicht weinen, wenn ich das verliere, was
mich glüklich gemacht hat? Ich habe dich nicht so glüklich gemacht als du
mich.« -- --
»O doch!« sprach die fromme _Sterbende_ zu ihrer ehmaligen Nebenbuhlerin,
mit sanfter, tröstender Stimme.
»Nein, nein, _Auguste_, so ist es nicht. Ach, vergieb, vergieb! Du
verlierst an dieser Erdenwelt nicht viel, eine _schönere_ harrt deiner, da
findest du vielleicht den Geist deines _Gustaf_ wieder, da vielleicht alle
Seeligkeiten wieder, welche du hier zurükliessest. Aber ich -- werde dich
suchen, und finde deinen Grabstein!«
»Weinen Sie nicht!«
»_Auguste_. Und wenn Du -- wenn Du wüßtest! o Gott!«
»Nein, Prinzessin, wenn ich bitten darf, so schweigen Sie. Ich habe mich
losgerissen von allem was irrdisch ist, mein Blik ist auf die Pforten der
Ewigkeit gerichtet, meine Wünsche, meine Hofnungen streben nach jenem
Jenseits.«
Die Prinzessin schwieg. _Auguste v. Gülden_ sank in einen sanften
Schlummer.
Am folgenden Morgen fühlte sie sich so heiter, so erquikt, daß alle ihre
Genesung hoften.
»Nein,« sagte sie: »freut euch nicht; es ist nur das lezte Auflodern des
verglimmenden Lebenslichtes.«
Sie lies sich noch einmal zum Fenster hinführen, wo sie eine vortrefliche
Aussicht über einen Theil der Stadt und über den ganzen Schloßgarten hatte.
»Nun lebt wohl:« sagte sie, indem ihr schmachtender, matter Blik bei jeder
Staude, jedem winkenden Halme zu verweilen schien: »lebet wohl, ihr schönen
glüklichen Gegenden, an deren Reiz ich so oft mit trunkner Seele hing, die
ihr mich so oft in angenehme Hofnungen einwiegtet, mich so oft nach Leiden
und Thränen beruhigtet! -- ja, Gott ist die Quelle des Schönen, darum freue
ich mich des gelobten, bessern Lebens nach dem Tode! -- -- Alles, alles ist
schön! alles, alles gut!« --
Darauf ließ sich die _Liebenswürdige_ zu ihrer kleinen Büchersammlung
führen, wo sie fast jedes Buch noch einmal ansah und durchblätterte, dann
nahm sie einige Papiere aus dem Schreibepult, liess sich zu ihrem
Sterbelager tragen, wo sie denn von mehreren Freundinnen und Freunden den
zärtlichsten Abschied nahm, und jedem bei seinem Weggehn mit gebrochner
Stimme nachrief: »weinet nicht, denn Gott ist unser, unser ist das Loos der
Freundschaft; was bedarf es mehr, um den Traum des Lebens schön zu
träumen?«
Ihrem Wunsche zufolge, erschien auch nach einigen Stunden der _Graf
Florentin von Duur_. Sie hatte es so zu veranstalten gewußt, daß niemand
ausser ihrem _Vater_ bei dieser Szene zugegen war, und ihn mit den Worten
vorbereitet: »Wundern Sie sich nicht, lieber Vater, über das was Sie izt
hören werden.«
_Florentin_ trat herein -- sie sah den _Jüngling_, und ihre bleichen Wangen
färbten sich unter dem Rosenpinsel der Schaam und Liebe.
Er bat um Verzeihung einen nicht frühern Besuch abgestattet zu haben, aber
_Auguste_ selber entschuldigte ihn indem sie lächelnd sagte:
»Sollten Sie jeden Bekannten am Krankenbette besuchen müssen, so würden Sie
ja nie heiter werden. Aber mir verzeihen Sie es, daß ich Ihnen vielleicht
einige trübe Minuten verursache.«
Florentin. Sie beschämen mich, gnädiges _Fräulein_; meine Nachläßigkeit,
mein Leichtsinn sind mir kaum zu vergeben.
Auguste. Sehr gern zu vergeben, denn ich spielte eine unbedeutende Rolle in
der Geschichte Ihres Lebens; allein Sie in der meinigen eine größere, ohne
dass Sie darum wußten.
Florentin. Dürft' ich darum nicht wissen, vortrefliches _Fräulein_?
Auguste. Nein, so ist es und war es vielleicht besser. Aber ich hatt es mir
vorgenommen, Ihnen es einst -- und wär es auf meinem Todtenbette -- zu
bekennen, oder sollt' ich zu früh aus diesem Leben gegangen, sein, würden
es diese Papiere gethan haben.