Agathe. Kenne ich den Graf zu wohl; auf der lezten Redoute, als er mich von
einer Angloise zurükführte, lies er einige vielsagende Worte fallen. Die --
Präsident. Nun?
Agathe. Von seinem edeln Geschmak zeugten. -- Er wich selten von meiner
Seite; sprach viel Süßes -- und -- --
Präsident. (lächelnd.) _Agathchen_, gefällt Dir der Herr _von Duur_?
Agathe. Ist Ihre Nachricht von der _Aldenau_ gegründet?
Präsident. Völlig gegründet.
Agathe. Unerhört! sollte man je die Möglichkeit eines so pöbelhaften
Einfalls träumen können? o, erlauben Sie, ich mus auf mein Zimmer; mir wird
es -- ich befinde mich nicht ganz wohl.
Präsident. Wir haben heut Gesellschaft; man wird Dich doch sehen?
Agathe. Vielleicht, vielleicht auch nicht.
Präsident. Der Graf selber wird uns die Visite machen.
Agathe. O weh, desto schlimmer! erlauben Sie, daß ich mich in die
Einsamkeit retirire; ich will Aesops Fabel vom Fuchs und dem leeren
Statüenkopf lesen.
Präsident. Und (schlau lächelnd.) Die Geschichte mit dem Fräulein von
_Aldenau_ ist so gut, als ein Märchen.
Agathe. (mit plözlich aufgeklärter Miene.) Wie, sagen Sie, _wie_? ein
_Märchen_? -- (kalt und stolz.) Doch seis auch, was intereßirts mich?
Präsident. Schade, Schade, daß Dir nicht wohl ist!
Agathe. Ich hoffe, es wird vorübergehn.
Präsident. Nein, nein, liebes _Agathchen_, hab wohl auf Dich Acht; opfre
Deine zarte Gesundheit nicht um der Gesellschaft willen auf!
Agathe. (schmeichelhaft) Nicht doch, Papachen, es würde ja manchen
beleidigen, wenn ich in der Gesellschaft fehlte; erlauben Sie mirs nur; --
ich erscheine.
Präsident. He, he, he, he! und wer ist denn der _Manche_? he, he, he! wer
ist denn der _manche_?
Der _alte Präsident_ wollte wizzig, und _Agathchen_ gern roth werden, aber
Beiden gelang es nicht.
Es wurde Abend; die Karossen rollten herbei; der _Graf_ kam; _Agathchen_
ermangelte nicht anwesend zu sein. _Der Präsident_ sprach hin und wieder;
_Florentin_ horchte, verstand es nicht und lächelte. _Agathchen_ warf eben
so oft in süßer, jungfräulicher Schaam den Fächer vor die Augen und
_Florentin_ verstand mehr; und scherzte wie in einem Scherze. Der _alte
Minister_ nannte den _Grafen_ zuweilen _Söhnchen_; _Florentinen_ ging ein
Licht auf und er -- rieb sich die Stirn.
Viertes Kapitel.
Einige Damen werden behorcht.
Ich habe einen berühmten Pädagogen gekannt, dessen Schriften über das
Erziehungswesen mit allgemeinem Beifall aufgenommen wurden, dessen eigne
Kinder aber Taugenichtse waren.
Einer unsrer größten Schriftsteller über die Oekonomie und Landwirthschaft
wußte selber so wenig wirthlich zu leben, daß er bankerotirte.
Es ist also ein sehr alltäglicher Fall, daß große Leute in ihrem Hause
selber öfters die kleinsten sind, und daß sie von ihrer häußlichen
Unordnung auf das abstrahiren, war _besser_ sein _könnte_. Eben so ging's
auch dem in vieler Hinsicht sehr einsichtsvollen Staatsmann,
_Geheimerathspräsidenten v. Hello_. Er, der oft mit so vieler Schlauheit
fremden Höfen das wahre Interesse seines Fürsten zu verbergen wußte, beging
den großen Fehler seinen Freunden zu verrathen, daß der _Graf v. Duur_
Absichten auf das liebenswürdige Fräulein _Agathe_ geäussert habe,
wenigstens zu äussern schiene, und daß Fräulein _Agathe_ so wenig, als _Sr.
Excellenz_, diesen Absichten entgegen zu arbeiten, geneigt wären.
Am folgenden Tage war die Residenz von dieser Novelle voll.
»Der schöne Graf die _Agathe v. Hello_?« hiess es in bürgerlichen und
adlichen Gesellschaften; -- der »_Graf_ die _Agathe v. Hello_? Die beiden
Extreme der Natur, Schönheit und Häßlichkeit verknüpfen sich mit einander?«
dachten die verheuratheteten und unverheuratheten jungen Damen bei sich in
der Stille, und sagten es zum Theil auch wohl laut. »Er opfert seine
Delikatesse der Politik auf!« gaben einige weltkluge Herrn sehr weislich
an. »Vielleicht schließt der _Graf_ diese Heurath aus Liebe zum Kontrast!«
wizzelten einige Wizjäger.
Das _Fräulein v. Gülden_ erfuhr diese Nachricht, ging in ihr Kabinet und --
weinte.
»Ich habe geliebt, sagte sie vor sich, ich habe geliebt, und werde nie
wieder lieben! o, was ein Mädchen unglüklich ist, welches seine Liebe nie
verrathen darf! Er hat mich kaum bemerkt, seit er am Hofe ist; und wie
konnt er das, er der von allen Vergötterte? hat mich kaum bemerkt, und ich
habe ihn so sehr geliebt! -- Ja, ich habe ihn geliebt, liebe ihn noch; und
wäre _Agathe v. Hello_ zehnfach reicher denn _Auguste v. Gülden_, und wäre
_Agathe v. Hello_ die Tochter einen Kaisers, sie könnte ihn nicht heftiger,
als ich, lieben. -- Aller Weiber Blikke buhlten um den seinen, nur der
_meinige nie_, und, ach, ihre Coquetterie trägt den Sieg davon! --
Vielleicht wär ich glüklich gewesen, hätt ich ihn mehr aufgesucht, und alle
die Reize aufgespannt, welche _Agathe_ aus ihren Romanen kennen gelernt
haben mag. -- Ein schmachtender, oder ein wollustbietender und
wollustverlangender Blik wirkt mehr auf Männerherzen, als das schaamvolle
zu Boden gesenkte Auge. -- Unseelige Erfahrung, die mich zu spät weise
macht!« -- --
»Doch nein, ich bin zufrieden in meinem Unglük; ich verachte den Sieg, wozu
die Sünde Waffen bietet. (sie zieht ein Miniaturgemälde aus dem Busen,
sieht es mit nassen Augen an und drükt einen Kus darauf.) _Gustaf_,
seeliger _Gustaf_, sei _Du_; bleib _Du_ mein Geliebter! -- wie sehr diese
Züge den Zügen des _Grafen_ gleichen! -- Eben diese Harmonie ist die Quelle
meines Leidens. Zürne nicht, lieber schöner _Gustaf_; _Duur_ konnte dich
nicht aus meinem Herzen verdrängen, aber wohl hätte ich dich allein nur in
ihm geliebt. -- Du bist mein, und dieses Bildniß soll mich ewig begleiten.
-- Lieg' ich einst im Sterbebette, seh ich die Träume dieses Lebens gemach
verschwinden, fühl ich mein Auge brechen, dann will ich das Heiligthum noch
einmal betrachten, und es mit sterbenden Lippen küssen!« --
So schwärmte das Mädchen noch ein Weilchen hin, nahm dann ein Buch und las.
-- In eben dem Augenblikke trat die _Prinzessin Louise_ zur Thür herein;
das _Fräulein_ legte das Buch zur Seite, und ging ihrer Gebieterin
entgegen.
Pr. Louise. Ich störe doch nicht, _Auguste_?
Frl. v. Gülden. Wie könnten _Sie stören_?
Pr. Louise. Du hast ja geweint, liebes Mädchen? -- warum so schwermüthig?
sehnst du Dich fort von hier nach den Landgegenden um deines Vaters
Schlosse? oder bist du beleidigt worden? sprich doch!
Frl. v. Gülden. (die Thränen weglächelnd) Keines von allen. Ich habe
gelesen.
Pr. Louise. So? ist denn das Buch so herzbrechend? -- laß doch etwas daraus
hören, ich mögte auch wohl einmal weinen.