Louise. Nicht wahr, ein Meisterstük männlicher Schönheit? er hat mich
bezaubert.
Frl. v. Gülden. Sie geruhen zu scherzen.
Louise. _Scherzen?_ wie so? findest Du ihn nicht schön?
Frl. v. Gülden. Könnten Sie ihn lieben?
Louise. Warum nicht? _Können?_ sonderbar, ich bin ja ein Mädchen, liebe
_Auguste_, wie Du? Dich entzükte Dein vierzehnjähriger _Gustaf_ und mir
sollte der Graf nicht gefallen? --
Frl. v. Gülden. Eine Fürstin aus herzoglichem Geblüt und ein Graf!
Prinzessin, bedenken Sie wohl! -- Lieben _können_, ja, da hab' ich unrecht
gefragt, aber lieben _dürfen -- dürfen_!
Louise. Ich verstehe Dich; allein Du mußt wissen, daß der Graf nicht mein
Gemahl, sondern mein Geliebter werden soll. Da man mein Herz nicht befrägt,
wenn meine Hand dem Staatsinteresse aufgeopfert wird; warum sollte mein
Herz fragen, wenn es sich zu verschenken Lust fühlt! Und das Herz sieht
nicht auf den Rang, sondern mißt seine Hochachtung nach der innern und
äußern Schöne den Gegners.
Frl. v. Gülden. Freilich wohl.
Louise. Mein einstiger Gemahl wird nie so blödsinnig sein können _Liebe_
von mir zu verlangen, wenn ich sie nicht geben kann, so wenig als ich sie
in gleicher Lage von ihm fodern würde. Wir sind deswegen aber nicht
verpflichtet den Freuden der Liebe zu entsagen. -- -- Nun, _Auguste_,
findest Du den Grafen liebenswürdig?
Frl. v. Gülden. (ernsthaft) O, sehr.
Louise. Und Du wirst mir doch zu einigen Entrevüen tapfer beistehn.
Frl. v. Gülden. Sie befehlen.
Louise. Das so trokken hingesprochen?
Frl. v. Gülden. Haben Sie denn auch schon Beweise von des Grafen
Gegenliebe?
Louise. (ihrem Spiegel zulächelnd) Und wenn auch noch nicht.
Frl. v. Gülden. Ich halt' es doch aber für nothwendig.
Louise. I nun, wärst Du mit einem schüchternen, verworrenen, unendlich viel
sagenden Blik des schönen Mannes zufrieden?
Frl. v. Gülden. Wie sollt' ich nicht?
Louise. Oder mit einem Erröthen desselben, wenn er Dir die Hand küßte?
Frl. v. Gülden. (unruhig) Erröthete er wirklich?
Louise. Nun ja.
Zweites Kapitel.
-- -- Und wen? -- --
_Florentin_, von einer _Prinzessin_ geliebt, von einem _Fürsten_ geachtet
und hervorgezogen, befand sich am Hofe, wie man leicht erräth, vollkommen
zufrieden. Man kannte ihn allgemein als den Favorit des neuen _Herzogs_,
und eben deßwegen liebkosete ihn der Neid selber.
Aber ach! seine Freude war nicht ungetrübt, denn aus einem Briefe seines
guten _Onkels_ erfuhr er _Holders_ Verschwinden, und die vorhergehenden
Szenen der Liebe, Verlobung, des neuen Adels und Rittergutes. _Holder_ war
ihm zu lieb; er konnte nie jenes Morgens vergessen, da derselbe den
sonderbaren Eid schwur; er wünschte ihn izt, als Zeugen seines Glükkes und
nun war er verloren. Daß _Holder_ ein ausgemachter Sonderling war, blieb
_Florentinen_ nicht unverholen, aber jezt schien ihm das Spiel doch etwas
zu weit getrieben, oder es mußten schlechterdings geheime, wichtige
Ursachen den Mann zwingen sich aus den Armen eines _Mädchens_, das er nach
seiner Aussage über alles liebte, aus den Armen des _alten Grafen_, der ihn
seinen Sohn nannte zu reissen.
Am meisten war das arme _Rikchen_ zu bedauern, welche sich über den Verlust
ihres _Holders_ wenig trösten lies. Sie verbarg umsonst ihrem _Oheim_ die
Thränen, welche sie weinte; denn die verschwindende Rosenfarb' ihrer
Wangen, die halberstikten Seufzer, die rothgeriebenen Augen, das seltne,
melancholische Lächeln, das einsame Umherwandeln sagten ihm genug, und er
litt doppelt, um den Gram seines _Rikchens_ und um den Verlust seines
_einzigen Freundes_.
Er suchte Zerstreuung und fand sie selten; auf der Jagd fehlte ihm der
sonstige, angenehme Begleiter, in frohen Gesellschaften sein liebster
Gegner. Dazu kam es, daß die Geschichte allgemein bekannt geworden war, und
die alten und jungen Damen und Herrn in ihren Konversationen oft sehr übel
darüber meditirten.
_Florentin_ suchte durch seine Briefe tropfenweis Linderung auf diese Wunde
zu giessen, aber umsonst; sie verharschte schwer und blutete leicht wieder
auf. _Rikchens_ Briefe an ihren Bruder waren rührend; noch nie hatte die
leidende Liebe naiver geklagt, zärtlicher getrauert.
»Wie gern mögt ich sterben, sagte sie, und mich trösten lassen vom Tode!
aber dann würde unser _Oheim_ ganz verlassen sein, ohne seinen _Holder_,
ohne sein _Rikchen_! Er soll sich nicht grämen; ich will leben und weinen,
ach Gott, wer weiß es, wie lange noch! O _Florentin_, hätte ich nie geliebt
und des Onkels Gebot befolgt -- aber was konnt ich thun um _Holdern_ nicht
zu lieben? -- Es war ja unmöglich, und die Unmöglichkeit selber war mir
angenehm, ist mirs noch izt, da ich dies unter Thränen schreibe. Aber weist
Du was mich beruhigte -- Unser Prediger sagte neulich, daß Gott die Liebe
selber wäre; wenn nun der alte Mann nicht Unrecht hätte, denn das mus er
doch wohl aus der Erfahrung wissen: so wird Gott mir meinen _Holder_
wiedergeben! -- _Holder_ mir wieder! _Holder_! o _Florentin_, ich mus in
den Garten hinausfliegen und mich erst müde freuen, eher ich Dir weiter
schreiben kann.«
So schwärmte das gute _Mädchen_ immerfort, und der _alte Graf_ mit ihr.
Nach Wochen und Monden konnte _Rikchen_ nicht mehr weinen; der heftige
Schmerz verwandelte sich in eine süße Schwermuth, und diese umnebelte mit
ihrem Schleier die Bilder der Vorzeit. Alle Leiden.
-- All die namenlosen Wonnen
Sie waren izt in der Erinnrung Traum zerronnen,
Und -- -- -- dieser noch ist schön;
Denn ihm verschwistert sich die traute Hofnung gerne,
Sie läßt dem Trauernden in öder Ferne
Der bessern Zukunft Paradise sehn.
Der alte Graf und seine Nichte lebten izt wieder das ehmahlige, einfache
Landleben, wie es vor _Florentins_ Ankunft und _Holders_ Bekanntschaft war.
Außerdem daß _Florentin_ sie unterweilen einmahl besuchte, waren ihrer
Freuden wenig, so wie ihrer Leiden.
Nur _Florentins_ Leben war nicht mehr das stille, friedsame; hineingezogen
in die große Welt, suchte er sich nun an alle ihre Sonderbarkeiten zu
fügen; Von einem _Herzoge_ Liebling, wagte ers seine ehmahligen,
schmeichelhaften Ideale in Wirklichkeit zu sezzen. Er wünschte sich völlig
gleich bleiben zu können; er sann darauf nicht _sich_ höfisch gros zu
machen, sondern große _Thaten_ zu thun, denn an Gelegenheiten zu erhabnen
Dingen ist die Zeit niemals arm. Vor allen Dingen bemühte er sich die Gnade
seines Fürsten mehr zu verdienen, sich demselben immer unentbehrlicher zu
machen. Es geschah. _Der Herzog_ kettete sich täglich fester an den Grafen;
Beide sah man stets beisammen; sie betrachteten sich zulezt nicht mehr, als
Obrigkeit und Unterthan, sondern, als Freunde und Brüder.
Seliges Volk, dessen Fürst nicht an den Launen einer _Pampadour_ gefesselt
ist, welche mit einem wollüstigen Blik die ganze Tugend eines Landesvaters
verzehren, mit einem erkünstelten Seufzer den biedern Verdienstvollen um
Hab und Gut und zum Kerker bringen, durch eine buhlerische Thräne ein
ganzes Land entgütern kann!
Der _Herzog_ liebte alles, was von _Florentin_ gethan wurde; er nahm in
vielen Stükken dessen Prinzipe an und er fand sich dabei und sein Volk
glüklich. -- Bis izt kannte dieser Fürst den Werth deutscher Schriftsteller
nur wenig, der Graf lehrte ihn denselben schätzen; in kurzer Zeit besas er
eine geschmakvolle Bibliothek der vorzüglichsten deutschen Werke; sowohl
Statistiker, Philosophen, als Dichter, wurden seine Lektüre. Aber nicht
jene alltägliche Lektüre, welche die Langeweile einger Stunden vertreiben
soll, war die des Prinzen, sondern die, sich durch gute Schriften gut zu
bilden, sich aufzuklären, und denken und handeln zu lernen. Das Land
empfand die wohlthätigen Folgen, welche nothwendig daraus entspringen
müssen, und segnete seinen Vater.
Unterdessen der edle _Graf_ so seine Stunden für das Wohl des Ganzen
widmete; unterdessen er von tausend Zungen vergöttert wurde, nagte ein
geheimer Wurm an seinem Herzen, welchen er nur zu wohl kannte, aber um
seines Glükkes willen nie verrathen dürfte.