Erster Abschnitt.[A]

Die

schwarzen Brüder.

Eine abentheuerliche Geschichte

von

M. J. R.

Berlin und Frankfurt,

bei Johann Andreas Kunze.

An

Friedrich Behrends

in M***.

Mein Vetterchen,

Und fragen Sie tausendmal warum ich nichts bessers, nichts

allgemeinnüzzigeres, als einen Roman geschrieben habe, so bekommen Sie doch

immer eine und eben dieselbe Antwort, daß ich nämlich just einen _Roman_

schreiben wollte, er mögte so abentheuerlich werden, als er es wolle.

Zweitens, weil der größte Theil heutiger Leser nur nach dieser Waare am

liebsten zu fragen gewohnt ist, und sie theils in Privatbibliotheken,

theils in Lesezirkeln, theils in Lesebibliotheken aufnimmt. Drittens, weil

doch auch ein Roman, wenn er nur irgends seinen Mann zu unterhalten weiß,

seinen Nuzzen haben kann, aut negative aut positive.

Frage: wie so? -- Antwort: weil er, erstlich, hin und wieder auf einen

guten Akker ein gutes Saamenkorn streuen kann. Zum andern dient er

wenigstens als ein Etwas wider die traurige Langeweile. Ein fetter Landrath

vergißt vielleicht über das Lesen einen neuen Anschlag auf die Kasse seiner

reichen Bauern, welchen er in langweiligen Minuten ausgegrübelt hatte. Eine

verliebte Donna besinnt sich vielleicht in Rüksicht ihres Galans, der

unmöglich ihr ehelicher Gemahl werden könnte, eines bessern. Ein runder,

orthodoxer Beisizzer des hohen Sinedriums läßt vielleicht, vertieft in

meine Plaudereien, einen braven freidenkenden Schriftsteller

durchschlüpfen, dessen zum Druk bestimmtes Manuscript sehnlich nach einem

vidi von der Hand des Zensors schmachtet. -- Eine alte zänkische Tante

sieht vielleicht einem liebenden Mädchen durch die Finger zu, und willigt

von Herzen in Verlobung und Hochzeit, indem sie hoft, der arme Bräutgam

werde mit Gottes Hülfe doch auch noch einmal ein Herr von Sorbenburg. --

Ein junger Autor nimmt sich vielleicht beim Lesen meines Romans vor ein

unsterblicheres Werk hervorzubringen, als das meinige ist. -- Ein Rezensent

erwirbt sich vielleicht, um die deutsche Litteratur ein unendliches

Verdienst, wenn er meinen armen, abentheuerlichen Roman zum

abentheuerlichsten Popanz, zum Vögelscheu und furchtbaren Merkzeichen für

alle und jede macht, welche sichs einfallen lassen mögten ein Romänchen zu

verfertigen. -- --

O sehn Sie doch wie viel _Vielleichts_! wie einen großen Nuzzen mein Buch

bewirken _kann_! -- Doch der größte ist und bleibt, daß ich Gelegenheit

habe Ihnen auch hier zu sagen, wie sehr Sie liebt, bewundert und achtet.

_Der Verfasser._

Inhalt dieses Bändchens.

Erster Abschnitt.

Erstes Kapitel. Der rothe Mantel. 1

Zweites Kapitel. O, der glücklichen Nachwelt. 6

Drittes Kapitel. Der Onkel beweis't, daß er Graf sei. 16

Viertes Kapitel. Und -- das ist Liebe! -- -- -- 28

Fünftes Kapitel. Ein langes Gesicht. 36

Sechstes Kapitel. Der Onkel in der Komödie. 45

Siebentes Kapitel. Ein Adelsbrief -- Ein Rittergut --

Verlobung und -- -- 51

Zweiter Abschnitt.

Erstes Kapitel. Auch Prinzessinnen haben Herzen. 55

Zweites Kapitel. -- -- Und wen? -- -- 64

Drittes Kapitel. Der arme Florentin! 69

Viertes Kapitel. Einige Damen werden behorcht. 75

Fünftes Kapitel. Das Strumpfband. 82

Sechstes Kapitel. Ein sonderbares Phänomen. 100

Siebentes Kapitel. Eine Schäferstunde. 106

Dritter Abschnitt.

Erstes Kapitel. Hofnungen von Italien her. 115

Zweites Kapitel. Das Wort an einen Fürsten. 123

Drittes Kapitel. Supplement zum Vorigen. -- Ein Schrek. 136

Viertes Kapitel. Wer so stirbt, der stirbt wohl! 143

Fünftes Kapitels Schwärmereien Augustens von Gülden. 152

Sechstes Kapitel. Der Donner aus der Ferne. 162

Siebentes Kapitel. Das Gewitter zieht näher heran. 172

Achtes Kapitel. Eine Episode. 183

Vierter Abschnitt.

Erstes Kapitel. Holder erscheint wieder. 187

Zweites Kapitel. Ein Traum. 195

Drittes Kapitel. Zeitungen -- Thränen, Flüche, Marionetten. 205

Viertes Kapitel. Der Traum hat ein Ende. 210

Fünftes Kapitel. Gute Nacht, Florentin. --

Auch ein Postscriptum an den Leser! 227

Die schwarzen Brüder.

Erster Abschnitt.[A]

Erstes Kapitel.

Der rothe Mantel.

Es war ein fürchterlicher Abend; ein Donnerschlag verjagte den andern; der

Sturm pfif über die Felder und entwurzelte Eichen, der Regen schos so dicht

und häufig, daß es ein Wolkenbruch zu sein schien.

[Fußnote A: In einer Gesellschaft von Freunden und Freundinnen erzählte

ich einmal die Geschichte, welche izt vor den Augen meiner Leser liegt,

aber ich wußte meist, daß ein _Teufel_ mich belauschte, welcher so boshaft

war, das Schema meiner Erzählung in seinem im Januar dieses Jahres

erschienenem Buche, dem _Schriftstellerteufel_, als eine ungeheure

Wichtigkeit wiederzuplaudern. Dies nur für manchen Kritiker. Uebrigens mögt

ich doch den Herrn Verf. obengenannter satyr. Schrift näher kennen lernen,

denn solch ein Behemotsgesicht, als seinem Buche vorgestochen ist, hab' ich

nie unter meinen Freunden und Feinden erblikt.]

»Mein Gott!« keuchte der alte _Graf von Duur_, der sich auf der Jagd

verspätet hatte, vom Sturm Regen und Donnerwetter plözlich überfallen war,

und nun um alles in der Welt gern auf seinem Landschlosse zu sein wünschte:

»Mein Gott, das stürmt ja alles auf mich armen Schach ein, als bräche der

jüngste Tag auf! -- Mein Odem ist weg, mein Seel, ich erstikke, wenn ich

nicht bald zu dem verwünschten Schlosse komme!« Der Leser mus wissen, daß

der alte Herr etwas schwer vom Leibe war.

»Verwünscht, daß ich auf die Jagd hinauswatschelte; aber wer konnte das

leidige Ungestüm riechen? und obendrein keinen Sperling geschossen! was der

_Bastholm_ nun lachen wird!«

Der gute, alte Mann hatte nämlich mit dem benachbarten Gutsbesizzer, dem

Herrn von _Bastholm_, um zehn Flaschen Tokaier gewettet, wer den Tag das

meiste von der Jagd heimbringen würde.

Und die arme _Friedrike_! was das Mädchen sich ängstigen wird, wenn sie

mich nicht zurükkommen sieht in dem Ungewitter! »Hätt' ihr wohl die Sorge

ersparen können.«

_Friedrike_ war die Niece des alten Grafen; Er erzog sie selbst, liebte sie

mehr als eine Tochter; denn er war ohne Kinder, und Friedrike ohne Eltern.

»Ah, poz Henker und was mir da einfällt, _Florentin_ kömmt ja, nach seinen

Briefen, heut von der Universität zurük! He, Alter 's war ein erzdummer

Streich mit deiner Jagd! da ist der Junge vielleicht schon in meinem

Zimmer, da liegt er wohl schon dem Mädchen in den Armen, die sich nicht

satt sehen und satt küssen kann an ihrem Bruder! -- 's ist doch der Mensch

manchmahl zu erzdummen Streichen geboren! --«

Er verdoppelte jezt seine Schritte, um spornstreichs seinem Neveu in die

Arme zu fliegen, aber er rannte sich bald ausser Athem, und war gezwungen

mitten im Regen seinen gemächlichen Spazierschritt beizubehalten. Hier soll

er zum erstenmahl auf seinen stattlichen Bauch böse geworden sein.

»Länger halt ich's nicht aus! es ist zu arg, bin nas am ganzen Leibe und

die Straße ist ein wahrer Mordweg! -- Meine Perükke ist, Gott sei bei uns,

auch --« --

Hier schwieg er plözlich still, denn er gewahrte einer Gestalt, die dicht

hinter ihm herschritt. Ihm kam ein Grausen an. Es blizte -- er sah sich in

eben dem Augenblik um, und erblikte den hinter ihm Wandelnden von oben bis

unten blutroth.

Seine Angst vermehrte sich bei jedem Athemzuge, er sprang in einen

Nebenweg, den er entdekte, und der fremde Bluthrothe sprang ihm nach. --

»Hier soll's irre gehn, ich hab's oft gehört!« dachte er bei sich, und

dehnte seine Füße von einander zur Flucht. Kaum war er vier Schritt

gelaufen, so glitschte er auf dem schlammigten Fußsteig aus und fiel.

Es blizte. Die Gestalt stand neben ihm, faßte ihm mitleidig unter die Arme

und hob ihn auf.

»War der Fall hart?« fragte der Fremde.

»Ich fühle nichts!«

»Ist nicht ein Wirthshaus, oder ein Dorf in der Nähe wo man untertreten

könnte?«

»Ich denke -- ich denke nicht weit.«

»Es ist ein grimmiger Regen, doch bin ich solcher Witterung vielleicht mehr

gewohnt, als Sie. Sie dauern mich, Kann ich mit meinem Mantel aufwarten!«

»Wo wollen Sie hin?«

»Kann ich mit dem Mantel aufwarten?«

»Er -- oder Sie brauchen ihn ja selbst!«

»Wenn Sie ihn wollen, nicht mehr.«

Sprachs, und ihn dem seufzenden Edelmann um, der tausendmahl dankte.

»Nun werden Sie ja nas.«

»Meine Kleider verderben nicht!«

So dialogisirten sie sich eine ziemliche Strekke Weges fort. Dem Grafen war

die Gespensterfurcht verschwunden, und der Fremde hatte nun einen

Leitsmann. -- Mit einemmale hörten sie einen Wagen auf sich zu fahren.

»He da! guter Freund, wohin?« rief der nunmehrige Mantelträger dem

Fahrenden zu.

»Ach Gott, gnädiger Herr, sind Sie's selbst. Steigen Sie doch ein, ich hin

schon eine halbe Stunde lang herumgefahren, um Sie zu suchen und nach Haus

zu bringen!« antwortete der Kutscher. --

Keiner segnete den Himmel hierum mehr, als der alte Graf. Er stieg ein, und

zog den Fremden hinter sich her. »Sie haben mir, sagte er, Ihren Mantel

geliehen, izt leih' ich Ihnen meine Kutsche. Hurtig herein!«

Sie fuhren beide fort, und in wen'ger Zeit stiegen sie im Schlosse ab. Der

Graf zog den Fremden immer hinter sich her; schleppte ihn in sein

Schlafzimmer, ließ durch den Bedienten zwei Schlafrökke, Pantoffeln, Mützen

u. s. f. bringen; sie kleideten sich um und nun schob der Alte den Fremden

in das Visitenzimmer.

Zweites Kapitel.

O, der glüklichen Nachwelt!

Hier war eine kleine, angenehme Gesellschaft vorhanden welche voller

Ungedult auf den braven _von Duur_ wartete. Nun trat er herein, und mit

einem wilden: »O, mein Onkel!« stürzte ein schlanker Jüngling ihm um den

Hals, indessen der Alte freudelallend tausendmahl stammelte: »Mein

_Florentin_!« -- Fräulein _Friedrike_ war mit den andern Gesellschaftern

näher getreten; stillschweigend standen sie alle um die Gruppe des _Onkels_

und des _Neffen_, die lange unbeweglich in eins zusammengekettet blieben.

Dem Jüngling flossen einige Thränen vom Auge; der Alte fühlte es, ihm brach

das Herz, und er weinte; die Zuschauer wurden gerührt.

»Nehmt's mir nicht übel,« hub der Greis an, indem er die grauen Wimpern

troknete, und sich zur Gesellschaft wandte: »nehmt's mir nicht übel, alte

Leute sind so leicht, als Kinder zum Weinen zu bewegen. Ich hab' den Jungen

nun seit drei Jahren nicht gesehn; hab ihn nicht früher sehn wollen, um

meine Freude zu vergrößern -- aber nun, wahrhaftig nun ist sie zu gros.«

Worte machen das Herz leicht und Thränen; man sah ein, daß es nicht wohl

anging den ganzen Abend in dieser Attitüde zu verbleiben -- also wurden

einige Komplimente gewechselt und Entschuldigungen hervorgebracht.

»Unser freundschaftlicher Kreis ist unvermuthet heute vermehrt worden,«

sagte nachher der _Graf_, und trat zu dem Fremden, der indes still an der

Thür stehen geblieben war: »Seht hier Kinderchen, einen neuen Gast, einen

Reisenden, den ich unterwegs im Donnerwetter, oder vielmehr, der mich

antraf, und so brav dachte, mir altem Manne seinen Mantel aus freien

Stükken anzubieten, um mich wider den Sturm zu schüzzen. Es ist, mein Seel,

brav gedacht!«

Der _Fremde_ trat näher unter einigen modischen Verbeugungen, und stammelte

seine Entschuldigungen. Es war, beim Lichte betrachtet, ein edelgebauter,

sogar schöner, junger Mann von ohngefähr sieben und zwanzig Jahren. Sein

Anstand verrieth Erziehung, seine Sprache Geist und Welt. Ein

unvergänglicher Ernst wohnte auf seiner Stirn, schimmerte selbst durch sein

freundlichstes Lächeln. Friedrike meinte, es wäre Melankolie.

Gemach wurde der Ton lebhafter, die Gesellschaft gemischter: den _Fremden_

nahmen zwei ältliche Damen in ihre Mitte, _Friedrike_ hing an ihrem Bruder

_Florentin_, und der _alte Papa_ kapitulirte scherzend mit dem Herrn von

Bastholm wegen des Tokaiers.

»Nun, und was haben Sie denn geschossen, Herr von _Bastholm_ zu

Bastholmshausen? Ha, ha, ha!«

»Immer doch mehr, gnädiger Herr Graf von _Duur_ zu Duurshausen, ha, ha, ha,

doch immer mehr, als Sie!«

»Nun, mein Seel, ich hab' ja keinen Mükkenflügel geschossen -- und das

Gewitter -- --«

»Den Tokaier aus dem Keller!«

»In Ernst, Brüderchen, sag mir doch, was hast Du denn ergattert?«

»Wie gesagt, immer mehr, als Du. -- Sieh doch her -- eine Schnepfe! ha, ha,

ha!«

»Ha, ha, ha, ha! ja, dann hab ich freilich die Wette verlohren!«

Beide lachten sich beinahe ihrer Wette und Jagd willen krank. Inzwischen

war die Tafel gedekt; man sezte sich und as.

»Apropos,« fing der _alte Graf_ an, dem nichts lästiger war, als lange

schweigen: »der Postmeister hat doch die Zeitungen schon herübergeschikt,

Rikchen?«

»Ja. Nur gelesen hab ich sie noch nicht.«

»Höre Bruder _Bastholm_, der Erbprinz ist total kurirt, reitet schon wieder

aus und manövrirt mit seinen Soldaten!«

»Weis wohl, lieber Graf; aber daß die dasigen Aerzte sich durch einen

vorbeireisenden Fremdling mußten beschämen lassen, das ist doch 'ne

schrekliche Blame für sie.« --

»Nicht so sehr Blame,« flüsterte ein _junger Landedelmann_ über die Tafel

herüber: »Wenn die Ärzte schon das meiste gethan hatten, konnte der

Reisende wohl sein Heil versuchen.«

»Um Verzeihung,« rief der _Graf_: »der Prinz verschlimmerte sich täglich,

und die Mediciner gaben, laut den Zeitungen, schon sein Leben auf. Und dazu

kömmt noch, daß der Heiland des Prinzen sehr jung gewesen sein soll!«

»Ein alter, steinalter Mann war's,« flüsterte jener: »ich hab's aus

Briefen. Er heißt _Ludwig Holder_. Sie sehen, ich weiß es genau.«

»Oho!« fing eine der ältlichen Damen an, »ein _Bürgerlicher_, der Sr.

Durchlaucht kurirte? unmöglich, daran sieht man's! wenns die Hof- und

Leibärzte, der Herr von _G**_, der Herr von _F**_ nicht im Stande waren --

--«

»Ganz recht, gnädige Frau,« brummte eine Basstimme von der andern Seite des

Tisches; »ganz recht! überhaupt, sollte man solchen herumstreichenden

Quaksalbern nie das Leben einer fürstlichen Person anvertrauen, und die

Renommée der übrigen Aerzte verderben lassen. Wenn ich Herzog wäre, so --

--«

»So würden Sie lieber sterben,« fiel _Florentin_ der Basstimme ins Wort:

»als sich von einem unanseßigen Arzt retten lassen! da thäten Sie, wenn Sie

Herzog wären, sehr wohl daran!«

Alle lachten, der _Baßist_ selbst lachte, auch der _Onkel_, der den bittern

Scherz gern mit einem drohenden Finger bestraft hätte, wenn ihm nicht der

Junge noch zu lieb und zu neu gewesen wäre.

Man stand auf. Die Spieltische wurden vorgerükt; die Pfeifen angezündet;

das Fortepiano geöfnet. Jeder suchte seinen Gesellschafter: alles mischte

sich von neuem durch einander. _Florentin_ unterhielt einige Damen mit

städtischen Moden, und sezte sich zugleich zum L'Hombre nieder; _Bastholm_

und der _Onkel_ spazierten auf und ab; _Friedrike_ spielte ein Lied von

_Reichard_, und der _Fremde_ stand horchend hinter ihr auf den Stuhl

gelehnt. -- Kaum war der lezte Silberton des Gesanges verhallt: so lispelte

der _Unbekannte_ ihr ein: »Sie spielen vortrefflich!« zu. Das gute Mädchen,

das Modell zu einem weiblichen Bilde der Unschuld, erröthete, und

erwiederte sehr naiv das Kompliment. Der _Unbekannte_ bat sie weiter zu

spielen, und das Mädchen konnt' es ihm nicht versagen.

»Er ist ja fremd,« dachte sie bei sich: »und blos, weil er fremd ist, darf

ich ihm nichts abschlagen, warum er mich auch bäte.« Sie spielte; alles

wurde still im Zimmer; die mehrsten, welche in kein L'Hombre verflochten

waren, umringten den _Fremden_ und die Fortepianospielerin. Die Blike des

_Fremden_ ruhten auf des Mädchens Angesicht, und der alte _Onkel_

beantlizte indessen sehr gemächlich den neuen Gast.

»Hören Sie,« sagte der _Greis_, da _Friedrike_ ausruhete: »hören Sie, Sie

müssen mir die Neugier nicht böse deuten: -- darf ich fragen, wie Sie

heißen?«

Der _Fremde_ ward verlegen und stokte.

»Sehen Sie nur, der Himmel hat uns so wunderbar durch den _rothen Mantel_

einander bekannt und verbindlich gemacht, daß es unverzeihlich wäre wenn

ich nicht einmal nach Ihrem Namen fragte. -- Na, ich bitte Sie, wie beißen

Sie?«

»Ludwig Holder.«

»I, Mordhimmeltausend noch einmahl! _Ludwig Holder_? Sie sind doch nicht --

--«

»Ich bins.«

Alles war nun in eben der Minute aufgeflogen und um den _Fremden_ gedrängt.

»Um Gotteswillen!« rief _Florentin_ in eben dem Moment: »laßt mich durch,

er ists! eben der Holder ists, der mir das Leben gerettet hat!« sprachs,

und hing dem erstarrten _Fremdling_ am Halse.

»Der Teufel, was ists denn?« rief die bewußte Basstimme, und kam näher

heran.

Jeder stierte mit Augen der Verwunderung den _Unbekannten_ an -- alle

standen groß und klein in einem Kreise um ihn gedrängt, und man konnte auf

den Lippen eines jeden ein Duzzend bescheiden unterdrükter Fragen lesen.

»Nun was hast Du denn mit Herrn _Holder_ zu schaffen gehabt? -- das Leben,

sagst Du, hat er Dir gerettet?«

»Das hat er:« gab _Florentin_ dem _Onkel_ zur Antwort: »und hören Sie nur,

wie? -- Im Winter vor zwei Jahren lokten mich einige gute Freunde auf das

Eis hinaus, um in ihrer Gesellschaft auf Schlittschuhen den zugefrornen

Fluß hinunter nach einem benachbarten Dorfe zu laufen. Ich schlug es nicht

ab, allein eben dieses gefährliche Vergnügen, welches so mancher Jüngling

schon mit seinem Leben bezahlt hat, kostete auch mir das meinige beinahe.

Als die andern schon ins Dorf gegangen waren, kreuzte ich nur allein noch

auf den Spiegelflächen des Eises umher, bald links bald rechts. -- Mit

einemmahle fühlte ich das Eis unter mir einbrechen, und sah ich von allen

Seiten durch die Spaltungen das Wasser hervorquellen. Ein Schauder überfiel

mich, meine ganze Besinnungskraft war verlassen -- ich sah ängstlich nach

Rettung umher, und gewahrte in der Ferne einen Menschen auf dem Eise, --

ich wollte ihm zuwinken, ihn um Hülfe anrufen, aber ich war schon

untergesunken und in dem Augenblik bewußtlos. Und dieser Holder sah mich

sinken, mit der Gefahr seines Lebens erhielt er das meinige; kaum hatte er

aber dies gethan, als er sich entfernte, dem Dank auszuweichen. Aber izt

dank ich ihm in der Mitte meiner Verwandten, die mich durch ihn,

zurükempfangen.«

Der _Onkel_ sprachlos vor Erstaunen und Freude umarmte den wohlthätigen

_Unbekannten_, jeder folgte ihm darin nach, die Damen lispelten ihm etwas

Verbindliches und Rikchen drükte ihm sogar die Hand.

»Nu, was zu bunt ist, ist doch zu bunt!« rief der alte Graf, nachdem der

erste Taumel vorüber war. »Wir müssen mehr davon plaudern; allons, Stühle

zusammengerükt und die Pfeifen wieder angezündet! -- I, i, in aller Welt,

wie hätt' ich mir das träumen lassen können!«

»Mich wundert's nur,« sagte die ältliche Dame; »daß Sr. Durchlaucht den

Herrn _Holder_, wegen der glüklichen Kur, nicht in den _Adelstand_ zu

erheben geruht haben.«

»Ja wohl,« sprach der Onkel treuherzig: »in den _Grafenstand_ hätt' ich den

wohl erhoben, der mir das Leben gefristet hätte. Das nenn' ich mir doch

Undankbarkeit!«

»Was und wozu Adel- und Grafenstand?« rief _Florentin_ enthusiastisch

dazwischen: »all das Flittergepuz kann doch den Mann von Talenten nicht um

ein Haar größer machen. Ich gäbe meine gräflichen Insignien mit tausend

Dank obendrein hin, wenn ich mir auf solche Art Welt und Nachwelt

verpflichten könnte. _Holder_ fühlt sich gewiß schon darum belohnt, weil

er, und kein andrer, _Holder_ ist. Und was es am Grabe unaussprechlich süß

sein muß wenn man sagen kann: _die Welt ist mir mehr, als ich ihr

schuldig!_ --«

»Wie der Junge nun da schwärmen kann!« fing der _Onkel_ an: »aber trösten

Sie sich, Herr _Holder_, die Welt anjezt ist einmal so undankbar, so arg --

wir machen uns bei der Nachwelt Schande über Schande. Nicht dumm, nicht

eigensinnig war das XVIII. Jahrhundert, werden unsre Nachkommen sagen:

sondern schnurgeradehin toll war's. Wenn ich's so recht bedenke, mein Seel,

so ärgert's mich, daß ich nicht vier, fünf hundert Jahre später lebe --

dann muß es doch alles ganz anders geworden sein. O, die _glükliche

Nachwelt_!«

So schwazte man den Abend hin; bis die Gesellschaft aus einander schied,

und jeder sich in die weichen Arme des Schlafes warf.

Drittes Kapitel.

Der Onkel beweiß't daß er Graf sei.

_Florentin_ schlief seit drei Jahren zum erstenmahle wieder in den

väterlichen Zimmern, wo er die Freuden seiner Jugend empfand, als Kind mit

der Puppe spielte, als Knabe den Nepos las, und als Jüngling hohe

schwindelnde Entwürfe in seinen Träumen realisirte.

Als das Morgenroth durch die zitternden Gardinen seines Fensters spielte,

sprang er auf vom Lager, wikkelte sich in seinen Schlafrok und öfnete den

Flügel eines Fensters.

Wie schön die Natur nun da ausgegossen lag vor seinen Bliken, erquikt durch

das vergangne Gewitter. Eine Sonne emporschwimmend hinter den fernen,

blauen Waldeswipfeln; eine Sonne an jedem bethauten Hälmchen! -- Jeder

Strauch, jeder Baum, jedes Geländer war ein alter Bekannter; jedes Thal,

jeder Hügel, jedes umbüschte Bächlein ein Mitkundiger seiner vergangner

Freuden.

Nein, denkt er, nirgends scheint doch unsers Herrgotts Sonne,

So mild, als da, wo sie zuerst mir schien.

So lachend keine Flur, so frisch kein andres Grün!

Du kleiner Ort, wo ich das erste Licht gesogen,

Den ersten Schmerz, die erste Lust empfand,

Sei immerhin unscheinbar, unbekannt,

Mein Herz bleibt ewig doch vor allen dir gewogen,

Fühlte überall nach dir sich heimlich hingezogen,

Fühlt selbst im Paradies sich doch aus dir verbann![A]

Jezt schmiegten sich an die rosigen Bilder seiner Kindheit die Szenen von

gestern. _Onkel_, _Rikchen_, und der unbekannte _Holder_! -- Alles alte

Bekannte und alte Lieblinge seines Herzens, und ihm izt noch so neu, so

lieb, als hätt' er gestern erst mit diesen schönen Seelen den Liebesbund

geschlossen. --

Der _Fremde_ ging über ihm schon auf und nieder; _Florentin_ säumte also

keine Minute, zu ihm hinauf zufliegen, und den wärmsten Morgengruß zu

grüßen.

Florentin. Sie sind schon früh auf?

Holder. Nicht sehr früh -- ich habe seit einer halben Stunde aus dem

Fenster gesehen.

Florentin. Nicht wahr, ist es nicht ein schöner Morgen und eine schöne

Landschaft?

Holder. Sie haben recht; besonders wenn die Seele so hell, als dieser

Morgen, und so erquikt und heiter, als diese Landschaft ist. -- Ich empfand

sehr viel, als ich die prächtige Natur so in ihrem Erwachen belauschen

konnte. -- Und dennoch, glaub ich, nahmen meine Empfindungen einen ganz

andern Weg als die Ihrigen; -- ich bin _traurig_ geworden.

[Fußnote A: Der Oberon, neue Aufl. v. 1789, Stanze 21 und 22, Gesang IV.

Seite 75.]

Florentin. Kann Freude die Mutter des Schmerzes sein?

Holder. O wie so leicht, Herr Graf! -- Warum, dacht ich, leben in einer so

schönen Welt so häßliche Seelen? Warum sind doch mit der größten

Vollkommenheit die größten Mängel verbunden! --

Florentin. Eben dies gehört vielleicht mit zur Vollkommenheit -- und sind

diese Mängel Unvollkommenheiten, nun wohl, so dürfen wir hoffen daß sie, so

wie tausend Mängel vor uns, auch noch nach uns ausgemerzt werden. Wir

stehen zwischen Tag und Nacht -- die Nacht ist vergangen, der Morgen graut

schon, und den Genossen des künftigen, spätern Zeitalters ist's vielleicht

aufbehalten den Mittag in vollem Glanze zu sehn. --

Holder. Sie kommen auf die gestrige Idee Ihres gutmüthigen Onkels, da er in

Entzükkung rief: o, die glükliche Nachwelt! -- Es ist eine angenehme

Grille, daß die Bewohner des Erdenrundes sich noch gänzlich ihren

Unvollkommenheiten entreissen könnten, -- dennoch aber bin ich überzeugt,

daß ein Jahrhundert so glüklich und unglüklich, als das andere sein werde,

es sei früh, oder spät in der Weltgeschichte vorhanden! -- Doch ich bitte,

fahren Sie in ihrer schönen Schwärmerei fort Herr Graf!

Florentin. Vielleicht was wir izt Traum, Schwärmerei nennen, daß dieses

einst Wahrheit ist! -- Dann herrschen gute Fürsten über gute Unterthanen,

beide durch einander glüklich gemacht. Die Staaten blühen allesamt,

Gerechtigkeit wird gehandhabt, wie sie es werden soll; Richter lassen sich

dann nicht vom Golde das Auge blenden, wenn es Schuld und Unschuld

erforschen soll. -- Fürsten haschen dann nicht mehr nach dem Flitterglanz

kriegrischer Ehre; Städte, friedsame Dörfer, lachende Saaten zu verheeren,

nennt man Schandthat; wer Länder und Familien unglüklich macht, tausende

hinmorden läßt, um einen Titel oder vergeßne Ansprüche der Vorfahren auf

einen Strich Erde geltend zu machen, der heißt ein _gekrönter Mordbrenner_,

sein Lohn harrt auf ihn in jenen Tagen, welche jenseits des Grabes dämmern.

-- Den Landmann seh ich freudig hinter seinem Pflug hertreiben, ohne daß

Aberglaube über den Nakken desselben die tirannische Geißel schwingt. --

Denk- und Drukfreiheit herrschen, nur von den Schranken gesunder Vernunft

begränzt. -- Kein neidischer Zensor unterdrükt Schriften, die er, besser zu

verfertigen, nicht wagt. -- Der Biedre darbt nicht mehr, weil er bieder

ist; die Unschuld wird nicht gekränkt, weil sie hülflos dasteht, und dem

trauernden Bürger saugen keine Jahrlange Prozesse das Mark aus. -- Der

Edelmann sucht nicht mehr durch die Thaten der Ahnen zu glänzen, sondern

durch sich; schnellt nicht den armen Gläubiger mehr um Hab und Gut, und

glaubt nicht geboren zu sein, in diesem und jenem Leben die bürgerliche

Kanaille zu scheren.[A] -- Niedrigdenkende Pfaffen schleichen nicht mehr im

Dunkeln umher, sich um Beichtkinder und Seelen zu betrügen, denn ihres

Amtes heilige Würde ist ihnen wohlbekannt; über dergleichen Pöbellaster

sind ihre Herzen erhaben. -- Die Psalmen _Klopstoks_ werden vom heiligen

Lehrstuhle gebetet werden; keine tolle Ostergelächter werden fürder das

Gotteshaus entweihen; das Volk wird von der Kanzel und Bühne Religion

hören. -- Wollust, Knabenschänderei und Selbstschwächung werden allgemein

verflucht; und Schamhaftigkeit und Ehre eines Mädchens ist Männern und

Jünglingen heilger und werther, denn die köstlichste Mitgift. --

Leibeigenschaft ist des Staates Fluch; jeder Mensch, auch der ärmste von

allen ist reich, denn sein ist der Gottheit goldnes Geschenk -- _Freiheit!_

geblieben. -- Unbärtige Junker, welche noch oft der Ruthe bedürfen, können

nicht mehr den Stoizismus der sklavischen Soldaten mit der Fuchtel

ermessen; denn _Soldatenstand_ ist nicht _Sklaven-_ sondern _Ehrenstand_.

-- Jünglinge beziehen Akademien und kehren nicht mit Lastern und Seuchen,

sondern mit Weißheit bereichert in das Haus der Eltern heim; erhalten

Aemter dem Staate zu nützen, die nicht auctionis lege den Meistbietenden

verfeilscht werden. -- Gelehrte, welche Sanftmuth und ewigen Frieden

predigen, zanken sich eben so wenig zum Skandal vom ganzen zuschauenden

Publikum über _leere Hülsen_, als Fürsten privilegirte Diebe, durch

Huldigung des Nachdruks, machen! -- O _Holder_! _Holder_! mein Onkel hat

Recht, wenn er ausruft: _glükliche Nachwelt!_

[Fußnote A: Der Sohn eines M***schen von Adel gab seinem Diener einst aus

adlicher Laune eine Ohrfeige. Dieser klagts der gnädigen Frau, und die

andächtige Dame tröstet den Beohrfeigten damit, daß wir dereinst im

Himmelreiche alle einander gleich sein würden. -- Der Diener wars

zufrieden, und als der Junker ihm zum zweitenmale eine erschütternde

Maulschelle spendete, brachte ers sogleich an Mann: »Junker, das soll so

lange nicht währen, im Himmel sind wir uns alle gleich!« -- »Was?« schrie

der Knabe, indem er zum Papa lief: »im Himmel wären wir uns alle gleich?«

-- »_Nein, mein Sohn,_« antwortete derselbe pochend: »_das leidet die

Ritterschaft nicht!_«]

Holder. (ihm froh die Hand drükkend) Sie sind ein vortreflicher junger

Mann, nicht Ihre Schwärmerei, aber das durch diese Schwärmereien

hervorschimmernde gute Herz macht Sie liebenswürdig -- Graf, bei Gott, Sie

verdienen -- ich weis Ihren ganzen Lebenslauf, all Ihre schöne Thaten. --

--

Florentin. (erröthend zurüktretend) Holder! -- schmeicheln Sie mir nicht,

ich bin ein junger Mensch! -- Könnt ich mir durch schöne Thaten etwas

verdienen, so wünscht' ich die Bewohner der Erde über fünf hundert Jahren

noch einmal zu sehn.

Holder. (in glühender Ekstase) Bei dem Ewigen, Heiligen, Verborgnen,

schwör' ichs, -- handle schön, handle schön, junger Mensch, und über fünf

hundert Jahren siehst Du mich wieder in Deutschland! --

Florentin sah bestürzt den Unbekannten an; sah sein glänzendes Auge

hochstarren bei dem fürchterlichen, seltsamen Schwur; sahe seine Lippen

beben, seine ernsten Gesichtszüge sich in himmlische Entzükkung verwandeln

-- und konnte sich nicht erklären, wer dieser _Holder_ sei, ob eine

Gottheit in menschlicher Gestalt, oder ein alltäglicher Enthusiast.

Eine unbekannte Simpathie zog beide aneinander; _Holder_ lag um _Florentin_

und _Florentin_ um _Holder_ -- die sanfte Morgenstille, das auf beider

Antlizzen schwimmende Osten-Roth verfeierlichte die Szene.

Der erste der sich aus dem Taumel der Empfindungen ris, war der Fremde;

denn _fremder_ wurde dieser Mann dem Florentin in jeder Minute; je länger

er ihn betrachtete, je räthselhafter derselbe erschien. Florentin warf sich

auf ein Sofa hin; Holder pakte zusammen und warf sich in seinen Reisehabit.

»Graf, ich habe Dir viel versprochen,« rief er nochmals dem träumenden

Jüngling zu: »aber bei der Wahrheit dessen der da ist und war und sein

wird, ich halte mein feierliches Wort, über Jahrhunderte siehst Du mich in

Deutschland wieder!«

In eben dem Augenblikke wurden sie beide zum Kaffeetische gerufen.

Sie fanden den _Onkel_ schon bei seiner Tasse, indem er das Morgenpfeifchen

mit Behaglichkeit rauchte. Friedrike fast neben ihm, in einem häuslichen

Negligée, welches das schlanke Mädchen noch dreimal schlanker machte. --

Der _Onkel_, der den _Fremden_ in Müzze, Pantoffeln und Schlafrok

erwartete, verwunderte sich mächtig, als er ihn im weißen Ueberrok, dem

runden Hute, gestiefelt und gespornt sah.

»Was Teufel, da fehlte ja wohl nur noch der rothe Mantel, und Sie wären

_reisefertig_! Oho! so haben wir nicht gewettet, Herr _Holder_!«

»Ich will Ihnen nicht länger beschwerlich fallen!«

»Was _beschwerlich_ fallen? Ein Mann, von dem man sogar in _Zeitungen_

schreibt, der kömmt nicht sobald wieder von mir, wenn er einmal in meiner

gräflichen Gewalt ist. -- Na trinken Sie!«

_Holder_ trank. Der _alte Graf_ eiferte fort.

»Mit einem Worte, Sie bleiben bei mir, so lange es mir gefällt, und mir

wirds lange gefallen, Sie mögen nun wollen oder nicht; Sie müssen!«

»Verzeihen Sie, Herr Graf, ich kann --«

Der Alte ließ _Holdern_ nicht ausreden, sondern stand auf, sezte seine

Tasse unausgetrunken nieder, winkte _Florentinen_, und marschirte

stillschweigends mit ihm zur Thür hinaus.

Friedrike. (in einer Weile, nachdem sie bald auf Ihre Tasse, bald auf den

Fremden gesehn.) Warum aber wollen Sie uns denn verlassen, Herr _Holder_?

Holder. (verwirrt) Warum?

Friedrike. (wieder nach einer Pause.) Gefällt es Ihnen bei uns nicht?

Holder. (Rikchens Hand nehmend.) Ach, sowohl! sowohl -- aber (mit

niedergeschlagenen Augen) ob ich auch Ihnen -- Ihnen -- und Ihrem Onkel und

Ihrem Bruder gefalle! --

Friedrike. Je mein Gott -- warum sollten Sie denn nicht?

Holder. (ihr ins Auge blikkend.) Sollt ich wohl, liebes Fräulein!

Friedrike. (von der Seite sehend.) Ganz gewiß!

Holder. Wenn es wahr wäre! wenn es wahr wäre, so wünscht' ich, wohl ewig

hier zu sein!

»Ich glaub es Ihnen leicht!« erwiederte das unschuldige Mädchen, und über

ihr ganzes Gesicht schwamm die liebenswürdigste Röthe.

Mit einemmale hörte man einen fürchterlichen Tumult im Schloshofe; man

rannte durch einander her; die Thore wurden zugemacht; ein ewiges,

verworrnes Fragen und Rufen, und Klirren der Klingen wie Degenklingen,

füllte die Luft.

In eben der Minute trat der _Graf_ mit seinem _Neffen_ sehr ernsthaft

herein; er wandte sich zu _Holdern_ und sprach »jezt will ich Ihnen

beweisen, daß ich ein _Graf_ bin! kommen Sie her ans Fenster und sagen Sie

ob es Ihnen noch gelüstet zu echapiren!«

Sie traten alle ans Fenster -- Knechte, Mägde, Hirten und Bauern standen

bewafnet da, mit verrosteten Hirschfängern, alten Flinten, Sensen, Stangen,

Prügeln und Aexten, und sahn ängstlich bald aufs Schlos, bald auf die

verriegelten Pforten, als befürchteten sie eine förmliche Belagerung. Der

Verwalter lies sich als Kommendant unter ihnen sehn; er hatte in der Eil

den Degen an die rechte Seite geschnallt, und lief in seiner Angst auf und

nieder. Ein alter Bauer fragte ihn, was es zu bedeuten hätte, daß sie hier

stehn müßten? »Je, mein Gott, rief der Kriegesmann, und klapperte mit den

Zähnen vor Bangigkeit: bedenkt nur, ein rother Mantel will zum Thorwege

hinaus!« -- Ein _rother Mantel_? stammelte der ehrliche Bauer: den regiert

ja wohl, Gott sei bei uns, der Kobolt! -- »Das ist eben der Teufel, ich

begreifs selbst nicht!«

Mit Wohlgefallen lächelte der _alte Graf_ auf sein Kriegesvolk hinab, und

ließ dann _Holdern_ ein forschendes _Nun_ hören.

»Herr _Holder_ bleibt -- gern bei uns, Onkelchen!« sprach _Friedrike_ und

schmiegte sich freundlich an den Alten.

»So bald mich nicht fremde Verhältnisse zu einem andern Vorsaz hinzwingen,«

sezte _Holder_ hinzu: »bleib ich, so lange Sie mir erlauben!«

»Nun das war doch ein Wort;« entgegnete der Alte, mit einem herzlichen

Händeschütteln: »so muß man's machen wenn man was erpressen will! --

Allons, ihr tapfern Kriegesleute da unten, macht die Thore auf, und geht in

eure Ställe mit Frieden; der Rothmantel kömmt nicht!«

Viertes Kapitel.

Und -- das ist Liebe! -- -- --

_Holder_ blieb nun. Je länger man seines Umgangs genoß, je interessanter

wurde der Mann, je mehr man ihn kennen lernte, je weniger wußte man sich

aus ihm zu finden.

Er bat sich auf seinem Zimmer Schreibmaterialien aus; er erhielt sie. Mit

frühstem Tagesanbruch saß er schon in Papieren vergraben; zuweilen

arbeitete er in der Nacht; keiner aber erfuhr woran, oder worin! Er schikte

viel Briefe ab; und erhielt noch mehr zurük. -- _Florentin_ fand einst ein

zerrißnes, von seiner Hand beschriebnes Blättchen, aber die Schriftzüge

darinnen waren ihm unbekannt.

Den Tag über unterhielt sich _Holder_ mit dem _alten Grafen_ bald, und bald

mit _Florentin_, oder dessen _Schwester_. Bisweilen durchirrte man Arm in

Arm die Saaten; sah den geschäftigen Landleuten in ihrer Arbeit zu; -- oder

man ging in den Wald, oder auf einen benachbarten Hügel, von welchem sie

oft alle viere der Sonne prächtiges Untersinken anschauten. In trüben,

regnichten Tagen saßen sie in einem Zimmer beisammen; _Florentin_ oder

_Holder_ lasen vor. Die Bücher gehörten meistens in _Friedrikchens_

Bibliothek, die sie von ihrem Bruder während seiner Universitätsjahre

erhalten hatte. --

Bald las man _Wielands Simpathien_; bald schwärmte man in den neblichten,

wilden Thälern der alten Schotten umher, und hörte _Ossians_ Harfe zu

_Fingals_ Thaten tönen; bald war _Kronegk_, bald _Gellert_, bald _Klopstok_

oder _Geßner_ ihrer Unterhaltung Stof.

Nach einigen Wochen mußte sich der junge _Florentin_ von diesem

liebenswürdigen Zirkel trennen, an welchem sein ganzes Herz hing; mußte die

benachbarten Edelleute, entlegen wohnende Tanten und Basen besuchen, welche

ihn nun wieder einmal nach drei Jahren zu sehen wünschten.

Man pakte alles Nothwendige für ihn ein; _Rikchen_ stekte in jedem leeren

Winkel seines Mantelsaks kleine Naschwaaren, von welchen sie wußte, daß

_Florentin_ sie gern hatte; der Onkel beschwerte sein Gedächtniß mit

hundert Grüßen und beiläufigen Bestellungen an Verwandte und Bekannte, und

_Holder_ ermahnte seinen Freund eingedenk jenes schönen Morgens zu sein,

und eingedenk der Worte: »_handle edel!_«

Es war ein dunkler, trüber Morgen, als Florentin von seinen Freunden

schied. Alle standen um ihn her in geheimer Wehmuth; jeder sah den guten

Jungen mit feuchten Augen an -- es war, als schwebte um ihnen eine dumpfe,

verborgne Ahndung. -- _Holder_ konnte sich lange nicht von dem

liebenswerthen Jüngling trennen, »leb wohl! lispelte er ihm, nach einem

Kusse, leise ins Ohr: vielleicht findest du mich nicht mehr, wenn du

zurükkömmst!«

_Florentin_ selber wurde zulezt weichmüthig. Er stieg mit Thränen auf sein

vorgeführtes Pferd, und ritte mit seinem Knecht von hinnen. Noch, da er

schon funfzig Schritt entfernt war, rief er mit gebrochnen Tönen zurük:

»Ihr Lieben, laßt mir _Holdern_ nicht fort -- _ich muß ihn wiederfinden!_«

--

Alle riefen ihm ein lautes _Ja_ nach, und in dem Augenblikke verschwand er

aus ihren Blikken.

Jeder schlich bis in das Innerste bewegt zurük; dem _Onkel_ schmeckte den

ganzen Vormittag das Pfeifchen nicht; Rikchen konnte nicht strikken, nicht

lesen; -- _Holder_ wühlte in den dumpfen Molltönen des Fortepiano's. --

Das Mittagsessen schmekte nicht; mismüthig sezte man sich zum Kaffee

nieder.

»Aber sagt einmal,« hub endlich der _Onkel_ an; »sind wir nicht recht große

Narren, daß wir da kopfhängrisch, jeder in seinem Winkelchen, sizen? Der

Junge kömmt ja in vier, sechs, acht Wochen wieder, und die vergehen bald;

wozu denn nun gemault? -- Was wird nicht endlich _dann_ geklagt, geseufzt,

geeinsiedlert werden, wenn ich ihn auf _Reisen_ schikke? 's mus doch so

sein!«

Die Vorstellungen des _Alten_ gewannen Eingang bei den jungen Leuten; man

suchte sich zu zerstreuen, die Gesichter und Seelen wieder aufzuklären.

»Ich verliere;« fuhr der Onkel fort: »ich verliere bei seiner kurzen

Abwesenheit so wenig, als ihr. Kömmts auf einen seelenvollen Discours an,

je nun, so hab ich einen Mann, von dem die Zeitungen sogar reden. Und will

sich Herr _Holder_ nicht mit einem alten Manne länger unterhalten, so sucht

er _Rikchen_, und du, Rikchen, und du, wirst, denk ich, mit uns beiden auch

wohl zufrieden sein dürfen. Nun also, was verlangt ihr mehr?«

_Holder_ und _Rikchen_ warens zufrieden; sie stimmten völlig dem _Onkel_

bei, und wünschten dem Bruder _Florentin_ eine glükliche Reise.

_Holder_ hatte in der Zeit, welche er auf dem Duurschen Schlosse zugebracht

hatte, das unschuldige, schöne Mädchen genug kennen gelernt, um sie -- zu

lieben, und _Rikchen_ war dem Herrn _Holder_, troz seines immer ernsten

Gesichts, schon in den ersten paar Tagen nicht böse gewesen. Also? -- --

»Ach,« sagte Rikchen in der Dämmrungsstunde des Abends, da ihr Oheim noch,

wie gewöhnlich, auf der Jagd war: »ach, Herr _Holder_, warum hat Sie das

Ohngefähr nicht früher zu uns gebracht! Sie glauben gar nicht, wie mir doch

manchmal die Zeit lang, und alles so leer, so unangenehm geworden ist?«

Und izt nicht mehr, liebes Fräulein?

»Gewiß nicht mehr. Es ist mir, als hätte sich alles, alles hier, seit Ihrer

Ankunft, verwandelt. Jedes Zimmer, jeder Spaziergang, jede Tageszeit ist

mir izt angenehmer. Man sollt es sich nicht vorstellen, wie es möglich

wäre, daß eine neue Gesellschaft auch alle Gegenstände verneuen könnte!«

_Holder_ wurde roth, er laß in dem Herzen des Mädchens; sie aber bemerkte

es nicht, denn es war dunkel.

»Und wie das Ohngefähr so sonderbar spielt! just der rothe Mantel mußte Sie

zu uns bringen.«

Dafür ich dem Ohngefähre nicht genug danken kann.

»Ist das Ihr Ernst?«

Mein vollkommner Ernst.

»Ach, wenn _das_ wäre! aber Sie sagen das gewis nur aus Höflichkeit. Denn

was könnten Sie bei uns Intressantes antreffen, was Sie, ich sage, ein

Herr, wie Sie, nicht allenthalben antreffen sollten?«

O doch, Fräulein, doch manches, was ich nicht allenthalben gefunden habe.

»Zum Beispiel?«

So gute, liebenswürdige Karaktere -- eine solche schöne Freundin, wie --

Sie.

»Wie mich? Sie scheuen; haben Sie noch gar keine Freundin gehabt?«

Gehabt? o ja, _gehabt!_ aber eine Freundin, von der ich wünschte, daß sie

immer die meinige wäre, noch nie!

»Wünschen Sie das auch im _Ernst_?« _Holder_ nahm _Rikchens_ Hand in die

Seine, und drükte sie schüchtern; Sollten Sie zweifeln können?

»Nun gut, so -- so will ichs sein, aber« -- --

Aber?

»Aber ich wünsche auch, daß Sie immer mir -- Freund blieben.«

So wahr ein Gott über uns waltet, ja, ich werd es bleiben! -- -- O Fräulein

-- o Rikchen -- doch werden Sie auch nicht böse, wenn ich Sie so

vertraulich nenne?

»Wer über solchen _Namen_ böse wird, ist gewis noch nicht gut gewesen.«

Sie lieben -- lieben mich also? ist es gewis?

Rikchen erschrak bei dem Worte lieben. Ihr _Onkel_ hatte ihr oft gesagt;

Rikchen, liebe keine Mannsperson, ohne mein Vorwissen, oder du machst dich

unglüklich. Freundin kannst du jedem, nur nicht jedem Geliebte sein! Dabei

malte der alte Mann ihr das Ding _Liebe_ mit so fürchterlichen Farben vor,

daß das unschuldige Mädchen mit Hand und Mund gelobte, nie die Sünde der

Liebe zu begehen.

»Lieben?« stammelte sie _Holdern_, und wollte das Händchen zurükziehn, und

konnt es nicht.

»Und -- das ist _Liebe_?« -- -- --

Verzeihen Sie, Fräulein, ich habe Sie beleidigt, mit ahndet es -- verzeihen

Sie mirs! sagte _Holder_, ließ ihre Hand selber loß, stand auf, und wollte

fortgehen.

Rikchen lief hinter ihm her, faßte ihn mit beiden Armen um, ihn

festzuhalten, und freilich, solche Banden waren zu fest für ihn, als daß er

sich so leicht hätte loßreissen können.

»Was wollen Sie denn? Sie haben mich ja nie beleidigt, aber wenn Sie von

mit gehn, so« -- --

Ich bleibe.

»Und sind doch nicht böse?« sagte sie in langsamer, bittendem Tone, indeß

sie ihn noch immer in der Umarmung festhielt.

Nicht böse! -- gab er zur Antwort und sank an ihren Hals. Sein Herz pochte

in süßer Angst; seine Hände zitterten, welche das Heiligthum umfaßten;

seine ganze Seele war Gefühl der Liebe. Seine Stirn ruhte auf ihrer Achsel,

und ihr Mund war seiner Wange zu nahe, um nicht einen leisen Kuß auf

dieselbe drükken zu sollen.

_Holder_ fühlte auf seiner Wange die Lippen des Mädchens; er bog sich

zurük, begegnete ihrem Munde -- die Dämmrung des Abende, die Stille der

Einsamkeit machten ihn kühn -- er küßte, wurde wieder geküßt, und seine

Seeligkeit begränzte die Seeligkeit der Engel.

Unter den tausend unglüklichen Schiksalen welche das menschliche Leben

verherben, weiß ich keines das _traurigste_ von allen zu nennen, aber von

den hundert frohen Loosen, welche wir aus der Urne des Fatums ziehen, ist

das schönste das _Loos der Liebe_, die Anzahl der Leiden ist groß, aber die

geringere Anzahl unsrer Freuden überwiegt dennoch jene am _innern_ Gewicht!

Fünftes Kapitel.

Ein langes Gesicht.

_Holder_ und _Rikchen_ hörten des _Onkels_ Stimme. Hurtig flogen sie

auseinander und dem Alten entgegen; der so eben ins Zimmer hereintrat.

»Und noch so im Dunkeln? _Rikchen_, kommandire Licht!«

Der _Onkel_ sprachs, _Riekchen_ hüpfte zur Thür hinaus, und _Holder_ half

dem _Grafen_ beim Ausziehen.

»Es darf Ihnen nicht gereuen, _Holderchen_, daß Sie heut zu Hause blieben;

hab' mein Seel nichts, als eine wilde Ente geschossen!«

Ich bedaure Sie.

»Ja, sehen Sie, Freundchen, das mus sich ein Jägersmann, wie ich, nun schon

gefallen lassen. Nun, Sie haben doch keine Langeweile gehabt?«

Im geringsten nicht, Herr Graf.

»Nun, ich denke auch. Wovon haben Sie mit dem Mädel geschwazt? darf ichs

wissen?«

_Holder_ war verlegen. Ich habe, sagte er; wir sprachen von -- von, wie

soll ichs nun gleich nennen, von -- von -- -- einer ziemlich

philosophischen Materie.

»Philosophischen Materie? Poz Bliz, weiß denn Rikchen da mitzuplaudern? 's

ist ja nur ein Mädchen! -- doch nicht etwan davon, worüber wir uns gestern

beim Kaffee stritten, und da ich Recht behielt, von den Menschen im Monde?«

Ich bitte um Verzeihung, der Stof war ganz neu.

»Je, was Sie sagen! nun und der war?« --

Eine Hypothese, von der Sie sich, Herr Graf, und kein Philosoph, so lange

es Philosophen gegeben hat, etwas träumen ließ. --

_Holder_ suchte hierdurch Zeit zu gewinnen, sich auf etwas zu besinnen, und

des _Grafen_ Neugier wurde immer mehr gespannt. --

»Nun so sagen Sie doch!«

Ich behauptete, daß unser Erdenball und wir lebendige Geschöpfe auf

demselben, nicht sowohl um _unsrer selbst_ willen von der Gottheit

geschaffen waren, sondern daß wir vielleicht _höherer Wesen_ willen

vorhanden sein könnten!

»Wie war das? was? warten Sie, ich muß das noch einmal durchdenken. -- Aber

warum denn für höhere Wesen?«

Daß dergleichen höhere Geschöpfe vorhanden sind, ist so gewiß, als unsre

Unsterblichkeit -- das heißt, sie sind _höchst wahrscheinlich_. Daß diese

Wesen edlere Freuden geniessen, und nicht wie wir, an bloße Sinnlichkeit

gebunden sein müssen, folgt schon uns dem Begriff _höherer Wesen_; es ist

also leicht möglich daß wir ihnen das sind, was uns unsre Schauspieler

sind. Wir lernen von den selben Moral und gute Sitten, _sie_ von uns höhere

Einsichten in die Natur der Welt, der Gottheit, des Geisterreichs, _wie_

sie dies lernen, ist uns bei unsern kleinlichen, armseeligen Ideen eben so

unbekannt, als manchem lüderlichen Komödianten, daß man durch das

Schauspiel ein besserer Mensch werden könne.

»Wir wären also für andre geschaffen? wir nicht unsrer selbst wegen?«

Sollt' es nicht möglich sein?

»Das wäre mir aber sehr ungelegen.«

Und wenn es das ist, was wollen wir machen? wir sind ja zu schwach; wir

können uns ja so wenig wider den Schöpfer unsers Daseins auflehnen, als der

Wurm im Staube wider uns sich empören kann, wenn wir Laune haben, ihn zu

zertreten. -- Und warum lies uns Gott jene Gegenden jenseits des Grabes

dunkel? weil wir auf solche Art derselben gar nicht bedürften. --

»Das wäre aber, mein Seel, schreklich!«

Freilich wenn wir positive Gewisheit davon hätten; aber so müssen wirs uns,

nach dem Willen des grösten Wesens, gefallen lassen, im dunkeln zu

schwanken, und die Hofnung zu unsrer Trösterin zu nehmen.

»Aber könnt' ich nicht murren, könnt' ich nicht sagen? Warum schufst Du

mich zur Glükseeligkeit andrer Wesen, o Gott, warum machtest Du mich nicht

auch zu einem von ihnen? Du bist nicht der Allgütige! könnt' ich so nicht

sprechen?«

Nein, Herr Graf, weil Ihnen doch immer die Gewisheit fehlt, weil Sie sich

doch von Ihrer Fantasie eine andre Hofnung geben lassen, und Ihre Klagen

Ihnen über dies eben so wenig nützen würden, als dem Bauer, dem Bettler,

welcher beweint, daß er nicht König geworden. Die Weisheit Gottes hat es so

angeordnet, daß wir, auch wenn sich die Sache, wie oben gesagt, verhielte,

doch zufrieden mit unsrer Lage sein können, so wie der Vogel in der Luft

mit der seinigen.

Ein Bedienter brachte izt Licht; _Friederikchen_ tanzte hinter ihm, ging

zum _Onkel_ und zerstörte durch ein Duzzend Fragen beinahe die ganze

Aufmerksamkeit und Gegenminirung des gräflichen Philosophen, hätte dieser

nicht gleich bei der ersten Silbe seine Hand auf ihren Mund gelegt.

»Rikchen wir sprechen izt von den ernsthaftesten Dingen, zu welchen

Nachdenken erfodert wird -- also, sei ein Weilchen still, und stopf' mir

indeß eine Pfeife -- Sie aber, reden Sie doch weiter.«

Das Fräulein stopfte den Meerschaumkopf und schielte nach _Holdern_;

_Holder_ sammelte neue Gedanken und der _Onkel_ starrte sinnend vor sich

hin.

In dieser Hypothese, fuhr _Holder_ fort, lassen sich die philosophischen

Systeme vieler alten und neuern Selbstdenker vereinigen. Einige läugnen,

zum Beispiel, die _Freiheit unsers Willens_, und wie sichs von so großen

Männern nicht anders vermuthen läßt, nicht ohne Gründe. Nur auf die

wichtige Frage, _zu welchem Ende sind wir Marionetten?_ wußten sie wenig

oder gar nichts zu antworten. Allein obige Muthmassung, daß wir nicht für

uns existiren, lößt alles auf.

»Wahrhaftig, da haben Sie wieder Recht!«

Andre verwerfen die _Unsterblichkeit_ der Seele. Man sezt ihnen wichtige

Argumente entgegen, aber sie wehren sich durch; nur auf die Frage; wo

bleibt beim Mangel der Unsterblichkeit _Plan der Schöpfung, Weisheit

Gottes_, höchste _Vollkommenheit_? verstummen die Herren gewöhnlich. Nimmt

man aber meine Hypothese an, so ist, auch wenn unsre Seelen sterblich sind,

dennoch Plan in der Schöpfung --

»Hören Sie, _Holderchen_, vor izt sollen Sie Recht haben, aber nach dem

Essen nicht mehr, dann werde ich wider Sie und Ihre Hypothese streiten,

darnach richten Sie sich ein.«

Der _Onkel_ zündete die Pfeife an und Rikchen trippelte näher.

»Aber,« hub der Graf von neuem an: »wie haben Sie sich denn über solchen

kritischen Gegenstand mit Rikchen unterhalten können?«

Holder. Wir sprachen nur eine kurze Zeit darüber.

Onkel. Kannst Du denn so was begreifen, Mädchen?

Rikchen. Wovon _Sie_ sprachen nicht ein Wort; wovon aber _wir_, (sie zeigte

auf Holdern) sprachen, ja. Wenn _Sie_ sonst von der Liebe redeten,

Onkelchen, da verstand ich nichts, aber -- --

Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 1/3 · 第 1 / 46 题