G.

41.

Weimar den 4. Oktober 1782.

Vor das viele Gute was du zeither an uns gethan hast, habe ich dir noch

nicht danken können, und auch iezo habe ich nicht so viel Sammlung um

dir etwas dagegen von dem meinigen zu geben, denn daß man immer von dir

empfängt bist du gewohnt.

Die kurze Schilderung der Personen die du auf deiner Reise im Fluge

berührtest, hat mir viele alte Bekanndtschaften neu und mich auf

unbekante aufmerksam gemacht. Was du von dem Fürsten von Dessau sagst

bestätigt mein Verhältniß zu diesem würdigen Manne noch mehr. Zwar sind

wir bisher einander noch nichts geworden, und ich bin alle Tage auch

gegen gute und trefliche Menschen weniger andringend, genug wenn man

weiß daß eine schöne und große Natur irgendwo existirt, und daß man sie,

wie es so tausendfältig geschieht, nicht verkennt.

Der erste Theil deiner Bekenntniße, wie ich sie nennen will, hat mir

großes Vergnügen gemacht. Es ist immer sehr intereßant dergleichen zu

lesen, ob ich gleich wieder dabey die Bemerkung gemacht habe, daß wenn

ich so sagen darf, der Leser eine eigene psychologische

Rechnungsoperation zu machen hat um aus solchen Datis ein wahres Facit

heraus zu ziehen. Ich kann meine Idee iezo nicht auseinander legen, nur

so viel davon: Das was der Mensch an sich bemerkt und fühlt, scheint mir

der geringste Theil seines Daseyns. Es fällt ihm mehr auf was ihm fehlt,

als das was er besizt, er bemerkt mehr was ihn ängstiget, als das was

ihn ergözt und seine Seele erweitert; denn in allen angenehmen und guten

Zuständen verliert die Seele das Bewußtseyn ihrer selbst, wie der Körper

auch und wird nur durch unangenehme Empfindungen wieder an sich

erinnert; und so wird meistentheils, der über sich selbst und seinen

vergangenen Zustand schreibt, das enge und schmerzliche aufzeichnen,

dadurch denn eine Person, wenn ich so sagen darf, zusammenschrumpft.

Hierzu muß erst wieder das, was wir von seinen Handlungen gesehen, was

wir von seinen Schriften gelesen haben chymisch hinzugethan werden und

alsdann entsteht erst wieder ein Bild des Menschen, wie er etwa mag seyn

oder gewesen seyn. Dieß von vielen tausend Betrachtungen Eine.

Daß du mir in deinem Briefe noch einmahl den innern Zusammenhang deiner

Religion vorlegen wolltest, war mir sehr willkommen, wir werden ia nun

wohl bald einmal einander über diesen Punkt kennen und in Ruhe laßen.

Großen Dank verdient die Natur, daß sie in die Existenz eines ieden

lebenden Wesens auch so viel Heilungskraft gelegt hat, daß es sich, wenn

es an dem einen oder dem andern Ende zerrissen wird, selbst wieder

zusammenfliken kann; und was sind die tausendfältigen Religionen anders

als tausendfache Aeußerungen dieser Heilungskraft. Mein Pflaster schlägt

bey dir nicht an, deins nicht bey mir, in unsers Vaters Apotheke sind

viel Recepte. So habe ich auf deinen Brief nicht zu antworten, nichts zu

widerlegen, aber dagegen zu stellen habe ich vieles. Wir sollten einmahl

unsere Glaubensbekenntniße in zwey Colummen neben einander sezen und

darauf einen Friedens- und Toleranzbund errichten.

An Tischbeinen habe ich heute geschrieben und ihn an dich gewiesen. Du

wirst meinen Brief wohl verstehen, aber er nicht ganz; ich kann ihm

weder gewähren noch verschaffen, was er gerne mögte, denn der Herzog von

Gotha siehts anders an und hat seine festgesezten Begriffe über die

Sache, auf die ich weiter nicht wirken kann. Rede ihm ia zu, daß er sich

besonders gegen Reifensteinen leidlich beträgt, denn dieser Mann hat

Einfluß auf die Großen. Freylich mag dem guten Tischbein, der Gott sey

Dank in weltlichen Dingen noch nicht geübt ist, so ein Verhältniß ganz

und gar fatal und unerträglich scheinen; indeß ist immer besser er weiß

so etwas voraus, und richtet sich einigermaßen darnach, als daß er in

seinem Wesen hingeht und wir in einem Jahr den Lärmen haben. Es wird

ohnedies nicht ganz ohne alles abgehen; du weißt es am besten lieber

Bruder, daß wo Menschen zusammen zu schaffen haben, es mehr oder weniger

Friktion giebt. Je älter man wird desto gewißer sieht man das wie und wo

voraus und kann sie doch weder bey sich selbst noch andern immer, so

gerne man wollte verhüten. Besonders treib ihn daß er fortkommt, denn

der Herzog ist schon über das Zaudern und über meine Vorstellungen, die

ich nicht gespart habe, verdrießlich. Wenn wir unter einander etwas

haben, so können wir herüber hinüber markten, ein großer Herr will

gehorcht seyn. Sie sind nicht alle wie der Herzog von Weimar, der ieden

gerne auf seine Weise das Gute thun läßt und doch daran Theil nimmt.

Adieu Bruder! Ohne Berührung sagst du ist keine Religion; ohne Berührung

ist keine Freundschaft. Lebe herzlich wohl alter Christe und grüße

Bäben.

Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783 · 第 49 / 54 题