36.
Arbeiten und Zerstreuungen haben mich abgehalten dir früher für deinen
Brief zu danken.
Ich bin geneigter als iemand noch eine Welt außer der sichtbaren zu
glauben und ich habe Dichtungs- und Lebenskraft genug, sogar mein
eigenes beschränktes Selbst zu einem Schwedenborgischen Geisteruniversum
erweitert zu fühlen. Alsdann mag ich aber gern, daß das alberne und
eckelhafte menschlicher Exkremente durch eine feine Gährung abgesondert
und der reinlichste Zustand in den wir versezt werden können, empfunden
werde.
Das mir überschickte Portrait gefällt mir ausnehmend wohl, und zeigt von
einem männlichen Mahler. Es ist wohlgesehen und wohl angelegt, Schade
daß er nicht Zeit gehabt hat es weiter auszuführen. Der Charackter
scheint mir sprechend und die Stellung gut gemahlt zu seyn. Nur hat es
mich wundern müßen, daß einige unbefangene Personen, und besonders ein
Kind, das sehr wohl organisirt, und in allen seinen Urtheilen über
sinnliche Dinge höchst zuverläßig ist, es nicht erkannt haben. Ich
machte darüber meine Betrachtungen, besonders da der Knabe auf einige
verwandte Gesichter rieth, und ich glaube es liegt vorzüglich in der
Farbe und in der mehreren Männlichkeit und Stärke der Züge die das
Original freilich nicht hat. Genug es gefällt mir so wohl, daß ich es
für mich behalten werde und danke dir also auf das Beste dafür.
Knebel ist hier weg und wird sich diesen Winter bey den Seinigen
aufhalten. Er ist die Ursache daß Tobler so lange gezögert hat. Dieser
wird nun bey dir angelangt seyn und dir mehr von uns erzählen können und
mögen als in vielen Briefen ichs nicht thun könnte, und dürfte. Ich
wünsche daß es ihm bey euch wohl gehen möge, welches, da er durch den
Genuß der weitern Welt ziemlich verwöhnt seyn mag, vielleicht im Anfange
schwerer halten wird.
Mit dem nächsten Postwagen geht an B. der vollendete zweyte Ackt meines
Taßo ab. Ich wünsche daß er auch für dich geschrieben seyn möge.
Die Unruhe in der ich lebe läßt mich nicht über dergleichen
vergnüglichen Arbeiten bleiben, und so sehe ich auch noch nicht den Raum
vor mir die übrigen Ackte zu enden. Es geht mir übrigens wie es den
Verschwendern geht, die in dem Augenblicke, wenn über Mangel an
Einnahme, überspannte Schulden und Ausgaben geklagt wird, gleichsam von
einem Geiste des Widerspruches außer sich gesezt, sich in neue
Verbindungen von Unkosten zu stürzen pflegen.
Auf deinen Pilatus bin ich sehr begierig, schicke wenn du kannst und
willst ein Stück davon.
Die Frau von der Lühe habe ich in Gotha gesehen. Sie findet sich nach
ihrer Art daselbst wohl. _Er_ ist eine sehr gute Art Menschen,
verständig und gewißenhafft. Man legt ihm keine Hinderniße bey seiner
Erziehung in den Weg, und der Herzog beträgt sich auf das Beste gegen
ihn.
Auf unserer Zeichnungsakademie habe ich mir diesen Winter vorgenommen
mit den Lehrern und Schülern den Knochenbau des menschlichen Körpers
durchzugehen, sowohl um ihnen als mir zu nuzen, sie auf das merckwürdige
dieser einzigen Gestalt zu führen und sie dadurch auf die erste Stufe zu
stellen, das bedeutende in der Nachahmung sichtlicher Dinge zu erkennen
und zu suchen. Zugleich behandle ich die Knochen als einen Text, woran
sich alles Leben und alles menschliche anhängen läßt, habe dabey den
Vortheil zweimal die Woche öffentlich zu reden, und mich über Dinge die
mir werth sind mit aufmerksamen Menschen zu unterhalten. Ein Vergnügen
welchem man in unserm gewöhnlichen Welt-, Geschäfts- und Hofleben
gänzlich entsagen muß. Diejenigen Theile die abgehandelt werden,
zeichnet alsdenn ein ieder und macht sie sich zu eigen. Dabey habe ich
mir vorgenommen das Wort Phisiognomik und Phisiognomie gar nicht zu
brauchen, vielmehr die Ueberzeugung davon durch die ganze Reihe des
Vortrages einem jeden einleuchten zu laßen.
Vielleicht kann dir etwas von dem was ich bey näherer Betrachtung der
thierischen Oekonomie bemerke, zu deinen Arbeiten in der Folge einen
nüzlichen Beytrag geben.
Weimar den 14. Nov. 1781.