G.

19.

Ich kann nicht weiter gehn ohne dir über eine Idee zu schreiben die mir

sehr am Herzen liegt. Du weißt wie wichtig in vielem Betracht diese

Reise dem Herzog gewesen ist, und wie gewiß eine neue Epoche seines und

unsers Lebens sich davon anfängt. Wenn wir nach Hause kommen, so lebt er

wieder in seinen Gärten und Gebüschen fort, dorthin an einen schönen

Plaz möcht ich ihm ein Monument dieser glücklich vollbrachten Reise

sezen, das ihm in guten Augenblicken eine fröhliche Erinnerung wäre. Es

sind auch Nebenabsichten dabey. Ueberall spielt man iezt mit Monumenten

und Urnen, deren leere Hälse und Bäuche ihm immer fatal gewesen sind. In

den kleinen Anlagen die er gemacht hat, steht noch gar nichts

dergleichen, dieses wär' das erste und wahrhafftig wahre, denn wir haben

unterwegs mancherley Anlaß gehabt, dem guten Glück einen Stein der

Dankbarkeit zu wiedmen, und das ^ex voto^ ist keine blose Phrase. Wir

haben bey uns einen Bildhauer, einen Mann von leichtem Begriff und

schneller Hand, der sich täglich durch das Studium der Natur und der

Antike bessert, dem es aber an Imagination fehlt, und der wenn man ihm

so was überläßt, wie andere seines gleichen in den neuen, leeren

^Decorations^ Gusto verfällt. Zu diesem Monument habe ich in meinem Kopf

allerley Gedanken und Bilder herum getrieben, und mir etwas, was ich

durch die Künstler die um mich sind, könnte zusammen posseln lassen

herbey gesucht, doch seh' ich zum Voraus, es wird eine Plakerei geben,

und am Ende doch was Schwaches und Halbes herauskommen. Immer, seitdem

mich der Gedanke beschäfftigt, habe ich gewünscht: du möchtest Füeßly

bereden können, daß er aus seinem ungeheuren Reichthum etwas zu diesem

guten Werke herüber gäbe! das ist der einzige Weeg, wenn alsdann unser

Bildhauer nicht ganz von Gott verlassen ist, daß wir etwas

auserordentliches und wills Gott vollkommenes kriegen können.

Mein erster Gedanke war so: Ich wollte dem Monument eine viereckigte

Form geben, etwas höher als breit, wie man in den alten Ueberbleibseln

dergleichen Steine mit einem eingekerbten Dach findet. Von drey Seiten

sollte iede eine einzelne bedeutende Figur, und die vierte eine

Innschrifft haben.

Zuförderst sollte das gute heilsame Glück stehen, durch das die

Schlachten gewonnen und die Schiffe regiert werden, günstigen Wind im

Naken, die launische Freundinn und Belohnerin kecker Unternehmungen mit

Steuerruder und Kranz; im Felde zur Rechten hatte ich mir den Genius,

den Antreiber, Wegmacher, Wegweiser, Fakelträger muthigen Schrittes

gedacht. In dem Felde zur Linken sollte ^Terminus^, der ruhige

Grenzbeschreiber, der bedächtige, mäsige Rathgeber stillstehend mit dem

Schlangenstabe einen Gränzstein bezeichnen -- Jener lebend rührig

vordringend, dieser ruhend sanft, in sich gekehrt, zwey Söhne einer

Mutter -- der ältere iener, der iüngere dieser. Das hinterste Feld hatte

die Innschrifft:

^FORTUNAE

DUCI REDUCI

NATISQUE

GENIO

ET

TERMINO

EX VOTO.^

Du siehst was ich für Ideen dadurch zusammenbinden wollte. Es sind keine

Geheimnisse noch tiefe Räthsel, aber sowohl auf dieser Reise als im

ganzen Leben sind wir diesen Gottheiten sehr zu Schuldnern geworden. Das

erstemal daß wir nach einer langen, nicht immer fröhlichen Zeit aus dem

Loche in die freye Welt kommen, zusammen den ersten bedeutenden Schritt

wagen, gleich mit dem schönsten Hauche des Glücks fortgetrieben zu

werden, in der späten Jahrszeit, alles mit günstiger Sonne und

Gestirnen. Den ganzen Weg den wir machen begleitet von einem guten

Geiste, der überall die Fackel vorträgt, hierhin ladet, dorthin treibt,

daß wenn ich zurücksehe wir, zu so manchem das unsere Reise ganz macht,

nicht durch unsere Wege und Wollen geleitet worden sind, und dann am

Ende, daß wir auch durch den schönen Glückssohn bedeutet wurden, wo wir

aufhören sollten, wo wir einen Gränzbogen beschreiben, und wieder

zurückkehren sollten, das wieder einen unglaublichen Einfluß auf unsere

Zurückgelassenen hat, und haben wird. Das alles zusammen giebt mir eine

Empfindung die ich nicht schöner zu ehren weis, als womit alle Zeiten

durch die Menschen Gott verehrt haben.

Im Beywesen und Verzierungen dacht' ich manches anzubringen was eine

Schweizerreise, deren bester Theil zu Fuß gemacht worden, bezeichnete.

Wanderstab mit Eisen beschlagen, und mit Gemshorn zum Knopf. Gott weiß

was weiter.

Meine Gedanken wollt ich einigen Künstlern mittheilen, sie hinüber,

herüber mit ihnen durchtreiben, und sehen ob ihnen einer vielleicht

einen bessern Körper gebe. Seitdem ich aber bey dir Fueßlis lezte Sachen

gesehen habe, kann ich dich nicht loslassen, du mußt versuchen ob du ihn

bewegen kannst eine Zeichnung dazu zu machen. Den Gedanken und Entzweck

weißt du, den sag ihm ganz rein und einfach, und da es ihm fatal seyn

muß, wenn ihm iemand was vorerfinden oder angeben will, so geb ich gern

meine Form des Ganzen, meine einzelnen Figuren, und die Innschrifft dazu

auf, wenn er sich des Dings annehmen will. Er wird gewiß die Idee

stärker, gröser, treffender und neuer ausdrücken. Du müßtest ihn bitten,

er mag nun bey meinem Vorschlag bleiben oder nicht, daß er eine

bestimmte Zeichnung von der Form des Ganzen mit den Masen gäbe; auch so

von den einzelnen Figuren, und sie auf eine Weise zeichnete daß sich

leicht ein Basrelief darnach arbeiten liese. Vielleicht sind ihm, der

alles mit Geist und Feuer durcheinander arbeitet, die einzeln stehenden

Figuren widrig, er bringe sie zusammen auf eins wenn er will, allenfalls

nehme er statt des Vierecks eine runde Form, doch das würde freilig

wieder bey der Ausführung in Stein mehrere Hindernisse geben. Noch muß

ich dir dabey sagen, daß wir einen auserordentlich schönen lichtgrauen

sanften Stein, der an den Marmor gränzt und keiner Witterung weicht, zu

dieser Arbeit haben. Du müßtest Fueßlien bitten, daß er selbst die Größe

vom ganzen Monument nach seinen Gedanken angäbe, daß man allenfalls, um

es etwas aus dem Auge zu rüken, auf einen Rasen gegen ein Felsstück

sezen könnte. Genug er denke sich das wie ers wolle so wird es gut sein,

und wir haben so viel und mancherley Stücke Steine vorräthig, daß wir

zum Zusammensezen des Ganzen nicht verlegen sein werden. Sieh, ob du

etwas über ihn vermagst, und ob du der frölichen Zeiten, die wir wieder

gelebt haben, immer gegenwärtiges Siegel dadurch auf unsere Wohnung

drucken kannst. Wenigstens hat er gewiß in seinem Leben manchen Strich

gemacht, der nicht so erkannt und ihm so gedankt worden ist, als wie das

so ich durch dich hoffe.

Welchen Preis er auch auf diese Arbeit sezen möge, ist völlig einerley.

Nun ist aber noch ein Hauptpunkt, nemlich die Geschwindigkeit. Ich

wünsche es diesen Winter fertig zu bringen, und auf das Frühjahr zum

ersten Willkomm mit den Blüthen und Blättern aufzustellen. Versuche

also, ich bitte dich, deine Wunderkräfte, um mir zu verschaffen was

nicht ein eitler Wunsch ist. Schaff daß er es macht, und schnell macht,

und kröne mir auch dieß Jahr und sein Glück mit diesem lezten Zeichen.

Nov. 1779.

Ob Fueßli später die gewünschte Zeichnung noch machte, ist mir

unbekannt, aber daß wenigstens im Frühjahr 1780 zu Lavaters großem

Leidwesen, auf wiederholte Bitten, noch keine Antwort darüber von F. da

war, ist gewiß.

Anm. d. H.

20.

Weimar den 7. Febr. 1780.

Ich muß dir von dem was bisher vorgefallen Nachricht geben. Angekommen

ist, ausser deinem letzten ^Transp.^ von dem du schreibst wo bei der

Corregge ist, alles ganz glüklich. Der Hamilton zulezt, und zugleich

dein Paquet mit der Abschrift der Offenbahrung. Ich muß sagen ie mehr

ich die ersten Capitel lese, ie mehr gefallen sie mir, auch finden sie

bei iedermann Beifall. Nicht so ist es mit der zweiten Hälfte des Buchs.

Ich glaube aber auch zu finden, worinn mich andere bestärken, daß die

andre Hälfte des Buchs bei weitem nicht den Werth wie die erste hat. Ihr

habt, wie ich höre, eure Stimmen über Herders Buch ^viritim^ gesammelt

und ihm zugeschikt. Ich habe sie noch nicht zu sehen gekriegt.

Deine Albrecht Dürers, Martin Schön und Lukas von Leiden, die du von

Toggenburg und von Heideggern hast, sind alle schon recht schön von

ihren alten Papieren los gelößt und warten nur darauf bis der lezte

^Transport^ deines eignen ankommt um wieder in recht schöner Ordnung

aufgetragen zu werden. Ich hoffe du sollst an dieser Sammlung, wenn sie

fertig ist ein Vergnügen haben. Ich werde dir ieden Meister besonders

halten und von denen wo ichs wissen kann den Werth der Blätter und

Abdrüke bestimmen. Bei der Albrecht Dürerischen Sammlung will ich so

viele Blätter als mir Stüke fehlen frei lassen und die Nummern drauf

schreiben, daß du sie wenn du sie künftighin überkommst nur einkleben

darfst. Von den Martin Schöns und Lukas von Leiden kenn ich keinen

kompletten Catalogus kann es also damit nicht eben so machen. Einige

Blätter, die dem Herzog in seiner Sammlung fehlen, werd ich dir

zurükbehalten, dafür wirst du aber die er doppelt besizt und die ich

sonst für dich auftreiben kann bei den deinigen mit eingeheftet finden.

Das getuschte Portrait von dir, das in der Offenbahrung lag hab' ich

sogleich als wenn dus vor mich hineingelegt hättest angenommen. Es ist

wenn man sich erst mit der Trokenheit und Bestimmtheit verglichen hat,

wie mich dünkt, ein sehr gutes Bild.

Ich bitte dich mir auf das baldeste ein kleines producibles

Avertissement zu schreiben deine französische Phisiognomik betreffend,

so wohl, welchen Weeg du einschlägst das Buch dem Publiko nüzlich zu

machen, als auch vorzüglich wie viel man dafür bezahlen soll und wenn

man das Buch erhalten wird, was ich dir alsdann auf diese bestimmte

Anzeige für Subscribenten verschaffen kann will ich gern thun, denn

gegenwärtig scheut sich iedermann, sich in ein Werk einzulassen das so

weit wie dein teutsches Werk führen und so theuer zu stehen kommen

könnte.

* * * * *

Wenn wir einander etwas zu Gefallen thun können wollen wir's thun und

andre ungeplagt lassen.

Semlers ganzen Brief an dich mögt ich sehen.

Ich habe vierzehn Tage eine Art von Catharfieber gehabt und muß noch

iezo mit meiner Arbeit ganz sachte zugehen. Vergiß doch ia nicht mir die

Lotte kopieren zu lassen. Schmieds Bibel wirst du haben.

Die Cenci und zwei Gluks warten auf einen Fuhrmann.

Grüse deine Frau und deine Kleinen, Bäben und Pfenningern. Schreib mir

manchmal was du machst daß wir beisammen bleiben.

Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783 · 第 21 / 54 题