Achte Szene

_Helene_ $(ist durch die unsichtbare Tür links herausgetreten, im Mantel

wie zum Fortgehen. Sie wartet, bis Crescence und Stani sie nicht mehr

sehen können. Gleichzeitig ist Karl durch die Glastür rechts sichtbar

geworden; er legt Hut, Stock und Mantel ab und erscheint. Helene hat

Karl gesehen, bevor er sie erblickt hat. Ihr Gesicht verändert sich

in einem Augenblick vollständig. Sie läßt ihren Abendmantel von den

Schultern fallen, und dieser bleibt hinter der Treppe liegen, dann tritt

sie Karl entgegen.)$

_Hans Karl_ $(betroffen)$. Helen, Sie sind noch hier?

_Helene_ $(hier und weiter in einer ganz festen, entschiedenen Haltung

und in einem leichten, fast überlegenen Ton)$. Ich bin hier zu Haus.

_Hans Karl._ Sie sehen anders aus als sonst. Es ist etwas geschehen!

_Helene._ Ja, es ist etwas geschehen.

_Hans Karl._ Wann, so plötzlich?

_Helene._ Vor einer Stunde, glaub' ich.

_Hans Karl_ $(unsicher)$. Etwas Unangenehmes?

_Helene._ Wie?

_Hans Karl._ Etwas Aufregendes?

_Helene._ Ah ja, das schon.

_Hans Karl._ Etwas Irreparables?

_Helene._ Das wird sich zeigen. Schauen Sie, was dort liegt.

_Hans Karl._ Dort? Ein Pelz. Ein Damenmantel scheint mir.

_Helene._ Ja, mein Mantel liegt da. Ich hab' ausgehen wollen.

_Hans Karl._ Ausgehen?

_Helene._ Ja, den Grund davon werd' ich Ihnen auch dann sagen. Aber

zuerst werden Sie mir sagen, warum Sie zurückgekommen sind. Das ist

keine ganz gewöhnliche Manier.

_Hans Karl_ $(zögernd)$. Es macht mich immer ein bisserl verlegen, wenn

man mich so direkt was fragt.

_Helene._ Ja, ich frag' Sie direkt.

_Hans Karl._ Ich kann's gar nicht leicht explizieren.

_Helene._ Wir können uns setzen. $(Sie setzen sich.)$

_Hans Karl._ Ich hab' früher in unserer Konversation -- da oben, in dem

kleinen Salon --

_Helene._ Ah, da oben in dem kleinen Salon.

_Hans Karl_ $(unsicher durch ihren Ton)$. Ja, freilich, in dem kleinen

Salon. Ich hab' da einen großen Fehler gemacht, einen sehr großen.

_Helene._ Ah?

_Hans Karl._ Ich hab' etwas Vergangenes zitiert.

_Helene._ Etwas Vergangenes?

_Hans Karl._ Gewisse ungereimte, rein persönliche Sachen, die in mir

vorgegangen sind, wie ich im Feld draußen war, und später im Spital.

Rein persönliche Einbildungen, Halluzinationen, sozusagen. Lauter Dinge,

die absolut nicht dazu gehört haben.

_Helene._ Ja, ich versteh' Sie. Und?

_Hans Karl._ Da hab' ich Unrecht getan.

_Helene._ Inwiefern?

_Hans Karl._ Man kann das Vergangene nicht herzitieren, wie die Polizei

einen vor das Kommissariat zitiert. Das Vergangene ist vergangen.

Niemand hat das Recht, es in eine Konversation, die sich auf die

Gegenwart bezieht, einzuflechten. Ich drück' mich elend aus, aber meine

Gedanken darüber sind mir ganz klar.

_Helene._ Das hoff' ich.

_Hans Karl._ Es hat mich höchst unangenehm berührt in der Erinnerung,

sobald ich allein mit mir selbst war, daß ich in meinem Alter mich so

wenig in der Hand hab' -- und ich bin wieder gekommen, um Ihnen Ihre

volle Freiheit, pardon, das Wort ist mir ganz ungeschickt über die

Lippen gekommen -- um Ihnen Ihre volle Unbefangenheit zurückzugeben.

_Helene._ Meine Unbefangenheit -- mir wiedergeben?

_Hans Karl_ $(unsicher, will aufstehen)$.

_Helene_ $(bleibt sitzen)$. Also das haben Sie mir sagen wollen -- über

Ihr Fortgehen früher?

_Hans Karl._ Ja, über mein Fortgehen und natürlich auch über mein

Wiederkommen. Eines motiviert ja das andere.

_Helene._ Aha. Ich dank' Ihnen sehr. Und jetzt werd' ich Ihnen sagen,

warum Sie wiedergekommen sind.

_Hans Karl._ Sie mir?

_Helene_ $(mit einem vollen Blick auf ihn)$. Sie sind wiedergekommen,

weil ... ja! es gibt das! gelobt sei Gott im Himmel! $(Sie lacht.)$ Aber

es ist vielleicht schade, daß Sie wiedergekommen sind. Denn hier ist

vielleicht nicht der rechte Ort, das zu sagen, was gesagt werden muß --

vielleicht hätte das -- aber jetzt muß es halt hier gesagt werden.

_Hans Karl._ Oh mein Gott, Sie finden mich unbegreiflich. Sagen Sie es

heraus!

_Helene._ Ich verstehe alles sehr gut. Ich versteh', was Sie

fortgetrieben hat, und was Sie wieder zurückgebracht hat.

_Hans Karl._ Sie verstehen alles? Ich versteh' ja selbst nicht.

_Helene._ Wir können noch leiser reden, wenn's Ihnen recht ist. Was Sie

hier hinausgetrieben hat, das war Ihr Mißtrauen, Ihre Furcht vor Ihrem

eigenen Selbst -- sind Sie bös?

_Hans Karl._ Vor meinem Selbst?

_Helene._ Vor Ihrem eigentlichen tieferen Willen. Ja, der ist unbequem,

der führt einen nicht den angenehmsten Weg. Er hat Sie eben hierher

zurückgeführt.

_Hans Karl._ Ich versteh' Sie nicht, Helen!

_Helene_ $(ohne ihn anzusehen)$. Hart sind nicht solche Abschiede für

Sie, aber hart ist manchmal, was dann in Ihnen vorgeht, wenn Sie mit

sich allein sind.

_Hans Karl._ Sie wissen das alles?

_Helene._ Weil ich das alles weiß, darum hätt' ich ja die Kraft gehabt

und hätte für Sie das Unmögliche getan.

_Hans Karl._ Was hätten Sie Unmögliches für mich getan?

_Helene._ Ich wär' Ihnen nachgegangen.

_Hans Karl._ Wie denn »nachgegangen«? Wie meinen Sie das?

_Helene._ Hier bei der Tür auf die Gasse hinaus. Ich hab' Ihnen doch

meinen Mantel gezeigt, der dort hinten liegt.

_Hans Karl._ Sie wären mir -- ? Ja, wohin?

_Helene._ Ins Kasino oder anderswo -- was weiß ich, bis ich Sie halt

gefunden hätte.

_Hans Karl._ Sie wären mir, Helen -- ? Sie hätten mich gesucht? Ohne zu

denken, ob -- ?

_Helene._ Ja, ohne an irgend etwas sonst zu denken. Ich geh' dir nach --

Ich will, daß du mich --

_Hans Karl_ $(mit unsicherer Stimme)$. Sie, du, du willst? $(Für sich.)$

Da sind wieder diese unmöglichen Tränen! $(Zu ihr.)$ Ich hör' Sie

schlecht. Sie sprechen so leise.

_Helene._ Sie hören mich ganz gut. Und da sind auch Tränen -- aber die

helfen mir sogar eher, um das zu sagen --

_Hans Karl._ Du -- Sie haben etwas gesagt?

_Helene._ Dein Wille, dein Selbst; versteh' mich. Er hat dich umgedreht,

wie du allein warst, und dich zu mir zurückgeführt. Und jetzt --

_Hans Karl._ Jetzt?

_Helene._ Jetzt weiß ich zwar nicht, ob du jemand wahrhaft liebhaben

kannst -- aber ich bin in dich verliebt, und ich will -- aber das ist

doch eine Enormität, daß Sie mich das sagen lassen!

_Hans Karl_ $(zitternd)$. Sie wollen von mir --

_Helene_ $(mit keinem festeren Ton als er)$. Von deinem Leben, von

deiner Seele, von allem -- meinen Teil! $(Eine kleine Pause.)$

_Hans Karl._ Helen, alles, was Sie da sagen, perturbiert mich in der

maßlosesten Weise um Ihretwillen, Helen, natürlich um Ihretwillen! Sie

irren sich in bezug auf mich, ich hab' einen unmöglichen Charakter.

_Helene._ Sie sind, wie Sie sind, und ich will kennen, wie Sie sind.

_Hans Karl._ Es ist so eine namenlose Gefahr für Sie.

_Helene_ $(schüttelt den Kopf)$.

_Hans Karl._ Ich bin ein Mensch, der nichts als Mißverständnisse auf dem

Gewissen hat.

_Helene_ $(lächelnd)$. Ja, das scheint.

_Hans Karl._ Ich hab' so vielen Frauen weh getan.

_Helene._ Die Liebe ist nicht süßlich.

_Hans Karl._ Ich bin ein maßloser Egoist.

_Helene._ Ja? Ich glaub nicht.

_Hans Karl._ Ich bin so unstet, nichts kann mich fesseln.

_Helene._ Ja, Sie können -- wie sagt man das? -- verführt werden und

verführen. Alle haben Sie sie wahrhaft geliebt und alle wieder im Stich

lassen. Die armen Frauen! Sie haben halt nicht die Kraft gehabt für Euch

beide.

_Hans Karl._ Wie?

_Helene._ Begehren ist Ihre Natur. Aber nicht: das -- oder das --

sondern von einem Wesen: alles -- für immer! Es hätte eine die Kraft

haben müssen, Sie zu zwingen, daß Sie von ihr immer mehr und mehr

begehrt hätten. Bei der wären Sie dann geblieben.

_Hans Karl._ Wie du mich kennst!

_Helene._ Nach einer ganz kurzen Zeit waren sie dir alle gleichgültig,

und du hast ein rasendes Mitleid gehabt, aber keine große Freundschaft

für keine: das war mein Trost.

_Hans Karl._ Wie du alles weißt!

_Helene._ Nur darin hab' ich existiert. Das allein hab' ich verstanden.

_Hans Karl._ Da muß ich mich ja vor dir schämen.

_Helene._ Schäm' ich mich denn vor dir? Ah nein. Die Liebe schneidet ins

lebendige Fleisch.

_Hans Karl._ Alles hast du gewußt und ertragen --

_Helene._ Ich hätt' nicht den kleinen Finger gerührt, um eine solche

Frau von dir wegzubringen. Es wär' mir nicht dafür gestanden.

_Hans Karl._ Was ist das für ein Zauber, der in dir ist. Gar nicht wie

die andern Frauen. Du machst einen so ruhig in einem selber.

_Helene._ Du kannst freilich die Freundschaft nicht fassen, die ich für

dich hab'. Dazu wird eine lange Zeit nötig sein -- wenn du mir die geben

kannst.

_Hans Karl._ Wie du das sagst!

_Helene._ Jetzt geh, damit dich niemand sieht. Und komm bald wieder.

Komm morgen, am frühen Nachmittag. Die Leut' geht's nichts an, aber der

Papa soll's schnell wissen. -- Der Papa soll's wissen -- der schon! Oder

nicht, wie?

_Hans Karl_ $(verlegen)$. Es ist das -- mein guter Freund Poldo

Altenwyl hat seit Tagen eine Angelegenheit, einen Wunsch -- den er mir

oktroyieren will: er wünscht, daß ich, sehr überflüssigerweise, im

Herrenhaus das Wort ergreife --

_Helene._ Aha --

_Hans Karl._ Und da geh' ich ihm seit Wochen mit der größten Vorsicht

aus dem Weg -- vermeide mit ihm allein zu sein -- im Kasino, auf der

Gasse, wo immer --

_Helene._ Sei ruhig -- es wird nur von der Hauptsache die Rede sein --

dafür garantier' ich. -- Es kommt schon jemand: ich muß fort.

_Hans Karl._ Helen!

_Helene_ $(schon im Gehen, bleibt nochmals stehen)$. Du! Leb wohl!

$(Nimmt den Mantel auf und verschwindet durch die kleine Tür links.)$

Der Schwierige: Lustspiel in drei Akten · 第 54 / 60 题