_Helene_ $(ist durch die unsichtbare Tür links herausgetreten, im Mantel
wie zum Fortgehen. Sie wartet, bis Crescence und Stani sie nicht mehr
sehen können. Gleichzeitig ist Karl durch die Glastür rechts sichtbar
geworden; er legt Hut, Stock und Mantel ab und erscheint. Helene hat
Karl gesehen, bevor er sie erblickt hat. Ihr Gesicht verändert sich
in einem Augenblick vollständig. Sie läßt ihren Abendmantel von den
Schultern fallen, und dieser bleibt hinter der Treppe liegen, dann tritt
sie Karl entgegen.)$
_Hans Karl_ $(betroffen)$. Helen, Sie sind noch hier?
_Helene_ $(hier und weiter in einer ganz festen, entschiedenen Haltung
und in einem leichten, fast überlegenen Ton)$. Ich bin hier zu Haus.
_Hans Karl._ Sie sehen anders aus als sonst. Es ist etwas geschehen!
_Helene._ Ja, es ist etwas geschehen.
_Hans Karl._ Wann, so plötzlich?
_Helene._ Vor einer Stunde, glaub' ich.
_Hans Karl_ $(unsicher)$. Etwas Unangenehmes?
_Helene._ Wie?
_Hans Karl._ Etwas Aufregendes?
_Helene._ Ah ja, das schon.
_Hans Karl._ Etwas Irreparables?
_Helene._ Das wird sich zeigen. Schauen Sie, was dort liegt.
_Hans Karl._ Dort? Ein Pelz. Ein Damenmantel scheint mir.
_Helene._ Ja, mein Mantel liegt da. Ich hab' ausgehen wollen.
_Hans Karl._ Ausgehen?
_Helene._ Ja, den Grund davon werd' ich Ihnen auch dann sagen. Aber
zuerst werden Sie mir sagen, warum Sie zurückgekommen sind. Das ist
keine ganz gewöhnliche Manier.
_Hans Karl_ $(zögernd)$. Es macht mich immer ein bisserl verlegen, wenn
man mich so direkt was fragt.
_Helene._ Ja, ich frag' Sie direkt.
_Hans Karl._ Ich kann's gar nicht leicht explizieren.
_Helene._ Wir können uns setzen. $(Sie setzen sich.)$
_Hans Karl._ Ich hab' früher in unserer Konversation -- da oben, in dem
kleinen Salon --
_Helene._ Ah, da oben in dem kleinen Salon.
_Hans Karl_ $(unsicher durch ihren Ton)$. Ja, freilich, in dem kleinen
Salon. Ich hab' da einen großen Fehler gemacht, einen sehr großen.
_Helene._ Ah?
_Hans Karl._ Ich hab' etwas Vergangenes zitiert.
_Helene._ Etwas Vergangenes?
_Hans Karl._ Gewisse ungereimte, rein persönliche Sachen, die in mir
vorgegangen sind, wie ich im Feld draußen war, und später im Spital.
Rein persönliche Einbildungen, Halluzinationen, sozusagen. Lauter Dinge,
die absolut nicht dazu gehört haben.
_Helene._ Ja, ich versteh' Sie. Und?
_Hans Karl._ Da hab' ich Unrecht getan.
_Helene._ Inwiefern?
_Hans Karl._ Man kann das Vergangene nicht herzitieren, wie die Polizei
einen vor das Kommissariat zitiert. Das Vergangene ist vergangen.
Niemand hat das Recht, es in eine Konversation, die sich auf die
Gegenwart bezieht, einzuflechten. Ich drück' mich elend aus, aber meine
Gedanken darüber sind mir ganz klar.
_Helene._ Das hoff' ich.
_Hans Karl._ Es hat mich höchst unangenehm berührt in der Erinnerung,
sobald ich allein mit mir selbst war, daß ich in meinem Alter mich so
wenig in der Hand hab' -- und ich bin wieder gekommen, um Ihnen Ihre
volle Freiheit, pardon, das Wort ist mir ganz ungeschickt über die
Lippen gekommen -- um Ihnen Ihre volle Unbefangenheit zurückzugeben.
_Helene._ Meine Unbefangenheit -- mir wiedergeben?
_Hans Karl_ $(unsicher, will aufstehen)$.
_Helene_ $(bleibt sitzen)$. Also das haben Sie mir sagen wollen -- über
Ihr Fortgehen früher?
_Hans Karl._ Ja, über mein Fortgehen und natürlich auch über mein
Wiederkommen. Eines motiviert ja das andere.
_Helene._ Aha. Ich dank' Ihnen sehr. Und jetzt werd' ich Ihnen sagen,
warum Sie wiedergekommen sind.
_Hans Karl._ Sie mir?
_Helene_ $(mit einem vollen Blick auf ihn)$. Sie sind wiedergekommen,
weil ... ja! es gibt das! gelobt sei Gott im Himmel! $(Sie lacht.)$ Aber
es ist vielleicht schade, daß Sie wiedergekommen sind. Denn hier ist
vielleicht nicht der rechte Ort, das zu sagen, was gesagt werden muß --
vielleicht hätte das -- aber jetzt muß es halt hier gesagt werden.
_Hans Karl._ Oh mein Gott, Sie finden mich unbegreiflich. Sagen Sie es
heraus!
_Helene._ Ich verstehe alles sehr gut. Ich versteh', was Sie
fortgetrieben hat, und was Sie wieder zurückgebracht hat.
_Hans Karl._ Sie verstehen alles? Ich versteh' ja selbst nicht.
_Helene._ Wir können noch leiser reden, wenn's Ihnen recht ist. Was Sie
hier hinausgetrieben hat, das war Ihr Mißtrauen, Ihre Furcht vor Ihrem
eigenen Selbst -- sind Sie bös?
_Hans Karl._ Vor meinem Selbst?
_Helene._ Vor Ihrem eigentlichen tieferen Willen. Ja, der ist unbequem,
der führt einen nicht den angenehmsten Weg. Er hat Sie eben hierher
zurückgeführt.
_Hans Karl._ Ich versteh' Sie nicht, Helen!
_Helene_ $(ohne ihn anzusehen)$. Hart sind nicht solche Abschiede für
Sie, aber hart ist manchmal, was dann in Ihnen vorgeht, wenn Sie mit
sich allein sind.
_Hans Karl._ Sie wissen das alles?
_Helene._ Weil ich das alles weiß, darum hätt' ich ja die Kraft gehabt
und hätte für Sie das Unmögliche getan.
_Hans Karl._ Was hätten Sie Unmögliches für mich getan?
_Helene._ Ich wär' Ihnen nachgegangen.
_Hans Karl._ Wie denn »nachgegangen«? Wie meinen Sie das?
_Helene._ Hier bei der Tür auf die Gasse hinaus. Ich hab' Ihnen doch
meinen Mantel gezeigt, der dort hinten liegt.
_Hans Karl._ Sie wären mir -- ? Ja, wohin?
_Helene._ Ins Kasino oder anderswo -- was weiß ich, bis ich Sie halt
gefunden hätte.
_Hans Karl._ Sie wären mir, Helen -- ? Sie hätten mich gesucht? Ohne zu
denken, ob -- ?
_Helene._ Ja, ohne an irgend etwas sonst zu denken. Ich geh' dir nach --
Ich will, daß du mich --
_Hans Karl_ $(mit unsicherer Stimme)$. Sie, du, du willst? $(Für sich.)$
Da sind wieder diese unmöglichen Tränen! $(Zu ihr.)$ Ich hör' Sie
schlecht. Sie sprechen so leise.
_Helene._ Sie hören mich ganz gut. Und da sind auch Tränen -- aber die
helfen mir sogar eher, um das zu sagen --
_Hans Karl._ Du -- Sie haben etwas gesagt?
_Helene._ Dein Wille, dein Selbst; versteh' mich. Er hat dich umgedreht,
wie du allein warst, und dich zu mir zurückgeführt. Und jetzt --
_Hans Karl._ Jetzt?
_Helene._ Jetzt weiß ich zwar nicht, ob du jemand wahrhaft liebhaben
kannst -- aber ich bin in dich verliebt, und ich will -- aber das ist
doch eine Enormität, daß Sie mich das sagen lassen!
_Hans Karl_ $(zitternd)$. Sie wollen von mir --
_Helene_ $(mit keinem festeren Ton als er)$. Von deinem Leben, von
deiner Seele, von allem -- meinen Teil! $(Eine kleine Pause.)$
_Hans Karl._ Helen, alles, was Sie da sagen, perturbiert mich in der
maßlosesten Weise um Ihretwillen, Helen, natürlich um Ihretwillen! Sie
irren sich in bezug auf mich, ich hab' einen unmöglichen Charakter.
_Helene._ Sie sind, wie Sie sind, und ich will kennen, wie Sie sind.
_Hans Karl._ Es ist so eine namenlose Gefahr für Sie.
_Helene_ $(schüttelt den Kopf)$.
_Hans Karl._ Ich bin ein Mensch, der nichts als Mißverständnisse auf dem
Gewissen hat.
_Helene_ $(lächelnd)$. Ja, das scheint.
_Hans Karl._ Ich hab' so vielen Frauen weh getan.
_Helene._ Die Liebe ist nicht süßlich.
_Hans Karl._ Ich bin ein maßloser Egoist.
_Helene._ Ja? Ich glaub nicht.
_Hans Karl._ Ich bin so unstet, nichts kann mich fesseln.
_Helene._ Ja, Sie können -- wie sagt man das? -- verführt werden und
verführen. Alle haben Sie sie wahrhaft geliebt und alle wieder im Stich
lassen. Die armen Frauen! Sie haben halt nicht die Kraft gehabt für Euch
beide.
_Hans Karl._ Wie?
_Helene._ Begehren ist Ihre Natur. Aber nicht: das -- oder das --
sondern von einem Wesen: alles -- für immer! Es hätte eine die Kraft
haben müssen, Sie zu zwingen, daß Sie von ihr immer mehr und mehr
begehrt hätten. Bei der wären Sie dann geblieben.
_Hans Karl._ Wie du mich kennst!
_Helene._ Nach einer ganz kurzen Zeit waren sie dir alle gleichgültig,
und du hast ein rasendes Mitleid gehabt, aber keine große Freundschaft
für keine: das war mein Trost.
_Hans Karl._ Wie du alles weißt!
_Helene._ Nur darin hab' ich existiert. Das allein hab' ich verstanden.
_Hans Karl._ Da muß ich mich ja vor dir schämen.
_Helene._ Schäm' ich mich denn vor dir? Ah nein. Die Liebe schneidet ins
lebendige Fleisch.
_Hans Karl._ Alles hast du gewußt und ertragen --
_Helene._ Ich hätt' nicht den kleinen Finger gerührt, um eine solche
Frau von dir wegzubringen. Es wär' mir nicht dafür gestanden.
_Hans Karl._ Was ist das für ein Zauber, der in dir ist. Gar nicht wie
die andern Frauen. Du machst einen so ruhig in einem selber.
_Helene._ Du kannst freilich die Freundschaft nicht fassen, die ich für
dich hab'. Dazu wird eine lange Zeit nötig sein -- wenn du mir die geben
kannst.
_Hans Karl._ Wie du das sagst!
_Helene._ Jetzt geh, damit dich niemand sieht. Und komm bald wieder.
Komm morgen, am frühen Nachmittag. Die Leut' geht's nichts an, aber der
Papa soll's schnell wissen. -- Der Papa soll's wissen -- der schon! Oder
nicht, wie?
_Hans Karl_ $(verlegen)$. Es ist das -- mein guter Freund Poldo
Altenwyl hat seit Tagen eine Angelegenheit, einen Wunsch -- den er mir
oktroyieren will: er wünscht, daß ich, sehr überflüssigerweise, im
Herrenhaus das Wort ergreife --
_Helene._ Aha --
_Hans Karl._ Und da geh' ich ihm seit Wochen mit der größten Vorsicht
aus dem Weg -- vermeide mit ihm allein zu sein -- im Kasino, auf der
Gasse, wo immer --
_Helene._ Sei ruhig -- es wird nur von der Hauptsache die Rede sein --
dafür garantier' ich. -- Es kommt schon jemand: ich muß fort.
_Hans Karl._ Helen!
_Helene_ $(schon im Gehen, bleibt nochmals stehen)$. Du! Leb wohl!
$(Nimmt den Mantel auf und verschwindet durch die kleine Tür links.)$