Zehnte Szene

_Hans Karl_ $(ist von rechts eingetreten)$.

_Antoinette_ $(nach einem kurzen Stummsein, Sichducken, rasch auf ihn

zu, ganz dicht an ihn)$. Ich hab' die Briefe genommen und verbrannt. Ich

bin keine sentimentale Gans, als die mich meine Agathe hinstellt, daß

ich mich über alte Briefe totweinen könnt'. Ich hab' einmal nur das, was

ich im Moment hab', und was ich nicht hab', will ich vergessen. Ich leb'

nicht in der Vergangenheit, dazu bin ich nicht alt genug.

_Hans Karl._ Wollen wir uns nicht setzen? $(Führt sie zu den Fauteuils.)$

_Antoinette._ Ich bin halt nicht schlau. Wenn man nicht raffiniert ist,

dann hat man nicht die Kraft, einen Menschen zu halten, wie Sie einer

sind. Denn Sie sind ein Genre mit Ihrem Vetter Stani. Das möchte ich

Ihnen sagen, damit Sie es wissen. Ich kenn' euch. Monströs selbstsüchtig

und grenzenlos unzart. $(Nach einer kleinen Pause.)$ So sagen Sie doch

was!

_Hans Karl._ Wenn Sie erlauben würden, so möchte ich versuchen, Sie an

damals zu erinnern --

_Antoinette._ Ah, ich lass' mich nicht malträtieren. -- Auch nicht von

jemandem, der mir früher einmal nicht gleichgültig war.

_Hans Karl._ Sie waren damals, ich meine vor zwei Jahren, Ihrem Mann

momentan entfremdet. Sie waren in der großen Gefahr, in die Hände von

einem Unwürdigen zu fallen. Da ist jemand gekommen -- der war --

zufällig ich. Ich wollte Sie -- beruhigen -- das war mein einziger

Gedanke -- Sie der Gefahr entziehen -- von der ich Sie bedroht gewußt

-- oder gespürt hab'. Das war eine Verkettung von Zufällen -- eine

Ungeschicklichkeit -- ich weiß nicht, wie ich es nennen soll --

_Antoinette._ Diese paar Tage damals in der Grünleiten sind das einzige

wirklich Schöne in meinem ganzen Leben. Die lass' ich nicht -- die

Erinnerung, daran lass' ich mir nicht heruntersetzen. $(Steht auf.)$

_Hans Karl_ $(leise)$. Aber ich hab' ja alles so lieb. Es war ja so

schön.

_Antoinette_ $(setzt sich mit einem ängstlichen Blick auf ihn.)$

_Hans Karl._ Es war ja so schön!

_Antoinette._ »Das war zufällig ich.« Damit wollen Sie mich insultieren.

Sie sind draußen zynisch geworden. Ein zynischer Mensch, das ist das

richtige Wort. Sie haben die Nuance verloren für das Mögliche und das

Unmögliche. Wie haben Sie gesagt? Es war eine »Ungeschicklichkeit« von

Ihnen? Sie insultieren mich ja in einem fort.

_Hans Karl._ Es ist draußen viel für mich anders geworden. Aber zynisch

bin ich nicht geworden. Das Gegenteil, Antoinette. Wenn ich an unsern

Anfang denke, so ist mir das etwas so Zartes, so Mysteriöses, ich

getraue mich kaum, es vor mir selbst zu denken. Ich möchte mich fragen:

Wie komm' ich denn dazu? Hab' ich denn dürfen? Aber $(sehr leise)$ ich

bereu' nichts.

_Antoinette_ $(senkt die Augen)$. Aller Anfang ist schön.

_Hans Karl._ In jedem Anfang liegt die Ewigkeit.

_Antoinette_ $(ohne ihn anzusehen)$. Sie halten au fond alles für

möglich und alles für erlaubt. Sie wollen nicht sehen, wie hilflos ein

Wesen ist, über das Sie hinweggehen -- wie preisgegeben, denn das würde

vielleicht Ihr Gewissen aufwecken.

_Hans Karl._ Ich habe keins.

_Antoinette_ $(sieht ihn an)$.

_Hans Karl._ Nicht in bezug auf uns.

_Antoinette._ Jetzt war ich das und das von Ihnen -- und weiß in diesem

Augenblick so wenig, woran ich mit Ihnen bin, als wenn nie was zwischen

uns gewesen wär'. Sie sind ja fürchterlich.

_Hans Karl._ Nichts ist bös. Der Augenblick ist nicht bös, nur das

Festhalten-wollen ist unerlaubt. Nur das Sich-festkrampeln an das, was

sich nicht halten laßt --

_Antoinette._ Ja, wir leben halt nicht nur wie die gewissen Fliegen vom

Morgen bis zur Nacht. Wir sind halt am nächsten Tag auch noch da. Das

paßt euch halt schlecht, solchen wie du einer bist.

_Hans Karl._ Alles was geschieht, das macht der Zufall. Es ist nicht zum

Ausdenken, wie zufällig wir alle sind, und wie uns der Zufall zueinander

jagt und auseinander jagt, und wie jeder mit jedem hausen könnte, wenn

der Zufall es wollte.

_Antoinette._ Ich will nicht --

_Hans Karl_ $(spricht weiter, ohne ihren Widerstand zu respektieren)$.

Darin ist aber so ein Grausen, daß der Mensch etwas hat finden müssen,

um sich aus diesem Sumpf herauszuziehen, bei seinem eigenen Schopf. Und

so hat er das Institut gefunden, das aus dem Zufälligen und Unreinen,

das Notwendige, das Bleibende und das Gültige macht: die Ehe.

_Antoinette._ Ich spür', du willst mich verkuppeln mit meinem Mann. Es

war nicht ein Augenblick, seitdem du hiersitz'st, wo ich mich hätte

foppen lassen und es nicht gespürt hätte. Du nimmst dir wirklich alles

heraus, du meinst schon, daß du alles darfst, zuerst verführen, dann

noch beleidigen.

_Hans Karl._ Ich bin kein Verführer, Toinette, ich bin kein Frauenjäger.

_Antoinette._ Ja, das ist dein Kunststückl, damit hast du mich

herumgekriegt, daß du kein Verführer bist, kein Mann für Frauen, daß

du nur ein Freund bist, aber ein wirklicher Freund. Damit kokettierst

du, sowie du mit allem kokettierst, was du hast, und mit allem, was dir

fehlt. Man müßte, wenn's nach dir ging', nicht nur verliebt in dich

sein, sondern dich noch liebhaben über die Vernunft hinaus, und um

deiner selbst willen, und nicht einmal nur als Mann -- sondern -- ich

weiß ja gar nicht, wie ich sagen soll, oh mein Gott, warum muß ein und

derselbe Mensch so scharmant sein und zugleich so monströs eitel und

selbstsüchtig und herzlos!

_Hans Karl._ Weiß sie, Toinette, was Herz ist, weiß sie das? Daß

ein Mann Herz für eine Frau hat, das kann er nur durch Eins zeigen,

nur durch ein Einziges auf der Welt: durch die Dauer, durch die

Beständigkeit. Nur dadurch: das ist die Probe, die einzige.

_Antoinette._ Lass' mich mit dem Ado -- ich kann mit dem Ado nicht leben

--

_Hans Karl._ Der hat dich lieb. Einmal und für alle Male. Der hat dich

gewählt unter allen Frauen auf der Welt, und er hat dich liebbehalten

und wird dich liebhaben für immer, weißt du, was das heißt? Für immer,

gescheh' dir, was da will. Einen Freund haben, der dein ganzes Wesen

lieb hat, für den du immer ganz schön bist, nicht nur heut und morgen,

auch später, viel später, für den seine Augen der Schleier, den die

Jahre oder was kommen kann, über dein Gesicht werfen -- für seine Augen

ist das nicht da, du bist immer, die du bist, die Schönste, die Liebste,

die Eine, die Einzige.

_Antoinette._ So hat er mich nicht gewählt. Geheiratet hat er mich halt.

Von dem andern weiß ich nichts.

_Hans Karl._ Aber er weiß davon.

_Antoinette._ Das, was Sie da reden, das gibt's alles nicht. Das redet

er sich ein -- das redet er Ihnen ein -- Ihr seid's einer wie der

andere, Ihr Männer, Sie und der Ado und der Stani, ihr seid's alle aus

einem Holz geschnitzt und darum versteht's ihr euch so gut und könnt's

euch so gut in die Hände spielen.

_Hans Karl._ Das red't er mir nicht ein, das weiß ich, Toinette. Das ist

eine heilige Wahrheit, die weiß ich -- ich muß sie immer schon gewußt

haben, aber draußen ist sie erst ganz deutlich für mich geworden: es

gibt einen Zufall, der macht scheinbar alles mit uns, wie er will --

aber mitten in dem Hierhin- und Dorthingeworfenwerden und der Stumpfheit

und Todesangst, da spüren wir und wissen es auch, es gibt halt auch eine

Notwendigkeit, die wählt uns von Augenblick zu Augenblick, die geht

ganz leise, ganz dicht am Herzen vorbei und doch so schneidend scharf

wie ein Schwert. Ohne die wäre da draußen kein Leben mehr gewesen,

sondern nur ein tierisches Dahintaumeln. Und die gleiche Notwendigkeit

gibt's halt auch zwischen Männern und Frauen -- wo die ist, da ist ein

Zueinandermüssen und Verzeihung und Versöhnung und Beieinanderbleiben.

Und da dürfen Kinder sein, und da ist eine Ehe und ein Heiligtum, trotz

allem und allem --

_Antoinette_ $(steht auf)$. Alles, was du red'st, das heißt ja gar

nichts anderes, als daß du heiraten willst, daß du demnächst die Helen

heiraten wirst.

_Hans Karl_ $(bleibt sitzen, hält sie)$. Aber ich denk' doch nicht an

die Helen! Ich red' doch von dir. Ich schwör' dir, daß ich von dir red'.

_Antoinette._ Aber dein ganzes Denken dreht sich um die Helen.

_Hans Karl._ Ich schwöre dir: ich hab' einen Auftrag an die Helen. Ganz

einen andern, als du dir denkst. Ich sag' ihr noch heute --

_Antoinette._ Was sagst du ihr noch heute -- ein Geheimnis?

_Hans Karl._ Keines, das mich betrifft.

_Antoinette._ Aber etwas, das dich mit ihr verbindet?

_Hans Karl._ Aber das Gegenteil!

_Antoinette._ Das Gegenteil? Ein Adieu -- du sagst ihr, was ein Adieu

ist zwischen dir und ihr?

_Hans Karl._ Zu einem Adieu ist kein Anlaß, denn es war ja nie etwas

zwischen mir und ihr. Aber wenn's ihr Freud' macht, Toinette, so kommt's

beinah' auf ein Adieu hinaus.

_Antoinette._ Ein Adieu fürs Leben?

_Hans Karl._ Ja, fürs Leben, Toinette.

_Antoinette_ $(sieht ihn ganz an)$. Fürs Leben? $(Nachdenklich.)$ Ja,

sie ist so eine Heimliche und tut nichts zweimal und red't nichts

zweimal. Sie nimmt nichts zurück -- sie hat sich in der Hand: ein Wort

muß für sie entscheidend sein. Wenn du ihr sagst: adieu -- dann wird's

für sie sein adieu und auf immer. Für sie wohl. $(Nach einer kleinen

Pause.)$ Ich lass' mir von dir den Ado nicht einreden. Ich mag seine

Händ' nicht. Sein Gesicht nicht. Seine Ohren nicht. $(Sehr leise.)$

Deine Hände hab' ich lieb. -- Was bist denn du? Ja, wer bist denn

du? Du bist ein Zyniker, ein Egoist, ein Teufel bist du! Mich sitzen

lassen ist dir zu gewöhnlich. Mich behalten, dazu bist du zu herzlos.

Mich hergeben, dazu bist du zu raffiniert. So willst du mich zugleich

loswerden und doch in deiner Macht haben, und dazu ist dir der Ado der

Richtige. -- Geh hin und heirat' die Helen. Heirat', wenn du willst! Ich

hab' mit deiner Verliebtheit vielleicht was anzufangen, mit deinen guten

Ratschlägen aber gar nix. $(Will gehen.)$

_Hans Karl_ $(tut einen Schritt auf sie zu)$.

_Antoinette._ Lass' er mich gehen. $(Sie geht ein paar Schritte, dann

halb zu ihm gewendet)$. Was soll denn jetzt aus mir werden? Red' er mir

nur den Feri Uhlfeldt aus, der hat so viel Kraft, wenn er was will. Ich

hab' gesagt, ich mag ihn nicht, er hat gesagt, ich kann nicht wissen,

wie er als Freund ist, weil ich ihn noch nicht als Freund gehabt hab'.

Solche Reden verwirren einen so. $(Halb unter Tränen, zart.)$ Jetzt wird

er an allem schuld sein, was mir passiert.

_Hans Karl._ Sie braucht eins in der Welt: einen Freund. Einen guten

Freund. $(Er küßt ihr die Hände.)$ Sei sie gut mit dem Ado.

_Antoinette._ Mit dem kann ich nicht gut sein.

_Hans Karl._ Sie kann mit jedem.

_Antoinette_ $(sanft)$. Kari, insultier' er mich doch nicht.

_Hans Karl._ Versteh' sie doch, wie ich meine.

_Antoinette._ Ich versteh' ihn ja sonst immer so gut.

_Hans Karl._ Könnt' sie's nicht versuchen?

_Antoinette._ Ihm zulieb' könnt' ich's versuchen. Aber er müßt' dabei

sein und mir helfen.

_Hans Karl._ Jetzt hat sie mir ein halbes Versprechen gegeben.

Der Schwierige: Lustspiel in drei Akten · 第 42 / 60 题