_Neuhoff_ $(tritt ein)$. Guten Abend, Graf Bühl. Ich war so
unbescheiden, nachzusehen, ob Sie zu Hause wären.
_Hans Karl._ Sie kennen meinen Neffen Freudenberg?
_Stani._ Wir haben uns getroffen. $(Sie setzen sich.)$
_Neuhoff._ Ich sollte die Freude haben, Ihnen diesen Abend im
Altenwylschen Hause zu begegnen. Gräfin Helene hatte sich ein wenig
darauf gefreut, uns zusammenzuführen. Um so schmerzlicher war mein
Bedauern, als ich durch Gräfin Helene diesen Nachmittag erfahren mußte,
Sie hätten abgesagt.
_Hans Karl._ Sie kennen meine Cousine seit dem letzten Winter?
_Neuhoff._ Kennen -- wenn man das Wort von einem solchen Wesen brauchen
darf. In gewissen Augenblicken gewahrt man erst, wie doppelsinnig das
Wort ist: es bezeichnet das Oberflächlichste von der Welt und zugleich
das tiefste Geheimnis des Daseins zwischen Mensch und Mensch.
_Hans Karl_ $(und Stani wechseln einen Blick)$.
_Neuhoff._ Ich habe das Glück, Gräfin Helene nicht selten zu sehen und
ihr in Verehrung anzugehören.
$(Eine kleine, etwas genierte Pause)$.
_Neuhoff._ Heute nachmittag -- wir waren zusammen im Atelier von
Bohuslawsky -- Bohuslawsky macht mein Porträt, das heißt, er quält sich
unverhältnismäßig, den Ausdruck meiner Augen festzuhalten: er spricht
von einem gewissen Etwas darin, das nur in seltenen Momenten sichtbar
wird -- und es war seine Bitte, daß die Gräfin Helene einmal dieses Bild
ansehen und ihm über diese Augen ihre Kritik geben möchte -- da sagt sie
mir: Graf Bühl kommt nicht, gehen Sie zu ihm. Besuchen Sie ihn, ganz
einfach. Es ist ein Mann, bei dem die Natur, die Wahrheit alles erreicht
und die Absicht nichts. Ein wunderbarer Mann in unserer absichtsvollen
Welt, war meine Antwort -- aber so hab' ich mir ihn gedacht, so hab' ich
ihn erraten, bei der ersten Begegnung.
_Stani._ Sie sind meinem Onkel im Felde begegnet?
_Neuhoff._ Bei einem Stab.
_Hans Karl._ Nicht in der sympathischesten Gesellschaft.
_Neuhoff._ Das merkte man Ihnen an, Sie sprachen unendlich wenig.
_Hans Karl_ $(lächelnd)$. Ich bin kein großer Causeur, nicht wahr, Stani?
_Stani._ In der Intimität schon!
_Neuhoff._ Sie sprechen es aus, Graf Freudenberg, Ihr Onkel liebt es,
in Gold zu zahlen; er hat sich an das Papiergeld des täglichen Verkehrs
nicht gewöhnen wollen. Er kann mit seiner Rede nur seine Intimität
vergeben, und die ist unschätzbar.
_Hans Karl._ Sie sind äußerst freundlich, Baron Neuhoff.
_Neuhoff._ Sie müßten sich von Bohuslawsky malen lassen, Graf Bühl.
Sie würde er in drei Sitzungen treffen. Sie wissen, daß seine Stärke
das Kinderporträt ist. Ihr Lächeln ist genau die Andeutung eines
Kinderlachens. Mißverstehen Sie mich nicht. Warum ist denn Würde so ganz
unnachahmlich? Weil ein Etwas von Kindlichkeit in ihr steckt. Auf dem
Umweg über die Kindlichkeit würde Bohuslawsky vermögen, einem Bilde von
Ihnen das zu geben, was in unserer Welt das Seltenste ist, und was ihre
Erscheinung in hohem Maße auszeichnet: Würde. Denn wir leben in einer
würdelosen Welt.
_Hans Karl._ Ich weiß nicht, von welcher Welt Sie sprechen: uns allen
ist draußen soviel Würde entgegengetreten ...
_Neuhoff._ Deswegen war ein Mann wie Sie draußen so in seinem Element.
Was haben Sie geleistet, Graf Bühl! Ich erinnere mich des Unteroffiziers
im Spital, der mit Ihnen und den dreißig Schützen verschüttet war.
_Hans Karl._ Mein braver Zugführer, der Hütter Franz! Meine Cousine hat
Ihnen davon erzählt?
_Neuhoff._ Sie hat mir erlaubt, sie bei diesem Besuch ins Spital zu
begleiten. Ich werde nie das Gesicht und die Rede dieses Sterbenden
vergessen.
_Hans Karl_ $(sagt nichts)$.
_Neuhoff._ Er sprach ausschließlich von Ihnen. Und in welchem Ton! Er
wußte, daß sie eine Verwandte seines Hauptmanns war, mit der er sprach.
_Hans Karl._ Der arme Hütter Franz!
_Neuhoff._ Vielleicht wollte mir die Gräfin Helene eine Idee von Ihrem
Wesen geben, wie tausend Begegnungen im Salon sie nicht vermitteln
können.
_Stani_ $(etwas scharf)$. Vielleicht hat sie vor allem den Mann selbst
sehen und vom Onkel Kari hören wollen.
_Neuhoff._ In einer solchen Situation wird ein Wesen wie Helene Altenwyl
erst ganz sie selbst. Unter dieser vollkommenen Einfachheit, diesem
Stolz der guten Rasse verbirgt sich ein Strömen der Liebe, eine alle
Poren durchdringende Sympathie: es gibt von ihr zu einem Wesen, das sie
sehr liebt und achtet, namenlose Verbindungen, die nichts lösen könnte,
und an die nichts rühren darf. Wehe dem Gatten, der nicht verstünde,
diese namenlose Verbundenheit bei ihr zu achten, der engherzig genug
wäre, alle diese verteilten Sympathien auf sich vereinigen zu wollen.
$(Eine kleine Pause)$.
_Hans Karl_ $(raucht)$.
_Neuhoff._ Sie ist wie Sie: eines der Wesen, um die man nicht werben
kann: die sich einem schenken müssen.
$(Abermals eine kleine Pause)$.
_Neuhoff_ $(mit einer großen, vielleicht nicht ganz echten Sicherheit)$.
Ich bin ein Wanderer, meine Neugierde hat mich um die halbe Welt
getrieben. Das, was schwierig zu kennen ist, fasziniert mich; was sich
verbirgt, zieht mich an. Ich möchte ein stolzes, kostbares Wesen, wie
Gräfin Helene, in Ihrer Gesellschaft sehen, Graf Bühl. Sie würde eine
andere werden, sie würde aufblühen: denn ich kenne niemanden, der so
sensibel ist für menschliche Qualität.
_Hans Karl._ Das sind wir hier ja alle ein bißchen. Vielleicht ist das
gar nichts so Besonderes an meiner Cousine.
_Neuhoff._ Ich denke mir die Gesellschaft, die ein Wesen wie Helene
Altenwyl umgeben müßte, aus Männern Ihrer Art bestehend. Jede Kultur
hat ihre Blüten: Gehalt ohne Prätention, Vornehmheit gemildert durch
eine unendliche Grazie, so ist die Blüte dieser alten Gesellschaft
beschaffen, der es gelungen ist, was die Ruinen von Luxor und die Wälder
des Kaukasus nicht vermochten, einen Unstäten, wie mich, in ihrem
Bannkreis festzuhalten. Aber, erklären Sie mir eins, Graf Bühl. Gerade
die Männer Ihres Schlages, von denen die Gesellschaft ihr eigentliches
Gepräge empfängt, begegnet man allzu selten in ihr. Sie scheinen ihr
auszuweichen.
_Stani._ Aber gar nicht, Sie werden den Onkel Kari gleich heute abend
bei Altenwyls sehen, und ich fürchte sogar, so gemütlich dieser kleine
Plausch hier ist, so müssen wir ihm bald Gelegenheit geben, sich
umzuziehen. $(Er ist aufgestanden.)$
_Neuhoff._ Müssen wir das, so sage ich Ihnen für jetzt adieu, Graf Bühl.
Wenn Sie jemals, sei es in welcher Lage immer, eines fahrenden Ritters
bedürfen sollten $(schon im Gehen)$, der dort, wo er das Edle, das Hohe
ahnt, ihm unbedingt und ehrfürchtig zu dienen gewillt ist, so rufen Sie
mich.
_Hans Karl_ $(dahinter Stani, begleiten ihn. Wie sie an der Tür sind,
klingelt das Telephon.)$
_Neuhoff._ Bitte, bleiben Sie, der Apparat begehrt nach Ihnen.
_Stani._ Darf ich Sie bis an die Stiege begleiten?
_Hans Karl_ $(an der Tür)$. Ich danke Ihnen sehr für Ihren guten Besuch,
Baron Neuhoff.
_Neuhoff_ $(und Stani ab)$.
_Hans Karl_ $(allein mit dem heftig klingelnden Apparat, geht an die
Wand und drückt an den Zimmertelegraph, rufend)$: Lukas, abstellen! Ich
mag diese indiskrete Maschine nicht! Lukas! $(Das Klingeln hört auf.)$